Wie kann man blinden Menschen helfen?

Es ist Samstagabend, als ich aus dem voll besetzten Nahverkehrszug aussteige, und über den Frankfurter Hauptbahnhof laufe. Hinter mir liegen acht Stunden Zugfahrt. Und heute wollte es das Schicksal, dass ich jede in Frage kommende Verspätung mitgenommen habe. Wenn alles gut geht, werde ich in einer knappen Stunde zuhause sein.

Da ich den Frankfurter Hauptbahnhof kenne, laufe ich nicht an den Leitlinien für blinde Fußgänger entlang, sondern suche mir den Weg, der für mich am Schnellsten geht. Es gibt mehrere Möglichkeiten nach Hause zu kommen. Ich werde langsamer, und wäge für mich ab wie ich am besten fahren will. Plötzlich packt jemand meinen rechten Am, und versucht mich mit sich zu ziehen. Nach der ersten Schrecksekunde befreie ich mich aus dem festen Griff und erkläre meinem Gegenüber, dass ich das nicht will. Die ältere Dame meint, dass sie mich doch nur auf den richtigen Weg führen möchte. Echt jetzt? Kann die Gedanken lesen? Woher will die wissen wohin ich will, wenn ich selbst noch bis eben überlegt habe, ob ich mit der S-Bahn oder der U-Bahn fahren will? Ich nehme mir die Zeit zu fragen, warum. „Da ist doch der Blindenweg“, sagt sie, „und da bringe ich Sie jetzt hin“. „Und wenn ich da jetzt nicht hin will“, frage ich sie. Die Antwort bleibt sie mir schuldig. „Ein junger Mann, der das Szenario beobachtet hat, fragt mich, ob ich zur S-Bahn möchte. Dann könne er mich mitnehmen. Das nehme ich gern an.

Die Frage „Wie kann man einem blinden Menschen helfen“ ist eine jener Fragen, die mir sehr oft begegnet ist. Die Fragestellerin, oder der Fragesteller geht ganz selbstverständlich davon aus, dass blinde Menschen grundsätzlich Hilfebedürftig sind. Wer fragt, sucht nach Antworten, die ihm dabei helfen möglichst keinen Fehler zu machen. Und an diese Menschen richtet sich meine Antwort.

Schauen wir uns die Darstellungen von blinden Menschen in den Medien an, so wird viel über den Superhelden geschrieben, der einen Berg bestiegen, oder irgendwo eine Einrichtung für betroffene gegründet hat. Oder es wird über blinde Menschen berichtet, die absolut hilflos ohne ihre sehende Begleitperson, Betreuer oder was auch immer ist. Über den blinden Vater, die blinde Berufstätige Frau, oder die blinde Studentin, die ihren Alltag ganz normal in freier Wildbahn lebt, wird selten berichtet. Kurz, zwischen dem blinden Superhelden und dem hilflosen, blinden, älteren Herrn, der ohne seine sehende Begleitung völlig aufgeschmissen ist, gibt es noch ganz viel Anderes.

Blind ist nur eine von vielen Eigenschaften. Und blinde Menschen haben dieselben Eigenschaften wie nicht blinde Menschen. Das gilt nicht nur für Aussehen und innere Werte, sondern auch für die Selbständigkeit. Es gibt sie in absolut unbeholfen bis zum Superheld. Würde ich alle blinden Menschen miteinander gleichsetzen, wo käme das ungefähr der Aussage gleich, dass alle Mütter perfekte Hausfrauen seien. Auch das entspricht nicht der Realität. Es gibt gut organisierte Mütter, und andere, die mehr oder weniger Hilfe brauchen.

Kommen wir auf die ursprüngliche Frage zurück, ob und wie man einem blinden Menschen helfen kann. Ich wünschte manchmal, ich könnte eine pauschale Gebrauchsanweisung liefern. Aber eben diese gibt es nicht. Was es aber gibt sind zwei Ratschläge, die ich gern jedem auf den Weg mitgeben möchte:
Fasst man einen blinden Menschen unangekündigt an, dann erschreckt man die Person. Wenn ich jemanden nicht sehen kann, dann kann ich auch nicht einordnen, ob das jetzt Freund oder Feind ist. Bei guten Reflexen der blinden Person könnte das für den Helfer oder der Helferin schmerzhafte Folgen haben.
Und wie hilft man am besten?

Wer es geschafft hat den blinden Menschen zu fragen, ob er Hilfe braucht, der kann auch ruhig die Frage nach dem Wie stellen. Davon haben alle etwas. Und wer weiß, vielleicht ergibt sich daraus auch ein nettes Gespräch.
Ein Paradebeispiel für sinnvolle Hilfe.
Ich laufe an einer stark befahrenen Straße entlang, als ich mit dem Stock wahrnehme, dass etwas anders ist. Das fühlt sich an wie Baustelle. Gut, jetzt stellt sich mir die Frage, wie ich am Besten an eben dieser Baustelle vorbeikomme. Eine Frau spricht mich an, und fragt ob sie mir helfen kann. Ich bitte sie mir an dieser Baustelle vorbei zu helfen. Sie erklärt mir, dass ein Fußweg unter dem Baugerüst vorbei führt, und zeigt mir den Eingang, den ich nicht sehen konnte. Sie fragt, ob mir das ausreicht. Nachdem ich das bejaht habe, verabschieden wir uns voneinander. Und genauso wünsche ich mir das. Die Frau hat mir Hilfe angeboten, und es mir überlassen diese anzunehmen oder eben auch nicht. Und sie hat sich nach dem wie erkundigt. Ich wünsche mir, dass noch mehr Menschen so reagieren, und uns Menschen mit Behinderung als das ansehen, was wir sind, nämlich als Experten in eigener Sache.

Ich beispielsweise brauche jemanden, der mir sagt, welche Buslinie gerade vor meiner Nase hält. Einsteigen möchte ich lieber alleine. Ich brauche also keine Hilfe beim Einsteigen. Und erst recht niemanden, der mich an meinem Blindenstock greift und in eine bestimmte Richtung lenkt. Das wäre genauso, wenn euch jemand die Augen verbinden und irgendwohin schieben würde. Denn der Stock ist mein Auge auf der Straße.

Und nun freue ich mich auf Eure Meinung zu diesem Thema in den Kommentaren.

Das wünsche ich mir als blinder Gast in einem Hotel

Ich sehe noch gut genug, um mich an Lichtverhältnissen oder Unterschiede bei Kontrasten zu orientieren. Wenn es also draußen bewölkt ist, sehe ich besser als wenn die Sonne scheint. Und wenn es draußen dunkel ist, orientiere ich mich an beleuchteten Hauswänden, Straßenlaternen oder Schaufenstern. Laufe ich durch einen schlecht beleuchteten Park, dann fällt mein Sehrest für die grobe Orientierung aus, und wird komplett durch mein Gehör und das Tasten mit dem Blindenstock ersetzt.

Im Rahmen eines Events für blinde und sehende Blogger wurden wir in einem Hotel untergebracht. Blauäugig und auf das Gute vertrauend hinterfragte ich die Unterbringung nicht, da ich davon ausging, dass die Organisatoren nicht zum ersten Mal mit unserem Personenkreis zusammenarbeiteten.

Da der Termin während der Schulferien lag, hatte ich die Idee meine normal sehende Tochter mitzunehmen. Da wir bereits am Vortag anreisen würden, konnten wir noch ein bisschen die Gegend erkunden.

Bei unserer Ankunft bekamen wir Schlüssel gegen Kaution ausgehändigt. Dazu gab es noch eine Beschreibung zu dem Gebäude, in welchem wir unterkommen würden. Dort angekommen, präsentierte sich uns ein Zimmer mit zwei schmalen Betten, einigen an der Wand angebrachten Kleiderhaken und einem offenen Regal. An der Wand war ein Spiegel angebracht, und irgendwo fanden wir noch zwei Hocker. Es gab eine Toilette und eine Dusche für alle Bewohner auf dem Flur.

Am Abend wollte ich zur Toilette. Fehlanzeige. Meine Tochter musste erst mal nach dem Lichtschalter suchen. Auf dem Rückweg stellte sich heraus, dass dieser zeitgesteuert war, sodass ich erst mal wieder nach dem Schalter suchen musste. Aber man ist ja flexibel. Da er nicht beleuchtet war, ging ich eben im Dunkeln zurück zum Zimmer.

Frühstück gab es ab 8:30 Uhr. Das hatten wir dazu gebucht. Ein Raum, in welchem Tische und Stühle standen, und ein kleines Buffet mit Platten und Gläsern mit Aufstrich. Bedienung oder so? Fehlanzeige. Darauf war das hier nicht ausgelegt. Gut, meine Tochter half mir beim Zusammenstellen des Frühstücks. So brauchte ich nicht nach einer buchstäblich helfenden Hand zu suchen.

Eine solche Unterbringung erinnert mich an diverse Klassenfahrten während meiner Schulzeit. Und bis dato dachte ich, das ich aus dem Alter raus sei.

So, genug gemeckert. Jetzt reden wir mal über die Voraussetzungen, die ich als blinder Gast haben möchte. Reise ich alleine, dann möchte ich ab der Rezeption eine Begleitung, die mir den Weg zu meinem Zimmer zeigt, und mir die dortigen Gegebenheiten erklärt. Dazu gehören sanitäre Anlagen genauso wie das Mobiliar, Lichtschalter und Steckdosen. Gut wäre eine Telefonnummer, die ich bei Fragen anrufen kann, wenn es sich um ein weitläufiges Haus handelt. Außerdem möchte ich wissen wo es einen Aufenthaltsraum, oder Frühstückszimmer gibt. Für mich reicht es aus, wenn man mir das einmal zeigt.

Bad und Toilette außerhalb des Zimmers, die ich mir auch noch mit anderen Personen teilen muss, mag ich gar nicht. Zum einen kann ich nichts liegen lassen, und darauf vertrauen, dass der Gegenstand später noch immer an seinem Platz liegt. Außerdem kann ich nicht sehen, wie mein Vorgänger die sanitären Anlagen hinterlassen hat. Und ich lege keinen gesteigerten Wert auf Sakrotanpartys vor der Benutzung von Dusche und Toilette. Ich weiß noch, wie ich in einem Hostel duschen wollte, und gleich mal ohne Vorwarnung beim Betreten des Duschraums im Wasser stand, weil mein Vorgänger den Duschraum vorher unter Wasser gesetzt hatte. Ein Sehender Hotelgast hätte das gesehen, ich eben nicht.

Mahlzeiten mit Buffet gehen bei mir nur, wenn es jemand gibt, der mir dessen Inhalt erklärt. Denn ich kann das nicht mit einem Blick erfassen. Und aus hygienischen Gründen darf ich nicht Hand anlegen. Möchte ich auch nicht. Bisher hatte ich Glück, und bekam Hilfe, wenn ich diese freundlich eingefordert habe. Denn in der Regel sind Menschen nett, wenn man sie lässt. Vor Allem aber, wenn man klare Wünsche äußert, und ernst genommen wird.

Kommen wir zur Orientierung. Ich kann mir merken, auf welchem Stockwerk mein Zimmer liegt. Wenn es möglich ist, laufe ich die Treppen. Einerseits um mich zu bewegen, andererseits aber auch der Aufzüge wegen, die meistens nicht über eine Sprachausgabe verfügen. Wenn ich laufe, habe ich eine Kontrolle darüber wo ich mich befinde. Wenn ich den Knopf für den dritten Stock gedrückt habe, heißt es nicht gleich, dass ich genau dort lande. Wenn der Fahrstuhl zwischendurch woanders hält, sehe ich die Anzeige nicht. Und nicht immer ist jemand in der Nähe, der mir das Stockwerk ansagen kann.

Viele Menschen mit einem geringen Sehrest orientieren sich an Kontrasten und Lichtverhältnissen. Grelle Beleuchtung ist genauso schrecklich wie zu dunkle Beleuchtung. Ich persönlich finde es schön, wenn die erste und letzte Stufe sich farblich stark abhebt. Gerade sehbehinderte Gäste sind dankbar dafür.

Wenn ich einen langen Flur mit vielen Zimmern habe, fühle ich nach, ob es tastbare Merkmale gibt. Das kann eine erhabene Beschriftung der Zimmernummer sein, oder einen andere Markantes Merkmal wie ein Verteilerkasten, eine Zwischentür oder eine Nische sein. Am liebsten schließe ich   eine Zimmertür mit einem Schlüssel auf. Auch Schlüsselkarten, die man an eine bestimmte Stelle hält, gehen. Problematisch wird es, wenn man einen Code eingeben muss. Damit kommen viele blinde Hotelgäste nicht zurecht. Erst recht nicht, wenn die Bedienelemente auf bloße Berührung reagieren. Solange dieses zu berührende Element nicht mit mir spricht, nehme ich dessen Inhalt nicht wahr.

Den Klassiker in vielen Hotels habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben. Nämlich den auszufüllenden Anmeldebogen. Ich kann diesen nicht alleine ausfüllen. Und ich habe schon so manchen Mitarbeiter eines Hotels erlebt, der doch etwas mit der Situation überfordert war. Dabei hätte man einfach nur fragen müssen, wie wir beide das jetzt machen können, dann hätte ich dem Mitarbeiter erklären können, dass ich ihm die entsprechenden Angaben diktieren und anschließend selbst unterschreiben kann. Fertig!

Vor Jahren machte ich mit meinen Kindern Urlaub in Ägypten. Hier holte uns jemand von der Rezeption am Transfer ab, ging mit uns zu einer Sitzecke, und erklärte mir, er würde den Anmeldebogen für mich ausfüllen. Wenn ich ihm meinen Ausweis zeigte, könne er sich die Angaben einfach abschreiben. Und so machten wir das dann auch.

Ich war ziemlich erstaunt darüber, dass dieser Hotelmitarbeiter einen so lösungsorientierten Vorschlag machte. Bisher kannte ich es so, dass gefragt wurde, ob meine Kinder, damals noch im Grundschulalter, das ausfüllen können. Nein, können sie nicht. Die wenigsten Kinder in diesem Alter können das. Und das ist in Ordnung so.

Ganz wichtig zu erwähnen ist, dass diese Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Deshalb bin ich ein großer Freund davon, dass man per Anruf oder E-Mail die Gegebenheiten abklärt, die man als Hotelgast braucht, und die vom Mainstream abweichen.
Und jetzt lade ich alle Leser ein in den Kommentaren über diesen Beitrag zu diskutieren.

Tag der offenen Moschee, was passiert da eigentlich?

Auf dem Foto sitzt meine Gastautorin Susanne Aatz’ an einem Tisch. Ihre Finger gleiten lesend über eine mobile Braillezeile.

Susanne und ich kennen einander schon sehr lange. Durch ihren Umzug nach Hamburg beschränkte sich unser Kontakt auf Telefonieren und Schreiben. Bis ich dann Gelegenheit hatte sie Ende Oktober 2017 in Hamburg zu besuchen. Als sie mir im Laufe dieses Besuchs von ihrem Erlebnis „Tag der offenen Moschee“ berichtete, bat ich sie das einmal aufzuschreiben. Dabei ist dieser Bericht entstanden.

Das tägliche soziale Glaubensbekenntnis

Die Eröffnung des New Hamburg Festivals am 3. Oktober 2014 auf der Veddel führte meinen Freund, mich und eine kleine Gruppe Interessierter zum Tag der offenen Tür unserer örtlichen Moschee. Die islamische Gemeinde Veddel e. V. veranstaltete in Kooperation mit der örtlichen evangelischen Gemeinde eine Moscheeführung mit anschließendem Vortrag.

Die Veddel ist eine Insel zwischen Norder- und Süderelbe, mitten in Hamburg. Ich bin einige Monate zuvor in diesen einerseits interessanten, andererseits problembelasteten Stadtteil gezogen. Hier habe ich eine behindertengerechte Wohnung. Auf der Veddel leben zwischen Bahngleisen und der Autobahn A255 ca. 5000 Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen auf denkbar engem Raum zusammen. Der Anteil an sozial schwachen Bewohnerinnen und Bewohnern ist sehr hoch. Dadurch bekommt das Quartier Brennpunktcharakter.

siehe näheres zum Stadtteil.

Neben der islamischen Gemeinde gibt es auch eine evangelische Gemeinde und die Immanuelkirche. Beide Gemeinden arbeiten häufig zum Wohle aller Bewohnerinnen und Bewohner zusammen. So fand am 3. Oktober nicht nur der Tag der offenen Moschee, sondern auch ein Stadtteilfest auf dem Gelände der evangelischen Kirchengemeinde statt.

Mein Freund und ich besuchten das Fest und erfuhren, dass ein begleiteter Besuch in der örtlichen Moschee angeboten wurde.

So fanden wir uns gegen 16:15 bei der islamischen Gemeinde ein. Die Moschee ist in einem Wohnhaus im Erdgeschoß untergebracht. Außer dem Schild vor der Tür der Gemeinde gibt es keinerlei Hinweise, die darauf hindeuten könnten, dass hier der Islam gelebt und praktiziert wird.

Wir wurden sehr freundlich willkommen geheißen und erhielten zuerst die Gelegenheit beim Nachmittagsgebet dabei zu sein. Für den Tag der offenen Moschee wurde die Geschlechtertrennung aufgehoben. Eine nette junge Frau half meinem Freund und mir beim Schuhe ausziehen und verstauen und führte uns in den Gebetsraum der Männer. Dort saßen wir auf Stühlen, andere auf dem Boden, und lauschten dem Gebet. Ein bisschen fühlten wir uns wie Eindringlinge. Und so saßen wir still da und nahmen die sehr neuen Eindrücke in uns auf.

Im Anschluss wurde uns vom Beauftragten für Öffentlichkeitsarbeit und dem Imam der Gemeinde die Arbeit und die Struktur der Gemeinde erklärt. Zu Beginn seines kleinen Vortrages distanzierten sich der Imam und seine Vorstandsleute ganz deutlich von dem Gewaltakten des IS und vom sogenannten „Heiligen Krieg“!

Der Imam fragte in die Runde, was denn das Wort „Dschihad“ bedeuten würde. „Heiliger Krieg“ antwortete eine Teilnehmerin spontan. Ich betonte daraufhin, dass dies die Übersetzung ist, die in den Medien gebräuchlich ist.

Der Imam erklärte uns daraufhin, dass diese Übersetzung völlig falsch sei. Dschihad ist nichts anderes, so sagte er, als die tägliche Anstrengung oder Bemühung sich für seinen Gott, die Gemeinde und für seine Umwelt spirituell und sozial zu engagieren.

Der Tenor war, dass „Dschihad“ eher eine Haltung, denn ein Zustand ist. Jeder Mensch, der etwas Gutes tut, der sich engagiert, der über andere Menschen positiv denkt, wer anderen Beistand leistet, lebt „Dschihad“.

Wir sprachen dabei ausführlich über die Möglichkeiten den Koran auszulegen. Es wurde die Wichtigkeit des Dialoges vor allem innerhalb des Islams betont. Nur, wenn insbesondere junge Leute in ihrer Gemeinde eingebunden seien und im Umgang mit ihrer Religion angeleitet würden, könne eine Radikalisierung verhindert werden, erklärte der Imam.

Die radikalen Islamisten schadeten vor allem den Menschen in ihrer eigenen Religionsgemeinschaft, da sie zu ihrer Ausgrenzung und Stigmatisierung beitrügen, stellte der Imam weiter fest. Auf meine Frage, was sich denn geändert hätte, seit die Gräueltaten durch die Medien gehen, berichtete der Imam: Seit dem 11. September 2001 müsse sich jeder Muslim, müsse sich jede Gemeinde mal mehr mal weniger, bevor eine unvoreingenommene Begegnung möglich sei, von den Islamisten distanzieren und ihren Standpunkt klar erklären. Die Mitglieder der Gemeinde drückten Ihr Bedauern darüber aus.

Ziel der Arbeit muss also sein, dass innerhalb der Gemeinde eine verlässliche Gemeinschaft entsteht, die auf Unterstützung, soziales Miteinander und Toleranz zwischen Menschen, Kulturen und den Religionen setzt. Dies wird in der Zusammenarbeit beider Gemeinden auf der Veddel vorbildlich umgesetzt.

Die Aufgabe der Imame sei es den Koran und seine verschiedenen Deutungsmöglichkeiten im gesellschaftlichen Kontext so zu vermitteln, dass ein soziales Miteinander möglich ist.

Nach diesem Vortrag fühlte ich mich ein wenig ertappt. Denn ich kann nicht verhehlen, dass ich zu Beginn der Führung nicht ein wenig Sorge hatte. Vielleicht machst Du etwas falsch, dachte ich.

Es war eine gute Idee mit einer Gruppe in die Moschee zu gehen. So kam ein Dialog zu Stande, der sehr offen und entspannt verlief. Unsere Begleiterin zeigte uns auf unser Bitten hin noch die Einzelheiten der Moschee. Hier war dann noch einmal Gelegenheit zum Diskutieren und wir zogen Vergleiche zwischen der christlichen und der muslimischen Religion. Und vieles ist sich wirklich sehr ähnlich.

Wenn wir wieder einmal hingehen, sind wir entspannter, und werden dann keine Vorbehalte mehr haben.
Danke, liebe Susanne, für den schönen Bericht. Als Gastautorin bist Du mir stets willkommen.

Liebe Leserinnen und Leser,
wenn Euch das gefallen hat, freue ich mich, wenn Ihr auf „gefällt mir„ drückt, und oder einen Kommentar hinterlasst.
Eure Lydia

Kuchen backen, wenn man blind ist

Käsekuchen in Herzform

Nicht nur das Verzehren von süßem Gebäck bereitet mir Freude, sondern auch das Backen selbst. Ich liebe es einen Kuchen zu backen, wenn ich weiß, dass meine Familie und ich diesen am Nachmittag gemeinsam genießen werden. Oder wenn ich weiß, dass ich lieben Besuch erwarte, dem ich mit einem selbst gebackenen Kuchen eine Freude machen möchte.

Ich denke, dass ich mich mit vielen anderen Hobbybäckern in guter Gesellschaft befinde. Der einzige Unterschied ist, dass ich blind bin, und sich das Backen für mich etwas anders gestaltet. Und darüber schreibe ich heute.

Wo ist das Rezept?

Fangen wir mal mit der Rezeptfindung an. Ich kann keine Kochbücher in normal gedruckter Schrift lesen. Es sei denn, ich mache ein Foto davon, und jage dieses durch ein Programm zur Texterkennung. Das geht mit Hilfe meines PC oder auch mit meinem Smartphone. Aber dazu bin ich meist zu faul, wenn es auch anders geht. Es gibt Kochbücher in Brailleschrift. Allerdings ist die Auswahl recht spärlich. Ich habe auf meinem PC eine Sammlung meiner liebsten Rezepte. Und wenn ich was Bestimmtes Suche, dann hält das Internet das gesuchte Rezept für mich bereit. Eine gut bedienbare Seite ist beispielsweise Chefkoch. Alternativ tausche ich mich auch mal mit Freunden aus, wie viele andere Bäcker auch. Wichtig ist dabei, dass ich das Rezept in Wort oder Schrift habe. Eine Anleitung, die ausschließlich aus Bildern besteht, ist für mich wertlos.

Abmessen, abwiegen und dosieren

Irgendwann haben die meisten Köche und Bäcker so viel Erfahrung gesammelt, dass sie die meisten Zutaten ohne Waage zuverlässig dosieren können. Auch mir geht es so. Wenn ich bei einer Zutat doch mal abwiegen muss, dann habe ich eine Waage mit einer Sprachausgabe. Oder ich benutze auch mal Messlöffel zum Backen. Manche Rezepte leben von Mengenangaben wie Tassen oder Gläsern oder Angaben in Löffeln. Und mit ein bisschen Erfahrung weiß ich was dem Teig noch fehlt, wenn ich ihn leicht anfasse. Das verrät mir die Konsistenz.

Was ist wo drin?

Wenn man auf eine Tüte mit Mehl, Haferflocken oder Zucker drückt oder klopft, fühlt es sich unterschiedlich an. Ich meine nicht die Verpackung, sondern das Druckgefühl auf der Packung. Alternativ kann man diese leicht schütteln. Auch hier entstehen unterschiedliche Geräusche. Daran merke ich sofort was ich in der Hand habe. Dass ich diese Dinge in Dosen aufbewahre, mache ich deshalb, weil ich es schöner finde. Dinge die sich unterschiedlich anfühlen, erkenne ich sofort, Dinge, die sich gleich anfühlen, markiere, beschrifte ich, oder bewahre es in entsprechenden Behältnissen auf. Die meisten meiner Gewürze haben eine Beschriftung in Braille, da sich die Behälter ziemlich gleich anfühlen.

Wo sind meine Utensilien?

In meiner Küche weiß ich, wo meine Küchengeräte, Kochutensilien oder Lebensmittel stehen. Dementsprechend sitzt dann auch jeder Handgriff. Grundsätzlich ist es für mich wichtig, dass alles an seinem Platz ist. Hat jemand meinen Mixer auf die andere Seite der Küche platziert, erfasse ich das nicht wie eine sehende Person mit einem Blick, sondern muss erst mal solange durch meine Küche tasten, bis ich meinen Mixer gefunden habe. Dementsprechend länger dauert es.

Vor Jahren wollte mir eine Bekannte eine große Freude zum Geburtstag machen, und räumte meine Küche über Nacht um. Für mich bedeutete das eine Katastrophe, da ich mich nicht mehr alleine in meiner eigenen Küche zurecht fand. Es endete damit, dass ich mit einer anderen Freundin den ohnehin fälligen Frühjahrsputz in der Wohnung einläutete. Veränderungen finden entweder gemeinsam mit mir oder gar nicht statt. Alles andere bedeutet Stress und Auseinandersetzung mit unnötigen Zeitkillern.

Haushaltsgeräte.

Ich benutze genauso Mixer, Küchenmaschine usw. wie andere auch. Für mich ist wichtig, dass meine Geräte nicht auf bloße Berührung reagieren, sondern wirklich eingeschaltet, gedrückt oder gedreht werden müssen. Mein Handmixer rastet bei jeder Geschwindigkeitsstufe ein, meine Küchenmaschine lässt sich drehen, und damit für mich einstellen. Auch mein Herd und mein Backofen rasten bei jeder Stufe ein. Außerdem gibt es eine klar fühlbare Markierung auf der Stufe 0. Das ist wichtig, damit ich den Herd sofort und gezielt ausschalten kann. Ich arbeite mit einem Zeranfeld. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mir gemerkt habe wie mein Topf oder meine Pfanne draufstehen muss, um exakt über der Kochplatte positioniert zu sein. Auch meine Mikrowelle funktioniert mit zwei Drehbaren Reglern. Einer für die Zeit, der andere für die Intensität.

Immer mehr Geräte kommen auf den Markt, die auf bloße Berührung hin eine Funktion ausführen, oder ein optisches Menü haben, um eine Funktion auszuwählen und auszuführen. Das ist für blinde Nutzer einfach nicht ohne fremde Hilfe machbar. Und für jeden, der gern allein in der Küche arbeitet, eine absolutes Nogo.

Es gibt immer mehr Haushaltsgeräte, die man mit dem Smartphone bedienen kann. Ich selbst habe damit noch keine Erfahrungen sammeln können, beobachte diese Entwicklung jedoch mit großem Interesse. Vielleicht ist das eine Perspektive für blinde Nutzer, die mit einem Smartphone umgehen können.

Die heißen Angelegenheiten.

Nein, ich verbrenne mir die Finger nicht öfter als ein normal sehender Koch. Ich sehe zwar nicht, kann aber die Hitze rechtzeitig fühlen. Und so habe ich meine Techniken entwickelt, mit deren Hilfe ich heiße Dinge anfassen, aus dem Backofen holen oder bearbeiten kann. Gute Topflappen, Handschuhe aus Silikon oder andere Küchenhelfer tun ihr Übriges zu meiner Unversehrtheit.

Die Angaben über die Backzeit sind lediglich Richtwerte. Wenn ich feststellen möchte, ob mein Teig bereits fertig gebacken ist, stecke ich eine Gabel in den Teig. Klebt nichts dran, dann ist es gut. Wenn nicht, braucht der Kuchen noch etwas Zeit.

Und zum guten Schluss.

Ich fasse meine Arbeit öfter an als jeder, der sieht. Dafür wasche ich mir nach jedem Kontakt mit dem Teig die Hände. Denn wenn es klebt, fühle ich nicht mehr so gut. Das ist vergleichbar mit einer Brille, die beschlagen und daher Trüb wird. Der Blick wird wieder klar, sobald man sie wieder geputzt hat.

In meiner eigenen Küche komme ich bestens zurecht. Bin ich in einer anderen Umgebung, dann habe ich zwei Optionen, entweder lasse ich mir helfen, oder erarbeite mir die neue Umgebung Schritt für Schritt. Ein Beispiel dafür ist eine Ferienwohnung, in der ich mich voraussichtlich einige Tage aufhalten werde. Da bedeutet es für mich Lebensqualität, wenn ich mir selbst etwas aus dem Kühlschrank holen, eine Kleinigkeit zu essen machen oder aufräumen kann.

Mystery Blogger Award

Es ist einige Zeit her, dass ich durch einen Kommentar auf meinem Blog von meiner Nominierung zum Blogger Mystery Award erfuhr. Ich hörte zum ersten Mal von dieser Auszeichnung, und klickte den entsprechenden link von „Neues aus der Mikrowelle“ zum ursprünglichen Beitrag an.

Das Schwerpunktthema von Neues aus der Mikrowelle ist
Das Leben, die MS, die Depris und der ganze Rest. Und so bunt wie diese Überschrift sind auch die Beiträge auf dem Blog.

Mystery Blogger Award
Logo des Mystery Blogger Awards, Schriftzug in einem Kranz aus roten und rosafarbenen Ginko-Blättern in Wasserfarbenoptik

The Mystery Blogger Award
Mein herzlicher Dank geht zunächst an „Neues aus der Mikrowelle“, der über ein Leben mit MS und Depressionen im Alltag berichtet. Ich freue mich sehr, dass ihm mein Blog gefällt, und er ihn für nominierungswürdig findet. Hier ist der Link zu dem Post, in dem sie mich nominiert hat.

Über den Mystery Blogger Award
Die Urheberin des Awards, Okoto Enigma, beschreibt ihre Intention so:
„This is an award for amazing bloggers with ingenious posts. Their blog not only captivates, it inspires and motivates. They are one of the best out there, and they deserve every recognition they get. This award is also for bloggers who find fun and inspiration in blogging and they do it with so much love and passion.“ Hier der Link zur Urheberin.

Die Regeln:
• Stelle das Logo in dein Blog.
• Liste die Regeln auf.
• Danke der Person, die dich nominiert hat, und füge einen Link zu ihrem Blog bei.
• Nenne die Urheberin des Awards und füge ebenfalls einen Link bei.
• Erzähle den Lesern drei Dinge über dich.
• Nominiere 10 bis 20 Personen.
• Informiere die Nominierten, indem du in ihrem Blog kommentierst.
• Stelle den Nominierten fünf Fragen deiner Wahl; eine davon sollte seltsam oder lustig sein.
• Teile einen Link zu deinen besten Posts.

Drei Dinge über mich die ihr noch nicht wisst:
• Als Kind wollte ich unbedingt Lehrerin werden. Es ist gut, dass ich es nicht geworden bin. Mein Respekt gilt den Lehrern, die Täglich mit Herzblut aufs Neue versuchen Kindern und Jugendlichen ein Stück Wissen weiterzugeben.
• Ich liebe Vanille in allen erdenklichen Formen. Das kann ein Duschgel, ein Vanillepudding oder auch ein Duftöl sein.
• Ich ziehe Greten magisch an. Wahrscheinlich würde ich diese sogar in Fischstäbchen finden.

Meine Fragen an die Nominierten, nebst meinen Antworten:
• Hast Du auch einen Spitznamen? Wenn ja, hat der eine Geschichte?
Nein, nicht wirklich.
• Was ist Dein absolutes Lieblingsessen?
Rumpsteak mit Bratkartoffeln und Salat ist was ganz Feines. Aber es ist nicht mein einziges Lieblingsgericht.
• Tee, Kaffee oder Kakao?
Milchkaffe oder Cappuccino.
• Was für Musik hörst Du am liebsten?
Ich bin hauptsächlich in den 70er und 80er Jahren zuhause, höre aber auch vieles andere.
• Du darfst eine Ritter-Sport-Sorte kreieren. Was für eine wäre das?
Auf jeden Fall wäre da Vanille, Marzipan und Mandeln drin. Über den Namen muss ich noch nachdenken.

Und hier kommen meine Fragen an die Nominierten, und meine Antworten dazu:
• Was liest Du am liebsten?
Historische Romane, Frauenromane oder auch mal ein Sachbuch.
• Was machst Du, wenn Du nicht einschlafen kannst?
Ich mache mir ein Hörbuch an, und stelle einen Sleeptimer ein.
• Glaubst Du, dass Pflanzen Gefühle haben?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass nur wir Menschen Gefühle haben.
• Hund oder Katze?
Katze.
• Hast Du jemals den Wunsch verspürt, Dich einmal in ein Tier zu verwandeln?
Als Kind vielleicht. Aber ich fühle mich in meiner Menschengestalt wohl.

Dies sind meine nominierten Personen bzw. ihre Blogs, die ebenso vielseitig sind wie mein Leben und ich:
Luisa von Lukonblog lebt in Kanada und schreibt über ihre Erlebnisse.
Stefan von Blindnerd ist blinder Astronom und schreibt über Blindheit und Wissenschaft.
Gina von Zeuneblog bloggt über ihren Alltag in einer Blindenschule
Marwamin von Marokkomittenmang schreibt über ihr Leben in Marokko.
Matze von Mainrausch nimmt uns mit durch Frankfurts Vielseitigkeit.
Rollingplanet schreibt rund um Behinderung und Inklusion.
Sven von Berlinerontour arbeitet in Jordanien und erkundet in seiner Freizeit Land und Leute.
Nicole von Linichri schreibt über ihr etwas anderes Familienleben.
Julia von Wheelymum Bloggt über ihren Alltag als Mutter mit Behinderung und Familienanschluss.
Simone von Mamapremiere[i]
All diese Blogs inspirieren und begeistern mich. Für mich sind sie alle etwas Besonderes.

Und zum Schluss noch die fünf Beiträge auf meinem Blog, die mir am wichtigsten sind:
Als blindes Kind arabischer Eltern war mein erster Post.
Helfen, oder lieber nicht zeigt wann Helfen angebracht ist, und wann nicht.
Wenn der Bus woanders hält – Schwierigkeiten und Lösungen für blinde Fahrgäste.
Blinde sind blind. Aber was genau heißt das?
Barrierefrei Bloggen auf WordPress. So haben auch blinde Nutzer etwas davon.