Sich helfen lassen, damit es anderen gut geht

Susanne Aatz liest Braille

Susanne und ich kennen uns schon sehr lange. Ihr verdanke ich ein wunderschönes Wochenende in ihrer Heimatstadt, zu dem sie mich einmal eingeladen hatte. Auf meinem Blog ist sie eine stets willkommene Gastautorin. Beiträge von ihr sind beispielsweise „Heißt selbstständig auch schnell sein“ oder „Tag der offenen Moschee“.

Respektvoller Umgang miteinander beim Helfen ist eine tägliche Herausforderung sowohl für mich als Frau mit Behinderung, wie auch für meine Mitmenschen, die meistens keine Behinderung, aber eine irgendwie geartete Vorstellung davon haben, wie es sich mit Behinderung lebt. Alle sind bemüht, niemand möchte etwas falsch machen. Alle haben ihre Vorstellungen und Vorurteile, und offenbar auch Bedürfnisse, die sie über die Hilfe verwirklichen wollen. Auch zwischen den Generationen gibt es große Unterschiede. Mir scheint, so habe ich es auch gelernt, dass die ältere Generation von der jüngeren nicht nur Respekt, der steht jedem zu, sondern auch Folgsamkeit erwartet. In unserer westlichen Gesellschaft ist Selbstbestimmung ein hohes Gut. Auch für mich. Für die ältere Generation scheint sie eine andere Bedeutung zu haben. Das führt zu Konflikten und Missverständnissen, wie folgende Situation zeigt:
Es ist Montagmorgen 8:30 Uhr, ich bin die Rrste bei meiner Friseurin und freue mich auf meinen Haarschnitt. Meine Frisur ist völlig außer Form und ich bin froh, wenn die Wolle wieder ab ist. Meine Friseurin wirkt noch etwas müde, wir lassen uns Zeit und eröffnen so ganz langsam den Laden. Während des Haareschneidens sprechen wir über den Urlaub und welche Gegenden wir besonders mögen. Alles ganz normal.
Nach dem Haareschneiden gehen wir zusammen nach vorne, wo die Garderobe und der Empfang sind. Und da wird es dann interessant. Ich habe in der Regel nichts dagegen mir in meine Jacke oder Weste helfen zu lassen. Heute habe ich, aus Gewohnheit, dorthin gegriffen, wo ich meine Weste zuvor selbst hingehängt habe. Eine ältere Dame, die Auf dem danebenstehenden Sofa wartete, griff sofort zu, weil ich versehentlich ihre Jacke in der Hand hatte. Meine Weste hing jetzt wohl woanders.
Ob sie mir denn helfen solle, fragt sie. Bevor ich etwas sagen konnte hatte meine Friseurin meine Weste vom Haken genommen und mir hinein geholfen. „Ach so“ sagt die Dame zu meiner Friseurin, „Sie machen das ja schon. Ich hätte sonst gerne geholfen. Das geht ja dann schneller, wenn das jemand für Sie macht!“
Ich gebe ehrlich zu, ich bin genervt von solchen Situationen. Ich kann nicht verstehen, warum es immer der Maßstab der Mehrheitsgesellschaft ist, der bestimmt, ob jemand Hilfe benötigt oder für zu etwas fähig gehalten wird. Ich habe der Dame dann zu erklären versucht, dass es nicht darauf ankommt, ob etwas schneller geht, sondern ob es allen gut geht und dass ich Dinge gerne in meinem Tempo tue. Daraufhin sagte mir die Dame wörtlich: „ Mir geht es gut, wenn ich anderen helfen kann! Und es ist doch schön sich einmal helfen zu lassen, oder?“ Ich antworte ihr, dass das stimmt, es mir aber dann gut geht, wenn ich über die Hilfe selbst bestimmen darf. Dass ich Hilfe am liebsten habe, wenn sie mich nicht zwei Stufen unter die helfende Person stellt.

Ich möchte als vollwertige Person, auch bei Hilfeleistungen, respektiert werden. Ich habe Schwierigkeiten mit der impliziten und expliziten Hierarchie, die sich aus der Zuschreibung von Unfähigkeit, oder Bedürftigkeit ergeben. Es ist etwas anderes, ob mir meine Friseurin oder jemand anderes in die Weste hilft, weil sie dies aus Höflichkeit tut und weil sie dies für jeden und jeder ihrer Kundinnen und Kunden tut. Auch das ist eine Form von gegenseitigem Respekt. Aber diese ältere Dame auf dem Sofa hat mir ihren Maßstab und ihre Vorstellungen von dem, wie Dinge zu tun sind aufgedrückt und ist davon ausgegangen, dass sie Recht hat. Und weil ich offensichtlich ihrem Maßstab nicht entsprochen habe, fand sie, ich solle mir doch helfen lassen.

Ich frage mich gerade ernsthaft, wie das wird, wenn ich irgendwann wirklich einmal alt und pflegebedürftig bin. Bin ich dann ein reines Objekt für diejenigen, denen es gut geht, wenn ich hilfsbedürftig bin und unter ihnen stehe? Habe ich dann jedes Recht auf eine respektvolle Behandlung verloren? Vor allem aber hat sich die Dame herausgenommen einzuschätzen, ob ich mir, aus ihrer Perspektive, ausreichend helfen lasse. Sie kennt mich nicht und kann nicht wissen, dass es viele Situationen gibt, in denen ich mir gerne helfen lasse und auch Hilfe erbitte. Und das fand ich ziemlich respektlos. Da frage ich mich dann, wie ich wohl im Alter bin und mit den jüngeren Generationen umgehen werde. Hoffentlich kann ich reflektieren und muss denen nicht meine Maßstäbe aufdrücken. Auch dann, wenn ich etwas mal nicht verstehe. Das geht mir mit der Jugendkultur ja heute schon so.
Auch hoffe ich, in Zukunft mitbestimmen zu dürfen, was mit und an mir gemacht wird, und was nicht. Und ich hoffe sehr, dass meine Umgebung fähig ist ihre Maßstäbe zu hinterfragen, so wie es von mir ja auch ständig erwartet wird. Als Angehörige einer Minderheit bin ich mit den Maßstäben der Mehrheit tagtäglich konfrontiert und mache das Beste daraus! Ich hinterfrage sie, passe mich aber auch oft genug an. So gut es eben geht! Schade, dass eigentlich niemand anerkennt, was das für mich tagtäglich bedeutet sich der Mehrheitsgesellschaft beugen und anpassen zu müssen. Und das flaue Gefühl im Bauch, dass ich habe, wenn ich etwas aushalten muss, damit es anderen gut geht, kann ich gar nicht beschreiben. Ich freue mich, wenn es anderen gut geht! Aber ist Abhängigkeit von Hilfe, meine armselige Existenz, ich übertreibe bewusst, wirklich der passende Motor dafür, dass andere sich wohl und respektiert fühlen können? Was heißt hier eigentlich gegenseitige Respekt in dieser Situation? Ich habe keine 100-prozentige Antwort darauf!

Die Friseurin hat mir danach nicht wie sonst die Tür aufgehalten. Kein Problem, ich kann sie selbst öffnen. Falls das eine direkte Konsequenz aus meiner Aussage war, dann hat sie entweder das Zutrauen in mich, dass ich schon klarkomme, denn die andere Kundin wollte dann ja auch sofort dran kommen. Nichts mehr mit eben noch jemanden rauslassen und die Tür aufhalten. Da hatte sie plötzlich keine Zeit mehr, da wollte sie nicht mehr helfen.

Im respektvollen Miteinander gibt es einen Unterschied zwischen Höflichkeit, und Bevormundung. Diese erfordert sich Zeit für Absprachen zu nehmen und nicht eben mal schnell, schnell über den Kopf des jeweils anderen eine Entscheidung zu treffen.
Es hätte zum Beispiel so laufen können: die Dame auf dem Sofa hätte mich fragen können, ob ich Hilfe benötige. Dann hätte sie mir anbieten können wir in die Weste zu helfen. Das hätte ich dann, wenn ich frei hätte entscheiden können, vielleicht sogar bejaht. Die Friseuren war schneller. In dem Zusammenhang hätte die Dame sich die Beurteilung über meine Fähigkeiten und mein Leben einfach verkneifen können. Ich erlaube mir ja in dem Moment auch nicht die Aussage, dass sie vom Leben mit Behinderung keine Ahnung hat, und ich ihr raten würde sich zurückzuhalten. Auf der Zunge hatte ich diese Bemerkung allerdings. Aus Respekt auch vor meiner Friseurin, habe ich das nicht gesagt.

Ich danke Susanne für ihren Beitrag, mit dem sie an meiner „Blogparade zum Thema Respekt“ teilnimmt, und freue mich auf einen regen Meinungsaustausch in den Kommentaren.

Sprecht einfach normal mit mir

Lydia mit Stock auf einer Treppe aufwärts

Ich stehe an einer Akustischen Ampel. Das ist eine Ampel mit einer Vorrichtung, die mir durch einen Piepton signalisiert, dass die Ampel grün ist. Und auf dieses Signal warte ich. Ich habe keinen Zeitdruck. Daher stürme ich nicht sofort los, als das akustische Signal zu hören ist. Entsprechend erschrocken bin ich, als mir eine laute Männerstimme in mein Ohr brüllt: „Sie können gehen, die Ampel ist grün“.
Solche Situationen kennen viele blinde Menschen, die sich allein im Straßenverkehr bewegen, nur zu gut. Nicht blinden Menschen sei gesagt: In der Regel sind blinde Menschen lediglich im Sehen eingeschränkt. Die Ohren funktionieren sehr gut. Sie können also den Straßenverkehr hören, akustische Ampeln hören und einem Gespräch in normaler Lautstärke uneingeschränkt folgen. Und blinde Menschen sind aufgrund einer Sehbehinderung allein nicht kognitiv eingeschränkt, oder automatisch sprachbehindert. Es besteht also keine Notwendigkeit besonders laut, besonders langsam und besonders gut artikuliert mit uns zu sprechen. Und einem anderen Menschen buchstäblich ins Ohr zu brüllen ist ein NoGo.

Dazu fällt mir eine lustige Story ein: Ich laufe unter der Überdachung unseres Einkaufszentrums entlang, als ich höre, dass es stark regnet. Ich wohne nur ein paar Minuten Fußweg entfernt. Unentschlossen stelle ich mich an die Seite, und wäge meine Optionen ab. Entweder bleibe ich hier stehen, und warte den Regenschauer ab, oder ich laufe durch den Regen nach Hause, und nehme in Kauf, dass ich mich dann erst mal umziehen darf. Während ich so mit mir selbst diskutiere, reist mich eine laute Stimme aus meinen Gedanken und sagt ganz langsam zu mir: „Also, Sie sehen es ja nicht. Deshalb sage ich es Ihnen: Es regnet“. Diese Äußerung war ganz sicher gut gemeint. Doch noch heute sorgt diese Geschichte bei uns für Erheiterung, in Blindenkreisen.
Normalsehende Menschen nehmen 80 % ihrer Informationen über das Auge auf. Da das bei blinden Menschen nicht so geht, lernen wir einen Großteil der Informationen über die anderen Sinne wahrzunehmen. Unsere Sinne sind nicht automatisch besser, sondern einfach nur trainiert. Ich nehme also einen Regenschauer nicht durch das Sehen wahr, sondern durch das Geräusch. Und ein Regenschauer, der auf eine Überdachung plätschert, ist einfach nicht zu überhören. Außerdem fühlt man die Luftfeuchtigkeit. Und wenn man darauf achtet, kann man Regen sehr gut riechen. In meinem Beitrag Orientierung im Regen habe ich darüber geschrieben.

Also, liebe hilfsbereite Menschen, redet bitte normal mit uns. Also so, wie Ihr mit jedem anderen Menschen auf der Straße sprechen würdet. Wenn wir etwas anders haben wollen, werden wir das benennen. Ich denke, davon haben wir alle etwas.
Ganz wichtig sind mir noch zwei wesentliche Dinge:

  1. Sprecht mit uns. Und nicht über uns oder für uns.
  2. Redet weiter, wenn ich komme. Denn wer mit Blinden nicht spricht, der existiert für sie nicht. Und solange Ihr redet, weiß ich wo Ihr steht, und kann evtl. ausweichen oder um Hilfe bitten.

Dieser Beitrag erschien in etwas abgewandelter Form am 02.04.2019 im Newsletter von Raul Krauthausen. Ich danke Dir, lieber Raul für die Erlaubnis ihn noch mal hier auf dem Blog zu veröffentlichen.

Sind blinde Eltern unverantwortlich?

Ich war vielleicht 25 Jahre alt, als ich einem Freund erzählte, dass ich gern einmal Kinder haben möchte. Jedenfalls wenn ich den Vater meiner Kinder gefunden habe. Im Laufe dieser Unterhaltung bekam ich zu hören, dass so manche blinde Eltern ihr sehendes Kind als Ersatz für einen Blindenführhund benutzen würden. Und das wünschte er keinem Kind. Ähnliche Äußerungen habe ich ganz oft gehört. Meist kamen diese von nicht blinden Eltern, die wie selbstverständlich davon ausgingen, dass Kinder blinder Eltern geboren werden, um die Eltern zu entlasten. Ich hörte viele Geschichten von netten Kindern, die ihre blinden Eltern überall hinführten, ihnen das Fleisch klein schnitten oder sie mit dem Auto zu Freunden und Veranstaltungen fuhren. Meist handelte es sich um blinde Personen der älteren Generation und deren erwachsene Kinder. Kurz, hier verglichen Leute Äpfel mit Birnen.
Babys sind erst mal klein und auf die Versorgung durch uns Eltern angewiesen. Ob die Eltern eine Behinderung haben oder nicht, spielt hier absolut keine Rolle. Denn in der Regel hat man während der Schwangerschaft ausreichend Zeit sich auf das Kind vorzubereiten, und sich bei Bedarf Hilfe zu organisieren. Meine effektivste Hilfe bestand aus einigen Müttern, die Kinder im selben Alter wie ich hatten. Diesen Kontakt hat meine nachsorgende Hebamme hergestellt, damit wir uns untereinander austauschen konnten. Beide Mütter hatten noch ältere Kinder. Und so durfte ich von deren Erfahrungen profitieren.
Solange meine Kinder noch nicht zuverlässig liefen, trug ich sie im Tragetuch am Körper, oder zog sie in einem Kinderwagen hinter mir her. Wenn das Licht gut genug war, um meinen Sehrest zu nutzen, konnte ich den Kinderwagen auch schon mal vor mir her schieben. Später liefen die Kinder bei mir an der Hand. Wir übten das erst mal in einer verkehrsberuhigten Gegend, bevor wir uns in den normalen Straßenverkehr trauten. Dabei habe ich viele Jahre mit dem Stock getastet. Denn kleine Kinder können noch nicht zuverlässig führen. Und die Verantwortung für ihre Sicherheit lag noch immer bei mir, und nicht umgekehrt.
Für meine Kinder war meine Sehbehinderung das normalste auf der Welt. Wir konnten kein Auto fahren, oder das Fußballspiel des Sohnes optisch verfolgen. Ebenso waren spontane Aktionen, wie mal eben auf einen Bauernhof oder zum Rodeln fahren nicht drin. Also brauchten wir alternative Lösungen, um den Kindern ein normales Aufwachsen zu ermöglichen.
Im Laufe der Jahre haben die Kinder gelernt sich sicherer im öffentlichen Nahverkehr zu bewegen als viele Kinder ihres Alters. Das konnte ich ihnen gut vermitteln. Doch es gab Dinge, die ich ihnen nicht zeigen konnte. Das fing mit der Ampel an. Ich suchte mir Personen, die meinen Kindern früh zeigten wohin sie bei einer Ampel schauen mussten. Auch die Anzeige für anfahrende Busse oder Bahnen ließ ich ihnen später von einer sehenden Assistenz zeigen. Und nachdem sie älter wurden, suchte ich mir jemanden, der ihnen erklärte wie man einen Fahrplan liest. Mein Ziel war, dass sie sich auch behelfen konnten, wenn ich mal nicht dabei war. Mit diesem Wissen war ich ruhiger, wenn sie mal alleine unterwegs waren. Denn auch Kinder behinderter Eltern brauchen mit zunehmendem Alter ihren Freiraum.

Unsere Urlaubsziele suchten wir uns nach der Zugänglichkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus. Das garantierte uns eine Unabhängigkeit von Assistenz oder Auto. Und wenn wir doch mal ins Ausland fuhren, plante ich den Ablauf sorgfältig. Als ich beispielsweise mit den Kindern nach Ägypten flog, waren sie 10 und 11 Jahre alt. Daher schickte ich eine E-Mail an das Hotel, und beschrieb welche Hilfestellungen ich als blinde Mutter brauchte. Ich fragte an was sie davon leisten können, und was das kostet. Und so bekam ich Hilfestellung am Büfett, Hilfe beim Ausfüllen des Anmeldebogens und einen festen Ansprechpartner, den ich jederzeit hätte anrufen können. Ich wusste, dass der Strand und die Pools beaufsichtigt wurden, was meine Nerven beruhigte. Ich begegnete vielen hilfsbereiten und wohlwollenden Mitarbeitern, die ohne Scheu mit mir sprachen. Erst recht, da ich arabisch spreche. Von diesem Urlaub erzählen die Kinder noch heute.

Wir waren danach noch ein paar Mal zusammen im Ausland. Im vergangenen Sommer haben beide Kinder sogar einen eigenen Urlaub gemacht, und ihn komplett selbst organisiert. Das war für sie eine wichtige Erfahrung, wie viele Teenager sie machen dürfen.

Wenn wir heute zusammen unterwegs sind, lasse ich mich gern von meinen Kindern führen. Jetzt, wo sie beinahe erwachsen sind, kann ich mich blind auf sie verlassen. Wir machen das so, weil wir das wollen, und nicht weil wir das müssen.

Ich bin stolz darauf, dass meine Kinder mir kein verantwortungsloses Verhalten unterstellen. Denn das habe ich von so manchem gut meinenden Miterzieher schon zu hören bekommen. Aber mit diesem Problem befinde ich mich mit vielen nicht behinderten Eltern in guter Gesellschaft.

Also, liebe Miteltern, habt Mitleid mit Euren selbsternannten Miterziehern. Denn sie wissen nicht was sie tun, und tun es trotzdem. Und das mit einer bewundernswerten Ausdauer. Vor Allem diejenigen, die keine eigenen Kinder haben. Sie haben ihre Vorstellungen. Aber die wirklichen Experten seid Ihr. Macht Euch das immer wieder bewusst.

Die Begriffe assistieren, betreuen, bevormunden

Lydia mit Blindenlangstock und Shopper.

Elternabend im dritten Schuljahr. Da ich die manchmal Hand geschriebenen Informationen der Schule nicht selbst lesen kann, frage ich, ob mir jemand aus der Elternschaft bei der Informationsbeschaffung helfen kann. Ich stelle mir das so vor, dass ich einen Anruf oder eine E-Mail bekomme. Alternativ habe ich kein Problem damit regelmäßig selbst nachzufragen. Bevor sich jemand dazu äußern kann, merkt die Lehrkraft an, dass ich doch eine Betreuerin habe. Und die könne das machen. Nein habe ich nicht. Die Dame, die ich einmal zum Elterngespräch mitgebracht hatte, war eine von mir selbst finanzierte Assistentin, die einem meiner Kinder beim Lesen üben und beim Schreiben helfen sollte. Ich hatte sie mitgenommen, um die Inhalte mit der Lehrkraft abzustimmen.
„Mit uns und nicht über uns“ ist ein Slogan, der in den letzten Jahren immer mehr von den Behindertenverbänden gefordert wird. In diesem Zusammenhang tauchen auch die Worte „betreuen“, „assistieren“ und „bevormunden“ auf. Diese Begriffe möchte ich anhand eines Beispiels veranschaulichen. Denn sie bedeuten nicht dasselbe, wie viele Leute glauben.

Tina hat große Fenster, die sie aufgrund einer Behinderung oder Erkrankung nicht selbst putzen kann. Sie braucht Hilfe. Und diese könnte wie folgt aussehen.

Assistieren: Jemandem nach dessen Anweisungen zur Hand gehen.
Tina beauftragt eine dritte Person mit dem Säubern der Fenster. Diese bekommt Geld dafür. Dabei bestimmt Tina selbst welches Fenster geputzt wird, wann dies passiert und wer das für sie macht. Wird die Arbeit nicht zu ihrer Zufriedenheit ausgeführt, kann sie sich jederzeit für eine andere Assistenz entscheiden, welche die Arbeit besser ausführt. Das ist ihr gutes Recht. Denn schließlich bezahlt sie für diese Dienstleistung und kann ordentlich ausgeführte Arbeit erwarten. Sie ist Arbeitgeberin.

Betreuen: Tina hat eine Person, die ihr in Situationen hilft, die sie selbst überfordert. Ihre Betreuerin hat die Aufgabe ihr bei der Durchführung der Aktion „Fenster putzen“ zu helfen. Im Idealfall spricht sie die Durchführung mit Tina ab. Sie entscheiden gemeinsam, ob Tina es zusammen mit ihrer Betreuerin selbst versucht, oder eine außenstehende Person mit dem Putzen der Fenster beauftragt wird. Die Aufgabe der Betreuerin besteht darin, Tina ein selbstbestimmtes Handeln zu ermöglichen, ohne sie dabei zu bevormunden oder zu überfordern.

Bevormunden: wie einen Unmündigen behandeln, in eigenen Angelegenheiten nicht selbst entscheiden lassen.
Eine Person aus Tinas sozialem Umfeld findet, dass die Fenster geputzt werden müssen. Sie führt diese Tätigkeit eigenmächtig durch, oder beauftragt eine dritte Person. Und zwar so, wie sie selbst es für richtig hält. Sie entscheidet über den Zeitpunkt und die Art der Durchführung. Tinas Meinung dazu spielt für sie keine Rolle. Gefällt Tina irgendetwas an der Durchführung nicht, ist Konflikt mit der Bekannten vorprogrammiert. Denn diese wird Tina wahrscheinlich Undankbares Verhalten unterstellen.

Und wenn wir schon mal dabei sind, hier noch ein paar Begriffe, die im Zusammenhang mit Menschen mit einer Behinderung gern verwendet werden.

Helfen: Dabei unterstützen ein angestrebtes Ziel schneller zu erreichen.
Eine Freundin von Tina bietet ihr an, ihr beim Säubern der Fenster zur Hand zu gehen, und spricht die Aufgabenverteilung mit ihr ab. Tina hat die Wahl die Hilfe anzunehmen oder sie abzulehnen.

In meinen Beiträgen schreibe ich immer wieder, dass ich ein großer Freund davon bin, sich benötigte Hilfe einzukaufen. Denn diese garantiert uns Menschen mit Behinderung mehr selbstbestimmtes Handeln. Das ist bei Freunden und Familie nicht immer gegeben. Ich freue mich für jeden Menschen, der Assistenz von Freunden und Familie bekommt, ohne das Gefühl ein Bittsteller zu sein. Diesen Hilfeerbringern gilt mein großer Respekt, da hier eine Kommunikation auf Augenhöhe stattfindet.

Meine Erfahrungen waren oft dahingehend, dass ich schnell mal selbst ernannte Miterzieher für meine Kinder hatte. Und so etwas belastet die Beziehung zu sehr, als dass ich mir das dauerhaft geben wollte. Umso mehr schätze ich die Menschen, die mir ohne mich bevormunden zu wollen, zur Hand gehen. Daher finde ich es wichtig, dass man als Assistenznehmer die Wahl hat wessen Hilfeleistungen man in Anspruch nehmen möchte. Denn hier geht es um gegenseitiges Vertrauen und Empathie, und nicht um eine Dankbarkeitshaltung gegenüber dem Helfenden.

Tips im Umgang mit blinden Menschen

Lydia läuft mit Blindenstock die Treppen hoch.

Menschen, die nicht blind oder sehbehindert sind, fühlen sich oft unsicher im Umgang mit uns blinden Personen. Daraus resultieren dann schon mal Handlungen, die gut gemeint, jedoch eher kontraproduktiv sind. Lassen Sie mich daher ein bisschen Licht ins Dunkel bringen. Denn auch blinde Menschen verdienen einen respektvollen Umgang.

Begegnen Sie einem blinden Menschen auf der Straße, dann stellen Sie sich bitte mit Namen vor. Spielchen wie die frage „Na, weißt Du wer ich bin“, sind keine gute Basis für einen guten Gesprächsbeginn. Nicht jeder merkt sich die Stimme einer Person, die er oder sie vor drei Wochen in der Straßenbahn getroffen hat. Ach ja, sprechen Sie bitte in normaler Lautstärke. Blinde Personen hören ebenso gut wie Sehende.

Sehverlust heißt nicht den Verlust intellektueller Fähigkeiten. Sie brauchen also auch nicht gut artikuliert oder langsam mit der blinden Person zu sprechen. Und bitte, sprechen Sie nicht mit der Begleitperson über den Blinden. Fragen wie „Was möchte er oder sie gern trinken“ sind abwertend. Fragen Sie den blinden Gast doch selbst. Der beißt nicht, und er weiß besser als seine Begleitperson was er trinken möchte. Ach ja, wenn die blinde Person zahlt, bekommt auch sie das Wechselgeld zurück, und nicht die Begleitung.

Möchten Sie blinden Menschen einen Weg beschreiben, dann benutzen Sie Angaben wie links, rechts, hinter Ihnen oder zweiter Hauseingang. Mit der Hand irgendwohin zeigen, die Schultern hochziehen oder „Dahinten“ machen bei der Kommunikation mit blinden Passanten keinen Sinn.

Wenn blinde Menschen irgendwo herumstehen, dann schauen sie sich vielleicht nur etwas aus der Nähe an, oder warten auf jemanden. Bevor Sie also die Person anfassen, und über eine Straße führen, fragen Sie, ob derjenige das überhaupt möchte. Ist Gefahr in Verzug, dann erst mal nur warnen, statt einfach so anfassen. Übergriffigkeiten mag niemand gern.

Beim Führen wird der blinde Begleiter Sie am Ellenbogen anfassen, oder Ihne die Hand auf die Schulter legen. Und er läuft etwa einen halben Schritt hinter Ihnen. Fragen Sie, ob Sie Treppenstufen ansagen sollen. Möchten Sie ihn zu einem Stuhl führen, dann reicht es seine Hand auf die Lehne zu legen. Es besteht keine Notwendigkeit ihn auf den Stuhl zu drücken oder ihm diesen unter den Hintern zu schieben.

Kommen wir mal zur Kommunikation. Gesten wie Schultern hochziehen, nicken, mit dem Finger zeigen sind sinnlos, da sie einfach nicht wahrgenommen werden können. Sprechen ist hier die wirkungsvollere Alternative. Worte wie blind, sehen, schauen sind Begriffe der alltäglichen Kommunikation. Sie können diese also uneingeschränkt verwenden, wenn Ihr Gesprächspartner blind ist. Doch sollten Sie mit fragen zur Sehbehinderung sensibel umgehen, Diese betreffen den persönlichen Bereich eines Jeden, und sind nicht immer für ein Gespräch geeignet, welches nur eine Straßenüberquerung lang währt.

Blinde Verkehrsteilnehmer lernen wie sie eine Straße sicher überqueren. Wenn Sie mit laufendem Motor halten, um diese vorbeizulassen, schaffen Sie Verunsicherung, ganz gleich wie viel Handzeichen Sie geben, oder hupen. Der Blinde sieht das nicht. Also einfach weiterfahren. Damit helfen Sie uns am besten.

Auch blinde Menschen haben Spaß an Kino, Fußballspiel oder Theater. Sie interessieren sich genauso für Kunst, Kultur, Reisen und andere Aktivitäten, die Sie gemeinsam unternehmen können. Auch unser Lebensinhalt besteht nicht nur aus Gesprächsthemen rund um Sehbehinderung.

Und zum guten Schluss noch eine Sache die mir besonders am Herzen liegt. Blinde Menschen arbeiten anders als Sehende. Und für manche Tätigkeiten müssen sie sich stärker konzentrieren. Wenn dann auch noch jemand ständig jeden Schritt kommentiert oder unsinnige Ratschläge von sich gibt, hilft das niemanden, sondern schafft Verunsicherung. Denn der Blindenstock ist dafür vorgesehen den nächsten Schritt des Blinden vorzufühlen. Es ist also völlig normal, wenn er Hauswände, Laternenpfähle oder Fahrräder berührt. Sparen sie sich Kommentare wie „Vorsicht“, oder „Da steht ein Zaun“. Vielleicht braucht der blinde gerade diese Stelle für seine Orientierung.

Wollen Sie einem blinden Menschen auf Augenhöhe begegnen, dann streichen Sie am besten Sätze wie „Ich mach das mal schnell“ aus Ihrem Sprachgebrauch. Denn das ist eher verletzend als förderlich für eine gemeinsame Ebene der Zusammenarbeit.