Hindernisse sind manchmal wichtig.

Lydia berührt eine Metallschranke mit dem Blindenstock.

Gerade komme ich vom Einkaufen. In der rechten Hand der Blindenlangstock, der die direkte Umgebung vor mir abtastet, und hinter mir der Shopper auf zwei Rädern, der meinen halben Familieneinkauf beinhaltet. Dazu kommt, dass ich ziemlich schnell unterwegs bin. Ich laufe auf eine Absperrung zu, um dann nach rechts abzubiegen. Vorher schreit eine Frau Vorsicht, und will mich festhalten.
Dies ist eine Situation, die ich immer wieder an dieser Stelle erlebe. Die Leute sehen, dass ich gleich mit dem Stock gegen diese Absperrung laufe, und sehen mich wahrscheinlich schon darüber fliegen.
Leute, entspannt Euch, heute wird nicht geflogen. Ich brauche diese Absperrung zur Orientierung. Sobald ich die entsprechende Stange berühre, weiß ich, dass ich jetzt nach rechts abbiegen muss. Das ist für mich quasi ein markanter Punkt. Also eine Beschaffenheit meiner Umgebung, die sich nicht verändert.
Da ich meine Umgebung nicht sehen kann, brauche ich Anhaltspunkte, die mir helfen meinen Weg im Straßenverkehr zu finden. Das können Laternenpfähle, Ampelpfosten, Hauseingänge oder Blumenrabatten sein. Wege sind für die meisten blinden Fußgänger so was wie auswendig lernen. Und diese Punkte sind eine Rückmeldung dafür, dass ich hier richtig laufe.
Ein weiteres Problem bei der Orientierung sind die wohlmeinenden Rufe von sehenden Personen, wie „Vorsicht“, oder „Rechts“, „Jetzt Links“. Getoppt wird das nur noch von denjenigen, die blinde Menschen einfach mal versuchen ungefragt in eine bestimmte Richtung zu dirigieren. Das nervt nicht nur, sondern verunsichert viele blinde Fußgänger. Erst recht, da wir nicht wissen aus wessen Perspektive die Richtungsanweisung kommt. Geschieht dies aus der Perspektive des Helfers, der anders steht als der Blinde, so kann dieser auch mal wohl gemeint auf die Straße gelenkt werden. Ich kann also nicht wissen, ob mein Helfer so intelligent ist, um sich in die Perspektive des Blinden hinein zu denken. Wenn Ihr meint helfen zu wollen, dann fragt einfach. Und dann respektiert die Antwort des Blinden, und lasst ihn unkommentiert seiner Wege gehen. Damit helft Ihr uns am besten.
Ich vergleiche es gern mit einer Prüfungssituation. Da steht jemand da, der beobachtet was ich wie mache, um es dann zu bewerten. Das schafft einen Ausnahmezustand, der sich auf die Konzentration auswirkt. Denn nicht jeder kann souverän damit umgehen. Erst recht nicht, wenn er oder sie den Umgang mit dem Blindenlangstock gerade erst erlernt hat.
Für diejenigen, die sich fragen was man mit dem Blindenstock überhaupt wahrnimmt, habe ich den Beitrag Der Blindenstock in der Praxis gemacht.

Dieser Beitrag wurde am 19.02.2019 im Newsletter von Raul Krauthausen veröffentlicht. Er erscheint an jedem Dienstag mit Hand verlesenen Links rund um Behinderung und Inklusion. Danke für die Erlaubnis ihn auch hier noch mal posten zu dürfen.

Fazit, jeder Mensch mit Sehbehinderung orientiert sich anders. Teilweise wird das verbleibende Sehen genutzt, um Hindernisse rechtzeitig zu erkennen, teilweise braucht es den Kontakt mit dem Hindernis durch den Blindenstock, um dieses wahrzunehmen. Wenn der Stock also gegen einen Laternenpfahl, eine Hauswand oder einen Blumenkübel stößt, dann ist das kein Grund zur Sorge. Es ist eine Strategie des blinden Fußgängers, um sich zu orientieren. Und dem Stock tut es nicht weh.

Blindenstöcke für Togo

Jasmin mit blinden Schülern aus Togo, die Blindenstöcke in die Höhe halten

Ende 2018 schrieb Jasmin in blinde Menschen in Togo über einen Besuch in einem Blindenzentrum und die Situation blinder Menschen. Daraufhin haben wir zu einer Spendenaktion für Blindenlangstöcke aufgerufen. Im Beitrag Freiwilligenjahr in Togo beschreibt sie ihren dortigen Alltag als freiwillige Helferin mit Sehbehinderung.
Die Spendenaktion für Blindenstöcke war erfolgreich. Darüber schreibt Jasmin heute.
Zunächst einmal einen herzlichen Dank an alle Spender und Spenderinnen. Ich denke das Ergebnis von 625,50 Euro hat nicht nur Lydia und mich sehr positiv überrascht. Zudem wurden noch acht gebrauchte Langstöcke und Ersatzteile gespendet was echt toll ist! Insgesamt konnten von den Spenden 30 Klapplangstöcke mit Rollspitze gekauft werden. Da diese von den Besuchern von Togo-Freiwilligen mit nach Togo genommen wurden (noch mal ein riesen Dankeschön an euch!) entstanden keine großen Ausgaben für den Versand.
Der Übergabe selbst ging ein Besuch am Vortag vorraus, wo ich dem Ehepaar Moore, welches das Zentrum leitet, sowie einigen Lehrern einen der Langstöcke zeigte und wir den Ablauf der Übergabe besprachen. Alle waren unglaublich erfreut und sehr dankbar, vor allem da sie auch nicht mit so vielen Langstöcken und « sogar mit Rollspitze » gerechnet hatten.
Wir vereinbarten, dass die älteren Schüler des Zentrums welche auf eine handwerkliche Tätigkeit vorbereitet werden und auch wenn, nur sehr abgenutzte Langstöcke hatten, die verbleibenden Langstöcke erhalten. Ihre abgenutzten werden dann im Zentrum für das Mobilitätstraining mit jüngeren Schülern genutzt, die einen «noch nicht ganz so verantwortungsvollen Umgang mit den Langstöcken zeigen» würden. Zudem durfte ich den Unterricht besuchen, was mir bei dem letzten Besuch aufgrund der Ferien nicht möglich gewesen ist. Die Schüler befanden sich gerade in den jährlichen Prüfungen und schrieben in den jüngeren Klassen mit Griffel und Schreibtafel. Diese Klassen umfassen jeweils etwa zehn Schüler. Die Klasse deren Unterricht beziehungsweise Prüfung ich besuchte, wurde von einem ehemaligen Schüler des Zentrums unterrichtet, der ein geringes Restsehvermögen besitzt und durch eine Assistenz unterstützt wird. Auch einige weitere Lehrer des Zentrums sind blind beziehungsweise sehbehindert. Hilfsmittel wie meine Bloglupe erzeugten schon unter den Lehrern große Begeisterung.
Wie viele wohl mit einem passenden Hilfsmittel oder einer fachkundigen ärztlichen Behandlung besser sehen könnten? Einer der Momente wo ich wieder das zu schätzen lernte, was es in Deutschland an Hilfsmitteln aber auch an Möglichkeiten gibt. Selbst wenn auch in Deutschland nicht alles perfekt ist (wieso beispielsweise übernehmen Krankenkassen zwar die Operation von Patienten mit grauem Star aber nicht die Kosten damit dabei eine passende Linse eingesetzt werden kann, die das Sehvermögen einem Sehbehinderten ermöglichen würde, annähernd 100 % zu sehen?), so wäre es doch erstrebenswert wenn jeder Mensch wenigstens auf dieser Ebene Zugang zu medizinischer Behandlung, Hilfsmitteln und Unterstützung hätte.

Aber genug « Wunschdenken ». Ich verabredete mich mit den Schülern und Schülerinnen, denn neben Ayalas Wohngruppe gibt es noch eine weitere Wohngruppe auf einem anderen College.
Am Dienstag, den 19.03.2019 wollten wir uns nachmittags um 15 Uhr treffen, da das Zentrum am folgenden Tag für drei Wochen schließt. Mir ging es schon am Morgen sehr schlecht aber so kurzfristig ließ es sich ja nicht mehr verschieben und ich wollte die Langstöcke ja möglichst schnell übergeben. Dem entsprechend half ich zwar den Lehrern und dem Ehepaar, dass das Zentrum leitet, bei «Blinder sucht Langstock» aber konnte mich da schon kaum noch auf den Beinen halten. Lydia hatte eine gute Wahl getroffen und darauf geachtet, verschiedene Längen zu bestellen, sodass sich für jeden ein passender Langstock fand. Meistens war es wichtiger im Freudentaumel der Schüler trotzdem noch dafür zu sorgen, ihnen die Pendeltechnik weitestgehend beizubringen beziehungsweise wieder in Erinnerung zu rufen, was primär ein Lehrer übernahm.
Da ich mich, als das Gruppenbild entstand schon kaum noch auf den Beinen halten konnte und direkt im Anschluss von dem Ehepaar mit hohem Fieber ins Krankenhaus gebracht wurde, konnte ich leider nicht mehr viel mit Rebeca und den anderen Schülerinnen der zweiten WG sprechen.
Ich soll euch den Dank von allen ausrichten, eines der Mädchen hat sich, als sie den Langstock angefasst und abgetastet hatte, sogar auf den Tisch geworfen und gesagt «Gott segne euch». Auch die Lehrer und das Ehepaar Moore lassen Grüße und ihren Dank an alle Beteiligten ausrichten.

Ich wiederum habe dem Ehepaar Moore und den Lehrern für diese vielen Einblicke zu danken. Das Ehepaar Moore hat mich an diesem Abend ins Krankenhaus begleitet und sich sehr liebevoll um mich gekümmert, als es mir echt schlecht ging. Meinen herzlichsten Dank dafür.
Das größte Dankeschön geht aber immer noch an Euch raus, liebe Leser  Ihr dürft euch jetzt ruhig mal selbst auf die Schulter klopfen. Denn ohne euch wäre das alles nicht möglich gewesen.
Und vielen, vielen herzlichen Dank Dir, liebe Lydia und liebe Sight City Gruppe. Ohne euch wäre das nie möglich gewesen!

Anfang Mai werde ich erneut nach Kpalime fahren um fünf Langstöcke samt Ersatzteilen zu übergeben, welche im April ankommen. Dann werde ich auch die Wohngemeinschaften von Rebeca und Azala erneut besuchen und mich mit einer Freiwilligen treffen, die die Schüler im Unterricht unterstützt.

Vielen Dank, liebe Jasmin, für Deinen Bericht. Weitere Beiträge von ihr findet Ihr auf dem Blog Jasmina Balanka.
Denjenigen, die nicht mit dem Blindenlangstock vertraut sind, lege ich die Beiträge welche Blindenstöcke gibt es und Der Blindenstock in der Praxis ans Herz.

Öffentlicher Nahverkehr, diese Infos brauche ich

Lydia steht an einer Bushaltestelle

Donnerstagnachmittag an der S-Bahn-Station Konstablerwache. Gemeinsam mit einer anderen blinden Frau warte ich auf die Linie S3. Und mal wieder funktioniert die Ansage der einfahrenden S-Bahn-Linien nicht. Das ist seit ein paar Jahren normal, dass die Ansage nur sporadisch funktioniert. Für blinde Fahrgäste heißt das, dass wir bei jeder einfahrenden Bahn fremde Personen danach fragen müssen. Und wir müssen blind darauf vertrauen, dass die Auskunft richtig ist. Das ist nicht nur anstrengend, sondern einfach nur nervig. Denn ich kann keinen Blickkontakt herstellen. Und so muss ich mich irgendwie anders bemerkbar machen und hoffen, dass derjenige meine Sprache spricht. Dazu kommt, dass die Bahnen chronisch verspätet sind, so dass ich mich nicht auf die Zeiten im Fahrplan verlassen kann. Bei der nächsten Bahn frage ich also eine Frau welcher Zug da einfährt. Sie antwortet, dass es die S3 ist, und ich steige ein. Die Bahn ist so voll, und die Ansage der Haltestelle leise genug, um sie zu überhören. Und so dauert es etwas, bis mir klar ist, dass ich in der falschen Bahn sitze. Warum die Frau draußen mir die falsche Bahn genannt hat, das weiß ich nicht. Fakt ist jetzt, dass mich diese Sache mindestens eine halbe Stunde Zeit und Konzentration kostet. Das alles wäre nicht passiert, wenn die Ansage der einfahrenden Züge funktioniert hätte.

Wenn ich mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs bin, brauche ich einmal die Information was da gerade einfährt. Und normalerweise sollte das bei U-Bahnen und S-Bahnen angesagt werden. Meist funktioniert das auch.
Was ich ebenso brauche ist eine Ansage der nächsten Haltestelle. Bei U-Bahnen und S-Bahnen funktioniert diese normalerweise. Bei Bussen oft nicht. Jedenfalls nicht in den meisten, die sich hier im Kreis Offenbach bewegen. Wenn sie mal funktionieren, dann sind sie so leise, dass man sie bestenfalls noch erahnen kann. Spreche ich den Busfahrer darauf an, ist das meist ergebnislos. Ich bekomme oft Antworten wie „Funktioniert nicht“, oder „Ich sage Ihnen Bescheid“. Aber das mit dem Bescheid sagen funktioniert nicht immer zuverlässig. In der vergangenen Woche stieg ich in einen Bus ein, und fragte nach der Busnummer. Auf die Frage: „Bis wohin wollen Sie“, antwortete ich „Ich fahre bis Brauerei mit“. Der Fahrer meinte, er sage mir dann Bescheid. Tja, aber genau das tat er nicht. Und als ich das gemerkt hatte, waren wir schon daran vorbei gefahren. Für mich hieß das jetzt, dass ich einen Umweg von ca. 20 Minuten in Kauf nehmen musste, um an mein Ziel zu kommen.

20 Minuten sind jetzt kein Weltuntergang. Allerdings kann es ziemlich nervig werden, wenn einem so was öfter passiert. Erst recht, wenn man einen Fixtermin hat. Ein weiterer Aspekt ist, dass viele blinde Menschen ihre Wegstrecke regelrecht auswendig lernen. Wenn sie dann ihre Haltestelle verpassen, können sie nicht einfach mal einen anderen Weg einschlagen. Oft heißt die Lösung dann ein Taxi rufen, sich von irgendwem abholen lassen, oder fremde Menschen ansprechen und sich durchfragen. Für blinde Menschen, die noch etwas unsicher im Straßenverkehr sind, ist das eine echt blöde Situation. Dasselbe Problem haben übrigens auch Menschen, die ortsfremd sind, oder nicht so oft mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs sind.

Es gibt ein paar wenige Busfahrer, die mir bevor ich frage schon ansagen welche Linie ich gerade vor mir habe. Darüber freue ich mich riesig, da es mir die Fragerei erspart. In blind Busfahren, das ist für mich wichtig gehe ich noch mal speziell auf das Thema ein.

Und jetzt freue ich mich auf Eure Meinung und einen Erfahrungsaustausch in den Kommentaren hier auf dem Blog.

Redet weiter, wenn ich komme

Lydia läuft mit Blindenstock und Shopper eine Straße entlang

Ich bin mal wieder bei Sonnenschein unterwegs. Ich liebe es, wenn es so langsam Frühling wird und die Winterjacke nicht mehr mich, sondern den Kleiderschrank wärmt. Der einzige Wermutstropfen ist, dass ich bei Sonnenschein trotz starker Sonnenbrille kaum etwas sehe. Ich kann Häuserfronten, Gartenzäune oder manchmal Autos sehen, wenn die Lichtverhältnisse stimmen, oder der Schatten im richtigen Winkel auf sie fällt. Menschen, die mir entgegenkommen sehe ich nicht mehr. Ich nehme sie entweder durch meinen Stock oder meine Ohren wahr.
Rechts von mir ist eine stark befahrene Straße, die viele leise Geräusche untergehen lässt, dennoch höre ich zwei Frauen miteinander an der Häuserwand reden. Und solange sie das tun, weiß ich wo sie stehen und kann ihnen ein Stückweit ausweichen. Doch kaum habe ich mich ihnen auf vielleicht fünf Meter angenähert, verstummen die Stimmen, und ich kann die beiden Damen nur noch erahnen. Vermutlich drücken sie sich ganz dicht an die Häuserfront, peinlich darauf bedacht nicht von mir oder meinem Stock getroffen zu werden. Die Erfahrung sagt mir, dass sie so lange dortbleiben werden, bis ich ganz sicher an ihnen vorbeigelaufen bin.
Mir ist es lieber, wenn die Leute ihr Gespräch fortsetzen, während ich an ihnen vorbeilaufe. Denn dann höre ich sie. Diese Information ist für mich wichtig, denn dann weiß ich wie weit die Menschen von mir entfernt sind und in welcher Richtung sie aus meiner Perspektive sind. Dabei ist es für mich gleich, ob sie stehen oder sich in eine bestimmte Richtung bewegen. Solange sie sprechen kann ich sie orten.
Eine andere Variante des Umgangs mit mir sind die wohlmeinenden Menschen, die mir eine Richtung angeben wie ich an ihnen oder einem bestimmten Hindernis vorbeilaufen soll. Das hilft mir nicht wirklich weiter. Erst mal wissen die Leute meist nicht wohin ich wirklich möchte, und zweitens weiß ich nicht aus wessen Perspektive die Richtungsangabe zu sehen ist. Sein rechts muss noch immer nicht mein rechts sein, somit gibt es nichts und niemanden, der mir garantiert, dass ich durch diese Richtungsangabe nicht versehentlich irgendwohin laufe, wo eine Gefahr für mich lauert.
Laufen mit dem Blindenstock im Straßenverkehr ist für mich Konzentration pur, auch wenn ich auf Wegen, die mir vertraut sind, quasi jeden Pflasterstein kenne. Orientierung bei Sonnenschein, oder Orientierung im Regen ist eine etwas verschärfte Form davon, die nur durch die Orientierung im Schnee getoppt wird. Es gibt viele blinde Menschen, die bei einem solchen Wetter sich langsamer bewegen, weil sie sich dadurch einfach sicherer fühlen. Wenn man wie ich meist recht schnell mit dem Stock unterwegs ist, dann nur, weil ich seit Jahrzehnten auf diese Art und Weise unterwegs bin. Ich kenne die Tücken der Wege, die Gefahren und meine eigenen Grenzen. Und wenn ich mal nicht weiter weiß, habe ich gelernt mir einen Weg zu suchen, nach Hilfe zu fragen, und diese exakt zu benennen.

Für diejenigen, die sich fragen was man mit dem Blindenstock alles wahrnehmen kann, und was nicht, habe ich den Beitrag Der Blindenstock in der Praxis gemacht.

Also, für alle diejenigen, die einen blinden Menschen auf sich zukommen sehen. Redet weiter, wenn wir kommen, dann wissen wir genau wo Ihr steht. Damit helft Ihr uns am besten. Und wenn wir doch mal eine andere Hilfe brauchen, dann wissen wir auch wo Ihr steht, und können Euch direkt ansprechen. In diesem Sinne, wir hören und sehen uns.

Mein Gastkind aus Palästina – Teil 3

Amal beim Töpfern

Inzwischen ist Amal seit fünf Wochen bei uns. Seitdem hat sich einiges getan. Sie hat gelernt sich selbst zu beschäftigen, wenn ich am Schreibtisch sitze, oder anderen Tätigkeiten nachgehe. Auch hat sie sich so weit in unserem Haushalt eingelebt, dass sie weiß wo sie was suchen muss. Einmal in der Woche spielt sie Showdown, was ihr großen Spaß macht. Und ein bis zweimal in der Woche Fahren wir nach Frankfurt, um dort mit anderen blinden und sehbehinderten Menschen zu töpfern, Kaffee zu trinken und Spaß zu haben.
In der vergangenen Woche habe ich gemeinsam mit ihr Kartoffeln geschält. Dabei habe ich ihr einen Sparschäler in die Hand gedrückt, und ihr den Umgang damit erklärt. Das passiert am besten, indem ich mir selbst jeden einzelnen Schritt vergegenwärtige, und diesen in Worte fasse. Und natürlich ist Anfassen erlaubt. Wenn ich also den Sparschäler in der rechten Hand halte, und die Kartoffel mit der linken drehe, kann ich mit dem rechten Daumen die Richtung kontrollieren, und gleichzeitig fühlen wie ich diesen führen muss. Das funktioniert auch bei Äpfeln oder anderem runden Gemüse oder Obst. Nachdem sie den Dreh raus hatte, ging das immer schneller. Nachdem sie die Kartoffeln noch gesäubert und kleingeschnitten hat, habe ich daraus Bratkartoffeln gemacht. Der Umgang mit einem Messer war ihr bereits geläufig.
Eine weitere Lektion war das richtige Säubern von Arbeitsflächen. Was so banal klingt, besteht faktisch aus mehreren Schritten. Ich muss erst mal Platz schaffen, die Fläche richtig sauber machen, abtrocknen, und anschließend die Gegenstände wieder an ihren Platz stellen. Am besten funktioniert das, wenn man systematisch arbeitet.
Gestern haben wir uns sogar an den Herd getraut. Da sie noch keine Erfahrung mit meinem Elektroherd gemacht hat, musste sie erst mal lernen wie ein Ceranfeld funktioniert, wie man das Teil bedient, und wie man erkennt welche Platten an oder aus sind. Im nächsten Schritt haben wir gemeinsam Rühreier gemacht. Dazu gehört das fett richtig zu dosieren. Ich habe ihr gezeigt, dass man hören kann, wenn das Fett heiß genug ist, wie man das vorbereitete Ei unfallfrei in die Pfanne gibt, und wie man den Garzustand erkennt. Das werden wir in den nächsten Wochen immer wieder üben, damit sich diese Kenntnisse festigen können.
Auch das Erlernen der deutschen Sprache macht Fortschritte. Sie versteht vieles. Inzwischen geht es darum die Sprache auch zu nutzen. Sie kann inzwischen etwas beim Bäcker bestellen, oder um etwas Bitten. Auch Begrüßung und Abschiedsformeln sitzen. Ich ermutige sie zum Sprechen, indem ich ihr mit einzelnen Worten aushelfe, wenn ihr diese fehlen. Gestern hat sie sogar auf Deutsch Domino gespielt. Auch einfache Fragen aus dem Alltag gehen inzwischen.
Was ihre Mobilität angeht, so hat sie inzwischen mehrere Trainingsstunden bekommen, und traut sich auch mal alleine zu laufen. Jetzt geht es darum, dass sie mehr Sicherheit bei der Orientierung bekommt. Daran werden wir in den nächsten Wochen arbeiten.
Eine ganz tolle Nachricht hat mich Mitte dieser Woche erreicht. Nämlich dass sie Anfang März einen Termin für eine augenärztliche Untersuchung hat. Das hat eine Leserin meines Blogs möglich gemacht. Danke dafür. Ich bin gespannt was dabei rauskommt.

Ein ganz dickes Dankeschön geht auch an diejenigen, die meine Beiträge mein Gastkind aus Palästina und mein Gastkind aus Palästina – Teil 2 so fleißig geteilt haben. Auf diese Weise habe ich nicht nur eine Menge Leser erreicht, sondern es sind mit Stand von heute mehr als 500 € auf dem Spendenpool eingegangen, den ich für Amal eingerichtet habe. Wenn ihr Besuch in Deutschland beendet ist, werde ich für die Leser und Spender aufschlüsseln wofür ich dieses Geld verwendet habe.

Und jetzt freue ich mich auf Eure Kommentare zum Beitrag.