Der Blindenstock, Stigma oder Befreiung

Lydia steht bei Regen neben einer Pfütze

Die Woche des Sehens beginnt alljährlich am 8.10. und wird mit dem Tag des weißen Stocks am 15.10. abgeschlossen.

Der Blindenstock begleitet mich seit meiner Jugend, er ist für mich das Hilfsmittel der Wahl. In dieser Zeit musste ich lernen, dass eben diesem Hilfsmittel, mehr oder weniger, interessante Eigenschaften zugeschrieben werden, die mich schon mal den Kopf schütteln lassen. Hier nur ein paar Aussagen von blinden Nutzern aus meiner Facebookseite:
– Eine Kassiererin wollte ihn scannen, weil sie ihn für einen Nordic Walking Stock hielt,
– Frage an den Nutzer ob er damit etwas vermesse,
– Frage, ob das eine Wünschelrute ist,
– Im Krankenhaus wird Gehstock als Hilfsmittel angekreuzt,
– Frage, ob der Stock mir den Weg zeigt,
– Frage, ob er grüne Ampeln ansagt,
– Ein Flughafenmitarbeiter stufte ihn als Waffe ein, und wollte ihn konfiszieren.

Der Blindenstock hat zwei wesentliche Funktionen. Einmal ist es ein international anerkanntes Kennzeichen dafür, dass der Nutzer eine Sehbehinderung hat. In der Praxis heißt es, dass er anderen Verkehrsteilnehmern sichtbar macht, dass er/sie nicht, oder nur eingeschränkt sehen kann. Ich sehe Dich nicht. Also weiche Du mir aus, oder sprich mit mir.
Gerade für Menschen, die noch nicht so lange blind sind, oder für Jugendliche ist es oft eine große Überwindung sich mit dem Blindenstock zu kennzeichnen, denn damit fällt man sofort ins Auge. Und es gibt noch immer Zeitgenossen, die einen wie ein Wundertier anstarren. Das wird auch schon mal von Begleitpersonen als unangenehm empfunden. Das führt auch schon mal dazu, dass Begleiter einen bitten den Stock in die Tasche zu stecken, damit die Leute nicht mehr gucken. Ich selbst habe eine Weile gebraucht, um zu sagen, dass es mich mit dem Stock ausschließlich im Doppelpack gibt. Denn nur der Nutzer entscheidet ob er den Stock sichtbar trägt oder nicht. Und niemand sonst.
Die zweite entscheidende Funktion des Blindenstocks ist, dass er mein Auge am Boden ist. Bevor ich also gegen ein Hindernis stoße, macht es der Blindenstock für mich. Und dem tut es nicht weh. Meiner Nase hingegen schon. Wie das funktioniert, und wo die Grenzen liegen, habe ich in der Blindenstock in der Praxis beschrieben. Und ganz wichtig dabei ist: Hindernisse sind manchmal wichtig. Sie dienen mir zur Orientierung. Es besteht also keine Notwendigkeit einen blinden Menschen zu warnen, wenn der Stock einmal gegen eine Hauswand, einen Ampelmast oder einen Blumenkübel knallt. Auch wenn es auf sehende Verkehrsteilnehmer sicherlich beängstigend wirkt.
Und nun die Frage aller Fragen: Was wirkt besser, ein sehbehinderter Nutzer, der sich nicht kennzeichnet, und mit seinem bisschen Restsehen versucht sich zu orientieren, oder ein sehbehinderter Nutzer, der seinen Stock mitnimmt, und damit signalisiert, dass er eine Sehbehinderung hat? Diese Frage sollte jeder für sich selbst beantworten können. Es gibt in der Rechtsprechung keine eindeutige Kennzeichnungspflicht im Straßenverkehr, wie auf den Seiten der RBM nachzulesen ist.

Für mich ist der Blindenstock längst kein Stigma mehr, sondern eher ein Hilfsmittel, welches mir eine Freiheit garantiert mich selbstbestimmt in der Weltgeschichte zu bewegen. Und wenn ich ihn doch mal loswerden möchte, dann lässt er sich bequem zusammenklappen oder auch mal unter den Arm klemmen.

Zum guten Schluss noch drei Ratschläge, die ich potentiellen Helfern mit auf den Weg geben möchte:
– Zieht niemals einen blinden Menschen am Blindenstock irgendwohin.
– Jemandem den Stock ungefragt aus der Hand nehmen, damit er leichter aus dem Zug steigen kann, ist ein NoGo.
– Der Blindenstock gehört auch nicht ungefragt weggestellt oder an die Garderobe gehängt.

Waschmaschine blind bedienen

Waschmaschine mit fühlbaren Bedienelementen

Nachdem sich 2016 meine Waschmaschine für immer verabschiedet hatte, stellte sich die Frage nach einer Nachfolgerin. Ein normal sehender Kunde geht hierfür in das Geschäft seines Vertrauens, und sucht sich die Maschine aus, die ihm und seinem Geldbeutel gefällt. Fertig! Nicht so bei mir. Ich tourte durch die einschlägigen Märkte, die Haushaltsgeräte vertreiben und suchte zunächst einmal nach Geräten, die ein gewisses Maß an Barrierefreiheit aufwiesen. Für mich persönlich heißt das, dass die Bedienelemente tastbar sein müssen. Dazu gehören drehbare Regler, die im Idealfall bei jedem Programm einrasten, oder fühlbare Knöpfe, die bestimmte Funktionen auslösen, und bei denen man spürt, dass man irgendwo draufgedrückt hat. Und hier bekam ich den Schrecken meines Lebens. Denn die meisten Waschmaschinen verfügten über ein Display gesteuertes Bedienfeld. Keine Sprachausgabe, keine fühlbaren Bedienelemente, keinerlei akustische Rückmeldung. Solche Geräte fand ich in Geschäften, die gebrauchte Geräte verkauften. Meist handelte es sich um ältere Modelle, die auch noch alles andere als sparsam waren.
Ich weiß nicht mehr wie viele Geschäfte wir besuchten bis ich eine Waschmaschine fand, die einen drehbaren Regler für die Programme hatte und verschiedene Knöpfe, die für Funktionen wie Drehzahl beim Schleudern, Temperatur oder Timer zuständig waren. Es handelte sich um einen Rückläufer, und war daher noch nicht so alt. Damit hatte ich also meine sparsame Waschmaschine gefunden. Für mich war es eine Art Kompromiss, da ich die Programme über ein Display sehen konnte. Denn diese waren mit heller Schrift auf dunklem Hintergrund und großgeschrieben.
Der sehende Bekannte, der mir die Maschine angeschlossen hat, meinte es gäbe keine Regelmäßigkeit bei den Einstellungen. Denn dann hätte ich diese auch im Blindflug bedienen können. Und da der Händler dieselbe Meinung vertreten hatte, habe ich das in den letzten Jahren nicht weiter hinterfragt.
Inzwischen hat sich mein Sehen so stark verändert, dass ich die Anzeige nicht mehr richtig erkennen kann. Daher stellte sich mal wieder die Frage nach einer bedienbaren Waschmaschine. Und so fragte ich mal wieder in meinen Netzwerken nach. Die Maschine, die immer wieder als Gerät für Sehbehinderte Nutzer angepriesen wird, gefällt mir nicht. Und ich wollte einfach nicht glauben, dass die Ausbeute so gering ist.
Aus der Verzweiflung heraus bat ich meinen Mann darum sich unsere Waschmaschine noch mal vorzunehmen. Vielleicht konnte man doch irgendeine Regelmäßigkeit feststellen. Irgendetwas, das es mir möglich machte, sie weiterhin buchstäblich im Blindflug zu bedienen. Und siehe da, es geht. Wir haben rausgefunden, dass sie tatsächlich nach dem Einschalten immer auf dem Programm für Baumwolle mit dessen Voreinstellungen steht. Ich weiß inzwischen wie oft ich den Regler in welche Richtung drehen muss, um mein geliebtes Pflegeleicht zu erreichen. Damit kann ich erst mal wieder selbständig waschen. In den nächsten Tagen werden wir uns diese Waschmaschine Programm für Programm erarbeiten und aufschreiben. Das ist zwar einmal viel Arbeit, aber nach und nach werde ich das auswendig können, und damit meine Waschmaschine wieder eigenständig beherrschen.

Ich hätte mir viel Leid und Grübeln ersparen können, wenn ich die Meinung der beiden sehenden Ratgeber hinterfragt hätte. Aber gut, jetzt weiß ich es besser. Und ich bin einfach nur dankbar dafür, dass ich meine Waschmaschine noch ein bisschen behalten darf. Sehen wird eben manchmal doch überbewertet.

Wie ich meinem Herzen folge

Beatrice Schori

Meine heutige Gastautorin ist Beatrice. Auf ihrem Blog BeatriceBea – Mit Hör- und Sehbehinderung dem Herzen folgen. Ihr Motto ist raus aus der Opferrolle, rein in ein selbstbewusstes Leben.

Wie ich meinem Herzen folge
Wie habe ich das geschafft? Also, ich fange mal von vorne an. So wie ich mich erinnern kann, wusste ich nie wirklich, was ich wollte! Als ich noch in der Schule war oder in der Ausbildung, wurde mir immer wieder gesagt, das kannst du nicht, dies geht nicht und so weiter. Ich wollte immer Masseurin werden, das war mein Traumberuf, oder Sportjournalistin. Es gab noch einen anderen Beruf, den ich machen wollte. Aber da hätte ich noch viel studieren müssen. Daher wollte ich diesen Beruf schlussendlich doch nicht.
Das, was ich damals wirklich gerne machen wollte, war reisen zu gehen. Im Ausland etwas machen. Die Sprache lernen. Das war das, was ich neben Masseurin zu werden, machen wollte. Nun haben mir natürlich alle davon abgeraten, das kostet viel Geld. Das geht nicht, weil ich behindert bin und auf Hilfe angewiesen bin. Lauter solche Sachen. Daher habe ich einen Beruf gelernt, den ich eigentlich nie wollte. Die ganzen 8 Jahre, in denen ich darin gearbeitet habe, war ich unglücklich.
Ich habe all die Jahre immer das gemacht, was andere von mir wollten, obwohl es mir nie wirklich Freude machte. Das alles habe ich nur gemacht, um den anderen zu gefallen.
Es war in allen Lebenslagen so. Bei der Arbeit, beim Freunde finden und so weiter. Irgendwie konnte ich mich nie dafür entscheiden, was ich wirklich wollte. Ich weiss noch genau, dass ich immer andere gefragt habe, was ich tun sollte. Ich konnte mich nie entscheiden. Es wirkte so, als ob es nichts für mich gab, was ich gerne machen würde. Weil ich Angst hatte, dass man mir wieder sagen würde, das ginge nicht. Oder weil ich den anderen gefallen wollte, indem ich das tun würde, was sie gerne hätten.

Meine Erkenntnis
Macht es einen glücklich nicht das zu tun, was man gerne macht? Klar, Geld verdienen sollte man schon. Das ist klar, aber man kann auch Geld verdienen, indem man etwas macht was einem auch Spass macht. Ich habe angefangen alles zu hinterfragen. Ob mir das wirklich Freude macht. Ob mir das gut tut. Es ist immer wichtig zu wissen was man möchte. Auch wenn es nicht einfach ist. Auch wenn alle um einen herum anderer Meinung sind, obwohl nur man selbst damit leben muss. Sag mal – wenn du merkst, die Arbeit ist langweilig, es macht keine Freude, du fühlst dich immer alleine. Was machst du dann?
Bei der Arbeit bleiben? Auch wenn es sich für dich nicht gut anfühlt? Oder suchst du dir etwas anderes, was dir mehr Freude macht? Wenn du morgens aufstehst und hoffst es wäre schon wieder Abend – wieso machst du dann diese Arbeit?
Oder wenn du jemanden kennenlernst, oder mit deinen Arbeitskollegen. Wenn sie immer wieder Ausreden haben, keine Zeit haben und so weiter. Dann frag dein Herz, ob das überhaupt einen Sinn macht noch zu warten bis sie Zeit haben. Frag dich ob das wirklich eine Freundschaft ist. Frag dein Herz, das wird dir die Antwort schon geben. Wenn du in dich hörst wirst du auch eine Antwort bekommen. Versuche es doch mal. Auch wenn alle anderen sagen „das geht nicht”, was willst du denn machen und so weiter. Dich immer und immer wieder am selben Platz halten wollen, an dem du nicht glücklich bist.
Wenn du dein Leben selbst in die Hand nimmst ist es sicher am Anfang schwer das alles durchzustehen. Aber ich kann dir sagen es lohnt sich. Und du wirst dich freier und glücklicher fühlen, wenn du das machen kannst was dir Spass macht.
Versuche es doch einfach mal, auch wenn andere dagegenreden!

Ich bedanke mich bei Beatrice für den Gastbeitrag, der bereits unter dem Namen wie ich meinem Herzen folge veröffentlicht wurde. Weitere Beiträge könnt ihr auf ihrem Blog nachlesen.

Und jetzt freuen Beatrice und ich uns auf einen regen Meinungsaustausch in den Komentaren.

Autonomes Fahren, wollen wir das?

Lydia lenkt LKW in die Kurve

Am 1. April 2017 veröffentlichte ich auf meinem Blog den Beitrag Autofahren für Blinde – kein Traum mehr. Die Idee dazu kam einem Freund und mir einige Wochen davor, und war einfach nur als Aprilscherz gemeint. Ich weiß noch wie komisch es für uns beide war, als wir am 31.03. die entsprechenden Bilder machten, die in den Artikel eingearbeitet wurden. Sowohl Bilder als auch Beitrag trugen das Datum 1. April. Doch das wurde überhaupt nicht beachtet. Dafür wurde der Beitrag auf dem Blog sehr oft geteilt, kommentiert und geliked. Soweit die positive Seite.
Und es gab tatsächlich genügend Personen, die wir damit erfolgreich in den April schicken konnten. Einige wenige gingen mich an, da ich ihrer Meinung nach mit den Sehnsüchten blinder Menschen spielte. Gut, es konnten nicht alle meiner Meinung sein. Das erwarte ich auch nicht.
Ich bekam immer wieder Anfragen darüber, wo man ein solches Auto bekommt, und klärte darüber auf, dass es sich nur um einen Aprilscherz handelte.
Ungefähr ein Jahr nach Erscheinen meines Artikels schrieb mich die Mutter eines sehbehinderten Jungen an. Sie wollte unbedingt, dass ihr Sohn den Führerschein machte, und versprach sich sehr viel von selbst fahrenden Autos. Ich erklärte ihr, dass diese Autos noch ganz arg in den Kinderschuhen steckten, und nicht zu erwarten steht, dass blinde Menschen in den nächsten zehn Jahren ein Auto selbständig fahren könnten. Damit gab sie sich nicht zufrieden, und wollte an alle möglichen Stellen schreiben, damit ihr Sohn Autofahren könnte. Ich habe die Geschichte nicht weiter verfolgt. Ich wünsche uns Verkehrsteilnehmern jedoch sehr, dass die Mutter des Jungen keinen Erfolg hat. Dafür ist es einfach noch zu früh.
Das Thema autonomes Fahren wird immer wieder mal heiß diskutiert. Erst recht, wenn mal wieder Events wie „Autofahren für Blinde“ stattfinden. Diese werden von unterschiedlichen Blindenvereinen, Fahrlehrerverbänden und anderen Organisationen angeboten, und finden regen Anklang. Das erste Mal nahm ich 1995 an einem solchen Event teil, welches auf einem ehemaligen Flugplatz angeboten wurde. Und natürlich ließen es sich Fernsehen und Presse nicht nehmen darüber zu berichten. Für mich war es das erste Mal, dass ich hinter dem Steuer eines Autos saß, und erklärt bekam, wie dieses funktionierte. Für mich, die ich mich nie groß für Autos interessiert hatte, war das alles absolutes Neuland, genauso wie für den Fahrlehrer, der neben mir saß, und mir die einzelnen Handgriffe mit einer Engelsgeduld erklärte. Für mich sind solche Events nur ein Erlebnis. So wie für andere ein Konzert, eine Ausstellung oder ein Besuch im Freizeitpark. Ich verbinde damit keine Sehnsüchte für das Autofahren. Dafür habe ich über Jahrzehnte ohne eigenes Auto gelebt und quasi gelernt ohne Auto zu denken. Und auch wenn meine Kinder inzwischen beide einen Führerschein haben, sitze ich nicht mehr im Auto als vorher auch. Nicht weil ich es ablehne, sondern weil ich es anders gewohnt bin. Gleichzeitig genieße ich es auch, dass ich, wenn doch mal ein Auto notwendig ist, nicht fremd anfragen muss, sondern eines meiner Kinder bitten kann. Das ist eine Lösung, mit der meine Familie und ich gut leben können.

Und schon wieder Selbstbestimmung

Lydia steht an einem Teich mit vielen Pflanzen

Immer wieder tauchen Begriffe wie „Selbstbestimmung“ oder „selbstbestimmt leben“ in den Medien auf. Und genauso oft gibt es dazu kontroverse Diskussionen. Meist geht es um Themen wie Assistenz, Heimzwang oder andere gravierende Entscheidungen in der Lebensführung von Menschen mit Behinderung. Aber was bedeuten die Begriffe für mich im Alltag? Wo liegt meine Selbstbestimmung als blinde Mutter? Darauf möchte ich heute einmal mit ein paar praktischen Beispielen eingehen.

Als meine Kinder klein waren, brauchte ich in manchen Bereichen Hilfe. Beispiele waren der Gang mit Kleinkind auf den Spielplatz oder Ausflüge an Orte, die mir nicht vertraut waren, oder die ich aufgrund der Geräuschumgebung nicht handhaben konnte. Dazu gehören Indoorspielplätze oder Schwimmbad.
Die Kinder wurden älter, und es kamen die Bastelnachmittage, Schulfeste und die Läuse, die an vielen Kindergärten und Grundschulen Programm sind. Und dann war da noch das Lesen mit einem Schulanfänger, dass ich nicht alleine meistern konnte, gepaart mit der Ranzenpost, die meine Kinder gern mal vergaßen bei mir abzugeben.
Das sind nur einige Beispiele, für die ich mir Hilfe holen musste. Geld für Elternassistenz gab es nicht. Und so versuchte ich mir die Hilfen aus dem sozialen Umfeld zu organisieren. Das ging mal mehr mal weniger gut. Gerade Hilfe aus dem Verwandtenkreis birgt viel Stresspotential. Denn hier spielen zu viele Emotionen und verschiedene Meinungen über Kindererziehung und andere wichtige Dinge eine große Rolle. Bei mir jedenfalls hat es nicht so funktioniert, dass es mir auf Dauer eine wirkliche Hilfe gewesen wäre. Daher bin ich dazu übergegangen mir die Leistungen, die ich brauchte, irgendwie selbst zu finanzieren. Einen entsprechenden Dienstleister kann ich mit klaren Aufgaben, zeitlichen Absprachen betrauen, und dafür bekommt dieser sein Geld. Fertig! Und wenn die Zusammenarbeit nicht mehr klappt, ist es einfacher sich zu trennen.
Selbstbestimmung ist für mich aber auch, dass ich für mein Tun und Handeln allein verantwortlich bin. Menschen ohne Behinderung werden mit 18 volljährig, und können reisen, einen Vertrag in einem Sportstudio abschließen oder unbegleitet in einen Freizeitpark gehen. Blinde Erwachsene werden in vielen Freizeitparks von der Nutzung von Fahrgeschäften ausgeschlossen. Es gibt einige Fitnessstudios, die blinde Menschen ohne Begleitung ablehnen. Und viele Reiseveranstalter machen die Mitnahme einer Volljährigen Begleitperson zur Bedingung. Kurz, da bestimmen Menschen ohne Behinderung aus der Perspektive „Ich mache die Augen zu und bin hilflos“ darüber was für uns richtig und gut ist. Und das wird dann hübsch in das Sicherheitskonzept verpackt.
Besonders erschreckend dabei finde ich, dass es unter den Betroffenen viele gibt, die das richtig und wichtig finden. Blinde Menschen können nicht sehen. Das heißt aber nicht, dass sie Gefahren nicht einschätzen können.
Es kann also nicht sein, dass ich aufgrund meiner Sehbehinderung eine Begleitperson vorgeschrieben bekomme, die für mich denkt, nur weil da jemand aus der „blind ist gleich hilflos“-Perspektive sich nicht vorstellen kann, dass ich meinen eigenen Hilfebedarf einschätzen kann. Für mich läuft das unter der Kategorie, dass Sehen überbewertet wird. Dabei ist eine Sehbehinderung nur, dass die Augen nicht funktionieren wie bei einem normal sehenden Menschen. Nicht mehr und nicht weniger. Also, Leute, übertreibt es nicht mit Eurem Beschützerverhalten. Und wenn Ihr etwas nicht einschätzen könnt, dann sprecht mit uns, und nicht über uns. Davon haben alle Beteiligten etwas.

So, und damit hier keine Missverständnisse aufkommen, ich gehöre nicht zu den blinden Personen, die meinen alles ganz alleine und ohne fremde Hilfe tun zu müssen. Aber ich werde ziemlich sauer, wenn man mich behandelt, als sei ich nicht in der Lage eigenständig zu denken, Entscheidungen zu treffen und sie mit allen Konsequenzen zu verantworten.

Eine gekürzte Fassung dieses Beitrags erschien am 30.07.2019 im Newsletter von Raul Krauthausen, für den ich immer wieder gern schreibe.