Vom blind fliegen und behindert werden

Lydia auf der Besucherterrasse vor einem Flugzeug

Anfang der neunziger Jahre erzählte mir ein Freund von einem blinden Fluggast, der bei der Buchung um eine Assistenz gebeten hatte, die ihn aus dem Flugzeug führt und bis zur Ankunftshalle begleitet. Aus welchen Gründen auch immer rückte die Flughafenfeuerwehr mit einer Trage an.
Ich war bis dahin noch nie alleine geflogen. Und so lachte ich erst einmal herzhaft über diese Geschichte. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass tatsächlich jemand eine Trage für einen blinden Fluggast angefordert hatte. Heute kann ich mir durchaus vorstellen, dass an der Geschichte wenigstens ein bisschen Wahrheit dran ist. Denn blinde Menschen werden immer wieder gern als hilflose Wesen dargestellt, für die alles gemacht und entschieden werden muss.
Als ich 1994 am Frankfurter Flughafen landete, holte mich eine Mitarbeiterin ab, die einen Rollstuhl mitbrachte. Sie bestand darauf, dass ich mich in eben diesen Rollstuhl setzte. Sonst würde sie mich nicht mitnehmen. Ich war damals Anfang zwanzig, und war bisher kaum alleine geflogen. Ich hatte einen anstrengenden Tag hinter mir, und wollte nur noch nach Hause. Daher gab ich irgendwann meinen Protest auf, und setzte mich in diesen Rollstuhl. Denn es schien damals die einzige Möglichkeit für mich zum Ausgang begleitet zu werden.
Das Thema Rollstuhl hat mich seitdem immer wieder begleitet. Immer dann, wenn ich eine Begleitung durch den Flughafen buche, wird in neunzig Prozent aller Fälle der obligatorische Rollstuhl mitgebracht. Auch wenn ich angebe, dass ich lediglich sehende Begleitung zur Orientierung brauche, und keine Gehbehinderung habe. Bisher konnte mir keiner sagen wo im Informationsfluss dieses wichtige Detail verschwindet. Allerdings habe ich längst begriffen, dass kein Mitarbeiter mich dazu zwingen darf im Rollstuhl Platz zu nehmen.
Vor etwa zwei Jahren flog ein blindes Elternpaar mit zwei sehenden Kindern in den Urlaub. Der Flug wurde dadurch getrübt, dass den Kindern untersagt wurde am Fenster zu sitzen. Hier hatten die blinden Eltern zu sitzen. So wollten es die Sicherheitsbestimmungen. Denn Menschen mit Behinderung haben aus Sicherheitsgründen am Fenster zu sitzen.
Ich mag Fensterplätze im Flugzeug überhaupt nicht. Zum einen erschwert es die Kommunikation mit den Flugbegleitern am Gang, da es im Flugzeug ziemlich laut sein kann. Und da Gestik und Mimik für mich als Werkzeug zur Verständigung ausfällt, bin ich auf das gesprochene Wort angewiesen. Das fängt bei den Sicherheitsmaßnahmen an, und geht weiter über die Essensverteilung und andere Anliegen. Außerdem ist es schwierig für mich an ein oder zwei Fluggästen vorbeizukommen, um zur Toilette zu gehen.
Getoppt wurde das von einem Kabinenchef der jordanischen Fluggesellschaft. Ich flog 2007 mit meinen Kindern, sechs und acht Jahre alt, von Frankfurt nach Amman. Dafür hatte ich Begleitung zum Flugzeug angefordert, die auch reibungslos klappte. Im Flugzeug kam dann der Kabinenchef auf mich zu, und erklärte mir, dass ich meine Kinder aufgrund meiner Sehbehinderung nicht im Flugzeug begleiten darf. Er forderte mich auf ein Formular zu unterschreiben, dass es sich bei meinen Kindern um unbegleitete Kinder handelt. Wenn ich das nicht tat, dann dürfte er uns gar nicht mitnehmen. Ich kannte diese Vorschrift nicht, und unterschrieb dieses Formular. Denn ich wollte nicht riskieren, dass wir wieder aussteigen mussten. Danach kümmerte sich das Personal während des ganzen Flugs nicht mehr um uns. Den Service für unbegleitete Kinder hatte ich mir anders vorgestellt. Das war das einzige Mal, dass ich mich über die Behandlung an oberster Stelle beschwert habe. Denn es gibt keine Vorschrift, die Eltern mit Behinderung die Mitnahme ihrer Kinder im Flugzeug verbietet. Erst recht nicht, da ich bei der Buchung meine Behinderung angegeben hatte.
Abschließen möchte ich mit einen sehr schönen Erlebnis. Als meine Tochter zehn Monate alt war, flog ich mit Lufthansa über Nacht von Frankfurt nach Amman. Ich wurde von einer Mitarbeiterin abgeholt, die auch den Kinderwagen schob. Dieser fand sogar in der Kabine Platz, so dass ich ihn bei der Ankunft sofort hatte. Während des Flugs schaute eine Flugbegleiterin regelmäßig nach uns. Und als ich einmal zur Toilette ging, blieb eine Kollegin bei meinem Baby, während die andere mich begleitete. Bei der Ankunft wurden wir von einem Mitarbeiter abgeholt, der den Kinderwagen schob, und mir seinen Arm bot. Es war einfach ein toller Service.

Und jetzt lade ich Euch ein in den Kommentaren über Eure Flugerfahrungen zu berichten.

Die blinde Mutter und der Autokauf

Lydia steht neben der Fahrertür eines Autos.

Ich habe mich nie besonders für Autos interessiert. Für mich war das ein Gehäuse auf vier Rädern. Auch die meisten Autotypen sagten mir wenig. Ich glaube, ich hatte ebenso viel Ahnung von den Eigenschaften eines Autos wie ein normal sehender Mensch von den Unterschieden bei der Brailleschrift.
Als ich klein war, hatten wir ein Auto in der Familie, welches von meinem Vater gefahren wurde. Meine Mutter erledigte ihren Alltag komplett ohne Auto. Und auch ich lernte ohne Auto zu denken. Und wenn ich doch mal einen Ort erreichen musste, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreichbar war, nahm ich mir ein Taxi, oder organisierte mir ein Auto inklusive Fahrer. Als meine Kinder im Vorschulalter waren, wurde das Auto noch mal interessant. Ich bezahlte eine Assistenz dafür mit mir den Familieneinkauf, den ich alleine nicht nach Hause tragen konnte, zu erledigen. Und wenn mein Sohn am Wochenende zu einem Treffpunkt für sein Fußballspiel musste, dann war ich auf die Hilfe von anderen Eltern angewiesen, oder ich bezahlte ein Taxi.
Auch meine Kinder lernten ohne Auto zu denken. Während ihrer Grundschulzeit war alles in meiner Heimatstadt zu Fuß erreichbar. Und als sie älter wurden, durften sie das Fahrrad benutzen. Dadurch erweiterte sich ihr Aktionsradius. Denn die weiterführende Schule war in der Nachbarstadt. Bei gutem Wetter fuhren sie mit dem Fahrrad hin, während sie im Winter den Bus nahmen. Wenn es mal richtig stark regnete, dann fanden wir entweder andere Miteltern, die meine Kinder mitnahmen, oder ich bestellte ihnen ein Taxi.
Mit 17 Jahren machte meine Tochter ihren Motorradführerschein. Dadurch erweiterte sich ihr Aktionsradius noch mal. Für sie war das wichtig, da das Einzugsgebiet ihrer aktuellen Schule sich vergrößert hatte, und der ÖPNV in manchen Situationen sehr zeitaufwändig war. Jetzt war es auch mal möglich für vier Freistunden nach Hause zu fahren, was mit dem Bus kompletter Unsinn war.
Anfang 2018 bekam sie nun ihren PKW-Führerschein. Endlich hatten wir jemanden in der Familie, der ein Auto fahren durfte. Aber woher jetzt ein Auto bekommen? Mein Mann und ich hatten versäumt uns mit der Materie Auto auseinanderzusetzen. Und jetzt bekamen wir die Rechnung präsentiert. Wir brauchten jemanden, der gemeinsam mit uns nach einem passenden PKW suchte. Und hier lag das Problem. Auf einmal hatten wir im sozialen Umfeld ganz viele selbst ernannte Experten, die uns mit so vielen Ratschlägen bombardierten, dass mir jedes Mal der Kopf schwirrte. Wir fuhren Gebrauchtwagenhändler ab, machten Termine mit verschiedenen Privatleuten, die Autos verkauften, um dann festzustellen, dass das Angebot sich vom tatsächlichen Objekt unterschied. Hurra, es lebe die Bildbearbeitung! Ein Verkäufer wollte uns sogar weiß machen, er habe das falsche Auto fotografiert. Schade, dass ich zu dem Zeitpunkt keine Visitenkarte vom ansässigen Blindenverband dabeihatte.
Mit dem Autokauf fühlte ich mich völlig überfordert. Vielleicht könnte man das mit einem nicht blinden Menschen vergleichen, der eine geeignete Braillezeile für einen Blinden aussuchen soll. Dabei konnte es doch kein Hexenwerk sein, ein Auto zu kaufen. Oder vielleicht doch? Und so langsam lief uns die Zeit davon.
Irgendwann telefonierte ich mit einem Bekannten, und sprach das Thema an. Dieser kannte sich aus, und hatte Freunde im Autohandel, die er fragen würde. Wir brauchten einen Gebrauchtwagen, der fahrtüchtig und ohne Bastelbedarf war. Eine Woche später fuhren meine Tochter und ich zu ihm nach Düsseldorf, wo wir eine Auswahl in Frage kommender Autos fanden. Wir entschieden uns für eines, und wurden handelseinig. Ich würde die Hälfte des Geldes überweisen, danach würden die Fahrzeugpapiere zu uns geschickt, und der Kaufvertrag aufgesetzt. Danach konnten wir hier das Auto versichern, anmelden, und anschließend in Düsseldorf abholen.
Es dauerte eine Woche, bis wir die Unterlagen hatten und eine Versicherung gefunden hatten.
Jetzt musste das Auto noch von Düsseldorf nach Frankfurt. Meine Tochter war Fahranfängerin. Daher wollte ich nicht, dass sie diese Strecke allein fuhr. Für 300 € hätte der Händler es uns auch geliefert. Doch wollte ich das Geld nicht ausgeben. Am Ende konnte ich eine Freundin der Familie dafür gewinnen das Auto gemeinsam mit mir zu fahren.
Diese Freundin fuhr mit mir zur Zulassungsstelle nach Langen, um das Auto anzumelden. Die dortigen Mitarbeiter hatten wohl noch nie einen blinden Menschen live und in Farbe gesehen. Jedenfalls erfüllten sie alle gängigen Klischees. Sie sprachen mit meiner sehenden Begleiterin, wenn sie etwas wissen wollten. Einige starrten mich an, als hätte ich eine neue Warze auf der Nase. Und gleich mehrere Mitarbeiter stellten meiner Freundin die Frage, ob sie mir bei der Unterschrift die Hand führen würde. Nein, tut sie nicht. Sie zeigt mir wo die Unterschrift hin soll.
Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Düsseldorf, und holten das Auto ab. Ein kleines Auto, das für uns alle Platz bietet, und meinen Kindern einen größeren Aktionsradius ermöglicht.

Was hat sich für mich seitdem geändert
In meinem Alltag hat sich nicht viel geändert. Ich bewege mich nach wie vor ohne Auto durch meinen Alltag. Die Ausnahme bildet der Großeinkauf, den wir jetzt mit dem Auto erledigen können. Außerdem können wir hin und wieder mal einen Ausflug an einen der naheliegenden Baggerseen machen. Diese sind für mich ohne Auto oder Fahrrad unerreichbar. Und wenn wir unterwegs sind, brauche ich mir keine Gedanken zu machen, dass ich zu jeder Zeit mein Gepäck selbst tragen können muss. Das Auto ist ein kleines Bonbon für meine Familie. Aber es wird nie meinen Alltag beherrschen. Dafür liebe ich meine Mobilität und Unabhängigkeit zu sehr.

Die Begleitperson muss nicht erwachsen sein

Gemeinsam mit unseren sehenden Kindern im Alter von siebzehneinhalb und fast neunzehn Jahren wollen wir eine Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer unternehmen. Der Reiseanbieter gewährt Menschen mit Behinderung, welche das Merkzeichen B im Schwerbehindertenausweis haben, die kostenlose Mitnahme einer Begleitperson. Entsprechend wurden wir an der Hotline beraten. Wir buchten also für uns blinde Eltern und zwei Begleitpersonen, nämlich unsere Kinder. Für letztere würden nur noch die Kosten für den Transfer und der übliche Kleinkram anfallen. Ebenso schickten wir eine Kopie der Schwerbehindertenausweise an den Reiseanbieter, und warteten auf die Bestätigung.
Vier Tage später kam die Ernüchterung. Die Zentrale in Italien habe unsere Buchung bestätigt. Allerdings wollte man uns die Ermäßigung für eine Begleitperson nicht gewähren. Als Grund wurde angegeben, dass der Sohn das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet habe, und mich somit also nicht begleiten dürfe. Für ihn würden also noch mal fast 700 € zusätzliche Kosten anfallen. Das wollte ich so nicht stehen lassen, und schrieb eine entsprechende E-Mail an den Anbieter. Ich erklärte ihm meinen Standpunkt und dass ich diese Reise unter diesen Bedingungen nicht antreten möchte. Eine Antwort habe ich noch nicht bekommen, werde jedoch gern in einem späteren Beitrag über den Ausgang berichten. Auch fand ich keine Altersangabe der Begleitperson in den AGBs des Reiseanbieters.
Das Merkzeichen B auf dem Schwerbehindertenausweis berechtigt den Inhaber zur Mitnahme einer Begleitperson. Daran sind hier in Deutschland keine Bedingungen geknüpft. Und das aus gutem Grund. Denn die Anforderung an eine Begleitperson ist bei jeder Behinderung unterschiedlich. Ich kann also die Begleitperson mitnehmen, die ich als Mensch mit Behinderung für geeignet halte. Im Idealfall überlege ich mir also welche Hilfestellung ich brauche, und wähle aus welche Begleitung ich mitnehmen möchte.
In der Praxis heißt das, dass ich als blinde Frau auf einem Kreuzfahrtschiff jemanden brauche, der mir die Wege, die ich brauche zeigt, mir bei einem Büfett hilft mein Essen zusammenzustellen, oder bei der Suche eines Liegestuhls hilft oder mal einen Aushang vorliest. Das sind Tätigkeiten, die auf meine Anweisung hin passieren. Gleiches gilt für Ausflüge, an denen ich teilnehmen möchte.
Die Begleitperson begleitet und assistiert. Sie hilft mir meine Sinnesbehinderung, also die Blindheit ein stückweit zu kompensieren. Sie trägt keinerlei Verantwortung für mein Handeln. Der Einzige, der Verantwortung trägt, bin ich. Und zwar sowohl für mich, als auch für mein noch minderjähriges Kind. Und ich kann das, was ich meinen Kindern zumute, sehr gut verantworten.
Auch wenn es mir nicht schmeckt, habe ich gelernt damit zu leben, dass das Weltbild nicht blinder Personen in Bezug auf unseren Personenkreis oft sehr viele Missverständnisse beinhaltet. Hieraus resultieren Entscheidungen von nicht betroffenen Verantwortlichen, die absolut ungerechtfertigt sind. Hier eine kleine Auswahl von Diskriminierungen im Alltag, welche darauf basieren, dass blinden Menschen kein eigenverantwortliches Handeln zugetraut wird:
– Blinde dürfen keine Fahrgeschäfte vieler Freizeitparks nutzen,
wie Freizeitparknutzung durch blinde Menschen
und Freizeitparks, Blinde müssen draußen bleigen.
– Fitnessstudios, die blinden die Mitgliedschaft verwehren,
wie in Blinde Neu-Isenburgerin fühlt sich von Fitnessstudio ausgeschlossen,
und Als ich versuchte in einem Fittnessstudio zu trainieren.
– Zutrittsverweigerung einer blinden Mutter ins Schwimmbad.

Ich kann mir gut vorstellen, dass so mancher Zeitgenosse den früheren Wortlaut, „Eine ständige Begleitung des Schwerbehinderten ist nachgewiesen“ oder so ähnlich verinnerlicht hat. Das wurde irgendwann geändert, nachdem unbegleiteten blinden Personen die Mitfahrt in manchen Bussen oder der Zutritt zu Einrichtungen verwehrt wurde. Manchmal scheint es, als habe die Ausgabestelle für gesunden Menschenverstand, Empathie und sozialer Kompetenz schon länger geschlossen.

So, Ihr kennt nun meine Sicht der Dinge. Jetzt bin ich gespannt auf Eure.

Elternassistenz, Wofür ist das gut?

Lydia trägt einen Teddy in einem Tragetuch.

Die meisten meiner Gastautoren finde ich über soziale Netzwerke. In einem Post über Facebook suche ich nach blinden Eltern, denen aufgrund der Sehbehinderung Elternassistenz bewilligt wurde. Einige Stunden später schaue ich nach, ob sich jemand gemeldet hat. Und siehe da, eine sehbehinderte Mutter hat einen Kommentar hinterlassen. Allerdings hält sich meine Begeisterung in Grenzen, da dieser etwas abfällig ist. So als sei jeder, der zugibt Hilfe bei der Teilhabe seiner Kinder zu benötigen nur zu doof. Sie bekommt dann auch eine dementsprechende Antwort von mir. Denn ich finde, dass sich niemand dafür rechtfertigen braucht, wenn er oder sie Hilfe in Anspruch nimmt. Und schon gar nicht in den eigenen Reihen. Daher habe ich mich zu dem folgenden Statement entschlossen.
Fangen wir mal mit dem Begriff der Elternassistenz an. Das ist Assistenz, also Hilfe bei den Dingen, welche jemand aufgrund seiner Behinderung nicht alleine erledigen kann. Und da nicht alle Menschen identisch sind, sind blinde Eltern es auch nicht.
Ich habe eine gute Orientierung und bin mit dem Blindenstock mobil genug, um mit meinen Kindern rausgehen zu können. Daher habe ich meine Kinder erst im Tragetuch getragen, und später an die Hand genommen. Allerdings habe ich mir Hilfe geholt, wenn mir die Gegend nicht vertraut war, oder wenn es darum ging kleine Kinder auf dem Spielplatz im Auge zu behalten. Und ich habe mir gern sehende Hilfe organisiert, wenn ich auf Schulfesten war, da mir die Geräuschkulisse mit hunderten von Eltern und Kindern Schwierigkeiten bereitet. Und nicht immer war es möglich sich mit anderen Eltern zu verabreden.
Solange ein Ziel mit Bus und Bahn erreichbar war, kamen wir alleine zurecht. Als eines meiner Kinder jedoch einen Therapietermin hatte, der zu knapp für öffentliche Verkehrsmittel war, ließ ich mir von einer Assistenz mit Auto helfen. Da wo ich wohne gibt es ein gut ausgebautes Verkehrsnetz. Wohnen blinde Eltern irgendwo, wo das nicht so ist, dann brauchen sie mehr Hilfe, um von A nach B zu kommen.
Sehr oft werden Eltern mit einer Behinderung auf den nicht behinderten Partner oder auf das soziale Umfeld verwiesen. Dabei ist der sehende Partner in erster Linie der Partner, und nicht der permanente Assistent. Tja, und ein gutes soziales Umfeld hat nicht jeder. Das ist wie im normalen Leben. Das familiäre Umfeld ist nicht immer mit der Art einverstanden, wie man seinen Nachwuchs erzieht. Und da bin ich nicht anders als andere Eltern ohne Behinderung. Ich erziehe meine Kinder selbst, ganz gleich ob meine Familie, meine Bekannten oder Freunde das gut finden oder nicht. Ich habe kein Problem mit einem guten Meinungsaustausch. Aber an dem Punkt, an dem jemand meinen Kindern ohne mein Einverständnis Anweisungen erteilt, ist Schluss mit der Hilfe. Diesen Menschen rate ich gern, dass sie doch bitte ihren eigenen Nachwuchs erziehen sollen.
Es gibt aber auch Menschen mit Behinderung, die ein gut funktionierendes soziales Umfeld haben. Diesen Menschen gilt mein Respekt. Denn es ist sicher nicht einfach die Grenzen zwischen effektiver Hilfe und Bevormundung zu ziehen.
Ich habe mich in vielen Fällen mit bezahlter Assistenz wohler gefühlt. Da gab es klare Vereinbarungen über den Zeitpunkt, die Leistung und die Zuständigkeiten. Und ganz wichtig, man muss irgendwie auch zusammenpassen. Und eine Assistenz, die ich selbst bezahle, kann ich mir als Arbeitgeber aussuchen, das familiäre Umfeld nicht.
Das Thema Elternassistenz wird selbst in den eigenen Reihen der Behindertenverbände etwas belächelt und eher stiefmütterlich behandelt. Das liegt daran, dass Eltern mit Behinderung nicht so stark vertreten sind wie Kinderlose Menschen mit einer Behinderung. Vieles können wir selbst bewerkstelligen. Aber es gibt nun einmal Dinge, die gehen nicht alleine. Und das ist nicht nur, dass blinde Eltern kein Auto fahren können. Ein sehr anschauliches Beispiel habe ich für Anja von „Die Kellerbande“ hier beschrieben.

Und nun lade ich Euch ein in den Kommentaren über diesen Beitrag zu diskutieren.

Ranzenpost und Formulare bei blinden Eltern

Meine erste E-Mail-Adresse bekam ich 2003, gemeinsam mit einer Einführung in die Bedienung eines E-Mail-Programms und meinen ersten Gehversuchen im Internet. Eigentlich geschah das mehr aus Neugierde, als aus einer Notwendigkeit heraus. Denn bisher reichten mir für das, was ich zu tun hatte, die Kommunikation in Form von Telefon, Fax oder Papierpost. Gedruckte Briefe ließ ich mir entweder vorlesen, oder ich scannte sie ein, und ließ meinen Computer die gedruckten Buchstaben in Sprache oder Braille umwandeln. Und wenn ich etwas verschickte, dann schrieb ich diesen am PC, druckte ihn aus, oder schickte ihn per Fax weg. Gepaart mit dem guten alten Telefon war das für mich die Vorgehensweise, mit der ich gut gelebt habe.

Mit dem Einzug von E-Mail vereinfachte sich für mich die schriftliche Kommunikation. Bekam ich eine Info per Mail, brauchte ich diese nicht mühsam einzuscannen, und mögliche Fehlerquellen bei der Texterkennung einzukalkulieren. Ich hatte die Info quasi sofort. Es ersparte mir also nicht nur Papier, sondern auch viel Zeit. Denn Briefe in Papierform wollten eingescannt, in Braille beschriftet und richtig abgeheftet werden. Bei der E-Mail reichte eine übersichtliche Ordnerstruktur, um diese gezielt wiederzufinden. Außerdem besitzt mein PC eine Suchfunktion, mein Ordnerregal jedoch nicht.

Als meine Kinder in den Kindergarten kamen, bat ich die Mitarbeiter mir schriftliche Mitteilungen per E-Mail zu schicken. Das klappte mehr schlecht als recht. Für mich wäre es eine große Erleichterung gewesen. Denn ich kann Anhand eines Papiers, das im Fach meines Kindes liegt, nicht feststellen, ob es sich um ein gemaltes Bild oder einen Elternbrief handelt. Und ich kann auch keine Aushänge lesen. Ich musste viel fragen, und hoffen, dass mir keine wichtige Information, wie ein außerplanmäßiger Schließungstag, ein Elternabend oder ein „Wir haben Läuse im Haus“ entging. Manchmal halfen mir andere Eltern bei der Informationsbeschaffung.

Als meine Kinder in die Grundschule kamen, bekam ich immer mehr das Gefühl, das die Lehrkräfte E-Mails mehr fürchten als der Teufel das Weihwasser. Die einzige Mitarbeiterin, die ab und zu an mich dachte, war eine Mitarbeiterin im Sekretariat, die mir Mails schickte. Ein Lehrer meines Sohnes rief ab und zu an, wenn es ein Problem gab. Auch damit konnte ich gut leben. Aber oft genug musste ich mir anhören, dass die Kinder alt genug seien, um die Ranzenpost bei den Eltern abzugeben, oder das Elternheft zu zeigen.

Es gibt mehrere Informationsquellen, die man als Elternteil überblicken können muss. Da wäre einmal das Mitteilungsheft an die Eltern, in welches handschriftliche Mitteilungen gemacht werden können. Manche Lehrkräfte möchten, dass diese von den Eltern abgezeichnet werden. Dann gibt es die Elternmappe, in die das Kind Briefe der Schule oder Lehrkraft abheften soll. Und dann gibt es die losen Blätter, die viele Kinder vergessen in eben diese Mappe einzuheften. Und das sollen wir Eltern nach Möglichkeit kontrollieren. Denn mal Hand aufs Herz, wessen Kind im Grundschulalter ist so gewissenhaft, und gibt diese zuverlässig zeitnah an die Eltern weiter?

Eine sehende Mutter hat die Wahl selbst in den Schulranzen zu schauen oder die Verantwortung auf das Kind zu übertragen. Sie kann erkennen, ob es sich um ein Schreiben oder ein bemaltes Stück Papier handelt, ob etwas auszufüllen oder zu unterschreiben ist. Das kann ich nicht. Handschriftliche Mitteilungen sind für mich selbst mit meinen technischen Hilfsmitteln unlesbar. Eine Information, die per E-Mail zu mir kommt, kann ich ohne fremde Hilfe bearbeiten. Und da die meisten Elternbriefe ohnehin am PC erstellt werden, ist es kein Mehraufwand diese per E-Mail zu versenden.

Der Hort meiner Kinder hat das verstanden, und mir bei der Informationsbeschaffung geholfen. Für die Post aus der Grundschule fand ich Hilfe bei Miteltern oder bezahlte mir eine entsprechende Hilfe, die den Schulranzen regelmäßig durchsah.

Schwieriger wurde es auf der weiterführenden Schule. Hier gab es noch mehr Informationsquellen. Der Klassenlehrer meiner Tochter hat mir zu dem Zeitpunkt einen wertvollen Luxus geboten, indem er die Informationen für mich sammelte und lesbar machte. Ich besuchte den Elternsprechtag, und erklärte mehreren Lehrkräften, dass es schneller geht, wenn er oder sie per E-Mail mit mir Kontakt aufnimmt. Und die meisten verstanden das. Und das war auch gut so, da meine Kinder die Ordnung zeitweise nicht als ihren besten Freund ansahen.

Problematisch war die Kommunikation mit der Sorte Lehrkräfte, welche die Meinung vertraten, dass ein Kind in dem Alter selbst darauf achten müsse, dass die Informationen zu den Eltern kämen. Meine Bitte mir die für uns Eltern bestimmten Informationen in einer für mich als Eltern wahrnehmbaren Form zu Verfügung zu stellen artete auch schon mal in eine Grundsatzdiskussion über Selbstverantwortung der Kinder aus. Dabei sind wir einer Meinung, nämlich, dass Kindern ein bestimmtes ihrem Alter entsprechendes Maß an Verantwortung übertragen sollten. Dem gegenüber steht jedoch, dass ich meine Pflichten als Eltern wahrnehmen muss. Und das setzt vorraus, dass ich Informationen, die an mich als Eltern gerichtet sind, auch ohne die Hilfe meiner Kinder wahrnehmen kann. Das brauche ich, um meine Kinder auf dem Weg in ein selbständiges Leben zu unterstützen.

Meine Kinder sind inzwischen beinahe erwachsen, und können selbst darauf achten, dass ich relevante Informationen bekomme. Aber da draußen gibt es noch ganz viele Eltern, deren Kinder das noch nicht können. Und diese freuen sich über Mitteilungen ohne Barrieren.

Liebe Lehrer, Erzieher und alle Anderen, die mit Kindern blinder Eltern zu tun haben könnten!

Mitteilungen per Ranzenpost stellen eine Barriere dar, eine E-Mail oder ein Anruf der Schule nicht. Vor Allem macht Ranzenpost abhängig. Nämlich davon, dass das Kind diese abliefert, und davon, dass ein Formular nicht eigenhändig ausgefüllt werden kann. Und ich glaube nicht, dass das im Sinne des Lehrauftrags ist. Einfach fragen, und gemeinsam eine Lösung finden. Allerdings hören wir blinden Eltern Sätze wie „Das kann Ihnen jemand vorlesen“, oder „ihr Kind kann das ja machen“ überhaupt nicht gern. Denn auch wir sind in erster Linie Eltern mit Pflichten. Und unsere Kinder sind nicht dazu da, um die Behinderung zu kompensieren.

Eure Lydia