Nähkurs, Kunst und Shopping – Mode jenseits des Sehens

Mode hatte immer irgendwas mit Kleidung zu tun. Soweit, so gut. Und lange Zeit war dieses Gebiet für mich absolut verschlossen.

Zur Erklärung. Ich verfüge über einen Sehrest von ca. 2 %. Ich bin somit dem Gesetz nach blind.

Meine Augenerkrankung bringt es mit sich, dass ich keine Farben als solche wahrnehmen kann, sondern lediglich Grautöne. Für mich ist also eine Sache hell, heller als etwas anderes, oder einfach nur dunkel. Ich kann sehen, wenn ein Kleidungsstück gestreift, gemustert oder einfarbig ist. Und je nach Kontrast erkenne ich auch noch das grobe Muster.

Alles was irgendwie mit Farben zu tun hat, kann ich somit nicht wahrnehmen. Farben sind für mich optische Ereignisse, die ich nicht wahrnehme. Da diese aber im Laufe eines Lebens unter normal sehenden Menschen immer mehr an Wichtigkeit zunehmen, je älter man wird, habe ich versucht Farben wie Vokabeln zu erlernen. Ich habe gelernt, dass meine Haare schwarz sind, dass meine Hautfarbe etwas braun ist, und dass ich den Kaffee gern Haselnuss braun trinke, wenn mich jemand nach der Menge Milch in der Tasse fragt. Es gehörte für mich somit zu einer Art Allgemeinbildung.

Fasse ich einen Stoff an, so ist für mich vor allem wichtig, wie dieser sich anfühlt. Ich mag weiche Stoffe. Und ich mag bestimmte Schnitte. Ein Kleidungsstück muss sich für mich einfach beim Tragen gut anfühlen, damit ich es behalten möchte. Die Farbe ist wichtig, wenn ich mich damit in freier Wildbahn bewegen möchte. Und hier kommt die optische Kontrolle, die mir Auskunft darüber gibt, ob das Kleidungsstück an mir gut aussieht.

Kleiderkauf ist stets Geschmacksache. Dementsprechend ist auch die Beratung. Ich habe inzwischen gelernt, dass ich in Geschäfte gehe, wo man mich schon mal gut beraten hat, oder ich nehme mir eine Person meines Vertrauens mit. Denn es ist mir wichtig, dass mein Kleidungsstil nicht negativ auffällt. Und da ich nun mal die Optik, die unter sehenden Menschen eine entscheidende Rolle spielt, nicht kontrollieren kann, lasse ich mir da gern helfen. Einkauf von Kleidung ist somit ein steter Kompromiss. Zum einen muss es optisch zu mir passen, zum zweiten muss ich mich aber auch darin wohl fühlen.
Ein Mythos besagt, dass Menschen mit einer Sehbehinderung stets die Ladenhüter verkauft bekommen, weil sie es nicht sehen. Und in Einzelfällen mag das auch so sein. Schwarze Schafe gibt es schließlich überall. Dazu kommt, dass es auch blinde Menschen gibt, die wie manche Sehende auch, nicht auf ihr Äußeres achten, und sich auch nicht durch Freunde oder andere Personen beraten lassen möchten. Und wieder andere sind stets stylisch gekleidet. Und irgendwo dazwischen bewege ich mich.
In der Zeit vom 11.10.2017  bis 12.10.2017 nahm ich am Projekt BEYOND SEEING INNOVATIVES MODEDESIGN MIT ALLEN SINNEN teil.
Hierbei handelt es sich um ein

RECHERCHE- UND AUSSTELLUNGSPROJEKT DES GOETHE-INSTITUTS PARIS

IN Zusammenarbeit mit:

ESMOD, BERLIN

IFM – INSTITUT FRANCAIS DE LA MODE, PARIS

LA CAMBRE, BRÜSSEL

SWEDISH SCHOOL OF TEXTILES, BORÅS

HOCHSCHULE WISMAR, WISMAR

SOWIE DEN BLINDEN- UND SEHBEHINDERTENVERBÄNDEN ALLER an diesem Projekt BETEILIGTEN Länder.

Bereits Im Oktober 2016 initiierte das Goethe-Institut Paris in Zusammenarbeit mit vier renommierten Modehochschulen aus Deutschland, Frankreich, Schweden und Belgien das Recherche- und  Ausstellungsprojekt Projekt BEYOND SEEING. Im Rahmen von internationalen Recherche-Workshops, einer Ausstellung und einem diskursiven Begleitprogramm zielt das Projekt darauf ab, Mode in einem Zusammenspiel von Sinneswahrnehmungen über den visuellen Reiz hinaus wahrnehmbar zu machen. Bislang nicht miteinander in Berührung gekommene Zielgruppen – Designstudierende, blinde und sehbehinderte Teilnehmer sowie Experten verschiedenster künstlerischer  Disziplinen – werden erstmalig zusammengebracht, um gemeinsam innovative Designkonzepte zu entwickeln.

Mehr über das Projekt beim Goethe Institut gibt es hier.

Für unsere Veranstaltung suchte man unter anderen zwei Blogger aus Deutschland mit und ohne Sehbehinderung. Außerdem wurden zwei weitere Blogger aus Frankreich und Belgien eingeladen. Wir sollten an einem entsprechenden Programm teilnehmen und über unsere Erfahrungen aus unserer jeweiligen Perspektive schreiben.

Auf dem Programm standen ein Nähworkshop, eine gemeinsame Diskussionsrunde, ein Besuch in der Berlinischen Galerie und eine gemeinsame Shoppingtour.

Da meine Anreise recht lang war, reiste ich bereits am 10.10.2017 nach Berlin. Begleitet wurde ich von meiner Tochter, die gerade Herbstferien hatte. Wir Bloggerinnen wurden in der Regenbogenfabrik untergebracht. Somit musste ich mich nicht mehr um eine Zimmerreservierung kümmern.
Treffpunkt war um 12:30 Uhr an der Rezeption der Regenbogenfabrik.
Dabei waren: Typhaine Augusto, sehende Bloggerin aus Frankreich, Pauline Debouck, sehbehinderte Bloggerin aus Belgien, Sonja Köllinger, sehende Bloggerin aus Deutschland, Katharina Scriba und Timo Unger vom Goetheinstitut in Paris und Reiner Delgado vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband.

Nachdem wir uns miteinander bekannt gemacht hatten, ging es auch schon zu unserem ersten Programmpunkt.

In einem Atelier trafen wir Reiner Delgado vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband, einen der Organisatoren des Nähkurses, und einige blinde und sehbehinderte Teilnehmer des Nähworkshops. Die Professoren von ESMOD Torbjörn Uldam und Jasmina Benferat und ihre Helfer Maxi und Verena standen uns mit Rat und Hilfe zur Seite.
Reiner erklärte uns die Aufgabenstellung, die da lautete aus drei Quadraten eine Stofftasche zu fertigen. Ein entsprechendes Muster wurde rumgegeben. Außerdem gab es eine Kurzanleitung in gedruckter Schrift und Braille, so dass jeder Teilnehmer die für ihn geeignete Form auswählen konnte.

Wir Bloggerinnen sollten uns zu zweit zusammentun, nämlich eine sehende und eine blinde Bloggerin.
Sonja und ich saßen zusammen, und waren in der ersten Stunde ausschließlich damit beschäftigt die drei Quadrate aus dem Stoff zu schneiden. Sonja maß aus und zeichnete die ersten Schnittlinien an. Dann fixierten wir diese mit einem waagerechten Ding so, dass man mit der Schere am Stoff entlang schneiden konnte. Da das bei uns nicht wirklich funktionieren wollte, Fixierte Sonja den Stoff, während ich mit der Schere an der Kante entlang schnitt. Später lernte ich den Cutter kennen.

Lydia mit Cutter in der Hand
Lydia mit Cutter in der Hand
Er funktioniert wie ein Pizzaschneider. Eine Schneidematte zum Schutz des Tisches drunter gelegt, und schon konnte es losgehen. Das Gerät ist scharf und schneidet präzise. Und es geht schneller als das Schneiden mit der Schere.

Nun ging es darum von zwei der drei Quadrate zwei Kanten zu knicken und mit Stecknadeln zu befestigen. Diese sollten später umgenäht werden. damit die Kannte auch den Kräften einer Nähmaschine stand hielt, wurden die Kannten mit einem Bügeleisen gebügelt. Damit entstand eine präzise Kante, die man sehr gut erfühlen konnte.
Jetzt ging es an die Nähmaschine. Für mich war es das erste Mal, dass ich ein solches Gerät von Nahem fühlte.

Lydia mit Helferin an der Nähmaschine
Lydia mit Helferin an der Nähmaschine
Dementsprechend groß war mein Respekt davor. Meine Helferin wies mich in die Bedienung der Nähmaschine ein. Sie zeigte mir wo der Stoff liegen musste, welche Schalter ich betätigen musste, um Stoff und Nadel zu bewegen, und wie man den Stoff richtig hält. Es funktionierte erstaunlich gut, so dass ich mir gut vorstellen könnte das in Ruhe noch mal auszuprobieren. Wenn sich das ergibt, werde ich auf meinem Blog darüber berichten.

Nach dem Nähworkshop gingen alle Teilnehmer gemeinsam in ein nahegelegenes Restaurant, wo wir außer gutem Essen ausreichend Gelegenheit hatten über das Projekt und unsere Erfahrungen zu sprechen. Mein Problem war mein nur mäßiges Englisch. Ich verstehe das Meiste irgendwie, tue mich aber schwer damit Dinge auf Englisch zu formulieren. Aber da musste ich durch. Und unsere Organisatoren halfen hier auch mal als Übersetzer aus.

Nach einem Frühstück im Hostel ging es am nächsten Morgen in Richtung Berlinische Galerie. Reiner führte uns durch die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem DBSV für blinde und sehbehinderte Besucher etwas verändert wurde. Z. B. befanden sich Leitstreifen am Boden, die mit dem Blindenstock oder den Füßen ertastet werden können. Außerdem hatte man einigen Gemälden tastbare Reliefs beigefügt, die Reiner uns erklärte.

berlinische galerie lydia vor bild von eugen spiro und tastbild
berlinische galerie lydia vor bild von eugen spiro und tastbild
Unsere sehenden Teilnehmer konnten sich eine Augenbinde aufsetzen, und sowohl Leitstreifen, als auch Bilder ertasten. Mit Hilfe einer App, die sich noch im Betatest befindet, soll es möglich sein sich blind allein durch die Ausstellung zu bewegen, und die Informationen, die sonst nur sichtbar sind, akustisch abzurufen.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen stand Shopping an. Wir besuchten einen Second Hand Shop.

Blick in den Second Hand Shop sichtbar sind viele Klamotten
Blick in den Second Hand Shop sichtbar sind viele Klamotten
Zuerst sollte sich jeder ca. 10 Minuten alleine im Geschäft bewegen, und sich einen Überblick verschaffen. Anschließend sollten eine sehende und eine blinde Bloggerin gemeinsam auf Schnäppchensuche gehen.
In mir unbekannten Geschäften fehlt mir die Orientierung, um mir einen Überblick zu verschaffen. Die einzige Option mich alleine zu orientieren ist systematisch durch die Reihen der Kleiderständer und Regale zu gehen. das erklärte ich Katharina, die  mit mir durch das Geschäft ging, und mir die grobe Struktur erklärte. Anschließend taten wir uns zu zweit zusammen. Sonja und ich zogen gemeinsam los. Wir hatten ein kleines Budget für den Kleiderkauf bekommen.
Shoppen ist für mich meist eine Notwendigkeit. Ich kann nur selten Genuss dabei empfinden. Daher hatte ich auch keine Erwartungshaltung. Sonja und ich waren noch nie miteinander shoppen, und wir kannten uns gerade mal einen Tag lang.
Für mich fanden wir einen Rock und ein Oberteil, welches sich für mich schön anfühlte, und von Sonja als zu mir passend beurteilt wurde.

Timo brachte uns Bloggerinnen zu unserer Unterkunft zurück, wo es dann endgültig Abschied nehmen hieß. Ich denke, dass das ein guter Erfahrungsaustausch war, und freue mich schon jetzt auf die Fortsetzung in Paris.

Kleider machen Leute – einkaufen und zusammenstellen von Kleidung, wenn man blind ist.

Als ich zum ersten Mal alleine Wohnte, tauchte irgendwann die Frage auf, wie ich das denn mit dem Anziehen mache. Ich verstand den Sinn dieser Frage nicht gleich. Denn anziehen gehörte für mich zu den elementaren Dingen wie Körperpflege oder essen. Ich war 20 und hatte mein Studium begonnen. Vorher hatte ich im Internat gelebt, und während der Ferien bei meiner Familie. Und nichts und niemand hatte mich darauf vorbereitet, dass meine Komolitonen im Studentenwohnheim über Dinge staunten, die für mich vollkommen normal waren.

Als ich klein war, wurde ich von meiner Mutter angezogen. Und so wie jedes normal entwickelte Kind habe auch ich irgendwann nach und nach gelernt mir die Kleidung selbst anzuziehen. Sehende Kinder schauen hin, blinde Kinder erfühlen ihre Kleidung. Meine Mutter machte zwischen mir und meinem ein Jahr jüngeren Bruder kaum einen Unterschied. Daher fiel es mir nicht auf, dass sehende beim Anziehen auf Knöpfe, Reisverschlüsse oder Socken schauen müssen, um sich diese anziehen zu können. Ebenso selbstverständlich war es auch, dass unsere Mutter bestimmte was wir Kinder trugen.

Ich war 9 Jahre alt, als ich in eine Blindenschule kam. Ich reiste Sonntagabend an und war Freitagnachmittag wieder bei meiner Familie. Hier musste ich mich zum ersten Mal mit meinem Kleiderschrank und dessen Ordnung auseinandersetzen. Eine Erzieherin räumte ihn für mich ein und zeigte mir in welchem Fach ich Hosen, Pullover oder Unterwäsche finden konnte. Ich lernte mir abends die Sachen für den nächsten Tag über einen Stuhl zu legen, und bereits getragene Kleidung in einen Wäschekorb zu legen. Dort wurde die Wäsche gesammelt und nach dem Waschen von den Erzieherinnen wieder nach derselben Anordnung in den Schrank eingeräumt. Voraussetzung dafür war, dass sämtliche Kleidungsstücke mit Namen versehen waren. Unsere Erzieherinnen achteten auch darauf, dass unsere Kleider in Ordnung waren und halfen auch mal, wenn etwas farblich nicht zusammen Paste. Ich weiß noch wie eine der Erzieherinnen mit mir das Schuhe binden übte. (-:

Eine Veränderung gab es, als ich zweieinhalb Jahre später in eine andere Wohngruppe kam. Hier musste ich meinen Schrank selbst einräumen und meine Schmutzwäsche in einem Wäschesack sammeln und am Wochenende mit nach Hause nehmen. Dementsprechend überschaubar war die Menge der Kleidung.

Ich kam an jedem Wochenende nach Hause. Die Heimfahrt wurde für mich von der Schule aus per Auto organisiert. Nur zu den Weihnachtsferien, Osterferien und Sommerferien musste die Heimfahrt durch die Eltern organisiert werden. Dann wurde auch sämtliche Kleidung mitgenommen. Meine Mutter sah alles durch, sortierte aus und sorgte für Nachschub. Mein Job war lediglich Kleidung anzuprobieren.
Eine weitere Veränderung ergab sich, als ich mit dreizehn Jahren auf das Gymnasium nach Marburg wechselte. Von nun an gab es nur einen freien Samstag im Monat, so dass ich nicht mehr an jedem Wochenende zuhause war. Unsere Wäsche wurde an eine Wäscherei gegeben. Hierzu mussten wir eine Liste der Dinge erstellen, die in der Wäsche waren. Anfangs half eine Erzieherin bei der Auflistung. Später tippte ich die Liste mit einer Schreibmaschine und legte sie der Wäsche bei.

Mit 15 zog ich in eine Wohngruppe, die über eine Waschmaschine und einen Wäschetrockner verfügte. Wir durften weiterhin auf den Wäscheservice zurückgreifen. Ich begriff jedoch schnell, dass ich meine Lieblingsjeans schneller wiederbekam, wenn ich sie selbst wusch. Also ließ ich mich von einer Erzieherin in den Umgang mit der Waschmaschine einweisen. Ich stellte fest, dass waschen kein Hexenwerk war. Ich brauchte nur ein paar Grundregeln zu beherzigen. Beispielsweise lernte ich, dass man nicht sämtliche Wäsche in einer Maschine wusch. Ich lernte welche Farben man zusammen waschen durfte, und welche nicht. Ich speicherte in meinem Gedächtnis welches Kleidungsstück bei welcher Temperatur gewaschen wurde. Und wenn ich etwas nicht wusste, dann konnte ich eine Erzieherin fragen. Ich begriff irgendwann, dass nicht alles in den Trockner durfte. Außerdem roch die Wäsche schöner, wenn man sie auf einem Wäscheständer aufhängte. Tja, und wenn man das ordentlich tag, dann fühlte sie sich auch nicht so zerknittert an.

Ich befand mich in einem Alter, in dem junge Erwachsene ihren eigenen Kleidungsstil entwickeln. Eine Phase, die manchmal heftige Auseinandersetzungen mit den eigenen Eltern mit sich bringt. Das war bei mir nicht anders. Ferienzeit hieß mindestens einmal shoppen mit meiner Mutter. Und das in Form einer Ganztagsveranstaltung in verschiedenen Geschäften. Wenn sie der Meinung war, dass ich ein bestimmtes Kleidungsstück anziehen sollte, und ich mich darin nicht wohl fühlte, kam garantiert einmal das Totschlagargument: „Du siehst das doch nicht“. Und auch wenn sie Recht hatte, machte mich das unsagbar wütend. Erst recht, da mir der Vergleich mit anderen Jugendlichen fehlte. Meine Schwestern waren damals noch zu jung, um gemeinsam shoppen zu gehen. Und eine Freundin außerhalb meiner Schule, mit der ich solche Dinge hätte machen können, die hatte ich nicht.

Das erklärt vielleicht, dass ich über die Frage meiner Kommilitonen im Studentenwohnheim so erstaunt war. Ich denke, wir haben während dieser Zeit viel voneinander gelernt. Es war mir vorher schwer gefallen einen Rat bezüglich meiner Kleiderwahl von meiner Mutter anzunehmen. Von Mitstudenten ließ ich mir das gern gefallen. Ich lernte welche Kleidung zusammenpasste und entwickelte mein System Dinge so im Schrank anzuordnen, dass sie passten. Waschen konnte ich bereits, was einige meiner sehenden Mitstudenten noch nicht konnten.

Ich hatte nun mein eigenes Geld, und war somit unabhängig. Allerdings brauchte ich einige Zeit, bis ich mich traute auch Kleidung alleine einkaufen zu gehen. Zuerst nahm ich jemanden mit, da ich den Mitarbeitern in den Geschäften nicht vertraute. Es dauerte Jahre, bis ich einen gesunden Umgang mit der Kleiderfrage entwickelte. In der Regel ging ich in dieselben Geschäfte. Ich lernte auf die Rückmeldungen von Freunden zu achten. Wurde ich auf ein Kleidungsstück positiv angesprochen, so konnte ich getrost wieder in diesem Geschäft einkaufen gehen.

Ich muss etwa 25 Jahre alt gewesen sein, als ich für eine Zeitlang wieder bei meiner Familie lebte. Wir hatten als einziges Kaufhaus einen C&A. Was ich gesucht hatte, weiß ich heute nicht mehr. Ich ging also an die Kasse und fragte nach Hilfe. Die Mitarbeiterin, die dann kam, kannte mich wohl schon länger. Jedenfalls fragte sie gleich: „Warum kommst Du nicht mit Mutti“? Ich konnte der Dame nicht klarmachen, dass auch ich ohne Mutter einkaufen gehe. Diese zweifellos gut gemeinte frage sorgte dafür, dass ich den Laden umgehend verließ und erst nach langer Zeit wieder einen Fuß hineinsetzte. Ich war eine erwachsene Frau und wollte auch als solche behandelt werden.

Es brauchte viele Jahre in freier Wildbahn, um meinen Kleidungsstil zu finden. Und fast ebenso viel Zeit war nötig, um herauszufinden wer als Berater zu mir passte. Ich erkenne in Geschäften sehr schnell wer als beratender Mitarbeiter mit mir harmoniert und wer nicht. Mir ist ein gepflegtes Äußeres wichtig. Gleichzeitig muss ich mich in der Kleidung wohlfühlen. Das ist auch die einzige eigene Rückmeldung. Das Auge des Verkäufers oder der Freundin müssen quasi den Rest übernehmen. Und das empfinde ich als Herausforderung für alle Beteiligten.

Shoppen ist bis heute etwas, dass ich nur mache, wenn es unbedingt sein muss. Stundenlang durch Bekleidungsgeschäfte und Schuhläden zu laufen empfinde ich als Stress und Zeitverschwendung. Daher bin ich froh, dass meine Kinder das inzwischen ohne mich machen können. So habe ich die Wahl mitzugehen oder nicht. Und dann bekommt das Shopping eine ganz andere Bedeutung.

Wenn ich gezielt nach Kleidern schaue, dann mache ich das gern mit einer sehenden Person meines Vertrauens. Die Kriterien sind denkbar einfach. Ein gutes Auge, das Respektieren meiner Meinung ohne mir die eigene aufzudrängen und Ehrlichkeit, wenn ein Kleidungsstück nicht so gut zu mir passt. An sich kein Hexenwerk, wenn die sehende Begleitung verinnerlicht hat, dass ich eine erwachsene Frau mit einer eigenen Meinung bin, die man ruhig ernst nehmen kann. Ich möchte mit meiner Begleitung auf Augenhöhe zusammenarbeiten.

Liebe Angehörige, die Ihr das vielleicht lest. Bitte unterlasst so Sätze wie „Du siehst es ja nicht“, oder „Ich sehe es im Gegensatz zu Dir“. Dass der Blinde etwas nicht sehen kann, weiß er selbst am besten. Und dass Ihr diejenigen seid, die sehen können, das ist ihm ebenfalls bewusst. Aber jemandem eine eigene Meinung oder einen eigenen Geschmack abzusprechen, nur weil er blind ist, wirkt von oben herab und damit ziemlich arrogant. Sätze wie „Ich finde, das diese Farbe nicht zu dir passt“, oder „Der Schnitt steht Dir nicht“, finde ich aussagekräftiger und längst nicht so verletzend. Ich weiß, Ihr meint es nur gut, wenn Ihr sagt: „Im Gegensatz zu Dir sehe ich, was die anderen tragen, und was gerade Mode ist“. Aber gerade solche Sätze vermitteln einem ein Gefühl der Hilflosigkeit und damit, dass er oder sie dem Sehenden ausgeliefert ist. Und niemand möchte das sein. Nicht umsonst heißt es „Ratschläge sind Schläge, die oft mehr weh tun als körperliche Gewalt“.