Vortrag vor blindem Publikum

Frauenstammtisch bei unserer ansässigen Blindenselbsthilfe. Wir haben eine Referentin eingeladen, die uns etwas über Wohnen im Alter vortragen wird. Mich persönlich interessiert das Thema nur am Rande. Dennoch nehme ich an dem Treffen teil. Denn es ist auch immer eine gute Gelegenheit andere Mitglieder zu treffen, einen Plausch miteinander zu halten und gemeinsam zu essen. Und falls mich der Vortrag unserer Referentin nicht anspricht, habe ich eine Handarbeit in meiner Handtasche. Stricken entspannt mich, und hilft mir dabei mich zu konzentrieren.
Die Referentin beginnt damit, dass sie eine Unmenge an Broschüren vor sich ausbreitet. Anschließend fängt sie an daraus vorzutragen. Soweit, so gut. Nach jedem abgehandelten Punkt kommt allerdings ein Satz, der mich stört. Nämlich „Ich habe Ihnen hier eine Broschüre dazu mitgebracht. Die Kann Ihnen ja jemand vorlesen.“
Ich schreibe dieses Verhalten der Möglichkeit zu, dass die Referentin noch nie mit blinden Zuhörern gearbeitet hat, und lasse sie ihren Vortrag beenden. Anschließend gehe ich zu ihr nach vorne, und frage sie, ob es die Informationen auf den Prospekten auch in einer anderen Form gibt, die für Menschen mit einer Sehbehinderung besser geeignet ist. Damit meine ich Infos in Braille, Großschrift, als Audioversion zum Hören oder als Datei. Nein, gibt es nicht, bekomme ich als Rückmeldung, nebst den angebotenen Broschüren in Papierform. Aber die lehne ich strikt ab. Wer mein Interesse wecken möchte, sollte es mir möglichst leicht machen an seine Informationen zu kommen.
Wären mir die Informationen wichtig genug, dann hätte ich diese zuhause eingescannt, durch eine entsprechende OCR-Software laufen lassen, und für mich in Text umgewandelt. Allerdings ist das für Broschüren ziemlich zeitintensiv. Und so groß ist mein Interesse dann doch wieder nicht.
Wenn man einen Vortrag vor blindem Publikum hält, sollte dieser auch entsprechend gestaltet sein. Bilder und Filme bringen nur dann etwas, wenn diese eine entsprechende Beschreibung beinhalten. Hier ist weniger oft mehr. D. h. im Klartext, dass das gesprochene Wort größere Wirkung zeigt, als viele bunte Bildchen und Filmsequenzen. Das ist höchstens für nicht blinde Begleitpersonen oder sehbehinderte Teilnehmer interessant.
Was die obligatorischen Broschüren angeht, so erwarte ich nicht, dass diese stets in Braille, Großschrift oder Audio verfügbar sind. Jedenfalls nicht bei Organisationen, welche auf ehrenamtlicher Basis arbeiten. Es macht allerdings Sinn mit dem Organisator der Gruppe zu sprechen, und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Diese könnte beispielsweise sein, dass man die Infos als Datei zur Verfügung stellt. Diese kann dann in Braille oder Großschrift ausgedruckt werden. Gleiches gilt auch für die Visitenkarten, die gern am Ende jeder Veranstaltung überreicht werden. Diese haben für mich kaum mehr wert als ein Fetzen Papier ohne verwertbaren Inhalt.
Wenn mir die Info wichtig genug ist, bitte ich den Referenten mir diese per E-Mail zuzusenden, oder notiere mir die Kontaktdaten auf meinem Smartphone. Visitenkarten nehme ich nur selten an, da ich sehr schnell wieder vergessen habe was für ein Papier ich da entgegengenommen habe. Wenn es nicht anders geht, mache ich mit meinem Smartphone ein Foto davon, und vergebe einen sprechenden Namen dafür. Sätze wie „Das kann Ihnen ja eines ihrer Kinder vorlesen“ finde ich blöd. Ich allein bestimme von wem ich mir wenn überhaupt etwas vorlesen lasse. Nur weil meine Kinder sehend sind, heißt es nicht, dass sie mir permanent alles vorlesen müssen. Wenn mir jemand etwas verkaufen will, dann müssen die entsprechenden Infos für mich als Endkunden so verfügbar sein, dass ich sie ohne fremde Hilfe verarbeiten kann. Gleiches gilt für Organisationen und Vereine, die ein Interesse an meiner Mitgliedschaft haben.

Weiterführende Informationen:
in Blind am Computer erkläre ich wie ich am PC arbeite.
und Wie arbeitet ein Blinder am iPhone zeigt wie ich auch unterwegs arbeiten kann.

So, Ihr kennt jetzt meine Meinung dazu. Jetzt freue ich mich schon auf Eure.

Hilfe ja, Mitleid nein!

Es ist Dienstag früh, als ich in den Supermarkt meines Vertrauens gehe. Ich suche die Sachen zusammen, deren Standort mir bekannt ist. Für die drei oder vier Artikel, die ich gar nicht, oder nur unter großem Zeitaufwand alleine finden würde, spreche ich eine Mitarbeiterin an. Um diese Uhrzeit ist das kein Thema, und man hilft mir hier bereitwillig. Auch an der Kasse ist die Lage noch recht entspannt, so dass ich in aller Ruhe bezahlen, und gemeinsam mit der Kassiererin meinen Einkauf verpacken kann, während wir einen kleinen Plausch halten. Ich kann das alleine. Dennoch lasse ich mir gern dabei helfen. Es geht einfach schneller.
Ich finde nichts Schlimmes daran einen anderen Menschen um Hilfe zu bitten. Mir ist klar, dass mir aufgrund meiner Sehbehinderung in manchen Bereichen Grenzen gesetzt sind. Ich kann kein Autofahren, komme auf rein grafisch orientierten Internetseiten nicht zurecht, oder kann keine gezielten Fotos machen. Das ist nun mal so. Ich habe hier genau zwei Optionen. Nämlich mir Hilfe bei diesen Dingen zu holen, oder mich damit abzufinden, dass ich nicht mit dem Auto fahre, auf den Besuch der Internetseite verzichte und das mit dem Foto ebenfalls lasse. Diese Entscheidung treffe ich ganz allein, und mit allen daraus resultierenden Konsequenzen.
Und dann gibt es die Dinge, die ich alleine kann, für die jemand, der sehen kann, jedoch nur einen Bruchteil dieser Zeit benötigt. Ein Beispiel aus meinem Alltag ist das Wischen des Fußbodens. Wenn ich das selbst mache, fange ich links oben in der Ecke an, und höre rechts unten auf. Damit weiß ich, dass ich mit meinem Wischer überall gewesen bin. Eine Kontrolle über den Erfolg habe ich erst, wenn ich auf die Knie gehe, und jede Stelle anfasse, nachdem ich sie geputzt habe. Eine sehende Putzhilfe braucht das nicht zu tun. Sie erfasst mit ein paar Blicken, ob der Fußboden sauber geworden ist, und kann gezielt nacharbeiten, wenn es nötig ist. Wenn ich also weiß, dass ich die mehrfache Zeit dafür brauche, schone ich meine Nerven und meine Knie, wenn ich mir bei dieser Tätigkeit helfen lasse. Bei kleinen Räumen entscheide ich mich oft dafür selbst zu putzen, da der Raum klein und überschaubar ist, während ich das bei größeren Räumen lieber an eine Assistenz abgebe. Ich muss niemandem beweisen, dass ich es kann, und nutze die Zeit lieber sinnvoll für andere Tätigkeiten, die ich gut kann.
Wir Menschen mit Behinderung begehen oft den Fehler, dass wir besonders fit, besonders leistungsfähig, und besonders perfekt sein wollen. Woher das kommt, darüber streiten sich ein bisschen die Geister. Ein Teil liegt wohl in der Kindheit, in der man vielen Menschen mit Behinderung eingebläut hat, sie müssten besser sein als Menschen, die keine Behinderung haben. Denn nur so würden sie in einer leistungsorientierten Gesellschaft anerkannt werden.
Auch ich kenne das Phänomen des besonders leistungsorientierten blinden nur allzu gut. Ich weiß wie es sich anfühlt, wenn man auf die Behinderung runterreduziert wird, wenn die Menschen nicht von mir, Lydia, sprechen, sondern von der Blinden. Wenn die Eigenschaft blind zum Substantiv gemacht wird. Wenn Menschen über mich sprechen, als sei ich nicht nur blind, sondern taub und dumm. Doch inzwischen habe ich gelernt, dass man sich diesen Schuh nicht anzuziehen braucht. Ich bin es mir Wert, dass es mir gut geht. Und dazu gehört, dass ich die für mich beste Option auswähle. Ganz gleich, ob ein anderer blinder Mensch dieses oder jenes besser bewältigen kann, oder inwieweit mein Umfeld mich als vollwertigen Teil einer inklusiven Gesellschaft wahrnimmt.

Sight-City – weltgrößte Messe rund um Blindheit und Sehbehinderung

Während blinde Menschen vor einem halben Jahrhundert als permanent hilflos waren, hat sich die Einstellung unserem Personenkreis gegenüber soweit gewandelt, dass auch ein selbstbestimmtes Leben möglich ist. Je nach Behinderung, Wesen oder Mobilität braucht die eine oder andere Hilfestellung in unterschiedlichen Lebensbereichen.

Theoretische Inhalte darüber gibt es im Netz der Netze in Hülle und Fülle. Ich möchte mal auf die Perspektive einer blinden Person eingehen. Ab und zu brauche ich Hilfe beim Putzen, da ich dafür die mehrfache Zeit brauche, die ein Sehender braucht. Auch handschriftlich verfasste Mitteilungen an mich gehen nur mit Hilfe einer sehenden Assistenz.
Dennoch gibt es eine Menge Hilfsmittel, die mir meinen Alltag erleichtern. Da wäre meine Waage, die mit einer Sprachausgabe versehen ist, so dass auch ich mein Mehl oder Zucker Gramm genau abwiegen kann. Da ist mein sprechendes Farberkennungsgerät, mit welchem ich feststellen kann, ob ich jetzt den blauen, oder den roten Pullover in Händen halte. Und da ist die Software, die gerade jetzt dafür sorgt, dass ich jeden Buchstaben, oder jedes Wort, das ich gerade in den Computer eingebe, vorgelesen bekomme.
Doch nicht nur die Hersteller von Blindenhilfsmitteln haben blinde Personen als Zielgruppe entdeckt. Auch andere Branchen leben inzwischen davon. Da sind die Anbieter für Reisen, die speziell für blinde und sehbehinderte Personen konzipiert sind. Da sind Firmen, die sich auf Schulungen spezialisiert haben. Und da sind Vereine und Selbsthilfegruppen, die ihre Arbeit vorstellen.
Doch sind nicht nur blinde und sehbehinderte Personen als Zielgruppe interessant, sondern auch Angehörige und Freunde von Betroffenen. Und natürlich auch potentielle Kostenträger für Bildungsmaßnahmen. Daher bieten größere Hilfsmittelmessen ein entsprechendes Rahmenprogramm mit Vorträgen oder Podiumsdiskussionen zu unterschiedlichen Themen an.

Ein Highlight ist die jährlich in Frankfurt am Main stattfindende SightCity, Europas größte Hilfsmittelmesse für Blinde und Sehbehinderte. Drei Tage lang präsentieren Aussteller aus aller Welt ihre Neuheiten und Angebote. Daher ist diese Messe für jeden interessant, der sich umfassend informieren möchte. Entsprechend viele blinde und sehbehinderte Besucher nehmen dieses Angebot wahr.
Ein Hilfsmittel ist ein Gegenstand, der einen im Alltag begleitet. Daher ist es wichtig dieses vor dem Kauf in der Hand gehalten und die Bedienung ausprobiert zu haben. Erst recht, wenn es sich um ein kostspieliges Hilfsmittel handelt. Für blinde und sehbehinderte Kunden ist das noch wichtiger, da sie oft die Abbildungen der Hilfsmittel im Onlinehandel oder Hilfsmittelkatalog nicht sehen können.
Ein gutes Beispiel ist mein Blindenlangstock, der mich auf meinen Wegen durch den Alltag begleitet. Ein Blindenstock ist nicht  nur ein Stock. Es gibt diesen in unterschiedlichen Varianten, und mit mancher Zusatzfunktion. Und da ich mich mit dem Blindenstock auf der Straße sicher bewegen möchte, und dabei will, dass sich dieses für mich gut anfühlt, suche ich mir den entsprechenden aus, indem ich damit ein paar Schritte laufe, sein Gewicht prüfe, mich frage, ob mir das Material des Griffs gefällt usw. Und dann gibt es auch unterschiedliche Stockspitzen, zwischen denen ich wählen kann. Es gibt sie in unterschiedlichen Formen, je nach Einsatzgebiet.
Daher bin ich ein Freund davon solche Messen oder Ausstellungen zu besuchen. Sie bieten mir die Möglichkeit mehrere Anbieter verschiedener Produkte kennenzulernen und direkt miteinander zu vergleichen. Ich kann das Hilfsmittel in die Hand nehmen, dem Aussteller jede Frage stellen, die mir wichtig erscheint. Und da viele Betroffene auf solchen Messen unterwegs sind, ist das für viele eine gute Gelegenheit sich zu treffen, Erfahrungen auszutauschen oder einfach mal einen Kaffee miteinander zu trinken.

Wer jetzt neugierig geworden ist, findet auf der Homepage der SightCity alle erforderlichen Informationen über Aussteller und Rahmenprogramm. Viel Spaß beim Stöbern. Und vielleicht treffe ich den ein oder anderen meiner Follower dort.

Das kannst Du nicht, lass mich das machen

Diese und ähnliche Aussagen kennen Menschen mit einer Behinderung nur zu gut. Als blindes Kind bedeutete das für mich, dass ich stets mit Dingen konfrontiert wurde, die ich nicht konnte. Jedenfalls Dinge, die zu einem lebensfähigen Menschen dazu gehörten.

Praktische Beispiele bis zum 9. Lebensjahr waren:
– Ich konnte mir nie ein Glas Wasser oder Tee selbst einschenken.
– Ich habe nie gelernt ein Kleidungsstück zusammenzulegen.
– Ich durfte nie eine Straße ohne sehende Hilfe überqueren.

Ich habe also gelernt, dass ich blind, und damit hilflos bin. So, wie mein Umfeld mich eben sah. Meine Eltern sahen in mir aber auch, dass ich Schulstoff sehr schnell aufnahm. Und weil ich sehr schnell besser deutsch sprach als meine restliche Familie, war für meine Eltern klar, dass ich einen Beruf wie Übersetzerin oder Lehrerin ausüben würde. Ich würde einen sehenden Mann heiraten, der mich zur Arbeit fahren und in Allem unterstützen würde. Und mit viel Glück würde ich sehende Kinder bekommen, die mir später helfen würden. Ja, und solange würde meine Familie für mich sorgen. Und weil ich meinen Eltern vertraute, glaubte ich selbst lange Zeit an diese Lebensplanung
Die große Veränderung kam, als ich mit neun Jahren auf eine Schule für blinde Kinder wechselte. Bisher hatte ich eine Schule für sehbehinderte Kinder besucht, die mit einem Schulbus erreichbar war. Nun musste ich auf das angeschlossene Internat, weil die
Schule zu weit weg war, um täglich nach Hause zu kommen. Ein Lehrer aus der Schule hatte uns zuhause besucht, und mir viel von der Blindenschule und den Kindern erzählt. Ich fand das spannend. Denn ich kannte keine anderen blinden Kinder. Und ich würde Freunde finden, mit denen ich in und nach der Schule spielen konnte. Für meine Eltern brach damit eine Welt zusammen, als sie ihr blindes Kind weggeben mussten. Es dauerte sehr lange, bis sie begriffen, dass auch andere für mein Wohl sorgen konnten, und dass sie damit keine Rabeneltern waren.
Ich erlernte die Brailleschrift, entdeckte die Schulbücherei und gewann Freunde, mit denen ich nicht nur gemeinsam lernte, sondern auch Spiele, Sport und Blödsinn machte. Eben all das, was zum Kind sein dazu gehörte. Ich lernte, dass ich auch Spiele wie „Mensch ärgere Dich nicht“ spielen konnte, da die Farben der Steinchen als fühlbare Oberflächenstruktur dargestellt wurden. Heute spricht man von Adaption. Und auch im lebenspraktischen Bereich erweiterte ich meinen Horizont. Denn Küchendienst, Brot selbst streichen oder seinen Tee einschenken waren auch blind machbar, wie mir Erzieher und Mitschüler zeigten. Ich lernte, dass ich meinen Kleiderschrank auch blind beherrschen konnte, wenn die Anordnung nicht von jemand anderem verändert wurde.
Vor Feiertagen wie Ostern, Weihnachten oder Muttertag wurde im großen Aufenthaltsraum gemeinsam gebastelt. Anstatt „Du kannst das nicht“ hörte ich „Probiere das mal“ oder „Wir machen das zusammen“. Gleiches galt auch für die Schulfächer Kunst oder Werken. Man versuchte uns so viel wie möglich alleine machen zu lassen. Und das rechne ich den Erzieherinnen und Lehrkräften hoch an.

Meine Familie besuchte ich nur noch am Wochenende und während der Ferien. Und als ich später auf ein Gymnasium für blinde und sehbehinderte Schüler wechselte, sah ich meine Familie nur noch einmal im Monat und während der Ferien. Hier gehörten der Umgang mit dem Blindenstock und der Umgang mit der Bratpfanne genauso zum Lehrplan wie der Schulstoff. Diese stetige Weiterentwicklung verpasste meine Familie ein bisschen. Für sie blieb ich lange Zeit das hilflose blinde Kind, das permanent umsorgt werden muss. Dazu kam, dass ich zuhause keine festen Freunde hatte, mit denen ich all das teilen konnte, was zum Erwachsenwerden gehörte. Und meine Schulfreunde waren ebenfalls bei ihren Familien. Zu weit weg, um sich mal eben für einen Nachmittag zu verabreden. Briefe in Braille oder auf Kassette, oder telefonieren waren die einzigen Möglichkeiten miteinander in Kontakt zu bleiben. Meine Punktschriftmaschine, meine Reiseschreibmaschine und jede Menge Bücher oder Hörbücher aus den entsprechenden Büchereien waren meine besten Freunde. Es war also ein völlig anderes Leben in einer etwas anders denkenden Umgebung.

Wenn zu meiner Schulzeit blinde Kinder integrativ an einer Regelschule unterrichtet wurden, dann war das etwas ganz besonderes. Schüler, die mitten in der Schullaufbahn aus der Regelschule auf das Internat für blinde Schüler wechselten, erlebten oft den Schock ihres Lebens. Denn oft wird der Focus auf den Schulstoff gelegt, und die Selbständigkeit eher stiefmütterlich behandelt. Ich habe Schüler erlebt, die ein super Zeugnis hatten, jedoch nicht in der Lage waren alleine von einem Raum zum Nächsten zu gehen, weil sie stets von Mitschülern oder einem Schulbegleiter an die Hand genommen wurden. Und Orientierung muss man nicht nur in ein paar Stunden Training erlernen, sondern auch permanent üben.

Alle Welt spricht von Inklusiver Beschulung behinderter Kinder. Dabei betrachten die einen das als gemeinsamen Unterricht, andere als eine Möglichkeit der Kinder in ihren Familien zu bleiben. Soweit, so gut. Bei dieser Diskussion vermisse ich den Ausblick in die Zukunft. Ich denke, dass Eltern daran liegt, dass ihr Kind zu einem selbständigen Menschen heranwächst. Das sollte auch für Kinder mit einer Behinderung gelten. Und das funktioniert nicht, wenn man dem Kind alles aus der Hand nimmt, von dem man denkt, es könne ihm Schaden.

Kinder mit einer Sehbehinderung haben einen Anspruch auf Frühförderung, Mobilitätstraining und andere Fördermaßnahmen, die ihnen zur Selbständigkeit verhelfen sollen. Diese Maßnahmen erfolgen durch speziell ausgebildete Fachkräfte, die wissen wie blinde und sehbehinderte Menschen arbeiten, und wie man ihnen etwas vermitteln kann. Und sie bringen die Geduld mit einen etwas ausprobieren zu lassen, was im Elternhaus oft nicht stattfindet.

Liebe Angehörige und Freunde von Kindern mit einer Sehbehinderung,
wir arbeiten anders als Ihr. Daher ist es wichtig, dass Ihr die Geduld mitbringt den blinden Menschen seine Erfahrungen machen zu lassen. Das ist ganz wichtig, damit es irgendwann funktioniert, wenn Eure helfende Hand nicht mehr da ist. Und noch etwas: Regt Euch nicht darüber auf, wenn mal was daneben geht. Das kann man aufwischen. Außerdem ist es völlig unnötig jeden Handgriff des Blinden zu kommentieren. Niemand mag es, wenn er oder sie unter Beobachtung steht. Ich persönlich kann bis heute nicht arbeiten, wenn ich das Gefühl habe, dass mir jemand auf die Finger schaut. Auch wenn es nicht so gemeint ist, fühlt es sich an wie in einer Art Prüfung. Und wenn Ihr Euch an Eure eigenen mündlichen oder praktischen Prüfungen erinnert, fragt Euch wie sich das angefühlt hat.

Für Euer Verständnis bedankt sich Eure Lydia

Vorlesestock hilft Blinden im Alltag

Der Vorlesestock zeigt mit der Spitze auf ein Straßenschild.

Wer blind ist, orientiert sich ganz anders als ein normal sehender Mensch im Straßenverkehr. Dabei sind markante Punkte, wie Straßenkreuzungen, Hauseingänge oder ein besonderer Straßenbelag eine große Hilfe. Doch in manchen Situationen kommen blinde Fußgänger an ihre Grenzen. Umso wichtiger wäre es Hausnummern, Straßenschilder oder die Aufschrift eines Ladenlokals lesen zu können. Denn nicht immer ist jemand auf der Straße unterwegs, den man fragen kann.
Herkömmliche Blindenstöcke stellen das Auge des Blinden am Boden dar. Mit Hilfe der Stockspitze kann der Bodenbelag, Stufen oder andere Hindernisse ertastet werden. Der Blindenlangstock wird mittels einer Pendelbewegung von links nach rechts in Schulterbreite ausgeführt. Die Länge ist von der Körpergröße des Nutzers abhängig, um eine größtmögliche Sicherheit im Straßenverkehr zu gewährleisten. Und wenn der Stock nicht mehr benötigt wird, ist er zusammenklappbar, und kann in einer Tasche, oder unter einem Stuhl verstaut werden.
Einer Forschergruppe aus Erlensee ist es erstmals gelungen einen innovativen Blindenstock zu entwickeln. Der Stick Reader 3000 sieht aus wie ein herkömmlicher Blindenstock, bringt jedoch einige nützliche Funktionen für blinde Nutzer im Straßenverkehr mit.
Der Stick Reader 3000 wurde als Vorlesestock entwickelt. Er kann beim Gehen wie ein herkömmlicher Blindenstock verwendet werden, bietet jedoch viele zusätzliche Vorteile. Mit seiner Hilfe lassen sich Straßenschilder oder Werbeplakate auslesen. Eine kleine Kamera befindet sich ca. 10 cm über der Stockspitze. Sie ist mit einer Klappe versehen, um sie vor Wasser und Schmutz zu schützen. Im Griff, der kaum dicker als der eines herkömmlichen Blindenstocks ist, sind ein Lautsprecher, der Akku, Audio- und Datenanschluss verbaut. Bei Bedarf kann auch ein Headset via Bluetooth angeschlossen werden. Das ist bei stark befahrenen Straßen besonders wichtig.
Um den Vorlesemodus des Stick Reader 3000 zu aktivieren, wird er mit der Spitze nach oben gehalten. Mehrere Fotos werden in Richtung der Stockspitze gemacht, und mit Hilfe einer OCR-Software aus den Bildern der Text herausgefiltert und vorgelesen.

Vorlesestock Kamera hochkant Schild
Vorlesestock Kamera hochkant Schild

Eine kleine Lampe sorgt bei schlechten Lichtverhältnissen für eine gute Bild- und Texterkennung. Die Akkulaufzeit beträgt zurzeit einen Monat im Stand-by-Modus. Bei eingeschalteter Lampe verkürzt sie sich auf zwölf Stunden. Ein Ladekabel wird mitgeliefert. Die Vorlese-Software ist Open Source und kann beliebig erweitert werden. Mit einem namhaften Elektronikkonzern soll demnächst eine Kleinserie produziert werden, um eine Testphase einzuleiten. So werden in Zukunft auch große Werbeplakate und Firmenschilder kein Problem darstellen. Und mit etwas Übung geht auch das Auslesen von Hausnummern und einfahrenden Bussen.

Vorlesestock Kamera Fahrplan
Vorlesestock Kamera Fahrplan

Doch die Entwickler des Stick Reader 3000 haben noch mehr vor. Wichtige Punkte sind eine Offlinelösung für die Vorlesefunktion des Stocks, damit blinde Nutzer unabhängig von Funklöchern sind. Damit könnte auch das Auslesen von Klingelschildern möglich werden. Außerdem soll es möglich werden den Griff des Stick Reader 3000 an das jeweilige Outfit des Nutzers oder der Nutzerin anzupassen. An einer entsprechenden Beleuchtungstechnik wird noch geforscht. Ebenfalls soll es möglich sein den Stick Reader 3000 per Smartphone aufzuspüren und einen lauten Piepton darauf zu schicken. Das ist besonders wichtig, wenn mal jemand den Standort des Stocks verändert hat, ohne den blinden Besitzer darüber zu informieren.
Die Entwickler sind selbst blind oder sehbehindert, und kennen daher die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe am besten. Daher dürfen wir auf die Weiterentwicklung des Stick Reader 3000 gespannt sein.