Vortrag vor blindem Publikum

Frauenstammtisch bei unserer ansässigen Blindenselbsthilfe. Wir haben eine Referentin eingeladen, die uns etwas über Wohnen im Alter vortragen wird. Mich persönlich interessiert das Thema nur am Rande. Dennoch nehme ich an dem Treffen teil. Denn es ist auch immer eine gute Gelegenheit andere Mitglieder zu treffen, einen Plausch miteinander zu halten und gemeinsam zu essen. Und falls mich der Vortrag unserer Referentin nicht anspricht, habe ich eine Handarbeit in meiner Handtasche. Stricken entspannt mich, und hilft mir dabei mich zu konzentrieren.
Die Referentin beginnt damit, dass sie eine Unmenge an Broschüren vor sich ausbreitet. Anschließend fängt sie an daraus vorzutragen. Soweit, so gut. Nach jedem abgehandelten Punkt kommt allerdings ein Satz, der mich stört. Nämlich „Ich habe Ihnen hier eine Broschüre dazu mitgebracht. Die Kann Ihnen ja jemand vorlesen.“
Ich schreibe dieses Verhalten der Möglichkeit zu, dass die Referentin noch nie mit blinden Zuhörern gearbeitet hat, und lasse sie ihren Vortrag beenden. Anschließend gehe ich zu ihr nach vorne, und frage sie, ob es die Informationen auf den Prospekten auch in einer anderen Form gibt, die für Menschen mit einer Sehbehinderung besser geeignet ist. Damit meine ich Infos in Braille, Großschrift, als Audioversion zum Hören oder als Datei. Nein, gibt es nicht, bekomme ich als Rückmeldung, nebst den angebotenen Broschüren in Papierform. Aber die lehne ich strikt ab. Wer mein Interesse wecken möchte, sollte es mir möglichst leicht machen an seine Informationen zu kommen.
Wären mir die Informationen wichtig genug, dann hätte ich diese zuhause eingescannt, durch eine entsprechende OCR-Software laufen lassen, und für mich in Text umgewandelt. Allerdings ist das für Broschüren ziemlich zeitintensiv. Und so groß ist mein Interesse dann doch wieder nicht.
Wenn man einen Vortrag vor blindem Publikum hält, sollte dieser auch entsprechend gestaltet sein. Bilder und Filme bringen nur dann etwas, wenn diese eine entsprechende Beschreibung beinhalten. Hier ist weniger oft mehr. D. h. im Klartext, dass das gesprochene Wort größere Wirkung zeigt, als viele bunte Bildchen und Filmsequenzen. Das ist höchstens für nicht blinde Begleitpersonen oder sehbehinderte Teilnehmer interessant.
Was die obligatorischen Broschüren angeht, so erwarte ich nicht, dass diese stets in Braille, Großschrift oder Audio verfügbar sind. Jedenfalls nicht bei Organisationen, welche auf ehrenamtlicher Basis arbeiten. Es macht allerdings Sinn mit dem Organisator der Gruppe zu sprechen, und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Diese könnte beispielsweise sein, dass man die Infos als Datei zur Verfügung stellt. Diese kann dann in Braille oder Großschrift ausgedruckt werden. Gleiches gilt auch für die Visitenkarten, die gern am Ende jeder Veranstaltung überreicht werden. Diese haben für mich kaum mehr wert als ein Fetzen Papier ohne verwertbaren Inhalt.
Wenn mir die Info wichtig genug ist, bitte ich den Referenten mir diese per E-Mail zuzusenden, oder notiere mir die Kontaktdaten auf meinem Smartphone. Visitenkarten nehme ich nur selten an, da ich sehr schnell wieder vergessen habe was für ein Papier ich da entgegengenommen habe. Wenn es nicht anders geht, mache ich mit meinem Smartphone ein Foto davon, und vergebe einen sprechenden Namen dafür. Sätze wie „Das kann Ihnen ja eines ihrer Kinder vorlesen“ finde ich blöd. Ich allein bestimme von wem ich mir wenn überhaupt etwas vorlesen lasse. Nur weil meine Kinder sehend sind, heißt es nicht, dass sie mir permanent alles vorlesen müssen. Wenn mir jemand etwas verkaufen will, dann müssen die entsprechenden Infos für mich als Endkunden so verfügbar sein, dass ich sie ohne fremde Hilfe verarbeiten kann. Gleiches gilt für Organisationen und Vereine, die ein Interesse an meiner Mitgliedschaft haben.

Weiterführende Informationen:
in Blind am Computer erkläre ich wie ich am PC arbeite.
und Wie arbeitet ein Blinder am iPhone zeigt wie ich auch unterwegs arbeiten kann.

So, Ihr kennt jetzt meine Meinung dazu. Jetzt freue ich mich schon auf Eure.

Hilfe ja, Mitleid nein!

Es ist Dienstag früh, als ich in den Supermarkt meines Vertrauens gehe. Ich suche die Sachen zusammen, deren Standort mir bekannt ist. Für die drei oder vier Artikel, die ich gar nicht, oder nur unter großem Zeitaufwand alleine finden würde, spreche ich eine Mitarbeiterin an. Um diese Uhrzeit ist das kein Thema, und man hilft mir hier bereitwillig. Auch an der Kasse ist die Lage noch recht entspannt, so dass ich in aller Ruhe bezahlen, und gemeinsam mit der Kassiererin meinen Einkauf verpacken kann, während wir einen kleinen Plausch halten. Ich kann das alleine. Dennoch lasse ich mir gern dabei helfen. Es geht einfach schneller.
Ich finde nichts Schlimmes daran einen anderen Menschen um Hilfe zu bitten. Mir ist klar, dass mir aufgrund meiner Sehbehinderung in manchen Bereichen Grenzen gesetzt sind. Ich kann kein Autofahren, komme auf rein grafisch orientierten Internetseiten nicht zurecht, oder kann keine gezielten Fotos machen. Das ist nun mal so. Ich habe hier genau zwei Optionen. Nämlich mir Hilfe bei diesen Dingen zu holen, oder mich damit abzufinden, dass ich nicht mit dem Auto fahre, auf den Besuch der Internetseite verzichte und das mit dem Foto ebenfalls lasse. Diese Entscheidung treffe ich ganz allein, und mit allen daraus resultierenden Konsequenzen.
Und dann gibt es die Dinge, die ich alleine kann, für die jemand, der sehen kann, jedoch nur einen Bruchteil dieser Zeit benötigt. Ein Beispiel aus meinem Alltag ist das Wischen des Fußbodens. Wenn ich das selbst mache, fange ich links oben in der Ecke an, und höre rechts unten auf. Damit weiß ich, dass ich mit meinem Wischer überall gewesen bin. Eine Kontrolle über den Erfolg habe ich erst, wenn ich auf die Knie gehe, und jede Stelle anfasse, nachdem ich sie geputzt habe. Eine sehende Putzhilfe braucht das nicht zu tun. Sie erfasst mit ein paar Blicken, ob der Fußboden sauber geworden ist, und kann gezielt nacharbeiten, wenn es nötig ist. Wenn ich also weiß, dass ich die mehrfache Zeit dafür brauche, schone ich meine Nerven und meine Knie, wenn ich mir bei dieser Tätigkeit helfen lasse. Bei kleinen Räumen entscheide ich mich oft dafür selbst zu putzen, da der Raum klein und überschaubar ist, während ich das bei größeren Räumen lieber an eine Assistenz abgebe. Ich muss niemandem beweisen, dass ich es kann, und nutze die Zeit lieber sinnvoll für andere Tätigkeiten, die ich gut kann.
Wir Menschen mit Behinderung begehen oft den Fehler, dass wir besonders fit, besonders leistungsfähig, und besonders perfekt sein wollen. Woher das kommt, darüber streiten sich ein bisschen die Geister. Ein Teil liegt wohl in der Kindheit, in der man vielen Menschen mit Behinderung eingebläut hat, sie müssten besser sein als Menschen, die keine Behinderung haben. Denn nur so würden sie in einer leistungsorientierten Gesellschaft anerkannt werden.
Auch ich kenne das Phänomen des besonders leistungsorientierten blinden nur allzu gut. Ich weiß wie es sich anfühlt, wenn man auf die Behinderung runterreduziert wird, wenn die Menschen nicht von mir, Lydia, sprechen, sondern von der Blinden. Wenn die Eigenschaft blind zum Substantiv gemacht wird. Wenn Menschen über mich sprechen, als sei ich nicht nur blind, sondern taub und dumm. Doch inzwischen habe ich gelernt, dass man sich diesen Schuh nicht anzuziehen braucht. Ich bin es mir Wert, dass es mir gut geht. Und dazu gehört, dass ich die für mich beste Option auswähle. Ganz gleich, ob ein anderer blinder Mensch dieses oder jenes besser bewältigen kann, oder inwieweit mein Umfeld mich als vollwertigen Teil einer inklusiven Gesellschaft wahrnimmt.

Hürden einer Augenklinik

Krankenzimmer

Vor einem dreiviertel Jahr habe ich gemeinsam mit dem behandelnden Arzt entschieden, dass ich mich einer weiteren Hornhauttransplantation am rechten Auge unterziehen würde. Wir wussten beide, dass diese Operation riskant war. Die letzte OP dieser Art am rechten Auge hatte zu einer Abstoßungsreaktion geführt, die dafür verantwortlich war, dass sich die Hornhaut immer mehr eintrübte. Jetzt konnte ich gerade Mal hell und dunkel voneinander unterscheiden, während ich auf dem linken Auge noch grobe Umrisse sehe.

In der ersten Aprilwoche kam der Anruf, dass ein passendes Transplantat verfügbar sei. Ich könnte bereits am kommenden Montag aufgenommen werden. Allerdings würde man mich am Freitagnachmittag anrufen, um mir Bescheid zu sagen. Denn vorher würde erst mal eine Qualitätskontrolle erfolgen. Wir hatten jetzt Dienstagnachmittag. Also ausreichend Zeit, um alles Notwendige zu erledigen, Termine zu verlegen und was sonst noch so anfällt.
Am Freitag war ich die meiste Zeit zuhause, und wartete auf den Anruf der Augenklinik. Der kam nicht. Irgendwann begann ich selbst dort anzurufen. Allerdings erklärte mir der Anrufbeantworter, dass ich außerhalb der Sprechzeiten anrufe. Tja, die hatten mich vergessen. Und ich hatte jetzt genau zwei Optionen, nämlich den Montag abzuwarten und erst mal nachzufragen wie die Qualitätskontrolle verlaufen sei, oder gleich hinzufahren, und dabei das Risiko einzugehen wieder nach Hause geschickt zu werden.
Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit, und packte einen Rucksack mit allem, was ich für eine Woche Krankenhausaufenthalt brauchte.
In der Augenklinik angekommen, stand ich erst mal vor dem Automaten. Eine Dame half mir eine Nummer zu ziehen und las mir diese auch noch vor, mit den Worten „Ich pass für Sie auf“. Die Unsitte mit den Nummern mag ich gar nicht, weil sie mich von fremden Menschen abhängig macht. Und nichts und niemand garantiert mir, dass dieser Mensch mich nicht doch vergisst. Wenn es denn schon sein muss, dann bitte mit einer Sprachausgabe, oder einem Menschen, der einen aufruft. Mir hilft es nicht, wenn eine Nummer mit dem dazugehörigen Schalter aufleuchtet. Ich finde, dass eine solche Unsitte nichts in einer Augenklinik verloren hat.
Irgendwann fand ich den Weg zum richtigen Schalter, gab meine Unterlagen ab, und bekam eine Begleitung zur Station. Super fand ich, dass ich nur ein paar Minuten warten musste, bis jemand mir mein Zimmer zeigte. Während ich bei meinem letzten Aufenthalt eine schwerhörige, etwas verwirrte Bettnachbarin hatte, die ständig versuchte mit mir zu reden, hatte man mir diesmal eine Dame in meinem Alter zugeteilt, mit der ich mich verstand. Da war jemand sehr umsichtig bei der Aufteilung der Patienten.
Und jetzt kam das Aufnahmegespräch auf Station. Die Mitarbeiterin, die das mit mir führte, füllte das mit mir aus. Dieselben Fragen wie immer, dieselben Infoblätter wie immer. Wäre es nicht super, wenn man diese einmal in Braille- oder Großschrift umsetzen würde? Damit würde man den Mitarbeitern etwas Arbeit sparen, und ich könnte mir die Infos in aller Ruhe durchlesen.
Krankenpflege, Anästhesisten und andere Stellen im Krankenhaus kommen immer wieder ins rotieren, wenn es mal wieder gilt ihre umfangreichen Formulare auszufüllen. Diese wünsche ich mir elektronisch und Barriere arm. Dann könnte ich diese zuhause ausfüllen und mitbringen.

Taktile Leitlinien.
In Krankenhäusern wünsche ich mir taktile Leitlinien, die mich zum Ausgang, zum Wartebereich, Anmeldung oder zur Toilette leiten. Auch auf Station wäre es gut, wenn die wichtigen Räume durch taktile und kontrastreiche Leitlinien gekennzeichnet würden. Nicht nur blinden Patienten, sondern auch ältere Patienten mit Sehschwäche, die das größte Klientel ausmachen, könnten sich dann selbständiger orientieren.
Schulung der Mitarbeiter im Umgang mit blinden und sehbehinderten Patienten.
Die meisten Pflegekräfte treten in alle erdenklichen Fettnäpfchen. Da wird gern mal mit der Begleitperson kommuniziert, das Brot vorsorglich geschmiert, oder über den Kopf des blinden Patienten hinweg entschieden was er alles alleine kann, und was nicht. Diese These wird nach dem eigenen Weltbild ausgerichtet. Die wenigen Mitarbeiter, die wirklich hervorragende Arbeit machen, fallen daher sofort ins Auge. Die Blindenverbände bieten Workshops an, um mit den größten Missverständnissen aufzuräumen. Aber die wenigsten Krankenhäuser nehmen dieses Angebot wahr.

WLAN, das erhalten bleibt.
Als ich vor drei Jahren eine Woche auf Station war, habe ich mir einen WLAN-Schlüssel geben lassen. Da es diesen ausschließlich in Papierform gibt, habe ich mir die Zugangsdaten auf ein Diktiergerät sprechen lassen. Ich musste feststellen, dass ich diese Daten mehrmals am Tag neu eingeben musste. Das ist nicht nur ziemlich nervig, sondern für Menschen, die Schwierigkeiten bei der Eingabe haben, eine Barriere. Ich war irgendwann so genervt davon, und entschied mich für meine eigenen mobilen Daten. Dieses Problem besteht noch immer. Und nicht jeder bringt einen guten Datentarif mit.

Das Angebot der Bewegung schaffen.
Nach der Vollnarkose sagt der Arzt gern, dass man sich ein bisschen bewegen soll, um den Kreislauf wieder in Schwung zu bekommen. Wenn man Besuch bekommt, dann kann man dies auch gemeinsam umsetzen. Sonst kaum, wenn man sich in der Umgebung der Klinik nicht auskennt. Pflegekräfte sind oft so eingespannt, dass sie als Begleiter an der frischen Luft ausfallen. Hier sollte eine Möglichkeit geschaffen werden begleitet an die frische Luft zu kommen. Entweder durch ehrenamtliche Helfer, oder meinetwegen als optionale Leistung gegen eine kleine Aufwandsentschädigung. Denn nicht jeder ist so sicher, dass er sich seinen Weg durch ein Klinikum suchen möchte. Ich selbst habe das versucht, weil ich einfach nicht mehr herumsitzen oder liegen wollte und konnte. Und auf die Dauer wird der Krankenhausflur als Wegstrecke langweilig. Erst recht, wenn man nach jeder Runde von jemandem gefragt wird, wohin man denn möchte. Außerdem habe ich das Glück einen Bekannten in Kliniknähe zu haben, der mit mir spazieren gelaufen ist. Aber nicht jeder hat diese Möglichkeit.

Wieder zuhause angekommen, weiß ich meine eigene Couch, mein eigenes Zuhause und meine Unabhängigkeit von Dritten zu schätzen. Vielleicht sind diese Erlebnisse notwendig, um einem bewusst zu machen, was man hat, und nicht ausreichend wertschätzt.

Die Begriffe assistieren, betreuen, bevormunden

Lydia mit Blindenlangstock und Shopper.

Elternabend im dritten Schuljahr. Da ich die manchmal Hand geschriebenen Informationen der Schule nicht selbst lesen kann, frage ich, ob mir jemand aus der Elternschaft bei der Informationsbeschaffung helfen kann. Ich stelle mir das so vor, dass ich einen Anruf oder eine E-Mail bekomme. Alternativ habe ich kein Problem damit regelmäßig selbst nachzufragen. Bevor sich jemand dazu äußern kann, merkt die Lehrkraft an, dass ich doch eine Betreuerin habe. Und die könne das machen. Nein habe ich nicht. Die Dame, die ich einmal zum Elterngespräch mitgebracht hatte, war eine von mir selbst finanzierte Assistentin, die einem meiner Kinder beim Lesen üben und beim Schreiben helfen sollte. Ich hatte sie mitgenommen, um die Inhalte mit der Lehrkraft abzustimmen.
„Mit uns und nicht über uns“ ist ein Slogan, der in den letzten Jahren immer mehr von den Behindertenverbänden gefordert wird. In diesem Zusammenhang tauchen auch die Worte „betreuen“, „assistieren“ und „bevormunden“ auf. Diese Begriffe möchte ich anhand eines Beispiels veranschaulichen. Denn sie bedeuten nicht dasselbe, wie viele Leute glauben.

Tina hat große Fenster, die sie aufgrund einer Behinderung oder Erkrankung nicht selbst putzen kann. Sie braucht Hilfe. Und diese könnte wie folgt aussehen.

Assistieren: Jemandem nach dessen Anweisungen zur Hand gehen.
Tina beauftragt eine dritte Person mit dem Säubern der Fenster. Diese bekommt Geld dafür. Dabei bestimmt Tina selbst welches Fenster geputzt wird, wann dies passiert und wer das für sie macht. Wird die Arbeit nicht zu ihrer Zufriedenheit ausgeführt, kann sie sich jederzeit für eine andere Assistenz entscheiden, welche die Arbeit besser ausführt. Das ist ihr gutes Recht. Denn schließlich bezahlt sie für diese Dienstleistung und kann ordentlich ausgeführte Arbeit erwarten. Sie ist Arbeitgeberin.

Betreuen: Tina hat eine Person, die ihr in Situationen hilft, die sie selbst überfordert. Ihre Betreuerin hat die Aufgabe ihr bei der Durchführung der Aktion „Fenster putzen“ zu helfen. Im Idealfall spricht sie die Durchführung mit Tina ab. Sie entscheiden gemeinsam, ob Tina es zusammen mit ihrer Betreuerin selbst versucht, oder eine außenstehende Person mit dem Putzen der Fenster beauftragt wird. Die Aufgabe der Betreuerin besteht darin, Tina ein selbstbestimmtes Handeln zu ermöglichen, ohne sie dabei zu bevormunden oder zu überfordern.

Bevormunden: wie einen Unmündigen behandeln, in eigenen Angelegenheiten nicht selbst entscheiden lassen.
Eine Person aus Tinas sozialem Umfeld findet, dass die Fenster geputzt werden müssen. Sie führt diese Tätigkeit eigenmächtig durch, oder beauftragt eine dritte Person. Und zwar so, wie sie selbst es für richtig hält. Sie entscheidet über den Zeitpunkt und die Art der Durchführung. Tinas Meinung dazu spielt für sie keine Rolle. Gefällt Tina irgendetwas an der Durchführung nicht, ist Konflikt mit der Bekannten vorprogrammiert. Denn diese wird Tina wahrscheinlich Undankbares Verhalten unterstellen.

Und wenn wir schon mal dabei sind, hier noch ein paar Begriffe, die im Zusammenhang mit Menschen mit einer Behinderung gern verwendet werden.

Helfen: Dabei unterstützen ein angestrebtes Ziel schneller zu erreichen.
Eine Freundin von Tina bietet ihr an, ihr beim Säubern der Fenster zur Hand zu gehen, und spricht die Aufgabenverteilung mit ihr ab. Tina hat die Wahl die Hilfe anzunehmen oder sie abzulehnen.

In meinen Beiträgen schreibe ich immer wieder, dass ich ein großer Freund davon bin, sich benötigte Hilfe einzukaufen. Denn diese garantiert uns Menschen mit Behinderung mehr selbstbestimmtes Handeln. Das ist bei Freunden und Familie nicht immer gegeben. Ich freue mich für jeden Menschen, der Assistenz von Freunden und Familie bekommt, ohne das Gefühl ein Bittsteller zu sein. Diesen Hilfeerbringern gilt mein großer Respekt, da hier eine Kommunikation auf Augenhöhe stattfindet.

Meine Erfahrungen waren oft dahingehend, dass ich schnell mal selbst ernannte Miterzieher für meine Kinder hatte. Und so etwas belastet die Beziehung zu sehr, als dass ich mir das dauerhaft geben wollte. Umso mehr schätze ich die Menschen, die mir ohne mich bevormunden zu wollen, zur Hand gehen. Daher finde ich es wichtig, dass man als Assistenznehmer die Wahl hat wessen Hilfeleistungen man in Anspruch nehmen möchte. Denn hier geht es um gegenseitiges Vertrauen und Empathie, und nicht um eine Dankbarkeitshaltung gegenüber dem Helfenden.

Beyond-seeing, Mode ohne zu sehen

2 blinde Frauen betasten ein Kleidungsstück

Die Sonne scheint. Ich sitze auf einer Bank unter Bäumen. Zu sehen sind ein Kiesweg, dahinter ein Brunnen mit Wasserspielen und Menschen unterschiedlichen Alters.

Schade, dass Du das nicht sehen kannst, würde jetzt der ein oder andere sagen. Und aus der Sicht des normal Sehenden Betrachters ist das nachvollziehbar. Wenn der Fokus allein auf das Sehen gelegt wird, entgeht einem so manches. Daher dieselbe Situation mit ausgeblendetem Auge. Nämlich so, wie sie sich für mich mit ca. 2 % Restsehen darstellt.

Ich sitze auf einer Bank. Vor mir muss sich ein Schotterweg befinden, auf dem hin und wieder Leute vorbeilaufen. Dahinter plätschert ein Brunnen mit einem Wasserspiel. Ab und zu verirrt sich ein Wassertropfen in meine Richtung. In den Bäumen zwitschern Vögel und am Wasser spielen Kinder. Links von mir macht jemand Musik. Auf meiner Haut spüre ich die Nachmittagssonne, und ein leichter Wind fährt durch mein Haar. Auf der benachbarten Bank höre ich wie sich Menschen in französischer Sprache unterhalten.

Ich muss nicht sehen können, um etwas schön oder entspannend zu finden. Schönheit lebt von meiner eigenen Wahrnehmung und natürlich von meinem Geschmack. Nicht jeder findet es entspannend, wenn er Kinderstimmen oder Vogelgezwitscher hört.

Im Oktober 2016 initiierte das Goethe-Institut Paris in Zusammenarbeit mit vier renommierten Modehochschulen aus Deutschland, Frankreich, Schweden und Belgien das Recherche- und Ausstellungsprojekt BEYOND SEEING. Im Rahmen von internationalen Recherche-Workshops, einer Ausstellung und einem diskursiven Begleitprogramm zielt das Projekt darauf ab, Mode in einem Zusammenspiel von Sinneswahrnehmungen über den visuellen Reiz hinaus erfahrbar zu machen. Bislang nicht miteinander in Berührung gekommene Zielgruppen – Designstudierende, blinde und sehbehinderte Teilnehmer, sowie Experten verschiedenster künstlerischer Disziplinen – werden erstmalig zusammengebracht, um gemeinsam innovative Designkonzepte zu entwickeln. Dieses Projekt durfte ich als blinde Bloggerin aus Deutschland ein stückweit begleiten. In meinem Beitrag Mode, Kunst und Shoppingtour hatte ich über die Veranstaltung aus dem Oktober 2017 in Berlin berichtet.

Die abschließende Veranstaltung fand ab dem 18.01.2018 in Paris statt. Neben der Ausstellung der renommierten Modehochschulen aus Frankreich.

Deutschland, Schweden und Belgien fand ein umfangreiches Rahmenprogramm statt, zu dem alle Beteiligten eingeladen wurden. In meinem Beitrag Nähen ohne zu sehen, so geht’s habe ich über einen Nähworkshop berichtet, der von Reiner Delgado vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband DBSV angeboten wurde.

Nach zwei Jahren voller Konferenzen, Recherchen, Workshops und kreativer Schaffensprozesse, wurden die fertigen Kollektionen der Modestudierenden nun endlich präsentiert. Dort trafen verschiedenste Ansätze auf vielfältige Designs, die vor allem neugierig auf eines gemacht haben: Die Geschichte hinter der Kollektion.

Die erste Kollektion, die ich betastet habe, war die ‚Invisible Imagination‘ von Verena Kuen aus Berlin. Sie hat sich mit den Träumen einer spät erblindeten Berlinerin auseinandergesetzt. Eines der drei Kleider bestand zur Hälfte aus Seide, und Silikon. Er stellt den Traum eines halb abgebrannten Baums dar, wobei die Seide für die lebendige, das Silikon für die tote Hälfte steht.

In der schwedischen Kollektion ‚Sonic Haptic Wardrobe‘ etwa lag der Fokus mehr auf der Haptik von Kleidungsstücken. Diese bestanden aus unterschiedlichen Materealien mit unterschiedlicher Oberfläche. Muster wie Pünktchen wurden durch dreidimensionale Applikationen fühlbar gemacht. Mit eingearbeiteten Glöckchen oder Schmirgelpapier veränderte sich sogar die Akustik, wenn man darüberstrich. Um passende Textilien zu finden, haben die Studierenden zahlreiche Interviews mit blinden und sehbehinderten Menschen geführt.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgte Maxi Tilch aus Berlin. Sie ließ sich dadurch inspirieren, dass sie für sie unbekannte Orte mit verbundenen Augen besuchte. Ihre Kollektion heißt ,Perception of Space‘ und experimentiert damit, wie man einen Raum erleben und mit ihm interagieren kann, ohne ihn jemals gesehen zu haben. Sehr räumlich sind deshalb auch ihre Entwürfe geworden, sie stehen für ein Zelt, ein Wohnzimmer und eine Bahnhaltestelle. Sie hat in abstrakten Silhouetten Stoffe verarbeitet, die sowohl optisch als auch haptisch verschiedene Erinnerungen wachrufen. Im Wohnzimmer zum Beispiel das geblümte und Samtweiche Sofa der Oma oder beim Zelt die typisch knisternde Plane. Beim Entwerfen ging es anders als bei „normalen“ Kollektionen nicht um den ästhetischen Aspekt, sondern vielmehr um die haptische Wahrnehmung. Für mich waren die einzelnen Stoffe und Formen tastbar, nicht aber alle dargestellten Modelle. Auf die Bahngleise wäre ich von alleine nie gekommen, ohne die Geschichte hinter der Inspiration zu kennen.

Es wurden nicht nur Kollektionen ausgestellt, sondern auch diverse Workshops rund um das Thema Wahrnehmung angeboten. Ebenso wurde in Filmsequenzen und einer Bilderausstellung das Thema Wahrnehmung von allen Seiten beleuchtet.
Hier noch die Links zu den Beiträgen der eingeladenen Bloggerinnen auf einen Blick:
Der Beitrag von Pauline, sehbehinderte Bloggerin aus Belgien.

Die Seite von Typhaine, sehende Bloggerin aus Frankreich.

Sowie der deutschsprachige Beitrag von Sonja, sehende Bloggerin aus Deutschland.

Die Beiträge sollen in einem Gesamtwerk die jeweilige Perspektive aufgrund unterschiedlicher Wahrnehmung aufzeigen. Die Ausstellung ist bei allen dieselbe, die Werke und Designer ebenfalls. Die Unterschiede liegen schlichtweg in der Wahrnehmung. Ein Unterschied besteht zwischen sehen oder nicht sehen, sowie das Verständnis der einzelnen Personen von Kunst, Mode und der Geschichte der Inspiration.

An dieser Stelle möchte ich dem Goetheinstitut in Paris für die Einladung zur Ausstellung danken, und auf dessen Artikel verweisen. Und ein ganz persönlicher Dank gilt Sonja vom Goldfasanblog, die mir mit dem Beitragsbild und einigen Links ausgeholfen hat.