Nähen ohne zu sehen – so geht’s

Lydia sitzt vor einer Nähmaschine

Blind und nähen, wie passt das zusammen? In diesem Zusammenhang höre ich immer wieder Sätze wie: „Du könntest Dich schneiden“, oder „An der Nähmaschine können sich sogar Sehende verletzen“. Von der Fragestellung nach Schnitt oder Muster wollen wir mal gar nicht erst reden. Auch ich dachte lange Zeit so. Denn meine Kenntnisse und Erfahrungen reichten nicht weiter als bis zum Vernähen eines Fadens oder einen Knopf annähen. Auch fühle ich mich eher an der Stricknadel zuhause.

Ich wurde eines Besseren belehrt, als ich an einem Workshop teilnahm, den Reiner Delgado, Sozialreferent des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands, anbot. Dieser richtete sich sowohl an blinde und sehbehinderte Teilnehmer, als auch sehende Personen, die es einmal blind probieren wollten. Reiner ist selbst blind, und näht viel in seiner Freizeit.

Fangen wir mal ganz vorne an. Denn am Anfang steht die Idee. Und die bekamen wir durch Reiner vermittelt, der eine Tasche aus drei gleichgroßen Quadraten gefertigt hatte. Diese sollten wir zuschneiden und zusammennähen.

Lydia misst mit einem Zollstock Stoff aus

Abmessen und Zuschneiden des Stoffs
Mit einem Lineal, einem Maßband oder einem festen Zollstock wird die Länge des Stoffs abgemessen. Reiner zeigt uns einen Zollstock mit taktilen Markierungen im Abstand von 1 cm, und einer anders fühlbaren Markierung für 5 und 10 cm. Diesen legt man an dem Stoff an, und markiert sich die Länge. Es geht einfacher, wenn man den Stoff fixieren kann, damit dieser nicht wegrutscht oder Falten werfen. Dafür kann man ein Hilfsmittel aus dem professionellen Nähbereich verwenden.
Ist der Stoff erst mal ausgemessen und fixiert, kann er zugeschnitten werden. Man kann hierfür eine Nähschere verwenden, oder einen Cutter. Damit kann man direkt am Lineal entlang schneiden, sollte aber ein Schutzbrett zwischen Tisch und Stoff legen. Auch dieses Zubehör ist in einem Geschäft für Nähbedarf erhältlich.

Lydia schneidet ein Stück Stoff zu

Ränder abstecken und bügeln
Sind die Quadrate fertig zugeschnitten, knicken wir an den Seiten die umgenäht werden sollen etwa 2 cm ab. So entsteht eine saubere und gut fühlbare Kante. Diese wird mit herkömmlichen Stecknadeln abgesteckt. Um die Kante zu festigen, werden die Kanten noch mal gebügelt.

Zusammennähen
Ich empfehle allen sehbehinderten Nutzern einer Nähmaschine sich das Gerät im ausgeschalteten Zustand von allen Seiten zu betasten und erklären zu lassen. Außerdem ist es wichtig ein Gerät zu benutzen, das sich per tastbarer Schalter oder Drehregler bedienen lässt. Touchscreen geht für blinde Nutzer gar nicht. Gut und hilfreich ist eine Einfädelhilfe. Das geht nicht nur für sehende schneller, sondern senkt bei allen Beteiligten die Verletzungsgefahr.

Die Auswahl des Stoffs
Dennoch möchte ich auch diese Frage thematisieren. Bei unserem Workshop stellte sich das Problem nicht, da der Stoff vorgegeben wurde. Sehende Teilnehmer gehen primär nach der Farbe oder der Musterung des Stoffs. Als blinde Nutzerin ist für mich der Stoff selbst wichtig. Wie fühlt er sich an? Wie fällt er? Wie klingt es, wenn ich mit der Hand darüber streiche? Das sind Fragen, die sich für mich erst mal stellen. Farbbeschaffenheit ist eine Information, welche mir ein technisches Hilfsmittel zur Farberkennung liefert, bzw. eine sehende Person, die mir die Auskunft erteilt. Und hier ist es davon abhängig, ob es mir wichtig ist, dass die Farbe auch anderen Leuten gefällt, oder ob es mir, und nur mir gefallen soll. Die Wahl einer Farbe, oder eines Musters, welches sichtbar ist, stellt somit immer einen Kompromiss dar, wenn es mir wichtig ist, dass es auch anderen gefällt. Denn die Person, welche mich beraten hat, steht für sich und ihren eigenen Geschmack, und nicht für alle anderen Menschen, deren Meinung mir wichtig ist. Es setzt also im wahrsten Sinne des Wortes blindes Vertrauen voraus.

Bereits Im Oktober 2016 initiierte das Goethe-Institut Paris in Zusammenarbeit mit vier renommierten Modehochschulen aus Deutschland, Frankreich, Schweden und Belgien das Recherche- und Ausstellungsprojekt BEYOND SEEING. Im Rahmen von internationalen Recherche-Workshops, einer Ausstellung und einem diskursiven Begleitprogramm zielt das Projekt darauf ab, Mode in einem Zusammenspiel von Sinneswahrnehmungen über den visuellen Reiz hinaus wahrnehmbar zu machen. Bislang nicht miteinander in Berührung gekommene Zielgruppen – Designstudierende, blinde und sehbehinderte Teilnehmer sowie Experten verschiedenster künstlerischer Disziplinen – werden erstmalig zusammengebracht, um gemeinsam innovative Designkonzepte zu entwickeln. Dieses Projekt durfte ich als blinde Bloggerin aus Deutschland ein stückweit begleiten, und werde nach und nach über verschiedene Aspekte berichten. In „Mode, Kunst und Shoppingtour“ habe ich über die Veranstaltung berichtet, die im Oktober 2016 in Berlin stattfand. Weitere Beiträge, die sich um die Ausstellung in Paris ab dem 18.01.2018 drehen, sollen folgen. Ich möchte eine angehende Modedesignerin zum Thema „Mode für blinde Menschen“ fragen, über die Reise selbst schreiben, und über die Wahrnehmung von Kunst, wenn man blind ist.

Wenn Euch meine Beiträge gefallen, dann freue ich mich, wenn Ihr meinem Blog folgt. Für jetzt lade ich Euch ein, in den Kommentaren über diesen Beitrag zu diskutieren.

Karten blind auseinanderhalten

Lydia mit mehreren Plastikkarten.

Zahlen mit der EC-Karte, beim Arzt die Versichertenkarte vorzeigen, oder diverse Kundenkarten, die unseren Geldbeutel oder die Brieftasche bevölkern. Selbst der Personalausweis oder mein Schwerbehindertenausweis ist im praktischen Checkkartenformat ausgestellt. Jede Karte hat ihr eigenes Design, um sie von anderen Karten zu unterscheiden. Aber was ist mit denjenigen, die diese optische Gestaltung nicht wahrnehmen können? Im Folgenden möchte ich ein paar Lösungen dafür aufzeigen.

Zum ersten Mal dachte ich darüber nach, als meine Kinder und ich unsere Versichertenkarten bekamen. Drei Karten von ein und derselben Krankenkasse, versehen mit unterschiedlichen Versichertennummern, die ich nicht selbst lesen konnte. Anfangs behalf ich mir damit, dass ich die Karten in einer bestimmten Reihenfolge aufbewahrte. So konnte ich gezielt die gesuchte Karte herausziehen, ohne der Sprechstundenhilfe den Stapel hinzuhalten, mit der Bitte sich selbst zu bedienen. Denn das empfand ich als unangenehm. Ich wollte das einfach selbst machen können.

Eine Mitarbeiterin unserer Kinderarztpraxis hatte die rettende Idee. Mit einem Küchenmesser ritzte sie in eine Karte ein und in die Andere Karte zwei kleine Schlitze ein. Die Dritte, also meine eigene Versichertenkarte, blieb unbehandelt. So konnte ich erfühlen welche Karte welchem Kind zugeordnet war. Diese Lösung behielt ich viele Jahre bei. Irgendwann verschickte meine Krankenkasse Karten, die in einer Ecke die Buchstaben GK für Gesundheitskarte versehen waren. Auch hier markierte ich die Karten meiner Kinder wieder mit ein bis zwei Schlitzen, um sie von meiner eigenen Versichertenkarte unterscheiden zu können.

Mit den Jahren sammelten sich immer mehr Karten bei mir an. Damit stellte sich für mich die Frage nach der Kennzeichnung immer öfter. Erst recht, als auch der Schwerbehindertenausweis und der Personalausweis in ein Checkkartenformat wechselten. In den letzten Jahren habe ich daher viele Lösungen ausprobiert, die ich Euch gern vorstellen möchte.

Nicht alle Karten fühlen sich gleich an. Manche haben erhabene Zahlen oder Buchstaben, die man erfühlen kann, wie man auf der Kundenkarte von P&C, Tchibo oder auch bei vielen Kreditkarten sehen und fühlen kann.

Eine andere Möglichkeit ist eine Beschriftung in Braille. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband DBSV verschickt seine Mitgliedskarten mit einer Beschriftung in Braille. Alternativ kann man sich diese Beschriftung auch selbst herstellen. Dafür nutze ich gern durchsichtiges Dymoband, welches ich mit Braille beschrifte, und anschließend auf die Karte klebe. Allerdings mache ich das nur bei Karten, die mir wichtig sind.

Doch es geht auch ohne Braille. Denn nicht jeder blinde Kartenbesitzer beherrscht die Brailleschrift. Dann kann man die entsprechende Karte mit einem Stück Tesafilm oder einem anderen Material kennzeichnen. Wichtig dabei ist, dass die Kennzeichnung nicht auf oder in der Nähe eines Magnetstreifens angebracht wird. Denn schließlich müssen manche Karten elektronisch ausgelesen werden. Auch sollte die Kennzeichnung keine Kartenummer oder andere wichtige Angabe verdecken, damit auch normal sehende Leser die Schrift noch lesen können.

Eine weitere Alternative sind Fotoecken. Die kann man an einer oder zwei Ecken einer Karte anbringen. Allerdings sollte man diese noch mal an der Karte festkleben, damit sie sich nicht versehentlich lösen. Und wenn es schnell gehen muss, dann habe ich gern ein oder zwei Gummiringe oder Haargummis in meiner Tasche. Damit kann ich eine Karte, die ich neu habe, erst mal provisorisch kennzeichnen. Übrigens geht es auch mit Kabelbinder. Im Grunde ist alles erlaubt, was ein schnelles Auffinden möglich macht. Denn das ist für mich Selbstbestimmung und Lebensqualität.

Das sind die Möglichkeiten, die sich in meinem Alltag bewährt haben. Es sind Anregungen, um uns den Alltag zu erleichtern. Ich bin gespannt darauf, was meine Follower für Ideen beitragen werden.

Bilder für Blinde zugänglich machen

Lydia Hält lächelnd einen Käsekuchen hoch

Neulich schickte mir eine Freundin auf Facebook ein Foto. Die Absenderin wusste, dass ich blind bin. Dennoch kam dieses Bild ohne jegliche Beschreibung zu mir.

In früheren Beiträgen habe ich bereits beschrieben, wie blinde Nutzer den PC oder das Smartphone aber nutzen. Auch diese technischen Hilfsmittel haben Grenzen. Beispielsweise bei einem Text, der in ein Bild eingebettet ist. Mein Screen Reader erkennt ein Bild. Und vielleicht auch noch Bruchteile des Textes. das war es dann auch schon. Ich kann also nicht, wie ein sehender Nutzer, innerhalb von Sekunden erfassen was ich da bekommen habe, sondern muss einigen Aufwand betreiben. Ich kann z. B. das Bild durch ein Programm zur Texterkennung schicken, und versuchen den Text aus dem Bild erkennen zu lassen. Wenn das Foto gut gemacht ist, und der Kontrast stimmt, dann geht es. Aber bei vielen Fotos, an denen sich ein Grafikdesigner bei den Lichteffekten ausgetobt hat, geht das nicht.

Immer wieder erreichen mich Fotos, die nicht beschriftet sind. Und das von Menschen, denen meine Sehbehinderung bekannt ist. Ein Absender, den ich darauf aufmerksam machte, empfahl mir, dass meine Kinder mir den Text ja vorlesen könnten. Hallo, geht’s noch? In meinem Facebook Account hat niemand anderes was verloren. Und schon gar nicht in meinen persönlichen Nachrichten. Auf die Frage, ob er sich seine Liebesbriefe auch von einer dritten Person vorlesen lassen würde, bekam ich keine befriedigende Antwort.

So, genug gemeckert. Jetzt habe ich einige Anregungen, wie es besser geht. Denn es ist nicht sehr aufwändig blinde Menschen am bildlichen Geschehen teilhaben zu lassen. das geht mit einfachen Bordmitteln.

Text als Bild

So sieht das Foto aus, welches ich zu Beginn dieses Beitrags erwähnt hatte. Ich hätte den Inhalt selbst lesen können, wenn die Nachricht als Text zu mir gekommen wäre. Nämlich so:

„Hey, eine Frage an Dich… Kennst Du den wunderbarsten Menschen der Welt? Kennst Du die wertvollste Person, die es gibt? Kennst Du den Menschen, der einfach unersetzbar ist? nein? Na dann guck aber mal ganz schnell in den Spiegel!!! Jaa, ich meine DICH!!! Schicke das an jeden, deren Freundschaft dir etwas bedeutet, auch an mich. Bekommst du sie nur einmal zurück, bist du kein guter Freund, bekommst du sie mehr als dreimal bist du ein echter Schatz!“

Text auf einem Bild

Das ist ein Text, den alle Screen Reader sofort auslesen können. Und das in Echtzeit.

Bilder als Anhang einer E-Mail

Ein Foto, das auf dem PC gespeichert wird, hat einen Namen. Dieser lässt sich ändern. Aus einem kryptischen Namen, der gern vom System vergeben wird, kann man eine Beschreibung machen. Diese könnte beispielsweise „Lydia hält lächelnd einen Käsekuchen.jpg“ heißen. Unter diesem Namen habe ich das Beitragsfoto abgespeichert. Bekomme ich ein so beschriebenes Bild, kann ich es mit eben diesem Namen abspeichern, und später wiederfinden. Auch wenn mehrere Bilder in derselben E-Mail kommen. Problematisch wird es, wenn die Beschreibung nicht im Dateinamen steckt, sondern im Text der E-Mail. Dann ist es für mich unmöglich die Beschreibung dem entsprechenden Bild zuzuordnen.

Gleiches gilt, wenn ich Bilder auf einem USB-Stick, oder anderem Medium bekomme. Haben die Dateinamen keine Beschreibung, kann ich alleine nichts damit anfangen.

Grafiken und Fotos beschriften

Screen Reader können Grafiken zwar als solche ausmachen, jedoch nicht beschreiben. Daher ist es wichtig, dass diese mit einem aussagekräftigen Text hinterlegt werden.

In vielen Blogs, die ich verfolge, sehe ich viele Fotos, die wichtig für den Kontext sind, jedoch keinerlei Beschriftung aufweisen. Dabei gibt es die Felder für Beschreibung und Alternativtext, die von Programmen, die blinde Leser benutzen, ausgelesen werden können. Und nicht nur WordPress bietet gute Möglichkeiten, Bilder mit alternativen Beschreibungen zu versehen. Das ist wichtig für Blinde oder Sehbehinderte, die das Bild nicht sehen oder nicht erkennen können.

Die Optionen zur Bildbeschreibung werden in der Mediathek in der rechten Spalte angezeigt. Ist das Bild ausgewählt, könnt ihr Alternativtext oder Titel festlegen.

Der Alternativtext wird Blinden vorgelesen. Der Titel wird angezeigt, wenn ihr mit dem Mauscursor über das Bild fahrt. Er richtet sich also eher an Sehbehinderte. Alternativtext und Titel dürfen identisch sein, da die Hilfssoftware von Blinden jeweils nur eines von beidem vorliest. Allerdings schlagen Plug-Ins wie Access Monitor an, wenn die beiden Texte gleich sind. Das Tool geht in solchen Fällen davon aus, dass die Felder automatisch befüllt wurden.

Als Faustregel gilt: Blinde können das Bild nicht sehen und benötigen grundlegende Infos: Was ist überhaupt auf dem Bild zu sehen. Zum Beispiel „Das Diagramm zeigt die Geschäftsentwicklung 2015“. Die Werte dazu sollten natürlich in einer Tabelle oder im Fließtext stehen. Sehbehinderte haben eventuell Probleme, den Bild-Inhalt zu erkennen, ihnen hilft daher eine allgemeinere Beschreibung des Bildaufbaus. Zum Beispiel: „Das Säulendiagramm zeigt die Geschäftsentwicklung des Jahres 2015, die einzelnen Säulen bilden die Monate ab“. .

Ich habe von vielen Bloggern gehört, dass auf Seminaren vermittelt wird, dass diese Felder unwichtig sind, und daher ruhig ignoriert werden können. Ich hoffe, dass auch zu diesen Seminarleitern durchdringt, dass auch blinde und sehbehinderte Nutzer im Internet unterwegs sind.

Was heißt ein Foto beschreiben?

Die Beschreibung eines Fotos sollte kurz und aussagekräftig sein. Wer macht was, womit und wo. Evtl. könnte auch der Gesichtsausdruck wichtig sein. Für sehende Nutzer mag das absolut unwichtig sein. Für uns blinde Leser jedoch ist das sehr wichtig, um am bildlichen Geschehen teilhaben zu können.

Also, liebe Versender von nicht beschrifteten Bildern!
Wenn Ihr wollt, dass der Empfänger Eure Nachricht auch wahrnehmen kann, dann beschriftet oder beschreibt Eure Bilder entsprechend. Dann hat der Empfänger die Wahl das Bild weiterzuschicken, abzuspeichern, oder ins Nirwana zu befördern. Auf jeden Fall aber kann er dies selbständig tun. Bei Fotos, die ohne Beschriftung kommen, weiß man nicht, ob sie doch eine wichtige Information enthalten. Meine persönliche Lösung dafür ist, dass Fotos, die von Leuten kommen, die mir nur selten etwas schicken, direkt und kommentarlos gelöscht werden, erst recht, wenn sie wissen, dass ich das Foto nicht sehen kann.

Tja, und wenn Ihr wirklich nicht wisst, wie Ihr das machen könnt, dann fragt den Empfänger doch einfach wie er oder sie es gerne hätte. Denn mein Beitrag stellt nur einige Anregungen vor, und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

In diesem Sinne wünsche ich Euch eine bildschöne Zeit.

Eure Lydia

Apps, die blind bedienbar sind

Lydia hält lächelnd ein iPhone vor der Brust.

Seit 2012 ist das IPhone mein ständiger Begleiter im Alltag. Damals hatte mich ein Freund darauf gebracht, und mir die Bedienungshilfen gezeigt, die das Gerät von Haus aus mitbrachte.

Vorher hatte ich ein handelsübliches Handy der Firma Nokia. Darauf wurde eine spezielle Software aufgespielt, die den Text auf dem Display in Sprache umwandelte. Damit war es möglich Nachrichten oder E-Mails zu verwalten, im Internet zu surfen oder Musik zu hören. Die Software kostete zusätzliches Geld, und war quasi ein Aton. Und dieses Handy hatte fühlbare Tasten.

Anfangs fürchtete ich mich ein bisschen vor meinem IPhone. Daher war es mir wichtig, dass ich eine Zweitkarte hatte, die in meinem alten Handy steckte. Falls etwas schief ging. In den ersten drei Wochen holte ich das IPhone nur hin und wieder aus der Schublade, um damit zu experimentieren. Das ging so lange, bis ich ein Gefühl für die Bedienung ohne fühlbares Display entwickelte. Ein weiteres Plus war die Bedienung von sozialen Netzwerken. Hatte ich diese vorher über den PC angesteuert, so konnte ich das mit dem Smartphone von überall her tun. Also auch ganz bequem vom Sofa aus.

Und so schlich sich das Smartphone immer stärker in mein Leben, und wurde mein Helfer im Alltag. Ich verbrachte viel Zeit damit neue Apps zu erkunden und mir Empfehlungen von anderen blinden Nutzern anzusehen. Im Laufe der nächsten Jahre erledigte ich immer mehr Aufgaben, die ich vorher auf dem PC erledigt hatte, über das IPhone. Denn dieses garantierte mir eine räumliche Unabhängigkeit.

Ich möchte meinen Lesern nachfolgend einige Apps vorstellen, die mich durch meinen Alltag begleiten. Dabei handelt es sich nicht nur um Apps, die für blinde und sehbehinderte Nutzer entwickelt wurden.

Die App Mbraille macht aus dem IPhone eine Braille Tastatur mit vollwertiger Textverarbeitung. Mit etwas Übung kann man darüber sogar die gesamte Bedienung des IPhone steuern.

Ich bin meistens mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Hier begleitet mich der Abfahrtsmonitor von Witali Aswolinskiy. Die App kann mich orten und mir die nächst gelegenen Haltestellen anzeigen, und deren Abfahrtstafel abrufen. Ich kann Haltestellen, die ich oft brauche, als Favoriten definieren, und sehr schnell darauf zugreifen. Diese werden mir in einer übersichtlichen Listenansicht angezeigt.

Blindsquare von MIPsoft ist eine Navigationshilfe für blinde Nutzer, die mir gerade in einer fremden Umgebung eine große Hilfe ist. Ich kann ein Restaurant, ein Hotel oder einen Bahnhof heraussuchen, und mir anzeigen lassen in welcher Richtung und wie weit entfernt dieser von mir ist. Und ich kann diese Informationen einer Navigationsapp übergeben, die mich hin navigieren kann.

Der KNFBReader ist eine sehr gute Texterkennungssoftware. Ich kann quasi ein Dokument fotografieren, und bekomme dessen Inhalt vorgelesen.

TapTapSee, CamFind Inc. beschreibt ein gerade gemachtes Foto in deutscher Sprache. Dies geschieht mit Hilfe von künstlicher Intelligentes.

Seeing AI von Microsoft Corporation vereint mehrere Funktionen in einer einzigen App. Es bietet eine Produkterkennung, eine Farbansage und eine Beschreibung von Dingen, die vor die Kamera gehalten werden. Auch Handschrifterkennung und eine Gesichtserkennung sind Teil dieser App, die noch nicht ganz ausgereift ist. Ich denke, dass da noch viel Potential dahinter steckt. Und ich wünsche mir, dass es diese App irgendwann auch in mehr Sprachen gibt.

Es gibt Situationen, die mit künstlicher Intelligenz nicht auskommen. Brauche ich eine sehende Hilfe, so kann ich diese per Videotelefonie abrufen. Das wird durch das Netzwerk und die App Be My Eyes ermöglicht. Weltweit stellen sehende Nutzer ihr Sehvermögen zur Verfügung. Fällt mir eine Schraube runter, die ich nicht alleine wiederfinden kann, so kann ich mein Gesprächspartner durch meine Kamera sehen, und mir dieses entsprechend mitteilen. Ich kann voreinstellen welche Sprache ich spreche, und werde nur mit Menschen verbunden, die dieselbe Sprache angegeben haben.

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sicher werde ich irgendwann über weitere Apps schreiben, die mir helfen, mir gefallen oder auch nicht.

Im Tempel des Hippokrates

Bild von Susanne und Torsten

Man sollte meinen, dass Augenkliniken auf blinde oder stark sehbehinderte Patienten ausgelegt sind. Und ebenso hält sich das Gerücht, dass das Personal und die Pflegekräfte im Umgang mit unserem Personenkreis geschult werden. Die Wirklichkeit sieht meist anders aus.

Im Frühjahr 2017 veröffentlichte ich die Beiträge „Die Klinik mit der Nummer“ und „Der Standardpatient ist nicht blind“, die sich um Barrieren und Behandlung in der Augenklinik drehen. Dadurch bekam ich von Thorsten, der zusammen mit Susanne den Blog Aus der Zeit gerutscht schreibt, eine erfundene Geschichte von einem fiktiven Termin in einer Klinik zugeschickt, die ich Euch nicht vorenthalten möchte.

Im Tempel des Hippokrates
Es ist kalt und windig an diesem Morgen. Mit Rucksack und Stock habe ich mich auf den Weg zur U-Bahn gemacht. Die Nacht war kurz. Vor so einem Eingriff ins Knie bin ich doch etwas nervös gewesen. Aber es wird schon gehen. Und wie klappt wohl die Aufnahme im Krankenhaus, wo ich doch nichts sehe? „Ach, es gibt doch Inklusion, Integration, Rehabilitation usw. Da werden sie sich schon um so einen blinden Patienten wie mich kümmern“, versuche ich mich zu beruhigen.

Gut, bis zur Drehtür kenne ich mich von Besuchen her aus. Ja ein großer, riesiger Raum. Hier muss ich richtig sein. Wie ein Luchs schleiche ich weiter, um zu hören, wo wohl der Empfang ist. „Zur Aufnahme gehen Sie bitte dort hinüber“, höre ich und spreche den mutmaßlichen Empfänger dieser Botschaft an. Der ist nett und nimmt mich mit. „Hier müssen wir eine Nummer ziehen. Ich mache das für Sie. Sie haben 57.“ Na prima, klappt doch wie am Schnürchen. Mein Helfer zeigt mir noch einen Stuhl und entschwindet. Ich döse ein bisschen. Immer wieder ertönt ein Gong. „Oh, welche Nummer war das wohl?“ Ich denke es und frage es zaghaft in die Runde. „38“, antwortet mir jemand. Ich habe also noch Zeit und döse weiter. Irgendwann frage ich wieder und erfahre: „62.“ Die Nummer 65 ist freundlich und lässt mich vor. Die Empfangs-Dame ist auch freundlich und nimmt meine Arztbriefe entgegen. „So, bitte füllen Sie diese Dokumente sorgfältig aus und kommen dann wieder rein“, sagt sie und drückt mir einen Packen Papier in die Hand. Wir klären in fruchtbarem Dialog, dass dies ja nun schwierig ist. Sie sieht das ein und sagt: „Ich lasse sie erstmal auf Station bringen.“ Nach längeren Telefonaten fährt sie fort: „Die Orthopädie hat keinen frei, ich lasse sie erstmal von der Gynäkologie abholen.“ Na gut, so komme ich wenigstens weiter. Der Magen knurrt. Ich sollte ja nüchtern erscheinen. Es ist zehn Uhr.

In der Gynäkologie
Da sitze ich nun auf dem Flur von Station B5 III. Viele Menschen hasten an mir vorüber. Irgendwann fragt mich jemand, was ich hier wolle. „Ich soll aufgenommen werden“, sage ich und reiche meine Dokumente. Sie blättert lange. „Blatt sechs Rückseite,“ murmele ich. „Da steht, wo ich hin muss.“ „Aja, die Orthopädie hat heute ein paar Notfälle. Aber Sie sind ja blind. Da lasse ich sie mal auf die Augenstation bringen. Die Sozialfrau kommt gleich.“ Es kommt die Frau vorbei, die auf Station Bücher und Zeitschriften verteilt. „Möchten Sie vielleicht die Zeitung von heute?“, fragt sie mich. „Nein, aber haben Sie vielleicht einen Leitfaden auf CD, wie ich hier zurechtkomme?“ Sie bedauert sehr und verspricht, die Sozialfrau zu benachrichtigen. Statt dieser kommt ein BufDi mit Rollstuhl. „So, ich bringe Sie jetzt auf Ihr Zimmer.“ Na prima, ich bin schon völlig groggy. Deshalb bin ich sogar dankbar für den Rolli, mit dem ich als blinder Patient ja leichter zu verfrachten bin. „Dies ist Herr Meier, Ihr Zimmernachbar. Der zeigt Ihnen alles“, sagt mir der BufDi fröhlich. Es stellt sich heraus, dass Herr Meier gestern operiert wurde und beide Augen verbunden hat. Da ist dann nichts mit Zimmer-Zeigen. Ich bin eh viel zu müde und hungrig. Oh Wunder, da kommt bald das Mittagessen. „Sie habe ich gar nicht im Plan“, sagt die nette Frau zu mir. „Zeigen Sie mal bitte Ihre Dokumente!“ Wieder langes Blättern. „Seite sechs, Rückseite“, murmele ich. „Oh Sie müssen auf die Orthopädie. Ich sage der Sozialfrau Bescheid.“ Herr Meier und ich hungern. Ich kriege nichts und er kann mit verbundenen Augen nicht essen.

Es kommt wieder irgendwer, die sich als Schwester So-und-so vorstellt. „Ich bringe sie nun zur Orthopädie“, flötet sie. Diesmal darf ich laufen, stoße mir aber dreimal das kaputte Knie, weil überall was rumsteht. Wieder lande ich auf einem Stuhl.

Irgendwann frage ich einen der vorüber hastenden Menschen, wo denn die Kapelle sei. „Hier gleich um die Ecke. Ich bringe Sie hin“, sagt eine nette Dame. Auf dem Weg erzählt sie mir, dass sie heute als Vertretung der Sozialfrau hier sei. „Die ist nämlich als Notfall in der Orthopädie.“

Plötzlich Ruhe und Frieden. Ich sitze auf einer Bank in der Kapelle. Meine Aufnahme-Unterlagen, fast so dick wie das Gesangbuch, liegen friedlich neben diesem. „Wie herrlich es doch im Herzen des Tempels der Gesundheit sein kann“, denke ich bei mir. Mein Knie tut auch schon gar nicht mehr weh. Eine Wunderheilung? Egal, ich muss jetzt hier raus und endlich was essen.

Eine Woche später kriege ich abends einen erbosten Anruf: „Hallo, hier spricht die Sozialfrau von den städtischen Kliniken. Sie sollten doch heute eingeliefert werden. Ich habe Sie den ganzen Tag gesucht und dann Ihre Papiere in der Kapelle gefunden. Da befürchteten wir schon das Schlimmste!“

Das schreibt Thorsten über seinen Blog:
Gemeinsam mit Susanne Glandien habe ich den Blog „Aus der Zeit gerutscht“ im August 2015 gestartet, weil wir beide gern schreiben. Häufig über Politik, aber auch persönliche Erlebnisse. Mit der Zeit kamen ein paar Rubriken hinzu. Es entstand die Geschichte eines blinden Mannes, der selbständig wird. Oder die Abenteuer eines kleinen Roboters, der die Erde beobachten soll und sich immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Barrierefreiheit ist für uns Aufgabe und Thema in einer eigenen Rubrik. Wir freuen uns über Euren Besuch und Eure Meinung zu dieser fiktiven Begebenheit.