Das kannst Du nicht, lass mich das machen

Diese und ähnliche Aussagen kennen Menschen mit einer Behinderung nur zu gut. Als blindes Kind bedeutete das für mich, dass ich stets mit Dingen konfrontiert wurde, die ich nicht konnte. Jedenfalls Dinge, die zu einem lebensfähigen Menschen dazu gehörten.

Praktische Beispiele bis zum 9. Lebensjahr waren:
– Ich konnte mir nie ein Glas Wasser oder Tee selbst einschenken.
– Ich habe nie gelernt ein Kleidungsstück zusammenzulegen.
– Ich durfte nie eine Straße ohne sehende Hilfe überqueren.

Ich habe also gelernt, dass ich blind, und damit hilflos bin. So, wie mein Umfeld mich eben sah. Meine Eltern sahen in mir aber auch, dass ich Schulstoff sehr schnell aufnahm. Und weil ich sehr schnell besser deutsch sprach als meine restliche Familie, war für meine Eltern klar, dass ich einen Beruf wie Übersetzerin oder Lehrerin ausüben würde. Ich würde einen sehenden Mann heiraten, der mich zur Arbeit fahren und in Allem unterstützen würde. Und mit viel Glück würde ich sehende Kinder bekommen, die mir später helfen würden. Ja, und solange würde meine Familie für mich sorgen. Und weil ich meinen Eltern vertraute, glaubte ich selbst lange Zeit an diese Lebensplanung
Die große Veränderung kam, als ich mit neun Jahren auf eine Schule für blinde Kinder wechselte. Bisher hatte ich eine Schule für sehbehinderte Kinder besucht, die mit einem Schulbus erreichbar war. Nun musste ich auf das angeschlossene Internat, weil die
Schule zu weit weg war, um täglich nach Hause zu kommen. Ein Lehrer aus der Schule hatte uns zuhause besucht, und mir viel von der Blindenschule und den Kindern erzählt. Ich fand das spannend. Denn ich kannte keine anderen blinden Kinder. Und ich würde Freunde finden, mit denen ich in und nach der Schule spielen konnte. Für meine Eltern brach damit eine Welt zusammen, als sie ihr blindes Kind weggeben mussten. Es dauerte sehr lange, bis sie begriffen, dass auch andere für mein Wohl sorgen konnten, und dass sie damit keine Rabeneltern waren.
Ich erlernte die Brailleschrift, entdeckte die Schulbücherei und gewann Freunde, mit denen ich nicht nur gemeinsam lernte, sondern auch Spiele, Sport und Blödsinn machte. Eben all das, was zum Kind sein dazu gehörte. Ich lernte, dass ich auch Spiele wie „Mensch ärgere Dich nicht“ spielen konnte, da die Farben der Steinchen als fühlbare Oberflächenstruktur dargestellt wurden. Heute spricht man von Adaption. Und auch im lebenspraktischen Bereich erweiterte ich meinen Horizont. Denn Küchendienst, Brot selbst streichen oder seinen Tee einschenken waren auch blind machbar, wie mir Erzieher und Mitschüler zeigten. Ich lernte, dass ich meinen Kleiderschrank auch blind beherrschen konnte, wenn die Anordnung nicht von jemand anderem verändert wurde.
Vor Feiertagen wie Ostern, Weihnachten oder Muttertag wurde im großen Aufenthaltsraum gemeinsam gebastelt. Anstatt „Du kannst das nicht“ hörte ich „Probiere das mal“ oder „Wir machen das zusammen“. Gleiches galt auch für die Schulfächer Kunst oder Werken. Man versuchte uns so viel wie möglich alleine machen zu lassen. Und das rechne ich den Erzieherinnen und Lehrkräften hoch an.

Meine Familie besuchte ich nur noch am Wochenende und während der Ferien. Und als ich später auf ein Gymnasium für blinde und sehbehinderte Schüler wechselte, sah ich meine Familie nur noch einmal im Monat und während der Ferien. Hier gehörten der Umgang mit dem Blindenstock und der Umgang mit der Bratpfanne genauso zum Lehrplan wie der Schulstoff. Diese stetige Weiterentwicklung verpasste meine Familie ein bisschen. Für sie blieb ich lange Zeit das hilflose blinde Kind, das permanent umsorgt werden muss. Dazu kam, dass ich zuhause keine festen Freunde hatte, mit denen ich all das teilen konnte, was zum Erwachsenwerden gehörte. Und meine Schulfreunde waren ebenfalls bei ihren Familien. Zu weit weg, um sich mal eben für einen Nachmittag zu verabreden. Briefe in Braille oder auf Kassette, oder telefonieren waren die einzigen Möglichkeiten miteinander in Kontakt zu bleiben. Meine Punktschriftmaschine, meine Reiseschreibmaschine und jede Menge Bücher oder Hörbücher aus den entsprechenden Büchereien waren meine besten Freunde. Es war also ein völlig anderes Leben in einer etwas anders denkenden Umgebung.

Wenn zu meiner Schulzeit blinde Kinder integrativ an einer Regelschule unterrichtet wurden, dann war das etwas ganz besonderes. Schüler, die mitten in der Schullaufbahn aus der Regelschule auf das Internat für blinde Schüler wechselten, erlebten oft den Schock ihres Lebens. Denn oft wird der Focus auf den Schulstoff gelegt, und die Selbständigkeit eher stiefmütterlich behandelt. Ich habe Schüler erlebt, die ein super Zeugnis hatten, jedoch nicht in der Lage waren alleine von einem Raum zum Nächsten zu gehen, weil sie stets von Mitschülern oder einem Schulbegleiter an die Hand genommen wurden. Und Orientierung muss man nicht nur in ein paar Stunden Training erlernen, sondern auch permanent üben.

Alle Welt spricht von Inklusiver Beschulung behinderter Kinder. Dabei betrachten die einen das als gemeinsamen Unterricht, andere als eine Möglichkeit der Kinder in ihren Familien zu bleiben. Soweit, so gut. Bei dieser Diskussion vermisse ich den Ausblick in die Zukunft. Ich denke, dass Eltern daran liegt, dass ihr Kind zu einem selbständigen Menschen heranwächst. Das sollte auch für Kinder mit einer Behinderung gelten. Und das funktioniert nicht, wenn man dem Kind alles aus der Hand nimmt, von dem man denkt, es könne ihm Schaden.

Kinder mit einer Sehbehinderung haben einen Anspruch auf Frühförderung, Mobilitätstraining und andere Fördermaßnahmen, die ihnen zur Selbständigkeit verhelfen sollen. Diese Maßnahmen erfolgen durch speziell ausgebildete Fachkräfte, die wissen wie blinde und sehbehinderte Menschen arbeiten, und wie man ihnen etwas vermitteln kann. Und sie bringen die Geduld mit einen etwas ausprobieren zu lassen, was im Elternhaus oft nicht stattfindet.

Liebe Angehörige und Freunde von Kindern mit einer Sehbehinderung,
wir arbeiten anders als Ihr. Daher ist es wichtig, dass Ihr die Geduld mitbringt den blinden Menschen seine Erfahrungen machen zu lassen. Das ist ganz wichtig, damit es irgendwann funktioniert, wenn Eure helfende Hand nicht mehr da ist. Und noch etwas: Regt Euch nicht darüber auf, wenn mal was daneben geht. Das kann man aufwischen. Außerdem ist es völlig unnötig jeden Handgriff des Blinden zu kommentieren. Niemand mag es, wenn er oder sie unter Beobachtung steht. Ich persönlich kann bis heute nicht arbeiten, wenn ich das Gefühl habe, dass mir jemand auf die Finger schaut. Auch wenn es nicht so gemeint ist, fühlt es sich an wie in einer Art Prüfung. Und wenn Ihr Euch an Eure eigenen mündlichen oder praktischen Prüfungen erinnert, fragt Euch wie sich das angefühlt hat.

Für Euer Verständnis bedankt sich Eure Lydia

Tütensuppen und Konserven

Konserven und Tütensuppen

Als meine Kinder jünger waren, habe ich in regelmäßigen Abständen einen Großeinkauf mit einer bezahlten Assistenz gemacht. Und damit meinte ich auch Großeinkauf. Gekauft wurde alles, was ich verwendete, und was sich außerhalb des Kühlschranks über einen längeren Zeitraum halten kann. Also auch Gläser und Konserven. Denn diese im Supermarkt selbst zu suchen war mir bei der Menge, die ich haben wollte, zu zeitaufwändig. Also nutzte ich meine sehende Begleitung inklusive Eigenem Auto hier gnadenlos aus. Manchmal musste ich mich dann auch mal an der Gefriertruhe austoben. Für das Alltagsgeschehen brauchte ich dann nur noch die frischen Dinge wie Obst oder Gemüse usw. einzukaufen.

Nach ein oder zwei Stunden waren wir dann voll bepackt wieder zuhause, Neben dem Verstauen des Einkaufs kam für mich noch dazu, dass ich gemeinsam mit der Assistenz Verpackungen, Konservendosen oder Gläser so sortieren musste, dass ich diese eigenständig gezielt auswählen konnte.

Ein Gack, der immer wieder in Kreisen von blinden Personen rumgeht, erzählt von dem Blinden, der versehentlich das Hundefutter statt der geplanten Erbsensuppe gegessen hat, weil er es nicht lesen konnte. Zum Glück sind blinde Menschen nicht wirklich so unbeholfen, wie das Weltbild nicht blinder Personen es vorschreibt. Es gibt mehrere Möglichkeiten sich selbst zu behelfen.

Verpackungen, Gläser oder Konservendosen haben teilweise unterschiedliche Formen. Manche sind so weich, dass man durch sie den Inhalt erfühlen kann. Andere verursachen ein bestimmtes Geräusch, wenn man sie kurz schüttelt. Wir wollen mal davon ausgehen, dass die Behältnisse dieselbe Form und Größe haben. Und hier stelle ich unterschiedliche Lösungen vor.

Anordnung und Sortierung
Ich kann meine Konserven auf unterschiedliche Regale verteilen, oder so anordnen, dass ich sie später wieder Fine. Das macht Sinn, wenn es sich um wenige verschiedene Behältnisse handelt. Bei uns hat das Katzenfutter einen ganz anderen Platz als die eigenen Lebensmittel. Auch wenn das Katzenfutter eine Markante Form hat.

Markieren
Man kann sich Dosen und Gläser mit einem Gummiband, einer Schnur oder einem anderen Material kennzeichnen. Der Hilfsmittelmarkt bietet Markierungsbänder mit unterschiedlichen Oberflächen aus Gummi an. Diese dürfen sogar mit in die Gefriertruhe, um Gefriergut zu kennzeichnen.

Beschriften
Es gibt mehrere Möglichkeiten ein Behältnis zu beschriften. Wenn man noch etwas sieht, kann man dieses mit einem dicken Stift kennzeichnen. Wer oft die gleichen Dinge kauft, kann sich eine Beschriftung mit Dymoband machen, und dieses mit einem festen Gummi anbringen. Ich beschrifte meine Gewürze mit selbstklebendem Dymoband. Das hält gut. Und wenn der Behälter leer ist, wird er eben wieder aufgefüllt.

Aber auch die Technik hält hier Lösungen bereit. Es gibt kleine Plastikkarten im Checkkartenformat, welche sich mit Hilfe eines kleinen Geräts besprechen lassen. Diese Sprachnotiz kann an der Verpackung befestigt werden und später abgerufen werden.

Produkterkennung über den Barcode
Jedes Produkt ist mit einem Barcode versehen. Dieser lässt sich mit Hilfe eines Barcodescanners auslesen. Der Hilfsmittelmarkt für blinde Kunden hält auch hierfür einige Lösungen bereit. Dazu gehören die Produkterkennungsgerät Woodscan oder Einkaufsfuchs. Die Kosten dafür werden sogar von den meisten Krankenkassen übernommen. Aber auch Smartphones bieten Apps an, die diesen Code auslesen können. Damit könnte man sogar einkaufen gehen. Mir persönlich wäre das allerdings zu mühsam. Aber um festzustellen, ob ich das Päckchen mit Tomatensuppe oder das mit der Pilzsauce in Händen halte, ist diese Möglichkeit super. Und wenn das Produkt in der entsprechenden Datenbank noch nicht bekannt ist, lässt sich eine eigene Beschriftung machen und auf dem Gerät abspeichern.

Fazit
Es gibt mehrere Lösungen, um sich Behältnisse oder Gegenstände, die sich gleich anfühlen, voneinander unterscheidbar zu machen. Die von mir aufgeführten Möglichkeiten erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Daher bin ich gespannt, ob ich in den Kommentaren weitere Möglichkeiten angezeigt bekomme.

Blind in der Küche, Teil 1

Dass das Kochen nicht zu meinen liebsten Hobbys gehört, traue ich mich manchmal nicht zu erzählen.
Jedenfalls nicht in Gegenwart von normal Sehenden, die mich nicht gut kennen. Denn erfahrungsgemäß kommt dann ein Satz wie „Du bist ja auch blind“, oder „stimmt, du siehst es ja nicht“. Normalerweise würde ich dann lang und breit erklären, dass man als blinder selbstverständlich kochen kann. Früher habe ich mich diesen Diskussionen regelmäßig gestellt. Inzwischen mache ich das von meiner Tageslaune abhängig, ob ich jetzt die große Aufklärungsszene starten möchte oder nicht. Und wenn ich dann noch das Gefühl habe, dass mein Gesprächspartner vor Mitleid zerfließt und dadurch absolut lernresistent bleiben wird, dann empfinde ich das als Zeitverschwendung.
Ob jemand kochen kann oder nicht, hängt nicht vom Sehvermögen ab, sondern von vielen anderen Faktoren ab. Ich habe mehr Freude am Backen. Es macht mir einfach mehr Spaß. Kochen ist für mich eine Notwendigkeit, die meinen Geldbeutel schont und mir und meiner Familie den Kauf fertigen Essens erspart. Wobei ich auch Phasen habe, wo mir Kochen wieder richtig Freude bereitet. Und auch das ist kein blindenspezifisches Merkmal.
In meiner Küche gilt das Sprichwort „Wer Ordnung hält ist nur zu blind zum Suchen“. Für mich ist in der Küche Grundvoraussetzung, dass alles möglichst an seinem Platz ist. Wenn ich also meinen Suppentopf brauche, suche ich an dem Ort, an den ich ihn zuletzt hingestellt habe. In der Regel in einem bestimmten Schrankfach. Wenn er da nicht ist, muss ich suchen. Und da ich nicht eben mal einen Rundblick durch die Küche werfen kann, fange ich an zu suchen. D.h. ich muss tasten. Und das kostet mich das Mehrfache an Zeit. Auch wenn mich die Erfahrung im Zusammenleben mit meinen sehenden Kindern gelehrt hat wohin manche Dinge gestellt werden.
Kochen ist für mich entspannend, wenn ich nur einen Griff tun muss, um Öl, Käse, Pfeffermühle oder Tomaten sofort in der Hand zu halten. Und hier unterscheide ich mich vermutlich kaum von normal sehenden, die sich in der Küche betätigen. Jeder hat sich eine Ordnung geschaffen, mit der er oder sie am besten zurechtkommt. Nur ist diese Ordnung für mich als Blinde noch wichtiger, da mich das Suchen mehr Zeit kostet als einen normal sehenden. Und das stresst mich.
In meinem Kühlschrank oder anderen Schränken mit Lebensmitteln brauche ich die Ordnung auch, um möglichst schnell zu erfassen, ob etwas aufgebraucht wurde und nachgekauft werden muss. Dabei ist für mich nicht wichtig, dass die Gegenstände platzgenau stehen, sondern einfach in dem Schrankfach, welches für sie vorgesehen ist.
Spannend ist es bei Gewürzen. Diese bewahre ich in einem offenen Gewürzregal auf. Ich kann die Beschriftung noch lesen, wenn ich sie direkt vor das Gesicht halte und diese kontrastreich gemacht ist. Die meisten Gewürze habe ich dennoch mit Braille versehen. Das habe ich gemeinsam mit einem sehenden Freund gemacht. Damit bin ich einfach schneller, und es ist weniger anstrengend. Für die Beschriftung mit Punktschrift verwende ich durchsichtiges Dymoband. Das klebt gut und ist unempfindlicher als Papier. Außerdem können meine sehenden Kinder die normale Beschriftung auch sehen. Gewürze, welche in besonderen Gefäßen untergebracht sind, beschrifte ich nicht. Das habe ich mir gemerkt und aus lauter Faulheit nie geändert.
Aber nicht nur bei Lebensmittel ist mir die Ordnung wichtig, sondern auch bei Reinigungsgegenständen und Flaschen, die ich in der Küche aufbewahre. Wenn ein Glas kaputt geht, etwas umfällt oder spritzt, dann muss ich sofort in der Lage sein das wieder sauber zu machen. Und zwar ohne vorher zu suchen oder jemanden um Hilfe zu bitten.
Meine Kinder kennen das von mir. Wenn sie etwas an einen anderen Platz räumen, machen sie die Erfahrung, dass sie vermisste Gegenstände für mich suchen müssen. 🙂
Es gibt nur wenige Menschen, die ich freiwillig in meiner Küche werkeln lasse. Es sind vor allem Leute, die sich an meine Ordnung halten, sondern lieber einmal mehr fragen wo was hin soll. Und diese dürfen nicht mit mir zu diskutieren anfangen warum ich diesen oder jenen Gegenstand nicht doch an einer anderen Stelle unterbringen sollte. Jeder hat seine Ordnung, und ich habe eben meine. Und in meiner Küche mache ich die Regeln. Wer sich daran hält, der ist bei mir herzlich willkommen.

Deine Ordnung ist mein Chaos

Frühjahr 2007. In meinem Bekanntenkreis gibt es eine neue Frau, die stets darum bemüht ist mir das Leben zu erleichtern. Das ist erstmal nichts Ungewöhnliches. Und solange ich dabei bin, kann ich sagen wie ich was am liebsten möchte. Nicht aber wenn solche Aktionen in Form einer Überraschung stattfinden.
Ich habe Geburtstag. Und da ich am Vortag bis spät abends gearbeitet habe, freue ich mich, dass meine Familie sich um das Frühstück kümmert. Auf dem Frühstückstisch steht Kuchen, den meine Bekannte in der Nacht gebacken hat. Auf einer Karte finde ich einen lieben Gruß und die Nachricht, dass ihr Geburtstagsgeschenk an mich dieser Kuchen und noch zwei weitere in der Küche seien. Außerdem habe sie in der Nacht meine Küche hübsch gemacht. Ich bin noch nicht so richtig wach und erfasse die Tragweite noch nicht. Da meine Familie sich komplett um das Geschehen in der Küche rund um das Frühstück kümmert, mache ich mir erst einmal keine Gedanken.
Für den Nachmittag habe ich ein paar Freunde eingeladen. Also gehe ich in die Küche, um Kaffee zu kochen. Und jetzt erst nehme ich wahr, dass nichts mehr an seinem gewohnten Platz ist. Meine neue Bekannte hat nicht nur die Küche geputzt, sondern diese komplett neu eingeräumt. Und zwar so, dass ich mich nicht mehr zurechtfinde.
Ich fühle mich einfach hilflos und breche regelrecht in Tränen aus. Es kann doch nicht sein, dass ich in meiner eigenen Küche stehe, unfähig eine Kanne Kaffee zu kochen und den Tisch zu decken. Meine Freundin kommt und erfasst die Lage und leistet Erste Hilfe. Der Tisch wird gedeckt, und Kaffee und Kakao gekocht. Und am Ende wird es doch noch ein entspannendes Kaffeetrinken, da meine sehende Freundin sich kümmert. Wir werden später die Sachen so einräumen, dass ich mich wieder ohne fremde Hilfe zurechtfinden kann.
Als meine Bekannte eintrifft, ist sie absolut erstaunt, dass ich mich nicht über ihr Geschenk freuen kann. Sie hatte nicht gewusst, dass mir die Ordnung so wichtig ist. Sie hatte gesehen, dass ich mich sicher durch das Haus bewegen kann. Also würde ich auch mit ihrer Ordnung klarkommen.
Bleiben wir mal bei dem Beispiel Küche. Ich habe meine Anordnung der Lebensmittel, Haushaltsgeräte und Geschirr. Wenn ich also das Salz, den Zwiebelschneider oder eine bestimmte Salatschüssel brauche, weiß ich ohne nachzudenken welchen Schrank ich öffnen muss, um diese zu finden. Jeder, der regelmäßig in der Küche arbeitet, hat so ein System. Dabei ist es egal ob die Person sieht oder nicht. Interessant wird es, wenn der gesuchte Gegenstand nicht an seinem Platz ist. Der normal Sehende sieht sich um, schaut in die einzelnen Schränke, bis er den Gegenstand gefunden hat. Ich taste die Arbeitsflächen ab, taste das Innere eines jeden Schranks ab, bis ich den Gegenstand gefunden habe. Auch wenn ich schnell bin, kostet mich das mehr Zeit.
Vor einigen Jahren hatte ich eine Putzhilfe, die es als ihre Aufgabe ansah auch aufzuräumen. Ich hatte immer einen kleinen Putzeimer hinter der Badezimmertür stehen, damit ich ihn bei Bedarf schnell zur Hand hatte. Als es mal wieder so weit war, fand ich den Eimer nicht mehr an seinem gewohnten Platz. Auch meine Kinder fanden ihn im ganzen Haus nicht wieder. Irgendwann erfuhr ich von meiner Putzhilfe, dass sie diesen in einem Schränkchen im Bad gestellt habe, da dies besser aussieht. Auf die Idee wäre ich wahrscheinlich lange nicht selbst gekommen.
Das Beste hat sich eine Dame geleistet, die einige Monate bei mir beschäftigt war. Meine Kinder waren zu dem Zeitpunkt noch im Grundschulalter. Wenn sie Flächen abwischte, räumte sie alles, was ihr im Weg war, in die darunter befindlichen Fächer oder Schubladen. Nur vergaß sie ganz oft die Gegenstände nach dem Abwischen der Flächen wieder an ihren Platz zurückzustellen. Nach diesen Tagen suchten meine Kinder nach diversen Gegenständen. Und auch ich fand das ein oder andere nicht. Irgendwann fanden sich die Nintendo Spiele meiner Tochter nicht wieder. Wir suchten überall danach. Außer in den Schubladen. Die Dame selbst wusste von nichts. Nach einigen Wochen fanden wir die Spiele nebst einigen anderen gesuchten Gegenständen in einer Schublade wieder. Ich habe mehrfach versucht das abzustellen. Jedoch glänzte die Hilfe durch permanente Lernresistenz. Und da dies nur Stress für meine Familie und mich bedeutete, trennten sich unsere Wege.
Bei blinden Personen im Haushalt helfen bedeutet, dass man auf keinen Fall umräumen darf. Es sei denn der Blinde wünscht es ausdrücklich. Aufräumaktionen sollten gemeinsam abgesprochen werden. Nach der zu Beginn beschriebenen Aktion meiner Bekannten habe ich gemeinsam mit meiner sehenden Freundin meine Küche neu eingeräumt. Und zwar so wie ich es haben wollte. Denn schließlich koche ich in dieser Küche und nicht meine Bekannte oder meine Putzhilfe. Und ich möchte möglichst wenig Zeit mit dem Auffinden versteckter Gegenstände verschwenden. Zeit, die ich sinnvoller gestalten kann.

Waschen ohne hinzusehen

Lydia vor einer Waschmaschine mit heller Anzeige auf dunklem Hintergrund.

Wenn ich sage, dass Waschen nicht zu meinen liebsten Tätigkeiten gehört, dann kommt in neun von zehn Fällen die Bemerkung: „Für Dich als blinde ist das auch total schwierig“, oder „Deine Kinder helfen doch bestimmt dabei, oder nicht“? Zum ersten Mal hörte ich eine solche Frage, als meine Kinder im Kindergarten waren. Irgendwann habe ich auch mal gefragt: „Würdest Du Dein Kind im Alter von vier oder fünf Jahren an Deine Waschmaschine lassen“? Oder ich frage meinen Gesprächspartner in welchem Alter er zum ersten Mal selbst gewaschen hat.
Mir ist klar, dass jemand, der blinde Menschen nur aus Berichterstattungen der Regenbogenpresse kennt, nicht wissen kann wie ich dieses oder jenes mache. Blinde haben nicht zwangsläufig eine Haushaltshilfe, die ihre Wäsche mitmacht. Sicher, ich hätte auch manchmal gerne eine. Aber bekanntlich ist Dienerschaft teuer. Und so habe ich für mich entschieden mein Geld für andere Dinge auszugeben und meine Wäsche selbst zu waschen.

Wäsche farblich sortieren
Ich habe einen Behälter für Schmutzwäsche mit drei Sortierfächern. In das oberste Fach kommt die helle Wäsche rein, in die unteren beiden Fächer die dunkle Wäsche. Handtücher, Bettwäsche und andere große Teile kommen ganz oben drauf. Auf diese Weise kann ich sehr schnell feststellen wie viel von welcher Wäsche da ist und was ich als nächstes waschen kann.
Nun wäre es viel zu einfach den Inhalt aus dem Wäschefach in die Waschmaschine zu tun, und fertig. Da ich davon ausgehen muss, dass die Wäsche zwar sortiert ist, jedoch nicht unbedingt fehlerfrei, nehme ich mir einen leeren Wäschekorb mit an den Behälter für die Schmutzwäsche. Ich nehme jedes einzelne Wäschestück in die Hand, prüfe ob sich was in den Taschen befindet, oder ob es nach links gedreht werden möchte, und lege es dann in meinen leeren Korb. So kann ich auch fühlen, wenn der Inhalt zu viel für die Waschmaschine wird.
Ich verfüge über einen kleinen Sehrest, der es mir ermöglicht helle und dunkle Wäsche zu unterscheiden. Allerdings erkenne ich keine Farben mehr, so dass ich nicht feststellen kann, ob das Kleidungsstück blau, rosa oder grün ist. Wenn ich das wissen möchte, nehme ich ein Farberkennungsgerät zur Hand, mit dessen Hilfe ich das feststellen kann. In der Regel kenne ich die Wäschestücke in meinem Haushalt und weiß somit wie diese gepflegt werden wollen. Wenn etwas neu ist, stelle ich erst mal fest ob es färben kann, bevor ich es in die Familienwäsche lasse.
Kommen wir zum Thema Socken passend sortieren. Ich habe hier zu Hause die Regel eingeführt, dass die Socken nach dem Ausziehen einfach zusammengesteckt werden. So habe ich sie passend zusammen und befestige sie an Sockenringen. So bleiben sie auch während des Waschens zusammen. Natürlich gehen auch mal welche auseinander. Die muss ich dann von Hand sortieren. Aber die Menge bleibt überschaubar.

Waschmaschine
Voraussetzung ist eine Waschmaschine, die für mich blind bedienbar ist. Ältere Modelle sind es oft noch, bei neueren Modellen muss man oft lange suchen. Meine Waschmaschine hat einen Drehregler, der bei jedem Programm einrastet, und ein paar klar definierte Drucktasten für Kurzwaschgang, Drehzahl oder Temperatur. Da ich mit meinem Sehrest Helle Schrift auf dunklem Hintergrund lesen kann, habe ich darauf geachtet, dass meine Maschine das hat. Alternativ kann man sich bestimmte Stellen am Drehregler der Waschmaschine fühlbar machen, indem man tastbare Punkte aufklebt. Was absolut nicht geht, sind Bedienelemente, die nicht fühlbar sind und auf bloße Berührung reagieren.

Waschmittel dosieren
Dosieren von Waschpulver oder Weichspüler mache ich entweder nach Gefühl, wenn ich ein bekanntes Produkt nehme, oder ich benutze auch mal einen Messlöffel.
Bevor auch nur ein Wäschestück in die Waschmaschine wandert, fühle ich mit der Hand hinein. Damit stelle ich sicher, dass sich nichts in der Waschmaschine befindet, das nicht reingehört. Jeder, der kleine Kinder hatte, die eine Waschmaschine gern mit allen möglichen Gegenständen füttern, wird mir da sicher zustimmen. Anschließend nehme ich jedes Wäschestück aus meinem Wäschekorb einzeln in die Hand und gebe es in die Wäschetrommel. Damit stelle ich sicher, dass auch nur Wäsche in der Maschine landet, und dass diese locker in der Wäschetrommel liegt.

Nach dem Waschen
Ich erlebe immer wieder, dass normal sehende versuchen mich davon zu überzeugen, dass ein Wäschetrockner die beste Lösung für blinde Menschen sei. Ich besitze tatsächlich einen. Er hat nur einen Drehregler, und ist also für mich blind bedienbar. Dennoch nutze ich ihn selten. Ich bin der Meinung, dass die Wäsche auf dem Wäscheständer gut trocknet. Außerdem finde ich, dass die Geräte zu viel Strom verbrauchen. Mein Wäschetrockner kommt also nur dann zum Einsatz, wenn es wirklich schnell gehen muss, oder viele große Wäschestücke gewaschen werden müssen, wie z. B. Kopfkissen oder Bettwäsche.
Wäsche aufhängen ist für mich kein Problem. Ich richte den Pullover, die Hose oder was auch immer auf dem Wäscheständer aus und streiche es glatt. So ist es einfacher die Wäsche später faltenfrei zusammenzulegen. Und zwar so, dass man sich damit problemlos auf die Straße trauen kann.
Beim Zusammenlegen der Wäsche habe ich am liebsten eine ebene Fläche. Darauf wird das Wäschestück gelegt und noch mal ausgestrichen. Nähte und Form fühle ich. Somit kann ich auch einschätzen wo die Mitte eines Oberteils ist. Wäsche zusammenlegen geht bei mir ebenso schnell wie bei einem normal sehenden. Der eine sieht, der andere tastet und letztendlich zählt das Ergebnis nach Jahrelanger Erfahrung.

Also, wenn ich sage, dass Wäschewaschen nicht gerade zu meinen liebsten Hobbys zählt, dann hat das nichts mit meiner Sehbehinderung zu tun, sondern mit meiner Vorliebe für andere Dinge. Ach ja, noch weniger als waschen mag ich Bügeln. Und ich denke, da befinde ich mich mit vielen anderen in guter Gesellschaft. Doch solange noch kein bezahlbarer Bügelautomat auf den Markt kommt, werde ich meine Bügelwäsche selbst machen oder beim Kleiderkauf nach bügelfreien Sachen schauen müssen.