Vertrauen und Zutrauen

Markus Ertl an seinem Computerarbeitsplatz

Markus Ertl ist Inklusionsbotschafter. Er war bereits mein Gastautor in den Beiträgen Lasst mich auch dabei sein und blind wählen, so geht.s.

Was darf man Kindern zutrauen? Mit der Überschrift lädt Lydia zu Ihrer ersten Blogparade ein. Nachdem ich zwar eine klare Meinung, aber keinen eigenen Blog habe, möchte ich hier meine Gedanken dazu loswerden.

Auf den Beitrag von Lydia grenze ich das Ganze sogar nochmals ein.
Was dürfen blinde Eltern Ihren Kindern zutrauen?
Genauso viel, wie es auch sehende Eltern dürfen!

Um sein Kind zu fördern, um Fähigkeiten auszubauen und Kompetenzen zu stärken, braucht es Zutrauen und Verantwortung. Es braucht aber auch Anleitung und Kontrolle der Eltern, damit der Kompetenzerwerb mit Leichtigkeit und einer ordentlichen Portion Spielerei abgehen kann. Mit wie viel Zutrauen oder Verantwortung dies passiert, ist von der Persönlichkeit des Kindes und der Eltern abhängig. Ängstliche Eltern werden oft behütender agieren, vertrauensvolle Eltern werden eher Verantwortung übertragen. Kindern, die Vertrauen ausnutzen, werden die Eltern dieses kurzzeitig wieder entziehen, den anderen mehr Vertrauen schenken.
Ich finde sogar, dass Kindern oft zu wenig zugetraut, mindestens aber zu wenig zugemutet wird. Der Begriff „Helikopter“-Eltern oder „seinen Kindern den Arsch nachtragen“ sind ja oft begründet. Der Schulweg, 500 Meter weit, wird mit dem Auto gefahren. Lehrer haben sogar Angst, dass mit dem Elterntaxi sogar noch in die Schule gefahren wird. Für die Hausaufgaben zeichnen sich die Eltern selbst verantwortlich und Kindern wird auch kein schulischer Frust mehr zugemutet, ohne dass nicht die Schuld immer beim Lehrer gesucht würde, der Sitznachbar in der Schule unpassend wäre oder der Lernerfolg und die Noten ausschließlich von den Mitschülern abhängig gemacht werden.
Den Spagat zwischen Fördern und Behüten dürfen alle Eltern selbst verantworten. Der hat rein gar nichts mit blind oder sehend zu tun.

Richten wir jetzt mal die Aufmerksamkeit auf die blinde Elternschaft.
Wo ich Lydia uneingeschränkt recht geben möchte, dass ich selbst als blindes Elternteil, zusammen mit meiner Frau, am besten weiß, was ich meinen/unseren Kindern zutrauen/zumuten kann, und was nicht. Sollte es mal anders sein, dann werde ich, werden wir uns Rat bei kompetenten Stellen holen.
Unsere Gesellschaft sieht Eltern mit einer Behinderung nicht vor. Der blinde Mensch wird eher als hilflose Person gesehen, der zu behüten ist. So, und dieser mit seinem eigenen Leben schon überforderte Mensch wird dann nicht gleich als vollwertiges Elternteil gesehen.
Und deshalb sollten wir die Diskussion auch darüber führen, wie selbstbestimmt ein Leben mit einer Einschränkung sein darf, ohne dass andere in einer bevormundenden Art und Weise uns sagen, was gut und weniger gut für uns und unsere Kinder sei.
Es gibt oft meinen Kindern gegenüber die Aussage: „passt bitte gut auf Euren Papa auf!“. Dieser kleine Satz zeigt, welches Rollenverständnis auf unserer Familie lastet. Ich bin der zu behütende und meine Kinder sind die Behüter.
Unsere gelebte Rollenverteilung ist anders und leicht am Beispiel eines Tierparkbesuches erklärt, ein Ausflug, den ich mit meinen Kindern bereits öfters, auch schon im Kindergarten-Alter, gemacht habe.
Ich bin für die Ausflugs-Logistik zuständig. Wann geht der Zug, Was nehmen wir an Brotzeit mit, welche Kleidung nehmen wir mit. Die Mädels wissen ja selbst, wo Ihre Kleidung, ihre Jacken, Mützen usw. sind. Ich kontrolliere nur, ob wir dann alles eingepackt haben. Obwohl ich auch ohne eine führende Hand mobil bin, ist es ganz schön, die Kinder an die Hand zu nehmen und gemeinsam, abwechselnd zu zweit zu laufen. Zugfahrt mit typischen Zugfahrspielen, Blinden-Uno, Reaktions-Spiele, Wortspiele usw., schon sind wir da. Eine führt, die andere hält Ausschau nach der richtigen Nr. der U-Bahn, welche ich herausgesucht hatte. Der Weg zum Tierpark ist mit Tieren beschildert, da finden auch die Kinder alleine hin. Im Tierpark angekommen, laufen wir umher, die Kinder erklären mir, was sie sehen, ich freue mich und denen tut es gut, das erlebte gleich so zu verarbeiten. Zwischendurch gibt es Brotzeit auf einer Bank, dann dürfen die Kinder auf den Spielplatz, während ich raste. Meine Kinder lieben es, wenn ich Tiergeräusche imitiere, das darf natürlich hier auch nicht fehlen. Die Kinder schauen dann im Plan und sagen mir, was uns als nächstes erwartet. Im Plan sind die Tiere eingezeichnet und ich habe sonst auch eine gute Orientierung. Nach ca. 5 Stunden mit vielen Eindrücken geht es zurück. Halb schlafend, halb erzählend und auch ein bisschen stolz, dass sie den Weg „fast“ alleine gemeistert haben, geht es wieder heim.
Nur einmal brauchte ich eine sehende Unterstützung. Ich fragte eine Frau, ob sie doch bitte kurz nachsehen könnte, ob die Toiletten sauber sind.
Ansonsten gab es an den Ausflugs-Tagen keine Situation, bei der ich nicht genau gewusst habe, wie viel ich meinen Kindern übertragen darf und wo genau meine eigene Verantwortung für mich und meine Kinder lag.
Und diesen Ausflug kann ich gerne auf viele Situationen meiner Elternschaft übertragen.

Ja, hin und wieder brauche ich sehende Hilfe. Als Vater entscheide ich wann meine Kinder eine Aufgabe für mich übernehmen, und wann ich mich für eine erwachsene Assistenz entscheide.
Ja, ich weiß was ich tue und was ich kann
Ja, wenn wir gemeinsam unterwegs sind, dann dürfen meine Kinder auch für „uns“ gemeinsam sehen.
Nein, meine Kinder werden nicht für Assistenz-Dienste „missbraucht“, sollte es dabei ausschließlich um mich und mein Leben gehen.
Ja, ich gebe meinen Kindern Jobs im Haushalt. Was für meine Entwicklung gut war, das wird auch meine Töchter fördern.
Und ja, ich kann sehr wohl für meine Kinder sorgen, auch wenn wir zuhause, wie in allen Familien auch eine gewisse Arbeitsteilung pflegen.
Das nennt man Selbstbestimmt, und sollte ich das für mich einfordern, dann werde ich den Gedanken auch so bei meinen Kindern fördern. Dazu braucht es keine paternalistische Gesellschaft, keine gut gemeinten Ratschläge. Dafür braucht es eine Unterstützung in der Elternschaft durch inklusive Strukturen und auch eine Assistenz, wo diese gebraucht wird.

Und jetzt gebt Gas. Die Blogparade Was darf man Kindern zutrauen läuft noch bis zum 15.01.2019.

Ich danke Markus für die Anerkennung, die er mir und meiner Arbeit entgegenbringt.

Taxifahren mit Baby

Lydia trägt einen Teddy in einem Tragetuch vor dem Bauch

Da mein Mann und ich zu blind zum Autofahren sind, waren wir mit unseren Kindern stets mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs. Und wenn wir doch mal auf ein Auto angewiesen waren, dann fuhren wir mit dem Taxi. Aber im Babyalter habe ich das möglichst vermieden. Denn in Taxis gibt es zu 99,9 % keine Babyschalen, die für die Gewichtsklasse null im Auto vorgeschrieben sind. Eine Ausnahmeregelung bestand für Taxis. Hier lag es im Ermessen des Fahrers ein Baby zu transportieren oder eben nicht. Eine Geschichte fällt mir dazu ein, die mir das zum ersten mal klarmachte.

Winter 1999 in Frankfurt am Main. Mein Mann und ich hatten im Baumarkt eingekauft und wollten mit dem Taxi nach Hause. Gekommen waren wir mit dem Bus. Aber mit den gekauften Brettern und Werkzeugen brauchten wir ein Auto. Damals war meine Tochter vielleicht ein Vierteljahr alt und saß bei mir im Tragetuch. Also gingen wir zum Taxistand. Der Fahrer schaute uns an und sagte: „Sie kann ich mitnehmen, Ihr Kind aber nicht“. Es war mein erstes Kind. Und so muss ich ihn ziemlich blöd angeschaut haben. Jedenfalls erklärte er meinem Mann und mir, dass er kein Baby ohne Babyschale befördern kann. Und diese hätten wir mitzuführen. Da half kein Diskutieren. Das war ebenso.
Es war Winter, es wurde dunkel, und der Einkauf ohne Auto nicht zu befördern. Und ich wollte einfach nur nach Hause. Also schlug ich meinem Mann vor mit dem Einkauf Taxi zu fahren, während ich mein Baby mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause bringen würde. Es war die praktikabelste Lösung für alle Beteiligten.
Eine blinde Frau mit Blindenstock und Baby im Tragetuch nebst einem beladenen Einkaufswagen vor einem Baumarkt ist sicherlich kein alltäglicher Anblick. Jedenfalls wurde ein Mann auf uns aufmerksam und hatte die Diskussion um die Mitnahme des Babys verfolgt. Spontan bot er an mich und mein Kind mitzunehmen. Er erklärte uns, dass er selbst Familienvater sei und die Problematik kennt. Dann wandte er sich an den Taxifahrer und sagte, er würde ihm hinterher fahren. Das wäre das Einfachste. Daraufhin sagte der Taxifahrer, dass er mich mit Baby ausnahmsweise mitnehmen würde. Und so fuhren wir alle gemeinsam nach Hause. Auch wenn ich lange nicht verstanden habe was den Taxifahrer dazu bewogen hatte seine Meinung zu ändern. Es war das kleinere Übel mir während der Fahrt vorhalten zu lassen, dass ich keine Babyschale dabei hatte.
Natürlich wollte ich das genauer wissen. Ich telefonierte also am nächsten Tag mit dem Taxiunternehmen meines Vertrauens. Der Geschäftsführer erklärte mir, dass nun mal eine Kindersitzpflicht besteht, ich also die Babyschale mitzuführen habe. Auf die Frage wie ich das als blinde Mutter machen sollte, konnte er mir keine Antwort geben. Eine Hand war für den Blindenstock reserviert, und auf dem Rücken trug ich immer einen Rucksack. Und jeder, der so eine Babyschale in Händen gehalten hat, weiß wie schwer und sperrig so ein Ding sein kann. Das erklärte ich meinem Gesprächspartner also. Darauf bot er mir an eine eigene Schale in der Taxizentrale zu deponieren. Wenn ich also ein Taxi brauche, würde der Fahrer hinfahren, die Schale abholen und anschließend mich einsammeln. Natürlich müsse man mir die Fahrt von der Zentrale zu mir in Rechnung stellen. Ich fragte gar nicht erst nach ob ich die Fahrt der Babyschale zur Taxizentrale ebenfalls zahlen muss. Denn diese Lösung war für mich absoluter Quatsch mit Sauce.
Ich war bestimmt nicht die einzige Frau mit Baby, die ein Taxi brauchte, ohne eine sperrige Babyschale mitzuführen. Also musste es dafür auch eine entsprechende Vorschrift geben. Nach längeren Recherchen hatte ich eine Mitarbeiterin vom Ordnungsamt am Telefon, die mir erklärte, dass die Taxifahrer nicht verpflichtet seien einen Kindersitz für die Gewichtsklasse 0 mitzuführen. Denn der Platz im Kofferraum wird für das Gepäck der Fahrgäste benötigt. Und es liegt im Ermessen des Taxifahrers ein Baby ohne Kindersitz mitzunehmen. Den genauen Auszug aus der Taxiverordnung ließ ich mir schriftlich geben.

Fahrten mit dem Auto waren also mit Baby eine reine Organisationssache. Ich versuchte diese auf ein Minimum zu beschränken. Eine andere Alternative war bei der Taxizentrale anzugeben, dass ich ein Baby dabei habe. Und dann ging die Suche nach einem Fahrer los, der ein Baby transportieren konnte oder wollte. Spontane Taxifahrten waren somit Glücksache. Später lernte ich einen Fahrer kennen, der einen Kindersitz für Kleinkinder dabei hatte. Den habe ich dann zuerst angerufen, wenn ich ein Auto brauchte. Aber zum Glück ist das Frankfurter Verkehrsnetz gut genug, um fast überall ohne Auto hinzukommen.

iPhoneApps für zuhause

Lydia richtet ein Smartphone auf einen schwarzen Handschuh.

Mein iPhone ist nicht nur zum Telefonieren und Chatten da, sondern hilft mir bei einigen Aufgaben im Alltag. Und es macht mich räumlich von meinem PC unabhängig, dem ich früher manche Aufgaben wie das Vorlesen von Dokumenten übergeben konnte.
In meinen Beiträgen Apps, die blind bedienbar sind und iPhone Apps für unterwegs habe ich bereits kleine Helferlein beschrieben, die ich mit meinem Smartphone gern nutze. Heute möchte ich über Apps schreiben, die in den eigenen vier Wänden eine große Hilfe sein können.

Wenn ich ein Kochrezept brauche, oder etwas anderes aus der Küche wissen möchte, dann nutze ich gern die App Rezepte & Kochbuch von Chefkoch GmbH. Sie ist gut zugänglich, hat eine gute Suchfunktion und die Möglichkeit die Rezepte so abzuspeichern, dass sie schnell wieder auffindbar sind. Ebenso lässt sich anhand von Kochrezepten eine Einkaufsliste erstellen. Diese habe ich allerdings noch nicht genutzt.

Möchte ich die Farbe eines Gegenstandes wissen, so kann ich ein Farberkennungsgerät nutzen. Das sagt mir auf Knopfdruck die Farbe an. Habe ich gerade keines zur Hand, dann können die Apps ColorSay von White Marten oder ColorVisor von visorApps helfen. Allerdings sind diese Apps abhängig von der Leistungsfähigkeit der Kamera und der Lichtverhältnisse abhängig. Es braucht also ein bisschen Übung, um damit zuverlässig arbeiten zu können. Am besten übt man das gemeinsam mit einem Helfer, der noch Farben sehen kann.

Mit barcoo – QR & Barcode Scanner von barcoo lassen sich Produkte anhand ihres Barcodes erkennen. Ich kann also feststellen, ob ich gerade die Dose mit dem Pfeffer, der Paprika oder dem Curry in der Hand halte, ohne diese zu öffnen. Eine weitere App zum Scannen von Barcodes ist Camfind. Sie ist ebenfalls kostenfrei und daher einen Test wert.

Eine meiner Lieblingsapps ist Seeing AI von Microsoft Corporation. Sie vereint mehrere Funktionen in einer einzigen App. Sie bietet eine Produkterkennung, eine Farbansage und eine Beschreibung von Dingen, die vor die Kamera gehalten werden. Auch Handschrifterkennung und eine Gesichtserkennung sind Teil dieser App. Hinzugekommen sind eine Lichterkennung für vollblinde Nutzer, und ein Dokumentenscanner mit einer guten Texterkennung. Diese App wird stetig erweitert. Die Bedienoberfläche ist auf Englisch.

Envision AI von Envision Technologies B.V. ist eine brauchbare Alternative, die auch auf Deutsch funktioniert. Ich selbst habe sie noch kaum testen können. Ich weiß jedoch, dass diese App viele zufriedene blinde Nutzer hat.

Auch die App seeing Assistant home vereint diese Informationen in sich. Sie hat eine deutsche Benutzeroberfläche und eine kostenfreie Testmöglichkeit.

Doch es gibt auch Situationen, in welchen sehende Hilfe nötig ist. Hier habe ich die App Be My Eyes – Helping blind see zu schätzen gelernt. Damit kann ich über Videotelefonie auf ein weltweites Helfernetzwerk zugreifen. Die sehende Hilfe kann durch meine Kamera blicken.  Wenn mir also zuhause eine Schraube vom Tisch fällt, ist das kein Drama mehr.

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Erst recht nicht, da immer wieder neue Apps hinzukommen. Ich habe ganz bewusst mehrere Apps aufgeführt, die laut Beschreibung dieselben Funktionen ausführen. Letztendlich muss jeder selbst für sich rausfinden, mit welcher App er am besten zurechtkommt. Denn auch hier sind die Vorlieben unterschiedlich.

Sind blinde Eltern unverantwortlich?

Ich war vielleicht 25 Jahre alt, als ich einem Freund erzählte, dass ich gern einmal Kinder haben möchte. Jedenfalls wenn ich den Vater meiner Kinder gefunden habe. Im Laufe dieser Unterhaltung bekam ich zu hören, dass so manche blinde Eltern ihr sehendes Kind als Ersatz für einen Blindenführhund benutzen würden. Und das wünschte er keinem Kind. Ähnliche Äußerungen habe ich ganz oft gehört. Meist kamen diese von nicht blinden Eltern, die wie selbstverständlich davon ausgingen, dass Kinder blinder Eltern geboren werden, um die Eltern zu entlasten. Ich hörte viele Geschichten von netten Kindern, die ihre blinden Eltern überall hinführten, ihnen das Fleisch klein schnitten oder sie mit dem Auto zu Freunden und Veranstaltungen fuhren. Meist handelte es sich um blinde Personen der älteren Generation und deren erwachsene Kinder. Kurz, hier verglichen Leute Äpfel mit Birnen.
Babys sind erst mal klein und auf die Versorgung durch uns Eltern angewiesen. Ob die Eltern eine Behinderung haben oder nicht, spielt hier absolut keine Rolle. Denn in der Regel hat man während der Schwangerschaft ausreichend Zeit sich auf das Kind vorzubereiten, und sich bei Bedarf Hilfe zu organisieren. Meine effektivste Hilfe bestand aus einigen Müttern, die Kinder im selben Alter wie ich hatten. Diesen Kontakt hat meine nachsorgende Hebamme hergestellt, damit wir uns untereinander austauschen konnten. Beide Mütter hatten noch ältere Kinder. Und so durfte ich von deren Erfahrungen profitieren.
Solange meine Kinder noch nicht zuverlässig liefen, trug ich sie im Tragetuch am Körper, oder zog sie in einem Kinderwagen hinter mir her. Wenn das Licht gut genug war, um meinen Sehrest zu nutzen, konnte ich den Kinderwagen auch schon mal vor mir her schieben. Später liefen die Kinder bei mir an der Hand. Wir übten das erst mal in einer verkehrsberuhigten Gegend, bevor wir uns in den normalen Straßenverkehr trauten. Dabei habe ich viele Jahre mit dem Stock getastet. Denn kleine Kinder können noch nicht zuverlässig führen. Und die Verantwortung für ihre Sicherheit lag noch immer bei mir, und nicht umgekehrt.
Für meine Kinder war meine Sehbehinderung das normalste auf der Welt. Wir konnten kein Auto fahren, oder das Fußballspiel des Sohnes optisch verfolgen. Ebenso waren spontane Aktionen, wie mal eben auf einen Bauernhof oder zum Rodeln fahren nicht drin. Also brauchten wir alternative Lösungen, um den Kindern ein normales Aufwachsen zu ermöglichen.
Im Laufe der Jahre haben die Kinder gelernt sich sicherer im öffentlichen Nahverkehr zu bewegen als viele Kinder ihres Alters. Das konnte ich ihnen gut vermitteln. Doch es gab Dinge, die ich ihnen nicht zeigen konnte. Das fing mit der Ampel an. Ich suchte mir Personen, die meinen Kindern früh zeigten wohin sie bei einer Ampel schauen mussten. Auch die Anzeige für anfahrende Busse oder Bahnen ließ ich ihnen später von einer sehenden Assistenz zeigen. Und nachdem sie älter wurden, suchte ich mir jemanden, der ihnen erklärte wie man einen Fahrplan liest. Mein Ziel war, dass sie sich auch behelfen konnten, wenn ich mal nicht dabei war. Mit diesem Wissen war ich ruhiger, wenn sie mal alleine unterwegs waren. Denn auch Kinder behinderter Eltern brauchen mit zunehmendem Alter ihren Freiraum.

Unsere Urlaubsziele suchten wir uns nach der Zugänglichkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus. Das garantierte uns eine Unabhängigkeit von Assistenz oder Auto. Und wenn wir doch mal ins Ausland fuhren, plante ich den Ablauf sorgfältig. Als ich beispielsweise mit den Kindern nach Ägypten flog, waren sie 10 und 11 Jahre alt. Daher schickte ich eine E-Mail an das Hotel, und beschrieb welche Hilfestellungen ich als blinde Mutter brauchte. Ich fragte an was sie davon leisten können, und was das kostet. Und so bekam ich Hilfestellung am Büfett, Hilfe beim Ausfüllen des Anmeldebogens und einen festen Ansprechpartner, den ich jederzeit hätte anrufen können. Ich wusste, dass der Strand und die Pools beaufsichtigt wurden, was meine Nerven beruhigte. Ich begegnete vielen hilfsbereiten und wohlwollenden Mitarbeitern, die ohne Scheu mit mir sprachen. Erst recht, da ich arabisch spreche. Von diesem Urlaub erzählen die Kinder noch heute.

Wir waren danach noch ein paar Mal zusammen im Ausland. Im vergangenen Sommer haben beide Kinder sogar einen eigenen Urlaub gemacht, und ihn komplett selbst organisiert. Das war für sie eine wichtige Erfahrung, wie viele Teenager sie machen dürfen.

Wenn wir heute zusammen unterwegs sind, lasse ich mich gern von meinen Kindern führen. Jetzt, wo sie beinahe erwachsen sind, kann ich mich blind auf sie verlassen. Wir machen das so, weil wir das wollen, und nicht weil wir das müssen.

Ich bin stolz darauf, dass meine Kinder mir kein verantwortungsloses Verhalten unterstellen. Denn das habe ich von so manchem gut meinenden Miterzieher schon zu hören bekommen. Aber mit diesem Problem befinde ich mich mit vielen nicht behinderten Eltern in guter Gesellschaft.

Also, liebe Miteltern, habt Mitleid mit Euren selbsternannten Miterziehern. Denn sie wissen nicht was sie tun, und tun es trotzdem. Und das mit einer bewundernswerten Ausdauer. Vor Allem diejenigen, die keine eigenen Kinder haben. Sie haben ihre Vorstellungen. Aber die wirklichen Experten seid Ihr. Macht Euch das immer wieder bewusst.

Messen mit zweierlei Maß

Susanne mit Malte an einer Treppe Foto Linn Voss.

Susanne und ich kennen uns seit vielen Jahren. Es ist eine dieser Freundschaften, die trotz der Entfernung über Jahre halten. Im Herbst 2017 hat sie mich für ein Wochenende zu sich nach Hamburg eingeladen, und für ein unvergesslich schönes Wochenende gesorgt.

Ich freue mich, dass sie heute wieder einmal zu Gast auf meinem Blog ist. Auch die folgenden Beiträge stammen von ihr:
für Selbstverständlichkeiten bewundert werden,
Tag der offenen Moschee, was passiert da eigentlich? Und
Heißt selbständig auch schnell sein?

Messen mit zweierlei Maß
Es ist ein schöner Nachmittag und mein Freund und ich erwarten Besuch von zwei älteren Damen, die wir gut kennen. Ich bin vor kurzem in meine Wohnung hier in Hamburg eingezogen. Die beiden Damen haben einiges aufgetrieben, das ich gebrauchen kann. Ich freue mich sehr auf den Besuch und habe ein kleines Cafégedeck vorbereitet.
Mit großem Hallo begrüßen und Umarmen wir uns, alles ist gut. Ich freue mich riesig über das, was sie mir mitgebracht haben, und gebe Ihnen natürlich auch etwas dafür. Die beiden sind sehr nett, sehr fit und umtriebig und treiben immer eine Menge auf, das sie aus Haushaltsauflösungen und von Flohmärkten bekommen. Solche Möglichkeiten habe ich als gesetzlich blinde Frau eher nicht. So bin ich für die Unterstützung außerordentlich dankbar, da mein Geldbeutel nicht so dick gefüllt ist. Das Gespräch nimmt seinen Lauf, der Kaffee schmeckt, es wird viel gelacht.
Plötzlich beginnt sich eine der beiden Frauen umzuschauen: „Aber hier muss mal wieder geputzt werden, hier liegen Hundehaare herum! Hast du niemanden, der dir dabei hilft?“ Wie vor den Kopf geschlagen stehe ich da! Ich bin nicht oft sprachlos, aber in diesem Moment bin ich einfach nur stumm! Wie soll ich jetzt reagieren? Wie soll ich mit dem fertig werden, was ich gerade empfinde. Da ist auf der einen Seite die nette Hilfe und die netten Gespräche, und dann das! Mir geht durch den Kopf, was ich und meine Assistentinnen in den letzten Tagen alles getan haben, damit die Wohnung langsam wohnlich wird, damit es sauber und präsentabel ist. Ich wohne erst ein paar Monate in der Wohnung, und mein Hund ist gerade neu eingezogen. Vieles ist noch provisorisch und ich bin dabei mich in meiner neuen Lebensumgebung in Hamburg einzuleben. Ich freue mich über jeden netten Kontakt und über jede Unterstützung, die ich gerade am Anfang bekommen kann.
Was aber mache ich mit einer solchen Aussage? Im ersten Moment bin ich stumm. Ich kommentiere also die Aussage nicht weiter. Durch den Kopf geht mir allerdings: was würdet ihr machen, wenn ich mich bei euch so verhalten würde? Es ist ein Messen mit zweierlei Maß! Ein Hundehaar, eine staubige Fensterbank, ein aus Zeitgründen nicht gesaugter oder gewischter Boden, das alles würde bei einer nicht behinderten Person nicht weiter auffallen. Sie hatte eben einfach keine Zeit. Aber bei mir? Bei mir darf man/frau sich einmischen. Alles nur gut gemeint! Schließlich helfen wir ja sonst auch und bringen etwas mit! Auch wenn ich dafür zahle, die beiden haben sehr viel Zeit und Arbeit investiert, um mit gutem Geschmack etwas Passendes auszuwählen. Wenn ich Ihnen also sage, was mir in diesem Moment auf der Zunge liegt, sowas wie: „Das geht euch nichts an! Wie dreist seid ihr eigentlich?“ Oder die Frage, von eben: „Was wäre, wenn ich das bei euch machen würde?“
Ich stelle es ja immer wieder fest: mit dem Label „gut gemeint“ kann irgendwie alles gerechtfertigt werden. Und mit dem Satz: „Du siehst es ja nicht!“ erst recht. In diesem Moment fühle ich mich richtig hilflos. Eigentlich müsste ich Leute, die sich bei mir so verhalten, die so über meine Grenzen trampeln, rauswerfen. Andererseits sind da aber eben die vielen netten Begegnungen, sind da die vielen Handreichungen, die wirklich toll sind und für die ich sehr dankbar bin.
Das große „Fragezeichen“ bleibt. Ich habe bis heute für dieses Thema keine gute Lösung gefunden. Und ich erlebe es oft, dass Leute beleidigt sind, wenn ich Ihnen eine Grenze setze, weil ich etwas selbst kann, oder es einfach als übergriffig empfinde, wie sich manche Leute verhalten. Das fängt beim ungefragt angefasst werden an, geht weiter über die Bemerkungen und Kommentare zu meiner Hundehaltung, und hört in meinen Privaträumen auf.
Und das ist es: Meine Wohnung ist mein Refugium. Es ist der Raum, in den ich mich zurückziehen kann. Ich möchte mich hier sicher fühlen, den Hut aufhaben. Ich möchte Menschen unvoreingenommen willkommen heißen, Gastgeberin sein und sie bewirten können. Das alles ist irgendwie oft überschattet von dem Gefühl unter einer Dauerbeobachtung, unter so etwas wie Dauerbewährung zu stehen. Das führt leider oft zu dem Eindruck, dass Menschen, die mich besuchen, nicht unvoreingenommen meine Wohnung betreten. Es scheint, als würden sie das Haar auf dem Boden, dass die Assistentin eventuell vergessen hat, oder dass mein Hund direkt nach dem putzen dort hinterlassen hat, suchen. Vielleicht bestätigt das ihr Weltbild, das ich regelmäßig versuche bei meinem Umfeld ins Wanken zu bringen.

Ich habe mich schon oft gefragt, ob Sehende/nichtbehinderte Leute sich untereinander genauso verhalten? Manche würden wahrscheinlich sagen ja: zum Beispiel, wenn Eltern zu ihren Kindern nach Hause kommen, oder die Schwiegermutter das Heim der ungeliebten „Nebenbuhlerin“, die ihr ihren Sohn weggeschnappt hat, in Augenschein nimmt.
Eine Behinderung scheint dieses Phänomen aber zu legitimieren und zu verstärken. Ich kann mir noch so viel Mühe geben, irgendetwas finden sie immer. Und so fange ich langsam an mir sehr genau auszusuchen, wen ich bei mir zu Hause reinlasse. Ich möchte meine Wohnung als meinen Ort zum Wohlfühlen behalten. Ich möchte nicht selbst, mit unfreundlichem Blick, kritisch und oft abwertend, durch meine Wohnung gehen und mich fragen, ob sie vorzeigbar ist. Und doch tue ich das genau sehr regelmäßig. Ich hatte schon Diskussionen mit meinen Assistentinnen, weil sie das Phänomen nicht verstehen. Einfach zu sagen: „dann wehr Dich halt!“ oder: „Lass es einfach an dir abprallen!“ ist zu kurz gegriffen. Wie schon erwähnt: eine gute Lösung habe ich nicht. Ich fühle mich machtlos den Zuschreibungen gegenüber, die ein Weltbild zementieren, von dem ich hoffe, dass wir es irgendwann überwinden werden! An einigen Punkten auch umfangreichere Hilfe zu benötigen, steht den vorhandenen Fähigkeiten und der Normalität nicht im Weg! Und so sind es auch hier wieder die Barrieren in den Köpfen und das daraus resultierende Messen mit zweierlei Maß, die das Miteinander unnötig erschweren und für mich und andere Menschen mit Behinderungen zu echten Behindernissen werden!

Susanne ist gesetzlich blind und lebt in Hamburg. Die Dipl. Pädagogin und Peer Counselorin (ISL) ist ehrenamtlich in der Blindenselbsthilfe Hamburg tätig.

Ich danke ihr für diesen Beitrag, und freue mich auf Eure Meinung in den Kommentaren.