Der Blinde und das Jobcenter

Kamil Günay 2018-03-18 16.06.20

2013 hatte ich nachdem ich mich Arbeitsuchend gemeldet hatte, einen Termin bei einer Mitarbeiterin der Agentur für Arbeit, welche für Menschen mit Behinderung zuständig war. Ich viel daher aus allen Wolken, als sie sagte, sie wisse gar nicht, wie sie mir jetzt helfen könne. Außerdem sprach sie fortwährend mit meinem Begleiter, den ich wegen der schlechten Verbindung mit dem ÖPNV mitgenommen hatte. Inwieweit es sich bei diesem Termin um Zeitverschwendung oder aber ein Lerngeschenk handelt, liegt im Auge des Betrachters.

Heute schreibt mein Gastautor Kamil Günay über seine Erfahrungen mit dem Jobcenter, welche sich durch hartnäckige Lernresistenz und einem falschen Weltbild von Menschen mit Behinderung auszeichnen.
Blinde erleben im Alltag die unterschiedlichsten Hindernisse. Manche davon sind so gestaltet, dass man sie mit etwas Geschick umschiffen kann. Oft sind es Menschen, die durch Unwissenheit Barrieren aufbauen. Aber auch da, ein freundliches Gespräch löst meistens alles auf. Ich möchte euch heute von Diskriminierungen und Demütigungen erzählen, die sich in den letzten Jahren auch nicht durch noch so viele Gespräche haben lösen lassen. Denn gerade in der Jobsuche oder auf Behörden gerät man oft an Grenzen, die auch psychisch ziemlich aufreibend sein können.

Kurz zu mir:
Ich bin 43 Jahre alt, von Geburt an blind und lebe in Wuppertal. 1998 habe ich eine Ausbildung als Kaufmann für Bürokommunikation abgeschlossen. Von 1999 bis 2002 habe ich als Systemadministrator und Netzwerktechniker für eine türkischen Telefongesellschaft gearbeitet. Als die Niederlassung geschlossen wurde, wurde ich arbeitslos.

Neben meinem privaten Blog, wo es hauptsächlich um Science Fiction und Fantasy geht, wo ich aber auch immer mal wieder persönliches poste, betreibe ich noch die Plattform TuKSuB. Das steht für Technik und Kommunikation für Sehbehinderte und Blinde. Hier wird über Hilfsmittel, Alltagsgeräte oder Smartphones diskutiert. Das geschieht in Blogbeiträgen, Podcasts und hauptsächlich in einer Mailingliste.

Behördenstress!
Zum Ausfüllen von Formularen benötige ich Hilfe. Ich kann zwar mit meinen Hilfsmitteln, Scanner oder auch mit dem iPhone, lesen, was da auf den Formularen steht, aber ausfüllen kann ich diese nicht. Hier wird mir von den Behörden immer wieder die Hilfe verweigert, aktuell vom Jobcenter Wuppertal. Oft bekomme ich Hilfe erst nach langen Diskussionen oder anwaltlicher Hilfe.

Immer wieder wird mir vom Jobcenter gesagt, ich sei eigentlich ja gar nicht erwerbsfähig. Auf meine Frage, wie man denn jetzt darauf komme heißt es, ich hätte ja das Merkzeichen H im Schwerbehindertenausweis, welches für „Hilflos“ stünde, und da gäbe es ja ein Dokument, wonach man mich in die Grundsicherung befördern müsse… Meine Argumente, dass das Merkzeichen H im Schwerbehindertenausweis eines jeden Blinden steht und viele Blinde berufstätig sind, zählten da nie.

Aktuell versucht man mich im Rahmen einer Mietsenkungsmaßnahme zu einem Umzug zu bewegen. Die Wohnung sei zu groß und zu teuer. Nun, eine für mich als Blinden einigermaßen barrierefreie Wohnung zu finden, die günstiger ist, dürfte schwierig sein. Für mich ist ja nicht nur die Größe der Wohnung wichtig, sondern auch die Infrastruktur, wie ÖPNV, Einkaufsmöglichkeiten und dergleichen. Auch hier wird seitens des Jobcenter Wuppertal nahezu jedes Argument ignoriert, welches ich anbringe. Stattdessen soll ich nachweisen, ob ich in einer Pflegestufe bin.

Die ganze Angelegenheit ist selbstverständlich wesentlich komplexer. Um aber hier den Rahmen nicht zu sprengen, habe ich die Sache nur oberflächlich angerissen. Wer Interesse am Behördenwahnsinn Wuppertals hat, kann die ganze Geschichte auf meinem Blog hier nachlesen.

Mehr über Kamil könnt Ihr auf Science/Fantasy-Ecke dem Treffpunkt für SF- und Fantasy-Fans oder auf TuKSuB | Technik und Kommunikation für Sehbehinderte und Blinde lesen.

Ich danke Kamil für seinen Beitrag, und lade Euch ein in den Kommentaren darüber zu diskutieren.

Die Begriffe assistieren, betreuen, bevormunden

Lydia mit Blindenlangstock und Shopper.

Elternabend im dritten Schuljahr. Da ich die manchmal Hand geschriebenen Informationen der Schule nicht selbst lesen kann, frage ich, ob mir jemand aus der Elternschaft bei der Informationsbeschaffung helfen kann. Ich stelle mir das so vor, dass ich einen Anruf oder eine E-Mail bekomme. Alternativ habe ich kein Problem damit regelmäßig selbst nachzufragen. Bevor sich jemand dazu äußern kann, merkt die Lehrkraft an, dass ich doch eine Betreuerin habe. Und die könne das machen. Nein habe ich nicht. Die Dame, die ich einmal zum Elterngespräch mitgebracht hatte, war eine von mir selbst finanzierte Assistentin, die einem meiner Kinder beim Lesen üben und beim Schreiben helfen sollte. Ich hatte sie mitgenommen, um die Inhalte mit der Lehrkraft abzustimmen.
„Mit uns und nicht über uns“ ist ein Slogan, der in den letzten Jahren immer mehr von den Behindertenverbänden gefordert wird. In diesem Zusammenhang tauchen auch die Worte „betreuen“, „assistieren“ und „bevormunden“ auf. Diese Begriffe möchte ich anhand eines Beispiels veranschaulichen. Denn sie bedeuten nicht dasselbe, wie viele Leute glauben.

Tina hat große Fenster, die sie aufgrund einer Behinderung oder Erkrankung nicht selbst putzen kann. Sie braucht Hilfe. Und diese könnte wie folgt aussehen.

Assistieren: Jemandem nach dessen Anweisungen zur Hand gehen.
Tina beauftragt eine dritte Person mit dem Säubern der Fenster. Diese bekommt Geld dafür. Dabei bestimmt Tina selbst welches Fenster geputzt wird, wann dies passiert und wer das für sie macht. Wird die Arbeit nicht zu ihrer Zufriedenheit ausgeführt, kann sie sich jederzeit für eine andere Assistenz entscheiden, welche die Arbeit besser ausführt. Das ist ihr gutes Recht. Denn schließlich bezahlt sie für diese Dienstleistung und kann ordentlich ausgeführte Arbeit erwarten. Sie ist Arbeitgeberin.

Betreuen: Tina hat eine Person, die ihr in Situationen hilft, die sie selbst überfordert. Ihre Betreuerin hat die Aufgabe ihr bei der Durchführung der Aktion „Fenster putzen“ zu helfen. Im Idealfall spricht sie die Durchführung mit Tina ab. Sie entscheiden gemeinsam, ob Tina es zusammen mit ihrer Betreuerin selbst versucht, oder eine außenstehende Person mit dem Putzen der Fenster beauftragt wird. Die Aufgabe der Betreuerin besteht darin, Tina ein selbstbestimmtes Handeln zu ermöglichen, ohne sie dabei zu bevormunden oder zu überfordern.

Bevormunden: wie einen Unmündigen behandeln, in eigenen Angelegenheiten nicht selbst entscheiden lassen.
Eine Person aus Tinas sozialem Umfeld findet, dass die Fenster geputzt werden müssen. Sie führt diese Tätigkeit eigenmächtig durch, oder beauftragt eine dritte Person. Und zwar so, wie sie selbst es für richtig hält. Sie entscheidet über den Zeitpunkt und die Art der Durchführung. Tinas Meinung dazu spielt für sie keine Rolle. Gefällt Tina irgendetwas an der Durchführung nicht, ist Konflikt mit der Bekannten vorprogrammiert. Denn diese wird Tina wahrscheinlich Undankbares Verhalten unterstellen.

Und wenn wir schon mal dabei sind, hier noch ein paar Begriffe, die im Zusammenhang mit Menschen mit einer Behinderung gern verwendet werden.

Helfen: Dabei unterstützen ein angestrebtes Ziel schneller zu erreichen.
Eine Freundin von Tina bietet ihr an, ihr beim Säubern der Fenster zur Hand zu gehen, und spricht die Aufgabenverteilung mit ihr ab. Tina hat die Wahl die Hilfe anzunehmen oder sie abzulehnen.

In meinen Beiträgen schreibe ich immer wieder, dass ich ein großer Freund davon bin, sich benötigte Hilfe einzukaufen. Denn diese garantiert uns Menschen mit Behinderung mehr selbstbestimmtes Handeln. Das ist bei Freunden und Familie nicht immer gegeben. Ich freue mich für jeden Menschen, der Assistenz von Freunden und Familie bekommt, ohne das Gefühl ein Bittsteller zu sein. Diesen Hilfeerbringern gilt mein großer Respekt, da hier eine Kommunikation auf Augenhöhe stattfindet.

Meine Erfahrungen waren oft dahingehend, dass ich schnell mal selbst ernannte Miterzieher für meine Kinder hatte. Und so etwas belastet die Beziehung zu sehr, als dass ich mir das dauerhaft geben wollte. Umso mehr schätze ich die Menschen, die mir ohne mich bevormunden zu wollen, zur Hand gehen. Daher finde ich es wichtig, dass man als Assistenznehmer die Wahl hat wessen Hilfeleistungen man in Anspruch nehmen möchte. Denn hier geht es um gegenseitiges Vertrauen und Empathie, und nicht um eine Dankbarkeitshaltung gegenüber dem Helfenden.

Ranzenpost und Formulare bei blinden Eltern

Meine erste E-Mail-Adresse bekam ich 2003, gemeinsam mit einer Einführung in die Bedienung eines E-Mail-Programms und meinen ersten Gehversuchen im Internet. Eigentlich geschah das mehr aus Neugierde, als aus einer Notwendigkeit heraus. Denn bisher reichten mir für das, was ich zu tun hatte, die Kommunikation in Form von Telefon, Fax oder Papierpost. Gedruckte Briefe ließ ich mir entweder vorlesen, oder ich scannte sie ein, und ließ meinen Computer die gedruckten Buchstaben in Sprache oder Braille umwandeln. Und wenn ich etwas verschickte, dann schrieb ich diesen am PC, druckte ihn aus, oder schickte ihn per Fax weg. Gepaart mit dem guten alten Telefon war das für mich die Vorgehensweise, mit der ich gut gelebt habe.

Mit dem Einzug von E-Mail vereinfachte sich für mich die schriftliche Kommunikation. Bekam ich eine Info per Mail, brauchte ich diese nicht mühsam einzuscannen, und mögliche Fehlerquellen bei der Texterkennung einzukalkulieren. Ich hatte die Info quasi sofort. Es ersparte mir also nicht nur Papier, sondern auch viel Zeit. Denn Briefe in Papierform wollten eingescannt, in Braille beschriftet und richtig abgeheftet werden. Bei der E-Mail reichte eine übersichtliche Ordnerstruktur, um diese gezielt wiederzufinden. Außerdem besitzt mein PC eine Suchfunktion, mein Ordnerregal jedoch nicht.

Als meine Kinder in den Kindergarten kamen, bat ich die Mitarbeiter mir schriftliche Mitteilungen per E-Mail zu schicken. Das klappte mehr schlecht als recht. Für mich wäre es eine große Erleichterung gewesen. Denn ich kann Anhand eines Papiers, das im Fach meines Kindes liegt, nicht feststellen, ob es sich um ein gemaltes Bild oder einen Elternbrief handelt. Und ich kann auch keine Aushänge lesen. Ich musste viel fragen, und hoffen, dass mir keine wichtige Information, wie ein außerplanmäßiger Schließungstag, ein Elternabend oder ein „Wir haben Läuse im Haus“ entging. Manchmal halfen mir andere Eltern bei der Informationsbeschaffung.

Als meine Kinder in die Grundschule kamen, bekam ich immer mehr das Gefühl, das die Lehrkräfte E-Mails mehr fürchten als der Teufel das Weihwasser. Die einzige Mitarbeiterin, die ab und zu an mich dachte, war eine Mitarbeiterin im Sekretariat, die mir Mails schickte. Ein Lehrer meines Sohnes rief ab und zu an, wenn es ein Problem gab. Auch damit konnte ich gut leben. Aber oft genug musste ich mir anhören, dass die Kinder alt genug seien, um die Ranzenpost bei den Eltern abzugeben, oder das Elternheft zu zeigen.

Es gibt mehrere Informationsquellen, die man als Elternteil überblicken können muss. Da wäre einmal das Mitteilungsheft an die Eltern, in welches handschriftliche Mitteilungen gemacht werden können. Manche Lehrkräfte möchten, dass diese von den Eltern abgezeichnet werden. Dann gibt es die Elternmappe, in die das Kind Briefe der Schule oder Lehrkraft abheften soll. Und dann gibt es die losen Blätter, die viele Kinder vergessen in eben diese Mappe einzuheften. Und das sollen wir Eltern nach Möglichkeit kontrollieren. Denn mal Hand aufs Herz, wessen Kind im Grundschulalter ist so gewissenhaft, und gibt diese zuverlässig zeitnah an die Eltern weiter?

Eine sehende Mutter hat die Wahl selbst in den Schulranzen zu schauen oder die Verantwortung auf das Kind zu übertragen. Sie kann erkennen, ob es sich um ein Schreiben oder ein bemaltes Stück Papier handelt, ob etwas auszufüllen oder zu unterschreiben ist. Das kann ich nicht. Handschriftliche Mitteilungen sind für mich selbst mit meinen technischen Hilfsmitteln unlesbar. Eine Information, die per E-Mail zu mir kommt, kann ich ohne fremde Hilfe bearbeiten. Und da die meisten Elternbriefe ohnehin am PC erstellt werden, ist es kein Mehraufwand diese per E-Mail zu versenden.

Der Hort meiner Kinder hat das verstanden, und mir bei der Informationsbeschaffung geholfen. Für die Post aus der Grundschule fand ich Hilfe bei Miteltern oder bezahlte mir eine entsprechende Hilfe, die den Schulranzen regelmäßig durchsah.

Schwieriger wurde es auf der weiterführenden Schule. Hier gab es noch mehr Informationsquellen. Der Klassenlehrer meiner Tochter hat mir zu dem Zeitpunkt einen wertvollen Luxus geboten, indem er die Informationen für mich sammelte und lesbar machte. Ich besuchte den Elternsprechtag, und erklärte mehreren Lehrkräften, dass es schneller geht, wenn er oder sie per E-Mail mit mir Kontakt aufnimmt. Und die meisten verstanden das. Und das war auch gut so, da meine Kinder die Ordnung zeitweise nicht als ihren besten Freund ansahen.

Problematisch war die Kommunikation mit der Sorte Lehrkräfte, welche die Meinung vertraten, dass ein Kind in dem Alter selbst darauf achten müsse, dass die Informationen zu den Eltern kämen. Meine Bitte mir die für uns Eltern bestimmten Informationen in einer für mich als Eltern wahrnehmbaren Form zu Verfügung zu stellen artete auch schon mal in eine Grundsatzdiskussion über Selbstverantwortung der Kinder aus. Dabei sind wir einer Meinung, nämlich, dass Kindern ein bestimmtes ihrem Alter entsprechendes Maß an Verantwortung übertragen sollten. Dem gegenüber steht jedoch, dass ich meine Pflichten als Eltern wahrnehmen muss. Und das setzt vorraus, dass ich Informationen, die an mich als Eltern gerichtet sind, auch ohne die Hilfe meiner Kinder wahrnehmen kann. Das brauche ich, um meine Kinder auf dem Weg in ein selbständiges Leben zu unterstützen.

Meine Kinder sind inzwischen beinahe erwachsen, und können selbst darauf achten, dass ich relevante Informationen bekomme. Aber da draußen gibt es noch ganz viele Eltern, deren Kinder das noch nicht können. Und diese freuen sich über Mitteilungen ohne Barrieren.

Liebe Lehrer, Erzieher und alle Anderen, die mit Kindern blinder Eltern zu tun haben könnten!

Mitteilungen per Ranzenpost stellen eine Barriere dar, eine E-Mail oder ein Anruf der Schule nicht. Vor Allem macht Ranzenpost abhängig. Nämlich davon, dass das Kind diese abliefert, und davon, dass ein Formular nicht eigenhändig ausgefüllt werden kann. Und ich glaube nicht, dass das im Sinne des Lehrauftrags ist. Einfach fragen, und gemeinsam eine Lösung finden. Allerdings hören wir blinden Eltern Sätze wie „Das kann Ihnen jemand vorlesen“, oder „ihr Kind kann das ja machen“ überhaupt nicht gern. Denn auch wir sind in erster Linie Eltern mit Pflichten. Und unsere Kinder sind nicht dazu da, um die Behinderung zu kompensieren.

Eure Lydia

Tips im Umgang mit blinden Menschen

Menschen, die nicht blind oder sehbehindert sind, fühlen sich oft unsicher im Umgang mit uns blinden Personen. Daraus resultieren dann schon mal Handlungen, die gut gemeint, jedoch eher kontraproduktiv sind. Lassen Sie mich daher ein bisschen Licht ins Dunkel bringen. Denn auch blinde Menschen verdienen einen respektvollen Umgang.

Begegnen Sie einem blinden Menschen auf der Straße, dann stellen Sie sich bitte mit Namen vor. Spielchen wie die frage „Na, weißt Du wer ich bin“, sind keine gute Basis für einen guten Gesprächsbeginn. Nicht jeder merkt sich die Stimme einer Person, die er oder sie vor drei Wochen in der Straßenbahn getroffen hat. Ach ja, sprechen Sie bitte in normaler Lautstärke. Blinde Personen hören ebenso gut wie Sehende.

Sehverlust heißt nicht den Verlust intellektueller Fähigkeiten. Sie brauchen also auch nicht gut artikuliert oder langsam mit der blinden Person zu sprechen. Und bitte, sprechen Sie nicht mit der Begleitperson über den Blinden. Fragen wie „Was möchte er oder sie gern trinken“ sind abwertend. Fragen Sie den blinden Gast doch selbst. Der beißt nicht, und er weiß besser als seine Begleitperson was er trinken möchte. Ach ja, wenn die blinde Person zahlt, bekommt auch sie das Wechselgeld zurück, und nicht die Begleitung.

Möchten Sie blinden Menschen einen Weg beschreiben, dann benutzen Sie Angaben wie links, rechts, hinter Ihnen oder zweiter Hauseingang. Mit der Hand irgendwohin zeigen, die Schultern hochziehen oder „Dahinten“ machen bei der Kommunikation mit blinden Passanten keinen Sinn.

Wenn blinde Menschen irgendwo herumstehen, dann schauen sie sich vielleicht nur etwas aus der Nähe an, oder warten auf jemanden. Bevor Sie also die Person anfassen, und über eine Straße führen, fragen Sie, ob derjenige das überhaupt möchte. Ist Gefahr in Verzug, dann erst mal nur warnen, statt einfach so anfassen. Übergriffigkeiten mag niemand gern.

Beim Führen wird der blinde Begleiter Sie am Ellenbogen anfassen, oder Ihne die Hand auf die Schulter legen. Und er läuft etwa einen halben Schritt hinter Ihnen. Fragen Sie, ob Sie Treppenstufen ansagen sollen. Möchten Sie ihn zu einem Stuhl führen, dann reicht es seine Hand auf die Lehne zu legen. Es besteht keine Notwendigkeit ihn auf den Stuhl zu drücken oder ihm diesen unter den Hintern zu schieben.

Kommen wir mal zur Kommunikation. Gesten wie Schultern hochziehen, nicken, mit dem Finger zeigen sind sinnlos, da sie einfach nicht wahrgenommen werden können. Sprechen ist hier die wirkungsvollere Alternative. Worte wie blind, sehen, schauen sind Begriffe der alltäglichen Kommunikation. Sie können diese also uneingeschränkt verwenden, wenn Ihr Gesprächspartner blind ist. Doch sollten Sie mit fragen zur Sehbehinderung sensibel umgehen, Diese betreffen den persönlichen Bereich eines Jeden, und sind nicht immer für ein Gespräch geeignet, welches nur eine Straßenüberquerung lang währt.

Blinde Verkehrsteilnehmer lernen wie sie eine Straße sicher überqueren. Wenn Sie mit laufendem Motor halten, um diese vorbeizulassen, schaffen Sie Verunsicherung, ganz gleich wie viel Handzeichen Sie geben, oder hupen. Der Blinde sieht das nicht. Also einfach weiterfahren. Damit helfen Sie uns am besten.

Auch blinde Menschen haben Spaß an Kino, Fußballspiel oder Theater. Sie interessieren sich genauso für Kunst, Kultur, Reisen und andere Aktivitäten, die Sie gemeinsam unternehmen können. Auch unser Lebensinhalt besteht nicht nur aus Gesprächsthemen rund um Sehbehinderung.

Und zum guten Schluss noch eine Sache die mir besonders am Herzen liegt. Blinde Menschen arbeiten anders als Sehende. Und für manche Tätigkeiten müssen sie sich stärker konzentrieren. Wenn dann auch noch jemand ständig jeden Schritt kommentiert oder unsinnige Ratschläge von sich gibt, hilft das niemanden, sondern schafft Verunsicherung. Denn der Blindenstock ist dafür vorgesehen den nächsten Schritt des Blinden vorzufühlen. Es ist also völlig normal, wenn er Hauswände, Laternenpfähle oder Fahrräder berührt. Sparen sie sich Kommentare wie „Vorsicht“, oder „Da steht ein Zaun“. Vielleicht braucht der blinde gerade diese Stelle für seine Orientierung.

Wollen Sie einem blinden Menschen auf Augenhöhe begegnen, dann streichen Sie am besten Sätze wie „Ich mach das mal schnell“ aus Ihrem Sprachgebrauch. Denn das ist eher verletzend als förderlich für eine gemeinsame Ebene der Zusammenarbeit.

Beyond-seeing, Mode ohne zu sehen

2 blinde Frauen betasten ein Kleidungsstück

Die Sonne scheint. Ich sitze auf einer Bank unter Bäumen. Zu sehen sind ein Kiesweg, dahinter ein Brunnen mit Wasserspielen und Menschen unterschiedlichen Alters.

Schade, dass Du das nicht sehen kannst, würde jetzt der ein oder andere sagen. Und aus der Sicht des normal Sehenden Betrachters ist das nachvollziehbar. Wenn der Fokus allein auf das Sehen gelegt wird, entgeht einem so manches. Daher dieselbe Situation mit ausgeblendetem Auge. Nämlich so, wie sie sich für mich mit ca. 2 % Restsehen darstellt.

Ich sitze auf einer Bank. Vor mir muss sich ein Schotterweg befinden, auf dem hin und wieder Leute vorbeilaufen. Dahinter plätschert ein Brunnen mit einem Wasserspiel. Ab und zu verirrt sich ein Wassertropfen in meine Richtung. In den Bäumen zwitschern Vögel und am Wasser spielen Kinder. Links von mir macht jemand Musik. Auf meiner Haut spüre ich die Nachmittagssonne, und ein leichter Wind fährt durch mein Haar. Auf der benachbarten Bank höre ich wie sich Menschen in französischer Sprache unterhalten.

Ich muss nicht sehen können, um etwas schön oder entspannend zu finden. Schönheit lebt von meiner eigenen Wahrnehmung und natürlich von meinem Geschmack. Nicht jeder findet es entspannend, wenn er Kinderstimmen oder Vogelgezwitscher hört.

Im Oktober 2016 initiierte das Goethe-Institut Paris in Zusammenarbeit mit vier renommierten Modehochschulen aus Deutschland, Frankreich, Schweden und Belgien das Recherche- und Ausstellungsprojekt BEYOND SEEING. Im Rahmen von internationalen Recherche-Workshops, einer Ausstellung und einem diskursiven Begleitprogramm zielt das Projekt darauf ab, Mode in einem Zusammenspiel von Sinneswahrnehmungen über den visuellen Reiz hinaus erfahrbar zu machen. Bislang nicht miteinander in Berührung gekommene Zielgruppen – Designstudierende, blinde und sehbehinderte Teilnehmer, sowie Experten verschiedenster künstlerischer Disziplinen – werden erstmalig zusammengebracht, um gemeinsam innovative Designkonzepte zu entwickeln. Dieses Projekt durfte ich als blinde Bloggerin aus Deutschland ein stückweit begleiten. In meinem Beitrag Mode, Kunst und Shoppingtour hatte ich über die Veranstaltung aus dem Oktober 2017 in Berlin berichtet.

Die abschließende Veranstaltung fand ab dem 18.01.2018 in Paris statt. Neben der Ausstellung der renommierten Modehochschulen aus Frankreich.

Deutschland, Schweden und Belgien fand ein umfangreiches Rahmenprogramm statt, zu dem alle Beteiligten eingeladen wurden. In meinem Beitrag Nähen ohne zu sehen, so geht’s habe ich über einen Nähworkshop berichtet, der von Reiner Delgado vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband DBSV angeboten wurde.

Nach zwei Jahren voller Konferenzen, Recherchen, Workshops und kreativer Schaffensprozesse, wurden die fertigen Kollektionen der Modestudierenden nun endlich präsentiert. Dort trafen verschiedenste Ansätze auf vielfältige Designs, die vor allem neugierig auf eines gemacht haben: Die Geschichte hinter der Kollektion.

Die erste Kollektion, die ich betastet habe, war die ‚Invisible Imagination‘ von Verena Kuen aus Berlin. Sie hat sich mit den Träumen einer spät erblindeten Berlinerin auseinandergesetzt. Eines der drei Kleider bestand zur Hälfte aus Seide, und Silikon. Er stellt den Traum eines halb abgebrannten Baums dar, wobei die Seide für die lebendige, das Silikon für die tote Hälfte steht.

In der schwedischen Kollektion ‚Sonic Haptic Wardrobe‘ etwa lag der Fokus mehr auf der Haptik von Kleidungsstücken. Diese bestanden aus unterschiedlichen Materealien mit unterschiedlicher Oberfläche. Muster wie Pünktchen wurden durch dreidimensionale Applikationen fühlbar gemacht. Mit eingearbeiteten Glöckchen oder Schmirgelpapier veränderte sich sogar die Akustik, wenn man darüberstrich. Um passende Textilien zu finden, haben die Studierenden zahlreiche Interviews mit blinden und sehbehinderten Menschen geführt.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgte Maxi Tilch aus Berlin. Sie ließ sich dadurch inspirieren, dass sie für sie unbekannte Orte mit verbundenen Augen besuchte. Ihre Kollektion heißt ,Perception of Space‘ und experimentiert damit, wie man einen Raum erleben und mit ihm interagieren kann, ohne ihn jemals gesehen zu haben. Sehr räumlich sind deshalb auch ihre Entwürfe geworden, sie stehen für ein Zelt, ein Wohnzimmer und eine Bahnhaltestelle. Sie hat in abstrakten Silhouetten Stoffe verarbeitet, die sowohl optisch als auch haptisch verschiedene Erinnerungen wachrufen. Im Wohnzimmer zum Beispiel das geblümte und Samtweiche Sofa der Oma oder beim Zelt die typisch knisternde Plane. Beim Entwerfen ging es anders als bei „normalen“ Kollektionen nicht um den ästhetischen Aspekt, sondern vielmehr um die haptische Wahrnehmung. Für mich waren die einzelnen Stoffe und Formen tastbar, nicht aber alle dargestellten Modelle. Auf die Bahngleise wäre ich von alleine nie gekommen, ohne die Geschichte hinter der Inspiration zu kennen.

Es wurden nicht nur Kollektionen ausgestellt, sondern auch diverse Workshops rund um das Thema Wahrnehmung angeboten. Ebenso wurde in Filmsequenzen und einer Bilderausstellung das Thema Wahrnehmung von allen Seiten beleuchtet.
Hier noch die Links zu den Beiträgen der eingeladenen Bloggerinnen auf einen Blick:
Der Beitrag von Pauline, sehbehinderte Bloggerin aus Belgien.

Die Seite von Typhaine, sehende Bloggerin aus Frankreich.

Sowie der deutschsprachige Beitrag von Sonja, sehende Bloggerin aus Deutschland.

Die Beiträge sollen in einem Gesamtwerk die jeweilige Perspektive aufgrund unterschiedlicher Wahrnehmung aufzeigen. Die Ausstellung ist bei allen dieselbe, die Werke und Designer ebenfalls. Die Unterschiede liegen schlichtweg in der Wahrnehmung. Ein Unterschied besteht zwischen sehen oder nicht sehen, sowie das Verständnis der einzelnen Personen von Kunst, Mode und der Geschichte der Inspiration.

An dieser Stelle möchte ich dem Goetheinstitut in Paris für die Einladung zur Ausstellung danken, und auf dessen Artikel verweisen. Und ein ganz persönlicher Dank gilt Sonja vom Goldfasanblog, die mir mit dem Beitragsbild und einigen Links ausgeholfen hat.