Mein Gastkind aus Palästina – Teil 3

Amal beim Töpfern

Inzwischen ist Amal seit fünf Wochen bei uns. Seitdem hat sich einiges getan. Sie hat gelernt sich selbst zu beschäftigen, wenn ich am Schreibtisch sitze, oder anderen Tätigkeiten nachgehe. Auch hat sie sich so weit in unserem Haushalt eingelebt, dass sie weiß wo sie was suchen muss. Einmal in der Woche spielt sie Showdown, was ihr großen Spaß macht. Und ein bis zweimal in der Woche Fahren wir nach Frankfurt, um dort mit anderen blinden und sehbehinderten Menschen zu töpfern, Kaffee zu trinken und Spaß zu haben.
In der vergangenen Woche habe ich gemeinsam mit ihr Kartoffeln geschält. Dabei habe ich ihr einen Sparschäler in die Hand gedrückt, und ihr den Umgang damit erklärt. Das passiert am besten, indem ich mir selbst jeden einzelnen Schritt vergegenwärtige, und diesen in Worte fasse. Und natürlich ist Anfassen erlaubt. Wenn ich also den Sparschäler in der rechten Hand halte, und die Kartoffel mit der linken drehe, kann ich mit dem rechten Daumen die Richtung kontrollieren, und gleichzeitig fühlen wie ich diesen führen muss. Das funktioniert auch bei Äpfeln oder anderem runden Gemüse oder Obst. Nachdem sie den Dreh raus hatte, ging das immer schneller. Nachdem sie die Kartoffeln noch gesäubert und kleingeschnitten hat, habe ich daraus Bratkartoffeln gemacht. Der Umgang mit einem Messer war ihr bereits geläufig.
Eine weitere Lektion war das richtige Säubern von Arbeitsflächen. Was so banal klingt, besteht faktisch aus mehreren Schritten. Ich muss erst mal Platz schaffen, die Fläche richtig sauber machen, abtrocknen, und anschließend die Gegenstände wieder an ihren Platz stellen. Am besten funktioniert das, wenn man systematisch arbeitet.
Gestern haben wir uns sogar an den Herd getraut. Da sie noch keine Erfahrung mit meinem Elektroherd gemacht hat, musste sie erst mal lernen wie ein Ceranfeld funktioniert, wie man das Teil bedient, und wie man erkennt welche Platten an oder aus sind. Im nächsten Schritt haben wir gemeinsam Rühreier gemacht. Dazu gehört das fett richtig zu dosieren. Ich habe ihr gezeigt, dass man hören kann, wenn das Fett heiß genug ist, wie man das vorbereitete Ei unfallfrei in die Pfanne gibt, und wie man den Garzustand erkennt. Das werden wir in den nächsten Wochen immer wieder üben, damit sich diese Kenntnisse festigen können.
Auch das Erlernen der deutschen Sprache macht Fortschritte. Sie versteht vieles. Inzwischen geht es darum die Sprache auch zu nutzen. Sie kann inzwischen etwas beim Bäcker bestellen, oder um etwas Bitten. Auch Begrüßung und Abschiedsformeln sitzen. Ich ermutige sie zum Sprechen, indem ich ihr mit einzelnen Worten aushelfe, wenn ihr diese fehlen. Gestern hat sie sogar auf Deutsch Domino gespielt. Auch einfache Fragen aus dem Alltag gehen inzwischen.
Was ihre Mobilität angeht, so hat sie inzwischen mehrere Trainingsstunden bekommen, und traut sich auch mal alleine zu laufen. Jetzt geht es darum, dass sie mehr Sicherheit bei der Orientierung bekommt. Daran werden wir in den nächsten Wochen arbeiten.
Eine ganz tolle Nachricht hat mich Mitte dieser Woche erreicht. Nämlich dass sie Anfang März einen Termin für eine augenärztliche Untersuchung hat. Das hat eine Leserin meines Blogs möglich gemacht. Danke dafür. Ich bin gespannt was dabei rauskommt.

Ein ganz dickes Dankeschön geht auch an diejenigen, die meine Beiträge mein Gastkind aus Palästina und mein Gastkind aus Palästina – Teil 2 so fleißig geteilt haben. Auf diese Weise habe ich nicht nur eine Menge Leser erreicht, sondern es sind mit Stand von heute mehr als 500 € auf dem Spendenpool eingegangen, den ich für Amal eingerichtet habe. Wenn ihr Besuch in Deutschland beendet ist, werde ich für die Leser und Spender aufschlüsseln wofür ich dieses Geld verwendet habe.

Und jetzt freue ich mich auf Eure Kommentare zum Beitrag.

Mein Gastkind aus Palästina – Teil 2

Amal vor einem Aufzug an einer U-Bahn-Station

In meinem Beitrag Mein Gastkind aus Palästina hatte ich Amal vorgestellt, über ihre Einreise nach Deutschland berichtet und einen Ausblick auf mein Vorhaben gegeben.

Inzwischen lebt sie seit fast drei Wochen bei uns in der Familie. Sie teilt sich das Zimmer mit meiner Tochter. Und das klappt erstaunlich gut. Ich habe ihr einen Schreibtisch eingerichtet, auf dem sie schreiben oder ein Keyboard stellen kann. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es für blinde Menschen praktischer ist, wenn sie ihre Hilfsmittel stehen lassen können.
Zwei Tage nach ihrer Ankunft überlegten meine Tochter und ich, wie wir Amal erklären können, wie ein Toastbrot mit Butter bestrichen wird. Die Lösung sah so aus: Mit dem Messer Butter aus dem Behälter nehmen, und es in die rechte obere Ecke tun. Dann mit der flachen Seite des Messers darüber streichen und das Brot um 90 Grad drehen. Dann wiederholt man diesen Vorgang so lange, bis alle Seiten dran waren. Am Anfang darf man nachfühlen, und spürt wie gleichmäßig die Butter verstrichen wurde. Das klappt inzwischen sehr gut.
Eine weitere Lektion war die Mülltrennung, die sie noch nicht kannte. Wir trennen Bio-, Verpackung-, Altpapier und Restmüll. Weitere Basics wie das Einräumen von benutztem Geschirr in die Spülmaschine oder den Tisch sauber wischen klappen gut. Manche Kenntnisse hat sie bereits mitgebracht. Dazu gehören das Zusammenlegen getrockneter Wäsche oder der Abwasch. Ich muss also nicht ganz bei null anfangen. Ab der nächsten Woche werden wir gemeinsam kochen. Da werde ich sehen was sie bereits kann, und was ich ihr vermitteln kann.
Gleich einen Tag nach ihrer Ankunft habe ich begonnen sie im Umgang mit dem Blindenlangstock zu schulen. Erst habe ich ihr die Haltung gezeigt, was sie dann bei uns im Wohnzimmer geübt hat. Anschließend sind wir nach draußen gegangen. Ich habe ihr gezeigt wie sie Bordsteine oder Hindernisse erkennt. Seither waren wir viel unterwegs. Sie hat inzwischen gelernt mit dem Stock Treppen zu erkennen und zu bewältigen und sicher in eine U-Bahn oder S-Bahn ein und auszusteigen. Am Einsteigen in einen Bus müssen wir noch etwas arbeiten. Denn da ich in der vergangenen Woche mit meiner AugenOP beschäftigt war, konnten wir nicht weiter daran arbeiten. Das wird in der kommenden Woche ein Thema sein.
Vor ein paar Tagen hatte ich Besuch von einer Trainerin, die sich angesehen hat, wie Amal mit dem Stock läuft. Sie hat meine Arbeit gelobt, da Amal eine gute Pendeltechnik gezeigt hat. Darüber habe ich mich riesig gefreut. Weitere Trainingseinheiten mit der Trainerin sind in Planung.
Amal hat inzwischen einige deutsch und arabisch sprechende Menschen aus meinem Bekanntenkreis kennen gelernt. Die meisten davon sind blind oder sehbehindert. Das ist wichtig für den Erfahrungsaustausch. Sie hat auch Bekanntschaft mit meinen Hobbys töpfern und Showdown spielen gemacht.
In Zusammenarbeit mit einem befreundeten Journalisten ist dieses kurze Video mit Amal entstanden. Es zeigt sie wie sie sich auf Deutsch vorstellt und anschließend mit dem Blindenstock über einen Bürgersteig läuft.

Mit meinem ersten Beitrag über Amal habe ich einen Spendenpool über PayPal für sie eingerichtet. Damit sollen Kosten bestritten werden, wie beispielsweise für Augenarzt, Trainingseinheiten oder mögliche günstige Hilfsmittel. Mit Stand von heute sind 265 € zusammengekommen. Von Menschen, die ausschließlich auf mein Wort vertrauen. Das hat mich besonders berührt. Dafür danke ich allen Spendern, und denen, die meinen Beitrag in ihren Netzwerken geteilt haben. Ich werde in den nächsten Wochen weiter über Amal und ihren Aufenthalt in Deutschland berichten.

Zugänglichkeit bei Zeitungsartikeln

Wie viel online braucht der Mensch?

Der Tag des weißen Stocks beschließt die Woche des Sehens und findet jedes Jahr am 15.10. statt. Hier machen blinde und sehbehinderte Menschen durch unterschiedliche Aktionen auf ihre Situation und ihre Bedürfnisse aufmerksam.
Auch ich habe mich in diesem Jahr mit einer Aktion beteiligt. Ich habe mit einem Team eine Dunkelbar in meiner Heimatstadt organisiert, die wir mit Flyern, Verbreitung in sozialen Netzwerken und einer Pressemeldung beworben haben. Für die Offenbachpost war die Meldung interessant genug, um einen schönen Artikel darüber zu schreiben. Die Mitarbeiterin, die das entsprechende Interview mit mir geführt hat, schickte mir einen Direktlink zu. Außerdem hat die Frankfurter Neue Presse einen Artikel über Blindheit am Tag der Veranstaltung veröffentlicht, nebst einem Gastbeitrag aus meinem Blog. Beide Artikel waren für mich gut lesbar, da diese als für mich zugängliche Onlineausgabe verfügbar waren.
Der Tag der Veranstaltung kam, und damit auch eine Mitarbeiterin der Offenbachpost. Diese schaute sich alles an, stellte Fragen und machte ein entsprechendes Foto. Andere trauten sich offenbar nicht zu uns in die Dunkelbar. Wahrscheinlich hatten die alle Angst im Dunkeln.
Zwei Tage später wurde der Beitrag in der Printausgabe veröffentlicht. Und noch einen Tag später erfuhr ich von dessen Existenz, weil eine Freundin ihn mir vorgelesen hat. Ich fragte bei der Verfasserin nach, und erfuhr, dass dieser Artikel ausschließlich in der Printausgabe verfügbar ist. Ich habe die Verfasserin sofort darauf aufmerksam gemacht, dass dieser für blinde Nutzer damit nicht lesbar ist. Nachdem ein paar E-Mails hin und her gegangen waren, wurde der Artikel auch online verfügbar gemacht. Damit war er für blinde Nutzer, die einen PC oder ein Smartphone bedienen können, ohne fremde Hilfe lesbar.
Solche Erfahrungen machen blinde und sehbehinderte Menschen immer wieder. Dementsprechend wähle ich die Medien aus, die für mich zugänglich sind. Das kann ein Podcast sein, aber auch die Onlineausgabe einer Zeitung, deren Inhalte ich lesen möchte. Wer nur eine Printausgabe zur Verfügung steht, den lese ich einfach nicht, fertig! Jedenfalls wenn Alternativen verfügbar sind.
Im Beispiel des Artikels über mich gab es nur die Alternative, dass mir jemand diesen vorliest. Wäre er online verfügbar gewesen, hätte ich selbst lesen können was da über mich geschrieben wurde. Das heißt für mich lesen ohne Barriere. Denn wer schon mal versucht hat sich mit einem Vorlesegerät für blinde Personen durch die Printausgabe einer Zeitung zu quälen, der weiß wie zeitaufwändig das sein kann.

Liebe Medienmacher,
wenn Ihr über Menschen mit einer Sehbehinderung schreibt, dann liegt es auch in Eurer Verantwortung dafür zu sorgen, dass diese Euren Artikel auch ohne fremde Hilfe lesen können. Das geschieht mit dem PC oder einem Smartphone. Diese verfügen über die Möglichkeit sich den Artikel mittels einer Sprachausgabe, Braillezeile oder Großschrift zugänglich zu machen. Und zwar dann, wenn sie den Artikel lesen wollen, und nicht wenn irgendeine Assistenz gerade Zeit dafür hat. Wir nennen das Selbstbestimmung. Ein weiterer Aspekt ist, dass ich den Beitrag mehrmals lesen und darin navigieren kann. Und ich kann ihn, wenn ich das möchte auf meinem Blog verlinken, damit meine Leser auch etwas davon haben.

Herzliche Grüße
Eure Lydia

Mein Gastkind aus Palästina

Amal sitzt auf einer roten Couch und streichelt mit der rechten Hand Katze Mignones kopf

Amal und ich stehen seit Jahren in Kontakt. Wir sind entfernt miteinander verwandt. Sie ist blind und lebt mit ihrer Familie im Westjordanland. Die ersten sechs Schuljahre besuchte sie ein Internat für blinde Kinder. Anschließend wechselte sie auf eine Regelschule und machte dort ihr Abitur, gefolgt von einem Studium für Englisch. Den Umgang mit dem PC hat sie sich selbst beigebracht, um mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen und sich Wissen anzueignen. Einen Job konnte sie in den letzten Jahren nicht finden. Ihr größtes Hobby ist das Singen. Außerdem spielt sie ein bisschen Klavier.
Im letzten Herbst habe ich sie eingeladen uns hier in Deutschland zu besuchen. Ich wollte mehr über diese junge Frau und ihre Lebensweise wissen. Und ich wollte meinen Kindern, die hier in Deutschland groß geworden sind, Gelegenheit geben sich mit der arabischen Kultur auseinanderzusetzen. Und ich wollte ihr ein bisschen von dem Wissen weitergeben, das mir geholfen hat ein selbstbestimmtes Leben als blinde Frau zu führen.

Einfach so mit einem Touristenvisum konnte sie nicht kommen. Also stellten mein Mann und ich den Antrag bei der Ausländerbehörde. Hier wurde über einen langen Zeitraum geprüft, ob wir in der Lage sind für ihren Unterhalt zu sorgen, ob wir genügend Wohnraum besitzen usw. Nachdem wir alle erforderlichen Formulare ausgefüllt und die entsprechenden Belege eingereicht hatten, wurde der Bescheid nach Palästina geschickt. In der Regel geht das durch einen Courier. Jemand, den man kennt, der einen kennt, nimmt das Formular mit nach Jordanien. Dort holte es meine Familie ab, und sorgte dafür, dass Amal es bekam. Nun musste sie damit zur deutschen Botschaft gehen, eine Auslandskrankenversicherung nachweisen, und das Besuchervisum beantragen. Probleme gab es, da Amal weder ein eigenes Konto, noch eine Kreditkarte besitzt. Blinde Menschen dürfen dort kein eigenes Konto eröffnen. In Ausnahmefällen bekommen sie eines, wenn sie vier sehende Zeugen mitbringen, die dann auch bei Abhebung von Bargeld das Geld ausgehändigt bekommen. Ich werde an anderer Stelle weiter auf diese Gesetze eingehen. Die Botschaft gab sich erst mal mit dem Konto ihres Vaters zufrieden. Und so bekam ich am 01. Januar 2019 einen Anruf von einem dortigen Mitarbeiter, der ein paar Fragen an mich hatte. Er wollte wissen warum wir Amal einladen, und wie wir zu ihr stehen. Das überzeugte ihn. Denn solche Anträge werden meist abgelehnt.
Jetzt ging es darum die Reise von Amal nach Deutschland zu organisieren. Als Palästinenserin kann sie nicht einfach mal von Tel Aviv nach Deutschland fliegen. Der Weg führt über die Jordanische Grenze, und von dort nach Amman. Das ist etwa eine Reise von sechs Stunden. Dort war mein Vater zu diesem Zeitpunkt, der Amal mit nach Deutschland bringen würde. Denn für sie war es ihr erster Flug.
Seit dem 10.01. ist Amal jetzt bei uns. Sie spricht bereits erste Worte in Deutsch, und hat die ersten Schritte mit dem Blindenlangstock gemacht. Wir werden daran arbeiten, dass sie lernt sich alleine zu orientieren. Weiter stehen Lebenspraktische Fähigkeiten auf meinem Aktionsplan. Wenn sie in drei Monaten wieder in ihre Heimat reist, wird sie diese Kenntnisse an andere blinde Menschen weitervermitteln können. Außerdem möchte ich, dass sie augenärztlich untersucht wird. Die letzte Untersuchung ist irgendwann in ihrer Kindheit gewesen. Ich möchte, dass eine Diagnose gestellt wird, damit wir wissen mit welcher Augenerkrankung wir es zu tun haben, und sich daran etwas verändern lässt.

Ich mache das, weil ich mich selbst in dieser jungen Frau sehe. Nur hatte ich das Glück, dass sich Menschen um mich kümmerten, und mir mein heutiges Leben ermöglicht haben. Das Meiste kriege ich irgendwie hin. Dennoch bin ich für jede Spende dankbar. Damit kann ich vielleicht kleine Hilfsmittel für Blinde kaufen, einen Augenarzt bezahlen oder einen Mobilitätstrainer, der prüft, ob ich ihr die Blindentechniken richtig beigebracht habe.

Und ich freue mich darauf ihr Deutschland ein bisschen zu zeigen. Nicht das Deutschland, welches sie aus den Medien ihrer Heimat kennt, sondern das, welches ich kenne und liebe gelernt habe. Und natürlich werde ich hier auf dem Blog über das Projekt Amal weiter berichten.

Ich habe spontan diesen Spendenpool über PayPal eingerichtet. Wenn Ihr meine Arbeit gut findet, und mich dabei unterstützen wollt, dann teilt diesen über Eure Netzwerke. Dafür danke ich Euch von Herzen. Eure Lydia

Freiwilliges Jahr in Togo, eine Sehbehinderte erzählt

Gastschwester Samsia (rechts) und Jasmin (links) in festlicher Kleidung bei einem Ausflug nach Bassila (Benin)

In meinem Beitrag blinde Menschen in Togo hat meine Gastautorin Jasmin über ihren Besuch in einem Blindenzentrum berichtet. Gemeinsam haben wir eine Spendenaktion gestartet. Darüber werde ich an anderer Stelle noch einmal berichtet, wenn wir die ersten Stöcke an blinde Menschen in Togo ausgegeben haben. Ich finde, dass ich das den Spendern schuldig bin, die auf mein Wort vertrauen, dass ich das mir anvertraute Geld tatsächlich für Blindenstöcke ausgebe. Dafür danke ich von Herzen. Für jetzt stellt sich Jasmin vor, und berichtet über ihr Freiwilligenjahr in Togo.

Ich heiße Jasmin, bin 18 Jahre alt und habe letzten Sommer mein Abitur mit der Note 1,5 an einer Regelschule abgeschlossen. Mit Brille sehe ich auf dem einen Auge 5% und auf dem anderen 10% von dem eines Normalsehenden. Zudem bereitet mir das Sehen bei Nacht Probleme. Während der Vorbereitungen für das Abitur ist mir eine erneute deutliche Sehverschlechterung aufgefallen. Und so habe ich nach langer Überlegung einen Antrag auf einen Blindenlangstock und einem Mobilitätstraining gestellt. Zudem habe ich angefangen mich mit dem Thema Sehbehinderung und Blindheit erstmals ernsthaft auseinanderzusetzen. Bisher kannte ich keine anderen Menschen mit einer Sehbehinderung. Und ich hatte stets das Bestreben, in der Schule und im Alltag dieselben Leistungen wie meine normalsehenden Mitschüler zu erbringen. Mit Blocklupe, Monokular und Tablet war ich gut ausgestattet, weshalb eine Sonderpädagogin einer Blinden- und Sehbehindertenschule auch nur etwa einmal pro Jahr kam um den Nachteilsausgleich zu klären. Anstatt im Januar endlich mit dem Lernen fürs Abitur anzufangen, suchte ich im Internet nach Angeboten für einen Freiwilligendienst auf dem afrikanischen Kontinent. Wieso Afrika? Weil mich dieser Kontinent schon seit der Grundschule fasziniert hat. Ein Freiwilligendienst erschien mir als die beste Möglichkeit eine andere Kultur kennen zu lernen. Insbesondere da man in einer Gastfamilie lebt und nicht wie im Urlaub oder als Auslandsaufenthalt über die Arbeit, vom Lebensalltag und den Problemen der Menschen abgeschirmt ist. Aber ehrlich gesagt auch aus Angst, dass die Augen noch schlechter werden und es zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr so unproblematisch möglich sein könnte.
Meine Bewerbung schrieb ich für verschiedene Stellen in Ghana, erwähnte meine Sehbehinderung jedoch nur sehr vage in der Aussage, dass ich zu schlecht sehen würde, um einen Führerschein zu haben. Genauer nachgefragt wurde nicht mehr. Auch nicht, als für das Gesundheitszeugnis angegeben werden musste, dass bei mir der Verdacht auf Zapfen-Stäbchen-Dystrophie vorliegt.

Letztendlich kam die Zusage, verbunden mit der Frage, ob ich mir nicht auch vorstellen könne, in einem Bildungszentrum in Togo zu arbeiten. Da ich währenddessen in der Oberstufenbibliothek, die eine Freundin und ich zusammen aufgebaut und weitestgehend selbstständig geleitet haben, arbeitete, passte es sehr gut. Zumal ich mehrere Praktika in Büchereien gemacht hatte und die Bestätigungen, neben einem Nachweis über meine Kenntnisse in Französisch der Bewerbung beigefügt hatte.
Ich als einzige ausländische Freiwillige in Balanka. Das Dorf hat etwa 8000 Einwohner, verfügt über eine Krankenstation, sowie Schulen bis zur 10. Klasse und liegt im Norden Togos, an der Grenze zum Nachbarland Benin. Die Menschen leben neben ihren Berufen wie Lehrerin, Motoradtaxifahrer, Händlerin und Schneiderin vor allem von der Landwirtschaft. Balanka hat seit dem Jahr 2014 Strom und ist sehr aktiv um seine Weiterentwicklung bemüht. Dies wird durch einen Verein aus Deutschland unterstützt.
Ich arbeite zusammen mit einem hauptamtlichen Bibliothekar und einem togolesischen Freiwilligen in der Bibliothek, die durch den Verein «Bildung für Balanka» errichtet wurde. Die Bibliothek bietet den Verleih von Schulbüchern an. Die Schüler kommen zum Hausaufgaben machen und Lesen üben zu uns. Zudem werden beispielsweise Computerkurse, ein Theater- und Englischclub angeboten. Da die Bibliothek über Solarstrom verfügt, ist sie besonders bei Stromausfällen gut besucht.

Ich lebe in einer Gastfamilie in Balanka, wohne allerdings im Gästehaus der Leiterin des Vereins. Dies hat vor allem Platzgründe, da die Gastfamilie sehr groß ist. Den Großteil meiner Freizeit verbringe ich auf dem Hof der Familie, sodass ich meist nur zum Wäsche waschen oder putzen ins Gästehaus gehe. Ich habe zwei sehr liebevolle Gastmütter und insgesamt 14 Gastgeschwister, bei zweien handelt es sich allerdings auch schon um Enkelkinder. Mein Gastvater Batchene hat früher als Busfahrer gearbeitet und bewirtschaftet jetzt seine Felder. Seine Frau Mommy betreibt abends eine Cafeteria und verkauft morgens Wetau, fermentierten Maisbrei.
Mit meiner gleichalten Gastschwester Samsia gehe ich jeden Samstag joggen, mit den jüngeren Geschwistern spiele ich oft auf dem Hof.
Das Leben in Balanka ist für mich recht unkompliziert, die Wege sind kurz und weitestgehend eben. Es ist auch nicht allzu schlimm, jemand auf der Straße nicht zu erkennen. Ich grüße, wie hier üblich, jeden und der Smalltalk auf der Straße in Balanka ist, egal ob zwischen Bekannten oder Freunden, ziemlich identisch.
Einige Barrieren bestehen für mich hier in Togo nicht mehr. So gehe ich immer mit meinen Gastgeschwistern zum Markt. Wenn man etwas sucht, kann man fragen und ein Kind kann einen sicher zu dem gesuchten Ort oder Produkt führen. Auch die Wege sind hier deutlich kürzer und weniger verkehrsbelastet als von Deutschland gewohnt. Dies liegt aber primär daran, dass es sich um ein Dorf handelt. In einer Großstadt wie Lome oder Sokode kann ich kaum alleine eine Straße überqueren, ohne dass es lebensgefährlich ist, da der Verkehr, besonders aufgrund der vielen Motorräder für mich absolut nicht einschätzbar ist.

Für mich ist das Jahr in Togo schon nach den ersten vier Monaten eine wunderbare und unglaublich interessante Erfahrung. Ich habe Einblicke in das Leben vieler Menschen bekommen, neue Freunde gefunden und auch eine neue Sichtweise auf das Thema Entwicklungspolitik. Und wie mein Freund vor dem Abflug schon ankündigte, so habe ich auch meine Sehbehinderung noch mal auf eine neue Art kennen gelernt.

Danke Dir, liebe Jasmin, für den Einblick in Dein Leben in Togo und Deine Arbeit. Wenn Euch, liebe Leser, dieser Bericht gefallen hat, dann drückt doch einmal auf gefällt mir, oder hinterlasst ein paar Worte für Jasmin, die hier mitliest.