Nähkurs, Kunst und Shopping – Mode jenseits des Sehens

Mode, Lifestyle und Fashion leben normalerweise durch visuelle Wahrnehmung. Doch wie verhält es sich bei nicht sehenden Personen?

Mode hatte immer irgendwas mit Kleidung zu tun. Soweit, so gut. Und lange Zeit war dieses Gebiet für mich absolut verschlossen.

Zur Erklärung. Ich verfüge über einen Sehrest von ca. 2 %. Ich bin somit dem Gesetz nach blind.

Meine Augenerkrankung bringt es mit sich, dass ich keine Farben als solche wahrnehmen kann, sondern lediglich Grautöne. Für mich ist also eine Sache hell, heller als etwas anderes, oder einfach nur dunkel. Ich kann sehen, wenn ein Kleidungsstück gestreift, gemustert oder einfarbig ist. Und je nach Kontrast erkenne ich auch noch das grobe Muster.

Alles was irgendwie mit Farben zu tun hat, kann ich somit nicht wahrnehmen. Farben sind für mich optische Ereignisse, die ich nicht wahrnehme. Da diese aber im Laufe eines Lebens unter normal sehenden Menschen immer mehr an Wichtigkeit zunehmen, je älter man wird, habe ich versucht Farben wie Vokabeln zu erlernen. Ich habe gelernt, dass meine Haare schwarz sind, dass meine Hautfarbe etwas braun ist, und dass ich den Kaffee gern Haselnuss braun trinke, wenn mich jemand nach der Menge Milch in der Tasse fragt. Es gehörte für mich somit zu einer Art Allgemeinbildung.

Fasse ich einen Stoff an, so ist für mich vor allem wichtig, wie dieser sich anfühlt. Ich mag weiche Stoffe. Und ich mag bestimmte Schnitte. Ein Kleidungsstück muss sich für mich einfach beim Tragen gut anfühlen, damit ich es behalten möchte. Die Farbe ist wichtig, wenn ich mich damit in freier Wildbahn bewegen möchte. Und hier kommt die optische Kontrolle, die mir Auskunft darüber gibt, ob das Kleidungsstück an mir gut aussieht.

Kleiderkauf ist stets Geschmacksache. Dementsprechend ist auch die Beratung. Ich habe inzwischen gelernt, dass ich in Geschäfte gehe, wo man mich schon mal gut beraten hat, oder ich nehme mir eine Person meines Vertrauens mit. Denn es ist mir wichtig, dass mein Kleidungsstil nicht negativ auffällt. Und da ich nun mal die Optik, die unter sehenden Menschen eine entscheidende Rolle spielt, nicht kontrollieren kann, lasse ich mir da gern helfen. Einkauf von Kleidung ist somit ein steter Kompromiss. Zum einen muss es optisch zu mir passen, zum zweiten muss ich mich aber auch darin wohl fühlen.
Ein Mythos besagt, dass Menschen mit einer Sehbehinderung stets die Ladenhüter verkauft bekommen, weil sie es nicht sehen. Und in Einzelfällen mag das auch so sein. Schwarze Schafe gibt es schließlich überall. Dazu kommt, dass es auch blinde Menschen gibt, die wie manche Sehende auch, nicht auf ihr Äußeres achten, und sich auch nicht durch Freunde oder andere Personen beraten lassen möchten. Und wieder andere sind stets stylisch gekleidet. Und irgendwo dazwischen bewege ich mich.
In der Zeit vom 11.10.2017  bis 12.10.2017 nahm ich am Projekt BEYOND SEEING INNOVATIVES MODEDESIGN MIT ALLEN SINNEN teil.
Hierbei handelt es sich um ein

RECHERCHE- UND AUSSTELLUNGSPROJEKT DES GOETHE-INSTITUTS PARIS

IN Zusammenarbeit mit:

ESMOD, BERLIN

IFM – INSTITUT FRANCAIS DE LA MODE, PARIS

LA CAMBRE, BRÜSSEL

SWEDISH SCHOOL OF TEXTILES, BORÅS

HOCHSCHULE WISMAR, WISMAR

SOWIE DEN BLINDEN- UND SEHBEHINDERTENVERBÄNDEN ALLER an diesem Projekt BETEILIGTEN Länder.

Bereits Im Oktober 2016 initiierte das Goethe-Institut Paris in Zusammenarbeit mit vier renommierten Modehochschulen aus Deutschland, Frankreich, Schweden und Belgien das Recherche- und  Ausstellungsprojekt Projekt BEYOND SEEING. Im Rahmen von internationalen Recherche-Workshops, einer Ausstellung und einem diskursiven Begleitprogramm zielt das Projekt darauf ab, Mode in einem Zusammenspiel von Sinneswahrnehmungen über den visuellen Reiz hinaus wahrnehmbar zu machen. Bislang nicht miteinander in Berührung gekommene Zielgruppen – Designstudierende, blinde und sehbehinderte Teilnehmer sowie Experten verschiedenster künstlerischer  Disziplinen – werden erstmalig zusammengebracht, um gemeinsam innovative Designkonzepte zu entwickeln.

Mehr über das Projekt beim Goethe Institut gibt es hier.

Für unsere Veranstaltung suchte man unter anderen zwei Blogger aus Deutschland mit und ohne Sehbehinderung. Außerdem wurden zwei weitere Blogger aus Frankreich und Belgien eingeladen. Wir sollten an einem entsprechenden Programm teilnehmen und über unsere Erfahrungen aus unserer jeweiligen Perspektive schreiben.

Auf dem Programm standen ein Nähworkshop, eine gemeinsame Diskussionsrunde, ein Besuch in der Berlinischen Galerie und eine gemeinsame Shoppingtour.

Da meine Anreise recht lang war, reiste ich bereits am 10.10.2017 nach Berlin. Begleitet wurde ich von meiner Tochter, die gerade Herbstferien hatte. Wir Bloggerinnen wurden in der Regenbogenfabrik untergebracht. Somit musste ich mich nicht mehr um eine Zimmerreservierung kümmern.
Treffpunkt war um 12:30 Uhr an der Rezeption der Regenbogenfabrik.
Dabei waren: Typhaine Augusto, sehende Bloggerin aus Frankreich, Pauline Debouck, sehbehinderte Bloggerin aus Belgien, Sonja Köllinger, sehende Bloggerin aus Deutschland, Katharina Scriba und Timo Unger vom Goetheinstitut in Paris und Reiner Delgado vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband.

Nachdem wir uns miteinander bekannt gemacht hatten, ging es auch schon zu unserem ersten Programmpunkt.

In einem Atelier trafen wir Reiner Delgado vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband, einen der Organisatoren des Nähkurses, und einige blinde und sehbehinderte Teilnehmer des Nähworkshops. Die Professoren von ESMOD Torbjörn Uldam und Jasmina Benferat und ihre Helfer Maxi und Verena standen uns mit Rat und Hilfe zur Seite.
Reiner erklärte uns die Aufgabenstellung, die da lautete aus drei Quadraten eine Stofftasche zu fertigen. Ein entsprechendes Muster wurde rumgegeben. Außerdem gab es eine Kurzanleitung in gedruckter Schrift und Braille, so dass jeder Teilnehmer die für ihn geeignete Form auswählen konnte.

Wir Bloggerinnen sollten uns zu zweit zusammentun, nämlich eine sehende und eine blinde Bloggerin.
Sonja und ich saßen zusammen, und waren in der ersten Stunde ausschließlich damit beschäftigt die drei Quadrate aus dem Stoff zu schneiden. Sonja maß aus und zeichnete die ersten Schnittlinien an. Dann fixierten wir diese mit einem waagerechten Ding so, dass man mit der Schere am Stoff entlang schneiden konnte. Da das bei uns nicht wirklich funktionieren wollte, Fixierte Sonja den Stoff, während ich mit der Schere an der Kante entlang schnitt. Später lernte ich den Cutter kennen.

Lydia mit Cutter in der Hand
Lydia mit Cutter in der Hand
Er funktioniert wie ein Pizzaschneider. Eine Schneidematte zum Schutz des Tisches drunter gelegt, und schon konnte es losgehen. Das Gerät ist scharf und schneidet präzise. Und es geht schneller als das Schneiden mit der Schere.

Nun ging es darum von zwei der drei Quadrate zwei Kanten zu knicken und mit Stecknadeln zu befestigen. Diese sollten später umgenäht werden. damit die Kannte auch den Kräften einer Nähmaschine stand hielt, wurden die Kannten mit einem Bügeleisen gebügelt. Damit entstand eine präzise Kante, die man sehr gut erfühlen konnte.
Jetzt ging es an die Nähmaschine. Für mich war es das erste Mal, dass ich ein solches Gerät von Nahem fühlte.

Lydia mit Helferin an der Nähmaschine
Lydia mit Helferin an der Nähmaschine
Dementsprechend groß war mein Respekt davor. Meine Helferin wies mich in die Bedienung der Nähmaschine ein. Sie zeigte mir wo der Stoff liegen musste, welche Schalter ich betätigen musste, um Stoff und Nadel zu bewegen, und wie man den Stoff richtig hält. Es funktionierte erstaunlich gut, so dass ich mir gut vorstellen könnte das in Ruhe noch mal auszuprobieren. Wenn sich das ergibt, werde ich auf meinem Blog darüber berichten.

Nach dem Nähworkshop gingen alle Teilnehmer gemeinsam in ein nahegelegenes Restaurant, wo wir außer gutem Essen ausreichend Gelegenheit hatten über das Projekt und unsere Erfahrungen zu sprechen. Mein Problem war mein nur mäßiges Englisch. Ich verstehe das Meiste irgendwie, tue mich aber schwer damit Dinge auf Englisch zu formulieren. Aber da musste ich durch. Und unsere Organisatoren halfen hier auch mal als Übersetzer aus.

Nach einem Frühstück im Hostel ging es am nächsten Morgen in Richtung Berlinische Galerie. Reiner führte uns durch die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem DBSV für blinde und sehbehinderte Besucher etwas verändert wurde. Z. B. befanden sich Leitstreifen am Boden, die mit dem Blindenstock oder den Füßen ertastet werden können. Außerdem hatte man einigen Gemälden tastbare Reliefs beigefügt, die Reiner uns erklärte.

berlinische galerie lydia vor bild von eugen spiro und tastbild
berlinische galerie lydia vor bild von eugen spiro und tastbild
Unsere sehenden Teilnehmer konnten sich eine Augenbinde aufsetzen, und sowohl Leitstreifen, als auch Bilder ertasten. Mit Hilfe einer App, die sich noch im Betatest befindet, soll es möglich sein sich blind allein durch die Ausstellung zu bewegen, und die Informationen, die sonst nur sichtbar sind, akustisch abzurufen.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen stand Shopping an. Wir besuchten einen Second Hand Shop.

Blick in den Second Hand Shop sichtbar sind viele Klamotten
Blick in den Second Hand Shop sichtbar sind viele Klamotten
Zuerst sollte sich jeder ca. 10 Minuten alleine im Geschäft bewegen, und sich einen Überblick verschaffen. Anschließend sollten eine sehende und eine blinde Bloggerin gemeinsam auf Schnäppchensuche gehen.
In mir unbekannten Geschäften fehlt mir die Orientierung, um mir einen Überblick zu verschaffen. Die einzige Option mich alleine zu orientieren ist systematisch durch die Reihen der Kleiderständer und Regale zu gehen. das erklärte ich Katharina, die  mit mir durch das Geschäft ging, und mir die grobe Struktur erklärte. Anschließend taten wir uns zu zweit zusammen. Sonja und ich zogen gemeinsam los. Wir hatten ein kleines Budget für den Kleiderkauf bekommen.
Shoppen ist für mich meist eine Notwendigkeit. Ich kann nur selten Genuss dabei empfinden. Daher hatte ich auch keine Erwartungshaltung. Sonja und ich waren noch nie miteinander shoppen, und wir kannten uns gerade mal einen Tag lang.
Für mich fanden wir einen Rock und ein Oberteil, welches sich für mich schön anfühlte, und von Sonja als zu mir passend beurteilt wurde.

Timo brachte uns Bloggerinnen zu unserer Unterkunft zurück, wo es dann endgültig Abschied nehmen hieß. Ich denke, dass das ein guter Erfahrungsaustausch war, und freue mich schon jetzt auf die Fortsetzung in Paris.

Wenn der Bus wo anders hält

Wenn der Bus nicht an der vorgeschriebenen Haltestelle hält, hat das für blinde Fahrgäste auch mal unerfreuliche Folgen. Hier erkläre ich warum das so ist, und welche Lösungen es gibt.

Das Beitragsbild zeigt mich neben dem Schild einer Bushaltestelle.

Neu-Isenburg, Bushaltestelle Herzogstraße.
Es ist fast 19:00 Uhr, als ich dort ankomme. Außerdem regnet es. Zwei Gründe, warum hier kaum jemand steht. Außerdem verändert der Regen die Akustik so sehr, dass ich die Geräusche anders wahrnehme. Insgesamt ist es sehr laut, da momentan ziemlich zäher Verkehr auf der Straße herrscht. Vermutlich wird mein Bus einige Minuten Verspätung haben.

Ich habe mich neben das Bushaltestellenschild positioniert. Das ist für mich ein markanter Punkt. Damit verbinde ich auch die Hoffnung, dass ich schnell genug an die vordere Tür eines haltenden Busses gelangen kann. Denn die brauche ich, um den Busfahrer nach der Linie zu fragen. Schließlich halten hier vier Linien mit unterschiedlichen Fahrzielen.
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Wie transportiert man Blinde im Auto?

Wer noch nie einen blinden Fahrgast im Auto hatte, fragt sich ob und was er dabei beachten sollte. Hier ein paar Anregungen.

Das Foto zeigt mich auf dem Beifahrersitz eines Autos mit geöffneter Tür.

Ich möchte in ein paar Tagen zu einer Veranstaltung fahren, die mich sehr interessiert. Eine Bekannte, die auch dort hin will, hat mir angeboten mich mit dem Auto mitzunehmen. Und ich habe das Angebot angenommen, da es mit öffentlichen Verkehrsmitteln einer Weltreise mit Ganztagscharakter gleicht. Mit dem Auto sind es vielleicht 20 Minuten.
Als wir uns kurz vorher zusammentelefonieren, um die letzten Absprachen zu treffen, kommt die leicht verlegene Frage von ihr, mit der ich absolut nicht rechne. Sie sagt, dass sie noch nie einen Blinden im Auto hatte. Und jetzt möchte sie von mir wissen, worauf sie zu achten habe, wenn sie einen Blinden transportiert.

Wie stellt man sich am besten hin?
Nun, am besten stellt man das Auto so hin, dass die Tür, durch welche der Blinde einsteigt, gut zugänglich ist. Also das, was man generell tun sollte. Da der Blinde das Auto nicht sieht, ist die Information hilfreich, wo das Auto steht. Man kann das beschreiben. „Das Auto steht quer vor Dir“ oder „Der Wagen steht direkt hinter Dir“. Oder man legt die Hand des Blinden darauf. Das empfinde ich vor allem dann hilfreich, wenn mehrere Autos zur Auswahl stehen. Auch ich wollte schon mal in das falsche Auto einsteigen und habe mich gewundert, warum die Tür sich nicht öffnen ließ.

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Wie arbeitet ein Blinder am iPhone

Ich stelle einige Lösungen für das blind arbeiten am Iphone vor.

Technik für unterwegs.

Das Foto zeigt mich auf einer Bank in einem Kaffee. Neben mir ist ein Rucksack zu sehen. Auf dem Tisch vor mir stehen ein IPhone und davor eine Tastatur. Daneben eine Tasse Kaffee.

Ich bin mal wieder unterwegs und habe noch eine Stunde Zeit bis zu meinem nächsten Termin. Nach Hause gehen lohnt sich nicht. Wenn ich da bin, kann ich mich grad wieder auf den Weg machen. Da gefällt mir der Gedanke an das nächste Kaffee besser. Hier bekomme ich mein Lebenselixier in Form eines Cappuccino und kann ein paar wichtige E-Mails auf meinem Smartphone beantworten und Termine bearbeiten. Und wenn noch Zeit bleibt, dann kann ich noch an meinem neuen Artikel arbeiten. Zuhause komme ich ja doch nicht dazu.

Blind, Termin eintragen, Smartphone? Wie passt das zusammen?

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Auch Blinde haben mal schlechte Laune

Wenn übertriebene Fürsorge einen blinden Menschen in Gefahr bringt.

Es ist Sonntag und später Nachmittag. Am Abend findet eine Familienfeier statt, für die ich mich noch fertig machen muss. Am Nachmittag hatte ich ein Treffen in Friedberg, die SBahn habe ich nur bekommen, weil sie Verspätung hatte, und ohnehin bin ich eine Stunde später als ursprünglich geplant zuhause. Kurz, ich bin voll im Stress. Und weil im Linienbus mal wieder die Ansage der Haltestellen abgeschaltet war, bin ich auch noch zu weit gefahren. Gut, dass mir der weg vertraut ist.

Ich gehe sehr zügig meinen Weg. Plötzlich taucht in meinem eingeschränkten Blickfeld ein Mensch auf, der langsamer unterwegs ist als ich. Ich versuche zu überholen, geht aber nicht, da dieser Mensch in dieselbe Richtung ausweicht wie ich. Meine Bitte mir Platz zu machen wird entweder nicht gehört oder einfach ignoriert. Aber ich will jetzt hier vorbei! Also weiche ich auf den Fahrradweg aus. Plötzlich werde ich von einem Arm aufgehalten, der sich mir ausgebreitet in den Weg legt. Und das in Brusthöhe. Das tut ganz schön weh. Geht’s noch? Fast hätte ich mich auf die Nase gelegt. Und als ob das nicht ausreicht kommt die weibliche Stimme aus dem Hintergrund und mault mich an: „Machen Sie langsam, sie sehen doch nix“. Dabei krallt sich eine zweite Hand in meine Jacke.

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Nicht ohne meinen Stock

Der weiße Blindenstock ist aus meinem Leben nicht wegzudenken. Was ich genau damit mache, und in welchen Bereichen er mir hilft, beschreibe ich hier.

Auf dem ersten Bild binn ich mit meinem weißen Langstock zu sehen. Es zeigt die Haltung beim Laufen. Während der Stock nach links pendelt, geht der rechte Fuß nach vorne. Stößt der Stock auf kein Hindernis, pendele ich damit nach rechts, und ziehe den linken Fuß nach. Dabei bleibt die Hand in der Körpermitte. Der Stock hat eine Rollspitze. Damit lässt sich der Boden besser abtasten und ich muss ihn beim Pendeln nicht mehr anheben. Er rollt sozusagen über den Boden. Der Stock sichert meinen nächsten Schritt ab. Wenn ich also kein Hindernis ertasten kann, kann ich gefahrlos meinen Fuß dorthin setzen wo vorher der Stock war. Die Pendelbewegung verläuft in Schulterbreite. Mehr muss ich ja nicht absichern. Und je schneller ich laufe, desto schneller muss ich mit dem Stock pendeln.

Auf diese Weise lassen sich auch Bodenunebenheiten oder Treppen ausmachen. Ich nehme die Treppenstufen oft erst dann wahr, wenn sie unmittelbar vor mir sind. Für einen normalsehenden Beobachter sieht das so aus, als würde ich gleich hinfallen. Aber so ist es nicht.

Auf dem nächsten Foto sieht man mich beim Treppensteigen. Beim Hochlaufen halte ich den Stock hochkant. Und zwar so, dass er gegen die nächste Stufe schlägt. So kann ich fühlen und auch hören, ob noch eine weitere Stufe kommt. Pendelt der Stock ins Freie, dann war das die letzte Stufe.

Ein weiteres Foto Zeigt mich beim Abwärtslaufen. Auch hier halte ich den Stock etwas hochkant. Und zwar so, dass die Stockspitze etwa eine Stufe tiefer ist als ich. Setzt sie auf, so weiß ich, dass jetzt keine weitere Stufe mehr kommt.
Damit das zuverlässig funktioniert, braucht es eine lange Übungszeit. Es reicht nicht aus einem Blinden Menschen einen Stock in die Hand zu drücken und fertig.
Der weiße Langstock, oder auch Blindenstock, ist das internationale Kennzeichen für Blindheit. Ohne diesen Stock gehe ich nicht auf die Straße. Auch wenn ich mit einer sehenden Begleitung unterwegs bin, habe ich einen Stock dabei. Denn er garantiert mir ein bisschen Unabhängigkeit. Und diese ist für mich sehr wichtig. Denn wasist, wenn ich mal von meiner Begleitung getrennt werde? Was, wenn wir spontan entscheiden unterschiedliche Wege zu gehen?

Ich war 14 Jahre alt, als ich zum ersten Mal einen Blindenstock in die Hand bekam. Ein Mobilitätstrainer wies mich in den Umgang damit ein. Für mich war das ein absolut komisches Gefühl. Immerhin handelte es sich um einen Einteiler mit 125 cm Länge. Also nichts, was man mal eben zusammenklappen und in die Handtasche stecken konnte. Daher war es für mich absolut unvorstellbar mit dem Teil unterwegs zu sein. Und für mich bestand ja auch keine Notwendigkeit. In den Bereichen, in denen ich mich bewegte, kannte ich mich aus. Da musste ich mir keine Wege ertasten.

Klar, unsere Betreuer erklärten uns, dass wir uns aus versicherungsrechtlichen Gründen kennzeichnen müssten. Aber mitten in der Pubertät interessierte mich das überhaupt nicht. Das änderte sich erst, als ich einen Stock bekam, der aus vier Teilen bestand. Den konnte ich also auch mal zusammenklappen, wenn ich ihn nicht mehr brauchte. Inzwischen war ich 15 und zog in eine Wohngruppe um, die sich mitten in der Stadt befand. Also begann ich den Stock zumindest mal mitzunehmen. Das war aber auch schon das höchste an Zugeständnissen. Denn noch immer bewegte ich mich meist auf Wegen, die mir vertraut waren. Und wenn ich in den Ferien bei meiner Familie war, brauchte ich den Stock auch nicht. Da war ich nur selten allein draußen.

Das ganze änderte sich langsam, als ich mal wieder ein Training bekam. Diesmal hatte ich einen erfahrenen Trainer an meiner Seite, der mir zeigte wie ich meinen Sehrest und den Einsatz des Blindenstocks für mich optimal miteinander kombinieren konnte. Und ab da begann ich den Stock auch einzusetzen. Und nachdem ich erst mal eingesehen hatte, dass ich sogar Vorteile dadurch hatte, begann ich den Stock immer mehr einzusetzen, und nur dann wegzupacken, wenn ich mich auf dem Schulgelände oder in absolut vertrauter Umgebung befand. ‚Es dauerte recht lang. Aber irgendwann wurde der Stock mein ständiger Begleiter.

Heute ist es so, dass ich draußen die grobe Orientierung mit dem Sehen mache, die Feinheiten aber mit dem Stock ertaste. Denn ich kann nicht sehen wie der Boden aussieht. Auch Ampelpfosten oder Laternenpfähle sehe ich nur manchmal. Und Ampelpfosten küsst man nicht. Das tut bekanntlich weh.

Es gibt wenige Dinge, die meinem Stock entgehen. Das sind zum einen herabhängende Äste. Die nehme ich erst dann wahr, wenn ich dagegen gelaufen bin. Besonders unangenehm ist dies bei Regenwetter. Ein weiteres Ärgernis sind Hindernisse wie offene Ladeflächen von LKWs oder Schranken, die höher sind als der Bereich über meiner Hand.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch folgendes loswerden. Es kommt immer wieder vor, dass hilfsbereite Menschen einem beim Einsteigen oder beim Verlassen von Bus und Bahn helfen wollen. Menschen, die erst zugreifen, einen irgendwohin schieben oder aus dem Bus ziehen wollen. Oder noch besser den Blinden am Stock irgendwohin ziehen wollen. Das ist ein absolutes Nogo. Es schadet mehr als das es hilft. Fragt lieber nach ob und wie Ihr helfen könnt. Dann ist es auch wirklich hilfreich. Alles andere kann für den Blinden sogar gefährlich werden. Zum einen weil er sich erschreckt, und zum anderen weil man irgendwas falsch macht. Redet mit uns. Wir sind die Experten und können Euch helfen uns wirklich wirksam zu helfen.

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Ampel Pfosten küsst man nicht

Blind oder nicht. Die meisten von uns kennen das Gefühl gegen einen Ampelmast zu laufen. Hier ein paar Gedanken dazu.

Ich habe einen Sehrest von ca. 2 %. Die sehe ich auf dem linken Auge, während ich rechts nur noch Lichtschein und wirklich große Umrisse wahrnehmen kann.

Auf der Straße orientiere ich mich mit Hilfe meines Blindenlangstocks. Damit sichere ich meinen nächsten Schritt ab. Die grobe Orientierung erfolgt über meinen Sehrest. Ich habe ein eingeschränktes Gesichtsfeld. D. h., dass ich beim Sehen den Kopf drehen muss, wenn ich Gegenstände oder Hindernisse erkennen möchte, die nicht direkt vor mir liegen. Und auch das ist von der jeweiligen Beleuchtung abhängig. Ich bin stark lichtempfindlich. Normales Tageslicht ist für mich schon zu hell. Deshalb trage ich draußen eine starke Sonnenbrille. Sie hat keine Stärke. Ihre einzige Aufgabe ist es bestimmte Lichtwellen auszufiltern, damit ich die Augen ein bisschen benutzen kann.
Ich bin zügig unterwegs. Zugegeben, ich laufe etwas schneller als üblich, da ich es heute besonders eilig habe. Mit dem Blindenlangstock ertaste ich mir beim Laufen durch Pendeln meinen nächsten Schritt. Zwischen der stark befahrenen Straße an meiner linken Seite und dem Gehweg verläuft noch ein Fahrradweg. Also eine viel zu hohe Geräuschkulisse für mich, um evtl. Hindernisse auch akustisch wahrzunehmen. Und ein Stück laufe ich auch noch gegen die Sonne. Kurz, ich empfinde solche Wegstrecken als ziemlich anstrengend und konzentrationsintensiv.

Und wie jeder andere habe auch ich mal einen etwas schlechten Tag. Auf einmal macht es Klong, und mein Lauf wird abrupt gestoppt. Ich sehe erst mal Sternchen und realisiere langsam, dass ich gegen einen Laternenpfahl oder Ampelpfosten gelaufen bin. Also im wahrsten Sinn des Wortes dumm gelaufen. Es tut höllisch weh, und ich habe Mühe mich zu sortieren. Gleichzeitig aber weiß ich auch, dass ich mir nicht allzu viel Zeit damit lassen darf. Denn ich ahne es bereits.

Und da kommt sie schon, die gefürchtete Stimme aus dem Hintergrund. Weiblich, mitleidvoll und tadelnd. „Haben Sie sich wehgetan“? Sie wartet meine Antwort nicht ab, sondern setzt noch einen drauf. „Sie müssen doch aufpassen, wenn Sie laufen“.
Ich glaube, die meint das ernst. Und ganz gleich was ich antworten werde, ich werde sie nicht erreichen. „Mensch, Frau“, denke ich mir, „Kannst Du mich nicht erst mal meinen Schmerz auskosten lassen?“
Jeder, der irgendwann einmal gegen einen Pfosten, eine Wand oder eine halb offene Tür gelaufen ist wird mir Recht geben. So was tut weh. Das passiert nicht nur blinden. Das passiert auch einemnormalsehenden. Und so was passiert aus den unterschiedlichsten Gründen. Entweder hat man nicht richtig aufgepasst, nicht richtig hingesehen, und oder war einfach abgelenkt. Fakt ist jedoch, dass kein gesunder Mensch mit Absicht gegen schmerzhafte Hindernisse läuft.

Also bitte, liebe Leser. Wenn Ihr seht, dass jemand gegen etwas läuft, oder vielleicht auch gestolpert ist, fragt nicht nach ob er sich wehgetan hat. Das empfinde ich als eine der unsinnigsten Fragen in dieser Situation. Und auch die Ermahnung besser aufzupassen ist jetzt absolut fehl am Platz. Das hat derjenige inzwischen selbst schon lange erkannt, bevor Ihr den Mund aufmacht. Wenn Ihr etwas Sinnvolles sagen wollt, dann fragt einfach ob Ihr etwas für die Person tun könnt.

Das Motto heißt hier Hilfe anbieten und dem anderen die Entscheidung überlassen, ob er Euer Angebot annimmt oder nicht. Und fühlt Euch bitte nicht persönlich beleidigt, wenn Eure Hilfe abgelehnt wird. Denn Ihr habt es hier mit einem erwachsenen zu tun, der höchstwahrscheinlich in der Lage ist zu entscheiden was jetzt für den Moment das Beste für ihn ist.

Und noch etwas zum Schluss. Bitte geht einfach weiter. Das Schlimmste für mich ist, wenn die Person dann neben oder hinter mir herläuft und jeden meiner Schritte kommentiert. Mir gibt es das Gefühl akribisch beobachtet zu werden. Und das empfinde ich als stark verunsichernd. Auch wenn es nicht so beabsichtigt ist, gibt es mir das Gefühl, dass mein Beobachter nur darauf wartet, dass ich einen Fehler mache, um diesen wieder zu kommentieren, oder für den nächsten Kaffeeklatsch aufzupeppen. Für diejenigen, die gerne etwas zum Erzählen haben wollen sei gesagt: Denkt Euch doch Eure eigene Geschichte aus. Damit ist uns beiden geholfen.