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Allgemein Alltag Zu Gast auf lydiaswelt

Anregungen zum blind schminken

Meine heutige Gastautorin ist Jennifer Sonntag, die bereits die Beiträge Ich und Ehrenamt oder auch mal nicht für mich geschrieben hat. Auch diesmal greift sie ein Thema auf, welches unter Betroffenen immer wieder kontrovers diskutiert wird. Nämlich das Schminken als blinde Frau.

Der Geschmack von Lippenrot

Warum ich mir das Schminken nicht abschminke
Während sehende Frauen auf ein unüberschaubares Angebot an Beauty- und Schminkratgebern zurückgreifen können, gab es für blinde Geschlechtsgenossinnen in den letzten fast 50 Jahren nur eine mir bekannte, buchgewordene Schminkanleitung, die eine blinde Frau für andere blinde Frauen veröffentlichte. Es handelt sich um „Die Kunst des Schminkens“ von Dorothy Pirozzi, einem erblindeten Model aus Amerika. Da ich nicht weitere 50 Jahre warten wollte, entschloss ich mich, für blinde Schminkfreundinnen das Buch
„Der Geschmack von Lippenrot“ zu schreiben.
Mit meinem Wunsch, mit anderen blinden Frauen über dekorative Kosmetik in Austausch zu kommen, bin ich nicht allein. So durfte ich Gemeinsam mit der blinden YouTuberin Tina Sohrab zum Braille-Festival 2019, in einem Beauty-Talk Rede und Antwort zu unserer gemeinsamen Leidenschaft stehen. Die ebenfalls blinde Moderatorin der Veranstaltung, Hanna Reuther, interviewte Tina zu ihren Tutorials und mich zu meinem Ratgeber und auch das Fernsehen war vor Ort. Wegen so eines banalen Themas? Für uns sehbeeinträchtigte Frauen ist das nicht banal, weil wir, wie bei vielen anderen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten, ganz eigene Tricks und Kniffe erlernen müssen. Oft werden diese im Falle dekorativer Kosmetik von sehenden Profis vermittelt. Am bekanntesten sind wohl die Schminkkurse von Rene Koch, die er auf Wunsch blinder Frauen ins Leben rief und auf die er sich selbst in Dunkelexperimenten vorbereitete. Ich finde es super, wenn nun auch wir betroffenen Frauen selbst, wie damals Dorothy Pirozzi, diese Angebote als Expertinnen in eigener Sache ergänzen. Und ja, auch von blinden Männern kommen zunehmend Anfragen zu kosmetischen Belangen.

Oft habe ich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich mich für Beauty-Themen interessiere. Sogar nach einer ganz normalen Pflegebehandlung hatten andere Kundinnen meine Kosmetikerinnen gefragt, warum ich als Blinde dort hinginge. Diese Logik verstehe ich nicht. Soll ich, da ich erblindet bin, diese hilfreichen Routinen unterlassen, nur, weil ich das Ergebnis nicht sehe? Gerade die Besuche bei meiner Frisörin, Kosmetikerin oder Nagel-Designerin geben mir die Sicherheit, dass alles im Rahmen ist. Manchmal schminke ich mich dann zusätzlich noch gern ein bisschen. Hier tauchen dann weitere Fragezeichen auf: „Warum macht sie das, sie sieht es ja selber gar nicht?“ Da ich mir auch bei der Auswahl von Kleidung und Schmuck Gedanken um meinen Stil mache, ist der Lippenstift für mich dann das passende I-Tüpfelchen, ein geliebtes Markenzeichen.

Bereits als junges Mädchen trug ich mir gern Lippenstift auf. An unserer Sehbehindertenschule war ich mit meiner Freundin damals eher eine Ausnahme, was das Interesse für Schminkutensilien betraf. Eine strenge Lehrerin hatte mich sogar einmal richtig kräftig in den Hintern getreten, sodass ich in die Ranzenecke fiel. Dabei trug ich den Lippenstift im Schulhaus gar nicht, aber dass ich einen besaß, muss Ärgernis genug gewesen sein. Oder waren die gestylten Haare und das kurze Röckchen Stein des Anstoßes? Zum Trost gab es zwar einen Radiergummi, aber ich hatte gelernt, dass bei manch alter Reha-Pädagogin „Mädchenkram“ sowas wie der Ruch des Bösen war. Begründung: „Dann brauchst du dich nicht wundern, wenn dir was passiert“. Ich hätte mir statt dessen Selbststärkungskurse für junge sehbehinderte Mädchen gewünscht und gern auch blinde junge Frauen kennengelernt, mit denen ich mich hätte identifizieren können, da ich später auch erblinden sollte und mir kein Leben als graue Maus vorstellen wollte. Toll fand ich immer unsere Schulaufführungen, bei denen wir uns richtig rausputzen oder verkleiden durften, meist mit unserer Tanzgruppe und ja, gerade in diesen kreativen Bereichen gab es auch mehr Offenheit für unser Ausprobieren.

Ich verstehe es gut, wenn sich Frauen überhaupt nicht schminken wollen. Ich tue das privat auch eher selten. Mir ist nur wichtig, dass gerade blinde Frauen selbstbestimmt wählen können und sich nicht aus Mangel an Teilhabemöglichkeiten, also aus Not geboren, gegen etwas entscheiden müssen, was Ihnen eigentlich Freude bereitet. Für uns blinde Frauen ist der Markt an Möglichkeiten oft kleiner und barrierefreie Zugänge zu optischen Themen sind rar. Ich bin dann oft happy über den einen Krümel vom großen Beauty-Kuchen. Entscheidet Frau aber selbstbestimmt und nicht aus mangelnder Dazugehörigkeit, dass ihr der Lippenstift getrost gestohlen bleiben kann, dann finde ich das auch eine selbstbestimmte Wahl. Ich möchte dennoch nicht als oberflächlich verurteilt werden, weil ich mich auch gern mal schminke. Gerade weil ich doch eher ein tiefsinniger Mensch bin, der sich oft mit schweren Themen befassen muss, ist es für mich ein Ausgleich für die Seele, hin und wieder einfach mal in Lippenstiftfarben zu denken.

Bei meiner Fernseharbeit für die Sendung „Selbstbestimmt!“ lasse ich mich gern von meinen Make-up-Artistinnen unterstützen. Für ein richtiges HD-Make-up reichen meine alltagspraktischen Schminktechniken nicht aus, da müssen wirklich die Profis ran. Ich merke immer wieder, dass ich hier wirklich blindes Vertrauen brauche, denn gerade meine Augen reagieren sehr empfindlich und wir müssen uns gut darüber abstimmen, was in meinem Gesicht passieren soll. Hier bin ich auch tatsächlich manchmal etwas traurig darüber, dass andere Menschen später etwas im Fernsehen von mir anschauen werden, was ich selbst nur im Kopf kreieren kann. Da ich schon viele Jahre vor der Kamera arbeite, ist mir sehr bewusst, dass ich mich als Frau auch verändere, das ist auch ein Gefühl des Kontrollverlusts. Aber ich liebe die Beauty-Oase mit den Tiegeln, Tübchen, Paletten, Pinseln und Quasten, die vor jedem Drehtermin wie ein kleines Heiligtum aufgebaut wird. Und ich lerne dadurch auch immer wieder interessante Produkte kennen, die ich mir dann nachkaufe.

Wie ich mich ganz persönlich als blinde Frau, aber auch als Peer-Beraterin für andere blinde Frauen, dem Schminken mit Spürsinn genähert habe, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch „Der Geschmack von Lippenrot“. Oft werde ich gefragt, ob ich ein paar kurze Schminktipps geben kann. Gerade für blinde Frauen muss man etwas genauer beschreiben, deshalb ist kurz und knapp schwierig. Frau kann sich dann schnell vertun.  Ich versuche dennoch einige Einblicke zu geben, für detaillierte Schminkanleitungen sollten meine blinden Schminkfreundinnen aber lieber das Buch zur Hand nehmen.

Zunächst habe ich mich zu meinem Farbtyp und zu meinen Hautbedürfnissen beraten lassen. Danach wählte ich die passenden Produkte aus. Das war ein Prozess und ich lasse mich noch immer gern inspirieren. Die eigene Gesichtsform und alle Schminktechniken lernte ich in Ruhe durch Trockenübungen kennen. Ich selbst arbeite überwiegend mit Fingerspitzengefühl, also dem Tastsinn. So trage ich in vorgegebenen Massagebewegungen die Foundation auf und arbeite im gleichen System mit einem Beauty-Blender nach, einem Schminkschwämmchen, was wie ein kleines Ei geformt ist. Da ich über lose Puder als vollblinde Frau weniger Kontrolle habe, nutze ich hier ausschließlich kompakte Varianten und einen Puderpinsel. Wenn ich mich für Rouge entscheide, zähle ich zuvor ab, wie oft ich mit dem Rouge-Pinsel über mein Produkt gehe und achte darauf, dass ich auf beiden Gesichtsseiten gleich verfahre. Es ist wichtig sich zu informieren, wo bei einem selbst das Rouge richtig platziert ist. Manche blinde Frauen verwenden statt Pudern auch lieber Cremeprodukte. Hier lohnt es sich, selbst ein bisschen zu experimentieren, was einem leichter von der Hand geht.

Lidschatten trage ich mir mit den Fingern auf und streiche dafür mit der Fingerspitze zuvor über meine meist hellen Pudertöne in der Palette. Auch hier zähle ich wieder ab, um für jede Seite gleich viel Material zu verwenden. Ein Reinigungstuch für die Fingerkuppe liegt stets in Griffbereitschaft. Auch auf dem Lid gehe ich mit systematischen Streichbewegungen vor und setze manchmal noch einen weiteren Akzent mit einer dunkleren Lidschattenfarbe. Bei der Wimperntusche lasse ich die Hand mit der Spiralbürste „einfrieren“ und zwinkere die Farbe mit der Wimper vorsichtig von der Bürste ab. Sehende Frauen machen es genau umgekehrt. Sie halten die Wimper still und bewegen die Bürste hindurch. Manche Frauen beherrschen den Lidstrich blind, dazu gehöre ich leider nicht. Das ist wirklich die Königinnenklasse, weil man hier sehr exakt und symmetrisch arbeiten muss. Hier ist Permanent-Make-up eine schöne Alternative. Will ich mich an die Brauen trauen, nutze ich gern Puderstifte. Damit meine Brauen schön in Form bleiben, mache ich ihnen feste Zupftermine.

Zu meinem Lieblingsutensil, dem Lippenstift, gäbe es so viel zu sagen. Deshalb wähle ich an dieser Stelle meine aktuell bevorzugte Variante aus. Es gibt einen Lippenstift, der den ganzen Tag lang hält und mit dem ich sogar essen kann. Er wird mit einem ähnlichen Applikator aufgetragen, wie ein Lipgloss. Hier muss ich nur etwas aufpassen, da dieser Dauerlippenstift so farbintensiv, wie eine Tinte ist und auch die Lippenkontur besser treffen muss, als ein Lipgloss. Um den Umgang mit dem Applikator zu üben, rate ich für den Anfang erstmal zu einem farblosen Gloss. Hier ist es auch nicht so schlimm, wenn etwas daneben geht. Bei farbintensiven Lippenstiften jedoch, auch bei den Klassikern, die man aus der Hülse drehen muss, ist es wichtig, mit der eigenen Lippenkontur vertraut zu sein. Hier fallen Ausrutscher deutlicher auf. Aber das ist alles eine Übungssache und Schminken lernen wir nur durch Schminken!

Es ist für mich wahnsinnig spannend, mich mit anderen blinden Frauen über ihre Schminkerfahrungen auszutauschen und ich finde es auch immer super und bereichernd, wenn eine es ganz anders macht, als ich. Bei sehenden Frauen gibt es ja auch viele verschiedene Techniken. Ich betrachte mich deshalb immer nur als Impulsgeberin und möchte anderen blinden Frauen Lust auf das Thema Schminken machen, was dann jede ganz selbstbestimmt ausgestalten kann. Gehen wir also in sinnlichen Schritten und mit viel Fingerspitzengefühl auf die Suche nach dem Duft unseres Teints, dem Klang unseres Wimpernschlags und dem Geschmack unseres Lippenrots!

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Fasst uns nicht ungefragt an

U-Bahnstation Frankfurt Südbahnhof. Es ist Samstagmittag, und ich warte auf meine U-Bahn. Als sie einfährt suche ich mit dem Stock die Tür, indem ich an der Bahn entlangfahre. Ah, da ist sie. Ich bleibe kurz stehen, weil ich hören will, ob jemand in der Tür steht. Dann strecke ich meinen Blindenstock aus, um einzusteigen. Bevor ich das machen kann, kommt eine Hand aus dem nichts, hält mich mit festem Griff am Arm und schiebt. Ich verdanke es meinen guten Reflexen, dass ich nicht vornüberfalle. Ich drehe mich um, befreie mich aus dem Griff und sage der Person, die noch kein Wort zu mir gesprochen hat, dass sie mich erschreckt hat. „Ich wollte doch nur helfen“, sagt sie etwas beleidigt. Jetzt erst höre ich, dass es sich um eine Frau handelt. Ich sage ihr, dass man fremde Menschen nicht ungefragt anfasst. Daraufhin knurrt sie etwas wie „Ich wollte nicht, dass Sie stolpern“. Und weg ist sie.
Solche und ähnliche Situationen erlebe ich beinahe täglich. Für mich heißt das, dass ich schon in eine Art Habachtstellung gehe, wenn ich irgendwo ein- oder aussteige. Ich rechne ständig mit unangekündigten, übergriffigen Berührungen, die mir das Leben angeblich erleichtern sollen. Dabei nervt es dermaßen.
Wenn ich beim Einsteigen meinen Stock ausstrecke, ertaste ich damit wie hoch die Bahn oder der Bus ist, ob es einen Spalt zwischen Bahn und Bahnsteigkante gibt, oder ob ein Hindernis vor mir liegt. Beim Aussteigen verfahre ich ähnlich. Diese Dinge gehören zur Ausbildung im Umgang mit dem Blindenstock. Im Grunde ist das Ein- und Aussteigen einfach eine Technik gepaart mit Konzentration. Das Tasten mit dem Stock liefert mir zuverlässige Informationen. Dieser Prozess wird gestört, wenn ich irgendwohin geschoben, gezogen oder gar am Stock geführt werde. Letzteres fühlt sich an als würde man einen Brillenträger an der Brille irgendwohin ziehen, und dabei die Gläser zuhalten.
Ein erwachsener Mensch, der mit einem Blindenstock unterwegs ist, weiß was er tut. Es besteht also keine Notwendigkeit ungefragt tätig zu werden. Wenn Ihr dennoch der Ansicht seid helfen zu wollen, dann sprecht die Person an. Ein Satz wie „Brauchen Sie Hilfe“, „Darf ich helfen“ oder „Kommen Sie zurecht“ sind gute Beispiele. Auf diese Weise behandelt Ihr den Menschen wie eine erwachsene Person. Wenn mich jemand so anspricht, kann ich die Person einordnen. Und ganz wichtig, ich kann ihr sagen wie sie mir am besten helfen kann. Kommt aber aus dem Nichts eine Hand an meinen Körper, weiß ich erst mal nicht, ob das Freund oder Feind ist. Denn ich sehe die dazugehörige Person nicht.
Und jetzt noch ein paar Worte an die Menschen, die Menschen mit Behinderung gern mal Undankbarkeit vorwerfen, nur weil sie die aufgedrängte Hilfe ablehnen. Dankbar bin ich den Menschen, die in mir nicht nur die „Blinde“ sehen, sondern eine erwachsene Frau, die sich mit der Hilfe eines Blindenstocks orientiert. Menschen, die nicht nur die Perspektive „Wenn ich sehend die Augen zu mache, sehe ich nichts“ sehen, sondern akzeptieren, dass es auch andere Möglichkeiten gibt sich zurechtzufinden.
Wenn Ihr mir was Liebes tun wollt, verbreitet das. Helft mir und anderen Menschen mit Sehbehinderung dabei nicht ständig Opfer übergriffiger Menschen zu werden.

Eure Lydia

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Allgemein Alltag Haushalt

Blind ein Glas Wasser einschenken

In meiner Herkunftsfamilie wuchs ich mit dem Wissen auf, dass ich aufgrund meiner angeborenen Blindheit viele Dinge nie allein machen würde. Und wenn ich doch mal in meiner kindlichen Neugierde etwas ausprobierte, wurde ich mit Argusaugen beobachtet. Und allein das Wissen darum kritisch beobachtet zu werden, ließ mich unsicher werden. Und so kam es dazu, dass ich beim Einschenken, in ein Glas, Flüssigkeit verschüttete, oder andere Fehler machte. Es verhielt sich so wie bei den sich selbst erfüllenden Prophezeiungen. Es dauerte lange, bis ich meinen Frieden damit machen konnte. Ich mache meinen Eltern damit keinen Vorwurf. Ich war das erste blinde Kind, welches sie kannten. Und eben das wollten sie vor möglichst allen Gefahren dieser Welt beschützen.
Kommen wir zurück zum Glas und der verschütteten Flüssigkeit. Nicht jeder sehbehinderte Mensch gießt automatisch daneben, nur weil das Sehen nicht funktioniert. Es gibt mehrere Möglichkeiten eine Flüssigkeit sicher in ein anderes Gefäß zu befördern. Und einige davon stelle ich heute vor.
Die einfachste Möglichkeit ist den Finger in das Glas zu halten. Wenn er feucht wird, ist das Glas bis zum Finger hin gefüllt. Man kann so selbst bestimmen wie voll das Glas oder der Topf sein soll. Das funktioniert auch bei einem Messbecher, der an der Innenseite tastbare Markierungen hat.
Wenn es um einen herum leise ist, kann man auch nach Gehör einschenken. Fließt Wasser in ein leeres Glas, so klingt das anders als bei einem gefüllten Glas. Je mehr Flüssigkeit drin ist, desto tiefer klingt es. Diese Methode erfordert etwas Übung und braucht eine geräuscharme Umgebung. Am besten übt man das über dem Spülbecken oder stellt das Glas in ein größeres Gefäß.
Von einem Bekannten weiß ich, dass er das zu füllende Glas in die Hand nimmt, und anhand des Gewichts feststellen kann, ob es voll genug ist. Ich selbst habe mit dieser Methode keine Erfahrungen, würde das aber auch eher über dem Spülbecken ausprobieren.
Für Personen, die noch ein bisschen sehen können, lohnt es sich mit Kontrasten zu arbeiten. Nimmt man für eine dunkle Flüssigkeit ein helles Gefäß, oder auch umgekehrt, kann man leichter die Flüssigkeit optisch wahrnehmen.
Und natürlich darf auch hier die technische Lösung nicht fehlen. Denn es gibt Situationen, in denen ich nicht meinen Finger in die Flüssigkeit halten möchte. Sei es bei heißer Flüssigkeit, oder beim Glas eines Gastes. Dafür gibt es eine Einschenkhilfe. Sie ist auf dem Beitragsbild zu sehen. Zwei Fühler werden am Rand in das Glas gehängt. Werden diese von der Flüssigkeit erreicht, geben sie einen Ton ab. Für Nutzer, die den Ton nicht mehr so gut hören können, gibt es das gute Stück auch als vibrierende Version. Das Hilfsmittel ist Batterie betrieben, und damit auch für den mobilen Einsatz gemacht.
Kommen wir zum Einfüllen von Flüssigkeit von einem größeren in ein kleineres Gefäß. Hier nehme ich gern mal einen Trichter. Denn damit kann ich einfach besser zielen.

Mit diesen Möglichkeiten kann man sich als Mensch mit einer Sehbehinderung aussuchen, ob und welche man für sich für geeignet hält. Und natürlich steht es einem ebenso frei sich beim Einschenken helfen zu lassen. Wichtig ist hier nur, dass man die Entscheidung selbst getroffen hat.

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4 wirksame Tipps einen Blinden zu stressen – Teil 3

Zunächst möchte ich mich für die vielen positiven Rückmeldungen zu meinen Beiträgen Vier wirksame Tipps einen blinden zu Stressen Teil 1 und vier wirksame Tipps einen Blinden zu stressen Teil 2 bedanken. Ich habe mich ebenso über die vielen Anregungen zu weiteren Beiträgen gefreut.
Heute wollen wir uns mal ganz auf das Thema Straßenverkehr konzentrieren. Mit viel Phantasie und Kreativität kann man hier einen Blinden richtig gut und effektiv stressen.
Mobile Straßenschilder sind ein bewährtes Mittel temporäre Gegebenheiten anzuzeigen. Damit der Blinde sie bloß nicht übersehen kann, ist es besonders wichtig diese in den direkten Laufweg des Blinden zu stellen. Besonders geeignet sind Straßenränder, die gern von Blinden zur Orientierung genutzt werden. Hier kann der Blinde sie nicht verfehlen. Gibt es keine direkte Hauswand in der Nähe, so stellen sie das Schild mitten auf den Gehweg. Und zwar so, dass es kein unbemerktes Vorbeikommen gibt. Dann haben auch die Menschen etwas davon, die ein eingeschränktes Gesichtsfeld haben, und noch keinen Blindenstock benutzen müssen.

Sie planen und betreuen eine Baustelle, die den Gehweg betrifft? Dann ist es ganz wichtig nur mittels Straßenschildern darauf hinzuweisen. Denken Sie dran, dass Baugerüste über Brusthöhe fühlbar sind, unten aber absoluter Leerraum ist. Und ganz wichtig, sobald sie einen Blinden herannahen sehen, geben Sie ihm ungefragt Richtungsanweisungen. Das dürfen Sie gern mit ihren Kollegen im Wechsel tun. Die Richtungsangaben wie rechts oder links dürfen sie gern ausknobeln. Gibt es kein Baugerüst oder andere Hindernisse auf dem Gehweg, dann stellen Sie direkt in der Nähe des Blinden einen Presslufthammer oder anderes lautes Gerät an. Lassen Sie sich nicht durch das Zusammenzucken des Blinden aus der Ruhe bringen. Schauen Sie genüsslich dem Blinden dabei zu wie er sich durch den akustischen Lärmterror seinen Weg sucht.
Sie fahren einen Linienbus? Prima, dann haben auch Sie viele Möglichkeiten einen Blinden in Stress zu versetzen. Sehen Sie einen Blinden an einer Bushaltestelle stehen, dann fahren Sie mit dem Vordereinstieg so weit nach vorne, dass der Blinde zwischen beiden Türen steht. Er wird versuchen die vordere Tür zu erreichen, um Sie nach der Buslinie zu fragen. Je mehr Bäume oder Poller auf der Strecke bis dahin stehen, desto effektiver ist ihre Maßnahme. Ist er nun vorne angekommen, und fragt nach der Buslinie, müssen Sie nicht darauf antworten. Sagen Sie einfach Sätze wie „Steht doch drauf, oder „Wohin wollen Sie“. Auch ein „Steigen Sie ein“ ist in Ordnung. Wenn Sie die Möglichkeit haben die Haltestellenansage leise oder auszustellen, nutzen Sie das. Schließlich hat der Bus eine optische Anzeige.
Sie entscheiden als Stadtplaner die Installation einer Fahrradstraße? Gut, dann ist es auch für Sie sehr einfach einen Blinden in Stress zu versetzen. Sie brauchen nur dafür zu sorgen, dass derselbe Weg von Fahrrädern und Fußgängern gleichzeitig genutzt werden darf. Bei getrennten Wegen ist es besonders wichtig einen einheitlichen Straßenbelag mit kontrastarmen Unterscheidungsmerkmalen zu wählen. Vor Allem an befahreneren Straßen erzielen Sie durchschlagende Erfolge.

Das waren meine Anregungen von heute. Ich freue mich, wenn Ihnen diese Tipps im Zusammenleben und Stressen blinder Fußgänger weiterhelfen. Lassen Sie Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen an Ihren neuen Erkenntnissen teilhaben. Und wenn Sie weitere Ideen zum Stressen eines Blinden haben, dann schreiben Sie diese in die Kommentare. So haben alle was davon.

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Allgemein Alltag unterwegs

Fragen und Antworten zum Blindenstock

Es ist Samstagmittag, als ich an der Station Frankfurt Süd in die U-Bahn steigen will. Mit dem Stock taste ich nach dem Eingang der Bahn und ob jemand vor mir ist. Eine Frau drängelt sich an mir vorbei, und tritt so auf den Stock, dass er mir aus der Hand gerissen wird, und an einer Stelle komplett durchgebrochen ist. Als ich die Dame darauf aufmerksam mache, erklärt sie mir, dass ich ihr den Stock ja zwischen die Beine geschoben habe. Mehr interessiert sie nicht. Ebenso wie die anderen Fahrgäste. Zwei Stationen weiter merke ich, dass ich so nicht weiterkomme und dass es ratsamer ist wie geplant hier umzusteigen. Ich bin ortskundig und es gibt hier Leitstreifen, die mir in meinem geschockten Zustand weiterhelfen können. Ich steige in meine geplante Bahn um, und steuere einen Laden an, wo ich bereits Stammkundin bin. Der Mitarbeiter klebt mir den Stock so mit Klebeband zusammen, dass ich mit dem Stock nach Hause kommen kann.
Zuhause mache ich mir erst mal in einer regionalen Gruppe auf Facebook Frankfurts Luft, und suche nach Zeugen. Denn ich habe die Dame, die mir meinen Stock beschädigt hat, nicht gesehen, und kann sie somit also auch nicht beschreiben. Das führt zu einer Diskussion mit diversen Hilfsangeboten, Fragen und Ideen. Einige davon möchte ich gern in diesem Beitrag aufgreifen und kommentieren.

– Ein Teilnehmer schlug vor Seniorenheime abzutelefonieren und nach nicht mehr benötigten Blindenstöcken zu fragen. Ein Blindenlangstock ist immer ein spezielles Hilfsmittel. Die Länge ist abhängig von der Körpergröße. Das ist wichtig, um beim Pendeln den nächsten Schritt absichern zu können. Stöcke gibt es in unterschiedlichen Gewichtsklassen und Fabrikaten. Jeder blinde Langstocknutzer bekommt den Stock, der am besten zu ihm passt. Dazu gehört eine Stockspitze, die es ebenfalls in unterschiedlichen Ausführungen gibt. Ebenso gibt es unterschiedliche Griffe, die unterschiedlich in der Hand lieben.
– Jemand empfahl mir einen Blindenstock für 10 Euro bei Amazon zu kaufen. Alternativ kam der Vorschlag einen Stock aus Ebay Kleinanzeigen zu kaufen. Was die Handhabung angeht, so verweise ich auf den letzten Absatz. Was die Tauglichkeit von Blindenstöcken im Bereich der 10 € betrifft, so halten sie auch nur für 10 €. Einen für mich passenden Stock kaufe ich bei der Hilfsmittelfirma meines Vertrauens.
– Eine Dame fragte, ob es nicht sinnvoller wäre einen festen Gehstock zu benutzen. Dieser wäre zu schwer, um mit ihm zu pendeln. Das muss ich aber machen, um festzustellen was direkt vor mir ist, außerdem ist er nicht weiß, und damit als Kennzeichnung im Straßenverkehr unzulässig. Es gibt Stützstöcke in Weiß. Allerdings sind sie nicht dafür vorgesehen sich wie mit einem Blindenlangstock im Straßenverkehr zu bewegen.
– Mit dem Blindenlangstock verbringe ich manchmal mehrere Stunden täglich. Daher ist es wichtig, dass er das richtige Gewicht, die richtige Spitze und den richtigen Griff hat. Von der Länge her reicht er mir bis zu den Achselhöhlen. Das ist die Länge, die es braucht, um beim Laufen den nächsten Schritt abzusichern, dabei wird mit dem Stock jeweils in einem flachen Bogen der Stock von links nach rechts und zurück gerollt. Wenn das linke Bein nach vorne geht, pendelt der Stock nach rechts und umgekehrt. Auf diese Weise bekomme ich mit ob sich der Bodenbelag ändert, sich Stufen oder Bordsteine auf meinem weg befinden, oder ob vor mir irgendein Hindernis ist.

Und hier habe ich noch ein paar weiterführende Links für Euch:
– In Nicht ohne meinen Stock beschreibe ich wie ich zum Stock gekommen bin,
– in Der Blindenstock in der Praxis geht es darum was der Stock kann und was nicht,
– in Welche Blindenstöcke gibt es geht es um Unterschiede von Blindenstöcken,
– in Der Blindenstock Stigma oder Befreiung geht es um das Hilfsmittel und die Haltung zur Kennzeichnung im Straßenverkehr.

Die oben erzählte Geschichte ist gut ausgegangen. In der Facebook gruppe wurde Geld für einen neuen Stock gesammelt. Dieses habe ich am Ende nicht gebraucht. Es gab einen Kostenträger, der mir einen neuen Stock finanziert hat, so dass ich wieder über einen Ersatzstock verfüge. Und da ich mich nicht an der Spendenbereitschaft der Geldgeber bereichern möchte, habe ich das Geld auf den Spendenpool über PayPal für die Arab. Episcopal School für blinde und sehende Kinder in Jordanien überwiesen. Mehr über diese Schule, die mir sehr am Herzen liegt, habe ich in diesem Beitrag geschrieben.

Zum Schluss habe ich noch eine Bitte: Wenn Ihr einen blinden Menschen mit Blindenlangstock seht, der auf ein Hindernis, eine Treppe oder eine Wand zuläuft, dann greift bitte nicht voreilig ein. Geht davon aus, dass dieser Mensch weiß was er oder sie tut. Und vielleicht wird das Hindernis oder die Wand einfach nur zur Orientierung gebraucht. Dem Stock tut es nicht weh, wenn er auf ein Hindernis trifft.

In diesem Sinne, lasst es Euch gut gehen.

Eure Lydia