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Die Arab. Episcopal School – Inklusion die Schule macht.

In meinem letzten Beitrag über die Arab. Episcopal School hatte ich dazu aufgerufen über einen Money Pool bei PayPal Geld im Wert einer Tasse Kaffee oder einem Eis zu spenden, welches eins zu eins der Schule zu Gute kommt. Für diejenigen, die einen Betrag spenden möchten, für den eine Spendenquittung gewünscht ist, gibt es den Förderverein Inklusionsschule IRBID FII e.V.

Mit Stand von heute kamen bis jetzt allein über den Money Pool 760 € zusammen. Dafür danke ich all denen, die ihren Teil dazu beigetragen haben. Ihr seid klasse.

Ebenso bedanke ich mich bei denen, die diesen Beitrag großflächig geteilt haben. Auf diese Weise habe ich Menschen getroffen, die gemeinsam mit mir die Idee entwickelt haben einen Life Talk über die Schule zu machen. Hier werde ich in einer Abendveranstaltung all die Fragen beantworten, die meine Leser und Hörer zur Schule und den Lebensbedingungen blinder und sehbehinderter Kinder stellen. Ich hoffe auf diesem Weg noch mehr Menschen dafür zu gewinnen die Arbeit an der Arab Episcopal School zu unterstützen.

Und so könnt Ihr Teilnehmen:

Datum:

Donnerstag, 25.03.2021 19:30 Uhr auf Clubhouse in den Raum:

„AES in Jordanien – Hilf Blinden & Sehenden Kindern gemeinsam zu lernen“

Ihr könnt mir unter meinem Profil folgen, um den Raum leichter zu finden.

Für diejenigen, die nicht auf Clubhouse sind, gibt es die Möglichkeit die Veranstaltung über Facebook zu verfolgen.

Alternativ haben wir noch die Möglichkeit Euch über diesen Link per Zoom teilhaben zu lassen.
Es wird für diejenigen, die nicht über Clubhouse kommen, die Möglichkeit geben ihre Fragen über einen Lifechat zu stellen.

Und zum guten Schluss habe ich noch ein aktuelles Video für Euch, welches ich vor ein paar Wochen aus Jordanien geschickt bekommen habe. Hier richten blinde Schüler verschiedene Bitten an ihre sehenden Mitmenschen. Da die Übersetzung nur in Schriftform auf dem Bildschirm zu lesen war, hat meine Tochter das Video nachvertont. Ich finde das Video schön, da die Bitten denen gleichen, die auch hier in Deutschland blinde Menschen an ihre sehenden Mitmenschen haben. Getreu dem Motto der Schule nicht auf die Unterschiede zu schauen, sondern die Gemeinsamkeiten rauszustellen und diese zu verstärken.

Ich freue mich, wenn ganz viele von Euch zu meiner Veranstaltung am Donnerstag 25.03.2021 kommen. Ladet möglichst viele mit ein, damit es ein gelungenes Event wird. Last uns gemeinsam etwas Liebe in die Welt tragen und gemeinsam etwas bewegen.

Eure Lydia

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Allgemein Haushalt Sport und Freizeit Zu Gast auf lydiaswelt

Blind grillen, so gehts

Mein heutiger Gastautor Marcus Ertl hat bereits die Beiträge Lasst mich auch dabei sein und Vertrauen und zutrauen für mich geschrieben. Er ist ein blinder Familienvater und grillt mit Begeisterung.
Wenn Blinde grillen, ist das notwenige Fingerspitzengefühl gefragt.
Ein Gastbeitrag von Markus Ertl

Ja, auch blinde GrillerInnen gibt es. Und es werden immer mehr. Meine Erfahrung zeigt, dass es uns aber nicht unbedingt zugetraut wird. Aber Blinde kochen, machen den Haushalt, erziehen Kinder, gehen zur Arbeit, treiben Sport, warum dann nicht auch grillen?
Jetzt könnte die Antwort sein, weil die sich dann immer die Finger oder das Grillgut verbrennen.
Aber warum grillen dann Sehende, oder haben diese sich noch nie die Finger verbrannt oder das eine oder andere Würstchen zu Kohle verarbeitet? Eben.
Erst gestern habe ich gedacht, der Griff wäre nicht so heiß. Das hätte ich mir aber auch sehenderweise gedacht und unvorsichtig an den Griff gefasst, ohne Handschuhe zu verwenden.
Also Schluss mit dem Vorurteil und ran an den Grill!
Aber es gibt dann Techniken, die man als Blinder nutzen kann, um am Ende leckeres für sich, seine Familie und Freunde auf die Teller zu zaubern und die möchten wir zeigen und gerne für uns auch noch verfeinern.
Und deshalb gibt es nun ein Grillprojekt „Niemand grillt – blind BBQ“ mit Aytekin und mir.

Welchen Grill nutze ich?
Das ist die alles entscheidende Frage, die jeder für sich anders beantwortet. Wir möchten mit unserem Projekt auch die Händler sensibilisieren, die dann auch blinde Kunden beim Kauf besser beraten können.
Ich grille auf Kohle in einem Kugelgrill und andere eben mit Gas. Und das soll auch jeder für sich selbst entscheiden. Mir ist nur wichtig, dass Feuer kontrollierbar ist und das sollte jeder beherzigen. Deshalb nutze ich eine große Grillfläche und habe nur zur Hälfte Kohle darunter. Dann nutze ich einen Anzündkamin, den ich vollmache und so das Feuer sehr kontrolliert starten kann. 15 Minuten dauert es, bis die Holzkohle, 20 bis 25 Minuten, bis die Briketts durchgeglüht sind. Dann leere ich den „Kübel“ voller Kohle aus, und gebe je nach gewünschter Temperatur nochmals Kohle hinzu.
Dann lege ich den Grillrost darüber und schon kann es los gehen.
Was kann ich beim Grillen beachten?
Deshalb nur auf einer Hälfte des Grillrost, da ich Fleisch und anderes in meiner Kugel auch indirekt grillen mag und immer viel Platz ist, etwas aus dem Feuer herauszunehmen.
Mit der Handfläche kann ich prüfen, wie heiß die Kohlen sind und ob ich schon auflegen kann.
Nun noch ein paar Mal mit der Messingbürste über den Rost schruppen, schon zischt das Fleisch beim Auflegen auf dem Grill.
Es dürfen genauso viele Stück Grillgut auf einmal drauf, wie ich diese mir von der Anordnung noch merken kann. 40 kleine Würstchen oder 35 Cevapcici würden mich selbst überfordern, da hole ich mir sehende Unterstützung.
Was auch ein guter Trick ist, mit einer Lochpfanne zu grillen, da ich diese kurz vom Feuer nehmen kann, alles neu anordnen und weiter grillen kann. Dann übersieht man nicht einzelne Würstchen.
Wann ist das Grillgut fertig?
Hitze x Größe des Fleisches / gewünschter Gargrad ist ca. die Zeit, dabei spielt die Erfahrung eine Rolle und mit einem Druck mit dem Finger oder mit der Fleischgabel erkenne ich, erkennen auch andere, wann das Fleisch fertig ist. Es gibt hier den Drucktest, der auch am Auge oder an der Daumenwurzel geübt werden kann.
Rotes Fleisch eher saftiger lassen, Geflügel und Schwein muss unbedingt durch sein.
Und ein digitales Thermometer ersetzt auch manchmal das Fingerspitzengefühl. Oft ist es mir aber zu kompliziert, das Thermometer zu verkabeln, anzubringen und mit einer App zu verbinden. Das mache ich dann nur bei längerem Grillen von Großen Stücken.
Dazu möchte ich eine nette Anekdote erzählen. Zwei Kumpels kamen etwas später, es war schon dunkel, der eine wollte sein Fleisch medium, der andere medium rare. Die Dunkelheit machte mir ja beim Grillen nichts aus, aber die beiden brauchten eine Taschenlampe, um zu sehen, dass Ihr beider Fleisch perfekt war. Ich fragte süffisant, warum diese nicht schmecken können, was ich mit der Grillgabel spüre.

Welche extra Hilfsmittel gibt es für blinde GrillerInnen?
Ich nutze eine sprechende Küchenwage für die Vorbereitungen, das digitale Thermometer mit der Sprachausgabe auf dem Smartphone, sehr gute Grillhandschuhe, meine Fingerspitzen und meine Handflächen. Diverse Grillkörbe und am Ende eine eigene Technik, wie ich wann wie was am Besten grillen kann.
Was gibt es für besondere Grilltechniken?
Es ist zwar nichts typisches fürs blind BBQ, sondern unterstützt mich eben besser, wenn ich nichts sehe. So wechsele ich vom Indirektgrillen mit einer Tropfschale zu direkt oder umgekehrt. So grille ich z.B. Würste und Schweinebauch erst indirekt, lasse diese quasi warm werden, um dann auf dem Feuer die Röstaromen und den typischen Geschmack ran zu bekommen.
Oder bei Steaks, die erst mit viel Hitze direkt gegrillt werden, um diese dann auf indirekter zu finalisieren.
Gibt es auch Grill-Bücher in Brailleschrift?
Ob es diese bereits in Brailleschrift gibt, weiß ich nicht. Viele der Grill-Bücher gibt es aber als eBook und so kann ich auch mir gute Anregungen holen. Es gibt aber auch unzählige Foren, Rezepte-Seiten und Gruppen rund um das Thema grillen, mal mehr, mal weniger gut mit Screenreader zugänglich.

Also, die Grillsaison hat bei uns schon begonnen. Wann beginnt Sie bei Euch?
Allzeit guten Appetit!

Ich danke Marcus für seinen Erfahrungsbericht. Mehr über dieses Thema könnt Ihr auf der Facebookseite Niemand grillt lesen, die er mit einem ebenfalls grillbegeisterten Freund betreibt. Eure Fragen und Anmerkungen dürft Ihr gern in die Kommentare schreiben.

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Die Arab. Episcopal School – Integrationsschule Jordanien

Heute möchte ich über ein Herzensprojekt schreiben. Es handelt sich um die Arab Episcopal School im Norden Jordaniens, die sowohl blinde und sehbehinderte, als auch normal sehende Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Ebenso wurden Arbeitsplätze für blinde Lehrkräfte geschaffen.
Die Arab Episcopal School wurde 2003 von Pfarrer Samir Esaid und seiner Frau, Sabah Zurikat, gegründet. Zu Beginn bestand sie nur aus einer kleinen Kindergartengruppe von 7 sehenden und einem blinden Kind. Es sprach sich herum, sodass immer mehr Eltern von blinden und sehbehinderten Kindern ihre Kinder dort anmeldeten.
2005 wurde mit der ersten Klasse die Grundschule ins Leben gerufen und jedes Jahr wächst die Arab Episcopal School mit dem „Älterwerden“ dieser Klasse.
Der Hauptgrund, der zur Entstehung dieser Schule mit besonderem Konzept führte, ist die fehlende Integration von Sehbehinderten und Blinden in der jordanischen Gesellschaft. Familien verbergen weitestgehend ihre „nicht normalen“ Mitglieder um dem Urteil Anderer und der Schäden, die ihr Name davon tragen könnte, zu entgehen. Das bedeutet, dass Menschen mit Behinderung gezwungen sind ein Leben außerhalb der Öffentlichkeit zu führen. Des Weiteren gibt es auch kaum Möglichkeiten für blinde Kinder eine spezielle Förderschule zu besuchen. Die einzige Blindenschule Jordaniens, vor Entstehung der AES, befand sich in Amman, und ist ein Internat. Kinder mussten, um in die Schule gehen zu können, wochenlang ohne ihre Familie leben.
Die Arab Episcopal School ist nun eine gute Alternative für den nördlichen Teil von Jordanien und ermöglicht, in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Erziehung, Blinden, Sehbehinderten und Sehenden das Erlernen von Lesen und Schreiben.
Durch die Klassen, in denen sowohl blinde, sehbehinderte, als auch sehende Jungen und Mädchen aller Glaubensrichtungen gemeinsam lernen, wird die Toleranz und das Bewusstsein füreinander gefördert und somit hoffentlich in Zukunft eine Generation mit mehr Verständnis für alle Mitglieder der Gesellschaft geschaffen.
Heute, im Jahr 2021, können die Schülerinnen die Schule bis zum Abitur besuchen. Insgesamt lernen 267 Jungen und Mädchen an der AES. Davon sind 37 blind oder sehbehindert. Die AES wird von 50 Lehrkräften und Mitarbeiterinnen geführt, von welchen fünf eine Sehbehinderung haben. Geplant ist, in Zukunft eine Ausbildungsmöglichkeit für Blinde und Sehbehinderte zu schaffen, die es den Schülern, welche das Abitur nicht machen, ermöglicht eigenes Geld zu verdienen.
Vor ein paar Jahren habe ich bereits einen Beitrag über die Arab Episcopal School geschrieben und erzählt, wie ich zu diesem Projekt kam. Denn ich hätte ebenfalls eines dieser blinden Kinder sein können, wenn ich nicht in Deutschland aufgewachsen wäre. Das ist der Stoff, aus dem meine Motivation gemacht ist, die Schule zu unterstützen.

Für diejenigen, die sich gern einen lebendigen Eindruck über die Schule machen möchten, habe ich ein Video gefunden, das vor einigen Jahren erstellt wurde. Daher sind die Zahlen vielleicht nicht mehr aktuell. Das aktuelle Geschehen könnt Ihr auch auf der Facebookseite verfolgen.
Einmal im Jahr unternimmt der Schulgründer eine Vortragsreise nach Deutschland. Dabei sammelt er Geld, welches zu 100 % der Schule zu Gute kommt. Durch Corona und die damit verbundenen Kontaktbeschränkungen ist diese Einnahmequelle im vergangenen Jahr ausgefallen.
Ich möchte gern helfen diese Finanzielle Lücke etwas abzumildern, und habe mir folgendes ausgedacht. Ich habe diesen Money Pool über PayPal eingerichtet, auf welchem diejenigen, die die Schule mit einem Geldwert einer Tasse Kaffee oder einem Eis unterstützen möchten, einzahlen können. Dieses Geld werde ich nach dem 31.03.2021 auf das Konto der Schule überweisen. Für diejenigen, denen ein größerer Betrag vorschwebt, für den eine Spendenquittung gewünscht wird, gibt es den Förderverein Inklusionsschule IRBID FII e.V.

Von Euch wünsche ich mir, dass Ihr dabei helft diesen Beitrag möglichst großflächig zu verteilen, damit ein möglichst großer Betrag zusammen kommt.

Danke dafür sagt jetzt schon Eure Lydia

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Stoppt die Ablehnungspraxis der Krankenkassen

Heute begrüße ich Gastautorin Andrea, die schon einmal unter dem Titel Ich will mich nicht immer rechtfertigen zu Gast auf meinem Blog war. Diesmal geht es um ein Thema, welches alle Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung und deren pflegende Angehörige oder andere Helfer angeht.

Stoppt die Blockade der Krankenkassen bei der Versorgung Schwerstbehinderter Menschen – eine längst überfällige Petition

Die meisten Menschen mit angeborenen oder erworbenen Behinderungen brauchen behinderungsbedingt medizinische oder technische Hilfsmittel, die sie bei den Krankenkassen beantragen können / müssen. Ich selbst bin von Geburt an blind und gehöre zu dieser Menschengruppe, die sich nach jeder Antragsstellung darauf einstellen muss, dass das beantragte Hilfsmittel zuerst einmal abgelehnt wird und es auf einen Rechtsstreit mit der Krankenkasse hinauslaufen kann. Das ist jedes Mal eine nervliche Zerreißprobe, die einem unter anderem auch schlaflose Nächte bereiten kann.
Dass es auch medizinische Hilfsmittel für Menschen mit Pflegebedarf gibt, die von den Krankenkassen übernommen werden müssen, darüber hatte ich mir keine Gedanken gemacht, bis mir eine Freundin erzählte, dass ihr kognitiv eingeschränkter Sohn Windeln trägt, deren Kosten von der Krankenkasse übernommen werden müssen, die nur die Kosten für Billigwindeln übernehmen, die ihren Zweck nicht erfüllen. Möchte man qualitativ höhere Windeln, müsse man die Mehrkosten selbst tragen, so die Schilderungen inzwischen einiger Betroffener. Damals war ich schockiert darüber, dass man sich als Mutter eines behinderten Kindes sogar um die Qualität und die Kostenübernahme von Windeln mit den Krankenkassen auseinandersetzen muss. Ab diesem Zeitpunkt wurde mir klar, dass ich über meinen eigenen, bisher „nur“ blindheitsbezogenen Tellerrand hinausschauen möchte.
Mehr als ein Jahr später schrie mir eine Petition in meiner mittlerweile um etliche Facebook-Gruppen erweiterten Blase entgegen, die uns alle angeht: diejenigen, die, völlig unerheblich mit welcher Behinderung, mit oder ohne Assistenz, ein selbstbestimmtes Leben führen, diejenigen, die in einem Heim untergebracht sind, in einer betreuten WG wohnen und / oder in einer Behindertenwerkstatt arbeiten, Arbeitslose, AkademikerInnen, PolitikerInnen und die vielen Angehörigen von behinderten Kindern, die keine Lobby haben und von außen kaum wahrgenommen werden. Diese Petition vereint uns alle, egal ob arm oder reich, und sie eröffnet uns allen die Chance, auf die ich persönlich schon lange gewartet hatte, nämlich die Option, uns gegen das seit Jahrzehnte herrschende Ungleichgewicht zwischen den Krankenkassen und uns, den KundInnen, zu wehren.

Hier ein paar Beispiele an Absurditäten, mit denen Antragsteller von medizinischen Hilfsmitteln von ihrer Krankenkasse schikaniert werden:
Eltern, die für ihr Kind, das sich behinderungsbedingt verbal nicht ausdrücken kann, einen „Talker“ beantragten, der dem Kind die Möglichkeit der unterstützten Kommunikation bieten würde, wurde das Gerät mit der Begründung, das Kind sei nur zu schüchtern zum Sprechen, abgelehnt.
Einem anderen Kind wurden sogenannte „Stubbies“, Schützer für die Beinstümpfe, mit denen sich das Kind frei bewegen könnte, nicht genehmigt, weil, wie sich später heraus stellte, der für das Kind zuständige Sachbearbeiter der Krankenkasse dieses Hilfsmittel nicht kannte. Dabei wäre es ein leichtes gewesen, zum Telefon zu greifen und bei den Eltern die Funktion von „Stubbies“ zu erfragen.

Viele Eltern pflegebedürftiger Jugendlicher und Erwachsener beklagen, dass deren eigene körperliche Unversehrtheit, die durch die Pflege ihrer Angehörigen in Mitleidenschaft gezogen wird, zu wenig in die Entscheidung zur Versorgung mit medizinischen Hilfsmitteln einbezogen wird, weshalb viele von ihnen an ihre körperlichen und psychischen Grenzen stoßen. Burnout vorprogrammiert, sagen sie.

Die Mutter eines 16jährigen Jugendlichen, der das Angelmannsyndrom hat (eine körperliche und geistige Einschränkung mit Gleichgewichtsstörungen, Epilepsie, Inkontinenz und atypischem Autismus), musste ihren 85 Kilogramm schweren Sohn, der sich seit mehreren Hüftoperationen nicht mehr selbstständig auf den Beinen halten kann, morgens vom Bett in den Rollstuhl und abends wieder ins Bett zurück heben, weil ein Patientenlifter nicht genehmigt worden war. Weil der Sohn zu schwer wurde, schlief die Mutter mit ihm zwei Jahre lang im Wohnzimmer. Die Familie badete den jungen Mann in einem Schlauchboot und duschte ihn mit einer Gießkanne ab. Es ist für mich völlig unverständlich, dass mitten in Deutschland eine Familie durch die Versäumnisse einer Krankenkasse auf eine solche Weise improvisieren muss.

Eine andere Mutter erzählt, dass für ihr Kind notwendige Therapien abgelehnt werden, die zuvor mehrmals genehmigt worden waren, mit der Begründung, es sei wissenschaftlich nicht erwiesen, dass die Therapie überhaupt etwas bringt. Und das, obwohl die Eltern Fortschritte beim Kind wahrnehmen. Durch die Verzögerung der Therapie baut das Kind allerdings erworbene Kompetenzen wieder ab.

Das sind nur wenige Beispiele der Alltagswidrigkeiten, die pflegenden Angehörigen von behinderten Kindern und Jugendlichen widerfahren.

Auch wir blinden und sehbehinderten Menschen, die ein weitgehend selbstständiges Leben führen können, müssen uns unter diesen erschwerten Bedingungen durch den Alltagswahnsinn kämpfen. Einer Dame wurde der Blindenführhund mit der Begründung, sie könne sich in einem Radius von 500 Metern mit dem Blindenlangstock gut orientieren, was für die Erfüllung der Grundbedürfnisse ausreiche. Erst nach einem jahrelangen Rechtsstreit wurde ihr der Blindenführhund zugesprochen.

Der jüngste von vier Kindern der Familie Lechleuthner ist drei Jahre und nach Hirnschäden unklarer Ursache schwerstbehindert. Der Kleine braucht vielerlei Hilfsmittel, und bei nahezu allen Anträgen kam es zu zeitlichen Verzögerungen bis zur Genehmigung. Letztlich wollte dies die Familie nicht länger hinnehmen und startete eine Online-Petition, um eine Änderung der derzeitigen Gesetzeslage zu erwirken. Ein Artikel des Donaukurier verdeutlicht die Situation der Familie. Beide Eltern sind Ärzte und möchten unter anderem nicht länger dabei zusehen, dass medizinisch nicht ausgebildete Krankenkassenmitarbeiter über eine verordnete Therapie entscheiden dürfen. Der medizinische Dienst, der aus ärztlichen, jedoch fachfremden Mitarbeitern besteht, wird von den Krankenkassen zu einer Begründung von Hilfsmittel-Ablehnungen herangezogen.
Die ärztlichen Mitarbeiter fertigen ihre Gutachten meistens nur nach Aktenlage an, ohne den jeweiligen Betroffenen jemals gesehen zu haben, was sehr oft zur Ablehnung des beantragten Hilfsmittels führt. Ein Rollstuhl, ein Pflegebett, eine Braille-Zeile, ein Blindenführhund oder ein Hörgerät wird also mit praxisfremden Begründungen abgelehnt, oder es werden vom Antragsteller nacheinander schriftliche Erklärungen für den schon längst plausibel begründeten Antrag auf das jeweilige Hilfsmittel eingefordert, die von Ärzten, Mobilitätstrainern oder Hilfsmittelfirmen erst einmal formuliert und vom Antragssteller nachgereicht werden müssen, während der einer enormen psychischen Belastung unterliegt und ohne sein Hilfsmittel nur eingeschränkt am öffentlichen Leben teilhaben kann.

Wir, die wir monatlich ordnungsgemäß unseren Versicherungsbeitrag bezahlen, werden von unseren Krankenkassen nicht wie Kunden oder Patienten, sondern wie Bittsteller behandelt.

Das sind Alltagsdiskriminierungen, die die Petitionsstarter und deren Unterstützer nicht länger hinnehmen wollen.

Mit der Petition “Stoppt die Blockade der Krankenkassen bei der Versorgung Schwerstbehinderter Kinder und Erwachsener” fordern sie

• keine systematische Infragestellung ärztlich eingeleiteter Therapien oder Verordnungen durch Krankenkassen
• direkte Kostenübernahme verordneter Hilfsmittel
• ausnahmslose Kostenübernahme fachärztlich verordneter Medikamente
• keine fachfremden Gutachten durch den MDK
• keine Gutachten nur nach Aktenlage
• keine Verzögerung der Therapien durch lange Bearbeitungszeiten der Krankenkassen
• Reformierung des MDK (Interessenskonflikt bei vollständiger Finanzierung durch Kranken- und Pflegekassen!)

Die Petition wird u.a. von, der Sprecherin für Behindertenpolitik und Bürgerangelegenheiten der Grünen-Bundestagsfraktion Corinna Rüffer, unterstützt, tausende haben sich bereits angeschlossen. Derzeit werden über 20.000 Unterschriften gezählt, angestrebt werden 50.000, um eine öffentliche Debatte im Deutschen Bundestag beantragen zu können.
Hier ist der Link zur Petition, deren Fortgang Ihr auf dem dazugehörigen Blog verfolgen könnt.

Danke Dir, Andrea, für diesen Beitrag, der in abgewandelter Form auf Kobinet-Nachrichten erschienen ist.

Ich wünsche mir, dass möglichst viele Unterschriften zusammenkommen. Bitte unterschreibt, wenn Ihr unser Herzensprojekt mit unterstützen wollt. Und natürlich dürft Ihr diesen Beitrag teilen, rebloggen oder auf andere Weise weiterempfehlen. Oder Ihr schreibt Euren eigenen Beitrag über dieses Thema. Wichtig ist, dass wir es schaffen möglichst viele Unterstützer zu gewinnen, damit diejenigen, die ein Hilfsmittel brauchen, dieses ohne ständige Rechtfertigungen, Bürokratie oder fachfremde Ablehnungen bekommen.

Ansonsten freue ich mich auf eine fruchtbare Diskussion in den Kommentaren.

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DAK – Sparen, auch wenn es mehr kostet

Als mobilitätseingeschränkte Patientin bekomme ich das Taxi in die nächstgelegene Augenklinik bezahlt. Ist diese etwas weiter weg, muss der behandelnde Arzt diese Fahrt begründen und verordnen. In Meinem Fall reden wir über eine einfache Wegstrecke von etwa 300 km, also 600 km für die Hin- und Rückfahrt.
Die Alternativen, die von der Krankenkasse übernommen werden, sind die Fahrt mit dem Zug oder mit dem eigenen PKW.
Als meine Kinder noch kein Auto hatten, habe ich die Fahrt mit dem Zug und dem Taxi vom Bahnhof zur Klinik eingereicht. Das hatte zur Folge, dass die entsprechende Abrechnung mehrmals korrigiert werden musste. Denn es gab nur eine Fahrt mit dem Zug oder mit dem Taxi. Und da jede Komponente dieser Fahrt einzeln berechnet wurde, blieb ich auf den Zuzahlungen sitzen. Seitdem habe ich der Einfachheitshalber die Fahrt mit dem PKW berechnet.
Eine Fahrt mit dem Taxi ist für mich als blinde Patientin nur wenig hilfreich. Die Fahrt endet vor dem Klinikeingang, oder wenn der Fahrer besonders nett ist, beim Pförtner der Klinik. Und genau hier werde ich am Ende wieder abgeholt. Wer die Besuche in Augenkliniken kennt, weiß, dass es sich hier meist um eine Ganztagsveranstaltung handelt. Ich bin also für mehrere Stunden komplett auf mich allein gestellt. Ich kenne mich in der Klinik, in der es regelmäßig Veränderungen in den Räumlichkeiten gibt, nicht gut genug aus, um alleine von einem zum anderen Untersuchungsraum zu kommen. Dort werden Nummern gezogen, die auf einer optischen Anzeige erscheinen. Diese kann ich nicht ohne fremde Hilfe lesen. Und wenn ein Augenarzt eine Untersuchung ansetzt, die in einem anderen Stockwerk stattfindet, muss ich warten, bis jemand von den Mitarbeitern Zeit hat mich zu begleiten. Bei der langen Wartezeit habe ich dieselben Bedürfnisse wie andere Patienten auch. Einen Kaffee holen, zur Toilette zu gehen oder mich in das WLAN der Klinik einbuchen. Auch dafür brauche ich eine sehende Hilfe.
Anfangs war es so, dass ich mir eine Begleitung aus dem sozialen Umfeld mitnehmen konnte, die das für ein gutes Essen oder eine andere Anerkennung machte. Da ich aber immer öfter in diese Klinik musste, war das irgendwann nicht mehr möglich. Also ging ich dazu über die Menschen, die mich begleiteten mit 10 € je Stunde zu bezahlen. Diese reichte ich bei der Krankenkasse ein. Dazu bekam ich vom Augenarzt eine entsprechende Begründung für die Notwendigkeit einer Begleitperson in die Klinik.
Eine ganze Weile musste ich mich mit der Kasse um jede Fahrt streiten, bekam sie aber dann doch im Rahmen einer Einzelfallentscheidung bezahlt. Vor etwa zwei Jahren bekam ich einen Anruf von einer Mitarbeiterin, die verstand warum ich diese Kosten geltend machte, und vermerkte in meinem Datensatz, dass ich diese Fahrten inklusive Begleitperson genehmigt bekomme.
Vor etwas mehr als einem Jahr setzte mich die DAK Gesundheit davon in Kenntnis, dass sie die Kosten für die Begleitperson nicht mehr übernehmen würde. Ein Widerspruch blieb erfolglos, und eine Klage hat keine Aussicht auf Erfolg. Denn ich habe nie eine schriftliche Zusage über diese Vereinbarung bekommen. Ich war naiv genug der DAK Gesundheit zu vertrauen. Das Taxi würde mir als blinde Patientin anstandslos bezahlt. Die sehende Begleitung, die nur einen Bruchteil dieses Betrags kosten würde, lehnt die Kasse ab. Ein solches Verhalten mir, die ich gelernt habe mit meinen und den mir anvertrauten Geldern achtsam umzugehen, einfach unbegreiflich. Für mich gehen die Bestimmungen eindeutig an den Bedürfnissen der Patienten vorbei.

Und, habt Ihr schon ähnliche Kuriositäten erlebt? Dann schreibt sie bitte in die Kommentare.