Ich will nicht stets über Blindheit sprechen

Lydia steht an einer Bushaltestelle

Es ist Mittwochabend, als ich in die U-Bahn steige. Ich habe einen ereignisreichen Tag hinter mir, der meine ganze Kraft gefordert hat. Jetzt bin ich nur noch fix und fertig, und möchte einfach nur nach Hause. Wie gern würde ich jetzt einen Knopf drücken, und mich per keine Ahnung was nach Hause beamen lassen. Aber diese Technik gibt es noch nicht. Also nutze ich die öffentlichen Verkehrsmittel, mit dem Wissen, dass ich in einer guten Stunde zuhause sein werde. Jedenfalls, wenn die S-Bahn keine Verspätung hat, und die Haltestellenansagen im anschließenden Bus funktionieren.
Da ich erst mal zehn Minuten mit der U-Bahn fahren werde, setze ich mein Headset, um bei einem Hörbuch ein bisschen zu entspannen.
Ich bin keine Minute in der Bahn, als ich von einer Stimme aus meinen Gedanken geholt werde. Eine Dame fragt: „Darf ich Sie was Fragen?“ Hm, hat sie ja schon. Und obwohl ich weiß was gleich kommen wird, will ich einfach daran glauben, dass sie nur eine Fahrplanauskunft oder so haben möchte. Also schaue ich sie an, und schenke ihr meine Aufmerksamkeit. Und da kommt sie, die Frage aller Fragen: „Sind sie schon immer blind?“ „Ja, bin ich“, antworte ich, und möchte eigentlich nicht hier sein. Und da kommt sie schon, die nächste aller Fragen: „Kann man da nichts machen?“ „Nee, ich bin freiwillig blind, weil es gerade Modern ist eine Behinderung zu haben“, möchte ich am liebsten antworten. Aber das verbietet mir meine gute Erziehung, und gibt mir eine höfliche Antwort vor. Dann kommen die üblichen Bezeugungen von Bewunderung dafür, wie gut ich mein Leben meistere, gefolgt von der Erzählung, dass sie einen Verwandten, Bekannten, Nachbarn oder sonst wen hat, der nicht gut sehen kann, eine Brille trägt, oder von seinem sehenden Partner umsorgt wird. Ich bewundere mich jetzt auch gerade. Nämlich dafür, dass ich höflich bleibe, ihr aktiv zuhöre, und mich beim Aussteigen aus der U-Bahn mit einem Lächeln verabschiede. Wenn es diese Auszeichnung gäbe, hätte sie sich auf jeden Fall für die Nervensäge des Jahres qualifiziert.
Ich bin ein Mensch, der gern aufklärt, der viel Zeit damit verbringt die Fragen nicht blinder Personen zu beantworten, und der das gern tut. Aber auch bei mir gibt es Tage, die meine ganze Kraft fordern. Tage, an denen ich nicht zum zehnten Mal erklären möchte, dass ich ein selbstbestimmtes Leben mit Familie führe. Und ich möchte nicht ständig diese Frage „Kann man da nichts machen“ beantworten.
Liebe Menschen ohne Sehbehinderung! Stellt Euch vor, mein Leben spielt sich nicht ausschließlich rund um meine Sehbehinderung ab. Diese ist eine Eigenschaft von ganz vielen anderen Eigenschaften. Und genauso vielfältig sind meine Interessen. Ich möchte also nicht ausschließlich meine Sehbehinderung zum Gesprächsthema machen, sondern gern auch alle anderen Themen, die mich und meine Gesprächspartner interessieren. Man kann sich mit mir ebenso über Katzen, Strickmuster, Kochrezepte oder über das nächste Urlaubsziel unterhalten. Und wenn es darum geht sich über leer gekaufte Regale im Supermarkt meines Vertrauens zu wundern, oder über das aktuelle Weltgeschehen zu diskutieren, dann bin ich ebenfalls gern dabei.

So, und jetzt seid ihr dran. Welche Themen nerven Euch, wenn fremde Personen Euch ansprechen? Schreibt sie in die Kommentare.

Auffindbarkeit und Orientierung

Lydia steht an einer Bushaltestelle

Während ein sehender Mensch viele Dinge mit einem Blick erfassen kann, braucht es ein paar Griffe in die Trickkiste, um sich diese blind zu erschließen. Dabei spielen Restsehen, Mobilität und die Kreativität des Einzelnen eine entscheidende Rolle.
Einen Weg erschließe ich mir dadurch, dass ich mir Merkmale suche, an denen ich mich orientieren kann. Das kann eine Einfahrt, eine Absperrung, ein Verteilerkasten oder auch ein feststehender Müllbehälter sein. Das sind markante Punkte, also Merkmale, die ihren Standort nicht verändern. Die meisten dieser Punkte befinden sich nicht in der Mitte eines Bürgersteigs, sondern eher am Wegesrand. Daher laufe ich gern dort entlang, wenn ich auf der Suche nach meinem nächsten Orientierungsmerkmal bin. Wenn ich dann in regelmäßigen Abständen mit dem Stock eine Pendelbewegung gegen eine Hauswand mache, erschrecke ich so manchen entgegenkommenden Passanten. Dabei mache ich das ebenfalls zur Orientierung. Mauerwerk klingt je nach Beschaffenheit unterschiedlich. Und manchmal brauche ich dieses Geräusch, um zwischen zwei Zäunen einen Eingang wiederzufinden. Was ich dabei überhaupt nicht brauchen kann, sind Fahrräder oder andere Kleinfahrzeuge, die jemand einfach mal so an der Hauswand oder an einem Laternenpfahl abgestellt hat. Erst recht nicht, wenn der Fahrradlenker hervorsteht. Dann ist er über der Höhe, die ich mit dem Blindenstock abdecken kann.
Das Thema Auffindbarkeit spielt auch im öffentlichen Nahverkehr eine große Rolle. Möchte ich mit dem Bus fahren, dann muss ich erst mal die Haltestelle finden. Da ich die Markierung der Halteposition nicht sehen kann, stelle ich mich möglichst an das Haltestellenschild, und hoffe, dass der Bus so hält, dass ich den Fahrer direkt nach der Buslinie fragen kann. Problematisch wird es, wenn besagtes Schild irgendwo steht, und ich das nicht weiß. Dann haben wir die Szenerie, dass der Bus hält, und ich in möglichst kurzer Zeit die vordere Tür finden muss. Die brauche ich, um den Fahrer nach der Buslinie zu fragen. Das ist besonders dann nervig, wenn auf dem Weg dorthin Fahrräder, Bäume und andere unliebsame Überraschungen direkt an der Straße stehen, die ich erst dann wahrnehme, wenn ich mit dem Stock gegen sie komme. Die Erfahrung zeigt, dass ich besonders schnell sein muss, da ich nie weiß, ob der Fahrer mich als potentiellen Fahrgast wahrgenommen hat, oder mich für eine Spaziergängerin hält. Dieser Zeitdruck erzeugt Stress. Daher suche ich mir am liebsten Wege aus, die ich kenne, und deren Hindernisse mir geläufig sind.
Kürzlich fragte ich einen Busfahrer nach der Nummer der Buslinie. Ich bekam erst mal keine Antwort, und musste meine Frage mehrfach wiederholen. Danach gab es eine Diskussion mit dem Fahrer. Dieser bestand darauf, dass ich ihm sage wohin ich will, und er dann ja oder nein sagte. Das möchte ich nicht, da ich schon schlechte Erfahrungen damit gemacht habe. Ich möchte die Buslinie oder das Endziel hören. Nur das garantiert mir, dass ich tatsächlich im richtigen Bus sitze.

Zur Auffindbarkeit gehören für mich auch die akustischen Ansagen der Haltestellen. Eine Strecke, die ich gut kenne, kann ich mit etwas mehr Konzentration selbst bewältigen. Das funktioniert jedoch nur bei exakter Kenntnis des Streckenverlaufs. Natürlich könnte man auch dem Busfahrer Bescheid sagen. Aber auch da habe ich schon die Erfahrung machen müssen, dass ich vergessen wurde. Schließlich sind das auch nur Menschen, und ich bin nicht der einzige Fahrgast, mit dem sie sich beschäftigen.

So, das waren ein paar Beispiele, die gern in den Kommentaren ergänzt werden dürfen.

Busstreik – Blinde bleiben auf der Strecke

Lydia steht an einer Bushaltestelle

Als im vergangenen Monat die Busfahrer streikten, habe ich immer wieder feststellen müssen, dass kaum etwas über die Situation von Menschen mit Behinderung, speziell mit Sehbehinderung zu lesen war. Gerade auf Facebook musste ich mir von Streikbefürwortern anhören, dass ich mich doch solidarisch mit den Busfahrern zu zeigen habe. Nun, es geht hier nicht allein um mich, sondern um die Menschen, die ihre feste Strecke laufen, die für sie erst mal alternativlos ist. Vielleicht könnten die Streikverantwortlichen mal an eine Lösung für diesen Personenkreis arbeiten.

Mein Gastautor Wilhelm Gerike hat mir pünktlich zum Jahresende einen Gastbeitrag zu diesem Thema geschrieben.

Streiks kann ich nicht leiden

„Es ist 6:30 Uhr“, weckt mich mein Lieblingsradiosender, „heute wird gestreikt“. Und das betrifft nicht etwa das Finanzamt, sondern die Busse, mit denen ich täglich fahre. So gilt es, möglichst schnell einen fahrbaren Untersatz zur Arbeit zu organisieren. Bei den Taxizentralen komme ich entweder gar nicht durch oder mir wird gesagt, dass man bis etwa 9:30 Uhr keinen Wagen bekommt. Also erst einmal auf der Arbeit anrufen: Hallo, ich komme heute streikbedingt etwas später, tut mir Leid. Kurz bevor ich mir überlege, ob ich nicht doch einmal einen Krimi schreibe, in dem ich den Rädelsführern die zehn grausamsten Todesarten angedeihen lasse, klingelt das Telefon. „Wie kommst Du denn heute zur Arbeit?“ fragt mich meine gut gelaunte Bekannte. „Ich gehe runter in den Keller und packe den fliegenden Teppich aus“, kommt es von mir lakonisch zurück. „Nun komm mal runter, wir nehmen Dich mit.“ Mir fällt eine Geröllhalde vom Herzen und ich komme doch noch einigermaßen pünktlich bei der Arbeit an.
Der Rückweg lässt sich etwas unaufgeregter organisieren: Ich kann rechtzeitig ein Taxi vorbestellen. Und morgen sollen die Busse ja wieder fahren, sagt mein Lieblingsradiosender.
Was sich hier anhört, wie eine Kabarettklamotte, ist in Wahrheit ziemlich bitter: Am Tag nach dem Warnstreik liest man viel von Schülerinnen und Schülern in der Zeitung, die sich zum Teil über Kilometer mit dem schweren Schulranzen auf dem Rücken durch den Regen in die Schule quälten. Von mir und meinesgleichen – blind und Arbeitnehmer – liest man hingegen nichts. Ich kann mich nicht irgendwo hinstellen und den Daumen raushalten. Während des letzten längeren Streiks der Busfahrer nahm mich ein Kumpel mit dem Taxi mit. Dadurch war ich zwar viel zu früh bei der Arbeit, hatte aber keinen größeren Stress.
Meine Frau (hochgradig sehbehindert) erzählt vom großen Streik 1992, als rund vier Wochen nicht nur Bahnen und Busse, sondern auch die Müllwagen stehen blieben. „Ich habe mir damals ein großes Schild gemalt, dass ich zur Uni fahren will. Außerdem haben viele Autofahrer einen roten Punkt an der Windschutzscheibe gehabt. Der sollte anzeigen, dass sie Leute mitnehmen.“ Dieser Streik war für mich in erster Linie teuer. Doch das Blindengeld ließ mich eher weich fallen. Wer so eine Unterstützung nicht hat, ist ein echter Verlierer solcher Streikmaßnahmen.
Der Streik ist ein grundgesetzlich geschütztes Recht der Arbeitnehmer, Ihre Interessen gegenüber dem Arbeitgeber durchzusetzen. Das musste auch die Deutsche Bahn erfahren, als sie versuchte, die Streiks der Lokführergewerkschaft zu verbieten. Trotz einer miserablen Pressearbeit gelang es den Lokführern, zwischen Herbst 2014 bis Ende 2015 die Sympathie der meisten befragten Bundesbürger auf ihre Seite zu ziehen. Ich bekenne, dass ich nicht zur großen Mehrheit gehörte: Für mich sind solche Streikmaßnahmen ein massiver Eingriff in meine Lebensführung. Ich habe nicht die Alternative, für eine Strecke von A nach B ein Auto zu benutzen.
Ich träume davon, einmal auf einer Streikversammlung das Mikrofon in die Hand zu nehmen. Folgendes würde ich den Streikenden gern sagen: „Kolleginnen und Kollegen, wir blinden und sehbehinderten stehen unverbrüchlich hinter Euren Forderungen. Doch leider fahren Eure Arbeitgeber geschlossen mit dem Auto, sind also vom Streik persönlich nicht betroffen. Dagegen erwischt es unsereins richtig hart. Soll denn die Hochzeit meiner besten Schulfreundin wirklich ohne mich stattfinden, obwohl ich Trauzeuge bin? Wie kann ich zum nächsten Supermarkt kommen, ohne dass der Bus fährt, auf Wegen, die ich nicht kenne? Überlegt Euch doch einmal, in Wellen zu streiken, getreu dem Motto heute hier, morgen dort. Ein Dichter hat mal gesagt: Auch kleine Nadelstiche tun auf die Dauer weh.“

Ich danke Willi für seine offenen Worte. Er hat bereits die Beiträge blind Fernsehen oder ins Kino gehen und Geräuschumgebung, zu laut oder zu leise für mich geschrieben.

Jetzt freue ich mich über einen guten Meinungsaustausch in den Kommentaren.

4 wirksame Tipps einen Blinden zu stressen – Teil 2

Lydia mit Stock auf einer Treppe aufwärts

Heute löse ich ein Versprechen ein, welches ich einigen Lesern gegeben habe. Nämlich einen Folgebeitrag zu Vier wirksame Tipps einen Blinden zu stressen zu schreiben. Diesen hatte ich im April dieses Jahres verfasst, und damit für eine Mischung aus Erheiterung und Empörung gesorgt. Dazu habe ich die Inputs gesammelt, die mir von anderen blinden Lesern als Ergänzung zugeschickt wurden. Vielen Dank für Eure Beiträge, von denen ich die Highlights ausgewählt habe.

Blinde Personen zu stressen ist an sich ganz einfach. In diesem Beitrag verrate ich Ihnen einige Tricks, die todsicher wirken, und ihnen mit ein bisschen Übung und Einfallsreichtum nicht langweilig werden.
Sie wollten schon immer wissen, ob Blinde Stimmen gut erkennen können. Das finden Sie am besten raus, wenn Sie einem über die Straße helfen, und diesem Wochen später bei einer erneuten Begegnung die Frage stellen: „Wissen Sie noch wer ich bin?“ Wiederholen Sie diese Frage ruhig ein paar Mal, und sprechen dabei mit immer lauterer Stimme. Sätze wie „Ich habe Ihnen mal geholfen“, oder „Wir haben uns mal vor einem Jahr in der U-Bahn getroffen“ verleihen dem Gespräch dabei etwas Farbe. Weisen Sie den Blinden unbedingt darauf hin, dass Blinde so ein tolles Stimmengedächtnis haben, und bringen Sie Ihre Verwunderung zum Ausdruck, wenn Sie nicht erkannt werden.
Sie sind Taxifahrer, oder haben den Blinden zufällig mal mit dem Auto gefahren? Prima. Halten Sie in der Nähe des Fahrziels, und schmeißen Sie den Blinden raus. Geben Sie Anweisungen wie „da vorne ist es“ oder wünschen dem Blinden einen schönen Tag. Alternativ dürfen Sie auch Richtungsanweisungen aus dem Auto brüllen. Das garantiert Ihnen ein breites Publikum. Vergessen Sie dabei nicht jedes noch so kleine Hindernis, dass der blinde berührt lautstark mit einem Vorsicht zu kommentieren.
Begegnet Ihnen ein Blinder auf der Straße, dann zögern Sie nicht mit Ihrer Hilfe. Nehmen sie den Blinden am Arm, und schieben Sie ihn in die richtige Richtung. Sollte er sich zur Wehr setzen, dann sprechen Sie mit ihm. Sagen Sie zum Beispiel „Ich helfe Ihnen jetzt“. Lassen Sie sich auf keinen Fall dadurch irritieren, dass er Ihre Hilfe ablehnt, oder sich über die unerwartete Berührung beschwert. Halten sie Kontakt mit dem Blinden, und kommentieren Sie jedes noch so kleine Hindernis, welches er mit dem Stock berührt. Fragen sie den Blinden, ob man da noch was machen kann. Gehören Sie einer aktiven Glaubensgemeinschaft an, dann laden Sie ihn zu einem gemeinsamen Gebet ein, auf dass er Heilung findet.
Sie sind Busfahrer. Prima, dann gibt es auch für Sie die richtigen Ansätze. Sehen Sie einen Blinden am Haltestellenschild stehen, dann fahren Sie so weit wie möglich nach vorne. Der Blinde wird dem Bus hinterher laufen. Wenn er Sie nach der Buslinie fragt reicht es, wenn Sie einfach nur „Einsteigen“ sagen. Wiederholt er die Frage, dann antworten Sie unbedingt mit der Gegenfrage nach dem Fahrziel. Bestehen Sie darauf dieses zuerst genannt zu bekommen. Schalten Sie die Haltestellenansagen aus. Beschwert der Blinde sich, dann ignorieren sie das, oder sagen „Brauchen Sie nicht. Ich sage Bescheid“.

Und wie immer handelt es sich bei dieser Auflistung nur um Ideen und Vorschläge.
Besonders bedanke ich mich bei Anja von die Kellerbande, die sich von mir zum Beitrag Wirksame Tipps, um Eltern zu stressen inspirieren ließ. Sollte jemand diesem Beispiel folgen, dann freue ich mich über eine entsprechende Verlinkung und einen entsprechenden Hinweis in den Kommentaren.

Ich höre Eure Blicke nicht

Jennifer Sonntag

Ich habe noch nie Gesichter erkennen können. Damit sind mir auch Gesichtsausdrücke fremd. So wie mir geht es vielen geburtsblinden Menschen. Wir müssen mühsam erlernen was ein Lächeln oder ein grimmiger Gesichtsausdruck bedeutet. Ebenso verhält es sich mit Gesten, da wir diese nicht abschauen können.
Vor ein paar Wochen flatterte mir der Beitrag einer Gastautorin ins Postfach, der dieses Thema behandelt.

Sehende nicht imitieren

Mit dem Thema Mimik und Gestik wurde ich wohl am häufigsten in meiner Fernseharbeit konfrontiert. Ausgerechnet als blinde Frau ein stark visuell angelegtes Format zu bedienen, obwohl ich visuelle Impulse selbst nicht wahrnehmen kann, erfordert sensible Kommunikationsantennen.
Meine prominenten Gäste waren oft Schauspieler oder medien- und kameraerprobte Persönlichkeiten. Sie sind es gewohnt, dass ihr Gegenüber ihre Mimik und Gestik optisch auffängt. Das vermittelt ihnen Sicherheit. Ich spürte es, wenn ein Gesprächsgast nicht wusste, wo er im Kontakt mit mir hinschauen sollte, den Blick hilfesuchend an mir vorbei schweifen ließ, jenen Blick, den ich nicht auffangen, nicht spiegeln konnte. Ich versuchte mit Worten, meiner tragenden Stimme, meiner Körpersprache, die die Richtung zum Gegenüber suchte, diese Sicherheit zu vermitteln.
Bei Fotoarbeiten oder ausgedehnten Dreharbeiten innerhalb meiner Öffentlichkeitsarbeit strengt es mich sehr an, lange einen bestimmten Punkt zu fixieren, mit Augen oder Gesicht zu arbeiten. Meine Augen driften dann ab oder wollen zufallen. Ich muss sie entspannen, sonst bekomme ich starke Kopfschmerzen, alles flimmert und dreht sich. Ich musste erst lernen, diese Grenzen auch zu kommunizieren, denn sehende Menschen können sich nicht vorstellen, welche Bedürfnisse blinde Augen haben und wieviel Konzentration sie das Fixieren einer für sie unsichtbaren Situation kostet.
Ich wurde oft „bewundert“ für mein unblindes Aussehen, finde es aber anstrengend, mir aus diesen Gründen Mimik und Gestik aufzusetzen. Aus meiner Sicht sollten wir blinden Menschen nicht versuchen, sehende zu imitieren, sondern unsere Attribute immer auch ein bisschen als Markenzeichen zu betrachten.

Irritierende Situationen im Alltag gibt es viele. Bei Männern zum Beispiel galt ich oft als unnahbar und unterkühlt, weil ich ebenso schaute, wie ich schaute. Das hatte mit meinem zunehmenden Tunnelblick zu tun. Hände, die mir gereicht wurden, habe ich bei Begrüßungen regelmäßig unfreiwillig ignoriert. An der Kasse in der Kaufhalle bekam ich zu hören: „Ach, Madame träumt im Stehen!“, weil ich in der Schlange nicht weitergerückt bin. Das sah ich ja nicht, und es war zu einem Zeitpunkt, zu dem ich die Augen schon manchmal aus Überforderung schloss. Den Stock übersah die Dame, die mich da angezickt hatte.
Einmal fühlte sich auch ein Typ in einem Fast-Food-Restaurant von mir beim Essen angestarrt, weil er glaubte, dass ich ihn im Spiegel beobachtete. Ich wusste nicht, dass an der Wand neben mir ein Spiegel war und schaute extra zur Wand, um nicht zum Nachbartisch zu starren. Die Situation klärte sich erst auf, als mein sehender Partner zum Tisch zurückkehrte. Obwohl ich mit meinem Führhund immer mit Führgeschirr unterwegs bin, wenn ich ohne Begleitperson gehe, verstehen zum Beispiel andere Hundebesitzer oft nicht, dass sie verbalisieren müssen, dass sie mit einem anderen Hund kommen oder am Straßenrand stehen. Sie sind Mimik und Gestik unter Hundebesitzern schon auf Entfernung gewöhnt. Ich erschrecke dann manchmal sehr, wenn plötzlich ein kläffender Hund in uns hineinläuft. Mein Credo: Reden hilft!

Jennifer Sonntag ist blinde TV-Moderatorin bei MDR-Selbstbestimmt. Über ihre Arbeit als Sozialpädagogin, Inklusionsbotschafterin und Buchautorin könnt Ihr Euch auf ihrer Seite blind verstehen informieren.

Wie erlebt ihr das Thema Mimik und Gestik bei euch oder anderen Menschen, vielleicht auch geprägt durch eine Behinderung?