Blind Bus fahren, das ist für mich wichtig

Lydia steht an einer Bushaltestelle

Bushaltestellen, Bahnhöfe, oder andere öffentliche Verkehrsmittel, die ich regelmäßig nutze, kenne ich. Im Klartext heißt das, dass ich gelernt habe, wo der Bus oder die Bahn hält, und wie ich diese am besten finde. Jedenfalls, wenn alles nach Plan läuft.
Es ist mir schon passiert, dass ich an einer Bushaltestelle gewartet habe, bis mir eine vorbeikommende Person gesagt hat, dass ein Zettel mit Hinweis auf eine Haltestellenverlegung da hing. Auch das sind Barrieren im Straßenverkehr.
An der Bushaltestelle stehe ich am liebsten dort, wo das Haltestellenschild ist. Damit stelle ich sicher, dass ich in der Nähe der vorderen Tür bin. Denn wenn ein Bus einfährt, muss ich diese möglichst schnell erreichen können. Ich muss wissen welcher Bus gerade einfährt. Und da es so gut wie keine akustische Ansage für einfahrende Busse gibt, muss ich den Busfahrer fragen. Wenn der Bus dann sehr weit nach vorne fährt, dann wird es für mich anstrengend. Auf die Frage „Welcher Bus ist das“? Wünsche ich mir eine Antwort wie „653“ oder „Frankfurt Süd“. Nicht aber „Falscher Bus“, oder „Steht doch drauf“. Auch die freundlich gemeinte Ansage „Steigen Sie ein“, nützt mir nichts. Einsteigen werde ich erst, wenn ich sicher bin, dass es sich um den Bus mit meinem Fahrziel handelt.
Ich brauche keine Hilfe beim Einsteigen. Mein bester Freund ist hier mein Blindenstock, mit welchem ich fühlen kann, wie hoch der Einstieg in den Bus ist. Ich mag es nicht, wenn mich gut meinende Personen versuchen in den Bus zu schieben. Ich erschrecke mich, da ich nicht weiß ob das Freund oder Feind ist. Menschen, die versuchen mich an meinem Stock in den Bus zu ziehen, bringen mich eher in Gefahr. Denn der Stock hilft mir Stufen und Hindernisse zu erkennen. Er ist also mein Auge am Boden. Stellt Euch vor, Euch würde man die Augen zuhalten und irgendwohin ziehen.
Im Bus wird es gern still, wenn ich einsteige. Wenn gesprochen wird, höre ich, ob bereits jemand auf dem Platz, an dem ich gerade vorbeilaufe, sitzt. Ist es still, dann könnte dieser leer sein. Da ich das meistens nicht sehe, muss ich tasten. Frei nach dem Motto  „Wer nicht hören kann, darf fühlen“. Leute, man darf einem blinden Fahrgast ruhig sagen, dass man bereits da sitzt. Und man darf auch die Information geben, dass links oder rechts von mir ein Platz frei ist. Aber bitte nicht zum Sitzen drängen. Wenn ich einen ganzen Tag lang gesessen habe, dann freue ich mich darüber im Bus oder der S-Bahn zu stehen.
Um an der richtigen Bushaltestelle aussteigen zu können, brauche ich eine akustische Ansage der Haltestelle. Ich kann die optische Anzeige nicht sehen. Und genauso sehe ich nicht wo wir gerade entlang fahren. Auf bekannten Strecken bin ich auf meine Kenntnisse des Streckenverlaufs angewiesen. Aber das verlangt mir absolute Konzentration ab. Fährt der Bus außerplanmäßig eine Umleitung, habe ich sofort verloren. Nicht nur meine Heimatstadt zeichnet sich dadurch aus, dass die Ansagen kaum bis gar nicht funktionieren. Wenn ich den Busfahrer auf die fehlende Ansage hinweise, bekomme ich Antworten wie „Kaput“, oder „Ich sage Ihnen Bescheid“. Dabei geht er gern davon aus, dass ich immer an derselben Haltestelle aussteigen möchte. Nachdem ich bereits ein paar Mal vom Busfahrer vergessen wurde, und falsch ausgestiegen bin, verlasse ich mich nicht mehr auf das Versprechen. Im Übrigen geht es Menschen, die nicht ortskundig sind, ähnlich.
Beim Aussteigen wünsche ich mir, dass der Bus an der regulären Haltestelle hält. Ich mag es gar nicht, wenn er so weit vorne oder hinten hält, dass ich erst mal über eine Grünfläche laufen muss, um auf den Bürgersteig zu kommen. Das erschwert mir die Orientierung.

Behörde glaubt an Spontanheilung

Blindengeld bekommen Personen, die dem Gesetz nach blind sind. Das sind Menschen, die höchstens zwei Prozent auf dem besseren Auge sehen können. Dieses Geld ist als Nachteilsausgleich für blindheitsbedingte Mehraufwändungen vorgesehen. Da die Regelung Ländersache ist, unterscheidet sich die Höhe der Summe von Bundesland zu Bundesland.

Was sind blindheitsbedingte Mehraufwändungen?

Das sind Kosten, die aufgrund einer Sehbehinderung anfallen. Das kann die Anschaffung eines Hilfsmittels sein, eine Begleitung auf einen Ausflug oder eine Hilfe im Haushalt. Blinde Menschen sind so vielseitig wie ihre Bedürfnisse. Daher bestimmt jeder selbst wie er dieses Geld für sich und für mehr Lebensqualität einsetzt.

Hier in Hessen wird dieses Geld durch den Landeswohlfahrtsverband Hessen, LWV ausgezahlt. Diese Behörde verlangt alle zwei Jahre eine Lebensbescheinigung, die man beispielsweise beim Hausarzt, der Bank oder dem Einwohnermeldeamt bekommt. Unter Anderem wird einem auch die Frage gestellt, ob man sich während der letzten 18 Monate einer Augenoperation unterzogen hat. Wenn ja, dann wird es so richtig schön bürokratisch.

Im Frühjahr 2018 wurde bei mir eine Hornhauttransplantation am Auge durchgeführt. Einen Monat später wurde ich, wie alle zwei Jahre, aufgefordert nachzuweisen, dass ich noch am Leben bin. Die Frage, ob während der letzten 18 Monate eine Augenoperation durchgeführt wurde, beantwortete ich wahrheitsgemäß mit einem ja. Das beiliegende Formular übergab ich meinem Augenarzt, damit er es ausfüllte. Dieser bestätigte, dass meine Sehschärfe noch immer klein genug ist, um die Voraussetzungen für das Blindsein zu erfüllen. Dieses schickte ich unterschrieben zurück. Daraufhin bekam ich ein dickes Formular, welches der Augenarzt noch mal ausfüllen sollte. Das muss bis Juli eingegangen sein. Sonst wird mir das Landesblindengeld nicht weiter bewilligt.

In den vergangenen Jahren habe ich mich mehreren Operationen unterzogen. Bei jeder einzelnen waren die Ärzte und ich uns einig, dass sich mein Sehen nicht wesentlich verbessern wird. Bei einigen Operationen war es erforderlich, dass nach sechs, zwölf oder achtzehn Monaten Fäden entfernt werden müssen. Ich habe Nystagmus. Das heißt, dass meine Augen unkontrolliert zittern. Daher werden solche Eingriffe unter Vollnarkose durchgeführt. Das ruft wieder die Behörde auf den Plan, da die das als Operation zählen. Ich muss also nach jedem solchen Eingriff den Beweis erbringen, dass ich noch immer blind genug für die Leistung Blindengeld bin.

Eins steht fest. Nämlich dass manche Behörden an Spontanheilung glauben. Fäden aus einer transplantierten Hornhaut entfernen, und Schwups ist die Blindheit weg. Mir und meinem Augenarzt ist kein einziger Fall bekannt, bei dem allein durch das Entfernen von Fäden ein blinder Patient wieder so viel gesehen hat, dass der den Status blind verliert.

Ich habe Verständnis dafür, dass von Zeit zu Zeit geprüft wird, ob die Person, die Blindengeld bezieht, noch am Leben ist. Schließlich wurde auch hier bereits schon Missbrauch getrieben. Ich habe auch Verständnis dafür, dass man nach einer OP den Visus vom Augenarzt feststellen und angeben muss. Wofür dann aber noch so ein dickes Formular durch den Augenarzt ausgefüllt werden muss, ist mir schleierhaft. Und erst recht, dass nach einem Entfernen von Fäden der erneute Beweis für die noch Blindheit angetreten werden muss. Das empfinde ich als unnötigen Stress für alle Beteiligten.

Die blinde Mutter und der Autokauf

Lydia steht neben der Fahrertür eines Autos.

Ich habe mich nie besonders für Autos interessiert. Für mich war das ein Gehäuse auf vier Rädern. Auch die meisten Autotypen sagten mir wenig. Ich glaube, ich hatte ebenso viel Ahnung von den Eigenschaften eines Autos wie ein normal sehender Mensch von den Unterschieden bei der Brailleschrift.
Als ich klein war, hatten wir ein Auto in der Familie, welches von meinem Vater gefahren wurde. Meine Mutter erledigte ihren Alltag komplett ohne Auto. Und auch ich lernte ohne Auto zu denken. Und wenn ich doch mal einen Ort erreichen musste, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreichbar war, nahm ich mir ein Taxi, oder organisierte mir ein Auto inklusive Fahrer. Als meine Kinder im Vorschulalter waren, wurde das Auto noch mal interessant. Ich bezahlte eine Assistenz dafür mit mir den Familieneinkauf, den ich alleine nicht nach Hause tragen konnte, zu erledigen. Und wenn mein Sohn am Wochenende zu einem Treffpunkt für sein Fußballspiel musste, dann war ich auf die Hilfe von anderen Eltern angewiesen, oder ich bezahlte ein Taxi.
Auch meine Kinder lernten ohne Auto zu denken. Während ihrer Grundschulzeit war alles in meiner Heimatstadt zu Fuß erreichbar. Und als sie älter wurden, durften sie das Fahrrad benutzen. Dadurch erweiterte sich ihr Aktionsradius. Denn die weiterführende Schule war in der Nachbarstadt. Bei gutem Wetter fuhren sie mit dem Fahrrad hin, während sie im Winter den Bus nahmen. Wenn es mal richtig stark regnete, dann fanden wir entweder andere Miteltern, die meine Kinder mitnahmen, oder ich bestellte ihnen ein Taxi.
Mit 17 Jahren machte meine Tochter ihren Motorradführerschein. Dadurch erweiterte sich ihr Aktionsradius noch mal. Für sie war das wichtig, da das Einzugsgebiet ihrer aktuellen Schule sich vergrößert hatte, und der ÖPNV in manchen Situationen sehr zeitaufwändig war. Jetzt war es auch mal möglich für vier Freistunden nach Hause zu fahren, was mit dem Bus kompletter Unsinn war.
Anfang 2018 bekam sie nun ihren PKW-Führerschein. Endlich hatten wir jemanden in der Familie, der ein Auto fahren durfte. Aber woher jetzt ein Auto bekommen? Mein Mann und ich hatten versäumt uns mit der Materie Auto auseinanderzusetzen. Und jetzt bekamen wir die Rechnung präsentiert. Wir brauchten jemanden, der gemeinsam mit uns nach einem passenden PKW suchte. Und hier lag das Problem. Auf einmal hatten wir im sozialen Umfeld ganz viele selbst ernannte Experten, die uns mit so vielen Ratschlägen bombardierten, dass mir jedes Mal der Kopf schwirrte. Wir fuhren Gebrauchtwagenhändler ab, machten Termine mit verschiedenen Privatleuten, die Autos verkauften, um dann festzustellen, dass das Angebot sich vom tatsächlichen Objekt unterschied. Hurra, es lebe die Bildbearbeitung! Ein Verkäufer wollte uns sogar weiß machen, er habe das falsche Auto fotografiert. Schade, dass ich zu dem Zeitpunkt keine Visitenkarte vom ansässigen Blindenverband dabeihatte.
Mit dem Autokauf fühlte ich mich völlig überfordert. Vielleicht könnte man das mit einem nicht blinden Menschen vergleichen, der eine geeignete Braillezeile für einen Blinden aussuchen soll. Dabei konnte es doch kein Hexenwerk sein, ein Auto zu kaufen. Oder vielleicht doch? Und so langsam lief uns die Zeit davon.
Irgendwann telefonierte ich mit einem Bekannten, und sprach das Thema an. Dieser kannte sich aus, und hatte Freunde im Autohandel, die er fragen würde. Wir brauchten einen Gebrauchtwagen, der fahrtüchtig und ohne Bastelbedarf war. Eine Woche später fuhren meine Tochter und ich zu ihm nach Düsseldorf, wo wir eine Auswahl in Frage kommender Autos fanden. Wir entschieden uns für eines, und wurden handelseinig. Ich würde die Hälfte des Geldes überweisen, danach würden die Fahrzeugpapiere zu uns geschickt, und der Kaufvertrag aufgesetzt. Danach konnten wir hier das Auto versichern, anmelden, und anschließend in Düsseldorf abholen.
Es dauerte eine Woche, bis wir die Unterlagen hatten und eine Versicherung gefunden hatten.
Jetzt musste das Auto noch von Düsseldorf nach Frankfurt. Meine Tochter war Fahranfängerin. Daher wollte ich nicht, dass sie diese Strecke allein fuhr. Für 300 € hätte der Händler es uns auch geliefert. Doch wollte ich das Geld nicht ausgeben. Am Ende konnte ich eine Freundin der Familie dafür gewinnen das Auto gemeinsam mit mir zu fahren.
Diese Freundin fuhr mit mir zur Zulassungsstelle nach Langen, um das Auto anzumelden. Die dortigen Mitarbeiter hatten wohl noch nie einen blinden Menschen live und in Farbe gesehen. Jedenfalls erfüllten sie alle gängigen Klischees. Sie sprachen mit meiner sehenden Begleiterin, wenn sie etwas wissen wollten. Einige starrten mich an, als hätte ich eine neue Warze auf der Nase. Und gleich mehrere Mitarbeiter stellten meiner Freundin die Frage, ob sie mir bei der Unterschrift die Hand führen würde. Nein, tut sie nicht. Sie zeigt mir wo die Unterschrift hin soll.
Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Düsseldorf, und holten das Auto ab. Ein kleines Auto, das für uns alle Platz bietet, und meinen Kindern einen größeren Aktionsradius ermöglicht.

Was hat sich für mich seitdem geändert
In meinem Alltag hat sich nicht viel geändert. Ich bewege mich nach wie vor ohne Auto durch meinen Alltag. Die Ausnahme bildet der Großeinkauf, den wir jetzt mit dem Auto erledigen können. Außerdem können wir hin und wieder mal einen Ausflug an einen der naheliegenden Baggerseen machen. Diese sind für mich ohne Auto oder Fahrrad unerreichbar. Und wenn wir unterwegs sind, brauche ich mir keine Gedanken zu machen, dass ich zu jeder Zeit mein Gepäck selbst tragen können muss. Das Auto ist ein kleines Bonbon für meine Familie. Aber es wird nie meinen Alltag beherrschen. Dafür liebe ich meine Mobilität und Unabhängigkeit zu sehr.

Vortrag vor blindem Publikum

Frauenstammtisch bei unserer ansässigen Blindenselbsthilfe. Wir haben eine Referentin eingeladen, die uns etwas über Wohnen im Alter vortragen wird. Mich persönlich interessiert das Thema nur am Rande. Dennoch nehme ich an dem Treffen teil. Denn es ist auch immer eine gute Gelegenheit andere Mitglieder zu treffen, einen Plausch miteinander zu halten und gemeinsam zu essen. Und falls mich der Vortrag unserer Referentin nicht anspricht, habe ich eine Handarbeit in meiner Handtasche. Stricken entspannt mich, und hilft mir dabei mich zu konzentrieren.
Die Referentin beginnt damit, dass sie eine Unmenge an Broschüren vor sich ausbreitet. Anschließend fängt sie an daraus vorzutragen. Soweit, so gut. Nach jedem abgehandelten Punkt kommt allerdings ein Satz, der mich stört. Nämlich „Ich habe Ihnen hier eine Broschüre dazu mitgebracht. Die Kann Ihnen ja jemand vorlesen.“
Ich schreibe dieses Verhalten der Möglichkeit zu, dass die Referentin noch nie mit blinden Zuhörern gearbeitet hat, und lasse sie ihren Vortrag beenden. Anschließend gehe ich zu ihr nach vorne, und frage sie, ob es die Informationen auf den Prospekten auch in einer anderen Form gibt, die für Menschen mit einer Sehbehinderung besser geeignet ist. Damit meine ich Infos in Braille, Großschrift, als Audioversion zum Hören oder als Datei. Nein, gibt es nicht, bekomme ich als Rückmeldung, nebst den angebotenen Broschüren in Papierform. Aber die lehne ich strikt ab. Wer mein Interesse wecken möchte, sollte es mir möglichst leicht machen an seine Informationen zu kommen.
Wären mir die Informationen wichtig genug, dann hätte ich diese zuhause eingescannt, durch eine entsprechende OCR-Software laufen lassen, und für mich in Text umgewandelt. Allerdings ist das für Broschüren ziemlich zeitintensiv. Und so groß ist mein Interesse dann doch wieder nicht.
Wenn man einen Vortrag vor blindem Publikum hält, sollte dieser auch entsprechend gestaltet sein. Bilder und Filme bringen nur dann etwas, wenn diese eine entsprechende Beschreibung beinhalten. Hier ist weniger oft mehr. D. h. im Klartext, dass das gesprochene Wort größere Wirkung zeigt, als viele bunte Bildchen und Filmsequenzen. Das ist höchstens für nicht blinde Begleitpersonen oder sehbehinderte Teilnehmer interessant.
Was die obligatorischen Broschüren angeht, so erwarte ich nicht, dass diese stets in Braille, Großschrift oder Audio verfügbar sind. Jedenfalls nicht bei Organisationen, welche auf ehrenamtlicher Basis arbeiten. Es macht allerdings Sinn mit dem Organisator der Gruppe zu sprechen, und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Diese könnte beispielsweise sein, dass man die Infos als Datei zur Verfügung stellt. Diese kann dann in Braille oder Großschrift ausgedruckt werden. Gleiches gilt auch für die Visitenkarten, die gern am Ende jeder Veranstaltung überreicht werden. Diese haben für mich kaum mehr wert als ein Fetzen Papier ohne verwertbaren Inhalt.
Wenn mir die Info wichtig genug ist, bitte ich den Referenten mir diese per E-Mail zuzusenden, oder notiere mir die Kontaktdaten auf meinem Smartphone. Visitenkarten nehme ich nur selten an, da ich sehr schnell wieder vergessen habe was für ein Papier ich da entgegengenommen habe. Wenn es nicht anders geht, mache ich mit meinem Smartphone ein Foto davon, und vergebe einen sprechenden Namen dafür. Sätze wie „Das kann Ihnen ja eines ihrer Kinder vorlesen“ finde ich blöd. Ich allein bestimme von wem ich mir wenn überhaupt etwas vorlesen lasse. Nur weil meine Kinder sehend sind, heißt es nicht, dass sie mir permanent alles vorlesen müssen. Wenn mir jemand etwas verkaufen will, dann müssen die entsprechenden Infos für mich als Endkunden so verfügbar sein, dass ich sie ohne fremde Hilfe verarbeiten kann. Gleiches gilt für Organisationen und Vereine, die ein Interesse an meiner Mitgliedschaft haben.

Weiterführende Informationen:
in Blind am Computer erkläre ich wie ich am PC arbeite.
und Wie arbeitet ein Blinder am iPhone zeigt wie ich auch unterwegs arbeiten kann.

So, Ihr kennt jetzt meine Meinung dazu. Jetzt freue ich mich schon auf Eure.

Hilfe ja, Mitleid nein!

Es ist Dienstag früh, als ich in den Supermarkt meines Vertrauens gehe. Ich suche die Sachen zusammen, deren Standort mir bekannt ist. Für die drei oder vier Artikel, die ich gar nicht, oder nur unter großem Zeitaufwand alleine finden würde, spreche ich eine Mitarbeiterin an. Um diese Uhrzeit ist das kein Thema, und man hilft mir hier bereitwillig. Auch an der Kasse ist die Lage noch recht entspannt, so dass ich in aller Ruhe bezahlen, und gemeinsam mit der Kassiererin meinen Einkauf verpacken kann, während wir einen kleinen Plausch halten. Ich kann das alleine. Dennoch lasse ich mir gern dabei helfen. Es geht einfach schneller.
Ich finde nichts Schlimmes daran einen anderen Menschen um Hilfe zu bitten. Mir ist klar, dass mir aufgrund meiner Sehbehinderung in manchen Bereichen Grenzen gesetzt sind. Ich kann kein Autofahren, komme auf rein grafisch orientierten Internetseiten nicht zurecht, oder kann keine gezielten Fotos machen. Das ist nun mal so. Ich habe hier genau zwei Optionen. Nämlich mir Hilfe bei diesen Dingen zu holen, oder mich damit abzufinden, dass ich nicht mit dem Auto fahre, auf den Besuch der Internetseite verzichte und das mit dem Foto ebenfalls lasse. Diese Entscheidung treffe ich ganz allein, und mit allen daraus resultierenden Konsequenzen.
Und dann gibt es die Dinge, die ich alleine kann, für die jemand, der sehen kann, jedoch nur einen Bruchteil dieser Zeit benötigt. Ein Beispiel aus meinem Alltag ist das Wischen des Fußbodens. Wenn ich das selbst mache, fange ich links oben in der Ecke an, und höre rechts unten auf. Damit weiß ich, dass ich mit meinem Wischer überall gewesen bin. Eine Kontrolle über den Erfolg habe ich erst, wenn ich auf die Knie gehe, und jede Stelle anfasse, nachdem ich sie geputzt habe. Eine sehende Putzhilfe braucht das nicht zu tun. Sie erfasst mit ein paar Blicken, ob der Fußboden sauber geworden ist, und kann gezielt nacharbeiten, wenn es nötig ist. Wenn ich also weiß, dass ich die mehrfache Zeit dafür brauche, schone ich meine Nerven und meine Knie, wenn ich mir bei dieser Tätigkeit helfen lasse. Bei kleinen Räumen entscheide ich mich oft dafür selbst zu putzen, da der Raum klein und überschaubar ist, während ich das bei größeren Räumen lieber an eine Assistenz abgebe. Ich muss niemandem beweisen, dass ich es kann, und nutze die Zeit lieber sinnvoll für andere Tätigkeiten, die ich gut kann.
Wir Menschen mit Behinderung begehen oft den Fehler, dass wir besonders fit, besonders leistungsfähig, und besonders perfekt sein wollen. Woher das kommt, darüber streiten sich ein bisschen die Geister. Ein Teil liegt wohl in der Kindheit, in der man vielen Menschen mit Behinderung eingebläut hat, sie müssten besser sein als Menschen, die keine Behinderung haben. Denn nur so würden sie in einer leistungsorientierten Gesellschaft anerkannt werden.
Auch ich kenne das Phänomen des besonders leistungsorientierten blinden nur allzu gut. Ich weiß wie es sich anfühlt, wenn man auf die Behinderung runterreduziert wird, wenn die Menschen nicht von mir, Lydia, sprechen, sondern von der Blinden. Wenn die Eigenschaft blind zum Substantiv gemacht wird. Wenn Menschen über mich sprechen, als sei ich nicht nur blind, sondern taub und dumm. Doch inzwischen habe ich gelernt, dass man sich diesen Schuh nicht anzuziehen braucht. Ich bin es mir Wert, dass es mir gut geht. Und dazu gehört, dass ich die für mich beste Option auswähle. Ganz gleich, ob ein anderer blinder Mensch dieses oder jenes besser bewältigen kann, oder inwieweit mein Umfeld mich als vollwertigen Teil einer inklusiven Gesellschaft wahrnimmt.