Ferien auf dem Bauernhof

6 Kaninchen beim Fressen

Wenn ich als blinde Mutter mit sehenden Kindern verreisen wollte, dann gingen dem Ganzen Vorbereitungen voraus. Jedenfalls bei Reisezielen, die etwas weiter weg waren.
Ich erinnere mich daran, dass meine Kinder gern einmal auf einen Bauernhof fahren wollten. Damals waren sie beide noch im Grundschulalter. Und ohne Auto aufs Land fahren? Das wurde immer als unmöglich dargestellt. Denn oft fehlt der für mich so notwendige öffentliche Nahverkehr.
Damals las ich in einer Mailingliste mit, in der sich blinde und sehbehinderte Eltern austauschten. Und so fragte ich nach der Möglichkeit mit den Kindern auf einen Bauernhof zu fahren. Von einer anderen blinden Mutter bekam ich den Kontakt einer Frau, die Ferienwohnungen in der Nähe eines Bauernhofs auf einem Dorf vermietete. Also rief ich die Dame an, und fragte, ob wir über Pfingsten kommen könnten. Ja, es war noch eine kleine Ferienwohnung frei.
Nun ging es um die Details. Ich erfuhr, dass es im Dorf keinen Supermarkt gab. Es gab eine Gaststätte, in der wir abends essen konnten. Aber was war mit der restlichen Verpflegung. Ich konnte und wollte keine Lebensmittel für vier Tage mitnehmen. Also vereinbarte ich mit unserer Vermieterin, dass wir gegen einen Aufpreis Frühstück bekommen, und sie ein paar Lebensmittel wie Obst oder Getränke für uns einkaufte. Außerdem bot sie an uns vom Bahnhof in Hameln mit dem Auto abzuholen und am Abreisetag wieder zum Bahnhof zu fahren. Damit waren also die organisatorischen Rahmenbedingungen geklärt.
Eine weitere Sorge war die Beaufsichtigung der Kinder auf einem Gelände, das ich noch nicht kannte. Hier beruhigte mich meine Vermieterin. Der Bauernhof, dessen Besitzer ebenfalls Ferienwohnungen vermietete, war auf Familien mit freilaufenden Kindern eingerichtet. Ich konnte also beruhigt darauf vertrauen, dass es keine unbekannten Gefahren gab.
Wir hatten gutes Reisewetter, und kamen bei strahlendem Sonnenschein in Hameln an. Dort wurden wir wie vereinbart abgeholt und zur Ferienwohnung gefahren. Ein kleines Apartment mit drei Schlafplätzen, eine Sitzecke, einer Küchenzeile und einer Dusche würde für die nächsten Tage unser Zuhause sein.
Zunächst einmal gab es für uns eine kleine Führung durch den Bauernhof. Dort gab es noch einige andere Kinder, so dass ich es mir ruhig in einem Liegestuhl bequem machen konnte, während meine Kinder sich auf Entdeckungsreise begaben. Es gab nicht nur einen großen Spielplatz und eine Menge Tiere, sondern auch eine Menge Spielgeräte zum Austoben.
Am späten Nachmittag durften die Kinder in den Pferdestall. Hier durften sie unter Anleitung ein Pferd putzen, und anschließend ein bisschen reiten. Dann bekam ich von ihnen die jungen Kaninchen gezeigt, die es den Kindern besonders angetan hatten. Und dann machte die Vermieterin mit den Mietern ihrer Ferienwohnungen einen Spaziergang durch den Ort, um uns alles zu zeigen. Wir gingen dann noch etwas Essen, und dann war der Tag für uns auch schon zu Ende.
Die nächsten zwei Tage brachten mir die Entspannung, die ich damals dringend brauchte. Nach dem Frühstück zogen meine Kinder los, um auf dem Bauernhof zu spielen. Zwischendurch kamen sie wieder, um mir mal etwas zu zeigen. Ansonsten konnte ich einfach in einem Liegestuhl lesen und die Atmosphäre genießen. Nachmittags gingen wir in das Dorfschwimmbad, wo sich alle Kinder der Umgebung trafen. Und dann ging es schon zum Reiten auf dem Bauernhof.

Es war das erste Mal, dass ich alleine über mehrere Tage und ohne Begleitung mit den Kindern weggefahren bin. Und es hat uns allen gut getan. Erst recht, da die Organisation so gut geklappt hat.

Taxifahren mit Baby

Lydia trägt einen Teddy in einem Tragetuch vor dem Bauch

Da mein Mann und ich zu blind zum Autofahren sind, waren wir mit unseren Kindern stets mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs. Und wenn wir doch mal auf ein Auto angewiesen waren, dann fuhren wir mit dem Taxi. Aber im Babyalter habe ich das möglichst vermieden. Denn in Taxis gibt es zu 99,9 % keine Babyschalen, die für die Gewichtsklasse null im Auto vorgeschrieben sind. Eine Ausnahmeregelung bestand für Taxis. Hier lag es im Ermessen des Fahrers ein Baby zu transportieren oder eben nicht. Eine Geschichte fällt mir dazu ein, die mir das zum ersten mal klarmachte.

Winter 1999 in Frankfurt am Main. Mein Mann und ich hatten im Baumarkt eingekauft und wollten mit dem Taxi nach Hause. Gekommen waren wir mit dem Bus. Aber mit den gekauften Brettern und Werkzeugen brauchten wir ein Auto. Damals war meine Tochter vielleicht ein Vierteljahr alt und saß bei mir im Tragetuch. Also gingen wir zum Taxistand. Der Fahrer schaute uns an und sagte: „Sie kann ich mitnehmen, Ihr Kind aber nicht“. Es war mein erstes Kind. Und so muss ich ihn ziemlich blöd angeschaut haben. Jedenfalls erklärte er meinem Mann und mir, dass er kein Baby ohne Babyschale befördern kann. Und diese hätten wir mitzuführen. Da half kein Diskutieren. Das war ebenso.
Es war Winter, es wurde dunkel, und der Einkauf ohne Auto nicht zu befördern. Und ich wollte einfach nur nach Hause. Also schlug ich meinem Mann vor mit dem Einkauf Taxi zu fahren, während ich mein Baby mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause bringen würde. Es war die praktikabelste Lösung für alle Beteiligten.
Eine blinde Frau mit Blindenstock und Baby im Tragetuch nebst einem beladenen Einkaufswagen vor einem Baumarkt ist sicherlich kein alltäglicher Anblick. Jedenfalls wurde ein Mann auf uns aufmerksam und hatte die Diskussion um die Mitnahme des Babys verfolgt. Spontan bot er an mich und mein Kind mitzunehmen. Er erklärte uns, dass er selbst Familienvater sei und die Problematik kennt. Dann wandte er sich an den Taxifahrer und sagte, er würde ihm hinterher fahren. Das wäre das Einfachste. Daraufhin sagte der Taxifahrer, dass er mich mit Baby ausnahmsweise mitnehmen würde. Und so fuhren wir alle gemeinsam nach Hause. Auch wenn ich lange nicht verstanden habe was den Taxifahrer dazu bewogen hatte seine Meinung zu ändern. Es war das kleinere Übel mir während der Fahrt vorhalten zu lassen, dass ich keine Babyschale dabei hatte.
Natürlich wollte ich das genauer wissen. Ich telefonierte also am nächsten Tag mit dem Taxiunternehmen meines Vertrauens. Der Geschäftsführer erklärte mir, dass nun mal eine Kindersitzpflicht besteht, ich also die Babyschale mitzuführen habe. Auf die Frage wie ich das als blinde Mutter machen sollte, konnte er mir keine Antwort geben. Eine Hand war für den Blindenstock reserviert, und auf dem Rücken trug ich immer einen Rucksack. Und jeder, der so eine Babyschale in Händen gehalten hat, weiß wie schwer und sperrig so ein Ding sein kann. Das erklärte ich meinem Gesprächspartner also. Darauf bot er mir an eine eigene Schale in der Taxizentrale zu deponieren. Wenn ich also ein Taxi brauche, würde der Fahrer hinfahren, die Schale abholen und anschließend mich einsammeln. Natürlich müsse man mir die Fahrt von der Zentrale zu mir in Rechnung stellen. Ich fragte gar nicht erst nach ob ich die Fahrt der Babyschale zur Taxizentrale ebenfalls zahlen muss. Denn diese Lösung war für mich absoluter Quatsch mit Sauce.
Ich war bestimmt nicht die einzige Frau mit Baby, die ein Taxi brauchte, ohne eine sperrige Babyschale mitzuführen. Also musste es dafür auch eine entsprechende Vorschrift geben. Nach längeren Recherchen hatte ich eine Mitarbeiterin vom Ordnungsamt am Telefon, die mir erklärte, dass die Taxifahrer nicht verpflichtet seien einen Kindersitz für die Gewichtsklasse 0 mitzuführen. Denn der Platz im Kofferraum wird für das Gepäck der Fahrgäste benötigt. Und es liegt im Ermessen des Taxifahrers ein Baby ohne Kindersitz mitzunehmen. Den genauen Auszug aus der Taxiverordnung ließ ich mir schriftlich geben.

Fahrten mit dem Auto waren also mit Baby eine reine Organisationssache. Ich versuchte diese auf ein Minimum zu beschränken. Eine andere Alternative war bei der Taxizentrale anzugeben, dass ich ein Baby dabei habe. Und dann ging die Suche nach einem Fahrer los, der ein Baby transportieren konnte oder wollte. Spontane Taxifahrten waren somit Glücksache. Später lernte ich einen Fahrer kennen, der einen Kindersitz für Kleinkinder dabei hatte. Den habe ich dann zuerst angerufen, wenn ich ein Auto brauchte. Aber zum Glück ist das Frankfurter Verkehrsnetz gut genug, um fast überall ohne Auto hinzukommen.

Sind blinde Eltern unverantwortlich?

Ich war vielleicht 25 Jahre alt, als ich einem Freund erzählte, dass ich gern einmal Kinder haben möchte. Jedenfalls wenn ich den Vater meiner Kinder gefunden habe. Im Laufe dieser Unterhaltung bekam ich zu hören, dass so manche blinde Eltern ihr sehendes Kind als Ersatz für einen Blindenführhund benutzen würden. Und das wünschte er keinem Kind. Ähnliche Äußerungen habe ich ganz oft gehört. Meist kamen diese von nicht blinden Eltern, die wie selbstverständlich davon ausgingen, dass Kinder blinder Eltern geboren werden, um die Eltern zu entlasten. Ich hörte viele Geschichten von netten Kindern, die ihre blinden Eltern überall hinführten, ihnen das Fleisch klein schnitten oder sie mit dem Auto zu Freunden und Veranstaltungen fuhren. Meist handelte es sich um blinde Personen der älteren Generation und deren erwachsene Kinder. Kurz, hier verglichen Leute Äpfel mit Birnen.
Babys sind erst mal klein und auf die Versorgung durch uns Eltern angewiesen. Ob die Eltern eine Behinderung haben oder nicht, spielt hier absolut keine Rolle. Denn in der Regel hat man während der Schwangerschaft ausreichend Zeit sich auf das Kind vorzubereiten, und sich bei Bedarf Hilfe zu organisieren. Meine effektivste Hilfe bestand aus einigen Müttern, die Kinder im selben Alter wie ich hatten. Diesen Kontakt hat meine nachsorgende Hebamme hergestellt, damit wir uns untereinander austauschen konnten. Beide Mütter hatten noch ältere Kinder. Und so durfte ich von deren Erfahrungen profitieren.
Solange meine Kinder noch nicht zuverlässig liefen, trug ich sie im Tragetuch am Körper, oder zog sie in einem Kinderwagen hinter mir her. Wenn das Licht gut genug war, um meinen Sehrest zu nutzen, konnte ich den Kinderwagen auch schon mal vor mir her schieben. Später liefen die Kinder bei mir an der Hand. Wir übten das erst mal in einer verkehrsberuhigten Gegend, bevor wir uns in den normalen Straßenverkehr trauten. Dabei habe ich viele Jahre mit dem Stock getastet. Denn kleine Kinder können noch nicht zuverlässig führen. Und die Verantwortung für ihre Sicherheit lag noch immer bei mir, und nicht umgekehrt.
Für meine Kinder war meine Sehbehinderung das normalste auf der Welt. Wir konnten kein Auto fahren, oder das Fußballspiel des Sohnes optisch verfolgen. Ebenso waren spontane Aktionen, wie mal eben auf einen Bauernhof oder zum Rodeln fahren nicht drin. Also brauchten wir alternative Lösungen, um den Kindern ein normales Aufwachsen zu ermöglichen.
Im Laufe der Jahre haben die Kinder gelernt sich sicherer im öffentlichen Nahverkehr zu bewegen als viele Kinder ihres Alters. Das konnte ich ihnen gut vermitteln. Doch es gab Dinge, die ich ihnen nicht zeigen konnte. Das fing mit der Ampel an. Ich suchte mir Personen, die meinen Kindern früh zeigten wohin sie bei einer Ampel schauen mussten. Auch die Anzeige für anfahrende Busse oder Bahnen ließ ich ihnen später von einer sehenden Assistenz zeigen. Und nachdem sie älter wurden, suchte ich mir jemanden, der ihnen erklärte wie man einen Fahrplan liest. Mein Ziel war, dass sie sich auch behelfen konnten, wenn ich mal nicht dabei war. Mit diesem Wissen war ich ruhiger, wenn sie mal alleine unterwegs waren. Denn auch Kinder behinderter Eltern brauchen mit zunehmendem Alter ihren Freiraum.

Unsere Urlaubsziele suchten wir uns nach der Zugänglichkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus. Das garantierte uns eine Unabhängigkeit von Assistenz oder Auto. Und wenn wir doch mal ins Ausland fuhren, plante ich den Ablauf sorgfältig. Als ich beispielsweise mit den Kindern nach Ägypten flog, waren sie 10 und 11 Jahre alt. Daher schickte ich eine E-Mail an das Hotel, und beschrieb welche Hilfestellungen ich als blinde Mutter brauchte. Ich fragte an was sie davon leisten können, und was das kostet. Und so bekam ich Hilfestellung am Büfett, Hilfe beim Ausfüllen des Anmeldebogens und einen festen Ansprechpartner, den ich jederzeit hätte anrufen können. Ich wusste, dass der Strand und die Pools beaufsichtigt wurden, was meine Nerven beruhigte. Ich begegnete vielen hilfsbereiten und wohlwollenden Mitarbeitern, die ohne Scheu mit mir sprachen. Erst recht, da ich arabisch spreche. Von diesem Urlaub erzählen die Kinder noch heute.

Wir waren danach noch ein paar Mal zusammen im Ausland. Im vergangenen Sommer haben beide Kinder sogar einen eigenen Urlaub gemacht, und ihn komplett selbst organisiert. Das war für sie eine wichtige Erfahrung, wie viele Teenager sie machen dürfen.

Wenn wir heute zusammen unterwegs sind, lasse ich mich gern von meinen Kindern führen. Jetzt, wo sie beinahe erwachsen sind, kann ich mich blind auf sie verlassen. Wir machen das so, weil wir das wollen, und nicht weil wir das müssen.

Ich bin stolz darauf, dass meine Kinder mir kein verantwortungsloses Verhalten unterstellen. Denn das habe ich von so manchem gut meinenden Miterzieher schon zu hören bekommen. Aber mit diesem Problem befinde ich mich mit vielen nicht behinderten Eltern in guter Gesellschaft.

Also, liebe Miteltern, habt Mitleid mit Euren selbsternannten Miterziehern. Denn sie wissen nicht was sie tun, und tun es trotzdem. Und das mit einer bewundernswerten Ausdauer. Vor Allem diejenigen, die keine eigenen Kinder haben. Sie haben ihre Vorstellungen. Aber die wirklichen Experten seid Ihr. Macht Euch das immer wieder bewusst.

Blinde Eltern und Gesundheit

Lydia läuft mit Puppe im Tragetuch und Blindenstock eine Straße entlang.

BLOGBEITRAG LYDIAS WELT

Blinde Eltern und Gesundheit

Als Kind hatte ich große Angst vor Spritzen. Diese taten weh, und die Ärzte, mit denen ich meine ersten Erfahrungen machte, redeten nicht mit mir. Warum das so war, das weiß ich heute nicht mehr. Fakt aber war, dass ich eine riesengroße Angst bekam, wenn eine Impfung oder eine andere Art von Spritzen anstand. Tröstlich war, dass manche Ärzte mich damit köderten, dass ich eine Einwegspritze mit nach Hause nehmen konnte. Diese stellte einen unglaublichen Schatz dar. Und je größer diese war, desto mehr Wasser passte hinein. Und das entschädigte mich für den Schmerz. Als meine Kinder klein waren, war das Thema Impfen eines der meist diskutierten Themen in meinem Freundeskreis. Eine meiner Freundinnen, deren jüngstes Kind so alt war wie meine Tochter, bekannte sich offen dazu, dass sie ihre Kinder nicht impfen ließ. Ich selbst hatte anfangs gar keine Meinung dazu. Tatsächlich werden sowohl die Risiken als auch die Impfschäden meist überschätzt. Impfstoffe werden ja heute strengen Sicherheitskontrollen unterzogen, bevor sie zugelassen werden. Ich kannte es aus meiner Kindheit, dass meine Geschwister und ich alle möglichen Kinderkrankheiten hatten, und diese überlebten. Und danach hatte ich mich einfach zu selten mit der Thematik befasst. Meine Mutter hatte sich während meiner Kindheit darum gekümmert und später kümmerte ich mich um die Impfungen, die mein Hausarzt für notwendig hielt. Natürlich setzt das ein großes Vertrauen voraus.

Bei der Geburt meines ersten Kindes bekam ich das obligatorische Untersuchungsheft nebst Impfpass. Und jetzt begann ich mich damit auseinanderzusetzen. Ich wollte wissen, warum diese oder jene Impfung Sinn machte. Einen Verbündeten fand ich in unserem Kinderarzt, der mir mit einer Engelsgeduld meine Fragen beantwortete und mir die Angst vor den so gefürchteten Impfschäden nahm. Er half mir die Vorteile und meine Bedenken abzuwägen.
Außerdem genoss ich den Luxus, dass die Praxis uns anrief, sobald ein weiterer Impftermin anstand. Das war für mich eine große Erleichterung.

Als Mutter ist mir ein Schutz vor Krankheiten wie z.B. Masern oder Pneumokokken wichtig.

Ich schütze damit nicht nur meine eigenen Kinder, sondern trage durch die Impfung dazu bei, dass bestimmte Krankheiten ausgerottet werden.

Neben den empfohlenen Vorsorgemaßnahmen wie Impfen und U-Untersuchungen gab es noch weitere Maßnahmen, die für mich wichtig waren. Meine Kinder wurden beide gut ein halbes Jahr voll gestillt. Dann erst begann ich, pro Monat eine Mahlzeit durch Babynahrung zu ersetzen. Ich hatte Freude daran, diese selbst zuzubereiten. So wusste ich auch immer, was drin war. Ich nahm von Zeit zu Zeit ein weiteres Gemüse oder Obst dazu, um zu schauen wie meine Kinder darauf reagierten. Das war wichtig, um Allergien oder Unverträglichkeiten zu erkennen. Außerdem gehörten Spielen an der frischen Luft und ein halbwegs strukturierter Tagesablauf zu meinem Alltag mit Baby und Kleinkind.

Ein ganz großes Thema im Haushalt von blinden Eltern ist die Angst vor Gefahrenquellen, wie z. B. Putzmittel oder Verbrennen an heißen Herdplatten. So zumindest suggerierte mir das mein sehendes soziales Umfeld. Aber das kann man mit ein bisschen Kreativität lösen. Mein Korb mit den Reinigungsmitteln stand auf einem Regal, welches sich in zwei Meter Höhe befand, und auch für mich nur mit einer Trittleiter erreichbar war. Ich gewöhnte mir an, hauptsächlich auf den hinteren Herdplatten zu kochen. Da kamen meine Kinder nicht dran. Tja, und den Griff der Küchentür drehte ich um 90 Grad. Damit konnten meine Kinder die Tür nicht alleine öffnen. Im Übrigen eignet sich diese Methode auch hervorragend dazu, Katzen oder Hunden den Zutritt zu verwehren. Außerdem machen Kinder immer irgendein Geräusch. Nur wenn es mal ganz leise wird, sollte man doch mal nachschauen gehen. Erst recht, wenn es sich um mehrere Kinder handelt. Das mal so als Faustregel.

Blinde Eltern sind in erster Linie Eltern. Die Sehbehinderung sagt nichts über ihre Eignung als Eltern aus. Dennoch werden wir gern in die Schublade von Defizitäreltern gesteckt. Dabei machen sich werdende Eltern mit einer Behinderung meist mehr Gedanken über ihre Aufgaben als nicht behinderte Eltern. Denn das Leben mit Kind und einer Behinderung erfordert eine ganze Menge an Eigeninitiative und Kreativität. Erst recht, wenn wir unseren Kindern ein normales Leben ermöglichen wollen. Dazu kommen die ständigen Kämpfe gegen Vorbehalte gegenüber Eltern mit einer Behinderung, denen wir uns immer wieder stellen müssen.
In dieser Hinsicht unterscheiden wir uns doch etwas von anderen Familien. Genauer betrachtet sind wir aber am Ende alle gleich: Wir tun alles dafür, dass unsere Kinder gesund aufwachsen. Und das wiederum haben wir mit all den Familien gemeinsam, die Wert auf ein gesundes Aufwachsen ihrer Kinder legen. Unter dem #ungleichgleich könnt ihr unterschiedliche Familien kennenlernen, die sich auch mit dem Thema Impfen auseinandersetzen. Weitere Informationen zum Impfen findet ihr auf www.wirfuersimpfen.de/ungleichgleich.

Mit freundlicher Unterstützung von Pfizer.

Die blinde Mutter und der Autokauf

Lydia steht neben der Fahrertür eines Autos.

Ich habe mich nie besonders für Autos interessiert. Für mich war das ein Gehäuse auf vier Rädern. Auch die meisten Autotypen sagten mir wenig. Ich glaube, ich hatte ebenso viel Ahnung von den Eigenschaften eines Autos wie ein normal sehender Mensch von den Unterschieden bei der Brailleschrift.
Als ich klein war, hatten wir ein Auto in der Familie, welches von meinem Vater gefahren wurde. Meine Mutter erledigte ihren Alltag komplett ohne Auto. Und auch ich lernte ohne Auto zu denken. Und wenn ich doch mal einen Ort erreichen musste, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreichbar war, nahm ich mir ein Taxi, oder organisierte mir ein Auto inklusive Fahrer. Als meine Kinder im Vorschulalter waren, wurde das Auto noch mal interessant. Ich bezahlte eine Assistenz dafür mit mir den Familieneinkauf, den ich alleine nicht nach Hause tragen konnte, zu erledigen. Und wenn mein Sohn am Wochenende zu einem Treffpunkt für sein Fußballspiel musste, dann war ich auf die Hilfe von anderen Eltern angewiesen, oder ich bezahlte ein Taxi.
Auch meine Kinder lernten ohne Auto zu denken. Während ihrer Grundschulzeit war alles in meiner Heimatstadt zu Fuß erreichbar. Und als sie älter wurden, durften sie das Fahrrad benutzen. Dadurch erweiterte sich ihr Aktionsradius. Denn die weiterführende Schule war in der Nachbarstadt. Bei gutem Wetter fuhren sie mit dem Fahrrad hin, während sie im Winter den Bus nahmen. Wenn es mal richtig stark regnete, dann fanden wir entweder andere Miteltern, die meine Kinder mitnahmen, oder ich bestellte ihnen ein Taxi.
Mit 17 Jahren machte meine Tochter ihren Motorradführerschein. Dadurch erweiterte sich ihr Aktionsradius noch mal. Für sie war das wichtig, da das Einzugsgebiet ihrer aktuellen Schule sich vergrößert hatte, und der ÖPNV in manchen Situationen sehr zeitaufwändig war. Jetzt war es auch mal möglich für vier Freistunden nach Hause zu fahren, was mit dem Bus kompletter Unsinn war.
Anfang 2018 bekam sie nun ihren PKW-Führerschein. Endlich hatten wir jemanden in der Familie, der ein Auto fahren durfte. Aber woher jetzt ein Auto bekommen? Mein Mann und ich hatten versäumt uns mit der Materie Auto auseinanderzusetzen. Und jetzt bekamen wir die Rechnung präsentiert. Wir brauchten jemanden, der gemeinsam mit uns nach einem passenden PKW suchte. Und hier lag das Problem. Auf einmal hatten wir im sozialen Umfeld ganz viele selbst ernannte Experten, die uns mit so vielen Ratschlägen bombardierten, dass mir jedes Mal der Kopf schwirrte. Wir fuhren Gebrauchtwagenhändler ab, machten Termine mit verschiedenen Privatleuten, die Autos verkauften, um dann festzustellen, dass das Angebot sich vom tatsächlichen Objekt unterschied. Hurra, es lebe die Bildbearbeitung! Ein Verkäufer wollte uns sogar weiß machen, er habe das falsche Auto fotografiert. Schade, dass ich zu dem Zeitpunkt keine Visitenkarte vom ansässigen Blindenverband dabeihatte.
Mit dem Autokauf fühlte ich mich völlig überfordert. Vielleicht könnte man das mit einem nicht blinden Menschen vergleichen, der eine geeignete Braillezeile für einen Blinden aussuchen soll. Dabei konnte es doch kein Hexenwerk sein, ein Auto zu kaufen. Oder vielleicht doch? Und so langsam lief uns die Zeit davon.
Irgendwann telefonierte ich mit einem Bekannten, und sprach das Thema an. Dieser kannte sich aus, und hatte Freunde im Autohandel, die er fragen würde. Wir brauchten einen Gebrauchtwagen, der fahrtüchtig und ohne Bastelbedarf war. Eine Woche später fuhren meine Tochter und ich zu ihm nach Düsseldorf, wo wir eine Auswahl in Frage kommender Autos fanden. Wir entschieden uns für eines, und wurden handelseinig. Ich würde die Hälfte des Geldes überweisen, danach würden die Fahrzeugpapiere zu uns geschickt, und der Kaufvertrag aufgesetzt. Danach konnten wir hier das Auto versichern, anmelden, und anschließend in Düsseldorf abholen.
Es dauerte eine Woche, bis wir die Unterlagen hatten und eine Versicherung gefunden hatten.
Jetzt musste das Auto noch von Düsseldorf nach Frankfurt. Meine Tochter war Fahranfängerin. Daher wollte ich nicht, dass sie diese Strecke allein fuhr. Für 300 € hätte der Händler es uns auch geliefert. Doch wollte ich das Geld nicht ausgeben. Am Ende konnte ich eine Freundin der Familie dafür gewinnen das Auto gemeinsam mit mir zu fahren.
Diese Freundin fuhr mit mir zur Zulassungsstelle nach Langen, um das Auto anzumelden. Die dortigen Mitarbeiter hatten wohl noch nie einen blinden Menschen live und in Farbe gesehen. Jedenfalls erfüllten sie alle gängigen Klischees. Sie sprachen mit meiner sehenden Begleiterin, wenn sie etwas wissen wollten. Einige starrten mich an, als hätte ich eine neue Warze auf der Nase. Und gleich mehrere Mitarbeiter stellten meiner Freundin die Frage, ob sie mir bei der Unterschrift die Hand führen würde. Nein, tut sie nicht. Sie zeigt mir wo die Unterschrift hin soll.
Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Düsseldorf, und holten das Auto ab. Ein kleines Auto, das für uns alle Platz bietet, und meinen Kindern einen größeren Aktionsradius ermöglicht.

Was hat sich für mich seitdem geändert
In meinem Alltag hat sich nicht viel geändert. Ich bewege mich nach wie vor ohne Auto durch meinen Alltag. Die Ausnahme bildet der Großeinkauf, den wir jetzt mit dem Auto erledigen können. Außerdem können wir hin und wieder mal einen Ausflug an einen der naheliegenden Baggerseen machen. Diese sind für mich ohne Auto oder Fahrrad unerreichbar. Und wenn wir unterwegs sind, brauche ich mir keine Gedanken zu machen, dass ich zu jeder Zeit mein Gepäck selbst tragen können muss. Das Auto ist ein kleines Bonbon für meine Familie. Aber es wird nie meinen Alltag beherrschen. Dafür liebe ich meine Mobilität und Unabhängigkeit zu sehr.