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Allgemein Bildung

Die Begriffe assistieren, betreuen, bevormunden

Elternabend im dritten Schuljahr. Da ich die manchmal Hand geschriebenen Informationen der Schule nicht selbst lesen kann, frage ich, ob mir jemand aus der Elternschaft bei der Informationsbeschaffung helfen kann. Ich stelle mir das so vor, dass ich einen Anruf oder eine E-Mail bekomme. Alternativ habe ich kein Problem damit regelmäßig selbst nachzufragen. Bevor sich jemand dazu äußern kann, merkt die Lehrkraft an, dass ich doch eine Betreuerin habe. Und die könne das machen. Nein habe ich nicht. Die Dame, die ich einmal zum Elterngespräch mitgebracht hatte, war eine von mir selbst finanzierte Assistentin, die einem meiner Kinder beim Lesen üben und beim Schreiben helfen sollte. Ich hatte sie mitgenommen, um die Inhalte mit der Lehrkraft abzustimmen.
„Mit uns und nicht über uns“ ist ein Slogan, der in den letzten Jahren immer mehr von den Behindertenverbänden gefordert wird. In diesem Zusammenhang tauchen auch die Worte „betreuen“, „assistieren“ und „bevormunden“ auf. Diese Begriffe möchte ich anhand eines Beispiels veranschaulichen. Denn sie bedeuten nicht dasselbe, wie viele Leute glauben.

Tina hat große Fenster, die sie aufgrund einer Behinderung oder Erkrankung nicht selbst putzen kann. Sie braucht Hilfe. Und diese könnte wie folgt aussehen.

Assistieren: Jemandem nach dessen Anweisungen zur Hand gehen.
Tina beauftragt eine dritte Person mit dem Säubern der Fenster. Diese bekommt Geld dafür. Dabei bestimmt Tina selbst welches Fenster geputzt wird, wann dies passiert und wer das für sie macht. Wird die Arbeit nicht zu ihrer Zufriedenheit ausgeführt, kann sie sich jederzeit für eine andere Assistenz entscheiden, welche die Arbeit besser ausführt. Das ist ihr gutes Recht. Denn schließlich bezahlt sie für diese Dienstleistung und kann ordentlich ausgeführte Arbeit erwarten. Sie ist Arbeitgeberin.

Betreuen: Tina hat eine Person, die ihr in Situationen hilft, die sie selbst überfordert. Ihre Betreuerin hat die Aufgabe ihr bei der Durchführung der Aktion „Fenster putzen“ zu helfen. Im Idealfall spricht sie die Durchführung mit Tina ab. Sie entscheiden gemeinsam, ob Tina es zusammen mit ihrer Betreuerin selbst versucht, oder eine außenstehende Person mit dem Putzen der Fenster beauftragt wird. Die Aufgabe der Betreuerin besteht darin, Tina ein selbstbestimmtes Handeln zu ermöglichen, ohne sie dabei zu bevormunden oder zu überfordern.

Bevormunden: wie einen Unmündigen behandeln, in eigenen Angelegenheiten nicht selbst entscheiden lassen.
Eine Person aus Tinas sozialem Umfeld findet, dass die Fenster geputzt werden müssen. Sie führt diese Tätigkeit eigenmächtig durch, oder beauftragt eine dritte Person. Und zwar so, wie sie selbst es für richtig hält. Sie entscheidet über den Zeitpunkt und die Art der Durchführung. Tinas Meinung dazu spielt für sie keine Rolle. Gefällt Tina irgendetwas an der Durchführung nicht, ist Konflikt mit der Bekannten vorprogrammiert. Denn diese wird Tina wahrscheinlich Undankbares Verhalten unterstellen.

Und wenn wir schon mal dabei sind, hier noch ein paar Begriffe, die im Zusammenhang mit Menschen mit einer Behinderung gern verwendet werden.

Helfen: Dabei unterstützen ein angestrebtes Ziel schneller zu erreichen.
Eine Freundin von Tina bietet ihr an, ihr beim Säubern der Fenster zur Hand zu gehen, und spricht die Aufgabenverteilung mit ihr ab. Tina hat die Wahl die Hilfe anzunehmen oder sie abzulehnen.

In meinen Beiträgen schreibe ich immer wieder, dass ich ein großer Freund davon bin, sich benötigte Hilfe einzukaufen. Denn diese garantiert uns Menschen mit Behinderung mehr selbstbestimmtes Handeln. Das ist bei Freunden und Familie nicht immer gegeben. Ich freue mich für jeden Menschen, der Assistenz von Freunden und Familie bekommt, ohne das Gefühl ein Bittsteller zu sein. Diesen Hilfeerbringern gilt mein großer Respekt, da hier eine Kommunikation auf Augenhöhe stattfindet.

Meine Erfahrungen waren oft dahingehend, dass ich schnell mal selbst ernannte Miterzieher für meine Kinder hatte. Und so etwas belastet die Beziehung zu sehr, als dass ich mir das dauerhaft geben wollte. Umso mehr schätze ich die Menschen, die mir ohne mich bevormunden zu wollen, zur Hand gehen. Daher finde ich es wichtig, dass man als Assistenznehmer die Wahl hat wessen Hilfeleistungen man in Anspruch nehmen möchte. Denn hier geht es um gegenseitiges Vertrauen und Empathie, und nicht um eine Dankbarkeitshaltung gegenüber dem Helfenden.

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Allgemein Alltag unterwegs

Bilder, Text und Bildbeschreibung

In einem Workshop erzähle ich einer Gruppe angehender Krankenpfleger von meinem Alltag als blinde Mutter. Meine Gruppe ist interessiert und macht gut mit. Und dann kommt sie, die Frage aller Fragen. „Sind Ihre Kinder sehend?“ Ja, sind sie. Und nach Schema F kommt die Frage: „Dann beschreiben sie Ihnen bestimmt alles was sie sehen“. Kopfkino. Ich stelle mir meine Kinder vor, wie wir eine belebte Einkaufsstraße entlang laufen, und sie mir wirklich alles Gesehene im Wechsel in Worte fassen. Will ich das wirklich? Nein, ich glaube nicht.

Grundsätzliches zur Wahrnehmung blinder Personen
Blind ist man, wenn man auf dem besser sehenden Auge einen verwertbaren Sehrest von 2 % hat. Ein Straßenschild, welches ein normalsehender Verkehrsteilnehmer auf 100 m Entfernung sieht, ist für einen Blinden erst bei einer Entfernung von unter 2 m wahrnehmbar. So zunächst einmal die Theorie. Denn je nach Augenerkrankung kann das variieren. Jemand, der wie ich stark auf Licht reagiert, sieht dieses Straßenschild bei Sonnenschein gar nicht, und bei guter Beleuchtung schon ab 5 m Entfernung. Und einer Person, die komplett blind ist, sieht dieses Schild gar nicht. Aber davon sind nur ca. 4% aller blinden Menschen betroffen.

Kleine aber feine Unterschiede
Stell Dir vor, Du bist unterwegs, und Deine Begleitung textet Dich im Akkord zu. Dazu kommen Deine eigenen Eindrücke, Straßengeräusche, andere Personen, die sprechen, Gerüche usw. Das mag am Anfang noch recht lustig sein, wird aber irgendwann einfach nur noch stressig, wenn die Informationen ungefiltert auf Dich einprasseln. Deshalb hat die Natur natürliche Filtersysteme eingebaut, die eine Reizüberflutung verhindern. Das solltest Du wissen, wenn Du einem blinden Menschen Dinge beschreibst. Die Devise heißt hier Qualität statt Quantität. Und wenn Du Dir nicht sicher bist, frag einfach. Mir persönlich ist ein nettes Gespräch lieber als eine permanente Beschreibung der Umgebung. Es sei denn ich möchte gezielt Details aus der Umgebung wissen. Aber dann ist es auch an mir das zu sagen.

Bilder beschreiben
Beschreibungen wie „Ach wie süß“, oder „Erstaunter Blick“ sind für mich absolut nichts sagend. „Lydia hält lächelnd einen Kuchen in die Kamera“ ist dagegen eine Beschreibung, unter der ich mir etwas vorstellen kann. Im Deutschunterricht lernen wir, dass ein Satz aus Subjekt, Prädikat und Objekt besteht. Das gilt auch für Fotobeschreibung. Wer macht was mit wem?
In diesem Zusammenhang taucht oft die Frage auf, warum blinde Personen sich für Bilder interessieren, wenn sie diese nicht sehen können. Je nach Sehfähigkeit können blinde Betrachter Bilder erkennen. Ich kann es nicht. Aber ich will mir vorstellen können, was auf dem Foto ist. Daher habe ich Fotos gern auf meinem Rechner oder Smartphone. Hier kann ich dem Foto einen sprechenden Namen geben. „Lydia sitzt auf dem Bett und Streichelt eine schwarze Katze.jpg“ könnte ein Dateiname sein.

Ein Nogo, was ich oft erlebe ist, dass mir Personen mehrere Fotos als Anhänge eine E-Mail zuschicken, und die Beschreibungen in den Text schreiben. Die Frage, welches Foto zu welcher Beschreibung gehört, kann ich nicht ohne fremde Hilfe beantworten. Steht die Beschreibung im Dateinamen, oder ist dieser noch mal vor der Beschreibung aufgeführt, dann kann ich das Foto zuordnen, und entsprechend gezielt abspeichern. Detailliert habe ich das in meinem Beitrag „Bilder für Blinde zugänglich machen“ beschrieben.

Texte vorlesen oder beschreiben
Wenn ich jemanden bitte mir einen Brief oder Zettel vorzulesen, dann meine ich das auch so. Eine Jugendfreundin fand es einfacher mir eine Zusammenfassung eines Schreibens wiederzugeben. Das war nett gemeint. Aber ich meinte vorlesen, und nicht zusammenfassen und möglicherweise für mich interpretieren. Das möchte ich gern selbst tun.

Einen Weg richtig beschreiben
Blinde Menschen orientieren sich an Blindenleitstreifen, wenn diese vorhanden sind, oder an markanten Punkten. Das sind Dinge, die einen konstanten Standort haben. Das kann eine Einfahrt, eine Straßenkreuzung oder ein Verteilerkasten sein. Das Geräusch eines Lüftungsschachts, einer verkehrsreichen Straße oder Rolltreppe kann ebenfalls als Orientierung dienen. Sogar ein Geschäft, welches einen bestimmten Duft ausströmt, kann eine Orientierung sein. Das sollte man beachten, wenn man einem blinden Verkehrsteilnehmer einen Weg beschreibt. Eine Beschreibung könnte lauten: „Steig an der Bushaltestelle Bahnhof aus, laufe gegen die Fahrtrichtung bis zum Ende, drehe Dich um 90 Grad nach links, und überquere den Zebrastreifen. Dann drehe Dich 90 Grad nach rechts, laufe bis zur nächsten Kreuzung, biege nach links ab, und dann ist es der dritte Hauseingang. Die dritte Klingel von oben ist dann meine“. Man sollte sich dabei vergegenwärtigen, dass der blinde Fußgänger keine Hausnummern oder Straßennamen lesen kann.

Am besten ist es in diesem Zusammenhang danach zu fragen welche Details derjenige für die Orientierung braucht. Das ist völlig legitim und eine elegante Lösung, um Fettnäpfchen zu umschiffen.

Ich kann keine Straßennamen oder Hausnummern mehr lesen. Habe ich eine Beschreibung wie „Gegenüber der Volkshochschule das grüne Gebäude“, so ist diese für mich Wertlos. Mit der Adresse bestehend aus Straße und Hausnummer kann ich eher etwas anfangen. Und wer mir was Liebes tun möchte, sagt mir in welchem Stadtteil das ist, oder ob diese von einem öffentlichen Verkehrsmittel angefahren wird.

Und jetzt freue ich mich auf Eure Kommentare.

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Allgemein Alltag Bildung blinde Eltern

Ranzenpost und Formulare bei blinden Eltern

Meine erste E-Mail-Adresse bekam ich 2003, gemeinsam mit einer Einführung in die Bedienung eines E-Mail-Programms und meinen ersten Gehversuchen im Internet. Eigentlich geschah das mehr aus Neugierde, als aus einer Notwendigkeit heraus. Denn bisher reichten mir für das, was ich zu tun hatte, die Kommunikation in Form von Telefon, Fax oder Papierpost. Gedruckte Briefe ließ ich mir entweder vorlesen, oder ich scannte sie ein, und ließ meinen Computer die gedruckten Buchstaben in Sprache oder Braille umwandeln. Und wenn ich etwas verschickte, dann schrieb ich diesen am PC, druckte ihn aus, oder schickte ihn per Fax weg. Gepaart mit dem guten alten Telefon war das für mich die Vorgehensweise, mit der ich gut gelebt habe.

Mit dem Einzug von E-Mail vereinfachte sich für mich die schriftliche Kommunikation. Bekam ich eine Info per Mail, brauchte ich diese nicht mühsam einzuscannen, und mögliche Fehlerquellen bei der Texterkennung einzukalkulieren. Ich hatte die Info quasi sofort. Es ersparte mir also nicht nur Papier, sondern auch viel Zeit. Denn Briefe in Papierform wollten eingescannt, in Braille beschriftet und richtig abgeheftet werden. Bei der E-Mail reichte eine übersichtliche Ordnerstruktur, um diese gezielt wiederzufinden. Außerdem besitzt mein PC eine Suchfunktion, mein Ordnerregal jedoch nicht.

Als meine Kinder in den Kindergarten kamen, bat ich die Mitarbeiter mir schriftliche Mitteilungen per E-Mail zu schicken. Das klappte mehr schlecht als recht. Für mich wäre es eine große Erleichterung gewesen. Denn ich kann Anhand eines Papiers, das im Fach meines Kindes liegt, nicht feststellen, ob es sich um ein gemaltes Bild oder einen Elternbrief handelt. Und ich kann auch keine Aushänge lesen. Ich musste viel fragen, und hoffen, dass mir keine wichtige Information, wie ein außerplanmäßiger Schließungstag, ein Elternabend oder ein „Wir haben Läuse im Haus“ entging. Manchmal halfen mir andere Eltern bei der Informationsbeschaffung.

Als meine Kinder in die Grundschule kamen, bekam ich immer mehr das Gefühl, das die Lehrkräfte E-Mails mehr fürchten als der Teufel das Weihwasser. Die einzige Mitarbeiterin, die ab und zu an mich dachte, war eine Mitarbeiterin im Sekretariat, die mir Mails schickte. Ein Lehrer meines Sohnes rief ab und zu an, wenn es ein Problem gab. Auch damit konnte ich gut leben. Aber oft genug musste ich mir anhören, dass die Kinder alt genug seien, um die Ranzenpost bei den Eltern abzugeben, oder das Elternheft zu zeigen.

Es gibt mehrere Informationsquellen, die man als Elternteil überblicken können muss. Da wäre einmal das Mitteilungsheft an die Eltern, in welches handschriftliche Mitteilungen gemacht werden können. Manche Lehrkräfte möchten, dass diese von den Eltern abgezeichnet werden. Dann gibt es die Elternmappe, in die das Kind Briefe der Schule oder Lehrkraft abheften soll. Und dann gibt es die losen Blätter, die viele Kinder vergessen in eben diese Mappe einzuheften. Und das sollen wir Eltern nach Möglichkeit kontrollieren. Denn mal Hand aufs Herz, wessen Kind im Grundschulalter ist so gewissenhaft, und gibt diese zuverlässig zeitnah an die Eltern weiter?

Eine sehende Mutter hat die Wahl selbst in den Schulranzen zu schauen oder die Verantwortung auf das Kind zu übertragen. Sie kann erkennen, ob es sich um ein Schreiben oder ein bemaltes Stück Papier handelt, ob etwas auszufüllen oder zu unterschreiben ist. Das kann ich nicht. Handschriftliche Mitteilungen sind für mich selbst mit meinen technischen Hilfsmitteln unlesbar. Eine Information, die per E-Mail zu mir kommt, kann ich ohne fremde Hilfe bearbeiten. Und da die meisten Elternbriefe ohnehin am PC erstellt werden, ist es kein Mehraufwand diese per E-Mail zu versenden.

Der Hort meiner Kinder hat das verstanden, und mir bei der Informationsbeschaffung geholfen. Für die Post aus der Grundschule fand ich Hilfe bei Miteltern oder bezahlte mir eine entsprechende Hilfe, die den Schulranzen regelmäßig durchsah.

Schwieriger wurde es auf der weiterführenden Schule. Hier gab es noch mehr Informationsquellen. Der Klassenlehrer meiner Tochter hat mir zu dem Zeitpunkt einen wertvollen Luxus geboten, indem er die Informationen für mich sammelte und lesbar machte. Ich besuchte den Elternsprechtag, und erklärte mehreren Lehrkräften, dass es schneller geht, wenn er oder sie per E-Mail mit mir Kontakt aufnimmt. Und die meisten verstanden das. Und das war auch gut so, da meine Kinder die Ordnung zeitweise nicht als ihren besten Freund ansahen.

Problematisch war die Kommunikation mit der Sorte Lehrkräfte, welche die Meinung vertraten, dass ein Kind in dem Alter selbst darauf achten müsse, dass die Informationen zu den Eltern kämen. Meine Bitte mir die für uns Eltern bestimmten Informationen in einer für mich als Eltern wahrnehmbaren Form zu Verfügung zu stellen artete auch schon mal in eine Grundsatzdiskussion über Selbstverantwortung der Kinder aus. Dabei sind wir einer Meinung, nämlich, dass Kindern ein bestimmtes ihrem Alter entsprechendes Maß an Verantwortung übertragen sollten. Dem gegenüber steht jedoch, dass ich meine Pflichten als Eltern wahrnehmen muss. Und das setzt vorraus, dass ich Informationen, die an mich als Eltern gerichtet sind, auch ohne die Hilfe meiner Kinder wahrnehmen kann. Das brauche ich, um meine Kinder auf dem Weg in ein selbständiges Leben zu unterstützen.

Meine Kinder sind inzwischen beinahe erwachsen, und können selbst darauf achten, dass ich relevante Informationen bekomme. Aber da draußen gibt es noch ganz viele Eltern, deren Kinder das noch nicht können. Und diese freuen sich über Mitteilungen ohne Barrieren.

Liebe Lehrer, Erzieher und alle Anderen, die mit Kindern blinder Eltern zu tun haben könnten!

Mitteilungen per Ranzenpost stellen eine Barriere dar, eine E-Mail oder ein Anruf der Schule nicht. Vor Allem macht Ranzenpost abhängig. Nämlich davon, dass das Kind diese abliefert, und davon, dass ein Formular nicht eigenhändig ausgefüllt werden kann. Und ich glaube nicht, dass das im Sinne des Lehrauftrags ist. Einfach fragen, und gemeinsam eine Lösung finden. Allerdings hören wir blinden Eltern Sätze wie „Das kann Ihnen jemand vorlesen“, oder „ihr Kind kann das ja machen“ überhaupt nicht gern. Denn auch wir sind in erster Linie Eltern mit Pflichten. Und unsere Kinder sind nicht dazu da, um die Behinderung zu kompensieren.

Eure Lydia

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Allgemein Bildung unterwegs

Beyond-seeing, Mode ohne zu sehen

Die Sonne scheint. Ich sitze auf einer Bank unter Bäumen. Zu sehen sind ein Kiesweg, dahinter ein Brunnen mit Wasserspielen und Menschen unterschiedlichen Alters.

Schade, dass Du das nicht sehen kannst, würde jetzt der ein oder andere sagen. Und aus der Sicht des normal Sehenden Betrachters ist das nachvollziehbar. Wenn der Fokus allein auf das Sehen gelegt wird, entgeht einem so manches. Daher dieselbe Situation mit ausgeblendetem Auge. Nämlich so, wie sie sich für mich mit ca. 2 % Restsehen darstellt.

Ich sitze auf einer Bank. Vor mir muss sich ein Schotterweg befinden, auf dem hin und wieder Leute vorbeilaufen. Dahinter plätschert ein Brunnen mit einem Wasserspiel. Ab und zu verirrt sich ein Wassertropfen in meine Richtung. In den Bäumen zwitschern Vögel und am Wasser spielen Kinder. Links von mir macht jemand Musik. Auf meiner Haut spüre ich die Nachmittagssonne, und ein leichter Wind fährt durch mein Haar. Auf der benachbarten Bank höre ich wie sich Menschen in französischer Sprache unterhalten.

Ich muss nicht sehen können, um etwas schön oder entspannend zu finden. Schönheit lebt von meiner eigenen Wahrnehmung und natürlich von meinem Geschmack. Nicht jeder findet es entspannend, wenn er Kinderstimmen oder Vogelgezwitscher hört.

Im Oktober 2016 initiierte das Goethe-Institut Paris in Zusammenarbeit mit vier renommierten Modehochschulen aus Deutschland, Frankreich, Schweden und Belgien das Recherche- und Ausstellungsprojekt BEYOND SEEING. Im Rahmen von internationalen Recherche-Workshops, einer Ausstellung und einem diskursiven Begleitprogramm zielt das Projekt darauf ab, Mode in einem Zusammenspiel von Sinneswahrnehmungen über den visuellen Reiz hinaus erfahrbar zu machen. Bislang nicht miteinander in Berührung gekommene Zielgruppen – Designstudierende, blinde und sehbehinderte Teilnehmer, sowie Experten verschiedenster künstlerischer Disziplinen – werden erstmalig zusammengebracht, um gemeinsam innovative Designkonzepte zu entwickeln. Dieses Projekt durfte ich als blinde Bloggerin aus Deutschland ein stückweit begleiten. In meinem Beitrag Mode, Kunst und Shoppingtour hatte ich über die Veranstaltung aus dem Oktober 2017 in Berlin berichtet.

Die abschließende Veranstaltung fand ab dem 18.01.2018 in Paris statt. Neben der Ausstellung der renommierten Modehochschulen aus Frankreich.

Deutschland, Schweden und Belgien fand ein umfangreiches Rahmenprogramm statt, zu dem alle Beteiligten eingeladen wurden. In meinem Beitrag Nähen ohne zu sehen, so geht’s habe ich über einen Nähworkshop berichtet, der von Reiner Delgado vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband DBSV angeboten wurde.

Nach zwei Jahren voller Konferenzen, Recherchen, Workshops und kreativer Schaffensprozesse, wurden die fertigen Kollektionen der Modestudierenden nun endlich präsentiert. Dort trafen verschiedenste Ansätze auf vielfältige Designs, die vor allem neugierig auf eines gemacht haben: Die Geschichte hinter der Kollektion.

Die erste Kollektion, die ich betastet habe, war die ‚Invisible Imagination‘ von Verena Kuen aus Berlin. Sie hat sich mit den Träumen einer spät erblindeten Berlinerin auseinandergesetzt. Eines der drei Kleider bestand zur Hälfte aus Seide, und Silikon. Er stellt den Traum eines halb abgebrannten Baums dar, wobei die Seide für die lebendige, das Silikon für die tote Hälfte steht.

In der schwedischen Kollektion ‚Sonic Haptic Wardrobe‘ etwa lag der Fokus mehr auf der Haptik von Kleidungsstücken. Diese bestanden aus unterschiedlichen Materealien mit unterschiedlicher Oberfläche. Muster wie Pünktchen wurden durch dreidimensionale Applikationen fühlbar gemacht. Mit eingearbeiteten Glöckchen oder Schmirgelpapier veränderte sich sogar die Akustik, wenn man darüberstrich. Um passende Textilien zu finden, haben die Studierenden zahlreiche Interviews mit blinden und sehbehinderten Menschen geführt.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgte Maxi Tilch aus Berlin. Sie ließ sich dadurch inspirieren, dass sie für sie unbekannte Orte mit verbundenen Augen besuchte. Ihre Kollektion heißt ,Perception of Space‘ und experimentiert damit, wie man einen Raum erleben und mit ihm interagieren kann, ohne ihn jemals gesehen zu haben. Sehr räumlich sind deshalb auch ihre Entwürfe geworden, sie stehen für ein Zelt, ein Wohnzimmer und eine Bahnhaltestelle. Sie hat in abstrakten Silhouetten Stoffe verarbeitet, die sowohl optisch als auch haptisch verschiedene Erinnerungen wachrufen. Im Wohnzimmer zum Beispiel das geblümte und Samtweiche Sofa der Oma oder beim Zelt die typisch knisternde Plane. Beim Entwerfen ging es anders als bei „normalen“ Kollektionen nicht um den ästhetischen Aspekt, sondern vielmehr um die haptische Wahrnehmung. Für mich waren die einzelnen Stoffe und Formen tastbar, nicht aber alle dargestellten Modelle. Auf die Bahngleise wäre ich von alleine nie gekommen, ohne die Geschichte hinter der Inspiration zu kennen.

Es wurden nicht nur Kollektionen ausgestellt, sondern auch diverse Workshops rund um das Thema Wahrnehmung angeboten. Ebenso wurde in Filmsequenzen und einer Bilderausstellung das Thema Wahrnehmung von allen Seiten beleuchtet.
Hier noch die Links zu den Beiträgen der eingeladenen Bloggerinnen auf einen Blick:
Der Beitrag von Pauline, sehbehinderte Bloggerin aus Belgien.

Die Seite von Typhaine, sehende Bloggerin aus Frankreich.

Sowie der deutschsprachige Beitrag von Sonja, sehende Bloggerin aus Deutschland.

Die Beiträge sollen in einem Gesamtwerk die jeweilige Perspektive aufgrund unterschiedlicher Wahrnehmung aufzeigen. Die Ausstellung ist bei allen dieselbe, die Werke und Designer ebenfalls. Die Unterschiede liegen schlichtweg in der Wahrnehmung. Ein Unterschied besteht zwischen sehen oder nicht sehen, sowie das Verständnis der einzelnen Personen von Kunst, Mode und der Geschichte der Inspiration.

An dieser Stelle möchte ich dem Goetheinstitut in Paris für die Einladung zur Ausstellung danken, und auf dessen Artikel verweisen. Und ein ganz persönlicher Dank gilt Sonja vom Goldfasanblog, die mir mit dem Beitragsbild und einigen Links ausgeholfen hat.

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Allgemein Bildung

Wie unfähig sind blinde Kinder?

Vor einiger Zeit lernte ich den Vater eines inzwischen 19jährigen Sohnes kennen, der bei einer Anlaufstelle Rat suchte. Sein einziger Sohn, sieht etwa 5 %. Die Familie hatte die letzten vielleicht 15 Jahre mit dem Sohn im Ausland gelebt. Nun ging es darum, dass der Sohn die Deutsche Sprache erlernen und andere Menschen kennenlernen sollte. Denn dieser verbrachte die meiste Zeit vor dem PC, und sei total passiv. Gleichaltrige Freunde gab es keine. Soweit, so gut.

Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich die traurige Geschichte der Familie. Der Junge wurde zwar an einer Normalen Schule unterrichtet, jedoch ohne jegliche Kenntnis von Blindentechnischen Möglichkeiten. Und weil dieses Kind sehbehindert war, wurde ihm alles abgenommen. Vom Schulweg, bis hin zu allem was man im Leben so können sollte. Auch die außerschulischen Aktivitäten wurden von den Eltern vorgegeben.

Das ist kein Einzelfall. Kinder werden oft aus Liebe behinderter gemacht, als sie es sein müssen. Und wenn ein Mensch sein Leben lang hört, dass er behindert und damit permanent hilfebedürftig ist, dann ist er es auch am Ende tatsächlich. Jeder, der mit Kindern arbeitet, weiß, dass ein Kind neugierig ist, ausprobieren will, und dabei auch mal auf die Nase fällt. Und aus der Erfahrung lernt es dann etwas an seinem Tun oder Verhalten zu ändern. Diese Erfahrung fehlt Kindern, die permanent vor allen Gefahren beschützt und umsorgt werden. Wenn ein blindes Kind niemals ein Messer indie Hand bekommen hat, aus Angst sich zu schneiden, lernt es, dass dieses Gerät gefährlich ist. Dabei wäre es vernünftiger dem Kind zu zeigen, wie es dieses Messer handhaben kann.

In der Regel haben Kinder, die so aufwachsen, kaum bis keine Aufgaben in der Familie. Beim Abwaschen könnte das Geschirr nicht sauber werden, beim Schneiden könnte es sich verletzen, und an der Kaffeemaschine könnte es sich ja verbrühen. Die Botschaft lautet: „Du bist behindert, und Du kannst nichts“. Und wenn dieses Kind mit dieser permanenten Negativsuggestion aufwächst, braucht es mit viel Glück viele Ressourcen und Jahrelange Arbeit, um diesem Menschen zu einer gesunden Psyche zu verhelfen.

Inklusion ist das Modewort der letzten Jahre. In der Regel wird es in Zusammenhang mit der Beschulung behinderter und nicht behinderter Kinder verwendet. Über das Für und Wieder wurde schon viel geschrieben. Ich möchte ein paar Gedanken zur Situation integrativ beschulter Kinder loswerden, die mir als betroffene immer wieder kommen.

Kinder brauchen ein gesundes soziales Umfeld. Dazu gehören Familien, die einen Fördert und auch mal fordert. Liebe Eltern, auch Euer Kind mit einer Behinderung hat es verdient Aufgaben im Haushalt zu übernehmen. Durch permanentes Umsorgen und Bemuttern tut Ihr dem Erwachsenen von Morgen keinen Gefallen. Wenn Ihr nicht wisst, wie Ihr das machen sollt, dann holt Euch Rat bei den Behindertenverbänden.

Ich kann jetzt hauptsächlich für blinde Kinder sprechen. Dafür gibt es Orientierungstraining. Damit lernt das Kind sich draußen zu orientieren, seinen Schulweg alleine zu bewältigen und auch mal Freunde ohne Elterntaxi zu besuchen. Es gibt Schulungen für lebenspraktische Fertigkeiten. Da lernt das Kind sich auch mal ein Brot zu streichen, Haushaltstätigkeiten oder was sonst noch erforderlich ist. Und dann laßt Euer Kind das Erlernte auch mal zuhause umsetzen und üben. Regt Euch nicht auf, wenn mal was daneben geht. Ihr wart als Kinder auch nicht von Anfang an perfekt.