Betreuung am Flughafen, eine Mitarbeiterin erzählt

Über das Reisen mit dem Flugzeug habe ich bereits einige Beiträge geschrieben. Diese handelten entweder von unsinnigen Vorschriften, oder Missverständnissen. Bei all diesen Beiträgen hatte ich nie Gelegenheit aus der Sicht der Mitarbeiter am Flughafen zu berichten. Daher habe ich mich riesig über einen Leserbrief von Melanie gefreut. Als ehemalige Mitarbeiterin des Betreuungsdienstes gibt sie Einblick in ihre Arbeit. Ich fand ihn so gut, dass ich ihn mit ihrem Einverständnis, jedoch unter anderem Namen veröffentliche.

Liebe Lydia,

vielen Dank für deinen Blog, ich lese immer wieder gerne rein und lerne viel!

Ich habe bis 2017 beim Betreuungsdienst am Frankfurter Flughafen gearbeitet, als Service Agent der Firma FraCareS, zur Unterstützung von mobilitätseingeschränkten Passagieren und Alleinreisenden Kindern. Daher fühle ich mich angesprochen und kann dir vielleicht annähernd deine Frage beantworten, warum immer der obligatorische Rollstuhl mitgeführt wird.

Der Arbeitsablauf für mich sieht (sah) folgendermaßen aus: Ich bekomme auf ein mobiles Endgerät einen Auftrag, in dem 4 Angaben stehen: Name des Gastes, der aktuelle Aufenthaltsort, der Zielort und ein Betreuungscode, der die Hilfestellung etwas beschreibt. Mehr Angaben dürfen aufgrund des Datenschutzes nicht übermittelt werden!

Diese lauten:

WCHR für Menschen, die prinzipiell laufen können, aber keine weiten Strecken;

WCHS für Menschen die laufen, aber keine Treppen bewältigen können;

WCHC für Menschen die gar nicht laufen können;

BLND für Menschen mit eingeschränkter Sehfähigkeit und

DPNA für Menschen mit geistiger Einschränkung.

Wer gibt diese Betreuungscodes ein und wer entscheidet welcher nun eingegeben wird?

Die Betreuungscodes werden meistens vom Reisebüro oder den eincheckenden Agenten der Airlines eingegeben, die nicht viel mit der Betreuung zu tun haben und sich oft damit nicht gut auskennen. Nicht nur in Deutschland sondern in ALLEN Ländern der Welt.

Wer benötigt Betreuung?

Die zu betreuenden Passagiere sind nicht nur Menschen mit Behinderung. Jeder, der Unterstützungsbedarf hat, kann diesen anmelden. Ein Nachweis durch einen Schwerbehindertenausweis wird nicht verlangt. Dabei ist es egal, ob jemand Wegen der Beine, wegen des Rückens, wegen der Augen, wegen des Gleichgewihtssinns, wegen der Orientierung, oder auch wegen der Sprache Hilfe benötigt.

denn so hätten Menschen aus Ländern, in denen es so etwas nicht gibt, einen Nachteil. Wir sind nicht befugt zu fragen, was der Mensch hat, sondern welche Art der Unterstützung er oder sie benötigt.

Und so unterschiedlich wie Menschen sind, so unterschiedlich sind ihre Bedarfe und Vorlieben.

Somit habe ich auch immer einen Rollstuhl dabei gehabt, auch wenn ich einen Gast mit dem Betreuungscode BLND abholen wollte. Ich habe ganz offen gefragt „möchten Sie sich in den Rollstuhl setzen oder möchten Sie lieber mit mir laufen?“ und habe entsprechend dann den Rollstuhl an diesem Ort stehen gelassen und habe laufend betreut, oder den Rollstuhl geschlossen mitgeführt, oder bei entsprechendem Wunsch den Gast auch sitzen lassen. Selbstverständlich ist es ein Unding, wie von dir beschrieben, dass eine Mitarbeiterin am Flughafen, dass du dich in den Rollstuhl setzen sollst.

Aus meiner Erfahrung wollte ich dir kurz beschreiben, dass ich beispielsweise auch ältere Damen unterstützt habe, die schlecht sehen konnten und schlecht zu Fuß waren und weder deutsch noch englisch sprechen konnten. Diese Dame bevorzugte es, im Rollstuhl gebracht zu werden, da es eine enorme Erleichterung für sie darstellte.

2008 trat eine EU-Verordnung in Kraft, die festlegt, dass der PRM-Service (PRM = Passenger with reduced mobility) von dem jeweiligen Flughafen übernommen werden muss und nicht mehr von der jeweiligen Airline übernommen werden darf. Seit dem (denke ich und hoffe ich) wird das Personal gesondert geschult und sensibilisiert. Ich habe mich jedenfalls von der Firma gut vorbereitet gefühlt und fand es immer sehr gut, dass nicht nach Schema X vorgegangen werden muss, sondern wir auf den individuellen Unterstützungsbedarf des Passagiers reagieren sollten. Und das heißt auch, dass ich lieber einen Rollstuhl zu viel mitnehme, als den Passagier wegen falsch übermitteltem Betreuungscode warten lassen muss, weil ich erst einen Rollstuhl organisieren muss. Die Kommunikation an dem Ort, an dem die Betreuung beginnt ist wichtig. Ich muss abfragen was der Passagier braucht und muss abschätzen, was auf dem Weg, der uns erwartet davon wichtig ist. So kann ich am besten spontan reagieren.

noch ein anderer ganz pragmatischer Grund, warum ich einen Rollstuhl trotzdem dabei habe: es ist ein stressiger Vormittag, es herrscht Rollinotstand weil alle unterwegs sind, ich bin gerade mit meinem WCHR-Auftrag fertig und bekommen den BLND-Auftrag und weiß nicht was danach kommt. Ich halte meinen Rolli fest in der Hand weil ich sonst später über viele Kilometer einen suchen muss!

Diese Arbeit hat mir immer große Freude bereitet. Ich durfte so viele so unterschiedliche Menschen begleiten, so viele Sprachen hören, so viel Dankbarkeit spüren. Das hat mein Leben sehr bereichert.

Bestimmt habe auch ich manchmal Fehler gemacht, durch Stress und durch mangelnde Kommunikation. Aber kein Mensch ist perfekt und ich denke doch und hoffe auch, dass ich immer die Würde der Menschen bewahrt habe, niemanden in einen Rollstuhl gezwungen habe und möglichst sensibel die Rechte meiner Gäste vor dem Sicherheitspersonal und den Mitarbeitern der jeweiligen Airline verteidigt habe, wenn die Kollegen manchmal unsensibel wurden.

Ich hoffe, dass Dir meine Erklärungen weiterhelfen.

Melanie.

Ich danke Melanie für die Einblicke in ihre Arbeit. Und nun lade ich Euch zu einem Meinungsaustausch in den Kommentaren ein.

Wünsche an die Bedienung beim blind essen gehen

Essen gehen kann unter den richtigen Voraussetzungen sehr schön und entspannend sein. Jedenfalls mit den richtigen Leuten und der Atmosphäre im Restaurant. Auch das Verhalten der Bedienung ist für viele blinde Gäste ein wichtiges Kriterium.

Betrete ich ohne sehende Begleitung ein Restaurant oder Kaffee, so bleibe ich erst mal im Raum stehen und warte darauf, dass mich eine Bedienung anspricht. Ich kann zwar die Menschen um mich herum wahrnehmen, jedoch nicht unterscheiden, ob es sich um die Mitarbeiter des Restaurants handelt, oder um andere Gäste. Und ich kann nicht sehen, ob ein Tisch bereits als reserviert gekennzeichnet ist. Daher schätze ich es sehr, wenn mich die Bedienung zu einem Tisch begleitet. Anweisungen wie „Links von Ihnen ist ein Stuhl“ sind zielführender als „Da ist Platz“. Auch die Hand auf die Stuhllehne legen reicht. Man braucht den blinden Gast nicht auf den Stuhl zu drücken, oder ihm den Stuhl unter den Hintern zu schieben. Das empfinde ich eher als Verunsicherung.

Die meisten Gaststätten haben keine Speisekarte in Braille. Wenn sie online in einer Barriere arme Fassung verfügbar ist, kann ich mich zuhause über das Angebot informieren. Doch nicht jeder blinde Gast kann das. Ansonsten brauche ich Infos über das Angebot. Es reicht erst mal die Überschriften oder Kategorien vorzulesen, damit der blinde Gast eine Orientierung hat. Er wird der Bedienung dann sagen, ob er sich für die Salate, Fleischgerichte oder die Aufläufe interessiert.

Beim Servieren von Getränken ist es am besten dem blinden Gast zu zeigen wo das Glas steht. Er kann es sich so platzieren, dass es für ihn praktisch ist. Und ganz wichtig: Dieses Glas niemals ohne Wissen des Blinen an einen anderen Platz stellen. Umfallende Gläser sind für alle Beteiligten unangenehm.

Beim Servieren des Essens hilft es den Gast zu fragen, ob er den Teller erklärt haben möchte. Wer noch ausreichend sieht, braucht das nicht. Andere blinde Gäste freuen sich darüber.

Der Teller wird wie ein Zifferblatt einer Uhr beschrieben. Beispiel: Auf sechs Uhr liegt das Fleisch, auf zwei Uhr die Kartoffeln und auf 10 Uhr das Gemüse. Stehen kleine Gefäße auf dem Teller, wie z. B. Sauce oder Dipp, dann bitte auch kurz Bescheid sagen. Dasselbe gilt für Dekoration oder Zitronenscheiben, auf die man möglicherweise versehentlich beißt.

Ein blinder Gast sieht die Bedienung nicht. Er kann also keinen Blickkontakt aufnehmen oder gezielt winken, wenn er einen Wunsch hat. Daher ist es nützlich, wenn die Bedienung sich hin und wieder bemerkbar macht. Ein „Brauchen Sie etwas“, oder „Hier alles in Ordnung“ reicht aus, um wahrgenommen zu werden.

Ich erlebe hin und wieder, dass die Bedienung die Rechnung auf den Tisch legt und erst mal abwartet. Es macht mehr Sinn mit dem Gast zu sprechen und ihm den Rechnungsbetrag zu nennen. Wenn ein blinder Gast bezahlt, bekommt auch er das Wechselgeld zurück, und nicht etwa eine anwesende sehende Begleitung. Und bitte dem Blinden nicht das Wechselgeld einfach so auf den Tisch legen, oder in den Geldbeutel stecken. In die Hand geben reicht. Wenn er weitere Hilfe braucht, dann ist es an ihm diese einzufordern und zu benennen.

Möchte ein blinder Gast mit einer EC-Karte zahlen, dann braucht er Begleitung zum Kartengerät. Den Arm oder die Schulter zum Anfassen reicht aus. Man braucht den Blinden nicht vor sich herzuschieben, oder besonders festzuhalten. Er hat kein Interesse daran sich loszureißen.

Hat das Zahlungsgerät einen Touchscreen, dann kann dieser überhaupt nicht blind bedient werden. Das geht nur, wenn dieser mit fühlbaren Tasten bestückt ist. Als blinder Gast brauche ich die Information, dass ich jetzt meinen Pin eingeben darf. Beim Zahlen mit einer Kreditkarte brauche ich die Stelle, an der ich unterschreiben soll. Wenn man unter der Stelle, an die die Unterschrift soll, eine Karte oder anderen festen Gegenstand legt, macht es die Orientierung beim Unterschreiben einfacher.

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es handelt sich lediglich um ein paar Anregungen, die Ihr gern in den Kommentaren ergänzen dürft.

Vom blind fliegen und behindert werden

Lydia auf der Besucherterrasse vor einem Flugzeug

Anfang der neunziger Jahre erzählte mir ein Freund von einem blinden Fluggast, der bei der Buchung um eine Assistenz gebeten hatte, die ihn aus dem Flugzeug führt und bis zur Ankunftshalle begleitet. Aus welchen Gründen auch immer rückte die Flughafenfeuerwehr mit einer Trage an.
Ich war bis dahin noch nie alleine geflogen. Und so lachte ich erst einmal herzhaft über diese Geschichte. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass tatsächlich jemand eine Trage für einen blinden Fluggast angefordert hatte. Heute kann ich mir durchaus vorstellen, dass an der Geschichte wenigstens ein bisschen Wahrheit dran ist. Denn blinde Menschen werden immer wieder gern als hilflose Wesen dargestellt, für die alles gemacht und entschieden werden muss.
Als ich 1994 am Frankfurter Flughafen landete, holte mich eine Mitarbeiterin ab, die einen Rollstuhl mitbrachte. Sie bestand darauf, dass ich mich in eben diesen Rollstuhl setzte. Sonst würde sie mich nicht mitnehmen. Ich war damals Anfang zwanzig, und war bisher kaum alleine geflogen. Ich hatte einen anstrengenden Tag hinter mir, und wollte nur noch nach Hause. Daher gab ich irgendwann meinen Protest auf, und setzte mich in diesen Rollstuhl. Denn es schien damals die einzige Möglichkeit für mich zum Ausgang begleitet zu werden.
Das Thema Rollstuhl hat mich seitdem immer wieder begleitet. Immer dann, wenn ich eine Begleitung durch den Flughafen buche, wird in neunzig Prozent aller Fälle der obligatorische Rollstuhl mitgebracht. Auch wenn ich angebe, dass ich lediglich sehende Begleitung zur Orientierung brauche, und keine Gehbehinderung habe. Bisher konnte mir keiner sagen wo im Informationsfluss dieses wichtige Detail verschwindet. Allerdings habe ich längst begriffen, dass kein Mitarbeiter mich dazu zwingen darf im Rollstuhl Platz zu nehmen.
Vor etwa zwei Jahren flog ein blindes Elternpaar mit zwei sehenden Kindern in den Urlaub. Der Flug wurde dadurch getrübt, dass den Kindern untersagt wurde am Fenster zu sitzen. Hier hatten die blinden Eltern zu sitzen. So wollten es die Sicherheitsbestimmungen. Denn Menschen mit Behinderung haben aus Sicherheitsgründen am Fenster zu sitzen.
Ich mag Fensterplätze im Flugzeug überhaupt nicht. Zum einen erschwert es die Kommunikation mit den Flugbegleitern am Gang, da es im Flugzeug ziemlich laut sein kann. Und da Gestik und Mimik für mich als Werkzeug zur Verständigung ausfällt, bin ich auf das gesprochene Wort angewiesen. Das fängt bei den Sicherheitsmaßnahmen an, und geht weiter über die Essensverteilung und andere Anliegen. Außerdem ist es schwierig für mich an ein oder zwei Fluggästen vorbeizukommen, um zur Toilette zu gehen.
Getoppt wurde das von einem Kabinenchef der jordanischen Fluggesellschaft. Ich flog 2007 mit meinen Kindern, sechs und acht Jahre alt, von Frankfurt nach Amman. Dafür hatte ich Begleitung zum Flugzeug angefordert, die auch reibungslos klappte. Im Flugzeug kam dann der Kabinenchef auf mich zu, und erklärte mir, dass ich meine Kinder aufgrund meiner Sehbehinderung nicht im Flugzeug begleiten darf. Er forderte mich auf ein Formular zu unterschreiben, dass es sich bei meinen Kindern um unbegleitete Kinder handelt. Wenn ich das nicht tat, dann dürfte er uns gar nicht mitnehmen. Ich kannte diese Vorschrift nicht, und unterschrieb dieses Formular. Denn ich wollte nicht riskieren, dass wir wieder aussteigen mussten. Danach kümmerte sich das Personal während des ganzen Flugs nicht mehr um uns. Den Service für unbegleitete Kinder hatte ich mir anders vorgestellt. Das war das einzige Mal, dass ich mich über die Behandlung an oberster Stelle beschwert habe. Denn es gibt keine Vorschrift, die Eltern mit Behinderung die Mitnahme ihrer Kinder im Flugzeug verbietet. Erst recht nicht, da ich bei der Buchung meine Behinderung angegeben hatte.
Abschließen möchte ich mit einen sehr schönen Erlebnis. Als meine Tochter zehn Monate alt war, flog ich mit Lufthansa über Nacht von Frankfurt nach Amman. Ich wurde von einer Mitarbeiterin abgeholt, die auch den Kinderwagen schob. Dieser fand sogar in der Kabine Platz, so dass ich ihn bei der Ankunft sofort hatte. Während des Flugs schaute eine Flugbegleiterin regelmäßig nach uns. Und als ich einmal zur Toilette ging, blieb eine Kollegin bei meinem Baby, während die andere mich begleitete. Bei der Ankunft wurden wir von einem Mitarbeiter abgeholt, der den Kinderwagen schob, und mir seinen Arm bot. Es war einfach ein toller Service.

Und jetzt lade ich Euch ein in den Kommentaren über Eure Flugerfahrungen zu berichten.

Blind Bus fahren, das ist für mich wichtig

Lydia steht an einer Bushaltestelle

Bushaltestellen, Bahnhöfe, oder andere öffentliche Verkehrsmittel, die ich regelmäßig nutze, kenne ich. Im Klartext heißt das, dass ich gelernt habe, wo der Bus oder die Bahn hält, und wie ich diese am besten finde. Jedenfalls, wenn alles nach Plan läuft.
Es ist mir schon passiert, dass ich an einer Bushaltestelle gewartet habe, bis mir eine vorbeikommende Person gesagt hat, dass ein Zettel mit Hinweis auf eine Haltestellenverlegung da hing. Auch das sind Barrieren im Straßenverkehr.
An der Bushaltestelle stehe ich am liebsten dort, wo das Haltestellenschild ist. Damit stelle ich sicher, dass ich in der Nähe der vorderen Tür bin. Denn wenn ein Bus einfährt, muss ich diese möglichst schnell erreichen können. Ich muss wissen welcher Bus gerade einfährt. Und da es so gut wie keine akustische Ansage für einfahrende Busse gibt, muss ich den Busfahrer fragen. Wenn der Bus dann sehr weit nach vorne fährt, dann wird es für mich anstrengend. Auf die Frage „Welcher Bus ist das“? Wünsche ich mir eine Antwort wie „653“ oder „Frankfurt Süd“. Nicht aber „Falscher Bus“, oder „Steht doch drauf“. Auch die freundlich gemeinte Ansage „Steigen Sie ein“, nützt mir nichts. Einsteigen werde ich erst, wenn ich sicher bin, dass es sich um den Bus mit meinem Fahrziel handelt.
Ich brauche keine Hilfe beim Einsteigen. Mein bester Freund ist hier mein Blindenstock, mit welchem ich fühlen kann, wie hoch der Einstieg in den Bus ist. Ich mag es nicht, wenn mich gut meinende Personen versuchen in den Bus zu schieben. Ich erschrecke mich, da ich nicht weiß ob das Freund oder Feind ist. Menschen, die versuchen mich an meinem Stock in den Bus zu ziehen, bringen mich eher in Gefahr. Denn der Stock hilft mir Stufen und Hindernisse zu erkennen. Er ist also mein Auge am Boden. Stellt Euch vor, Euch würde man die Augen zuhalten und irgendwohin ziehen.
Im Bus wird es gern still, wenn ich einsteige. Wenn gesprochen wird, höre ich, ob bereits jemand auf dem Platz, an dem ich gerade vorbeilaufe, sitzt. Ist es still, dann könnte dieser leer sein. Da ich das meistens nicht sehe, muss ich tasten. Frei nach dem Motto  „Wer nicht hören kann, darf fühlen“. Leute, man darf einem blinden Fahrgast ruhig sagen, dass man bereits da sitzt. Und man darf auch die Information geben, dass links oder rechts von mir ein Platz frei ist. Aber bitte nicht zum Sitzen drängen. Wenn ich einen ganzen Tag lang gesessen habe, dann freue ich mich darüber im Bus oder der S-Bahn zu stehen.
Um an der richtigen Bushaltestelle aussteigen zu können, brauche ich eine akustische Ansage der Haltestelle. Ich kann die optische Anzeige nicht sehen. Und genauso sehe ich nicht wo wir gerade entlang fahren. Auf bekannten Strecken bin ich auf meine Kenntnisse des Streckenverlaufs angewiesen. Aber das verlangt mir absolute Konzentration ab. Fährt der Bus außerplanmäßig eine Umleitung, habe ich sofort verloren. Nicht nur meine Heimatstadt zeichnet sich dadurch aus, dass die Ansagen kaum bis gar nicht funktionieren. Wenn ich den Busfahrer auf die fehlende Ansage hinweise, bekomme ich Antworten wie „Kaput“, oder „Ich sage Ihnen Bescheid“. Dabei geht er gern davon aus, dass ich immer an derselben Haltestelle aussteigen möchte. Nachdem ich bereits ein paar Mal vom Busfahrer vergessen wurde, und falsch ausgestiegen bin, verlasse ich mich nicht mehr auf das Versprechen. Im Übrigen geht es Menschen, die nicht ortskundig sind, ähnlich.
Beim Aussteigen wünsche ich mir, dass der Bus an der regulären Haltestelle hält. Ich mag es gar nicht, wenn er so weit vorne oder hinten hält, dass ich erst mal über eine Grünfläche laufen muss, um auf den Bürgersteig zu kommen. Das erschwert mir die Orientierung.

Die blinde Mutter und der Autokauf

Lydia steht neben der Fahrertür eines Autos.

Ich habe mich nie besonders für Autos interessiert. Für mich war das ein Gehäuse auf vier Rädern. Auch die meisten Autotypen sagten mir wenig. Ich glaube, ich hatte ebenso viel Ahnung von den Eigenschaften eines Autos wie ein normal sehender Mensch von den Unterschieden bei der Brailleschrift.
Als ich klein war, hatten wir ein Auto in der Familie, welches von meinem Vater gefahren wurde. Meine Mutter erledigte ihren Alltag komplett ohne Auto. Und auch ich lernte ohne Auto zu denken. Und wenn ich doch mal einen Ort erreichen musste, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreichbar war, nahm ich mir ein Taxi, oder organisierte mir ein Auto inklusive Fahrer. Als meine Kinder im Vorschulalter waren, wurde das Auto noch mal interessant. Ich bezahlte eine Assistenz dafür mit mir den Familieneinkauf, den ich alleine nicht nach Hause tragen konnte, zu erledigen. Und wenn mein Sohn am Wochenende zu einem Treffpunkt für sein Fußballspiel musste, dann war ich auf die Hilfe von anderen Eltern angewiesen, oder ich bezahlte ein Taxi.
Auch meine Kinder lernten ohne Auto zu denken. Während ihrer Grundschulzeit war alles in meiner Heimatstadt zu Fuß erreichbar. Und als sie älter wurden, durften sie das Fahrrad benutzen. Dadurch erweiterte sich ihr Aktionsradius. Denn die weiterführende Schule war in der Nachbarstadt. Bei gutem Wetter fuhren sie mit dem Fahrrad hin, während sie im Winter den Bus nahmen. Wenn es mal richtig stark regnete, dann fanden wir entweder andere Miteltern, die meine Kinder mitnahmen, oder ich bestellte ihnen ein Taxi.
Mit 17 Jahren machte meine Tochter ihren Motorradführerschein. Dadurch erweiterte sich ihr Aktionsradius noch mal. Für sie war das wichtig, da das Einzugsgebiet ihrer aktuellen Schule sich vergrößert hatte, und der ÖPNV in manchen Situationen sehr zeitaufwändig war. Jetzt war es auch mal möglich für vier Freistunden nach Hause zu fahren, was mit dem Bus kompletter Unsinn war.
Anfang 2018 bekam sie nun ihren PKW-Führerschein. Endlich hatten wir jemanden in der Familie, der ein Auto fahren durfte. Aber woher jetzt ein Auto bekommen? Mein Mann und ich hatten versäumt uns mit der Materie Auto auseinanderzusetzen. Und jetzt bekamen wir die Rechnung präsentiert. Wir brauchten jemanden, der gemeinsam mit uns nach einem passenden PKW suchte. Und hier lag das Problem. Auf einmal hatten wir im sozialen Umfeld ganz viele selbst ernannte Experten, die uns mit so vielen Ratschlägen bombardierten, dass mir jedes Mal der Kopf schwirrte. Wir fuhren Gebrauchtwagenhändler ab, machten Termine mit verschiedenen Privatleuten, die Autos verkauften, um dann festzustellen, dass das Angebot sich vom tatsächlichen Objekt unterschied. Hurra, es lebe die Bildbearbeitung! Ein Verkäufer wollte uns sogar weiß machen, er habe das falsche Auto fotografiert. Schade, dass ich zu dem Zeitpunkt keine Visitenkarte vom ansässigen Blindenverband dabeihatte.
Mit dem Autokauf fühlte ich mich völlig überfordert. Vielleicht könnte man das mit einem nicht blinden Menschen vergleichen, der eine geeignete Braillezeile für einen Blinden aussuchen soll. Dabei konnte es doch kein Hexenwerk sein, ein Auto zu kaufen. Oder vielleicht doch? Und so langsam lief uns die Zeit davon.
Irgendwann telefonierte ich mit einem Bekannten, und sprach das Thema an. Dieser kannte sich aus, und hatte Freunde im Autohandel, die er fragen würde. Wir brauchten einen Gebrauchtwagen, der fahrtüchtig und ohne Bastelbedarf war. Eine Woche später fuhren meine Tochter und ich zu ihm nach Düsseldorf, wo wir eine Auswahl in Frage kommender Autos fanden. Wir entschieden uns für eines, und wurden handelseinig. Ich würde die Hälfte des Geldes überweisen, danach würden die Fahrzeugpapiere zu uns geschickt, und der Kaufvertrag aufgesetzt. Danach konnten wir hier das Auto versichern, anmelden, und anschließend in Düsseldorf abholen.
Es dauerte eine Woche, bis wir die Unterlagen hatten und eine Versicherung gefunden hatten.
Jetzt musste das Auto noch von Düsseldorf nach Frankfurt. Meine Tochter war Fahranfängerin. Daher wollte ich nicht, dass sie diese Strecke allein fuhr. Für 300 € hätte der Händler es uns auch geliefert. Doch wollte ich das Geld nicht ausgeben. Am Ende konnte ich eine Freundin der Familie dafür gewinnen das Auto gemeinsam mit mir zu fahren.
Diese Freundin fuhr mit mir zur Zulassungsstelle nach Langen, um das Auto anzumelden. Die dortigen Mitarbeiter hatten wohl noch nie einen blinden Menschen live und in Farbe gesehen. Jedenfalls erfüllten sie alle gängigen Klischees. Sie sprachen mit meiner sehenden Begleiterin, wenn sie etwas wissen wollten. Einige starrten mich an, als hätte ich eine neue Warze auf der Nase. Und gleich mehrere Mitarbeiter stellten meiner Freundin die Frage, ob sie mir bei der Unterschrift die Hand führen würde. Nein, tut sie nicht. Sie zeigt mir wo die Unterschrift hin soll.
Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Düsseldorf, und holten das Auto ab. Ein kleines Auto, das für uns alle Platz bietet, und meinen Kindern einen größeren Aktionsradius ermöglicht.

Was hat sich für mich seitdem geändert
In meinem Alltag hat sich nicht viel geändert. Ich bewege mich nach wie vor ohne Auto durch meinen Alltag. Die Ausnahme bildet der Großeinkauf, den wir jetzt mit dem Auto erledigen können. Außerdem können wir hin und wieder mal einen Ausflug an einen der naheliegenden Baggerseen machen. Diese sind für mich ohne Auto oder Fahrrad unerreichbar. Und wenn wir unterwegs sind, brauche ich mir keine Gedanken zu machen, dass ich zu jeder Zeit mein Gepäck selbst tragen können muss. Das Auto ist ein kleines Bonbon für meine Familie. Aber es wird nie meinen Alltag beherrschen. Dafür liebe ich meine Mobilität und Unabhängigkeit zu sehr.