Blind putzen mit System

Lydia beim Staubsaugen

Putzen gehört ganz sicher nicht zu meinen liebsten Tätigkeiten. Und wenn ich mir mein Umfeld ansehe, so befinde ich mich in guter Gesellschaft. Ganz gleich ob blind oder sehend, die meisten meiner Freunde und Bekannten betrachten Tätigkeiten wie Putzen als eine ungeliebte Notwendigkeit, die man auch schon mal erfolgreich vor sich herschiebt.
Wenn ich mal wieder stöhne, und erzähle, dass die Fliesen in meinem Bad mal wieder fällig sind, kommt in 90 % der Fälle eine Anmerkung wie „Verstehe ich, wenn Du das nicht siehst“, oder „Hast Du keine Hilfe“? dabei ist es vielleicht nur die Unlust oder meine Faulheit, die mir heute im Weg steht.
Da ich beim Putzen vieles buchstäblich übersehe, brauche ich ein paar Tricks, mit deren Hilfe ich das kompensieren kann. Fangen wir mit dem Staubsaugen an. Da ich mein Zuhause kenne, weiß ich auch wo welche Möbel stehen, und wo sich Staub und Schmutz ansammelt. Bevor ich anfange zu saugen, bereite ich mein Arbeitsfeld also entsprechen vor. Sessel, Stühle, usw. verschiebe ich so, dass ich möglichst ein freies Feld habe. Das kann ich systematisch absaugen. Ich fange beispielsweise links oben an und arbeite mich systematisch bis rechts unten vor. Wenn ich den Staubsauger langsam und systematisch über den Boden bewege, erwische ich so gut wie alle Verschmutzungen. Jetzt kann ich die Möbel, die ich vorher weggestellt hatte, wieder zurückstellen, und das nächste Feld bearbeiten.
Dabei sind für mich zwei Dinge wichtig. Zum einen brauche ich einen Staubsauger, auf den ich mich verlassen kann, und zum zweiten ein Gefühl für systematisches Arbeiten. Gezieltes Staubsaugen, wie sehende Personen es oft machen, fällt bei mir aus.
Eine Alternative stellen Staubsaugroboter dar. Allerdings funktioniert das nur, wenn das Zuhause keine Stufen in der Wohnung hat, und wenn man ausreichend Zeit hat. Denn diese Geräte arbeiten nach einem etwas anderen System. Die meisten Geräte, die ich getestet habe, bewegten sich einfach nur kreuz und quer durch den Raum. Möchte man ein Gerät haben, welches sich seine eigene Karte des Raumes erstellt, muss man etwas mehr Geld investieren.
Nach dem Staubsaugen kommt für mich das Bodenwischen. Wenn ich stehend mit einem Wischmobb arbeite, habe ich kein Gefühl dafür, wie sauber der Boden wirklich geworden ist. Ich kann auch hier systematisch vorgehen, habe damit aber noch immer keine direkte Kontrolle über den Erfolg.
Am liebsten arbeite ich mit einem Putzeimer, und einem Putzlappen, Schwamm oder ähnlichen Geräten, die ich direkt in die Hand nehme. Wenn ich direkt am Boden arbeite, kann ich Verschmutzungen direkt fühlen und beseitigen. An der Konsistenz fühle ich wie ich vorgehen muss. Ob ein Lappen reicht, oder ob ich mit härteren Mitteln vorgehen muss. Es empfiehlt sich dabei ein Kissen unter die Knie zu legen. Am besten eignet sich dafür ein Gartenkissen, welches man hinterher nur noch abzuwischen braucht.
Da diese Haltung auf die Dauer anstrengend ist, habe ich mir angewöhnt nicht das ganze Haus auf einmal zu putzen, sondern mir immer wieder einen Raum vorzunehmen.
Den Boden auf diese Weise zu putzen ist zwar effizient, jedoch körperlich anstrengend. Außerdem brauche ich das Mehrfache der Zeit, die jemand mit einem Wischmobb benötigt. Mit dieser Erkenntnis habe ich die Wahl diese Arbeit selbst zu machen, oder mich für eine Putzhilfe oder die Hilfe einer Freundin oder eines meiner Kinder zu entscheiden. Wichtig für mich ist, dass ich es kann, und das ich die Wahl habe. So wie jede andere nicht behinderte Person auch.

Hat noch jemand Tipps für blindes Arbeiten? Dann ab in die Kommentare damit.

Stricken mit Sehbehinderung

Ärmelloses Strickkleid mit V-Ausschnitt, dass mit Fransengarn verziert ist. Die untere Kleidhälfte besteht aus Messerspitzenmuster und 2 Streifen Fransengarn.

Wenn es um das Thema Handarbeiten im Zusammenhang mit einer Sehbehinderung geht, so gehen die Meinungen stak auseinander. Einerseits schreibt man uns blinden Personen ein ausgeprägtes Feingefühl in den Händen zu, andererseits sind wir nicht in der Lage hochwertige Handarbeiten herzustellen, weil wir diese nicht sehen. Gleiches Spiel gilt beim Basteln oder anderen künstlerischen Tätigkeiten, die gern auf das Aussehen runterreduziert werden.
Als ich in die Blindenschule kam, wurde nach der Schule viel mit uns gebastelt. Papier falten, Körbe aus Peddigrohr flechten oder Untersetzer aus Bast weben war nur einige der Dinge, die wir gerade vor Feiertagen herstellen lernten. Unsere Erzieherinnen ließen sich immer wieder etwas Neues einfallen, so dass für jedes Kind nach seinem Entwicklungsstatus und seinen Stärken etwas Passendes dabei war.
Als im sechsten Schuljahr eine AG für Handarbeit angeboten wurde, war ich sofort dabei. Ein paar Wochen später kam die Ernüchterung. Wir häkelten, und ich bekam diese Luftmaschen und die erst recht die festen Maschen einfach nicht hin. Ich begriff einfach nicht wie man durch eine einzige fließende Bewegung den Faden durch die Masche bekam, ohne diese gleich fallen zu lassen. Ganz schlimm wurde es, als eine Mitschülerin schon stricken lernen durfte. Ich wollte das auch lernen. Aber das ging erst, wenn ich das Häkeln beherrschte. Und davon war ich damals noch weit entfernt.
Ich war dreizehn Jahre alt, als ich in einer Wohngruppe mit mehreren strickenden Erzieherinnen lebte. Und eine davon nahm sich einen Nachmittag Zeit, um mir die Grundzüge des Strickens zu erklären. Ich lernte, das Häkeln nicht die Voraussetzung für Stricken ist. Und es machte mir so viel Spaß, dass ich sehr bald die wichtigsten Basics des Strickens beherrschte. Ich wusste wie man ein Strickstück beginnt, und die gewünschte Anzahl Maschen auf die Nadel bringt. Ich lernte den Unterschied zwischen rechten und linken Maschen kennen. Weitere Basics sind, dass man weiß wie man die Anzahl der Maschen erhöht oder verringert, und natürlich wie man eine Strickarbeit abschließt. Damit war der Grundstein für meine Strickkariere gelegt.
Stricken ist eine Art angewandte Mathematik. Man kann sich das etwa vorstellen wie ein Schachbrett. Jede Masche hat meist Maschen neben, über und unter sich. Diese Maschen kann man fühlen. Und das kann man sich zu Nutze machen, um eine bestimmte Oberflächenstruktur zu erreichen. Man kann sogar blind mit Farbmustern arbeiten, wenn man ein bisschen geometrisches Verständnis mitbringt. Ich habe viel mit Mustern herumexperimentiert, um zu lernen wie ich eine bestimmte Oberflächenstruktur erreichen kann. Und natürlich war ich stets auf der Suche nach Anregungen und Mustern. Doch die Auswahl für blinde Nutzer ist nach wie vor gering. Daher habe ich irgendwann angefangen meine eigenen Muster zu entwerfen.
Eines dieser Entwürfe ist das Kleid in Pink auf dem Beitragsbild. Der Rock beginnt mit zwei Streifen weißen Fransengarn, der mit einer Reihe Messerspitzenmuster unterbrochen ist. Dieses Messerspitzenmuster zieht sich bis zur Hüfte, und geht dann in einen elastischen eng am Körper anliegenden Teil über. Das Kleid wird in zwei gleiche Teile gestrickt. Während das Rückenteil glatt abschließt, hat das Vorderteil einen V-Ausschnitt, der mit weißem Fransengarn verziert wurde. Um schöne glatte Ränder zu bekommen, wurden diese umhäkelt.
Inzwischen habe ich meinen Frieden mit dem Häkeln gemacht. Ich kann es sogar leidlich. Aber ich kann keine Begeisterung dabei empfinden. Diese bleibt dem Stricken vorbehalten.
In der Regel arbeite ich zeitgleich an mehreren Stücken. Die Arbeiten, bei denen ich mich konzentrieren muss, bleiben zuhause, während ich einfachere Strickstücke gern unterwegs bearbeite. Und das kann sowohl im Zug, auf einer Parkbank oder im Wohnzimmer von Freunden sein. Stricken kann auch eine meditative Arbeit sein, die mir hilft zu denken oder mich zu konzentrieren. Aber dafür waren Jahrelange Erfahrung und viel Übung nötig.
Die meisten Vorlagen für Strickmuster sind optisch ausgelegt. Oft in Form einer Zeichnung. Hier ein Beispiel für eine blindengerechte Mustervorlage:
Topflappen mit Messerspitzenmuster:
Das Muster besteht aus sechs nebeneinander liegenden Messerspitzen und 8 übereinander liegenden.
Reihe 0: 38 Maschen rechts anschlagen.
Reihe 1: 1RM, 5R 1L, 1RM
Reihe 2: 1RM, 2R 4L, 1RM
Reihe 3: 1RM, 3R 3L, 1RM
Reihe 4: 1RM, 4R 2L, 1RM
Reihe 5: 1RM, 1R 5L, 1RM
Reihe 6: 1RM, 6R, 1RM
R: Rechte Masche, L: linke Masche, RM: Randmasche.

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Nacharbeiten, und freue mich auf Eure Meinung in den Kommentaren.