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Knuspr schließt blinde Kunden aus – ein Erfahrungsbericht

 Heute Morgen bekam ich eine SMS. „KnusprTeam, bestelle mit heutiger Lieferung und sichere dir 5 Credits! Spare dir das Anstehen mit knuspr.de!“ Eine dieser Nachrichten, die früher bei mir funktioniert haben. Ein kleiner Anstoß, schnell noch etwas zu bestellen, sich den Alltag ein Stück leichter zu machen. Für einen Moment war sie einfach da, diese Erinnerung an einen Service, der für mich lange Zeit genau das war: praktisch, flexibel und ein Gewinn an Selbstständigkeit.

 

Und dann kam die Realität. Bestellen geht nicht mehr. Nicht, weil ich nicht will, sondern weil ich es nicht kann. Die App, die mir genau dieses „Anstehen sparen“ ermöglichen sollte, schließt mich inzwischen vollständig aus.

 

Die App von Knuspr war nie wirklich barrierefrei. Schon vor zwei oder drei Jahren habe ich den Support auf bestehende Probleme hingewiesen. Damals wurde zumindest so weit nachgebessert, dass die App mit der Sprachausgabe irgendwie nutzbar war. Perfekt war sie nie, aber praktikabel.

 

Warum ich trotzdem dort bestellt habe? Der Service passte gut in mein Leben. Der Mindestbestellwert war niedrig, teilweise konnte man sogar ganz ohne Mindestbestellwert bestellen. Die Lieferzeitfenster waren klein und überschaubar, was mir Planungssicherheit gab. Leergut wurde bei der Lieferung direkt wieder mitgenommen. Günstig war der Laden nicht, aber dafür wurde alles frei Haus geliefert, und ich musste mich nicht mit der Frage auseinandersetzen, wie ich allein in einen Supermarkt gehe. Meine Bequemlichkeit wurde dabei durchaus optimal unterstützt.

 

Für einen jährlichen Aufpreis von rund 100 Euro konnte man zusätzlich kleinere Zeitfenster nutzen und noch häufiger ohne Mindestbestellwert bestellen. Genau diese Flexibilität war für mich und viele andere blinde Menschen ein echter Gewinn an Selbstständigkeit.

 

Seit mehr als einem halben Jahr konnte ich in der App nicht mehr nachlesen, welche Zutaten oder Nährwerte ein Produkt enthält. Ursache war ein Update. Mehrere Meldungen an den Support blieben ohne Ergebnis. Auch Hinweise auf weitere Barrieren, die von anderen blinden Nutzerinnen und Nutzern gemeldet wurden, verliefen im Sande.

 

Vor einigen Wochen folgte dann der nächste Schritt. Die App ist für blinde Menschen inzwischen gar nicht mehr bedienbar. Meine Sprachausgabe schweigt mich konsequent an. Buttons, Inhalte und Navigation sind nicht mehr zugänglich.

 

Ich bin damit nicht allein. Es gibt mehrere blinde Kundinnen und Kunden, die regelmäßig bei diesem Shop bestellt haben. Wir alle stehen nun von einem Tag auf den anderen ohne die Möglichkeit da, uns Lebensmittel nach Hause liefern zu lassen. Erneute Anfragen an den Support blieben auch diesmal unbeantwortet.

 

Ein Blick in die Bewertungen im App Store zeigt eine Durchschnittsbewertung von 4,9 Sternen. Liest man genauer hin, wird schnell klar, dass dort vor allem der Lieferservice bewertet wird, nicht die Bedienbarkeit der App. Barrierefreiheit spielt kaum eine Rolle, weder in den Rezensionen noch offenbar im Unternehmen selbst.

 

Dabei gibt es inzwischen das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. Dennoch sehe ich weder konkrete Verbesserungen noch die erkennbare Bereitschaft, sich des Problems ernsthaft anzunehmen.

 

Ich rufe alle Kundinnen und Kunden mit Sehbehinderung dazu auf, aktiv zu werden. Wendet euch an den Support von Knuspr, bewertet die App im App Store ausdrücklich in Bezug auf ihre Bedienbarkeit und macht öffentlich, dass dieser Onlineshop aktuell keine barrierefreie Nutzung ermöglicht. Wer ein kostenpflichtiges Premium-Paket gebucht hat und den Service aufgrund fehlender Barrierefreiheit nicht nutzen kann, sollte sein Geld zurückfordern.

 

Mir geht es nicht darum, einen Shop an den Pranger zu stellen. Es geht darum, darauf hinzuweisen, dass hier eine klare Ausgrenzung von Menschen mit Sehbehinderung stattfindet. Barrierefreiheit ist kein Bonus und kein Zusatzangebot. Sie ist Voraussetzung dafür, gleichberechtigt am Alltag teilzuhaben, auch beim ganz normalen Lebensmitteleinkauf.

 

Weitere Informationen finden sich unter https://www.knuspr.de.

Die App ist im App Store unter https://apps.apple.com/de/app/knuspr/id1448444304 zu finden.

 

Wenn wir jetzt schweigen, bleibt alles so, wie es ist. Wenn wir uns aber äußern, Bewertungen schreiben, Barrieren benennen und unser Recht auf Barrierefreiheit einfordern, machen wir sichtbar, dass Ausgrenzung kein Randproblem ist, sondern etwas, das ganz konkret unseren Alltag betrifft.

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Allgemein Sport und Freizeit Zu Gast auf lydiaswelt

Wie aus einem Nein bewegte Inklusion wurde 

Wie aus einer Unterschrift, die niemand leisten wollte, ein digitales Sportangebot für tausende wurde

 

Wenn ich heute auf Bewegte Inklusion schaue, dann sehe ich kein klassisches Gründungsnarrativ. Kein Start-up-Pitch. Kein Businessplan aus der Schublade.

Ich sehe Gespräche am Esstisch. Frust. Kopfschütteln. Und irgendwann diesen einen Satz, der alles verändert hat.

 

Aber der Reihe nach.

 

Eine Geschichte, die mich nicht losließ

2017 erzählte mir meine Mutter Lydia von einem Erlebnis, das mich nachhaltig beschäftigt hat. Sie wollte – wie so viele Menschen – fitter werden und hatte ein betreutes Probetraining im Fitnessstudio vereinbart. Geräte kennenlernen, Wege erklärt bekommen, danach selbstständig trainieren. Eigentlich ganz normal.

 

Doch am Ende sollte sie, weil sie blind ohne Begleitperson trainieren wollte, einen Vertrag unterschreiben, der alles andere als normal war.

Ein Haftungsausschluss, der so weit ging, dass selbst bei einem Unfall durch defekte Geräte keinerlei Anspruch bestanden hätte. Unabhängig davon, ob eigenes Verschulden vorlag oder nicht.

 

Meine Mutter unterschrieb das nicht.

Und ich verstand sofort: Das hatte nichts mit Fitness zu tun. Das war eine Frage von Verantwortung – und von Barrieren, die oft unsichtbar bleiben.

 

Sie schrieb darüber auf ihrem Blog. Die Geschichte machte lokal die Runde, das Fitnessstudio entschuldigte sich. Doch trainieren wollte sie dort nicht mehr. Die Story könnt Ihr im Beitrag Als ich versuchte in einem Fitnessstudio zu trainieren.  nachlesen.

 

Wenn Barrieren das eigentliche Problem sind

Was danach folgte, war fast noch ernüchternder.

Ein Fitnessstudio war nur über eine viel befahrene Straße ohne Blindenampel erreichbar.

Ein anderes lag zwanzig Minuten Fußweg von der nächsten Haltestelle entfernt.

Ein drittes war gut erreichbar – aber die Geräte nur über Touchscreens ohne Sprachausgabe bedienbar.

 

Irgendwann sagte meine Mutter diesen Satz, der mir im Kopf geblieben ist:

 

Der innere Schweinehund ist schon Herausforderung genug.

Aber die Barrieren machen ihn zum kleinsten Problem.

 

Und genau da wurde mir klar: Wir reden hier nicht über Einzelfälle. Wir reden über strukturelle Hürden, die Menschen davon abhalten, etwas so Selbstverständliches wie Bewegung in ihren Alltag zu integrieren.

 

Vom Kopfschütteln zum Handeln

2022 saßen wir wieder einmal zusammen beim Abendessen. Fitnessstudios kamen zur Sprache. Meine Mutter erzählte die Geschichte erneut – diesmal meinem Mann Max. Ungläubigkeit. Diskussion. Kopfschütteln.

 

Und dann dieser Moment, den ich heute als eigentlichen Startpunkt sehe.

 

Aus „Da müsste mal jemand etwas tun“ wurde:

„Dann machen wir das jetzt.“

 

Was als familiäres Gespräch begann, wurde schnell konkret. Wir wollten wissen: Wie geht es anderen? Wo hakt es wirklich?

Die Rückmeldungen aus einer Umfrage über soziale Netzwerke sowie über die Verteiler der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe waren eindeutig: Der Bedarf an barrierearmen Sportangeboten ist riesig. Das bestehende Angebot reicht nicht ansatzweise aus.

 

Anfang 2023 gründeten wir Bewegte Inklusion.

 

Meine Rolle: von Anfang an mittendrin

Von Beginn an habe ich die inhaltliche Entwicklung der Angebote verantwortet. Meine Ausbildung und Erfahrung in der Physiotherapie und Kursleitung waren dabei zentral: Wie müssen Übungen erklärt sein, damit sie ohne visuelle Orientierung funktionieren? Wie viel Anleitung ist nötig – und wann wird sie zur Bevormundung?

 

Mir war wichtig, dass unsere Angebote nicht als Insellösung wirken, sondern durchdacht, professionell und alltagstauglich sind.

 

Zunächst dachten wir regional. Doch schnell wurde klar: Das Problem existiert nicht nur hier. Es ist überall.

 

Der Schritt in die digitale Welt

Ende 2023 saßen wir wieder am Esstisch.

Die Frage diesmal: Wie erreichen wir Menschen bundesweit?

 

Die Antwort lag nahe: digital.

Aber nicht als Video. Nicht als Bildschirmformat. Hier waren der Blinden- und Sehbehindertenbund Hessen BSBH und der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband DBSV uns gute Helfer, um unser Angebot an Menschen mit Sehbehinderung heranzutragen.

 

Audio.

 

Ich übernahm die Projektleitung für das durch Aktion Mensch geförderte Projekt „Fitness zum Hören“. Damit war der Grundstein für die digitale Ausrichtung von Bewegte Inklusion gelegt. Im Beitrag Fitneskurse zum Hören nachzulesen.

 

Audio statt Bildschirm. Freiheit statt Abhängigkeit.

Heute verbindet Bewegte Inklusion verschiedene digitale Angebote:

 

Eine Fitness-App mit reinen Audiokursen und begleiteten Live-Kursen.

Alle Kurse gibt es in zwei Versionen: eine ausführliche mit detaillierten Erklärungen und eine kürzere für alle, die einfach ins Schwitzen kommen wollen.

 

Live-Kurse schaffen zusätzlich Raum für Austausch, Rückfragen und Motivation.

Aktuell arbeiten wir außerdem an digitalen Sportevents und an der Entwicklung kassenzertifizierter Präventionskurse.

 

Das Ergebnis? Nicht nur mehr Bewegung, sondern mehr Selbstbestimmung.

Eine Nutzerin sagt sinngemäß:

„Endlich kann ich meiner Liebe zur Bewegung nachgehen, ohne auf andere angewiesen zu sein.“

Eine andere Rückmeldung aus den Live-Kursen:

„Ich bleibe zum ersten Mal wirklich dran – weil ich mich gesehen fühle und nicht allein trainiere.“

Und spannend: Immer mehr sehende Menschen entdecken Audiofitness für sich.

Lisa sagt:

„Meine Bildschirmzeit ist schon hoch genug. Beim Sport tut es gut, mal nicht draufzuschauen.“

Tanja ergänzt:

„Mit Kindern ist Audiofitness Gold wert. Keine zusätzliche Bildschirmzeit – und ich kann im Pyjama trainieren, ohne mich schlecht zu fühlen.“

 

Was mich besonders freut:

Nicht nur blinde und sehbehinderte Menschen nutzen unsere Angebote. Immer mehr sehende Menschen entdecken Audiofitness für sich – weil sie weniger Bildschirmzeit wollen, flexibler trainieren möchten oder Bewegung besser in ihren Alltag passt.

 

Was wir gelernt haben

Bewegung braucht keine perfekten Räume.de

Keine Hochglanzstudios.

Und keine Verträge, die niemand unterschreiben möchte.

 

Sie braucht Zugang.

Sie braucht Flexibilität.

Und sie braucht Angebote, die sich an echten Lebensrealitäten orientieren.

 

Genau daran arbeiten wir bei Bewegte Inklusion – jeden Tag. Und zwar mit denen, die unser Angebot nutzen auf Augenhöhe.

 

Wenn du neugierig geworden bist, selbst ein barrierearmes Bewegungsangebot suchst, kooperieren möchtest oder als Förderpartner nachhaltige Wirkung erzielen willst:

Sprich uns an, oder schreibe eine E-Mail an info@bewegteinklusion.de.

Und so findest Du uns im Netz der Netze:
Webside ,
Facebook ,
Instagram ,
YouTube ,
– Tiktok ,
linkedin .

Denn Sport sollte kein Privileg sein.

Sondern eine Möglichkeit für alle, die Sport treiben möchten.

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Allgemein

4 wirksame Tipps einen Blinden zu stressen – Teil 7

Herzlich willkommen zum nächsten Teil meiner bewährten Serie 4 wirksame Tipps, einen Blinden zu stressen, die sich immer wieder zunehmender Beliebtheit erfreut.

 

Heute widme ich mich der Hotelbranche. Wenn Sie als Hotelbetrieb sicherstellen möchten, dass sich ein blinder Gast möglichst unwohl, unsicher und dauerhaft angespannt fühlt, brauchen Sie keine offenen Ablehnungen oder unfreundlichen Worte. Es reicht völlig, ein paar grundlegende Dinge konsequent zu berücksichtigen. Diese Tipps zeigen Ihnen, wie Sie mit überschaubarem Aufwand maximale Wirkung erzielen.

 

Beginnen Sie am besten mit der Orientierung im Gebäude. Sorgen Sie dafür, dass der Aufzug zuverlässig schweigt. Keine akustischen Etagenansagen, keine Signaltöne, keine Hinweise. Türen öffnen und schließen sich kommentarlos, sodass der Gast raten darf, wo er sich gerade befindet. Als Ausgleich platzieren Sie die Treppe möglichst versteckt. Eine Beschilderung ist nicht notwendig, tastbare Hinweise ebenfalls nicht. Sollte nachts ein Rauchmelder losgehen, ist das die perfekte Gelegenheit, den Stresspegel deutlich zu erhöhen. Ein schriller Alarm ohne jede akustische Wegführung, ohne Hinweise auf Notausgänge oder sichere Richtungen, sorgt zuverlässig für Panik und Orientierungslosigkeit.

Optimieren Sie zusätzlich die Flure und Treppenhäuser. Hochglänzende, stark reflektierende Böden sind ideal. Sie lassen Konturen verschwimmen, spiegeln Lichtquellen und erschweren jede Restorientierung. Kontraste auf Treppenstufen sind überflüssig. Einheitliche Farben ohne Abgrenzung zwischen Stufe und Kante machen jede Treppe zu einer kleinen Mutprobe.

 

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Buffet. Stellen Sie klar, dass es sich um Selbstbedienung handelt und bleiben Sie dabei konsequent. Hilfe beim Finden von Speisen, beim Einschenken oder beim Tragen der Speisen an den Tisch wird freundlich, aber bestimmt abgelehnt. Besonders wirkungsvoll ist der Hinweis, das Hotel sei darauf leider nicht ausgelegt. Alternativ können Sie mitleidig nachfragen, ob denn niemand da sei, der begleiten könne. So vermitteln Sie dem Gast unmissverständlich, dass er hier eigentlich nicht vorgesehen ist, zumindest nicht allein.

 

In der Kommunikation empfiehlt es sich, den blinden Gast möglichst selten direkt anzusprechen. Ist eine sehende Begleitperson anwesend, richten Sie alle Fragen an sie. Was möchte er trinken. Kann er Treppen laufen. Braucht er Hilfe. Der blinde Gast darf zuhören, während über ihn gesprochen wird. Direkte Ansprache auf Augenhöhe würde nur unnötige Selbstständigkeit fördern.

 

Im Badezimmer setzen Sie am besten auf sensorgesteuerte Technik. Wasserhähne und Seifenspender ohne fühlbaren Ansatzpunkt, ohne akustische Rückmeldung und mit unzuverlässiger Reaktion sorgen für zusätzliche Verunsicherung. Der Gast darf mit den Händen suchen, hoffen und warten. Besonders effektiv sind Systeme, die sich nach wenigen Sekunden wieder abschalten.

Ergänzen Sie dies durch konsequente Touch Bedienung im gesamten Zimmer. Lichtschalter, Klimaanlage oder Vorhänge bestehen ausschließlich aus glatten Flächen ohne fühlbare Struktur. Im Bad sorgen Sie für grelles, nicht dimmbares Licht. Anpassbarkeit wäre unnötiger Komfort.

Zum Abschluss binden Sie Ihr Reinigungspersonal ein. Möbel dürfen ruhig umgestellt werden, persönliche Gegenstände an andere Plätze wandern. Was gestern noch verlässlich greifbar war, ist heute verschwunden. So stellen Sie sicher, dass vertraute Wege und Orientierungspunkte täglich neu erlernt werden müssen.

 

Wenn Sie all diese Punkte beachten, gelingt es Ihnen zuverlässig, einen blinden Gast dauerhaft zu stressen, ohne je unhöflich zu wirken. Diese Gebrauchsanweisung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie dient lediglich dazu Ihrer Kreativität ein bisschen auf die Sprünge zu helfen.

 

#Weitere Ideen und Anregungen einen Blinden im Hotel zu stressen sind in den Kommentaren herzlich willkommen.

 

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Allgemein Bildung

Was macht die Blindenselbsthilfe

Ich war Anfang 20, als ich zum ersten Mal vom Blindenbund Hessen e.V. hörte. In meinem Kopf hatte sich die Vorstellung festgesetzt, dass dort nur ältere Menschen zusammenkommen, um Kaffeekränzchen zu halten. Erst Jahre später besuchte ich einen Jugendtreff – und Überraschung: Es waren nur wenige ältere Personen da, und ich fühlte mich sofort wohl. Das hat mir gezeigt, dass man sich die Blinden-Selbsthilfe nicht so vorstellen sollte, wie man denkt. Ich wurde zum Umdenken gebracht und weiß, dass ich mit diesem Gedanken nicht alleine bin. Heute bin ich ein aktives Mitglied dieses Vereins, der inzwischen Blinden- und Sehbehindertenbund Hessen e. V. heißt.

Viele Menschen, die gerade mit Sehverlust konfrontiert sind, haben ähnliche Unsicherheiten. Dabei zeigt die Erfahrung: Die Blinden-Selbsthilfe ist ein Ort, an dem man verstanden wird, Unterstützung bekommt, Erfahrungen austauschen kann und aktiv etwas bewegen kann. Das Leben ist noch lange nicht zu Ende, nur weil man blind geworden ist. Wir zeigen, wie man Alltag, Freizeit und Berufsleben so gestalten kann, dass es wieder Freude macht. 

Gerade jetzt lohnt es sich, Mitglied zu werden. Denn gemeinsam sind wir stärker als allein. Je mehr Mitglieder wir haben, desto stärker ist unsere Stimme. Zusammen können wir dafür sorgen, dass die Interessen blinder und sehbehinderter Menschen gehört werden, in Politik, Behörden und Gesellschaft. Viele Nachteilsausgleiche, die heute selbstverständlich erscheinen, wurden durch die Blinden-Selbsthilfe erreicht – vom Blindengeld über Vergünstigungen im öffentlichen Nahverkehr bis zu mehr Barrierefreiheit. Diese Rechte waren nicht immer da. Sie wurden erkämpft und müssen auch heute noch verteidigt werden. 

Blinden-Selbsthilfe bedeutet nicht nur Treffen oder gemütliches Beisammensein. Wir sind politisch aktiv, sprechen mit Entscheidungsträgern, bringen unsere Erfahrung und Expertise ein und setzen uns für die Rechte blinder und sehbehinderter Menschen ein. Wer von Sehverlust betroffen ist, fühlt sich oft zunächst orientierungslos. Genau dann ist es wichtig, sich von Menschen beraten zu lassen, die selbst betroffen sind oder viel Erfahrung mit Blindheit und Sehbehinderung haben. Unsere Angebote machen es leicht, Unterstützung zu bekommen. Dazu gehört zum Beispiel das bundesweite Beratungsangebot Blickpunkt Auge – Rat und Hilfe bei Sehverlust. Dort erhalten Betroffene und Angehörige verständliche Informationen, persönliche Beratung, praktische Hilfe und die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch. Niemand muss seine Fragen oder Sorgen allein bewältigen. 

Mitglied zu sein heißt, verstanden zu werden, Unterstützung zu bekommen, Erfahrungen zu teilen und gemeinsam etwas zu bewegen – für sich selbst und für andere. Damit Entscheidungen nicht über uns, sondern gemeinsam mit uns getroffen werden.

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband DBSV ist der Dachverband aller angeschlossenen Landesvereine. Hier findet jeder den Verband in seiner Nähe. Und jetzt lade ich Euch ein in den Kommentaren über dieses Thema zu diskutieren.

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Allgemein Alltag Zu Gast auf lydiaswelt

Wir Alltagsblinden – zwischen Klischee und Realität

Uns blinden Menschen werden gern bestimmte Eigenschaften zugeschrieben – nach dem Motto: „Kennst du einen, kennst du alle.“ Jeder, der sich mit mehr als einem blinden Menschen unterhalten hat, weiß, dass das nicht stimmt. Und weil es diesen „typischen Blinden“ nicht gibt, freue ich mich jedes Mal, wenn Gastautorinnen und -autoren mit Sehbehinderung auf meinem Blog schreiben.

 

Der heutige Beitrag stammt von Tamara , die ich über ein gemeinsames Buchprojekt kennengelernt habe und deren Worte mir aus der Seele sprechen.  Wir Alltagsblinden – zwischen Klischee und Realität Wenn die Medien über blinde Menschen berichten, dann meistens in Extremen.

Es werden entweder die Hilflosen gezeigt, die angeblich kaum selbstständig zurechtkommen,

oder die Helden, die mit unglaublicher Willenskraft beim Laufen, Schwimmen, Singen oder anderen herausragenden Leistungen brillieren.

 

Sicher gibt es Hilflosigkeit.

Ich erinnere mich an einen Mann, der plötzlich sein Augenlicht verloren hatte. Er war so ängstlich, sich in seiner eigenen Wohnung zu bewegen, dass er sich auf seinem Bürostuhl durch die Räume rollte, weil er dachte, das sei sicherer.

Er war neu betroffen, überfordert, ängstlich – und musste neu anfangen.

 

Doch Hilflosigkeit muss kein Dauerzustand sein. Sie kann eine Phase sein, die man durch Training, Mut und Zeit überwinden kann. Geeignete Unterstützung wie Unterricht in lebenspraktischen Fertigkeiten ist leider schwer zu bekommen, vor allem, wenn man nicht im Berufsleben steht.

 

Dann gibt es noch die sogenannten „Vorzeigeblinden“, die Medaillen holen, erfolgreich Musik machen oder einen außergewöhnlichen Beruf ausüben. Ihre Leistungen verdienen Anerkennung – aber dadurch wird die Latte für andere Blinde oft ziemlich hochgelegt.

 

Viele von ihnen haben durch Sport oder Musik wieder Mut, Struktur und Lebenswillen gefunden. Sie haben ihren Weg Schritt für Schritt entwickelt und sind nicht einfach auf dem Siegertreppchen oder der Bühne erwacht. Auch sie müssen sich den täglichen Herausforderungen des Alltags stellen.

 

Ich selbst bin seit 23 Jahren blind. Und ich finde mich in keiner dieser Darstellungen wieder.

Ich bin weder ein hilfloses Opfer noch eine Heldin. Ich bin einfach ich – eine Alltagsblinde .

Eine, die ihr Leben lebt, mit Routinen, Techniken, Erfahrungen und einer Portion Gelassenheit.

 

Niemand wird über Nacht zu einem souveränen blinden Menschen, der alle Tricks kennt. Blinde, die seit Geburt an nichts sehen, haben meist über Jahre hinweg gelernt, mit ihrer Umwelt umzugehen. Und auch sie lernen ständig dazu.

 

Selbst nach über zwei Jahrzehnten erlebe ich immer wieder neue Situationen, die herausfordernd sind.

 

Die meisten von uns stehen eben nicht auf der Bühne oder auf dem Podest.

Wir meistern unseren Alltag – ohne große Dramen, aber mit viel Kompetenz.

Wir gehen arbeiten, reisen, kochen, telefonieren, lachen, streiten, lieben.

Manches mit Unterstützung und manches genauso selbstverständlich wie alle anderen auch.

 

Das ist es, was viele übersehen: die Normalität. Es ist an der Zeit, dass die Gesellschaft uns nicht länger nur als hilflose Opfer oder als außergewöhnliche Helden sieht, sondern als Menschen mit unterschiedlichen Geschichten, Fähigkeiten und Lebenswegen.

 

Wir wollen weder bewundert noch bemitleidet werden.

Wir wollen einfach dazugehören – so wie wir sind.  Vielen Dank, liebe Tamara, für deine Worte.

Wir beide sind gespannt, welche Meinungen meine Leserinnen und Leser haben.

 

Lasst gern ein Like da, wenn es euch gefallen hat, und kommentiert unter diesem Beitrag.

Auf einen guten Meinungsaustausch freuen sich Lydia und Tamara