Was Stärke für mich bedeutet

Ich mag Blogparaden, da diese ein Thema vorgeben, zu dem jeder sich äußern kann. Nur kriege ich die meisten Blogparaden oft nicht mit. Daher freue ich mich, dass ich eine persönliche Einladung zur Blogparade von Sunnybee vom Mutter und Sohn Blog bekommen habe. Diesmal ist das Thema „Was bedeutet echte Stärke für mich“.

Als blinde Frau, die gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen möchte, habe ich es immer wieder mit Stärke zu tun. Denn immer wieder heißt es für mich, dass ich für Selbstverständlichkeiten kämpfen muss. Da ist der Betreiber des Fitnessstudios, der meine Mitgliedschaft nur nach Unterzeichnung einer Sondervereinbarung akzeptieren wollte. Da ist der Reiseanbieter, der blinde, gehörlose und gehbehinderte Reisende nur in Begleitung einer volljährigen und „gesunden“ Begleitperson mitnimmt. Und da ist die Fernsehreporterin, die für den von ihr geplanten Beitrag das fertige Drehbuch mitbringt, das nur so vor Klischees strotzt. Und mittendrin ich, die ich starke Argumente anbringe, um diese Menschen zum Umdenken zu bewegen.
Stärke wurde erst recht von mir gefordert, als ich mit meinem ersten Kind schwanger war. Blind und Kind? Von „Das ist unverantwortlich“ bis zu „Die Familie unterstützt bestimmt“ war so ziemlich alles dabei. Da wurde ich berufstätige blinde Frau mit Pflegefall gleichgesetzt, nur weil sich Menschen Eltern mit Behinderung nicht vorstellen können. Und wieder war ich gefordert Argumente und Taten sprechen zu lassen. Erst recht, als dann mein zweites Kind unterwegs war.
Als blinde Mutter mit ebenfalls blindem Mann und zwei sehenden Kindern befindet man sich oft genug im Fokus der gut gemeinten Miterzieher. Alles Menschen, die es nur gut mit einem meinen. Eine Erzieherin im Kindergarten meinte es sogar so gut, dass sie mir den Sozialdienst nach Hause schickte. Worte wie „grobe Vernachlässigung“ und „Blinde Eltern“ können bei einer bestimmten Spezies von Menschen wahre Wunder bewirken. Auch wenn die bei uns nichts fanden, was eine Herausnahme der Kinder aus der Familie gerechtfertigt hätte, war ich ab da im Fokus. Stärke war damals für mich Beweise zusammenzutragen, die für mich und meine Erziehungsfähigkeit sprachen. Dabei hat es mir sehr geholfen, dass ich ein paar starke Freunde hatte, die mir immer wieder Mut gemacht haben weiterzukämpfen.
Die Kinder wurden älter, der Aktionsradius größer und die Auseinandersetzung mit meiner Sehbehinderung nahm ebenfalls ihren Lauf. Auf einmal fiel meinen Kindern auf, dass wir gern mal von Passanten begafft wurden, dass Menschen auch schon mal mit ihnen sprachen, statt mit mir als Mutter, und dass sie bedauert wurden, da sie blinde Eltern haben. Ich musste das aushalten und meinen Kindern Werkzeuge an die Hand geben, um damit umzugehen. Z. B. empfahl ich meinen Kindern einmal zurück zu starren. Es dauerte lange, bis sie sich trauten. Stärke hieß damals das auszuhalten, und sich mit Verständnis und Einfühlungsvermögen damit zu beschäftigen.
Neulich habe ich von meinen fast erwachsenen Kindern ein wunderschönes Kompliment bekommen. Nämlich, dass sie mich als starke und liebevolle Mutter in Erinnerung haben. Darüber habe ich mich von Herzen gefreut. Denn letztendlich zählt die Meinung der Betroffenen, also meiner Kinder. Und nicht die all der vielen selbsternannten Miterzieher.

Und hier findet Ihr den Aufruf zur Blogparade von Sunnybee Was bedeutet echte Stärke für mich, die noch bis zum 15.11.2018 läuft.

Und jetzt freue ich mich auf Eure Meinung zu diesem Thema in den Kommentaren.

Gedanken zum Thema Inklusion

Matthias Schäfer bedient mit einer Hand ein Smartphone

Ich danke Matthias für seinen Text über Inklusion. Er hat schon mal für mich geschrieben. Hier geht es zu seinem Beitrag Brandschutz für blinde Menschen.

Als blindes Kind besuchte ich eine Sonderschule für blinde Kinder, kurz Blindenschule. Heute nennt man das Schule mit dem Schwerpunkt Sehen. Damals waren sogar noch blinde und sehbehinderte Schüler in separaten Schulen getrennt. Da blinde Kinder eine verhältnismäßig kleine Gruppe sind, gab es im Bereich Grund- Haupt- und Realschule, nur eine Einrichtung in Hessen. Ähnlich war es in anderen Bundesländern geregelt. Der Gymnasialzweig für alle Schüler in Deutschland befand sich in Marburg an der Lahn. Die Klassenstärke lag maximal bei 10 Schülern und einer Lehrkraft.
Also war klar, kleine blinde Kinder mussten mit dem Schuleintritt in ein Internat. In Meinem Fall also nach Friedberg. Das bedeutete: Sonntags nachmittags, bereits um 14.30 Uhr fertig machen, Packen und weg aus der Familie. Erst freitags gegen 18.00 Uhr war ich wieder zuhause. Mit dem Wechsel auf das Gymnasium in Marburg hatten wir samstags Unterricht. Es gab nur ein Wochenende mit einem freien Samstag. Im Klartext hieß das, dass wir Schüler unsere Familie nur einmal im Monat besuchen konnten. Klar, dass man sich dann, spätestens als Jugendlicher in der Pubertät, von seiner Familie entfernt. So war ich schon mit 17, fast gar nicht mehr zuhause.
Vorher, war ich in einem ganz normalen Kindergarten. Ich hatte Freunde und lernte mich durchzusetzen. Als ich dann ins Internat kam, waren die Freunde schnell weg und das bisschen Wochenende und die Ferien, waren dann, was das Zusammensein mit Gleichaltrigen betrifft, ziemlich einsam.
Als Jugendlicher erlebte ich dann so besondere Maßnahmen, wo man, als besonderes Projekt, blinde und sehende Kinder zusammenbrachte. Beide Gruppen hatten sonst im Alltag kaum etwas miteinander zu tun. Diese „Besonderen pädagogischen Maßnahmen“, waren von vielen Missverständnissen geprägt. Da merkte man als blinder Jugendlicher erst, dass die Entwicklung und der Erfahrungshintergrund, in der exklusiven Welt, eine ganz andere ist.
Für meine Eltern und mich, war die Internatszeit, eine schlimme Zeit. Ich finde es noch heute ein Unding, Kinder, die in einer intakten Familie leben, so früh in ein Internat geben zu müssen. Erst später, nachdem ich geheiratet hatte und selbst Kinder hatte, habe ich wieder ein normales Verhältnis zu meinen Eltern entwickelt.

Nun zur Inklusion:
Inklusion wird nahezu von allen Lebensbereichen aufgegriffen. Jeder, der sich im Sozialbereich profilieren will, macht ein Inklusionsprojekt. Inzwischen beteilige ich mich nicht mehr an solchen Projekten. Überall, wo ich als aktiver blinder Mensch auftauche, will man mich inkludieren. Das nervt! Vor einigen Monaten sollte eine Reportage über inklusive Familien gedreht werden. Die Teilnahme habe ich trotz meiner hohen Medienpräsenz, abgelehnt. In jeder Familie, gibt es spätestens in der älteren Generation, jemand mit Einschränkungen. Also was soll dieser Quatsch mit „inklusiven Familien“.

Leider ist die Umsetzung der Inklusion an Schulen, durch Schnellschüsse und Unüberlegtheit geprägt. Inklusion findet dadurch statt, dass jeder Schüler mit Unterstützungsbedarf, eine Assistenz bekommt. Die Lehrer sind meistens sonderpädagogisch nicht kompetent. Wie auch, bei den unterschiedlichen Bedürfnissen? Die Assistenz ist aber meist auch ungelernt. Und die Institutionen, bei denen die Assistenzkraft angestellt ist, haben auch meistens keine Kompetenz, für die Formen von Behinderung, die sie nicht spezifisch unterstützen. So schickt z.B. die Lebenshilfe die sich auf die Unterstützung von Menschen mit kognitiven Behinderungen spezialisiert hat, auch Assistenten zu blinden und sehbehinderten Kindern. Das können auch schon mal Jugendliche, die gerade erst aus der Schule gekommen sind, ein freiwilliges soziales Jahr machen und so über kaum bis gar keine Erfahrungen verfügen sein. Dies versucht man dann, durch speziell sonderpädagogisch ausgebildete Förderlehrer, die Stundenweise an der Schule sind, auszugleichen. Dabei stellt sich die Frage, ob dies tatsächlich ausreicht. Denn Lehrer und Schulassistenz müssen ja auch mit den speziell aufbereiteten Lernmaterialien und den technischen Hilfsmitteln, die z.B. ein blindes Kind braucht, zurechtkommen, um die Schüler adäquat zu unterstützen.

Ein weiteres Problem sehe ich darin, dass die Inklusionsschüler immer jemanden an der Seite haben, der sie speziell betreut. Die Kinder mit Behinderung lernen dadurch: Ich bin etwas Besonderes und brauche immer jemanden, der für mich da ist.
Wir als Schüler einer Schule für blinde Kinder, sind ganz normal auf dem Pausenhof herumgetobt, sind auf Bäume geklettert, Rollerskates und auf dem Hof, Fahrrad gefahren. Die Kinder mit Behinderung, die heute an einer Regelschule sind, dürfen nicht mal hinfallen, dürfen sich oft nicht mal alleine in der Pause bewegen.

Ein weiteres Problem ist der Sportunterricht. Sehende Kinder machen viele Ballsportarten, an denen das blinde Kind nicht teilnehmen kann. Das blinde Kind bekommt immer das Gefühl, dass es viele Dinge, nicht mitmachen kann und die Sportlehrer sind nicht darauf ausgebildet, für alle Kinder mit Inklusionsbedarf, Alternativen zu finden. Wir in der Blindenschule haben fast alles machen können. Leichtathletik, spezielle Ballsportarten, Ski fahren, – auch Abfahrt – Kajak fahren, rudern, Reiten, surfen und vieles mehr. Kein normal ausgebildeter Sportlehrer, und die Assistenz schon gar nicht, haben die Kompetenz, hier z.B. ein blindes Kind effektiv zu integrieren.

Im Internat hatten wir Freizeitangebote, AGs, an denen wir außerhalb der Schulzeit teilnehmen konnten. Wir trafen uns ganz normal mit Freunden. Leider ist es im Rahmen der „Inklusion“ so, dass diese oft nach Schulschluss endet. Kaum ein Sportverein ist auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung ausgerichtet. Eine Assistenz zur Teilnahme an Freizeitaktivitäten wird von den Kostenträgern nicht finanziert. Selbst die Unterstützung von Teilnahme an Schul-AGs ist kaum realisierbar. Unter Umständen kann das für das blinde Kind ein recht einsames Leben bedeuten. Mir werden immer mehr Fälle bekannt, wo sich blinde Schüler nach einigen Jahren wieder in die Sonderschule flüchten.

Bei all dem darf man nicht vergessen, dass es auch eine Menge Behinderungsarten gibt, bei denen eben nur die bauliche Barrierefreiheit gewährleistet sein muss. Für die ist es natürlich absoluter Blödsinn, sie in eine Sonderschule zu schicken.

Die Inklusion, wie sie derzeit gelebt wird, ist insgesamt wenig durchdacht. Hier mal ein möglicher Vorschlag, wie schulische Inklusion gelingen kann:
Wir schaffen einen neuen Beruf. Nennen wir ihn mal Lehrerassistent. Jeder Lehrer, der in seiner Klasse Schüler mit besonderem Förderbedarf hat, bekommt einen Lehrerassistenten, der dem Lehrer im Unterricht assistiert. Dieser Lehrerassistent sollte eine zwei bis dreijährige Ausbildung durchlaufen. In dieser Ausbildung lernt der Assistent verschiedene Förderbedarfsgruppen kennen und erlernt Techniken, wie unterschiedliche Bedarfe, in den Schulalltag zu integrieren sind. Die Assistenten sind nicht bei irgendeinem Träger angestellt, sondern sie gehören in den Stellenplan der Schule.
Die Assistenten assistieren dem Lehrer, sind in die Pausenaufsicht mit integriert und assistieren auch bei Freizeitangeboten in der Mittagspause, AGs etc.
Dies löst mit Sicherheit nicht alle Probleme, wäre aber ein guter Ansatz.
Die Diskussion um schulische Inklusion polarisiert. Es gibt radikale Befürworter und es gibt Gegner. Die Durchführung von Inklusion ist geprägt durch Streitigkeiten zwischen Eltern, Schulen, Trägern der Schulassistenten und den Behörden, die die Kosten für die Förderung übernehmen.
Eine Diskussion aller Beteiligten darüber, wie Inklusion tatsächlich gelingen kann, wäre zum Wohl der Kinder mit besonderem Förderbedarf dringend notwendig.

Karl Matthias Schäfer engagiert sich im Landesvorstand des Blinden- und Sehbehindertenbund Hessen – BSBH. Einen Einblick in den Alltag des Technik interessierten Berufspendlers könnt Ihr Euch auf diesem Video ansehen.

Ich lade alle an diesem Thema interessierten Leser dazu ein in den Kommentaren darüber zu diskutieren.

Inklusion, ich war immer die Ausnahme

Das Thema inklusiver Unterricht wird immer wieder kontrovers diskutiert. Doch nur selten kommen Menschen zu Wort, die tatsächlich mit Behinderung auf einer Regelschule sind oder waren.
Niklas ist 29 Jahre alt. Er besuchte zehn Jahre lang als blindes Kind eine Regelschule. Anschließend absolvierte er eine Ausbildung zum Informatikkaufmann an der Blindenstudienaanstalt Marburg. Ich freue mich, dass er bereit war mir einige Fragen zu seinen Erfahrungen an der Regelschule zu beantworten.
Lydia: Warum haben Deine Eltern sich dafür entschieden Dich an einer Regelschule anzumelden?
Niklas: Meine Eltern haben sich dafür entschieden, weil sowohl sie als auch ich nicht wollten, dass ich mit 6 Jahren in ein Internat komme und somit von zu Hause weg.
Lydia: Wann hast Du erfahren, dass es auch Schulen für blinde Kinder gibt, und wie hast Du darüber gedacht?
Niklas: Ich wusste von Blindenschulen schon seit ich in der Schule war. Ich dachte nicht negativ darüber. Wenn eine Blindenschule bei mir Vorort gewesen wäre, wäre ich auch hin gegangen.
Lydia: Wie sah Dein Schulalltag in der Grundschule aus, und wie ging es Dir damit?
Niklas: Ich hatte in der Schule täglich einen Zivildienstleistenden gehabt, der mich morgens abgeholt hat und mich zur Schule gefahren hat. Nach der Schule hat er mich dann wieder nach Hause gefahren.
In der Schule hat der Zivi dann mir auch geholfen von Raum zu Raum zu kommen, Tafelanschriebe mit zu schreiben usw. Es gab von der Blindenschule Neuwied einen Blindenlehrer für eine Gewisse Anzahl von Stunden, der Materialien die im Unterricht benötigt wurden für mich aufbereitet hat. Wie es mir damit ging, ist schwer zu sagen. Ich kannte damals ja nichts anderes.
Lydia: Hattest Du während Deiner Schulzeit Freunde, mit denen Du Dich auch außerhalb der Schule getroffen hast?
Niklas: Dies war schwierig, weil durch die Hausaufgaben nicht viel Zeit blieb sich zu treffen. Außerdem war es auch durch meine Blindheit schwierig sich zu treffen. Viele meiner sehenden Mitschüler hatten Schwierigkeiten damit klar zu kommen, dass ich blind war und wollten nicht wirklich was mit mir zu tun haben.
Lydia: Wie wurden Dinge wie Kunst- Sport oder Klassenfahrten gestaltet?
Niklas: Bei Kunst hatte ich oft Einzelförderunterricht, weil dort viel mit Wasserfarben gemalt wurde. Dies ging natürlich für mich nicht.
Sport habe ich mitgemacht was möglich war, aber Dinge wie Ballsportarten konnte ich nicht mit machen und habe dann Förderunterricht bekommen.
Bei Klassenfahrten habe ich an allen Aktivitäten teilgenommen. Hatte auch meinen Zivi, der mich führte.
Lydia: Gab es ein Schulfach, an welchem Du nicht teilnehmen konntest?
Niklas: Ganze Schulfächer gab es nicht. Es gab nur einzelne Themen an denen ich nicht teilnehmen konnte.
Lydia: Wie hätte Dein Unterricht besser für Dich gestaltet werden können?
Niklas: Ich hätte mir teilweise mehr Integration gewünscht. Das heißt: Ich hatte teilweise viel Einzelunterricht mit meinem Blindenpädagogen oder meinem Zivi. Die Fachlehrer haben sich teilweise sehr zurückgezogen.
Lydia: Wie oft hattest Du Kontakt mit anderen blinden Schülern?
Niklas: Eigentlich nur bei Freizeiten für integrativ beschulte Kinder, die von diversen Blindenschulen angeboten wurden. Sonst nicht.
Lydia: Hast Du irgendwann vermisst, dass Du Dich nie mit anderen blinden Mitschülern vergleichen konntest?
Niklas: Das habe ich ja nie richtig kennengelernt und somit auch nie vermisst.
Lydia: Auf dem Lehrplan einer Blindenschule stehen Mobilitätstraining und lebenspraktische Fertigkeiten. Wie war das bei Dir?
Niklas: Dies viel in der Integration weg. Es hab keinen Kostenträger, der dies finanzierte. Meine Eltern und ich hatten damals noch nicht viel Erfahrung und wussten auch nicht wo man rechtliche Unterstützung speziell hierfür herbekommen kann.
Lydia: Wie kam es dazu, dass Du eine Ausbildung in einer Einrichtung für blinde Schüler gemacht hast, und was hat sich für Dich dadurch geändert?
Niklas: Dies hing damit zusammen, dass die Integration nach und nach schwieriger wurde. Der Stoff wurde komplexer und dadurch auch die Arbeit des Umsetzens. Außerdem kam in der Integration die Selbstständigkeit zu kurz und auch dies führte dazu die Ausbildung in einer Blindengerechten Einrichtung zu absolvieren.
Lydia: Was würdest Du Eltern blinder Kinder gern mit auf den Weg geben, die mit dem Gedanken spielen ihr Kind an einer Regelschule anzumelden?
Niklas: Ich würde mit auf den Weg geben, dass man bedenken solle, dass das ganze Material aufbereitet werden muss und dies viel Zeit kostet. Des Weiteren würde ich empfehlen, auf jeden Fall ein Mobilitäts- und LpF-Training zu beantragen. Dies kam bei mir zu kurz und ich hatte es in der Blista in Marburg schwer das alles aufzuholen.

Ich danke Niklas für seine Offenheit. Und nun lade ich Euch ein hier in den Kommentaren über diesen Beitrag zu diskutieren.

Die Begriffe assistieren, betreuen, bevormunden

Lydia mit Blindenlangstock und Shopper.

Elternabend im dritten Schuljahr. Da ich die manchmal Hand geschriebenen Informationen der Schule nicht selbst lesen kann, frage ich, ob mir jemand aus der Elternschaft bei der Informationsbeschaffung helfen kann. Ich stelle mir das so vor, dass ich einen Anruf oder eine E-Mail bekomme. Alternativ habe ich kein Problem damit regelmäßig selbst nachzufragen. Bevor sich jemand dazu äußern kann, merkt die Lehrkraft an, dass ich doch eine Betreuerin habe. Und die könne das machen. Nein habe ich nicht. Die Dame, die ich einmal zum Elterngespräch mitgebracht hatte, war eine von mir selbst finanzierte Assistentin, die einem meiner Kinder beim Lesen üben und beim Schreiben helfen sollte. Ich hatte sie mitgenommen, um die Inhalte mit der Lehrkraft abzustimmen.
„Mit uns und nicht über uns“ ist ein Slogan, der in den letzten Jahren immer mehr von den Behindertenverbänden gefordert wird. In diesem Zusammenhang tauchen auch die Worte „betreuen“, „assistieren“ und „bevormunden“ auf. Diese Begriffe möchte ich anhand eines Beispiels veranschaulichen. Denn sie bedeuten nicht dasselbe, wie viele Leute glauben.

Tina hat große Fenster, die sie aufgrund einer Behinderung oder Erkrankung nicht selbst putzen kann. Sie braucht Hilfe. Und diese könnte wie folgt aussehen.

Assistieren: Jemandem nach dessen Anweisungen zur Hand gehen.
Tina beauftragt eine dritte Person mit dem Säubern der Fenster. Diese bekommt Geld dafür. Dabei bestimmt Tina selbst welches Fenster geputzt wird, wann dies passiert und wer das für sie macht. Wird die Arbeit nicht zu ihrer Zufriedenheit ausgeführt, kann sie sich jederzeit für eine andere Assistenz entscheiden, welche die Arbeit besser ausführt. Das ist ihr gutes Recht. Denn schließlich bezahlt sie für diese Dienstleistung und kann ordentlich ausgeführte Arbeit erwarten. Sie ist Arbeitgeberin.

Betreuen: Tina hat eine Person, die ihr in Situationen hilft, die sie selbst überfordert. Ihre Betreuerin hat die Aufgabe ihr bei der Durchführung der Aktion „Fenster putzen“ zu helfen. Im Idealfall spricht sie die Durchführung mit Tina ab. Sie entscheiden gemeinsam, ob Tina es zusammen mit ihrer Betreuerin selbst versucht, oder eine außenstehende Person mit dem Putzen der Fenster beauftragt wird. Die Aufgabe der Betreuerin besteht darin, Tina ein selbstbestimmtes Handeln zu ermöglichen, ohne sie dabei zu bevormunden oder zu überfordern.

Bevormunden: wie einen Unmündigen behandeln, in eigenen Angelegenheiten nicht selbst entscheiden lassen.
Eine Person aus Tinas sozialem Umfeld findet, dass die Fenster geputzt werden müssen. Sie führt diese Tätigkeit eigenmächtig durch, oder beauftragt eine dritte Person. Und zwar so, wie sie selbst es für richtig hält. Sie entscheidet über den Zeitpunkt und die Art der Durchführung. Tinas Meinung dazu spielt für sie keine Rolle. Gefällt Tina irgendetwas an der Durchführung nicht, ist Konflikt mit der Bekannten vorprogrammiert. Denn diese wird Tina wahrscheinlich Undankbares Verhalten unterstellen.

Und wenn wir schon mal dabei sind, hier noch ein paar Begriffe, die im Zusammenhang mit Menschen mit einer Behinderung gern verwendet werden.

Helfen: Dabei unterstützen ein angestrebtes Ziel schneller zu erreichen.
Eine Freundin von Tina bietet ihr an, ihr beim Säubern der Fenster zur Hand zu gehen, und spricht die Aufgabenverteilung mit ihr ab. Tina hat die Wahl die Hilfe anzunehmen oder sie abzulehnen.

In meinen Beiträgen schreibe ich immer wieder, dass ich ein großer Freund davon bin, sich benötigte Hilfe einzukaufen. Denn diese garantiert uns Menschen mit Behinderung mehr selbstbestimmtes Handeln. Das ist bei Freunden und Familie nicht immer gegeben. Ich freue mich für jeden Menschen, der Assistenz von Freunden und Familie bekommt, ohne das Gefühl ein Bittsteller zu sein. Diesen Hilfeerbringern gilt mein großer Respekt, da hier eine Kommunikation auf Augenhöhe stattfindet.

Meine Erfahrungen waren oft dahingehend, dass ich schnell mal selbst ernannte Miterzieher für meine Kinder hatte. Und so etwas belastet die Beziehung zu sehr, als dass ich mir das dauerhaft geben wollte. Umso mehr schätze ich die Menschen, die mir ohne mich bevormunden zu wollen, zur Hand gehen. Daher finde ich es wichtig, dass man als Assistenznehmer die Wahl hat wessen Hilfeleistungen man in Anspruch nehmen möchte. Denn hier geht es um gegenseitiges Vertrauen und Empathie, und nicht um eine Dankbarkeitshaltung gegenüber dem Helfenden.

Was heißt eigentlich barrierefrei?

Lydia mit Stock vor einem Aufzug

Gemeinsam mit meiner obligatorischen Tasse Kaffee am Morgen sitze ich auf dem Sofa, und lese meine Nachrichten, Zeitung usw. Unter anderem lese ich einen Beitrag, der zu Kommentaren einlädt. Also beschließe ich auch meinen Senf dazuzugeben. Ich schreibe meinen Kommentar, Trage meinen Namen und meine E-Mail-Adresse ein, und will das Ganze absenden. Da taucht ein Captcha auf, dessen Inhalt ich in ein Eingabefeld eingeben soll. Für mich heißt das so viel wie „Du bleibst draußen. Denn die meisten Programme, mit denen blinde Nutzer arbeiten, können diesen graphischen Zahlencode nicht erkennen und vorlesen. Für mich ist das eine unüberwindbare Barriere.

Das Wort Barrierefreiheit, oder auch Barrierearmut ist seit ein paar Jahren in aller Munde. Aber was eigentlich bedeutet das?

In meiner Heimatstatt entsteht ein Neubaugebiet. Und da ich neugierig bin, besuche ich eine Informationsveranstaltung. Die entsprechende Wohnungsgesellschaft preist ihre Wohnungen als barrierefrei an. Das möchte ich genauer wissen, und frage nach. Ja, die Wohnungen verfügen über ebenerdige Duschen und über einen Fahrstuhl. Das reicht aus, um diese Wohnungen als barrierefrei zu kennzeichnen. Wie ich erfahre, sind die Aufzüge nicht einmal mit einer Sprachausgabe versehen. Und die brauchen blinde Menschen, um festzustellen wo der Fahrstuhl gerade gehalten hat. Es reicht nicht aus, dass die Knöpfe im Fahrstuhl mit fühlbaren Buchstaben, oder sogar Brailleschrift gekennzeichnet sind, wenn ich nicht kontrollieren kann, wann ich den Fahrstuhl verlassen muss? Und die Devise „Blindsein macht schlank“ funktioniert auch nur bedingt. Was machen sehbehinderte Menschen, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, um mal eben in den fünften Stock zu laufen?

Barrierefrei bedeutet für jemanden mit einer Gehbehinderung etwas ganz anderes, als beispielsweise für jemanden mit einer Sehbehinderung. Während eine Stufe für einen Rollstuhlfahrer eine Barriere, also ein Hindernis darstellt, ist eine Nullabsenkung eines Bürgersteig eine für blinde Teilnehmer im Straßenverkehr. Der Rollstuhlfahrer nutzt den Aufzug, der Blinde kann ihn nur nutzen, wenn dieser mit einer Sprachausgabe versehen ist. Blinde Menschen sehen Bordsteine als Orientierungshilfe an. Rollstuhlfahrer und Nutzer eines Rollators wünschen sich eine Nullabsenkung. Da diese aber für blinde Verkehrsteilnehmer gefährlich ist, hat man sich auf eine Höhe von drei CM Höhe geeinigt. Diese ist mit dem Blindenstock tastbar, und kann auch mit einem Rollstuhl noch überwunden werden.

Hier ein paar hilfreiche Links zur Barrierefreiheit.
– Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Verena Bentele – Was ist Barrierefreiheit?
– Aktion Mensch – Barrierefreiheit Definition & Bedeutung
– Sozialverband VdK Hessen-Thüringen e.V. – Was bedeutet Barrierefreiheit?
– Bundesministerium für Umwelt – Leitfaden Barrierefreies Bauen Deutschland.
– Eine Broschüre für die baulichen Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Personen gibt es hier.
– Sowie eine Erklärung der Unterschiede für Barrierefreiheit

Fazit: bevor man das Wort Barrierefreiheit benutzt, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass Barrieren für jede Behinderung etwas anderes darstellen. Während es für mich okay ist, wenn im Hintergrund Musik läuft, findet eine hörbehinderte Person das bei der Kommunikation eher hinderlich.

Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Maßnahmen, bei denen an Menschen mit Behinderung gedacht wird, von Menschen geplant und durchgeführt werden, die über ein unzureichendes Wissen verfügen. Das muss nicht sein. Denn die Behindertenverbände sind hier Experten in eigener Sache, und können kompetente Hilfe leisten. „Mit uns, und nicht über uns“, sollte die Devise sein. Dann haben alle Beteiligten etwas davon. Und es werden nicht sinnlos Gelder für unsinnige Projekte verschwendet, die an anderer Stelle effektiver eingesetzt werden können.