Die blinde Mutter und der Autokauf

Lydia steht neben der Fahrertür eines Autos.

Ich habe mich nie besonders für Autos interessiert. Für mich war das ein Gehäuse auf vier Rädern. Auch die meisten Autotypen sagten mir wenig. Ich glaube, ich hatte ebenso viel Ahnung von den Eigenschaften eines Autos wie ein normal sehender Mensch von den Unterschieden bei der Brailleschrift.
Als ich klein war, hatten wir ein Auto in der Familie, welches von meinem Vater gefahren wurde. Meine Mutter erledigte ihren Alltag komplett ohne Auto. Und auch ich lernte ohne Auto zu denken. Und wenn ich doch mal einen Ort erreichen musste, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreichbar war, nahm ich mir ein Taxi, oder organisierte mir ein Auto inklusive Fahrer. Als meine Kinder im Vorschulalter waren, wurde das Auto noch mal interessant. Ich bezahlte eine Assistenz dafür mit mir den Familieneinkauf, den ich alleine nicht nach Hause tragen konnte, zu erledigen. Und wenn mein Sohn am Wochenende zu einem Treffpunkt für sein Fußballspiel musste, dann war ich auf die Hilfe von anderen Eltern angewiesen, oder ich bezahlte ein Taxi.
Auch meine Kinder lernten ohne Auto zu denken. Während ihrer Grundschulzeit war alles in meiner Heimatstadt zu Fuß erreichbar. Und als sie älter wurden, durften sie das Fahrrad benutzen. Dadurch erweiterte sich ihr Aktionsradius. Denn die weiterführende Schule war in der Nachbarstadt. Bei gutem Wetter fuhren sie mit dem Fahrrad hin, während sie im Winter den Bus nahmen. Wenn es mal richtig stark regnete, dann fanden wir entweder andere Miteltern, die meine Kinder mitnahmen, oder ich bestellte ihnen ein Taxi.
Mit 17 Jahren machte meine Tochter ihren Motorradführerschein. Dadurch erweiterte sich ihr Aktionsradius noch mal. Für sie war das wichtig, da das Einzugsgebiet ihrer aktuellen Schule sich vergrößert hatte, und der ÖPNV in manchen Situationen sehr zeitaufwändig war. Jetzt war es auch mal möglich für vier Freistunden nach Hause zu fahren, was mit dem Bus kompletter Unsinn war.
Anfang 2018 bekam sie nun ihren PKW-Führerschein. Endlich hatten wir jemanden in der Familie, der ein Auto fahren durfte. Aber woher jetzt ein Auto bekommen? Mein Mann und ich hatten versäumt uns mit der Materie Auto auseinanderzusetzen. Und jetzt bekamen wir die Rechnung präsentiert. Wir brauchten jemanden, der gemeinsam mit uns nach einem passenden PKW suchte. Und hier lag das Problem. Auf einmal hatten wir im sozialen Umfeld ganz viele selbst ernannte Experten, die uns mit so vielen Ratschlägen bombardierten, dass mir jedes Mal der Kopf schwirrte. Wir fuhren Gebrauchtwagenhändler ab, machten Termine mit verschiedenen Privatleuten, die Autos verkauften, um dann festzustellen, dass das Angebot sich vom tatsächlichen Objekt unterschied. Hurra, es lebe die Bildbearbeitung! Ein Verkäufer wollte uns sogar weiß machen, er habe das falsche Auto fotografiert. Schade, dass ich zu dem Zeitpunkt keine Visitenkarte vom ansässigen Blindenverband dabeihatte.
Mit dem Autokauf fühlte ich mich völlig überfordert. Vielleicht könnte man das mit einem nicht blinden Menschen vergleichen, der eine geeignete Braillezeile für einen Blinden aussuchen soll. Dabei konnte es doch kein Hexenwerk sein, ein Auto zu kaufen. Oder vielleicht doch? Und so langsam lief uns die Zeit davon.
Irgendwann telefonierte ich mit einem Bekannten, und sprach das Thema an. Dieser kannte sich aus, und hatte Freunde im Autohandel, die er fragen würde. Wir brauchten einen Gebrauchtwagen, der fahrtüchtig und ohne Bastelbedarf war. Eine Woche später fuhren meine Tochter und ich zu ihm nach Düsseldorf, wo wir eine Auswahl in Frage kommender Autos fanden. Wir entschieden uns für eines, und wurden handelseinig. Ich würde die Hälfte des Geldes überweisen, danach würden die Fahrzeugpapiere zu uns geschickt, und der Kaufvertrag aufgesetzt. Danach konnten wir hier das Auto versichern, anmelden, und anschließend in Düsseldorf abholen.
Es dauerte eine Woche, bis wir die Unterlagen hatten und eine Versicherung gefunden hatten.
Jetzt musste das Auto noch von Düsseldorf nach Frankfurt. Meine Tochter war Fahranfängerin. Daher wollte ich nicht, dass sie diese Strecke allein fuhr. Für 300 € hätte der Händler es uns auch geliefert. Doch wollte ich das Geld nicht ausgeben. Am Ende konnte ich eine Freundin der Familie dafür gewinnen das Auto gemeinsam mit mir zu fahren.
Diese Freundin fuhr mit mir zur Zulassungsstelle nach Langen, um das Auto anzumelden. Die dortigen Mitarbeiter hatten wohl noch nie einen blinden Menschen live und in Farbe gesehen. Jedenfalls erfüllten sie alle gängigen Klischees. Sie sprachen mit meiner sehenden Begleiterin, wenn sie etwas wissen wollten. Einige starrten mich an, als hätte ich eine neue Warze auf der Nase. Und gleich mehrere Mitarbeiter stellten meiner Freundin die Frage, ob sie mir bei der Unterschrift die Hand führen würde. Nein, tut sie nicht. Sie zeigt mir wo die Unterschrift hin soll.
Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Düsseldorf, und holten das Auto ab. Ein kleines Auto, das für uns alle Platz bietet, und meinen Kindern einen größeren Aktionsradius ermöglicht.

Was hat sich für mich seitdem geändert
In meinem Alltag hat sich nicht viel geändert. Ich bewege mich nach wie vor ohne Auto durch meinen Alltag. Die Ausnahme bildet der Großeinkauf, den wir jetzt mit dem Auto erledigen können. Außerdem können wir hin und wieder mal einen Ausflug an einen der naheliegenden Baggerseen machen. Diese sind für mich ohne Auto oder Fahrrad unerreichbar. Und wenn wir unterwegs sind, brauche ich mir keine Gedanken zu machen, dass ich zu jeder Zeit mein Gepäck selbst tragen können muss. Das Auto ist ein kleines Bonbon für meine Familie. Aber es wird nie meinen Alltag beherrschen. Dafür liebe ich meine Mobilität und Unabhängigkeit zu sehr.

Welche Blindenstöcke gibt es?

Lydia lächelnd mit 3 unterschiedlichen Blindenstöcken in der Hand.

Frankfurt mitten auf der Zeil. Es ist Nachmittag, und die Sonne scheint. Ich bin mit einem neuen Blindenstock unterwegs, den ich auf einer Hilfsmittelmesse gekauft habe. Ich war auf der Suche nach einem leichten Stock, den man möglichst klein zusammenfalten kann. Und der Anbieter verkaufte mir diesen Stock als besonders stabil.
Ich habe Zeit, und bin deshalb in gemächlichem Tempo unterwegs. Plötzlich macht es „Knack“. Und bevor ich es richtig begreife, halte ich einen Stock in der Hand, der an einer Stelle gebrochen ist. Der Mann, der meinen Stock und mich völlig übersehen hat, rappelt sich auf. Wir sind beide erschrocken.

Wenn der Stock kaputt ist
Mit diesem Stock komme ich nicht mehr weiter. Ich brauche Hilfe. Wir einigen uns darauf, dass der Mann mich zu einem Geschäft in der Nähe begleitet, dessen Mitarbeiter mich kennen. Mit Hilfe von Draht und Phantasie präparieren wir den Stock so, dass ich zumindest mal damit nach Hause komme. Zuhause habe ich einen Ersatzstock, der sich als verkehrstauglicher gezeigt hat, als dieses Exemplar.
In meinen Beiträgen „Nicht ohne meinen Stock“ und „Der Blindenstock in der Praxis“ habe ich erklärt, wie der Blindenstock benutzt wird. In „Hauptstadtdschungel, Ein Tag mit einem weißen Stock in Berlin“ begleiten wir meine Gastautorin einen Tag lang. Heute erkläre ich welche Stöcke es gibt, und wozu das gut sein soll.

Drei Blindenstöcke mit unterschiedlichen Griffen, Spitzen und Materialien.

Verschiedene Stöcke
Blindenstöcke gibt es in verschiedenen Ausführungen:
– Signalstock. Er ist kürzer als ein herkömmlicher Blindenstock, und dient zur Kennzeichnung.
– Taststock. Er ist für Personen gedacht, die den Stock nicht ständig brauchen. Daher ist er leicht und lässt sich klein zusammenfalten.
– Blindenlangstock. Damit bewegen sich blinde Personen durch den Straßenverkehr. Daher muss er stabil sein. Er muss aushalten können, dass jemand über ihn stolpert, oder er gegen harte Gegenstände geschlagen wird.
– Weißer Gehstock. Er richtet sich an Menschen mit einer Sehbehinderung und gleichzeitiger Gehbehinderung. Daher muss er aushalten können, dass sich ein Mensch darauf abstützt.

Komponenten:
Es ist ein Mythos, dass Blindenstöcke gleich sind. Sie besteht aus mehreren Teilen. Ich benutze einen Stock mit Holzgriff, weil ich das Material gern anfasse. Es gibt diesen auch aus Leder, Gummi oder Kunststoff. Denn jeder Nutzer hat andere Vorlieben. Am Griff befindet sich noch eine Aufhängemöglichkeit. Diese ist auch dafür gedacht, dass man den Stock zusammenfalten und damit zusammenhalten kann. Sie ist aus Gummi oder als Klettverschluss.
Mein Blindenlangstock ist 125 cm lang. Damit reicht er mir bis unter die Achsel. Das ist wichtig, damit er beim Gehen meinen nächsten Schritt absichern kann. Ich habe mich für einen Stock entschieden, der aus fünf Teilen besteht. Damit lässt er sich so klein zusammenfalten, dass er Platz in meiner Handtasche hat. Mein Ersatzstock lässt sich in sieben Teilen zusammenfalten. Er ist dünn und sehr leicht. Ihn nehme ich nur mit, wenn ich weiß, dass ich ihn nur im Notfall brauche. Es ist sozusagen mein kleines Stückchen Unabhängigkeit, dass auch in einer kleinen Abendtasche Platz hat.
Eine wichtige Komponente ist die Stockspitze. Während früher der Stock in einem Bogen von links nach rechts geschlagen wurde, bleibt die Spitze heute komplett am Boden. Sie wird nur noch am Boden gerollt. Es gibt sie in unterschiedlicher Größe und Form. Hat man normalen Bodenbelag in Gebäuden oder auf der Straße, reicht eine kleine Rollspitze. Bei Schnee oder Kopfsteinpflaster rate ich zu einer größeren Spitze, die nicht so leicht hängen bleibt.
Meine Rollspitze ist aus Kunststoff. Die ist relativ leise. Für mich reicht sie aus. Es gibt diese aber auch aus Keramik. Sie ist lauter, und damit besser auf befahrenen Straßen zu hören. Außerdem nutzt sie sich nicht so schnell ab.

Kostenübernahme durch die Krankenkasse.
Die Kosten für einen Stock werden durch die Krankenkasse übernommen, wenn der Augenarzt diesen verordnet. Auf dem Rezept muss unbedingt drauf stehen, dass der Blindenstock plus Spitze verordnet werden. Mit diesem Rezept geht der Betroffene zur Hilfsmittelfirma seines Vertrauens.

Wo gibt es den Blindenstock?
Blindenstöcke können über ein Sanitätshaus oder auf verschiedenen Onlineplattformen gekauft werden. Das geht, wenn der Nutzer genau weiß welches Modell er haben möchte, oder ich mache den Gang zu einer Firma, die sich auf Blindenhilfsmittel spezialisiert hat. Da kann man sich unterschiedliche Modelle anschauen, sie in die Hand nehmen und sich beraten lassen. Denn ein Stock ist ein Gegenstand, der einen über Jahre begleitet.

SightCity 2018, ein Erfahrungsbericht

sightcity leitstreifen detailansicht

In der Zeit vom 25.04. bis 27.04.2018 fand die SightCity statt. Über den Sinn und Zweck einer derartigen Veranstaltung hatte ich bereits in diesem Beitrag geschrieben. Einen weiteren Erfahrungsbericht fand ich auf dem Blog Inklusion umsetzen. Und eigentlich hatte ich vor selbst nochmal ein paar Sätze darüber zu schreiben. Doch das hat mir mein heutiger Gastautor Thorsten abgenommen, der sich gleich selbst vorstellen wird.

SightCity 2018 – ein Blindlife-Gruppentreffen der besonderen Art

Ein ganz großer Dank an Lydia, dass ich den Beitrag hier posten darf. Nachfolgend ein – teilweise gekürzter – Bericht meines Besuchs der SightCity 2018.

Bildbeschreibung:
Es handelt sich um eine Nahaufnahme eines Leitstreifens der SightCity. Es wurde im Hochformat aufgenommen und zeigt im Vordergrund über die gesamte Breite den Leitstreifen der nach oben bis in einen Horizont verläuft und dem Bild so eine enorme tiefe gibt. Die Aufnahme erfolgt ~5 Zentimeter oberhalb vom Boden, weshalb eine extreme Perspektive entsteht.

Zu meiner Person:
Ich bin 45 Jahre alt, wohne in Oberursel und bin sehbehindert.

Wie kam ich zur SightCity?
Ich habe mich 2017 intensiv mit dem Thema Behinderung auseinandergesetzt und bin dabei über den YouTube-Channel von Blindlife gestolpert, der mich gepackt hat, weil mir Erdin auf Anhieb sympathisch war.
Ihr solltet Euch seinen Trailer ansehen oder anhören – das lohnt sich!
Erdin Ciplak – Kanaltrailer – Blindlife

Er war letztes Jahr auf der SightCity und hat dort einige Hilfsmittelvideos erstellt, über die ich auf die SightCity aufmerksam geworden bin. Da die Messe in Frankfurt am Flughafen stattfindet und das nur 1 Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln entfernt ist, hatte ich für 2018 einen Besuch geplant.

Mittwoch:
Ich hatte am Vorabend mit Erdin telefoniert, um einen Treffpunkt für Mittwoch zu vereinbaren. Ich fuhr am Mittwoch daheim los und rief ihn unterwegs nochmals an:
Erdin: ‘Ich bin noch unterwegs’
Thorsten: ‘Ich auch’

Es stellte sich über SMS heraus, dass er sich noch auf dem Weg zum Bahnhof Frankfurt befand, während ich schon kurz vor dem Flughafen war. Hätte ich doch eher nochmals nachgefragt, weil ich ihn dann am Bahnhof hätte begleiten können, was aufgrund der Baustelle im Tiefbahnhof durchaus sinnvoll ist.
So blieb mir nichts anderes übrig als am Flughafen zu warten, weil die Rückfahrt zeitlich nicht möglich gewesen wäre. Nun die Überlegung, wie ich ihn wohl erkennen könnte. Ich habe mit meinen Augen Probleme, Menschen auf Distanz zu sehen und er ist blind – wird bestimmt lustig.
Nach der Ausfahrt der nächsten S-Bahn hatte ich ihn nochmals angerufen, weil er eigentlich damit hätte kommen müssen und ich ihn auf dem Bahnsteig, der mittlerweile leer war, nicht gesehen hatte.
Das Smartphone aus der Tasche geholt und Erdin erneut angerufen:
Erdin: ‘Ich bin die Rolltreppe hoch gefahren’
Thorsten: ‘Welche?’ (Was für eine blöde Frage an einen ortsunkundigen Blinden…)
Erdin: ‘Die direkt an der S-Bahn war’

Das war eine lange S-Bahn mit 3 Teilen und es gibt mehrere Rolltreppen die nach oben führen. Nach Murphy hatte ich die Falsche genommen und Ihn dann doch gefunden. Wir hatten praktisch bis auf etwa 3 Meter Entfernung miteinander telefoniert.
Für mich war die Begegnung etwas Besonderes, weil ich Erdin im Februar in Hamburg treffen wollte, es aber ganz kurzfristig absagen musste und nun endlich der Wunsch eines Treffens in Erfüllung ging.

Nun ging es gemeinsam auf die Messe, die wir mit einem kleinen Rundgang starteten, bevor es zu Neues ging, wo Erdin ein Video mit dem kanadischen Entwickler und dem deutschen Vertreter geführt hat. Dazu noch ein Produktvideo und ein tolles Produkt waren im Kasten. Hoffen wir, dass ich es an der Kamera nichts falsch gemacht habe. Ich bin es zwar gewohnt, Bilder zu machen aber Video ist so eine Sache – insbesondere mit einer fremden Kamera.

Was ist Neues?
Mit Hilfe einer Kamera wird über 2 kleine Displays eine bis zu 10 fache Bildvergrößerung erreicht, die optional mittels zusätzlicher Optik auf Fach erweiterbar ist. Bedienbar ist sie über kleine Drucktaster an den Brillenbügeln oder per Fernbedienung über Bluetooth – technisch voll ‘up to date’.
Im Anschluss wieder etwas über die Messe geschlendert und dann eine Stimme:
‘Du bist doch Erdin, oder?’
Erdin war – sofern man ihn sehen konnte –  aufgrund seines Blindlife T-Shirts nicht zu übersehen. Ansonsten gibt es ja noch die Möglichkeit ihn zu hören.
Nun bestand die Gruppe aus 3 Personen- Erdin, Thorsten und Stefan – die regelmäßig mal einen Leitstreifen blockiert haben, wobei der ‘LSS’ entstanden ist.

Der Leitstreifenstörer:
Es handelt sich hier um eine Person oder Gruppe, die anderen Teilnehmern der SightCity den in der Mitte verlaufenden Leitstreifen blockieren und somit bei der Nutzung stören.
Es kam regelmäßig zu Kollisionen auf dem Streifen, die man häufig nicht verhindern konnte, weil die Betroffenen sich so schnell begegneten, dass man nur die Kollision und die anschließende Entschuldigung gehört hat. Nächstes Jahr sollte über einen zweigleisigen Leitstreifen mit Rechtslaufgebot nachgedacht werden – zumindest auf den Hauptwegen, um den Durchsatz zu erhöhen und die durch Kollisionen verursachten Staus zu vermeiden. Das wird zwar den Anteil an LSS steigern, aber für Blinde die Kollisionswahrscheinlichkeit reduzieren.
Derartige Geschichten und Theorien waren neben den täglichen Dingen des Lebens ein wesentlicher Bestandteil des Tages und haben regelmäßig zu Lachern geführt.

Die e-Sight…
Kommen wir nochmal auf die Hilfsmittel zurück…
Die e-Sight war hinsichtlich Marketing ein Trauerspiel, wie ich es in 19 Jahren Berufsleben als Berater im IT-Umfeld noch nicht erlebt habe.
Die Firma, die die e-Sight herstellt, hatte einen Stand, der strategisch gut positioniert war, weil dort viele Leute vorbei mussten – eigentlich genial, um das Produkt zu präsentieren…
Da wir die NuEyes gesehen hatten und die in Sachen Marketing und Kommunikation am Stand alles richtig gemacht haben, wollten wir uns nun die e-Sight anschauen – ist ja immerhin ein Konkurrenzprodukt.
Anfassen und Anschauen am Stand war möglich. Auf die Frage, ob man sie auch ausprobieren könnte, kam folgende Antwort:
‘Die Lichtbedingungen wären nicht optimal, um das Produkt hier testen zu können’
Das hat bei uns zur Verwirrung geführt, weil die Brille doch auch im Alltagsleben einsetzbar sein soll und man gerade dort häufig mit nicht perfekten Lichtbedingungen zu tun hat. Erdin hat noch etwas hartnäckiger nachgebohrt, weil ihm die Antwort auch sehr verwundert hat. Sie kam zudem in einer Form, dass man den Eindruck hatte, das sie wirklich nichts vermarkten wollen.
Nächste Antwort:
‘Schauen Sie hier. Die Displays müssen perfekt auf den Träger eingestellt werden und um ein optimales Seherlebnis erreichen zu können, sollten vor den Displays extra Gläser eingepasst werden, die der Brillenstärke entspricht’
Die Antwort hatten wir bei NuEyes auch bekommen, konnten die Brille dennoch über der normalen Sehbrille ausprobieren – da war testen also möglich…
Schade, die Antworten und der Umgang mit uns war ganz klar in Richtung: ‘Die wollen nichts verkaufen’ Sowas auf einer Messe ist einfach nicht zu fassen.
Warum haben die überhaupt einen Stand gemietet???

Die Gruppe wächst
Die Gruppe wurde um Jasmin und Sandra erweitert, die sich im Vorfeld mit Erding abgesprochen hatten. Nun waren wir 5 und hatten unglaublich viel Spaß. Die SightCity war zu einem Treffen und Erfahrungsaustausch geworden.
Für mich war der Tag im Hinblick auf meine Sehbehinderung äußerst interessant, weil wir von Blind bis normales Sehen alles in der Gruppe hatten. Gerade zwischen mir und Stefan war der Unterschied auf dem Papier nicht so groß. Er kann aber in der Ferne schnell etwas wahrnehmen, während ich einige Sekunden brauche, bevor ich etwas lesen kann. Dafür habe ich bei Dunkelheit im Sichtfeld deutlich weniger Probleme.
Was ich gelernt habe ist, dass der gemessene Sehrest nur wenig Bedeutung hat. In Gesprächen mit anderen Betroffenen hat sich bestätigt, dass das Thema Sehbehinderung ein schier unvorstellbarer Umfang hat. Ich muss hier noch viel lernen…

tour de sens
Nachmittags besuchten wir den Stand von tour de sens, um uns deren Reisekonzept erläutern zu lassen. Ich fand es sehr spannend, wie sie Blinde, Sehbehinderte und Sehende zusammenbringen. Insbesondere der Tausch in der Gruppe brachte mich spontan zur Frage, ob das wie ‘Frauentausch’ wäre.
Die Besitzerin von tour de sens musste herzhaft lachen, weil der Zeitpunkt meiner Frau perfekt passte. Das war der Brüller für den ganzen Tag.

Comde
Das war ein Erlebnis, das mich noch einige Zeit beschäftigen wird. Wir waren an dem Stand, weil uns die Vielfalt bei der Konfiguration von Blindenstöcken so fasziniert hat. Ist schön, wenn Betroffene so viele Wahlmöglichkeiten haben, um sich das Hilfsmittel nach eigenen Wünschen zusammenstellen können. Allein die Auswahl an verschiedenen Kugeln und Griffen ist eine Wissenschaft für sich. Zudem finde ich es gut, das comde einen Reparaturservice anbietet. Warum soll ein Stock gleich ausgetauscht werden, wenn nur 1 Element krumm ist?
Das Gespräch mit einem Mitarbeiter von comde war aber der Hammer. Er ging auf uns ein und hat sich gut 30 Minuten mit uns sehr einfühlsam und fernab vom Thema Blindenstöcke unterhalten. Ich habe es an verschiedenen Ständen erlebt, das sehr offen mit der Behinderung umgegangen wird und man sehr individuell auf den Besucher eingeht. Es geht nicht nur um die Präsentation der eigenen Produkte sondern sehr viel um den Menschen selbst. Das ist in unserer heutigen Gesellschaft alles andere als normal und für mich ein ganz wichtiger Punkt bei der SightCity.
Daher ein großer Dank an den ‘einäugigen’ Mitarbeiter von comde, sowie den anderen Gesprächspartnern die ich hatte.

Nach dem Ende der SightCity hatten wir noch etwas Zeit, bevor Jasmin und Sandra die Heimreise antreten mussten. Wir fuhren zum Hauptbahnhof, da man dort etwas preisgünstiger Essen gehen kann und der Weg zum Zug kurz ist, was uns mehr Zeit für das gemeinsame Essen gibt.
Nach dem Essen wurden Jasmin, Sandra, Erdin und Stefan in der Reihenfolge bis zum Zug begleitet, bis ich dann allein die Heimfahrt antreten konnte.

Fazit Tag 1 SightCity:
Ich war sehr beeindruckt von dem Tag.
Meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen, sofern man überhaupt eine Bewertungsskala so weit nach oben öffnen kann.
Die gemeinsame Zeit in der Gruppe wird mich noch lange beschäftigen und für viele Geschichten in der Zukunft dienen. Danke an alle die daran beteiligt waren.

Was für ein grandioser Tag!

Donnerstag
Erstmal Lydia anrufen und klären, wo wir uns treffen können. Allein das Telefonat hat mir viel Spaß gemacht, weshalb ich noch mehr Lust darauf hatte, sie endlich kennenlernen zu können.
Eigentlich war der 2. Tag mit Stefan eher für die Hilfsmittel geplant, was wir auch geschafft haben. Das Treffen mit Lydia hat das Ganze etwas verändert, was aber trotzdem gut reingepasst hat. Es ging letztendlich um das Networking, wie wir es am Mittwoch erlebt hatten.

Treffen mit Lydia
Sie kam etwas später und musste vor dem Treffen noch etwas erledigen, weshalb ich mit Stefan vorher Hilfsmittel angeschaut hatte. Sie rief dann an und fragte wo wir wären.
Ich finde es schon recht interessant, wenn man sagt wo man etwa ist und von Ihr dann spontan die Antwort kommt:
‘Die Ecke kenne ich. ich komme zu Euch. Ich bin übrigens die mit dem Blindenstock und schwarzem Haar’
Das mit dem Stock und den Haaren war eine echt lustige Sache. Es gab dort ja nicht viele Personen mit Blindenstock…
Wir haben es dann doch geschafft und sind einen Kaffee trinken gegangen, was etwas länger gedauert hat. Danke an Lydia für das tolle Gespräch und die Ideen, die sie noch umsetzen möchte – fernab von diesem Blog.

Technik: flusoft
Ich war mit Stefan bei flusoft, weil ich dort ein persönliches Gespräch wegen der Probleme mit der Vergrößerungssoftware Zoomtext führen wollte. Ich arbeite seit August 2017 mit Zoomtext und war in den 1. Wochen sehr zufrieden, weil die Software genau das bietet was ich brauche. Leider änderte sich das ab November und ist bis heute in einigen Punkten schon frustrierend. Leider konnten die Probleme bis heute nicht abgestellt werden und die Zukunft deutet darauf hin, dass sich auch daran nichts ändern wird.
Das ist zumindest das Fazit des Gespräches. Ist leider nicht ganz was ich mir erwünscht hatte aber immerhin ein Ergebnis, mit dem man auf die Suche nach neuen Möglichkeiten gehen kann. immerhin ist ja SightCity, wo man sich alles anschauen kann.

2.Treffen mit Erdin
Erdin hatte kurzfristig auf Facebook zum Treffen um 14:00 aufgerufen. Es war ein sehr kurzentschlossener Termin, weil er eigentlich schon auf dem Heimweg sein wollte. Ich freue mich dennoch, das wir uns nochmals kurz gesehen und dabei über den Mittwoch sprechen konnten.
Bei dem Treffen ist übrigens ein Foto aus seinem Video entstanden, wo ich mit der Kamera in der Hand zu sehen bin. Das Bild war etwas albern, weil ich Stefan fotografiert habe, während er von mir und Erdin ein Bild gemacht hat. Ich bin da genauso spontan wie Erdin.

e-Sight die 2.
Sollte es zum Thema e-Sight doch noch ein Happy End geben? Erdin hatte erfahren, das am Stand von Reinecker die Möglichkeit bestand, die e-Sight zu testen.
Wie krank ist das denn? Am Stand des Herstellers war es nicht möglich und bei einem deutschen Unternehmen wurden gleich 2 funktionsfähige Brillen präsentiert. Vielleicht mag dazu ja mal jemand etwas schreiben. Ich persönlich fand die NuEyes besser, wobei ein Test nach 5 Minuten noch keine Aussagekraft hat.
Fakt ist, dass sich einiges in dem Umfeld ändert und in ein paar Jahren wirklich spannende Produkte verfügbar werden.

Dolphin
Stefan hatte mir viel über SuperNova erzählt, weil er das Produkt seit einigen Jahren nutzt. Da es von Dolphin einen Stand gab, habe ich mir nachmittags Zeit genommen und mir das Produkt vorführen lassen. Die Präsentation war klasse, da auch auf konkrete Fragen zur Konfiguration eingegangen wurde. Es wurde sogar direkt die von mir gewohnte Konfiguration eingerichtet, so dass ich Supernova mit den Shortcuts von Zoomtext nutzen konnte. Kleine Anmerkung am Rande: Die Default-Shortcutdefinition für Zoomtext in Supernova bezieht sich auf den alten Tastaturlayouts für Zoomtext bis Version 15. Dadurch entstand etwas mehr Arbeit bei der Konfiguration. Aber es hat mir schnell gezeigt, dass ich damit bestimmt klarkommen kann.
Ich arbeite mittlerweile mit Supernova und habe dabei bereits ein paar Unterschiede zwischen den Produkten entdeckt aber noch nichts, was den Umstieg verhindern könnte.
Ich muss mal mit Lydia sprechen, ob ich einen Artikel zum Thema Zoomtext ⇔ Supernova schreiben soll.
Hättet Ihr Interesse daran?

2.Treffen mit Lydia und Abendessen
Zum Ende der SightCity hatte ich Lydia nochmal angerufen und gefragt, ob Sie noch einen Kaffee trinken möchten. Sie sagte morgens, dass Sie gerne Kaffee trinkt und dass auch eine Art Brennstoff für den Körper wäre.
Sie stand bereits an der Bushaltestelle und kam wieder zu uns zurück, damit wir gemeinsam noch eine Pizza essen gehen können. Den Kaffee haben wir einfach ausfallen lassen – Pizza scheint wohl auch eine Art Brennstoff zu sein.
Lydia hatte die Wahl und führte uns zur Konstablerwache in Frankfurt. Da hatte ich dann das nächste schöne Erlebnis, das für Sehende im 1. Augenblick komisch ist – für Sehbehinderte mit viel Sehrest übrigens auch. Sie beschrieb den Weg exakt von der S-Bahn bis zur Pizzeria. Entscheidend war, dass ich Ihr aus der S-Bahn raus keinen Hinweis gegeben hatte wo wir genau waren aber sie hat uns dennoch exakt dahin gebracht.
Ich habe einen großen Respekt vor den Navigationsfähigkeiten von Blinden Menschen. Dank an Lydia für diese kleine Demonstration und die schöne Restaurantempfehlung.
Leider musste Stefan viel zu früh gehen, so dass wir nur noch zu zweit waren. Leider geht jeder Abend irgendwann mal zu Ende, so dass wir den Heimweg antreten mussten.
Für den heutigen Tag ein großer Dank an Lydia, Erdin und Stefan, die den 2. Tag SightCity zu einem wunderschönen Tag haben werden lassen.

Fazit:
Das waren 2 Tage SightCity, die durch das viele Laufen körperlich anstrengend waren. Die entstandene Gruppe und die daraus resultierenden Gespräche und Diskussionen werden mich noch lange begleiten.
Diese vielen positiven Eindrücke haben schon heute die Entscheidung für 2019 sicher gemacht.

Ich komme sicher zur SightCity 2019 nach Frankfurt.
Seid Ihr auch da und habt Lust mit uns gemeinsam was zu erleben?

Wenn ja dann meldet Euch bei Lydias Welt oder Blindlife auf Facebook. Dort gibt es regelmäßig News.

Euer Thorsten aus Oberursel

Danke Dir, Thorsten, für Deinen lebendigen Erfahrungsbericht. Und jetzt freue ich mich auf ein Like von jedem, dem es gefallen hat.

Geräuschumgebung, zu laut oder zu leise

Geräusche spielen für blinde Menschen eine bedeutende Rolle. Das gilt für die Orientierung im Straßenverkehr, dem Ausmachen von Gefahrenquellen oder bei der Kommunikation mit dem Gegenüber. Ich kann nicht sehen, ob mir jemand freundlich zunickt und brauche eine direkte Ansprache. Den Ampelpfosten finde ich nur, wenn er sich irgendwie akustisch zu erkennen gibt. Und der laufende Motor eines Busses verdeckt die anderen Geräusche so sehr, dass ich nicht hören kann, ob ich die entsprechende Straße überqueren kann oder nicht.

Mein heutiger Gastautor Willi hat dieses Thema aufgegriffen. Er hat schon mal einen Beitrag für mich geschrieben, der sich um das blind Fernsehen oder ins Kino gehen dreht.

Und immer dieser Lärm
Eigentlich hatte ich mich sehr auf diesen Abend gefreut: Wir wollten, die meisten von uns blind, in das neue In-Lokal in unserer Stadt gehen. Während der Happy Hour gibt es für die Mädels die Cocktails billiger und wir Jungs lassen uns ein großes Bier schmecken. Internationale Küche gibt’s auch, da findet wirklich jeder was.
Doch schon als wir reinkommen, setzt bei mir der Fluchtinstinkt ein. Wir werden von ohrenbetäubender Musik empfangen. „Sucht Ihr einen Tisch?“ Die Kellnerin ist fast nicht zu verstehen. Wir rufen Ja im Chor, als hätte die Lieblingsmannschaft ein Tor geschossen. Siebugsiert uns an einen Tisch direkt unter dem Lautsprecher. „Entschuldigung, gibt es noch einen Tisch, an

dem es etwas leiser ist?“ Sie überlegt kurz und führt uns im Gänsemarsch durch das Lokal zu einem Tisch, der für uns vier gerade so ausreicht. Außerdem ist es hier dunkel, was sich noch rächen soll. „Wollt Ihr was trinken?“, fragt die Kellnerin so laut sie kann. „Wir wollen Cocktails“, schreien die Mädels. Unser einziger Guckling kann die Karte nicht lesen, so dass die Kellnerin nun ihr dünnes Stimmchen in die Waagschale werfen muss und die wunderbar benannten Cocktails und deren Zutaten vorlesen. Irgendwie finden wir alle etwas und nachdem sie sich durch die Speisen geschrien hat, kann auch unser Hunger gestillt werden. Wir wären wohl gern noch etwas geblieben, aber unserer Bitte, doch die Musik etwas leiser zu machen, wurde nicht entsprochen.

Sehbehinderte und blinde Menschen kennen diese Geschichte in vielen
Variationen. Unser Hörsinn ist ja unser einziges Kommunikationsmedium. Durch laute Musik an Orten, an denen wir uns unterhalten wollen, wird dieser total ausgebremst. Wir sind dann nicht nur blind, sondern de facto taub. Wer sieht, kann dem Nachbarn von den Lippen lesen und seine Worte mit Mimik und Gestik unterstreichen. Zwar waren bestimmt schon die Tavernen zur Römerzeit keine Orte der Stille, aber die Unsitte, jedes Lokal noch mit lauter Musik zu beschallen, griff erst in den letzten 30 Jahren um sich. Auf großen sommerlichen Stadtfesten überbieten sich die in der ganzen Innenstadt verteilten Bühnen mit ihren Beschallungsanlagen. Wenn es dann so laut wird, dass die Autos nicht mehr gehört werden können, wird es sogar gefährlich. Warum aber regen sich dieselben Leute über Kinderlärm auf, denen offensichtlich der elektromechanisch erzeugte Lärm nichts ausmacht? Wir müssen uns doch ernsthaft fragen, warum ein Hahnenschrei uns aufregt, während wir gleichzeitig die Musik um uns herum immer lauter hören müssen.
Aber auch von anderer Seite droht uns akustisch Ungemach: Manchmal führt Baulärm bei einigen von uns zu panikartigen Reaktionen. Deshalb werden in Marburg alle Baustellen, an denen es sehr laut sein kann, entsprechend von Bauarbeitern gesichert, die unsereins sicher durch die Baustelle begleiten.
Doch auch „Leisetreter“ machen uns Probleme: So erschrecken wir uns, wenn ein Radfahrer im vollen Tempo an uns vorbeischnurrt. Zu einer neuen Gefahrenquelle können Elektroautos werden, wenn sie ohne eine zusätzliche Schallquellen unterwegs sind.
Doch leider sind auch wir Blinden und Sehbehinderten nicht achtsam untereinander. Welchen infernalischen Krach wir entfalten können, zeigt sich an unseren Stammtischen. Hier könnte die Lautstärke einer Gruppe im Kindergarten durchaus Konkurrenz machen.

Ich danke Willi für seinen Beitrag. Und wie immer lade ich Euch herzlich ein, Eure Meinung in die Kommentare zu schreiben.

Die Begleitperson muss nicht erwachsen sein

Gemeinsam mit unseren sehenden Kindern im Alter von siebzehneinhalb und fast neunzehn Jahren wollen wir eine Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer unternehmen. Der Reiseanbieter gewährt Menschen mit Behinderung, welche das Merkzeichen B im Schwerbehindertenausweis haben, die kostenlose Mitnahme einer Begleitperson. Entsprechend wurden wir an der Hotline beraten. Wir buchten also für uns blinde Eltern und zwei Begleitpersonen, nämlich unsere Kinder. Für letztere würden nur noch die Kosten für den Transfer und der übliche Kleinkram anfallen. Ebenso schickten wir eine Kopie der Schwerbehindertenausweise an den Reiseanbieter, und warteten auf die Bestätigung.
Vier Tage später kam die Ernüchterung. Die Zentrale in Italien habe unsere Buchung bestätigt. Allerdings wollte man uns die Ermäßigung für eine Begleitperson nicht gewähren. Als Grund wurde angegeben, dass der Sohn das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet habe, und mich somit also nicht begleiten dürfe. Für ihn würden also noch mal fast 700 € zusätzliche Kosten anfallen. Das wollte ich so nicht stehen lassen, und schrieb eine entsprechende E-Mail an den Anbieter. Ich erklärte ihm meinen Standpunkt und dass ich diese Reise unter diesen Bedingungen nicht antreten möchte. Eine Antwort habe ich noch nicht bekommen, werde jedoch gern in einem späteren Beitrag über den Ausgang berichten. Auch fand ich keine Altersangabe der Begleitperson in den AGBs des Reiseanbieters.
Das Merkzeichen B auf dem Schwerbehindertenausweis berechtigt den Inhaber zur Mitnahme einer Begleitperson. Daran sind hier in Deutschland keine Bedingungen geknüpft. Und das aus gutem Grund. Denn die Anforderung an eine Begleitperson ist bei jeder Behinderung unterschiedlich. Ich kann also die Begleitperson mitnehmen, die ich als Mensch mit Behinderung für geeignet halte. Im Idealfall überlege ich mir also welche Hilfestellung ich brauche, und wähle aus welche Begleitung ich mitnehmen möchte.
In der Praxis heißt das, dass ich als blinde Frau auf einem Kreuzfahrtschiff jemanden brauche, der mir die Wege, die ich brauche zeigt, mir bei einem Büfett hilft mein Essen zusammenzustellen, oder bei der Suche eines Liegestuhls hilft oder mal einen Aushang vorliest. Das sind Tätigkeiten, die auf meine Anweisung hin passieren. Gleiches gilt für Ausflüge, an denen ich teilnehmen möchte.
Die Begleitperson begleitet und assistiert. Sie hilft mir meine Sinnesbehinderung, also die Blindheit ein stückweit zu kompensieren. Sie trägt keinerlei Verantwortung für mein Handeln. Der Einzige, der Verantwortung trägt, bin ich. Und zwar sowohl für mich, als auch für mein noch minderjähriges Kind. Und ich kann das, was ich meinen Kindern zumute, sehr gut verantworten.
Auch wenn es mir nicht schmeckt, habe ich gelernt damit zu leben, dass das Weltbild nicht blinder Personen in Bezug auf unseren Personenkreis oft sehr viele Missverständnisse beinhaltet. Hieraus resultieren Entscheidungen von nicht betroffenen Verantwortlichen, die absolut ungerechtfertigt sind. Hier eine kleine Auswahl von Diskriminierungen im Alltag, welche darauf basieren, dass blinden Menschen kein eigenverantwortliches Handeln zugetraut wird:
– Blinde dürfen keine Fahrgeschäfte vieler Freizeitparks nutzen,
wie Freizeitparknutzung durch blinde Menschen
und Freizeitparks, Blinde müssen draußen bleigen.
– Fitnessstudios, die blinden die Mitgliedschaft verwehren,
wie in Blinde Neu-Isenburgerin fühlt sich von Fitnessstudio ausgeschlossen,
und Als ich versuchte in einem Fittnessstudio zu trainieren.
– Zutrittsverweigerung einer blinden Mutter ins Schwimmbad.

Ich kann mir gut vorstellen, dass so mancher Zeitgenosse den früheren Wortlaut, „Eine ständige Begleitung des Schwerbehinderten ist nachgewiesen“ oder so ähnlich verinnerlicht hat. Das wurde irgendwann geändert, nachdem unbegleiteten blinden Personen die Mitfahrt in manchen Bussen oder der Zutritt zu Einrichtungen verwehrt wurde. Manchmal scheint es, als habe die Ausgabestelle für gesunden Menschenverstand, Empathie und sozialer Kompetenz schon länger geschlossen.

So, Ihr kennt nun meine Sicht der Dinge. Jetzt bin ich gespannt auf Eure.