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Challenge Baustelle

Meine Gastautorin Andrea Eberl ist 58 Jahre alt und von Geburt an blind. Ihr Begleiter ist der 3 jährige Blindenführhund Frodo, ein schwarzer Labrador. Andrea ist gemeinsam mit sehenden Menschen Autorin von Audiodeskriptionen (Filmbeschreibungen für Blinde). In ihrer Freizeit schreibt sie Artikel für verschiedene Blogs wie z.B. Kobinet e.V.. Andrea reist gerne. Am Liebsten schläft sie in ihrem Zelt unter freiem Himmel. Seit 2020 betreibt sie einen Podcast mit dem Titel „Blind auf Reisen“, in dem es hauptsächlich um ihre Reisen nach Griechenland geht, aber auch der Besuch anderer Orte findet darin seinen Platz.

Andrea hat viele Jahre Musik gemacht. Hier geht es zu ihrer Seite.

Challenge Baustelle

Mein Blindenführhund Frodo und ich erwachen nebeneinander in meinem großen Bett. Wir kuscheln ein bisschen, und dann klettern wir die Treppe vom Hochbett hinunter. Es ist 10.15 Uhr. Ich ziehe mich an, nehme den Blindenführhund ins Geschirr, und wir gehen los. Um 12.30 Uhr muss ich im Fitnesscenter sein. Das schaffen wir locker, denke ich.
Wir gehen die Rheydter Straße entlang und überqueren den Siegesplatz. Links von uns ist ein Bauzaun, der signalisiert, dass wir nur einen schmalen Bordstein rechts davon zur Verfügung haben. Der Platz der Deutschen Einheit wird seit einigen Monaten umgebaut. Daran haben wir uns gewöhnt.
Heute finden wir eine andere Situation vor. Der schmale Bordstein, über den wir bis gestern Abend noch gehen konnten, wird aufgerissen. Es ist laut, und mir ist klar, ich komme nicht wie gewohnt weiter. Vor uns taucht ein Bauarbeiter auf. „Hier können sie nicht weiter gehen“, gibt er mir zu verstehen. „Wie komme ich denn weiter? Ich möchte an die Erft.“, antworte ich. „Sie müssen hier rüber und dann da…“ Ich möchte irgendwie an der Baustelle vorbei und die Straße überqueren, um zum Kreisverkehr zu kommen, davon ausgehend, dass im Moment an der Stelle kein Auto fahren darf. Der Hund und ich möchten nach rechts ausweichen und auch dem Lärm entfliehen. „Hier können sie nicht rüber. Da laufen sie in den Verkehr hinein“, sagt der Mann. Sie müssen da und dann rechts“ „So können sie mir das nicht erklären“, antworte ich. „Bitte gehen sie vor, und der Hund geht nach.“ Der Mann folgt meinen Anweisungen und geleitet uns über die Straße. Dafür bin ich ihm dankbar. Wir kommen aber woanders an als üblich. „Wo sind wir jetzt?“ frage ich, als wir den Bordstein erreichen. Der Mann nimmt meinen Taststock in der Mitte und bewegt ihn auf ein paar Noppen. „Spüren sie die Noppen?“ fragt er. „Ja“, antworte ich. „Deshalb weiß ich aber trotzdem nicht, wo ich bin.“ „Ich will ihnen nur helfen“, sagt der Mann, von meinem Tonfall irritiert. Er versteht nicht, dass ich gestresst bin. Er nimmt den Tonfall persönlich und geht. Er hat mir ja geholfen und sein Bestes gegeben. Er versteht das Problem nicht. Er hat den Hund und mich doch in Sicherheit gebracht.
Der hilfsbereite Mann hat uns irgendwo abgestellt, und nun muss ich herausfinden, wo wir sind. Ich nehme mein iPhone zur Hand, drücke den Home-Button und sage: „Lazarillo öffnen!“ Lazarillo heißt eine, der für Blinde geeigneten, Apps, über die ich mich orientieren möchte. Unter meinen Favoriten befindet sich der Eingang zum Park in der Erkensstraße 5. Ich starte die Verfolgung. „Richtung Nordosten“, sagt die Stimme der Navigationsapp. Das hilft mir nicht weiter. Ich stehe irgendwo und weiß nicht, wo Nordosten ist. Ich kann kein Licht sehen, also kann ich mich auch nicht an der Sonne orientieren. Ein Mann kommt auf uns zu und fragt, ob er mir helfen kann. „Ja bitte“, antworte ich. „Wo sind wir?“ „Hier ist die Arztpraxis Doktor…“ Den Namen hab ich inzwischen vergessen. „Wo möchten sie in?“ „Ich möchte an die Erft bei der Erkensstraße…“ Der Mann hat keine Orientierung über die Straßennamen. Er braucht sie nicht. Er orientiert sich über Geschäfte, Arztpraxen, öffentliche Gebäude und ähnliche optische Merkmale. Das ist verständlich, aber ich kann nicht sehen, welche Arztpraxis und welches Geschäft sein Orientierungspunkt ist, und wenn ich mit dem Navi unterwegs bin, lasse ich mir nicht jedes Gebäude ansagen, weil es mich überfordern würde, ständig die Sprachausgabe im Ohr zu haben und mich gleichzeitig auf den Hund und den Weg konzentrieren zu müssen. Deshalb hilft mir die Orientierungsweise sehender Menschen nicht weiter. „Kann ich ihnen helfen?“ fragt er nochmal. „Nein“, antworte ich. „Ich muss selbst herausfinden, wo ich bin.“ Der Mann geht.
Ich bewege mich weiter in eine der beiden möglichen Richtungen. Schließlich bitte ich den nächsten Mann, der gerade in ein Gespräch verwickelt war, mir zu helfen. Ich habe Glück. Er arbeitet seit Jahren bei der Stadt und kann mit meiner Ansage: „Ich möchte beim alten Finanzamt vorbei in der Erkensstraße an die Erft!“ etwas anfangen. Der Mann geleitet uns auf die richtige Straßenseite, erklärt mir, wo wir sind und wie ich zu dem von mir gesuchten Eingang zum Stadtpark finde. Ich bin erleichtert.
Endlich im Park angekommen, kann mein Hund sich lösen. Der Arme hat es schon sehr eilig gehabt. Während des kurzen Spaziergangs überlege ich, wie wir stressfrei zurück nachhause kommen: Wenn wir am griechischen Restaurant vorbei die Straße überqueren und dann durch die Bahnstraße am Fitnesscenter vorbei gehen… Aber geht das überhaupt, oder ist dort auch noch alles aufgerissen? Wir landen erfolgreich im Fitnesscenter, und ich frage dort nach, ob die Strecke von der Bahnstraße über die Dechant-Schütz-Straße, eine andere Querstraße, die direkt zu unserem Haus führt, frei begehbar ist. Glücklicherweise ist sie das seit kurzem. Zu meinem Termin im Fitnesscenter komme ich zu spät, weil es zuvor einiges an Kommunikation gebraucht hat, bis ich meinen Weg weiter gehen konnte.
Seit März oder April 2021 wird in meiner unmittelbaren Nähe gebaut. Als ich noch mit meiner alten Blindenführhündin Enny unterwegs war, wurde die Rheydter Straße, das ist die Hauptstraße, in der ich wohne, neu gemacht. Dieser Umbau hat etwa drei Monate gedauert. Ganz abgesehen vom Lärm vor der eigenen Haustür war es für die Hündin und mich schwierig, uns zurecht zu finden, weil es täglich herausfordernde Veränderungen gab. Die Rheydter Straße ist jetzt, dank der Umbauten, barrierefrei.
Seit April dieses Jahres, seit mein neuer Blindenführhund Frodo bei mir ist, wird und wurde in der Bahnstraße, das ist die Parallelstraße zur Rheydter Straße, und über die Dechant-Schütz-Straße der Weg zum Bahnhof neu gemacht. Später kam dann auch noch die Baustelle auf dem Platz der deutschen Einheit dazu, die uns heute Morgen vor das beschriebene plötzliche Problem gestellt hat. Das bedeutet, dass wir z.B. unseren Weg zum Park in mehreren Varianten kennengelernt und eingeübt haben. Der Blindenführhund hat ein gutes fotografisches Gedächtnis und eine schnelle Auffassungsgabe, wodurch er sich neue Wege schnell einprägen kann. Für blinde Menschen, die ohne Hund, mit dem Langstock, unterwegs sind, stellen drei Baustellen gleichzeitig ein noch größeres Problem dar als für mich, die ich mit meinem tollen Helfer auf vier Pfoten unterwegs bin.
Ich finde es notwendig, dass künftig Menschen, die auf dem Bau arbeiten, darin geschult werden, wie man uns blinden Menschen helfen kann, ohne uns, nachdem man uns in Sicherheit gebracht hat, an einer für uns unbekannten Stelle abzustellen. Dafür muss man sich ein bisschen Zeit nehmen. Z.B. wäre es eine Möglichkeit, dass der blinde Straßenpassant den Standort, zu dem er möchte, mit dem Mann am Bau über sein Smartphone teilt. Wenn er gut beschreiben kann, könnte er den blinden Straßenpassanten verbal in die richtige Richtung navigieren oder ihn an eine Stelle führen, wo er sich wieder auskennt. Vielleicht gäbe es auch die Möglichkeit, eine barrierefreie App zu entwickeln, auf die Bauarbeiter und Straßenpassanten gleichzeitig zugreifen können, um Situationen zu vermeiden, in denen der, der helfen will, nicht adäquat helfen kann und sich deshalb unzufrieden zurück gelassen fühlt, und der blinde Mensch seine Orientierung verliert. So könnten die Menschen auch lernen, wie man einen blinden Menschen führt und wie man Hilfe anbieten soll.

Es ist ungeheuer wichtig, dass der helfende Mensch weiß, was der Mensch mit Behinderung braucht. Da ist noch sehr viel Aufklärung notwendig.

Danke Dir, Andrea, für Deinen Gastbeitrag.

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Barrierefrei heißt nicht nur stufenlos

Blinde Menschen orientieren sich an markanten Punkten oder Merkmalen im Straßenverkehr. Das können Hauseingänge sein, Einfahrten oder auch mal ein Verteilerkaste. Ein Hauseingang, der bestimmte Stufen oder eine bestimmte Geräuschumgebung hat, ist für mich ebenfalls eine Unterstützung. Wichtig ist dabei, dass dieses Merkmal immer da ist.
Ebenso wichtig ist für mich die Beschaffenheit des Untergrunds. Wenn sich neben dem Fußweg ein Radweg befindet, reicht es nicht aus, dass er optisch sichtbar ist. Für mich ist es wichtig, dass der Untergrund sich von dem des Gehwegs unterscheidet. Dann kann ich den Unterschied mit dem Blindenstock ertasten. Auch eine kleine, fühlbare Absenkung wäre denkbar.
Bei Straßenübergängen sieht es ähnlich aus. Während für Nutzer eines Rollstuhls oder eines Rollators möglichst eine Nullabsenkung, also gar keine Stufe optimal ist, brauchen blinde Menschen eben diese Absenkung, um zu merken, dass sie den sicheren Gehweg verlassen. Dabei muss die Stufe für uns blinde Menschen gar nicht so hoch sein. Sie muss nur mit der Stockspitze eines Blindenlangstocks tastbar sein. Dafür genügen schon ca. 3 cm. Gut gemachte taktile Leitstreifen für Menschen mit Sehbehinderung haben längs und quer verlaufende Rillen. Diese zeigen einmal an, dass wir hier gefahrlos bis zum Straßenrand kommen, und an welcher Stelle wir besser nicht laufen. Dafür verlaufen Rillenplatten dann quer zur Laufrichtung. Das wird gern gemacht, wenn sich dahinter eine Nullabsenkung für Rollstuhlfahrer befindet.
Die quer verlaufenden Streifen findet man auch immer öfter vor Treppen. Das ist ein Tastbarer Hinweis darauf, dass ein Treppenauf- oder Treppenabgang vor einem liegt. Wenn die Platten gut gemacht sind, heben sie sich gut sichtbar vom Untergrund ab. So können auch sehbehinderte Fußgänger, die nicht auf einen Blindenstock angewiesen sind, erkennen, dass sie vorsichtig sein sollen.
Ein Irrglaube ist, dass blinde Menschen lieber mit dem Aufzug fahren als Treppen zu laufen. Doch blind alleine in einen unbekannten Aufzug zu steigen ist ein Lottospiel, wenn dieser keine Sprachausgabe hat, die das Stockwerk ansagt. Selbst wenn ich es schaffe den Knopf für ein bestimmtes Stockwerk zu drücken, gibt es nichts und niemanden, der mir garantiert, dass der Aufzug nicht vorher woanders hält. Es reicht also nicht aus Aufzüge mit fühlbaren Zahlen und Beschriftung in Braille auszustatten. Barrierefrei sind sie erst, wenn sie das angefahrene Stockwerk ansagen. Eine Ausnahme sind Aufzüge, die nur zwei Ebenen anfahren. Vor einigen Wochen ist mir ein Aufzug begegnet, dessen Bedienelemente ausschließlich auf Berührung reagieren. Auch das schließt blinde Menschen aus.
Ein großes Thema sind öffentliche Verkehrsmittel. Am besten sind eindeutige Haltepositionen für Bus und Bahn, wie ich in meinem Beitrag Wenn der Bus woanders hält beschrieben habe. Während für Menschen mit Gehbehinderung es einfacher ist hinten einzusteigen, brauchen blinde Menschen die Vordertür, um den Busfahrer nach der einfahrenden Buslinie zu fragen. Ausführlicher habe ich das in Öffentlicher Nahverkehr, diese Infos brauche ich behandelt. In vielen Städten hält der Bus nur dann, wenn jemand den Halteknopf gedrückt hat. Dafür braucht man richtig gehende und verständliche Haltestellenansagen. Davon profitieren nicht nur Menschen mit Sehbehinderung, sondern auch Fahrgäste, die nicht ortskundig sind, oder die optische Anzeige aus anderen Gründen nicht lesen können.
Barrierefreiheit ist ein Oberbegriff für Hindernisse, die uns im Alltag begegnen. Und sie fühlen sich für jeden anders an. Also, wenn Ihr die Möglichkeit zu einem Perspektivwechsel habt, nehmt diese Möglichkeit wahr, und erweitert damit Euren Horizont.

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Anregungen zum blind schminken

Meine heutige Gastautorin ist Jennifer Sonntag, die bereits die Beiträge Ich und Ehrenamt oder auch mal nicht für mich geschrieben hat. Auch diesmal greift sie ein Thema auf, welches unter Betroffenen immer wieder kontrovers diskutiert wird. Nämlich das Schminken als blinde Frau.

Der Geschmack von Lippenrot

Warum ich mir das Schminken nicht abschminke
Während sehende Frauen auf ein unüberschaubares Angebot an Beauty- und Schminkratgebern zurückgreifen können, gab es für blinde Geschlechtsgenossinnen in den letzten fast 50 Jahren nur eine mir bekannte, buchgewordene Schminkanleitung, die eine blinde Frau für andere blinde Frauen veröffentlichte. Es handelt sich um „Die Kunst des Schminkens“ von Dorothy Pirozzi, einem erblindeten Model aus Amerika. Da ich nicht weitere 50 Jahre warten wollte, entschloss ich mich, für blinde Schminkfreundinnen das Buch
„Der Geschmack von Lippenrot“ zu schreiben.
Mit meinem Wunsch, mit anderen blinden Frauen über dekorative Kosmetik in Austausch zu kommen, bin ich nicht allein. So durfte ich Gemeinsam mit der blinden YouTuberin Tina Sohrab zum Braille-Festival 2019, in einem Beauty-Talk Rede und Antwort zu unserer gemeinsamen Leidenschaft stehen. Die ebenfalls blinde Moderatorin der Veranstaltung, Hanna Reuther, interviewte Tina zu ihren Tutorials und mich zu meinem Ratgeber und auch das Fernsehen war vor Ort. Wegen so eines banalen Themas? Für uns sehbeeinträchtigte Frauen ist das nicht banal, weil wir, wie bei vielen anderen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten, ganz eigene Tricks und Kniffe erlernen müssen. Oft werden diese im Falle dekorativer Kosmetik von sehenden Profis vermittelt. Am bekanntesten sind wohl die Schminkkurse von Rene Koch, die er auf Wunsch blinder Frauen ins Leben rief und auf die er sich selbst in Dunkelexperimenten vorbereitete. Ich finde es super, wenn nun auch wir betroffenen Frauen selbst, wie damals Dorothy Pirozzi, diese Angebote als Expertinnen in eigener Sache ergänzen. Und ja, auch von blinden Männern kommen zunehmend Anfragen zu kosmetischen Belangen.

Oft habe ich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich mich für Beauty-Themen interessiere. Sogar nach einer ganz normalen Pflegebehandlung hatten andere Kundinnen meine Kosmetikerinnen gefragt, warum ich als Blinde dort hinginge. Diese Logik verstehe ich nicht. Soll ich, da ich erblindet bin, diese hilfreichen Routinen unterlassen, nur, weil ich das Ergebnis nicht sehe? Gerade die Besuche bei meiner Frisörin, Kosmetikerin oder Nagel-Designerin geben mir die Sicherheit, dass alles im Rahmen ist. Manchmal schminke ich mich dann zusätzlich noch gern ein bisschen. Hier tauchen dann weitere Fragezeichen auf: „Warum macht sie das, sie sieht es ja selber gar nicht?“ Da ich mir auch bei der Auswahl von Kleidung und Schmuck Gedanken um meinen Stil mache, ist der Lippenstift für mich dann das passende I-Tüpfelchen, ein geliebtes Markenzeichen.

Bereits als junges Mädchen trug ich mir gern Lippenstift auf. An unserer Sehbehindertenschule war ich mit meiner Freundin damals eher eine Ausnahme, was das Interesse für Schminkutensilien betraf. Eine strenge Lehrerin hatte mich sogar einmal richtig kräftig in den Hintern getreten, sodass ich in die Ranzenecke fiel. Dabei trug ich den Lippenstift im Schulhaus gar nicht, aber dass ich einen besaß, muss Ärgernis genug gewesen sein. Oder waren die gestylten Haare und das kurze Röckchen Stein des Anstoßes? Zum Trost gab es zwar einen Radiergummi, aber ich hatte gelernt, dass bei manch alter Reha-Pädagogin „Mädchenkram“ sowas wie der Ruch des Bösen war. Begründung: „Dann brauchst du dich nicht wundern, wenn dir was passiert“. Ich hätte mir statt dessen Selbststärkungskurse für junge sehbehinderte Mädchen gewünscht und gern auch blinde junge Frauen kennengelernt, mit denen ich mich hätte identifizieren können, da ich später auch erblinden sollte und mir kein Leben als graue Maus vorstellen wollte. Toll fand ich immer unsere Schulaufführungen, bei denen wir uns richtig rausputzen oder verkleiden durften, meist mit unserer Tanzgruppe und ja, gerade in diesen kreativen Bereichen gab es auch mehr Offenheit für unser Ausprobieren.

Ich verstehe es gut, wenn sich Frauen überhaupt nicht schminken wollen. Ich tue das privat auch eher selten. Mir ist nur wichtig, dass gerade blinde Frauen selbstbestimmt wählen können und sich nicht aus Mangel an Teilhabemöglichkeiten, also aus Not geboren, gegen etwas entscheiden müssen, was Ihnen eigentlich Freude bereitet. Für uns blinde Frauen ist der Markt an Möglichkeiten oft kleiner und barrierefreie Zugänge zu optischen Themen sind rar. Ich bin dann oft happy über den einen Krümel vom großen Beauty-Kuchen. Entscheidet Frau aber selbstbestimmt und nicht aus mangelnder Dazugehörigkeit, dass ihr der Lippenstift getrost gestohlen bleiben kann, dann finde ich das auch eine selbstbestimmte Wahl. Ich möchte dennoch nicht als oberflächlich verurteilt werden, weil ich mich auch gern mal schminke. Gerade weil ich doch eher ein tiefsinniger Mensch bin, der sich oft mit schweren Themen befassen muss, ist es für mich ein Ausgleich für die Seele, hin und wieder einfach mal in Lippenstiftfarben zu denken.

Bei meiner Fernseharbeit für die Sendung „Selbstbestimmt!“ lasse ich mich gern von meinen Make-up-Artistinnen unterstützen. Für ein richtiges HD-Make-up reichen meine alltagspraktischen Schminktechniken nicht aus, da müssen wirklich die Profis ran. Ich merke immer wieder, dass ich hier wirklich blindes Vertrauen brauche, denn gerade meine Augen reagieren sehr empfindlich und wir müssen uns gut darüber abstimmen, was in meinem Gesicht passieren soll. Hier bin ich auch tatsächlich manchmal etwas traurig darüber, dass andere Menschen später etwas im Fernsehen von mir anschauen werden, was ich selbst nur im Kopf kreieren kann. Da ich schon viele Jahre vor der Kamera arbeite, ist mir sehr bewusst, dass ich mich als Frau auch verändere, das ist auch ein Gefühl des Kontrollverlusts. Aber ich liebe die Beauty-Oase mit den Tiegeln, Tübchen, Paletten, Pinseln und Quasten, die vor jedem Drehtermin wie ein kleines Heiligtum aufgebaut wird. Und ich lerne dadurch auch immer wieder interessante Produkte kennen, die ich mir dann nachkaufe.

Wie ich mich ganz persönlich als blinde Frau, aber auch als Peer-Beraterin für andere blinde Frauen, dem Schminken mit Spürsinn genähert habe, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch „Der Geschmack von Lippenrot“. Oft werde ich gefragt, ob ich ein paar kurze Schminktipps geben kann. Gerade für blinde Frauen muss man etwas genauer beschreiben, deshalb ist kurz und knapp schwierig. Frau kann sich dann schnell vertun.  Ich versuche dennoch einige Einblicke zu geben, für detaillierte Schminkanleitungen sollten meine blinden Schminkfreundinnen aber lieber das Buch zur Hand nehmen.

Zunächst habe ich mich zu meinem Farbtyp und zu meinen Hautbedürfnissen beraten lassen. Danach wählte ich die passenden Produkte aus. Das war ein Prozess und ich lasse mich noch immer gern inspirieren. Die eigene Gesichtsform und alle Schminktechniken lernte ich in Ruhe durch Trockenübungen kennen. Ich selbst arbeite überwiegend mit Fingerspitzengefühl, also dem Tastsinn. So trage ich in vorgegebenen Massagebewegungen die Foundation auf und arbeite im gleichen System mit einem Beauty-Blender nach, einem Schminkschwämmchen, was wie ein kleines Ei geformt ist. Da ich über lose Puder als vollblinde Frau weniger Kontrolle habe, nutze ich hier ausschließlich kompakte Varianten und einen Puderpinsel. Wenn ich mich für Rouge entscheide, zähle ich zuvor ab, wie oft ich mit dem Rouge-Pinsel über mein Produkt gehe und achte darauf, dass ich auf beiden Gesichtsseiten gleich verfahre. Es ist wichtig sich zu informieren, wo bei einem selbst das Rouge richtig platziert ist. Manche blinde Frauen verwenden statt Pudern auch lieber Cremeprodukte. Hier lohnt es sich, selbst ein bisschen zu experimentieren, was einem leichter von der Hand geht.

Lidschatten trage ich mir mit den Fingern auf und streiche dafür mit der Fingerspitze zuvor über meine meist hellen Pudertöne in der Palette. Auch hier zähle ich wieder ab, um für jede Seite gleich viel Material zu verwenden. Ein Reinigungstuch für die Fingerkuppe liegt stets in Griffbereitschaft. Auch auf dem Lid gehe ich mit systematischen Streichbewegungen vor und setze manchmal noch einen weiteren Akzent mit einer dunkleren Lidschattenfarbe. Bei der Wimperntusche lasse ich die Hand mit der Spiralbürste „einfrieren“ und zwinkere die Farbe mit der Wimper vorsichtig von der Bürste ab. Sehende Frauen machen es genau umgekehrt. Sie halten die Wimper still und bewegen die Bürste hindurch. Manche Frauen beherrschen den Lidstrich blind, dazu gehöre ich leider nicht. Das ist wirklich die Königinnenklasse, weil man hier sehr exakt und symmetrisch arbeiten muss. Hier ist Permanent-Make-up eine schöne Alternative. Will ich mich an die Brauen trauen, nutze ich gern Puderstifte. Damit meine Brauen schön in Form bleiben, mache ich ihnen feste Zupftermine.

Zu meinem Lieblingsutensil, dem Lippenstift, gäbe es so viel zu sagen. Deshalb wähle ich an dieser Stelle meine aktuell bevorzugte Variante aus. Es gibt einen Lippenstift, der den ganzen Tag lang hält und mit dem ich sogar essen kann. Er wird mit einem ähnlichen Applikator aufgetragen, wie ein Lipgloss. Hier muss ich nur etwas aufpassen, da dieser Dauerlippenstift so farbintensiv, wie eine Tinte ist und auch die Lippenkontur besser treffen muss, als ein Lipgloss. Um den Umgang mit dem Applikator zu üben, rate ich für den Anfang erstmal zu einem farblosen Gloss. Hier ist es auch nicht so schlimm, wenn etwas daneben geht. Bei farbintensiven Lippenstiften jedoch, auch bei den Klassikern, die man aus der Hülse drehen muss, ist es wichtig, mit der eigenen Lippenkontur vertraut zu sein. Hier fallen Ausrutscher deutlicher auf. Aber das ist alles eine Übungssache und Schminken lernen wir nur durch Schminken!

Es ist für mich wahnsinnig spannend, mich mit anderen blinden Frauen über ihre Schminkerfahrungen auszutauschen und ich finde es auch immer super und bereichernd, wenn eine es ganz anders macht, als ich. Bei sehenden Frauen gibt es ja auch viele verschiedene Techniken. Ich betrachte mich deshalb immer nur als Impulsgeberin und möchte anderen blinden Frauen Lust auf das Thema Schminken machen, was dann jede ganz selbstbestimmt ausgestalten kann. Gehen wir also in sinnlichen Schritten und mit viel Fingerspitzengefühl auf die Suche nach dem Duft unseres Teints, dem Klang unseres Wimpernschlags und dem Geschmack unseres Lippenrots!

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Fasst uns nicht ungefragt an

U-Bahnstation Frankfurt Südbahnhof. Es ist Samstagmittag, und ich warte auf meine U-Bahn. Als sie einfährt suche ich mit dem Stock die Tür, indem ich an der Bahn entlangfahre. Ah, da ist sie. Ich bleibe kurz stehen, weil ich hören will, ob jemand in der Tür steht. Dann strecke ich meinen Blindenstock aus, um einzusteigen. Bevor ich das machen kann, kommt eine Hand aus dem nichts, hält mich mit festem Griff am Arm und schiebt. Ich verdanke es meinen guten Reflexen, dass ich nicht vornüberfalle. Ich drehe mich um, befreie mich aus dem Griff und sage der Person, die noch kein Wort zu mir gesprochen hat, dass sie mich erschreckt hat. „Ich wollte doch nur helfen“, sagt sie etwas beleidigt. Jetzt erst höre ich, dass es sich um eine Frau handelt. Ich sage ihr, dass man fremde Menschen nicht ungefragt anfasst. Daraufhin knurrt sie etwas wie „Ich wollte nicht, dass Sie stolpern“. Und weg ist sie.
Solche und ähnliche Situationen erlebe ich beinahe täglich. Für mich heißt das, dass ich schon in eine Art Habachtstellung gehe, wenn ich irgendwo ein- oder aussteige. Ich rechne ständig mit unangekündigten, übergriffigen Berührungen, die mir das Leben angeblich erleichtern sollen. Dabei nervt es dermaßen.
Wenn ich beim Einsteigen meinen Stock ausstrecke, ertaste ich damit wie hoch die Bahn oder der Bus ist, ob es einen Spalt zwischen Bahn und Bahnsteigkante gibt, oder ob ein Hindernis vor mir liegt. Beim Aussteigen verfahre ich ähnlich. Diese Dinge gehören zur Ausbildung im Umgang mit dem Blindenstock. Im Grunde ist das Ein- und Aussteigen einfach eine Technik gepaart mit Konzentration. Das Tasten mit dem Stock liefert mir zuverlässige Informationen. Dieser Prozess wird gestört, wenn ich irgendwohin geschoben, gezogen oder gar am Stock geführt werde. Letzteres fühlt sich an als würde man einen Brillenträger an der Brille irgendwohin ziehen, und dabei die Gläser zuhalten.
Ein erwachsener Mensch, der mit einem Blindenstock unterwegs ist, weiß was er tut. Es besteht also keine Notwendigkeit ungefragt tätig zu werden. Wenn Ihr dennoch der Ansicht seid helfen zu wollen, dann sprecht die Person an. Ein Satz wie „Brauchen Sie Hilfe“, „Darf ich helfen“ oder „Kommen Sie zurecht“ sind gute Beispiele. Auf diese Weise behandelt Ihr den Menschen wie eine erwachsene Person. Wenn mich jemand so anspricht, kann ich die Person einordnen. Und ganz wichtig, ich kann ihr sagen wie sie mir am besten helfen kann. Kommt aber aus dem Nichts eine Hand an meinen Körper, weiß ich erst mal nicht, ob das Freund oder Feind ist. Denn ich sehe die dazugehörige Person nicht.
Und jetzt noch ein paar Worte an die Menschen, die Menschen mit Behinderung gern mal Undankbarkeit vorwerfen, nur weil sie die aufgedrängte Hilfe ablehnen. Dankbar bin ich den Menschen, die in mir nicht nur die „Blinde“ sehen, sondern eine erwachsene Frau, die sich mit der Hilfe eines Blindenstocks orientiert. Menschen, die nicht nur die Perspektive „Wenn ich sehend die Augen zu mache, sehe ich nichts“ sehen, sondern akzeptieren, dass es auch andere Möglichkeiten gibt sich zurechtzufinden.
Wenn Ihr mir was Liebes tun wollt, verbreitet das. Helft mir und anderen Menschen mit Sehbehinderung dabei nicht ständig Opfer übergriffiger Menschen zu werden.

Eure Lydia

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Blind ein Glas Wasser einschenken

In meiner Herkunftsfamilie wuchs ich mit dem Wissen auf, dass ich aufgrund meiner angeborenen Blindheit viele Dinge nie allein machen würde. Und wenn ich doch mal in meiner kindlichen Neugierde etwas ausprobierte, wurde ich mit Argusaugen beobachtet. Und allein das Wissen darum kritisch beobachtet zu werden, ließ mich unsicher werden. Und so kam es dazu, dass ich beim Einschenken, in ein Glas, Flüssigkeit verschüttete, oder andere Fehler machte. Es verhielt sich so wie bei den sich selbst erfüllenden Prophezeiungen. Es dauerte lange, bis ich meinen Frieden damit machen konnte. Ich mache meinen Eltern damit keinen Vorwurf. Ich war das erste blinde Kind, welches sie kannten. Und eben das wollten sie vor möglichst allen Gefahren dieser Welt beschützen.
Kommen wir zurück zum Glas und der verschütteten Flüssigkeit. Nicht jeder sehbehinderte Mensch gießt automatisch daneben, nur weil das Sehen nicht funktioniert. Es gibt mehrere Möglichkeiten eine Flüssigkeit sicher in ein anderes Gefäß zu befördern. Und einige davon stelle ich heute vor.
Die einfachste Möglichkeit ist den Finger in das Glas zu halten. Wenn er feucht wird, ist das Glas bis zum Finger hin gefüllt. Man kann so selbst bestimmen wie voll das Glas oder der Topf sein soll. Das funktioniert auch bei einem Messbecher, der an der Innenseite tastbare Markierungen hat.
Wenn es um einen herum leise ist, kann man auch nach Gehör einschenken. Fließt Wasser in ein leeres Glas, so klingt das anders als bei einem gefüllten Glas. Je mehr Flüssigkeit drin ist, desto tiefer klingt es. Diese Methode erfordert etwas Übung und braucht eine geräuscharme Umgebung. Am besten übt man das über dem Spülbecken oder stellt das Glas in ein größeres Gefäß.
Von einem Bekannten weiß ich, dass er das zu füllende Glas in die Hand nimmt, und anhand des Gewichts feststellen kann, ob es voll genug ist. Ich selbst habe mit dieser Methode keine Erfahrungen, würde das aber auch eher über dem Spülbecken ausprobieren.
Für Personen, die noch ein bisschen sehen können, lohnt es sich mit Kontrasten zu arbeiten. Nimmt man für eine dunkle Flüssigkeit ein helles Gefäß, oder auch umgekehrt, kann man leichter die Flüssigkeit optisch wahrnehmen.
Und natürlich darf auch hier die technische Lösung nicht fehlen. Denn es gibt Situationen, in denen ich nicht meinen Finger in die Flüssigkeit halten möchte. Sei es bei heißer Flüssigkeit, oder beim Glas eines Gastes. Dafür gibt es eine Einschenkhilfe. Sie ist auf dem Beitragsbild zu sehen. Zwei Fühler werden am Rand in das Glas gehängt. Werden diese von der Flüssigkeit erreicht, geben sie einen Ton ab. Für Nutzer, die den Ton nicht mehr so gut hören können, gibt es das gute Stück auch als vibrierende Version. Das Hilfsmittel ist Batterie betrieben, und damit auch für den mobilen Einsatz gemacht.
Kommen wir zum Einfüllen von Flüssigkeit von einem größeren in ein kleineres Gefäß. Hier nehme ich gern mal einen Trichter. Denn damit kann ich einfach besser zielen.

Mit diesen Möglichkeiten kann man sich als Mensch mit einer Sehbehinderung aussuchen, ob und welche man für sich für geeignet hält. Und natürlich steht es einem ebenso frei sich beim Einschenken helfen zu lassen. Wichtig ist hier nur, dass man die Entscheidung selbst getroffen hat.