Barrierefrei bloggen auf WordPress

Hier findet Ihr Möglichkeiten einen Blog auf Wordpress so zu gestalten, daß auch blinde und sehbehinderte Leser damit zurechtkommen können.

Seit ich einen eigenen Blog betreibe, beschäftigt mich das Thema Barrierefreiheit immer wieder. Durch meine Arbeit lerne ich stets interessante Blogger kennen, deren Beiträge ich gerne verfolge, liken oder kommentieren würde. Ein Blog, der mehr Bilder als Text beinhaltet, ist für mich quasi nicht wahrnehmbar. Ein Beitrag, der durch ein grafisches Captcha geschützt ist, kann von mir nicht kommentiert werden. Und ein Beitrag, der so richtig schön kontrastarm gestaltet ist, mag für normal sehende Leser wunderschön aussehen. Für Leser mit einer Sehbehinderung ist es nur anstrengend. Als blendempfindliche Leserin kann ich ein Lied davon singen.

Ich weiß, dass hier kein böser Wille dahinter steckt, sondern einfach Unwissenheit über unseren Personenkreis. Daher möchte ich versuchen etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Auf meine Nachfrage hin hat Domingos de Oliveira mir den folgenden Text zur Verfügung gestellt. Er arbeitet als Dozent, Berater und Speaker zur digitalen Barrierefreiheit. Er arbeitet als einer der wenigen blinden Experten für Barrierefreiheit. Auf seinem Link Blog http://www.oliveira-online.net/wordpress/index.php/willkommen-auf-der-website-von-domingos-de-oliveira/ schreibt er über Blindheit und Technologie.

WordPress ist sicherlich das beliebteste Blogging-System überhaupt. Ganz nebenbei hat es sich auch für viele Website-Anbieter zum bevorzugten Redaktionssystem entwickelt. In diesem Artikel erkläre ich, wie man mit WordPress barrierefreier werden kann.

Die Wahl des Themes

WordPress lässt sich als Framework betrachten, das sich an unterschiedliche Ansprüche anpassen lässt. Das gilt insbesondere für das Layout. Die Wenigsten werden sich mit den Standard-Themes von WordPress begnügen. Sie sind allerdings relativ barrierefrei. Bei Pressengers findet ihr eine Auswahl barrierefreier Themes.
Bei Themes von Dritt-Anbietern müsst ihr selbst prüfen, ob sie barrierefrei sind. Ist euch eine Website bekannt, die das Theme bereits einsetzt, könnt ihr diese automatisch mit einem Tool wie WAVE oder manuell mit einem Prüfverfahren wie dem BITV-Test prüfen. Fragt ruhig auch bei dem Entwickler nach, ob das Theme barrierefrei ist. Vor allem, wenn das Theme kostenpflichtig ist, sollte der Entwickler solche Anforderungen berücksichtigen. Außerdem schafft ihr so ein Bewusstsein dafür, dass eine Nachfrage nach barrierefreien Themes besteht.
Entwickelt ihr selber ein Theme, bietet WordPress selbst Infos zur Barrierefreiheit. Den Link findet ihr am Ende des Artikels.

Texte

Der WordPress-Texteditor TinyMCE bringt leider nicht alle nötigen Funktionen zur barrierefreien Texterstellung mit. Es fehlen zum Beispiel Befehle für Zwischenüberschriften oder Abkürzungen. Die Auszeichnung von Zwischenüberschriften, Listen und weiteren Elementen erleichtert es Blinden zu erkennen, welche Aufgabe das Element hat. Ihr seht einen fett gedruckten und abgesetzten Text und wisst, dass das eine Zwischenüberschrift ist. Blinde nehmen das nicht wahr. Für ihre Hilfssoftware wird die Information, welche Aufgabe ein Stück Text hat, über HTML-Auszeichnungen vermittelt. Außer Zwischenüberschriften können auch Listen, Zitate sowie Abkürzungen ausgezeichnet werden.
Um diese Auszeichnungen mit einem grafischen Editor zu erstellen, benötigt ihr das Plugin TinyMCE Advanced.
Wenn ihr ein wenig HTML beherrscht, benötigt ihr keinen weiteren Editor. Schaltet den Texteditor auf HTML um und gebt die entsprechenden Auszeichnungen händisch ein. Die wenigen Auszeichnungsbefehle sind schnell erlernt.

Bilder

WordPress bietet gute Möglichkeiten, Bilder mit alternativen Beschreibungen zu versehen. Das ist wichtig für Blinde oder Sehbehinderte, die das Bild nicht sehen oder nicht erkennen können.
Die Optionen zur Bildbeschreibung werden in der Mediathek in der rechten Spalte angezeigt. Ist das Bild ausgewählt, könnt ihr Alternativtext oder Titel festlegen.
Der Alternativtext wird Blinden vorgelesen. Der Titel wird angezeigt, wenn ihr mit dem Mauscursor über das Bild fahrt. Er richtet sich also eher an Sehbehinderte. Alternativtext und Titel dürfen identisch sein, da die Hilfssoftware von Blinden jeweils nur eines von beidem vorliest. Allerdings schlagen Plugins wie Access Monitor an, wenn die beiden Texte gleich sind. Das Tool geht in solchen Fällen davon aus, dass die Felder automatisch befüllt wurden.
Als Faustregel gilt: Blinde können das Bild nicht sehen und benötigen grundlegende Infos: Was ist überhaupt auf dem Bild zu sehen. Zum Beispiel „Das Diagramm zeigt die Geschäftsentwicklung 2015“. Die Werte dazu sollten natürlich in einer Tabelle oder im Fließtext stehen. Sehbehinderte haben eventuell Probleme, den Bild-Inhalt zu erkennen, ihnen hilft daher eine allgemeinere Beschreibung des Bildaufbaus. Zum Beispiel: „Das Säulendiagramm zeigt die Geschäftsentwicklung des Jahres 2015, die einzelnen Säulen bilden die Monate ab“. .

Plugins

Zuletzt möchte ich noch auf ein paar Plugins hinweisen, die eventuell hilfreich sind. Wer diese Plugins installiert, ist sicher nicht barrierefrei, umgekehrt muss man diese Plugins nicht installieren, um barrierefrei zu werden. Ich zeige lediglich, welche Möglichkeiten es gibt.Von allen genannten Plugins gibt es kostenlose Varianten.
ReadSpeaker integriert eine Vorlesefunktion für eure Webseite. Die Sprachmelodie ist eher gewöhnungsbedürftig, es mag aber für manch Lese- oder Sehbehinderten hilfreich sein. Es gibt eine kostenlose und eine kostenpflichtige Variante. Die kostenlose Variante ist beschränkt, was die Zahl der vorgelesenen Artikel angeht. Außerdem stehen weniger Optionen zur Verfügung. Der IT-Nachrichtendienst Heise Online bietet eine ähnliche Vorlesefunktion, ihr könnt sie dort ausprobieren.
Hurraki ist ein Wörterbuch, das Alltagsbegriffe in einfacher Sprache erläutert. Das Plugin hurrakify ermöglicht es, sich zu einzelnen Begriffen aus einem Text Erläuterungen aus Hurraki anzeigen zu lassen. ,
Der Access Monitor prüft eure WordPress-Inhalte auf Barrierefreiheit. Wie alle automatischen Testtools benötigt man Erfahrung mit digitaler Barrierefreiheit oder viel Zeit, um die einzelnen Fehlermeldungen nachvollziehen zu können. Das Tool kann euch auch nicht sagen, ob Bilder einen sinnvollen Alternativtext haben, das müsst ihr selbst entscheiden. Auch hier handelt es sich um ein Freemium-Modell. Es gibt eine kostenlose sowie eine kostenpflichtige Variante.
WP Accessibility rüstet eine Textvergrößerungsfunktion sowie eine Kontrastansicht für WordPress nach. Solche Funktionen waren früher der letzte Schrei in Barrierefreiheits-Kreisen, gelten aber seit einigen Jahren als unerwünscht. Es wird argumentiert, dass die Betriebssysteme, die Browser und die Hilfstechnik diese Aufgaben besser lösen als die fehleranfälligen Webseiten-Funktionen. Das ist sicherlich korrekt, aber es gibt tatsächlich noch Menschen, die nicht wissen, wie sie Text vergrößern oder eine kontrastreiche Ansicht aktivieren und sie sind dankbar für diese kleinen Hilfen. Und die Anderen nehmen auch keinen Schaden, solange die Regeln der Barrierefreiheit bei der Themegestaltung berücksichtigt wurden.

Zum Weiterlesen

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Nur fliegen ist schöner

Blind und unbegleitet fliegen? Wie kann das gehen? Über das Fliegen als blinder Passagier und die damit verbundenen Erlebnisse

Das Bild zeigt mich auf dem Frankfurter Flughafen.

Im November 2015 flog ich für fast drei Wochen nach Jordanien. Dazu telefonierte ich mit dem Ticketverkäufer meines Vertrauens und besprach alles Nötige. Ich finde mich auf dem Frankfurter Flughafen nicht alleine zurecht. Daher meldete ich den Bedarf einer Assistenz an, die mich zum Flieger begleitet. Im Flugzeug wollte ich einen Sitz am Gang. Zum einen brauche ich keinen Fensterplatz, zum zweiten empfinde ich es leichter mit den Flugbegleitern zu kommunizieren, wenn ich dies nicht über zwei Passagiere hinweg machen muss. Und weiter brauche ich eine Begleitung, die mich In Jordanien am Flieger abholt, durch den Flughafen begleitet, mit mir das Gepäck abholt und mich zur Ankunftshalle bringt. Dort würde ich dann abgeholt werden. Auf dem Rückflug nach Deutschland brauchte ich das gleiche Spiel in umgekehrter Reihenfolge. Ich betonte noch einmal, dass ich keinen Rollstuhl brauche, sondern lediglich eine sehende Begleitung, die mir den Weg zeigte. Der Flug wurde gebucht, das Ticket bezahlt und ich bekam das Ganze per E-Mail bestätigt. Nun konnte es also losgehen.
Ich packte also meinen Koffer, verstaute die Dinge, die ich diesem nicht überlassen wollte in einem Rucksack, fertig. Diesmal verzichtete ich darauf mich zum Flughafen begleiten zu lassen, da es eine direkte Busverbindung gibt. Außerdem habe ich mein Gepäck so zusammengestellt, dass ich damit ohne fremde Hilfe zurechtkomme. Meinen Rollkoffer hatte ich für die linke Hand vorgesehen, auf dem Rücken den Rucksack, und die rechte Hand war dem Blindenstock vorbehalten. Diesen brauche ich, um mir meinen Weg zu ertasten. Wenn ich doch mal eine freie Hand brauche, dann kann ich mir den Stock auch mal unter den Arm klemmen. Jedenfalls solange ich nicht laufe. Schließlich möchte ich keine unliebsamen Bekanntschaften mit Laternenpfählen und so weiter machen. (-:

Eine Hürde ist für mich der Umstieg am Busbahnhof des Flughafens. Mein Bus kommt am Terminal 1 an. Und ich muss zum Terminal 2. Aber bekanntlich sind Menschen oft nett, wenn man sie lässt. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass es Mitreisende mit gleichem Ziel gibt, denen man sich anschließen kann. Und so war es auch diesmal. So war ich also in der riesigen Ankunftshalle. Ich sprach den nächstbesten Passanten an, um zu erfahren in welchem Bereich ich mich befand. So wusste ich in welche Richtung ich mich bewegen musste. Irgendwann sprach mich ein Mitarbeiter des Flughafens an. Er bot mir an mich zum Check-in zu begleiten, was ich gerne annahm.

Und jetzt wurde es erst mal etwas problematisch. Der Mitarbeiter erklärte mir, dass ich nicht am Gang sitzen dürfte. Blinde würden aus Sicherheitsgründen grundsätzlich am Fenster sitzen. Ich hatte davon noch nie etwas gehört, was ich auch entsprechend äußerte. Es wurde jemand anderes hinzu geholt, der mir erklärte, dass dies Vorschrift sei. Ich erklärte den beiden in ruhigem und sachlichen Ton, dass es viel gefährlicher sei, wenn die Flugbegleitung bei der Geräuschkulisse nicht vernünftig mit dem Blinden kommunizieren könne. Schließlich fallen Gestik und Mimik hier vollständig aus. Und wenn ich erst einmal über zwei Passagiere klettern muss, um zur Toilette zu kommen, wäre dies eine Stolperfalle. Es wurde sich besprochen. Und dann bekam ich meinen gewünschten Sitzplatz.

Die gewünschte Assistenz kam und brachte den schon obligatorischen Rollstuhl mit. Nun, dann konnte ich den auch als Gepäckablage benutzen. 🙂 Ich wurde in die Wartelounge gebracht. Die Dame erklärte mir wo ich mich hinwenden soll, wenn ich etwas brauche. Später wurde ich abgeholt. Mit einem Elektroauto ging es dann Richtung Flieger.

In Amman wurde ich von zwei Mitarbeitern abgeholt. Während ich mich noch fragte warum die zu zweit kommen mussten, merkte ich, dass noch eine Rollstuhlfahrerin begleitet werden musste. Es ging nicht auf dem direkten Weg zu den Sicherheitskontrollen, da noch eine weitere Dame mit Assistenzbedarf von einem anderen Flieger abgeholt werden musste. Das kostete uns noch mal gut 20 Minuten. Beide Damen hatten eine Begleitperson dabei. Mit der großen Gruppe waren wir sicher der Hingucker schlechthin. Da ich als einzige aus der Gruppe ein Visum brauchte, setzte sich einer der Mitarbeiter mit mir ab. Alles Weitere lief reibungslos. Ich hatte mir meinen Koffer mit einem glitzernden Band markiert, damit meine Assistenz ihn unter den vielen Gepäckstücken der Mitreisenden wiederfinden konnte. Eine weitere Alternative wäre den Koffer zuhause zu fotografieren. 

Auf dem Rückflug hatte ich wieder die Diskussion mit dem Rollstuhl zu führen. Irgendwo haben sich wohl alle Flughäfen dieser Welt darauf verschworen Menschen mit Behinderung in einen Rollstuhl zu setzen. Da mein Arabisch längst nicht so gut ist wie mein Deutsch, ist es jedes Mal eine Herausforderung den Mitarbeitern klarzumachen, dass ich mich definitiv nicht in diesen Rollstuhl setzen werde. Der Mann verlegte sich auf das Bitten. So nach dem Motto: „Höre auf Deinen großen Bruder“. Keine Chance. Er hat irgendwann selbst eingesehen, dass es zwecklos ist. Ich kann manchmal ziemlich stur sein. (-: Und wenn ich nicht in einem Rollstuhl sitzen möchte, dann möchte ich, dass man das respektiert. Das gehört für mich zu einem selbstbestimmten Leben.

Dafür gab es keine Diskussion ob Gang oder Fenster. Besonders toll fand ich, dass mir die Sicherheitsmaßnahmen separat gezeigt wurden. Auch wurde mir beim Essen das Tablett erklärt und alles andere. Zwischendurch kam auch mal jemand und fragte nach ob ich noch etwas brauche. Ich erwähne das, weil das nicht selbstverständlich ist. Ich habe auch schon anderes erlebt.

Sommer 2007. Mein Sohn war sechs und meine Tochter fast acht Jahre, als ich zum ersten Mal mit beiden Kindern nach Jordanien flog. Ich hatte die begleitende Assistenz bei der Buchung angefordert. Wir wurden wie vereinbart am Check-in abgeholt und wie geplant zum Flieger begleitet. Anschließend kam der Kabinenchef zu mir, und erklärte mir, dass er uns aus Sicherheitsgründen gar nicht mitnehmen dürfe. Denn ich könnte meine Kinder nicht begleiten. Als Alternative zum sofortigen Ausstieg ließ er mich ein Formular unterschreiben, dass es sich um unbegleitete Kinder handelte. Damals fehlte mir die Erfahrung, um dem etwas entgegenzusetzen. Also unterschrieb ich. Ich hatte es so verstanden, dass man dann auch ein Auge auf uns haben würde. Dem war aber nicht so. Auch nicht, als mein Sohn Angst bekam. Die Folge war eine ordentliche Beschwerde. Bisher die einzige von meiner Seite.

Zum obligatorischen Rollstuhl fällt mir noch eine kleine Geschichte ein. Meine Kinder und ich waren gerade aus dem Urlaub gekommen. Nach der Landung am Frankfurter Flughafen wurden wir von einer Dame abgeholt, die mir ebenfalls den Rollstuhl anbot. Ich wollte lieber laufen. Meine Kinder fragten, ob sie sich mal reinsetzen dürften. Die Dame erlaubte es ihnen. Mein nein wurde von allen Seiten ignoriert. Also setzte sich einer rein, während der andere schob. Doch wurde dies auf die Dauer etwas langweilig. Und beide Kinder hatten nach dem langen Flug Bewegungsdrang. Also probierten sie aus was das Teil hergab. Geschwindigkeit, Kurven, Bremsen. Hauptsache Action. Und auf dem glatten Boden funktioniert das nun mal erschreckend gut. Unsere Begleiterin sah sehr schnell ein, dass das keine gute Idee mehr war.

Wenn ich einen Flug buche, dann sage ich dazu, dass ich keinen Rollstuhl möchte. Ich sage was ich brauche. Denn schließlich bin ich die Expertin für meine Behinderung. Und ich wünsche mir, dass meine Bedürfnisse, die ich klar geäußert habe, berücksichtigt werden. Im Marketing heißt es: Der Kunde ist König. Warum bitte soll das für Menschen mit Behinderung nicht ebenso gelten?  

Erklärungen zum Thema Elternassistenz

Was ist die Aufgabe von Elternassistenz, und warum ist sie wichtig? Hier findet ihr einige Beispiele nebst Erklärungen am Beispiel blinder Eltern.

1 Im Baby und Kleinkindbereich

2 Kindergarten und Vorschulalter

3 Schulkinder

4 Altersübergreifendes

5 Beispiel

Blinde Eltern sind in manchen Situationen auf die Hilfe sehender Mitmenschen angewiesen. Art und Häufigkeit der Hilfeleistung sind beispielsweise abhängig von:

– Alter der Kinder.

– Persönliche Lebenssituation.

– Soziales Umfeld.

Fast in allen Familien gibt es Spannungen zwischen den Generationen. Diese entstehen durch die erlebten Erfahrungen und den unterschiedlichen Schlüssen, die von den Beteiligten daraus gezogen werden. Blinde Eltern erfahren solche Gegebenheiten häufig als bevormundend. Denn die Hilfeleistungen der Eltern blinder Eltern werden als bestimmend erlebt und auch als Eingriff in die eigenen Vorstellungen von Erziehung und Familienleben. Dankbarkeitserwartungen auf der einen und Schuldgefühle auf der anderen Seite belasten die Beziehungen weiter und machen einen selbstbestimmten und sicheren Umgang nahezu unmöglich.

Der Ausweg aus dieser Situation ist durch die „Elternassistenz“ gegeben. Sie fasst die erforderlichen Hilfestellungen zusammen, die blinde Eltern bzw. Elternteile benötigen, um

– auch in der Elternrolle selbstbestimmt zu sein und ihr Familienleben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten;

– ihre Kinder vor Ausgrenzung zu schützen;

– bei benötigter Hilfe nicht als Bittsteller gegenüber Behörden und Ämtern auftreten zu müssen.

Hier nur einige Beispiele …

1 Im Baby und Kleinkindbereich

Im Allgemeinen kann ein blindes Elternteil ein Baby ohne fremde Hilfe versorgen, Arztbesuche wahrnehmen oder spazieren gehen. Hierzu müssen entsprechende Voraussetzungen gegeben sein. Dazu gehört ein bekanntes Umfeld, wie z. B. die eigene Wohnung, bekannte Wegstrecken und gute Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Barrierefreiheit). Ist diese Anbindung nicht vorhanden, werden häufiger Hilfen benötigt (z.B. durch selbst organisierte Autofahrten).

Solange ein Baby noch nicht krabbelt, bleibt es da liegen wo man es abgelegt hat. Für blinde Eltern ist es somit kein Problem, ein Baby zu wickeln, Babynahrung zuzubereiten oder es umzuziehen, solange dies in der gewohnten

Umgebung geschieht. Ansonsten ist Hilfe nötig, um die fremde Umgebung kennen zu lernen bzw. bei der Orientierung zu unterstützen.

Das Fortbewegen mit Baby im Kinderwagen ist ziemlich schwierig. Denn ein blinder Mensch kann nicht wahrnehmen, was vor dem Kinderwagen ist. Deshalb muss der Kinderwagen hinterher gezogen werden. Das ist aber bei längeren Strecken sehr anstrengend. Die meisten blinden Eltern tragen deshalb ihr Baby im Tragetuch bzw. mit einer Bauch – oder Rückentrage am Körper. Um auch hin und wieder entspannt mit dem Baby im Kinderwagen spazieren zu gehen, ist eine sehende Hilfe unerlässlich.

Richtig spannend wird es dann, wenn die Kinder laufen lernen und anfangen, auch draußen die Welt entdecken zu wollen. Während sehende Eltern das Geschehen optisch verfolgen, ist ein blindes Elternteil hier auf Hilfe angewiesen. Denn die Beaufsichtigung eines Kleinkinds im Freien ist schwierig und in unbekanntem Gelände fast unmöglich. Dabei geht es nicht unbedingt darum zu ermitteln, wo sich das Kind gegenwärtig aufhält, sondern eher darum, ob es möglicherweise gerade etwas Gefährliches in den Mund nimmt. Als blindes Elternteil kann ich nicht aus der Ferne ausmachen, ob mein Kind gerade einen Hundehaufen, eine Glasscherbe oder einen Kieselstein untersucht.

Kinder wachsen in die Behinderung der Eltern hinein und können recht bald damit ganz normal umgehen.

Das wird in der Phase des Sprechen Lernens besonders deutlich. Während ein Kind sehender Eltern einen Gegenstand nur anzuschauen braucht, bekommt es erklärt wie dieser Gegenstand genannt wird. Bei Kindern blinder Eltern erfolgt diese Reaktion nicht. Diese Kinder lernen rasch, dass ihnen der Gegenstand erst dann erklärt/benannt wird, wenn sie ihn dem blinden Elternteil beispielsweise in die Hand geben. Blickkontakt, Gestik und Mimik spielen in der Kommunikation zwischen Kind und blindem Elternteil keine oder nur eine untergeordnete Rolle, während Sprache und Körperkontakt ganz wesentlich sind. Daher lernen Kinder blinder Eltern früher, sich verbal zu artikulieren; aus dem Bedürfnis heraus sich ihren Eltern mitzuteilen und richtig verstanden zu werden.

2 Kindergarten und Vorschulalter

Kommt ein Kind in den Kindergarten, so bringt das für Eltern und Kind einige Veränderungen mit sich. Diese dürfen aber nicht durch die Behinderung der Eltern bestimmt werden.

Bilderbücher, Basteln usw. gewinnen immer mehr an Bedeutung. Und hier stoßen blinde Eltern oft an ihre Grenzen. Auch gibt es meistens das Lieblingsbilderbuch nicht in Braille, so dass es in der Regel kostenpflichtig von einer sehenden Hilfe übertragen werden muss. Ein spontanes Schmökern in der Kinderabteilung der ansässigen Stadtbücherei ist ohne fremde Hilfe ausgeschlossen.

Besonders beliebt in den Kindereinrichtungen sind Bastelnachmittage. Eltern und Kinder sollen gemeinsam mit den Erziehern für Ostern, Weihnachten oder andere Anlässe basteln. Da viele Bastelarbeiten optisch ausgelegt sind, ist eine sehende Hilfe nötig, damit die Beziehung zu Erziehern und anderen Eltern nicht zu stark strapaziert wird.

Informationen an die Elternschaft werden entweder per Elternbrief oder per Aushang am schwarzen Brett weiter gegeben. Kindergärten handhaben dies völlig unterschiedlich. Und ebenso unterschiedlich ist die Bereitschaft, blinden Eltern solche Informationen per E-Mail zukommen zu lassen oder beim Bringen oder Abholen des Kindes diese kurz mitzuteilen. Die Erfahrung zeigt auch hier, dass eine sehende Hilfe unerlässlich ist, um in regelmäßigen Abständen nach Info-Aushängen, anstehenden Terminen, Bekanntgabe kurzfristiger Schließungszeiten usw. zu schauen.

Auch gewinnen im Kindergartenalter Ausflüge immer mehr an Bedeutung. Wie z.B. Schwimmbad, Indor-Spielplatz, rodeln oder Kirmes. Für ein blindes Elternteil ist es sehr schwer bis unmöglich, ein Kind im Kindergarten- oder Vorschulalter bei solchen Unternehmungen zu betreuen. Denn das Gelände dort ist fast immer unbekannt/“unüberschaubar“ und die starke Geräuschkulisse ist eine weitere fast unüberwindbare Hürde, sein Kind ohne Risiko beaufsichtigen zu können oder auch nur wieder zu finden. Auch hier wird die Wichtigkeit sehender Unterstützung sehr deutlich.

Das Sprichwort sagt: „Kleider Machen Leute“. Damit ein Kind nicht ausgegrenzt wird, müssen Kleidungsstücke regelmäßig optisch kontrolliert werden. Blinde Menschen können zwar ertasten, ob die Bekleidung ihrer Kinder in Ordnung ist, nicht aber eine Verschmutzung. Ob möglicherweise noch Flecken in der Kleidung sind, die beim Waschen nicht heraus gingen oder die Kleidungsstücke verwaschen und abgenutzt aussehen, können blinde Eltern nicht beurteilen. Ein Kind in diesem Alter sieht solche Dinge in der Regel noch nicht; selbst wenn man es danach fragt. Denn deren Urteil entspricht hier noch längst nicht dem, was unter Erwachsenen als angemessen und in Ordnung gilt.

3 Schulkinder

Sowohl herkömmliche Schulen als auch Ganztagsklassen kommen nicht ohne aktive Mitarbeit der Eltern aus. Zwar wird von Lehrerseite erklärt, dass die Kinder an das selbständige Arbeiten und erledigen ihrer Hausaufgaben herangeführt werden sollen, jedoch mit dem Hinweis, auch die Eltern haben dabei Verpflichtungen zu übernehmen. Sie haben dafür zu sorgen, dass die Schulmaterialien vollständig sind, die Hausaufgaben zumindest überwacht und regelmäßig die Mitteilungen aus der Elternmappe durchgesehen werden sowie die Schultasche hin und wieder in Ordnung zu bringen ist. Alles Dinge, die allein nur äußerst mühsam bis gar nicht machbar sind.

Lesen üben mit einem Leseanfänger ist auch für ein sehendes Elternteil recht zeitaufwändig. Erst recht, wenn das Kind selbst Schwierigkeiten damit hat. Es ist schwer zu erfassen, ob das Kind rät, einen Text auswendig her sagt oder an einer bestimmten Stelle einfach nur hängt. Hort oder Schülerladen können das in der Regel personell nicht leisten. Deshalb ist auch hier eine sehende Hilfe unverzichtbar. Das gleiche gilt für die regelmäßige Kontrolle des Schriftbilds. Dies ist nur auf optischem Wege möglich.

Lehrer und Erzieher weisen zu Beginn eines Schuljahres darauf hin, dass Kinderbekleidung möglichst mit einem Namen versehen werden soll, da Kinder oft ihre Sachen irgendwo ablegen und es anschließend einfach vergessen. Nun, hier sind blinde Eltern oft ebenso nachlässig wie nicht blinde Eltern. Erschwerend kommt noch dazu, jemanden zu finden, der einem diese Arbeit abnimmt. Spannend wird es dann, wenn man als blindes Elternteil mit seinem Kind verlorene Kleidungsstücke auf dem Schulgelände suchen soll. Ohne sehende Hilfe ist dieses Unterfangen oftmals sehr zweifelhaft und frustrierend obendrein.

In vielen Schulen werden aufgefundene Kleidungsstücke usw. zentral gesammelt. Dort kann man dann in einem großen Karton nach den vermissten Gegenständen wühlen. Auch das ist ohne sehende Hilfe eine langwierige und entmutigende Angelegenheit. Und erst recht auch dann, wenn man ein ganz normales Kind hat. Also eines, das Ordnung nicht gerade zu seinen liebsten Freunden zählt.

4 Altersübergreifendes

Gerade wenn es darum geht, Gegenden mit starker Geräuschkulisse und/oder schlechter Verkehrsanbindung an den öffentlichen Personennahverkehr besuchen zu wollen/zu müssen, ist man regelmäßig auf ein Auto und eine sehende Begleitung angewiesen. Denn man will und muss schließlich auch als blinde Eltern der Aufsichtspflicht nachkommen.

Kinder, deren Eltern stets mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind, nehmen ihre Umwelt völlig anders wahr. Sie sind sehr früh in der Lage, sich im öffentlichen Nahverkehr zu orientieren, Fahrpläne zu lesen und zu lernen, welche grundsätzlichen Regeln beachtet werden sollen, bevor man in einen ankommenden Bus oder Zug einsteigt. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Kind im Alter von vier Jahren den Busfahrer fragt, welcher Bus das gerade ist. Auch bin ich der festen Überzeugung, dass Kinder blinder Eltern, denen nur selten ein Auto zur Verfügung steht, schneller die Regeln der Verkehrserziehung verstehen / beherrschen. Dafür fallen ihnen aber alle Themen rund ums Auto schwerer.

Manche Ärzte oder Therapien liegen so ungünstig, dass diese mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer oder gar nicht erreichbar sind. Für Kinder, welche regelmäßig eine Therapie besuchen müssen, wird es dann richtig stressig. Denn Krankenkassen übernehmen die Kosten für Autofahrten zu beispielsweise Psychotherapie oder Logopädie usw. nicht. Ausgenommen hiervon sind lediglich Dialyse- und Leukämiepatienten. Will man also sein Kind vor und nach der Therapiestunde nicht dem zeitaufwändigen Bring- und Abholstress aussetzen, muss man die Kosten selber tragen.

5 Beispiel

Ein Beispiel für dringenden Unterstützungsbedarf möchte ich wie folgt veranschaulichen:

Es sind die Kopfläuse, die inzwischen häufig von den Kindertagesstätten und Schulen mit nach Hause gebracht werden. In der Kita hängt dann meist ein Zettel an der Pinnwand oder an der Außentür, auf dem zu lesen steht: „Wir haben Läuse im Haus“.

Sowohl ausgewachsene Kopfläuse als auch Nissen sind so gut wie gar nicht fühlbar. Erst recht nicht bei dickerer Haarstruktur oder Locken. Ein blindes Elternteil ist somit nicht in der Lage, diese durch ertasten wahrzunehmen. In den Kindertagesstätten ist es den Erziehern und auch den Lehrern in den Schulen untersagt, Reihenuntersuchungen durchzuführen, um die von Kopfläusen befallenen Kinder heimzuschicken. Eine Erzieherin darf beispielsweise ein Kind nur dann untersuchen, wenn es sich verdächtig oft juckt oder eine Kopflaus sozusagen sichtbar aus den Haaren fällt. Dann werden die Eltern informiert, müssen ihr Kind abholen und entsprechend behandeln.

Die Behandlung kann ein blindes Elternteil selbst durchführen, die Kontrolle jedoch nicht. Blinde Eltern stehen diesem Problem meist hilflos gegenüber. Bevor ein blindes Elternteil merkt, dass sich Kopfläuse eingenistet haben, ist meist schon ein Großteil der Familie befallen. Dies wiederum bedeutet, dass nicht nur sämtliche Textilien usw. im Haushalt zu reinigen sind, sondern auch die Läusebekämpfung für mehrere Familienmitglieder zu organisieren ist.

Bei berufstätigen Eltern kann diese Situation nicht nur Verdienstausfall bedeuten, sondern auch noch wegen entsprechender Fehlzeiten zur Gefährdung des Arbeitsplatzes führen. Eine weitere Konsequenz ist die drohende Ausgrenzung der befallenen Kinder. Denn bis heute halten viele Menschen Kopfläuse noch immer für eine Folge unhygienischer Verhältnisse. Betroffene Familien werden voreilig als asozial stigmatisiert. Für blinde Eltern bedeutet dies einen erheblichen psychischen Stress und ein Gefühl der Machtlosigkeit.

Sowohl Jugendamt als auch allgemeiner Sozialdienst und Gesundheitsamt können hier nicht helfen. Es wird lediglich auf die ansässige Blindenorganisation hingewiesen oder auf den Kinderarzt. Der Kinderarzt kann aber nur kontrollieren und nicht bei der Behandlung helfen.

Für die Läusebekämpfung selbst gibt es leider kein Patentrezept. Denn die meisten Menschen – erst recht familienfremde Personen – fürchten sich vor der Läusebekämpfung wie der Teufel das Weihwasser.

Zwar kann man bezahlte Assistenz (z.B. ambulante Pflegedienste) damit beauftragen, die erforderliche Arbeit zu tun. Der Stundenlohn hierfür bewegt sich allerdings im zweistelligen Bereich pro Kopf und Stunde – zuzüglich An- und Abfahrt. Diese Kosten werden nicht von der Krankenkasse übernommen.

Fazit:

Elternassistenz ist erforderlich. Sie sichert blinden Eltern eine selbstbestimmte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Ebenso wird damit ein wichtiger Beitrag zur Inklusion geleistet. Denn ein selbstverständliches Dazugehören ist nur möglich durch selbstständiges und selbstbestimmtes Entscheiden und Handeln. Eine Elternassistenz gibt die hierfür erforderlichen Freiräume und Gestaltungsalternativen. Dadurch wechselt die Betrachtungsweise von „was ist aufgrund meiner behinderungsbedingten Einschränkungen möglich und machbar“ zu „was will ich tun und wie kann ich meinem Kind gute Entwicklungsmöglichkeiten bieten“. Damit auch blinde Eltern einen wirkungsvollen Einfluss nehmen können, ihre Kinder mit einer hohen Wahrscheinlichkeit in die gesellschaftlichen Bezüge hineinwachsen zu lassen.

Als blindes Vorschulkind in Deutschland

Im Alter von vier Jahren kam ich nach Deutschland. Hier berichte ich über meine erste Zeit nach meiner Ankunft.

An das erste halbe Jahr in Deutschland kann ich mich nur sehr lückenhaft erinnern. Ich weiß, dass ich meinen Vater kennen lernte, den ich bisher nur aus Erzählungen kannte. Ich weiß auch, dass wir während dieser Zeit einige Male umgezogen sind, da mein Vater an verschiedenen Orten arbeitete. In dieser Zeit lernten mein ein Jahr jüngerer Bruder, meine Mutter und ich ein bisschen deutsch.

Kurz vor Weihnachten 1972 zogen wir nach Neu-Isenburg, wo mein Vater Arbeit in einer Chemiefabrik gefunden hatte. Für die nächsten Jahre war eine Zweieinhalbzimmerwohnung nebst einer Wohnküche unser Zuhause. Dazu gehörte eine Toilette, die ein Stockwerk tiefer lag als unsere Wohnung, und die wir uns mit mehreren Mietern teilten. Ein Bad gab es nicht. Lediglich eine Spüle in der Küche, Wollte man Baden oder Wäsche Waschen, so wurde erst mal Wasser auf dem Gasherd erhitzt und in einen Waschzuber gegossen. Und zur großen Freude meiner Mutter gehörte auch ein kleiner garten dazu. Mein Bruder und ich hatten zum ersten Mal ein eigenes Kinderzimmer.

Am liebsten mochte ich unsere Küche. Und hier verbrachten wir auch die meiste Zeit. Während meine Mutter Kochte, Wusch oder anderen Arbeiten nachging, sprach oder sang sie mit uns Kindern. Am Küchentisch wurde gemalt, gebastelt, und später auch Hausaufgaben gemacht. Kamen uns andere Frauen besuchen, so saßen sie ebenfalls mit in der Küche. Es war der Raum, der für mich die meiste Gemütlichkeit ausstrahlte und am besten roch. – Wahrscheinlich liebe ich deshalb Wohnküchen noch immer so sehr, weil ich so schöne Erinnerungen aus meiner Kindheit damit verbinde.

So langsam lebten wir uns ein und kamen etwas zur Ruhe. Ich lernte, dass ich im Winter Handschuhe und Mütze tragen musste, was ich vorher überhaupt nicht kannte. Und so nach und nach fanden wir Anschluss in der Stadt. Unser Bekanntenkreis bestand zwar größtenteils aus Arabern. Dennoch lernten wir nach und nach immer mehr deutsch. Meine Mutter konnte sich mit etwas englisch und Händen und Füssen verständigen. Aber für mich galt dies nicht. Ich verfügte weder über Englischkenntnisse, noch konnte ich Gesten oder Mimik sehen. Daher war es für mich noch wichtiger so schnell wie möglich deutsch zu lernen, weil dies der einzige Weg war mich Menschen, die nicht arabisch sprachen, mitzuteilen. Meine Mutter hat sehr früh erkannt, dass es wichtig ist die deutsche Sprache zu beherrschen. Also haben wir manchmal untereinander versucht deutsch zu sprechen. Und irgendwann habe ich meine Mutter einfach überholt, so dass ich mit sechs Jahren bei Behördengängen in der Lage war zu übersetzen, wenn die Deutschkenntnisse meiner Mutter nicht ausreichten. Sie verstand zwar das meiste, konnte sich jedoch nicht so gut artikulieren wie ich es inzwischen konnte.

Und da meine Mutter ganz offen mit mir über die behördlichen Dinge sprach, lernte ich schnell welche Stelle für was zuständig war. Ich wusste also im zarten Alter von sechs oder sieben Jahren schon, dass Eltern für jedes Kind Kindergeld bekommen, dass das Arbeitsamt für die Arbeit zuständig war, dass das Sozialamt sich um Menschen kümmerte, dienicht genügend Geld hatten und dass wir alle sechs Monate auf das Landratsamt mussten, um unsere Aufenthaltserlaubnis für Deutschland verlängern zu lassen. Es war ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich etwas besser konnte als der Rest meiner Familie.

Als blindes Kind arabischer Eltern

Ich erzähle warum ich als Kind nach Deutschland kam.

Mein Name Ist Lydia. Ich lebe seit mehr als 40 Jahren in Deutschland. Ich wurde als Kind arabischer   Eltern in Jordanien geboren. Als ich etwa vier Monate alt war, fiel meinen Eltern auf, dass irgendetwas mit meinen Augen nicht normal war. Ab da taten meine Eltern alles aus ihrer Sicht Menschen mögliche, um mir zu helfen.

In manchen Gegenden ist es noch heute gängige Praxis Kinder mit einer Behinderung im Verborgenen aufwachsen zu lassen. Teilweise aus Angst vor Minderwertigkeit anderen Familien gegenüber, teilweise aber auch aus Unwissenheit heraus. Und nicht jeder hält es gleich gut aus sich dem Spott anderer auszusetzen.

Mein Vater, der bereits vor seiner Heirat einige Jahre in Deutschland gearbeitet hatte, ging dorthin zurück. Denn dort gab es Arbeit und damit auch Geld, um die Familie zu ernähren und die blinde Tochter behandeln zu können. Zu diesem Zeitpunkt glaubten meine Eltern noch an eine Heilung für mich und klammerten sich noch Jahre lang an jeden noch so dünnen Strohhalm.

Meine Mutter versteckte mich nicht. Sie nahm mich überall hin mit. Ich wuchs mit dem Wissen auf, dass ich ein armes blindes Mädchen war. Denn das bekam ich täglich zu hören, bis ich es einfach als gegeben hinnahm. Und dann war noch die Tatsache, dass ich einen Vater hatte, der in Almanja, das ist das arabische Wort für Deutschland, arbeitete. Und dass war zu weit weg, um nach der Arbeit zu uns nach hause zu kommen Und deshalb lebte meine Mama mit mir und meinem ein Jahr jüngeren Bruder eben bei Oma und Opa
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Ich war vier Jahre alt, als meine Mutter erklärte, dass wir zu meinem Vater fliegen würden. Damals fand ich das ungeheuer spannend. Erst recht, da alle Menschen, die ich kannte, nur positives von Deutschland zu berichten wussten.

Ich konnte damals nicht wissen, dass sich mein Leben von Grund auf ändern würde. Es war der weg vom Dasein eines armen blinden Mädchens hin zu einer Frau, die ihr Leben selbst bestimmt lebt. Dazu gehören fast erwachsene Kinder, zwei Katzen, Berufstätigkeit und noch einiges mehr.

Ich möchte euch einladen mich auf diesem Weg zu begleiten.