Meine Anforderungen an eine Haushaltshilfe

Welche Anforderungen ich als blinde Mutter an eine Haushaltshilfe habe, erzähle ich auf meinem Blog.

Saubermachen ist für mich persönlich eine Aufgabe, die ich gern abgebe. Denn ich brauche das Vielfache an Zeit dazu. In einem späteren Beitrag werde ich darauf eingehen wie ich ohne zu sehen putze.

Die richtige Haushaltshilfe zu finden empfinde ich als große Herausforderung. Neben denselben Anforderungen, die eine normal sehende Person an eine Haushaltshilfe hat, kommen bei mir noch einige andere, die mit meiner Sehbehinderung zu tun haben. Ich möchte versuchen meine Wünsche vor allem normal sehenden Lesern anhand einiger Beispiele zu veranschaulichen.

Kommunikation in einer mir geläufigen Sprache

Für mich heißt das, dass meine Haushaltshilfe ausreichend Deutsch spricht, um sich mit mir über die Aufgaben unterhalten zu können. Es reicht nicht aus, dass sie mir zeigt, dass eine bestimmte Sache getan werden muss. Sie sollte in der Lage sein das in Worten auszudrücken. Denn mit Gestik und Mimik kommen wir bei meiner Sehbehinderung nicht weiter.

Vor gut 20 Jahren hatte mir eine türkische Nachbarin eine Putzhilfe vermittelt, die mich wöchentlich für 2 Stunden unterstützte. Das Problem war nur, dass sie so gut wie kein Deutsch sprach, und meine Kenntnisse der türkischen Sprache sich auf Begrüßung und dreieinhalb weitere Sätze beschränkte. Wenn es also etwas mitzuteilen gab, war ich auf die Hilfe meiner Nachbarin angewiesen. Inklusive Interpretationsfaktor bei der Übersetzung war das ziemlich anstrengend. Daher hielt das Ganze nur einige Wochen. Ich denke, wir hatten das beide einfach unterschätzt.

Eigenständiges Arbeiten.

Da ich der Haushaltshilfe nicht sagen kann wo genau geputzt werden muss, ist es wichtig, dass sie eigenständig arbeitet. Es gibt zwar gewisse Dinge, die jedes Mal drankommen, wie das Wischen der Fußböden. Sie sollte aber auch selbst sehen, wenn es irgendwo noch was zu tun gibt. Nur weil ich sie nicht sehe, heißt es noch lange nicht, dass ich Spinnweben in meiner Wohnung haben möchte. Und nur weil ich den Staub auf Bildern, die an der Wand hängen, erst fühle, wenn ich direkt hin fasse, heißt das noch lange nicht, dass ich diesen unbedingt behalten möchte.

Ein böses Erwachen gab es für mich, als ich feststellen musste, dass eine Haushaltshilfe Monatelang keinen staub über Kopfhöhe gewischt hatte. Auf meine Nachfrage hin erklärte sie mir, dass ich ihr das hätte sagen sollen.

In meinem Haushalt zählt meine Ordnung

Wie in den meisten Haushalten normal sehender Bewohner habe auch ich meine Ordnung. Nur so lässt sich der Haushalt gut führen. Problematisch wird es, wenn eine Schere, ein Haushaltsgerät oder ein anderer Gegenstand nicht an seinem Platz liegt. Eine normal sehende Person erfasst mit wenigen Blicken, ob das gesuchte Stück woanders liegt. Ich muss systematisch danach suchen, was mich Zeit und Nerven kostet.

Eine meiner Putzhilfen hatte die Angewohnheit Dinge, die sie bei der Arbeit störten, einfach woanders hinzustellen, oder in eine Schublade zu stecken. Leider vergaß sie anschließend alles wieder an den ursprünglichen Platz zu räumen. Es dauerte Wochen, bis ich dahinterkam, dass die Computerspiele meiner Tochter in einer Schublade steckten.

Es ist kein Ding etwas wegzuräumen, um an dieser Stelle vernünftig sauber machen zu können. Wichtig ist, dass am Ende alles wieder an seinem Platz ist. Im Zeitalter von Smartphones kann man sich im Zweifel ein Foto vom Ursprungszustand machen. Ich persönlich habe damit kein Problem. Allerdings sollte man der blinden Person erklären, warum man jetzt gerade ein Foto machen möchte.

Eine Putzhilfe legte mir alles, was sie nicht mehr zuordnen konnte, an einen bestimmten Platz. Dazu gehörten auch Dinge, die sich irgendwo auf dem Fußboden oder wo auch immer während des Putzens fanden. Ich konnte die Sachen dann später sortieren und an ihren Platz stellen. Auch das ist eine Lösung, mit der ich gut leben kann.

Putzeimer aus dem Weg stellen

Mir ist wichtig, dass ich mich in meiner Wohnung bewegen kann, ohne mitten im Raum über einen liegengelassenen Staubsauger, eine Trittleiter oder einen vollen Putzeimer zu stolpern. Wenn ich arbeite, dann weiß ich wohin ich meine Arbeitsutensilien lege. Dennoch stelle ich diese gern irgendwo an den Rand. Denn wie schnell hat man das vergessen. Gerade wenn man verschiedene Dinge zeitgleich erledigt. Und wer schon mal die Erfahrung gemacht hat 5 l Wasser vom Boden aufzuwischen, der wird mir sicher Recht geben.

Eine meiner Putzhilfen hatte die Angewohnheit ihren vollen Putzeimer mitten im Weg stehenzulassen. Auch wenn sie sich in einem anderen Raum aufhielt. Obwohl ich ihr sagte, dass ich den Eimer nicht sehen kann, behielt sie diese Angewohnheit bei. Und irgendwann waren sowohl der Fußboden als auch ich nass.

Bitte keine Erziehungsratschläge

So manche Putzhilfe wollte mir erklären was meine Kinder alles machen sollten, weil ich das nicht sehe. Meine Kinder müssen nicht meine Sehbehinderung kompensieren. Und ich entscheide als Elternteil was sie dürfen, müssen oder nicht. Genauso wie ein Elternteil ohne Behinderung es auch tun würde. Eine Haushaltshilfe hilft, wie das Wort bereits sagt, im Haushalt, und nicht bei der Erziehung. Meine Kinder hatten bereits so viele selbst ernannte Miterzieher, dass man damit einen ganzen Kindergarten hätte betreuen können.

Fettnäpfchen

Zum guten Schluss möchte ich noch ein paar Fettnäpfchen ansprechen, die man doch vermeiden sollte.

Eine Haushaltshilfe erklärte mir mehrmals pro Treffen, dass ich nicht sehen könne. Echt jetzt? Blinde Menschen wissen selbst, dass sie dieses oder jenes nicht sehen können. Auch ohne dass man sie daran erinnert.

„Warum hilft Ihnen Ihre Familie nicht im Haushalt“, ist eine ebenso beliebte Frage. Nun, mir geht es hier wie normal sehenden Leuten auch. Wer möchte schon gern ein Familienmitglied als Haushaltshilfe haben? Jemanden, den ich bezahle, erbringt eine fest definierte Dienstleistung. Und das ist mir wichtig. Für ein gewisses Maß an Lebensqualität brauche ich die Distanz zwischen mir als Arbeitgeber und der Haushaltshilfe als Arbeitnehmer. Familie ist mir da zu emotionsgeladen. Und es gefährdet nur die Beziehung zueinander. Ich bevorzuge eine strikte Trennung.

Natürlich erhebt diese Auflistung keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Außerdem geht es hier um meine persönliche Meinung. Im Zweifel hilft es miteinander zu reden. Und zwar auf Augenhöhe.

Und jetzt bin ich auf einen Erfahrungsaustausch in den Kommentaren gespannt.

Barrierefrei bloggen auf WordPress

Hier findet Ihr Möglichkeiten einen Blog auf Wordpress so zu gestalten, daß auch blinde und sehbehinderte Leser damit zurechtkommen können.

Seit ich einen eigenen Blog betreibe, beschäftigt mich das Thema Barrierefreiheit immer wieder. Durch meine Arbeit lerne ich stets interessante Blogger kennen, deren Beiträge ich gerne verfolge, liken oder kommentieren würde. Ein Blog, der mehr Bilder als Text beinhaltet, ist für mich quasi nicht wahrnehmbar. Ein Beitrag, der durch ein grafisches Captcha geschützt ist, kann von mir nicht kommentiert werden. Und ein Beitrag, der so richtig schön kontrastarm gestaltet ist, mag für normal sehende Leser wunderschön aussehen. Für Leser mit einer Sehbehinderung ist es nur anstrengend. Als blendempfindliche Leserin kann ich ein Lied davon singen.

Ich weiß, dass hier kein böser Wille dahinter steckt, sondern einfach Unwissenheit über unseren Personenkreis. Daher möchte ich versuchen etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Auf meine Nachfrage hin hat Domingos de Oliveira mir den folgenden Text zur Verfügung gestellt. Er arbeitet als Dozent, Berater und Speaker zur digitalen Barrierefreiheit. Er arbeitet als einer der wenigen blinden Experten für Barrierefreiheit. Auf seinem Link Blog http://www.oliveira-online.net/wordpress/index.php/willkommen-auf-der-website-von-domingos-de-oliveira/ schreibt er über Blindheit und Technologie.

WordPress ist sicherlich das beliebteste Blogging-System überhaupt. Ganz nebenbei hat es sich auch für viele Website-Anbieter zum bevorzugten Redaktionssystem entwickelt. In diesem Artikel erkläre ich, wie man mit WordPress barrierefreier werden kann.

Die Wahl des Themes

WordPress lässt sich als Framework betrachten, das sich an unterschiedliche Ansprüche anpassen lässt. Das gilt insbesondere für das Layout. Die Wenigsten werden sich mit den Standard-Themes von WordPress begnügen. Sie sind allerdings relativ barrierefrei. Bei Pressengers findet ihr eine Auswahl barrierefreier Themes.
Bei Themes von Dritt-Anbietern müsst ihr selbst prüfen, ob sie barrierefrei sind. Ist euch eine Website bekannt, die das Theme bereits einsetzt, könnt ihr diese automatisch mit einem Tool wie WAVE oder manuell mit einem Prüfverfahren wie dem BITV-Test prüfen. Fragt ruhig auch bei dem Entwickler nach, ob das Theme barrierefrei ist. Vor allem, wenn das Theme kostenpflichtig ist, sollte der Entwickler solche Anforderungen berücksichtigen. Außerdem schafft ihr so ein Bewusstsein dafür, dass eine Nachfrage nach barrierefreien Themes besteht.
Entwickelt ihr selber ein Theme, bietet WordPress selbst Infos zur Barrierefreiheit. Den Link findet ihr am Ende des Artikels.

Texte

Der WordPress-Texteditor TinyMCE bringt leider nicht alle nötigen Funktionen zur barrierefreien Texterstellung mit. Es fehlen zum Beispiel Befehle für Zwischenüberschriften oder Abkürzungen. Die Auszeichnung von Zwischenüberschriften, Listen und weiteren Elementen erleichtert es Blinden zu erkennen, welche Aufgabe das Element hat. Ihr seht einen fett gedruckten und abgesetzten Text und wisst, dass das eine Zwischenüberschrift ist. Blinde nehmen das nicht wahr. Für ihre Hilfssoftware wird die Information, welche Aufgabe ein Stück Text hat, über HTML-Auszeichnungen vermittelt. Außer Zwischenüberschriften können auch Listen, Zitate sowie Abkürzungen ausgezeichnet werden.
Um diese Auszeichnungen mit einem grafischen Editor zu erstellen, benötigt ihr das Plugin TinyMCE Advanced.
Wenn ihr ein wenig HTML beherrscht, benötigt ihr keinen weiteren Editor. Schaltet den Texteditor auf HTML um und gebt die entsprechenden Auszeichnungen händisch ein. Die wenigen Auszeichnungsbefehle sind schnell erlernt.

Bilder

WordPress bietet gute Möglichkeiten, Bilder mit alternativen Beschreibungen zu versehen. Das ist wichtig für Blinde oder Sehbehinderte, die das Bild nicht sehen oder nicht erkennen können.
Die Optionen zur Bildbeschreibung werden in der Mediathek in der rechten Spalte angezeigt. Ist das Bild ausgewählt, könnt ihr Alternativtext oder Titel festlegen.
Der Alternativtext wird Blinden vorgelesen. Der Titel wird angezeigt, wenn ihr mit dem Mauscursor über das Bild fahrt. Er richtet sich also eher an Sehbehinderte. Alternativtext und Titel dürfen identisch sein, da die Hilfssoftware von Blinden jeweils nur eines von beidem vorliest. Allerdings schlagen Plugins wie Access Monitor an, wenn die beiden Texte gleich sind. Das Tool geht in solchen Fällen davon aus, dass die Felder automatisch befüllt wurden.
Als Faustregel gilt: Blinde können das Bild nicht sehen und benötigen grundlegende Infos: Was ist überhaupt auf dem Bild zu sehen. Zum Beispiel „Das Diagramm zeigt die Geschäftsentwicklung 2015“. Die Werte dazu sollten natürlich in einer Tabelle oder im Fließtext stehen. Sehbehinderte haben eventuell Probleme, den Bild-Inhalt zu erkennen, ihnen hilft daher eine allgemeinere Beschreibung des Bildaufbaus. Zum Beispiel: „Das Säulendiagramm zeigt die Geschäftsentwicklung des Jahres 2015, die einzelnen Säulen bilden die Monate ab“. .

Plugins

Zuletzt möchte ich noch auf ein paar Plugins hinweisen, die eventuell hilfreich sind. Wer diese Plugins installiert, ist sicher nicht barrierefrei, umgekehrt muss man diese Plugins nicht installieren, um barrierefrei zu werden. Ich zeige lediglich, welche Möglichkeiten es gibt.Von allen genannten Plugins gibt es kostenlose Varianten.
ReadSpeaker integriert eine Vorlesefunktion für eure Webseite. Die Sprachmelodie ist eher gewöhnungsbedürftig, es mag aber für manch Lese- oder Sehbehinderten hilfreich sein. Es gibt eine kostenlose und eine kostenpflichtige Variante. Die kostenlose Variante ist beschränkt, was die Zahl der vorgelesenen Artikel angeht. Außerdem stehen weniger Optionen zur Verfügung. Der IT-Nachrichtendienst Heise Online bietet eine ähnliche Vorlesefunktion, ihr könnt sie dort ausprobieren.
Hurraki ist ein Wörterbuch, das Alltagsbegriffe in einfacher Sprache erläutert. Das Plugin hurrakify ermöglicht es, sich zu einzelnen Begriffen aus einem Text Erläuterungen aus Hurraki anzeigen zu lassen. ,
Der Access Monitor prüft eure WordPress-Inhalte auf Barrierefreiheit. Wie alle automatischen Testtools benötigt man Erfahrung mit digitaler Barrierefreiheit oder viel Zeit, um die einzelnen Fehlermeldungen nachvollziehen zu können. Das Tool kann euch auch nicht sagen, ob Bilder einen sinnvollen Alternativtext haben, das müsst ihr selbst entscheiden. Auch hier handelt es sich um ein Freemium-Modell. Es gibt eine kostenlose sowie eine kostenpflichtige Variante.
WP Accessibility rüstet eine Textvergrößerungsfunktion sowie eine Kontrastansicht für WordPress nach. Solche Funktionen waren früher der letzte Schrei in Barrierefreiheits-Kreisen, gelten aber seit einigen Jahren als unerwünscht. Es wird argumentiert, dass die Betriebssysteme, die Browser und die Hilfstechnik diese Aufgaben besser lösen als die fehleranfälligen Webseiten-Funktionen. Das ist sicherlich korrekt, aber es gibt tatsächlich noch Menschen, die nicht wissen, wie sie Text vergrößern oder eine kontrastreiche Ansicht aktivieren und sie sind dankbar für diese kleinen Hilfen. Und die Anderen nehmen auch keinen Schaden, solange die Regeln der Barrierefreiheit bei der Themegestaltung berücksichtigt wurden.

Zum Weiterlesen

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Zugänglichkeit und Datenschutz

Über die Vereinbarkeit von Datenschutz und Zugänglichkeit für blinde Menschen.

Das Foto zeigt mich an meinem Schreibtisch. Vor mir ist ein Computerarbeitsplatz aufgebaut.

Ich habe schneller Deutsch gelernt als meine Eltern. Daher kümmerte ich mich bereits als Jugendliche um Formulare, die mich und meine Angelegenheiten angingen. Meine Eltern bat ich um dieses oder jenes Schreiben, oder darum etwas zu unterschreiben, was ich als Minderjährige noch nicht durfte. Ich denke, ich bin daran gewachsen, und habe gelernt mir Hilfe zu holen, wenn ich etwas nicht wusste. Und da ich schon immer gerne geschrieben habe, durfte ich später auch mal Schreiben an Behörden, Krankenkasse usw. verfassen. Anfangs schrieb ich mit der Schreibmaschine. Später zog dann ein PC mit Scanner und Drucker bei mir ein. Damit konnte ich mir Vorlagen für Briefe basteln, die ich mehrmals brauchte. Und ich konnte Briefe, die ich früher geschrieben hatte, ohne fremde Hilfe nachvollziehen.
Von der Wiege bis zur Bahre, begleiten uns Formulare.

In Zusammenhang mit schriftlichen Mitteilungen und Formularen taucht oft die Bemerkung auf: „Das kann Ihnen jemand vorlesen“. Oder „Ihr Mann sieht doch?“ Dabei handelt es sich um Ämter, die sich gern damit herausreden, dass sie aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Information per E-Mail verschicken dürfen. Für mich ist das ein Widerspruch. Einerseits beruft man sich auf den Datenschutz, andererseits fordert man mich explizit dazu auf, den Brief oder das Formular einer dritten Person zugänglich zu machen.

Um das zu veranschaulichen, möchte ich eine Geschichte erzählen, die sich so zugetragen haben könnte.

Tina ist blind und Mutter eines Sohnes im Teenageralter. Dieser hatte sich in den vergangenen zwei Jahren in der Schule so unwohl gefühlt, dass er sehr oft die Schule versäumte. Von den unentschuldigten Fehlzeiten erfuhr Tina meist durch den Klassenlehrer, der ihr die Mitteilungen per E-Mail schickte. Diese konnte sie selbst mit Hilfe einer Sprachausgabe oder Braillezeile lesen und sofort reagieren. Bei Mitteilungen in gedruckter Form hätte sie diese erst einscannen und durch eine entsprechende Software wieder in Text umwandeln müssen. Und bei handschriftlichen Mitteilungen wäre sie auf sehende Hilfe angewiesen.

Aufgrund von hohen Fehlzeiten in der Schule, beantragte diese ein Busgeldverfahren gegen die Erziehungsberechtigten. Inzwischen war das nächste Schuljahr angebrochen. Johnas hatte die Klasse wiederholt und fühlte sich in der neuen Klassengemeinschaft gut integriert. Gemeinsam arbeiteten alle nun daran, dass Johnas wieder regelmäßiger zur Schule ging.

Zwei Monate später wurde den Eltern der Bußgeldbescheid zugestellt. Da Tina und ihr Mann das nicht zahlen wollten, beantragten sie eine Ersatzauflage, die durch das Kind abzuleisten war. Es ging fast ein halbes Jahr ins Land, bis Johnas und seine Eltern den Bescheid bekamen, dass Johnas 12 Sozialstunden in einer gemeinnützigen Einrichtung abzuleisten habe. Dies sollte bis Mitte Mai geschehen.

Dieser Bescheid ging den blinden Eltern und Johnas in Papierform zu. Der Absender war das zuständige Amtsgericht.

Die Geschichte hatte sich also fast ein Dreivierteljahr hingezogen. Inzwischen war Johnas gut in seiner Klasse aufgenommen, seine Leistungen hatten sich deutlich verbessert und bei ihm hatte ein Umdenken stattgefunden. Tina sprach mit ihrem Sohn darüber, der sich erst mal selbst darum kümmern wollte. Und so vergingen vier Wochen. Ein weiteres Gespräch ergab, dass Johnas sich zwar bemüht hatte, jedoch keine Stelle gefunden hatte, die ihn für zwölf Stunden beschäftigen wollte. Erschwerend dazu kam, dass Johnas nicht wollte, dass seine Freunde sahen, wie er jetzt irgendwo die Straße kehren musste oder so. Und Tina respektierte die Entscheidung. Schließlich handelte es sich hier um Altlasten aus dem Vorjahr. Die Beiden kamen überein, dass sie sich nach einer entsprechenden stelle erkundigen würde, die nicht an ihrem Wohnort liegt. Das konnte schließlich kein Hexenwerk sein.

Einen Tag später hatte Tina eine passende Stelle gefunden. Es war geplant, dass Johnas die Stunden während der Osterferien ableisten sollte. Und an sich war erst mal alles gut. Aber leider steckt man oft nicht drin. Kurz, es war während der Ferien nicht möglich. Möglich war allerdings, dass sich jetzt der eine Sachbearbeiter des Jugendamts für die Angelegenheit interessierte. Tina bekam somit ein Anschreiben, ebenfalls in Papierform, dass Johnas sich bei ihm melden solle, um eine Ersatzstelle für die Sozialstunden zu finden. Es brauchte einige Telefonate, bis Tina herausfand, dass das Jugendamt vom Amtsgericht  beauftragt worden war den Vorgang zu begleiten. Und es hatte ein paar Tage gedauert, bis Tina der Inhalt des Schreibens vorgelesen worden war. Denn trotz vorherrschender Meinung von Ämtern und Behörden legen auch Blinde Wert auf ein selbstbestimmtes Leben. Tina ist der Meinung, dass ihre Kinder nicht dazu da sind, um ihre Sehbehinderung zu kompensieren. Erst recht nicht, wenn es sich um offizielle Schriftstücke handelt.

In der darauf folgenden Woche rief sie zweimal bei dem Sachbearbeiter an und sprach beide Male auf den Anrufbeantworter. Jeweils ohne den gewünschten Rückruf zu bekommen. Eine andere Mitarbeiterin vom Jugendamt, die die Familie schon länger begleitet hatte, konnte ihr hier nicht weiterhelfen. Schreiben und Bescheide per E-Mail zu versenden sei ihr aus datenschutzrechtlichen Gründen untersagt. Sie solle sich an den Sachbearbeiter wenden.

Als hoffnungslose Optimistin dachte Tina sich, sie könne ja direkt beim Amtsgericht nachfragen. Aber wo in aller Welt war jetzt das Aktenzeichen von Johnas? Das stand in dem Brief. Und diesen hatte ihr Teenager unauffindbar verlegt. Gleiches galt für die Kopie, die Tina hatte. Da sie glaubte diese nicht mehr brauchen zu müssen, hatte sie ihre Vorlesekraft nicht darum gebeten ihr das Aktenzeichen zu diktieren. Eigene Blödheit.

Also rief Tina beim Amtsgericht an, und schilderte ihren Fall. Die Dame bei der Telefonzentrale meinte nach längeren Vorhaltungen, dass sie Tina zur Staatsanwaltschaft durchstellen würde. Die könnten ihr sicher helfen. Danach vergingen lange 45 Minuten in einer musikalisch untermalten Warteschleife. Also noch mal das Ganze von vorne. Nur mit dem Unterschied, dass Tina diesmal bei der Vorauswahl die Taste für eine Verbindung mit der Staatsanwaltschaft drückte.

Ein Herr meldete sich, und Tina schilderte ihre Situation. Sie war sich darüber im Klaren, dass man ihr nicht so einfach das erforderliche Aktenzeichen telefonisch durchgeben würde. Vielleicht ging es ja, wenn sie persönlich dort vorbeikommen könnte. Oder sie könnte eine E-Mail an den Sachbearbeiter schreiben. Aber nichts davon war möglich. Stattdessen riet ihr die Stimme am anderen Ende der Leitung bei den Nachbarn herumzufragen, ob jemand helfen könnte den verlegten Brief wiederzufinden. Eine andere Möglichkeit sähe er nicht.

Tina war erst mal absolut fassungslos. Wie stellte der sich das eigentlich vor? Sollte Tina jetzt in den Nachbarhäusern klingeln und darum bitten, dass jemand aus der Nachbarschaft ihr Haus nach diesem Brief durchsuchte? War das jetzt echt? Sie machte ihm klar, dass sie sich das hier nicht ausgesucht hatte, und keine Person des Vertrauens zur Verfügung habe, die zeitnah suchen helfen könnte. Nach längerer Diskussion bat er Tina in 15 Minuten noch mal anzurufen und gab ihr die Nummer. Er würde noch mal abklären inwieweit er ihr helfen könnte. Vor Aufregung hatte Tina vergessen sich den Namen des Mannes zu notieren. Als sie 20 Minuten später noch mal anrief, landete sie direkt in der Zentrale des Amtsgerichts. Und zwar bei der Dame, die sie vorher in die 45 Minütige Warteschleife geschickt hatte. Diese sagte ihr, es seien 300 Leute im Haus, sie könne nicht mehr für sie tun, als sie wieder in Richtung Staatsanwaltschaft durchzustellen. Tina wollte noch nach einer E-Mail-Adresse fragen. Aber da war sie schon in der Warteschleife. Und hier gab sie einfach auf. Die Barrieren des Amtsschimmels hatten sie genau da, wo sie sie hinhaben wollten, nämlich an ihren Grenzen.

Am Abend fand ihr Mann, der etwas besser sieht als Tina, das gesuchte Schreiben wieder. Er diktierte ihr das Aktenzeichen und die E-Mail-Adresse. Hier schrieb sie am kommenden Tag hin, und schilderte ihre Situation. Ihrer Bitte um Rückruf kam der Sachbearbeiter nach, und half ihr die Situation zu klären. Ein Telefonat, welches keine 10 Minuten lang währte. Und wie so oft fragte Tina sich: „Warum nicht gleich so“?

Überweisungen von einer dritten Person ausfüllen lassen

Lange bevor das Onlinebanking bei mir einzog, hatte ich mit meiner Hausbank die Vereinbarung, dass ich die Überweisungen per E-Mail schicken kann. Und zwar an einen bestimmten Bankberater. Ich sammelte die Überweisungen und schickte diese an zwei Terminen im Monat hin. Es war eine Lösung, mit der wir alle gut leben konnten. Denn die Homepage war für mich mit meinen Hilfsmitteln nicht zugänglich. Irgendwann wechselte dieser Berater. Sein Nachfolger stellte die Hilfe ein, ohne mir das zu sagen. Ich merkte das erst, als die erste Mahnung ins Haus flatterte. Auf meine Nachfrage erklärte er mir, dass dieser Service nicht länger für mich geleistet werden könne und ich mir jemanden suchen sollte, der die Überweisungen für mich ausfüllte. Als Beispiel könnte ich ja meine Kinder bitten. Ups, meinte der das ernst? Beide waren noch im Grundschulalter. Gut, letztendlich fanden wir eine Lösung.

Liebe Mitarbeiter von Ämtern, Behörden, Versicherungen!
Bitte behandelt uns blinde und sehbehinderte Menschen nicht wie Bittsteller, wenn wir Euch um eine zugängliche Mitteilungsform bitten. Uns liegt genauso wie Euch an einer schnellen und Nerven schonenden Abwicklung. Und das geht am besten, wenn wir Eure Mitteilungen ohne fremde Hilfe erfassen und bearbeiten können. Die blinde Person sagt Euch in der Regel was sie genau braucht.

Und jetzt lade ich Euch ein in den Kommentaren über diesen Beitrag zu diskutieren und über Eure Erfahrungen zu schreiben.

Wenn der Bus wo anders hält

Wenn der Bus nicht an der vorgeschriebenen Haltestelle hält, hat das für blinde Fahrgäste auch mal unerfreuliche Folgen. Hier erkläre ich warum das so ist, und welche Lösungen es gibt.

Das Beitragsbild zeigt mich neben dem Schild einer Bushaltestelle.

Neu-Isenburg, Bushaltestelle Herzogstraße.
Es ist fast 19:00 Uhr, als ich dort ankomme. Außerdem regnet es. Zwei Gründe, warum hier kaum jemand steht. Außerdem verändert der Regen die Akustik so sehr, dass ich die Geräusche anders wahrnehme. Insgesamt ist es sehr laut, da momentan ziemlich zäher Verkehr auf der Straße herrscht. Vermutlich wird mein Bus einige Minuten Verspätung haben.

Ich habe mich neben das Bushaltestellenschild positioniert. Das ist für mich ein markanter Punkt. Damit verbinde ich auch die Hoffnung, dass ich schnell genug an die vordere Tür eines haltenden Busses gelangen kann. Denn die brauche ich, um den Busfahrer nach der Linie zu fragen. Schließlich halten hier vier Linien mit unterschiedlichen Fahrzielen.
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So prüfe ich wie gut meine Lebensmittel noch sind

Man braucht nicht sehen zu können, um Lebensmittel auf Haltbarkeit zu prüfen. So geht es auch blind.

Ich bin kein Freund davon Einkaufszettel zu schreiben. Nicht weil ich Analphabetin bin, sondern aus Gründen der Faulheit. Und natürlich weil ich zu denen gehöre,  die regelmäßig vergessen im Geschäft auf eben diesen Einkaufszettel zu schauen. Dafür nehme ich billigend in Kauf, dass ich auch mal was vergesse, oder lasse mich auch mal zum Kauf inspirieren, wenn etwas im Angebot ist.
Bevor ich zum Einkaufen gehe, kommt der Rundblick durch den Kühlschrank und die Küchenschränke. Ich möchte mir einen Überblick über die vorhandenen Vorräte verschaffen, und prüfe erstmal ob sich etwas dort befindet, das dringend verarbeitet oder entsorgt werden muss.
Gibt es etwas, das ich auf keinen Fall vergessen darf, dann mache ich mir eine elektronische Notiz per Smartphone. In der Regel kann ich mir dann merken was ich auf gar keinen Fall vergessen möchte.
Ich bin kein Mensch, der Lebensmittel sofort nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum für ungenießbar erklärt und entsorgt. Dieses Datum ist für mich lediglich ein Richtwert
Für Obst und Gemüse gilt anfassen oder dran riechen. Daran erkenne ich ob die Bananen oder Äpfel faule Stellen haben oder nicht. Das funktioniert für jedes Obst oder Gemüse. 
Bei Produkten wie Jogurt merke ich beim Schütteln des Behälters ob der noch essbar ist. Dazu brauche ich ihn nicht zu öffnen. Das funktioniert auch bei manchen anderen Produkten in Flaschen und Bechern. Abgesehen davon halten diese Dinge ohnehin nicht lange bei uns.
Bei Wurst und Käse verändern sich der Geruch und die Konsistenz. Und ab einem bestimmten Grad wandert das Ganze in die Entsorgung. 
Ich kenne Haushalte, wo sogar Lebensmittel wie Grieß, Mehl oder Zucker direkt nach dem Mindeshaltbarkeitsdatum entsorgt werden. Das finde ich unnötig. Bei mir kommt das Lebensmittel in eine Dose, die man gut verschließen kann, fertig! Bei trockener Aufbewahrung hält sich das sehr lang. 
Ich kann mir in der Regel ganz gut merken wann ich was eingekauft habe. Vielleicht nicht auf den Tag genau. Aber ich habe eine Vorstellung davon wie lange ein bestimmtes Lebensmittel in den Tiefen meiner Küchenschränke ist. Das hilft mir vor Allem bei den Lebensmitteln, bei denen es schwer ist zu erkennen wie lange sie halten. Gut, ich könnte mir die Dinge Beschriften. Aber da sagen innerer Schweinehund und Faulheit eindeutig „nein“. Das mache ich nur bei Gewürzen oder Dosen, die mit ein und demselben Produkt immer wieder aufgefüllt werden können.
Und für diejenigen, die sich fragen ob ich schon mal den Eintopf mit dem Katzenfutter verwechselt habe. Ich kann Euch beruhigen. Eintopf aus der Dose gibt es bei uns so gut wie nie. Und das Behältnis von unserem Katzenfutter hat eine so markante Form, dass mehr als eine Sehbehinderung dazu gehört, um das mit einer Konservendose zu verwechseln. Und wenn es doch mal Dosen sind, die vom Material und Beschaffenheit gleich sind, dann habe ich mir mit technischen Hilfsmitteln ansagen lassen was die Dose enthält.
Ich finde, dass es bei Brot schwierig ist festzustellen ob es bereits zu schimmeln begonnen hat. Und hier lasse ich mich auf keine Experimente ein. Wenn Brot schon eine bestimmte Zeit in meiner Küche ist, wird es gleich entsorgt. Gleiches gilt auch für offene Milch im Kühlschrank. Wer schon mal versehentlich gekippte Milch probiert hat, wird mich da voll verstehen. 
Und wer jetzt denkt, dass die Mitglieder meiner Familie oder Gäste schon mal eine Lebensmittelvergiftung hatten, den kann ich beruhigen. Hatten wir nicht. Jedenfalls nicht aufgrund von Lebensmitteln in meiner Küche. 
Es gibt noch andere Tricks, um blind die Haltbarkeit von Lebensmitteln zu prüfen. Und ich bin mal gespannt was Ihr an Erfahrungen beisteuert und freue mich auf Eure Kommentare.

Brandschutz für blinde Menschen

Welche Maßnahmen gibt es bereits, und was muß noch getan werden, um blinden Menschen das Thema Brandschutz nahezubringen?

Ich war sechs oder sieben Jahre alt, als mein ein Jahr jüngerer Bruder und ich im Wohnzimmer mit Streichhölzern und Papier zündelten. Eine ziemlich große Keksdose war unsere Feuerstelle, in die wir immer größere Fetzen Zeitungspapier warfen. Ich kann heute nicht mehr sagen wie es zugegangen ist. Auf einmal stand unsere kleine Feuerstelle samt der daneben liegenden Zeitung komplett in Flammen. Und wir waren damit komplett überfordert und total erschrocken. Zum Glück waren unsere Eltern sofort zur Stelle und konnten das Feuer löschen. Übrig blieb nur ein Brandloch im Teppich nebst der Erkenntnis, dass Feuer sich schneller ausbreiten kann als ich mir bisher vorstellen konnte.

Karl Matthias Schäfer schreibt heute bei mir einen Gastbeitrag zum Thema Brandschutz für blinde Menschen. Das Beitragsfoto zeigt ihn im karierten Hemd. Mit einer Hand bedient er ein Smartphone.

Was ist das Wichtigste am Brandschutz?

Dass man ihn thematisiert und die Menschen aufklärt. Viele Menschen können sich die Gewalt von Feuer, seine Auswirkungen und Zerstörungskraft überhaupt nicht vorstellen. Sehende Menschen können das Ausmaß einer Feuerkatastrophe und die Gefahren von Rauch, am Bildschirm verfolgen, wie z.B. jetzt wieder bei der Feuerkatastrophe in London. Menschen, die von Geburt an blind sind und die Ereignisse am Bildschirm nicht optisch verfolgen können, können sich die tatsächlichen Ausmaße eines Brandereignisses, nicht vorstellen. Also ist, besonders für diesen Personenkreis, Aufklärung unbedingt nötig.

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Der Standardpatient ist nicht blind

Anhand eines Beispiels gehe ich der Frage nach wie gut Augenkliniken auf blinde Patienten eingestellt sind.

Das Foto zeigt mich während einer augenärztlichen Untersuchung.

Früher dachte ich immer, dass Augenärzte und Augenkliniken auf blinde und hochgradig sehbehinderte eingestellt sind. Die Wirklichkeit sieht anders aus.
Der Standardpatient ist meist älter und kommt in sehender Begleitung. Außerdem ist er nicht unbedingt blind, sondern verfügt noch über einen ausreichenden Sehrest, der ihm erlaubt den standardmäßigen Sehtest zu durchlaufen, oder ohne Begleitung der Krankenhausmitarbeiter von a nach b zu kommen. Der blinde Patient, der wie ich auch mal ohne Begleitung unterwegs ist, weicht total vom Standard ab.

Kurz zur Klärung der Begriffe: Bis zu einem Sehvermögen von 2 % sprechen wir von Blindheit, bis ca. 5 % von hochgradiger Sehbehinderung und bis zu einem Restsehen von 30 % gilt man als sehbehindert. Ich bin dem Gesetz nach blind, da mein Sehrest ca. 2 % beträgt. Durch meine Hornhautverkrümmung bin ich sehr blendempfindlich. Normales Tageslicht ist mir schon zu hell. Daher trage ich draußen eine Brille mit Kantenfiltergläsern. Die sorgen dafür, dass mich das Licht nicht so blendet, und ich mich draußen grob orientieren kann.

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