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Zu prüde für die KI

Zu prüde für die KI

Warum blinde Menschen dieselben Informationen brauchen wie alle anderen

Ich liebe es, selbstständig zu sein. Dazu gehört für mich auch, ganz in Ruhe auf dem Sofa zu sitzen, durch eine Secondhandplattform für Mode zu stöbern und nach einem schönen Kleidungsstück zu suchen. Ich möchte selbst entscheiden, was mir gefällt, was ich kaufen möchte und worauf ich lieber verzichte. Dank künstlicher Intelligenz ist das für mich als blinde Frau heute viel einfacher als früher.

An diesem Tag stoße ich auf einen Bikini. Meine Sprachausgabe verrät mir, dass das Kleidungsstück angeboten wird. Ich werde neugierig und öffne das Produkt. Wie sieht der Bikini aus? Welche Farbe hat er? Wie ist er geschnitten? Gibt es vielleicht Gebrauchsspuren? Genau solche Informationen möchte ich haben, bevor ich mich für oder gegen einen Kauf entscheide.

Also bitte ich die automatische Bildbeschreibung meines Smartphones, mir das Foto zu erklären. Doch statt einer Antwort bekomme ich eine Meldung, dass das Bild möglicherweise anstößige Inhalte zeigt und deshalb nicht beschrieben werden kann.

Ganz ehrlich, in diesem Moment frage ich mich, ob das wirklich sein muss. Ich möchte doch nur wissen, wie ein Bikini aussieht. Sehende Menschen können das Foto problemlos betrachten und sich ihre eigene Meinung bilden. Mir wird diese Möglichkeit genommen, obwohl ich gerade auf die technische Unterstützung angewiesen bin, die mir mehr Selbstständigkeit ermöglichen soll.

Und genau das ist mein Problem. Die künstliche Intelligenz soll mir helfen, Informationen zugänglich zu machen. Stattdessen entscheidet ein automatisierter Filter darüber, welche Informationen ich bekommen darf. Was für sehende Menschen selbstverständlich ist, wird für mich plötzlich zur unüberwindbaren Hürde.

Dabei hat künstliche Intelligenz meinen Alltag beim Einkaufen erheblich erleichtert. Eine wichtige Unterstützung bietet mir die App Be My Eyes. Sie wurde entwickelt, um blinden und sehbehinderten Menschen im Alltag zu helfen. Mit der Funktion Be My AI kann ich ein Foto aufnehmen oder ein vorhandenes Bild hochladen. Die künstliche Intelligenz analysiert das Bild und beschreibt mir, was darauf zu sehen ist. Sie kann beispielsweise Farben, Kleidungsstücke und Gegenstände erkennen. Wenn ich weitere Informationen benötige, kann ich gezielt nachfragen. So bekomme ich einen Eindruck von Bildern, die mir sonst ohne fremde Hilfe nicht zugänglich wären.

Doch auch bei Be My Eyes zeigte sich, wie schnell eine gut gemeinte Schutzmaßnahme zum Hindernis werden kann. Im September 2023 konnten blinde Nutzerinnen und Nutzer mit Be My AI zeitweise keine Gesichter mehr beschreiben lassen. Hintergrund waren Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und der möglichen Identifizierung von Personen.

Für blinde Menschen können solche Informationen wichtig sein. Wie sieht eine Person auf einem Foto aus? Lächelt sie? Welche Frisur hat sie? Wie ist ihr Gesichtsausdruck? Solche Fragen gehören zum Alltag und helfen dabei, Bilder und soziale Situationen besser zu verstehen.

Die Einschränkung stieß auf Kritik aus der Community. Nach Protesten wurde die Beschreibung von Gesichtern wieder ermöglicht. Dabei ging es um sichtbare Merkmale, nicht darum, Menschen anhand ihres Gesichts zu identifizieren.

Dieses Beispiel zeigt, dass technische Einschränkungen nicht unveränderlich sein müssen. Wenn Nutzerinnen und Nutzer ihre Erfahrungen einbringen und ihre Bedürfnisse ernst genommen werden, können Lösungen gefunden werden, die sowohl Schutz als auch Teilhabe berücksichtigen.

Bei automatischen Bildbeschreibungen auf dem Smartphone und bei anderen KI-Systemen stellt sich deshalb eine ähnliche Frage. Was passiert, wenn ein Algorithmus ein Bild vorschnell als anstößig einstuft? Die Beschreibung kann dann verweigert werden, obwohl es sich lediglich um ein harmloses Foto von Badebekleidung oder Unterwäsche handelt. Die Maschine unterscheidet möglicherweise nicht ausreichend zwischen einem gewöhnlichen Produktfoto und tatsächlich problematischen Inhalten.

Ein Bikini ist schließlich ein Kleidungsstück und kein anstößiger Inhalt.

Natürlich müssen KI-Systeme Grenzen setzen, wenn es um illegale Darstellungen oder die Verletzung von Persönlichkeitsrechten geht. Aber zwischen problematischen Inhalten und einem gewöhnlichen Foto von Badebekleidung sollte eine künstliche Intelligenz unterscheiden können.

Besonders deutlich wird die Problematik bei Nacktheit und erotischen Bildern. Blinde Erwachsene haben ebenso wie sehende Menschen das Recht auf Selbstbestimmung, Neugier und eine eigene Sexualität. Blindheit macht niemanden unmündig. Warum sollte eine erwachsene blinde Person Informationen nicht erhalten dürfen, die ein sehender Mensch ganz selbstverständlich wahrnehmen kann?

Das Problem ist nicht, dass KI-Systeme Schutzmechanismen haben. Das Problem entsteht dann, wenn diese Mechanismen zu pauschal greifen. Sehende Menschen können das Bild weiterhin sehen. Die Einschränkung trifft vor allem diejenigen, die auf eine Bildbeschreibung angewiesen sind. Damit wird aus einer vermeintlichen Schutzfunktion eine zusätzliche Barriere.

Digitale Barrierefreiheit bedeutet schließlich mehr, als dass eine App mit VoiceOver bedienbar ist. Entscheidend ist, ob ich tatsächlich dieselben Informationen erhalte wie andere Menschen. Eine Technik, die mir einerseits Selbstständigkeit verspricht, darf mir andererseits nicht ohne triftigen Grund den Zugang zu Informationen verwehren.

Ich fordere deshalb die Anbieter von KI-Systemen auf, ihre Filter differenzierter zu gestalten. Harmlose Produktfotos von Bikinis und Unterwäsche sollten sachlich beschrieben werden können. Schutzmechanismen müssen zwischen unterschiedlichen Inhalten unterscheiden, statt pauschal alles zu blockieren, was möglicherweise zu viel Haut zeigt. Erwachsene Nutzerinnen und Nutzer sollten möglichst selbstbestimmt entscheiden können, welche Bildbeschreibungen sie erhalten möchten, soweit dies rechtlich und technisch verantwortbar ist. Und Menschen mit Behinderungen müssen bei der Entwicklung und Verbesserung dieser Technologien von Anfang an mitreden und mitentscheiden.

Ich verlange keine Sonderbehandlung. Ich verlange Gleichberechtigung. Wenn sehende Menschen selbst entscheiden dürfen, wohin sie schauen, warum sollte eine blinde Frau nicht selbst entscheiden dürfen, was ihr beschrieben wird?

Mich interessiert eure Meinung: Ist eine solche Sperre ein notwendiger Schutz oder eine unnötige Bevormundung? Schreibt eure Gedanken und Erfahrungen in die Kommentare. Denn digitale Barrierefreiheit betrifft uns alle und zeigt, wie ernst wir es mit gleichberechtigter Teilhabe wirklich meinen. Wer die Bildbeschreibung mit Be My Eyes selbst ausprobieren möchte, findet die App kostenlos im App Store für das iPhone unter https://apps.apple.com/de/app/be-my-eyes/id905177575 und im Google Play Store für Android unter https://play.google.com/store/apps/details?id=com.bemyeyes.bemyeyes.

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Allgemein Alltag

Knuspr schließt blinde Kunden aus – ein Erfahrungsbericht

 Heute Morgen bekam ich eine SMS. „KnusprTeam, bestelle mit heutiger Lieferung und sichere dir 5 Credits! Spare dir das Anstehen mit knuspr.de!“ Eine dieser Nachrichten, die früher bei mir funktioniert haben. Ein kleiner Anstoß, schnell noch etwas zu bestellen, sich den Alltag ein Stück leichter zu machen. Für einen Moment war sie einfach da, diese Erinnerung an einen Service, der für mich lange Zeit genau das war: praktisch, flexibel und ein Gewinn an Selbstständigkeit.

 

Und dann kam die Realität. Bestellen geht nicht mehr. Nicht, weil ich nicht will, sondern weil ich es nicht kann. Die App, die mir genau dieses „Anstehen sparen“ ermöglichen sollte, schließt mich inzwischen vollständig aus.

 

Die App von Knuspr war nie wirklich barrierefrei. Schon vor zwei oder drei Jahren habe ich den Support auf bestehende Probleme hingewiesen. Damals wurde zumindest so weit nachgebessert, dass die App mit der Sprachausgabe irgendwie nutzbar war. Perfekt war sie nie, aber praktikabel.

 

Warum ich trotzdem dort bestellt habe? Der Service passte gut in mein Leben. Der Mindestbestellwert war niedrig, teilweise konnte man sogar ganz ohne Mindestbestellwert bestellen. Die Lieferzeitfenster waren klein und überschaubar, was mir Planungssicherheit gab. Leergut wurde bei der Lieferung direkt wieder mitgenommen. Günstig war der Laden nicht, aber dafür wurde alles frei Haus geliefert, und ich musste mich nicht mit der Frage auseinandersetzen, wie ich allein in einen Supermarkt gehe. Meine Bequemlichkeit wurde dabei durchaus optimal unterstützt.

 

Für einen jährlichen Aufpreis von rund 100 Euro konnte man zusätzlich kleinere Zeitfenster nutzen und noch häufiger ohne Mindestbestellwert bestellen. Genau diese Flexibilität war für mich und viele andere blinde Menschen ein echter Gewinn an Selbstständigkeit.

 

Seit mehr als einem halben Jahr konnte ich in der App nicht mehr nachlesen, welche Zutaten oder Nährwerte ein Produkt enthält. Ursache war ein Update. Mehrere Meldungen an den Support blieben ohne Ergebnis. Auch Hinweise auf weitere Barrieren, die von anderen blinden Nutzerinnen und Nutzern gemeldet wurden, verliefen im Sande.

 

Vor einigen Wochen folgte dann der nächste Schritt. Die App ist für blinde Menschen inzwischen gar nicht mehr bedienbar. Meine Sprachausgabe schweigt mich konsequent an. Buttons, Inhalte und Navigation sind nicht mehr zugänglich.

 

Ich bin damit nicht allein. Es gibt mehrere blinde Kundinnen und Kunden, die regelmäßig bei diesem Shop bestellt haben. Wir alle stehen nun von einem Tag auf den anderen ohne die Möglichkeit da, uns Lebensmittel nach Hause liefern zu lassen. Erneute Anfragen an den Support blieben auch diesmal unbeantwortet.

 

Ein Blick in die Bewertungen im App Store zeigt eine Durchschnittsbewertung von 4,9 Sternen. Liest man genauer hin, wird schnell klar, dass dort vor allem der Lieferservice bewertet wird, nicht die Bedienbarkeit der App. Barrierefreiheit spielt kaum eine Rolle, weder in den Rezensionen noch offenbar im Unternehmen selbst.

 

Dabei gibt es inzwischen das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. Dennoch sehe ich weder konkrete Verbesserungen noch die erkennbare Bereitschaft, sich des Problems ernsthaft anzunehmen.

 

Ich rufe alle Kundinnen und Kunden mit Sehbehinderung dazu auf, aktiv zu werden. Wendet euch an den Support von Knuspr, bewertet die App im App Store ausdrücklich in Bezug auf ihre Bedienbarkeit und macht öffentlich, dass dieser Onlineshop aktuell keine barrierefreie Nutzung ermöglicht. Wer ein kostenpflichtiges Premium-Paket gebucht hat und den Service aufgrund fehlender Barrierefreiheit nicht nutzen kann, sollte sein Geld zurückfordern.

 

Mir geht es nicht darum, einen Shop an den Pranger zu stellen. Es geht darum, darauf hinzuweisen, dass hier eine klare Ausgrenzung von Menschen mit Sehbehinderung stattfindet. Barrierefreiheit ist kein Bonus und kein Zusatzangebot. Sie ist Voraussetzung dafür, gleichberechtigt am Alltag teilzuhaben, auch beim ganz normalen Lebensmitteleinkauf.

 

Weitere Informationen finden sich unter https://www.knuspr.de.

Die App ist im App Store unter https://apps.apple.com/de/app/knuspr/id1448444304 zu finden.

 

Wenn wir jetzt schweigen, bleibt alles so, wie es ist. Wenn wir uns aber äußern, Bewertungen schreiben, Barrieren benennen und unser Recht auf Barrierefreiheit einfordern, machen wir sichtbar, dass Ausgrenzung kein Randproblem ist, sondern etwas, das ganz konkret unseren Alltag betrifft.

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Wir Alltagsblinden – zwischen Klischee und Realität

Uns blinden Menschen werden gern bestimmte Eigenschaften zugeschrieben – nach dem Motto: „Kennst du einen, kennst du alle.“ Jeder, der sich mit mehr als einem blinden Menschen unterhalten hat, weiß, dass das nicht stimmt. Und weil es diesen „typischen Blinden“ nicht gibt, freue ich mich jedes Mal, wenn Gastautorinnen und -autoren mit Sehbehinderung auf meinem Blog schreiben.

 

Der heutige Beitrag stammt von Tamara , die ich über ein gemeinsames Buchprojekt kennengelernt habe und deren Worte mir aus der Seele sprechen.  Wir Alltagsblinden – zwischen Klischee und Realität Wenn die Medien über blinde Menschen berichten, dann meistens in Extremen.

Es werden entweder die Hilflosen gezeigt, die angeblich kaum selbstständig zurechtkommen,

oder die Helden, die mit unglaublicher Willenskraft beim Laufen, Schwimmen, Singen oder anderen herausragenden Leistungen brillieren.

 

Sicher gibt es Hilflosigkeit.

Ich erinnere mich an einen Mann, der plötzlich sein Augenlicht verloren hatte. Er war so ängstlich, sich in seiner eigenen Wohnung zu bewegen, dass er sich auf seinem Bürostuhl durch die Räume rollte, weil er dachte, das sei sicherer.

Er war neu betroffen, überfordert, ängstlich – und musste neu anfangen.

 

Doch Hilflosigkeit muss kein Dauerzustand sein. Sie kann eine Phase sein, die man durch Training, Mut und Zeit überwinden kann. Geeignete Unterstützung wie Unterricht in lebenspraktischen Fertigkeiten ist leider schwer zu bekommen, vor allem, wenn man nicht im Berufsleben steht.

 

Dann gibt es noch die sogenannten „Vorzeigeblinden“, die Medaillen holen, erfolgreich Musik machen oder einen außergewöhnlichen Beruf ausüben. Ihre Leistungen verdienen Anerkennung – aber dadurch wird die Latte für andere Blinde oft ziemlich hochgelegt.

 

Viele von ihnen haben durch Sport oder Musik wieder Mut, Struktur und Lebenswillen gefunden. Sie haben ihren Weg Schritt für Schritt entwickelt und sind nicht einfach auf dem Siegertreppchen oder der Bühne erwacht. Auch sie müssen sich den täglichen Herausforderungen des Alltags stellen.

 

Ich selbst bin seit 23 Jahren blind. Und ich finde mich in keiner dieser Darstellungen wieder.

Ich bin weder ein hilfloses Opfer noch eine Heldin. Ich bin einfach ich – eine Alltagsblinde .

Eine, die ihr Leben lebt, mit Routinen, Techniken, Erfahrungen und einer Portion Gelassenheit.

 

Niemand wird über Nacht zu einem souveränen blinden Menschen, der alle Tricks kennt. Blinde, die seit Geburt an nichts sehen, haben meist über Jahre hinweg gelernt, mit ihrer Umwelt umzugehen. Und auch sie lernen ständig dazu.

 

Selbst nach über zwei Jahrzehnten erlebe ich immer wieder neue Situationen, die herausfordernd sind.

 

Die meisten von uns stehen eben nicht auf der Bühne oder auf dem Podest.

Wir meistern unseren Alltag – ohne große Dramen, aber mit viel Kompetenz.

Wir gehen arbeiten, reisen, kochen, telefonieren, lachen, streiten, lieben.

Manches mit Unterstützung und manches genauso selbstverständlich wie alle anderen auch.

 

Das ist es, was viele übersehen: die Normalität. Es ist an der Zeit, dass die Gesellschaft uns nicht länger nur als hilflose Opfer oder als außergewöhnliche Helden sieht, sondern als Menschen mit unterschiedlichen Geschichten, Fähigkeiten und Lebenswegen.

 

Wir wollen weder bewundert noch bemitleidet werden.

Wir wollen einfach dazugehören – so wie wir sind.  Vielen Dank, liebe Tamara, für deine Worte.

Wir beide sind gespannt, welche Meinungen meine Leserinnen und Leser haben.

 

Lasst gern ein Like da, wenn es euch gefallen hat, und kommentiert unter diesem Beitrag.

Auf einen guten Meinungsaustausch freuen sich Lydia und Tamara

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Allgemein Alltag Bildung unterwegs

Der Tag des weißen Stocks 

Einen schönen Tag des weißen Stocks!

 

Heute feiern wir etwas ganz Besonderes – den White Cane Safety Day. Also: reden wir mal ganz einfach darüber, was es mit diesem weißen Stock eigentlich auf sich hat, warum er so wichtig ist und warum man besser keine voreiligen Schlüsse zieht, wenn man jemanden damit sieht.

 

Was ist der weiße Stock überhaupt?

Der weiße Stock ist nicht einfach nur ein Stock, den blinde oder sehbehinderte Menschen mit sich herumtragen. Nein, er ist viel mehr als das! Er ist sozusagen unsere Augen am Boden, unser Freiheitsstock und manchmal auch einfach unser treuer Reisebegleiter.

 

Mit dem Stock können wir spüren, was vor uns liegt: Stufen, Bordsteine, Pfosten, Löcher oder andere kleine Überraschungen, die die Welt so bereithält. Er hilft uns, sicher und selbstbewusst unterwegs zu sein – auch wenn wir nicht sehen können, was vor uns liegt.

 

Gleichzeitig zeigt der weiße Stock anderen: Diese Person sieht nicht so gut. Er erinnert Autofahrer und Passanten daran, etwas vorsichtiger und geduldiger zu sein.

 

Und falls du mal einen weißen Stock mit einem roten Ring oder einer roten Spitze siehst: Das bedeutet, dass die Person vielleicht zusätzlich eine Hörbeeinträchtigung hat.

 

Warum ist der weiße Stock so wichtig?

  1. Selbstständigkeit

Der Stock gibt uns Freiheit. Er ermöglicht es blinden und sehbehinderten Menschen, sich alleine zu bewegen, ohne ständig jemanden an der Seite zu brauchen.

  1. Sicherheit

Er warnt uns vor allem, was sich am Boden verändert – Bordsteine, Stufen, Löcher oder diese fiesen Mülltonnen, die plötzlich mitten im Weg stehen. So bleiben wir sicher unterwegs.

  1. Aufmerksamkeit für andere

Wenn Leute den weißen Stock sehen, verstehen sie: Diese Person sieht nicht gut und braucht vielleicht etwas mehr Platz oder Geduld. Das hilft, Missverständnisse und kleine Unfälle zu vermeiden.

  1. Symbol

Der weiße Stock steht für Stärke, Würde und Mut. Er zeigt: Blindheit ist keine Schwäche – sie ist eine andere Art, sich anzupassen, selbstbewusst und unabhängig zu sein.

 

Warum man keine voreiligen Schlüsse ziehen sollte

 

Bitte denkt daran: Nur weil jemand einen weißen Stock benutzt, heißt das nicht automatisch, dass er oder sie gar nichts sieht. Manche sehen ein bisschen, andere gar nichts – und das ist völlig in Ordnung. Der Stock ist für Sicherheit da, nicht für Aufmerksamkeit.

 

Und nein, er ist kein modisches Accessoire oder schicker Gehstock. Es ist ein wichtiges Hilfsmittel für unsere Mobilität.

 

Also: nicht starren, kein Mitleid, und bitte nicht einfach am Arm packen. Wenn du helfen willst, frag einfach kurz nach – das ist immer die freundlichste Art zu unterstützen.

 

Und falls du im Auto sitzt: Bitte hupe keine blinde Person an. Das bringt nichts, weil sie das Hupen nicht richtig zuordnen kann – und im schlimmsten Fall erschreckt es nur. Sprich sie lieber direkt an, das ist viel hilfreicher und respektvoller.

 

Und noch etwas: Wenn du etwas von einer blinden Person wissen möchtest, dann sprich sie bitte selbst an – nicht ihre sehende Begleitung. Blinde Menschen können sehr wohl für sich selbst sprechen. Es ist respektvoller und zeigt, dass du sie ernst nimmst.

 

Und ja, vielleicht lächelst du jemanden mit weißem Stock an, und die Person sieht es gar nicht. Aber weißt du was? Es zählt trotzdem. Denn du hast gelächelt – und das ist schon ein schönes Zeichen von Respekt und Freundlichkeit.

 

Zum Schluss

 

Am White Cane Safety Day denken wir daran, dass der weiße Stock kein einfacher Stock ist. Er ist Werkzeug, Signal und Symbol zugleich.

 

Er gibt blinden und sehbehinderten Menschen die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, zu leben, die Welt zu entdecken und gesehen zu werden in einer Welt, die oft nur für Sehende gemacht ist.

 

Der weiße Stock steht für Freiheit, Selbstständigkeit und Stolz.

 

Also: Lasst uns weiter lernen, verstehen und Bewusstsein schaffen – denn wenn wir mehr wissen, können wir auch besser miteinander umgehen.

 

Einen tollen White Cane Safety Day euch allen.

 

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KVG-Hopper, wenn Du sehen kannst, darfst Du mit

Um Kosten für Buslinien zu sparen, die ohnehin kaum jemand nutzt, wurde in Neu-Isenburg der KVG-Hopper eingeführt. Ein modernes, cleveres Konzept – zumindest auf dem Papier. Kleine Elektrofahrzeuge sollten die herkömmlichen Bushaltestellen und zahlreiche virtuelle Haltepunkte in der Stadt anfahren. Die Fahrten optimiert, versteht sich, ein Algorithmus. Klingt effizient, oder?

 

Die Fahrzeuge kann man per App oder – für Nostalgiker – telefonisch bestellen. So spart man in den Randzeiten und an Sonn- und Feiertagen gleich mal die Linienbusse ein. Fortschritt à la Kommunalverkehr.

 

Die erste App allerdings war für blinde Menschen ungefähr so benutzerfreundlich wie ein Touchscreen im Dunkeln. Trotzdem wurde der Hopper als „barrierefrei“ beworben – ein Etikett, das offenbar ziemlich dehnbar ist. Irgendwann wechselte der Anbieter, und mit ihm kam eine neue App. Die war immerhin halbwegs bedienbar. Und so begann mein kleines Abenteuer mit dem KVG-Hopper.

 

Gerade in den Randzeiten ist die App praktisch alternativlos. Gibt man – sagen wir – von Neu-Isenburg Bahnhof  sein Ziel ein, wirft sie einem mehrere Routen aus. Dann heißt es: schnell sein! Innerhalb weniger Sekunden muss man alles erfassen und bestätigen, sonst heißt es von vorn. Ich beherrsche mein Smartphone durchaus, aber der Hopper-App ist das egal – sie testet offenbar, wie viele Finger man gleichzeitig und wie hektisch über den Bildschirm jagen kann. Gepaart mit meiner Sprachausgabe gleicht das einem Reaktionstest in

 

Hat man das Kunststück schließlich geschafft und eine Fahrt gebucht, wartet schon die nächste Prüfung. Im Profil kann man zwar angeben, dass man eine Sehbehinderung hat – allerdings dient das nur der Statistik. Eine Möglichkeit, der Fahrkraft mitzuteilen, dass man blind ist und bitte angesprochen werden möchte? Fehlanzeige. Wo der Hopper hält, entscheidet der Algorithmus – und der liebt Überraschungen. Mal steht das Fahrzeug auf der anderen Straßenseite, mal irgendwo, wo gerade kein Mensch weit und breit zu sehen ist.

 

Einige Fahrer bestätigten mir übrigens, dass sie gar nicht wüssten, dass Menschen mit einem weißen Langstock blind sind. Da hilft nur eins: selbst aktiv werden und Passanten um Hilfe bitten. Wenn denn welche da sind. Und das Beste: Für diesen Nervenkitzel zahle ich pro Fahrt 1,50 € „Komfortzuschlag“. Komfort – das ist wohl Ansichtssache.

 

Beim Aussteigen das gleiche Spiel. Der Haltepunkt hängt davon ab, wohin das Fahrzeug als Nächstes muss. Ich nenne das: Blindflug mit System.

 

Seit über zwei Jahren schlage ich mich nun mit diesem Hopper herum. Für mich ist er weniger ein Verkehrsmittel als ein Stressfaktor mit Elektroantrieb. Trotz unzähliger Rückmeldungen ist alles beim Alten geblieben. Immerhin hat man für mich eine „Einzellösung“ gefunden – ich darf als Telefonkundin buchen und bekomme klare Start- und Zieladressen. Nett gemeint, aber nicht wirklich nachhaltig. Und ob die Fahrer das immer wissen? Nun ja – neulich stand ich an einer genau definierten Adresse und sollte dem Fahrer telefonisch erklären, wie er mich findet. Zum Glück hatte ich keinen Zeitdruck.

  Vielleicht denken die Verantwortlichen des KVG-Hopper ja irgendwann einmal an Menschen mit Sehbehinderung – und ans Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. Bis dahin bleibt der Hopper für mich ein Sinnbild moderner Mobilität: digital, elektrisch, algorithmisch – und leider nur bedingt zugänglich für alle.