Meine blinde Praktikantin, ein Erfahrungsbericht

Sabine Omarow

Als ich Sabine kennenlernte, gab es meinen Blog bereits einige Monate. Damals experimentierte ich damit meinen Blog in Facebookgruppen vorzustellen, deren Thematik irgendeinen Bezug zu meinen Inhalten hatte. Ich probierte Gruppen aus, die sich mit Flüchtlingen, Haushalt oder Sozialarbeit beschäftigten. Im Prinzip alles an Gruppen, von denen ich mir Interessenten erhoffte. Und in einer dieser Gruppen traf ich auf Sabine, die eine Praxis für Lerntraining betreibt. Im Jahr 2017 organisierte sie einen Kongress im Internet, für den sie mich um ein Interview bat.
Über Facebook hatte ich auf meiner Seite
Lydiaswelt gefragt, wer der Lust habe einen Gastbeitrag für mich zu schreiben, der einen Bezug zu Blindheit, Sehbehinderung oder blinde Eltern hat. Darauf bekam ich von Sabine den folgenden Beitrag:

Meine blinde Praktikantin
Als ich meine Praxis für Lerntraining noch in Berlin hatte, erzählte eine erwachsene Schülerin mir von einer jungen Frau, die plötzlich blind geworden war. Diese Frau sei dabei, sich aus dem persönlichen Tief herauszuarbeiten und suche nach einer neuen Lebensperspektive für sich. Sie wollte gerne Logopädin werden, fand in Berlin jedoch einfach keine Schule, die sie, als blinde Frau, aufnehmen wollte.
Irgendwie rührte mich diese Geschichte sehr und ich fragte, ob sie (ich nenne sie jetzt einfach mal Anne), bei mir ein Praktikum machen wolle. Meine erwachsene Schülerin kam schon bald mit der positiven Antwort.

Anne kam zum Hospitieren
Eine Woche später kam Anne erst einmal zum Hospitieren. Sie hatte ihren Hund dabei, der bei meinen Schülern gleich das Herz hüpfen ließ. Meine Schüler waren begeistert, weil sie den Hund streicheln durften und er so lieb in der Ecke lag und alles beobachtete oder schlief.
Schon bald setzte sich Anne dazu, da ich meistens zwei Schüler in einer Stunde betreue.

Die Schüler lasen freiwillig alles vor
Das war so toll, denn sie war sehr einfühlsam und bewirkte bei den Schülern, dass sie ihr alles vorlasen, und zwar freiwillig. Gerade die Kinder, die eine Lese-Rechtschreibschwäche haben, lesen ja nicht gerne laut vor. Jetzt war das gar kein Problem, denn sie wussten ja, Anne kann es nicht sehen, also müssen sie ihr alles, aber auch alles vorlesen.

Wir spielten auch Lernspiele
Richtig große Augen machten wir, die Schüler und ich, als es ans Spielen ging. Jede Stunde spiele ich natürlich auch mit meinen Schülern. Es sind Lernspiele, aber sie lockern die Stunde auf und so macht das Lernen einfach mehr Spaß.
Ich holte das Wort-Mau-Mau-Spiel hervor. Ein Spiel, mit dem ich das Lesen übe, ohne dass die Kinder das merken. Mau-Mau spielen die Kinder gerne, nur dass sie hier mit Wörtern spielen, die sie auch vorlesen müssen.
Ich las die Karten, die ich Anne gab vor. Sie merkte sich die Karten und spielte dann mit uns, als ob sie die Karten sehen würde.
Wir waren begeistert!

Anne fand doch eine Schule
Annes Praktikum war nur kurz. Sie überlegte schon, ob sie bei mir arbeiten wollte, doch da kam der Brief einer Schule aus einer anderen Stadt. So musste Anne Berlin verlassen und damit meine Praxis.
Wir waren alle traurig, wünschten ihr aber alles Gute und viel Glück.

Danke an Sabine für den Bericht aus der Perspektive einer sehenden Arbeitgeberin. Und jetzt lade ich Euch zum Meinungsaustausch in den Kommentaren ein.

Vorlesestock hilft Blinden im Alltag

Der Vorlesestock zeigt mit der Spitze auf ein Straßenschild.

Wer blind ist, orientiert sich ganz anders als ein normal sehender Mensch im Straßenverkehr. Dabei sind markante Punkte, wie Straßenkreuzungen, Hauseingänge oder ein besonderer Straßenbelag eine große Hilfe. Doch in manchen Situationen kommen blinde Fußgänger an ihre Grenzen. Umso wichtiger wäre es Hausnummern, Straßenschilder oder die Aufschrift eines Ladenlokals lesen zu können. Denn nicht immer ist jemand auf der Straße unterwegs, den man fragen kann.
Herkömmliche Blindenstöcke stellen das Auge des Blinden am Boden dar. Mit Hilfe der Stockspitze kann der Bodenbelag, Stufen oder andere Hindernisse ertastet werden. Der Blindenlangstock wird mittels einer Pendelbewegung von links nach rechts in Schulterbreite ausgeführt. Die Länge ist von der Körpergröße des Nutzers abhängig, um eine größtmögliche Sicherheit im Straßenverkehr zu gewährleisten. Und wenn der Stock nicht mehr benötigt wird, ist er zusammenklappbar, und kann in einer Tasche, oder unter einem Stuhl verstaut werden.
Einer Forschergruppe aus Erlensee ist es erstmals gelungen einen innovativen Blindenstock zu entwickeln. Der Stick Reader 3000 sieht aus wie ein herkömmlicher Blindenstock, bringt jedoch einige nützliche Funktionen für blinde Nutzer im Straßenverkehr mit.
Der Stick Reader 3000 wurde als Vorlesestock entwickelt. Er kann beim Gehen wie ein herkömmlicher Blindenstock verwendet werden, bietet jedoch viele zusätzliche Vorteile. Mit seiner Hilfe lassen sich Straßenschilder oder Werbeplakate auslesen. Eine kleine Kamera befindet sich ca. 10 cm über der Stockspitze. Sie ist mit einer Klappe versehen, um sie vor Wasser und Schmutz zu schützen. Im Griff, der kaum dicker als der eines herkömmlichen Blindenstocks ist, sind ein Lautsprecher, der Akku, Audio- und Datenanschluss verbaut. Bei Bedarf kann auch ein Headset via Bluetooth angeschlossen werden. Das ist bei stark befahrenen Straßen besonders wichtig.
Um den Vorlesemodus des Stick Reader 3000 zu aktivieren, wird er mit der Spitze nach oben gehalten. Mehrere Fotos werden in Richtung der Stockspitze gemacht, und mit Hilfe einer OCR-Software aus den Bildern der Text herausgefiltert und vorgelesen.

Vorlesestock Kamera hochkant Schild
Vorlesestock Kamera hochkant Schild

Eine kleine Lampe sorgt bei schlechten Lichtverhältnissen für eine gute Bild- und Texterkennung. Die Akkulaufzeit beträgt zurzeit einen Monat im Stand-by-Modus. Bei eingeschalteter Lampe verkürzt sie sich auf zwölf Stunden. Ein Ladekabel wird mitgeliefert. Die Vorlese-Software ist Open Source und kann beliebig erweitert werden. Mit einem namhaften Elektronikkonzern soll demnächst eine Kleinserie produziert werden, um eine Testphase einzuleiten. So werden in Zukunft auch große Werbeplakate und Firmenschilder kein Problem darstellen. Und mit etwas Übung geht auch das Auslesen von Hausnummern und einfahrenden Bussen.

Vorlesestock Kamera Fahrplan
Vorlesestock Kamera Fahrplan

Doch die Entwickler des Stick Reader 3000 haben noch mehr vor. Wichtige Punkte sind eine Offlinelösung für die Vorlesefunktion des Stocks, damit blinde Nutzer unabhängig von Funklöchern sind. Damit könnte auch das Auslesen von Klingelschildern möglich werden. Außerdem soll es möglich werden den Griff des Stick Reader 3000 an das jeweilige Outfit des Nutzers oder der Nutzerin anzupassen. An einer entsprechenden Beleuchtungstechnik wird noch geforscht. Ebenfalls soll es möglich sein den Stick Reader 3000 per Smartphone aufzuspüren und einen lauten Piepton darauf zu schicken. Das ist besonders wichtig, wenn mal jemand den Standort des Stocks verändert hat, ohne den blinden Besitzer darüber zu informieren.
Die Entwickler sind selbst blind oder sehbehindert, und kennen daher die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe am besten. Daher dürfen wir auf die Weiterentwicklung des Stick Reader 3000 gespannt sein.

Bilder, Text und Bildbeschreibung

Lydia steht vor einer Sonnenuhr.

In einem Workshop erzähle ich einer Gruppe angehender Krankenpfleger von meinem Alltag als blinde Mutter. Meine Gruppe ist interessiert und macht gut mit. Und dann kommt sie, die Frage aller Fragen. „Sind Ihre Kinder sehend?“ Ja, sind sie. Und nach Schema F kommt die Frage: „Dann beschreiben sie Ihnen bestimmt alles was sie sehen“. Kopfkino. Ich stelle mir meine Kinder vor, wie wir eine belebte Einkaufsstraße entlang laufen, und sie mir wirklich alles Gesehene im Wechsel in Worte fassen. Will ich das wirklich? Nein, ich glaube nicht.

Grundsätzliches zur Wahrnehmung blinder Personen
Blind ist man, wenn man auf dem besser sehenden Auge einen verwertbaren Sehrest von 2 % hat. Ein Straßenschild, welches ein normalsehender Verkehrsteilnehmer auf 100 m Entfernung sieht, ist für einen Blinden erst bei einer Entfernung von unter 2 m wahrnehmbar. So zunächst einmal die Theorie. Denn je nach Augenerkrankung kann das variieren. Jemand, der wie ich stark auf Licht reagiert, sieht dieses Straßenschild bei Sonnenschein gar nicht, und bei guter Beleuchtung schon ab 5 m Entfernung. Und einer Person, die komplett blind ist, sieht dieses Schild gar nicht. Aber davon sind nur ca. 4% aller blinden Menschen betroffen.

Kleine aber feine Unterschiede
Stell Dir vor, Du bist unterwegs, und Deine Begleitung textet Dich im Akkord zu. Dazu kommen Deine eigenen Eindrücke, Straßengeräusche, andere Personen, die sprechen, Gerüche usw. Das mag am Anfang noch recht lustig sein, wird aber irgendwann einfach nur noch stressig, wenn die Informationen ungefiltert auf Dich einprasseln. Deshalb hat die Natur natürliche Filtersysteme eingebaut, die eine Reizüberflutung verhindern. Das solltest Du wissen, wenn Du einem blinden Menschen Dinge beschreibst. Die Devise heißt hier Qualität statt Quantität. Und wenn Du Dir nicht sicher bist, frag einfach. Mir persönlich ist ein nettes Gespräch lieber als eine permanente Beschreibung der Umgebung. Es sei denn ich möchte gezielt Details aus der Umgebung wissen. Aber dann ist es auch an mir das zu sagen.

Bilder beschreiben
Beschreibungen wie „Ach wie süß“, oder „Erstaunter Blick“ sind für mich absolut nichts sagend. „Lydia hält lächelnd einen Kuchen in die Kamera“ ist dagegen eine Beschreibung, unter der ich mir etwas vorstellen kann. Im Deutschunterricht lernen wir, dass ein Satz aus Subjekt, Prädikat und Objekt besteht. Das gilt auch für Fotobeschreibung. Wer macht was mit wem?
In diesem Zusammenhang taucht oft die Frage auf, warum blinde Personen sich für Bilder interessieren, wenn sie diese nicht sehen können. Je nach Sehfähigkeit können blinde Betrachter Bilder erkennen. Ich kann es nicht. Aber ich will mir vorstellen können, was auf dem Foto ist. Daher habe ich Fotos gern auf meinem Rechner oder Smartphone. Hier kann ich dem Foto einen sprechenden Namen geben. „Lydia sitzt auf dem Bett und Streichelt eine schwarze Katze.jpg“ könnte ein Dateiname sein.

Ein Nogo, was ich oft erlebe ist, dass mir Personen mehrere Fotos als Anhänge eine E-Mail zuschicken, und die Beschreibungen in den Text schreiben. Die Frage, welches Foto zu welcher Beschreibung gehört, kann ich nicht ohne fremde Hilfe beantworten. Steht die Beschreibung im Dateinamen, oder ist dieser noch mal vor der Beschreibung aufgeführt, dann kann ich das Foto zuordnen, und entsprechend gezielt abspeichern. Detailliert habe ich das in meinem Beitrag „Bilder für Blinde zugänglich machen“ beschrieben.

Texte vorlesen oder beschreiben
Wenn ich jemanden bitte mir einen Brief oder Zettel vorzulesen, dann meine ich das auch so. Eine Jugendfreundin fand es einfacher mir eine Zusammenfassung eines Schreibens wiederzugeben. Das war nett gemeint. Aber ich meinte vorlesen, und nicht zusammenfassen und möglicherweise für mich interpretieren. Das möchte ich gern selbst tun.

Einen Weg richtig beschreiben
Blinde Menschen orientieren sich an Blindenleitstreifen, wenn diese vorhanden sind, oder an markanten Punkten. Das sind Dinge, die einen konstanten Standort haben. Das kann eine Einfahrt, eine Straßenkreuzung oder ein Verteilerkasten sein. Das Geräusch eines Lüftungsschachts, einer verkehrsreichen Straße oder Rolltreppe kann ebenfalls als Orientierung dienen. Sogar ein Geschäft, welches einen bestimmten Duft ausströmt, kann eine Orientierung sein. Das sollte man beachten, wenn man einem blinden Verkehrsteilnehmer einen Weg beschreibt. Eine Beschreibung könnte lauten: „Steig an der Bushaltestelle Bahnhof aus, laufe gegen die Fahrtrichtung bis zum Ende, drehe Dich um 90 Grad nach links, und überquere den Zebrastreifen. Dann drehe Dich 90 Grad nach rechts, laufe bis zur nächsten Kreuzung, biege nach links ab, und dann ist es der dritte Hauseingang. Die dritte Klingel von oben ist dann meine“. Man sollte sich dabei vergegenwärtigen, dass der blinde Fußgänger keine Hausnummern oder Straßennamen lesen kann.

Am besten ist es in diesem Zusammenhang danach zu fragen welche Details derjenige für die Orientierung braucht. Das ist völlig legitim und eine elegante Lösung, um Fettnäpfchen zu umschiffen.

Ich kann keine Straßennamen oder Hausnummern mehr lesen. Habe ich eine Beschreibung wie „Gegenüber der Volkshochschule das grüne Gebäude“, so ist diese für mich Wertlos. Mit der Adresse bestehend aus Straße und Hausnummer kann ich eher etwas anfangen. Und wer mir was Liebes tun möchte, sagt mir in welchem Stadtteil das ist, oder ob diese von einem öffentlichen Verkehrsmittel angefahren wird.

Und jetzt freue ich mich auf Eure Kommentare.

Blind am Computer, Teil 1

Laptop und Braillezeile

Auf dem Foto ist ein handelsübliches Notebook zu sehen. Das einzige Merkmal welches mein Gerät von anderen unterscheidet ist die Braillezeile unterhalb des Rechners. Das ist ein Ausgabegerät, welches mir den Text auf dem Bildschirm in Braille ausgibt. Eine Maus sucht man an meinem Arbeitsplatz vergebens. Auch das Touchpad, welches sich an meinem Notebook befindet, stört mich nur. Daher habe ich es einfach abgeschaltet. Ich bediene meinen Computer ausschließlich über die Tastatur. Eine Maus kommt nur dann kurzfristig zum Einsatz, wenn mal ein Nichtblinder an diesem Arbeitsplatz sitzt.
Damit das möglich ist, läuft eine Software im Hintergrund, die ständig nach Textelementen auf dem Bildschirm sucht und mir diese in Sprache umwandelt. Das nennt man Screen Reader. Die Sprache kann ich nach meinen Bedürfnissen anpassen, also Stimme, Geschwindigkeit, Betonung, und so weiter. Das ist so wie das Schriftbild auf dem Bildschirm, welches sich ein sehender Nutzer so einstellt, dass das Arbeiten angenehm ist.
Ich werde oft gefragt wie ich das mit dem Schreiben mache. Denn ich kann die Tasten schließlich nicht sehen. Eine der am häufigsten gestellten Fragen ist, ob es sich um eine spezielle Blindentastatur handelt. Nein, tut es nicht. Diese gibt es. Aber ich brauche sie nicht. Jede gelernte Schreibkraft schreibt blind. Denn ab einer bestimmten Schreibgeschwindigkeit kann das Auge den Fingerbewegungen nicht mehr folgen. Hinsehen würde also die Fehlerquote erhöhen. Zu meiner Schulzeit hatte ich ab dem 5. Schuljahr Maschinenschreiben als Pflichtfach. Und ab der 7. Klasse gehörte eine mechanische Schreibmaschine nebst einer Schreibmaschine für Braille zu meiner Grundausstattung für die Schule. Auf dieser Maschine mussten ab dem 9. Schuljahr sämtliche ‚Arbeiten‘ getippt werden. Die Ausnahmen bildeten die Naturwissenschaften. Der Grundgedanke war, dass blinde in der Lage sein mussten auch mit normal sehenden schriftlich zu kommunizieren, ohne dass diese die Brailleschrift beherrschten. Dementsprechend wurden auch Tippfehler in Arbeiten negativ gewertet. Spätestens jetzt strengte man sich in diesem Fach etwas mehr an. 😊
In der Schule gab es auch einen Raum, der mit elektrischen Schreibmaschinen ausgestattet war. Auch an diesen wurden wir unterrichtet. Ich kam damit lange nicht zurecht, da der Anschlag doch ein ganz anderer ist als auf der mechanischen Schreibmaschine. An einem PC habe ich zum ersten Mal geschrieben, nachdem ich mein Abitur bereits hatte. Das erste was ich tat war den Anschlag auf hart einzustellen. 6 Jahre auf der mechanischen Schreibmaschine hinterlassen schließlich ihre Spuren.
Eines der ersten Dinge, die ich zu schätzen gelernt habe war die Braillezeile, die das Korrekturlesen wesentlich erleichterte, und die Möglichkeit sich den getippten Text nochmal per Sprache ausgeben zu lassen. Durch die schnellere Sprechgeschwindigkeit kann ich mir auch während des Schreibens ansagen lassen was ich geschrieben habe und sofort korrigieren, wenn ich das für nötig halte.
Heute möchte ich meinen Computer auf keinen Fall mehr missen. Er verleiht mir eine Unabhängigkeit, die für mich sehr wichtig ist. Ich schreibe meinen Text, Brief oder was auch immer dann wenn ich es möchte, und nicht wenn jemand da ist, der das für mich tun könnte. Ein handelsüblicher Drucker sorgt dafür, dass ich eben diesen Brief ausdrucken kann. Geht es darum einen Briefumschlag zu adressieren, so habe ich einen kleinen Etikettendrucker. Die Adresse schreibe ich über den Computer, Drucke sie aus und kann den Briefumschlag direkt damit bekleben.
Ein weiterer Schritt in die Unabhängigkeit kam für mich 2003, als ich meine erste E-Mail-Adresse einrichtete. Jetzt konnte ich schriftliche Dinge direkt über den PC verschicken, ohne diese vorher umständlich ausdrucken, adressieren und wegbringen zu müssen. Eine wesentliche Erleichterung ist es für mich, wenn man mir Informationen per E-Mail schickt. Diese werden direkt von meinem Computer vorgelesen und können daher schneller bearbeitet werden.
Wie viele Menschen auf dieser Welt meide ich den Papierkrieg so gut es eben geht. Aber nur ein Teil meiner Phobie kann ich mit Faulheit begründen. Papier ist geduldig. Es hat auch damit zu tun, dass es für mich mit Zeitaufwand verbunden ist mir den Inhalt eines Schreibens zugänglich zu machen.
Während ein normalsehender Leser einfach mal den Brief aufmacht und draufschaut, muss ich technische Hilfsmittel einsetzen, um mir das entsprechende Schreiben zugänglich zu machen. Der ein oder Andere hat vielleicht schon mal davon gehört, dass es Vorlesesysteme für Blinde gibt. So etwas Ähnliches nutze ich auch. Das Blatt wird auf einen Scanner gelegt und fotografiert. Dieses Bild wird an den Computer übertragen und an eine OCR-Software geschickt. Dieses Programm macht aus dem Bild wieder Text, der vom Screen Reader vorgelesen werden kann. Je besser der Ausdruck des Briefes, desto weniger Fehler macht die Texterkennung. Und um mir einen Brief zugänglich zu machen, brauche ich ein Vielfaches an Zeit als ein normalsehender Briefempfänger.
Bei handschriftlichen Eintragungen funktioniert das leider nicht. Denn das lässt sich bisher noch nicht in vordefinierte Raster einordnen. Wenn meine Krankenversicherung schreibt, bekomme ich manchmal Formulare mit Feldern, die teilweise angekreuzt wurden. Ich bekomme von der Texterkennung die Namen der Formularfelder vorgelesen, jedoch nicht den Inhalt. Barrierefrei ist etwas anderes. Hier bin ich auf die Hilfe einer sehenden Vorlesekraft angewiesen.
Ein weiteres Beispiel aus meinem Alltag sind die schriftlichen Mitteilungen aus der Grundschule. Die Lehrkraft schreibt sie von Hand in das Heft, und die Eltern sollen diese abzeichnen. Das hat beides bei mir nicht funktioniert. Nach drei Jahren habe ich es aufgegeben die Lehrkraft um Mitteilungen per Mail oder telefonisch zu bitten. Zwei Mütter aus der Klasse meiner Tochter haben mich dann mit den relevanten Informationen per E-Mail versorgt. In der weiterführenden Schule hingegen gab es diese handschriftlichen Mitteilungen nicht mehr. Dafür hatte ich von einigen Lehrern den Luxus von Informationen per E-Mail. Und das bedeutet für mich Unabhängigkeit und damit auch mehr Lebensqualität.
Seit mehr als zehn Jahren arbeite ich mit Computern, die man mitnehmen kann. Denn ich möchte nicht nur an meinem Schreibtisch arbeiten können, sondern gerade wo ich bin. Ich möchte die Wahl haben im Urlaub, im Zug oder auf einem Seminar meinen Computer zur Verfügung zu haben. Und so habe ich meinen Arbeitsplatz so konzipiert, dass ich die wesentlichen Komponenten, also Notebook und Braillezeile, transportbereit habe. Alles andere steckt in einer Dockingstation.