Europapark – Kinder dürfen mehr als Blinde

lydia mit nassem hemd im wasserraftling

Immer wieder werden Menschen mit Behinderung von Fahrgeschäften in Freizeitparks ausgeschlossen. Ungeachtet dessen, ob sie eine eigene Begleitperson mitbringen oder nicht. Darüber schreibt mein Gastautor Ramon Kathrein. Er ist seit Mai 2019 Stadtrat für die Liste Teilhabe und Inklusion im Freiburger Gemeinderat. Er ist seit seinem dritten Lebensjahr blind. Der Österreicher ist in Vorarlberg geboren und aufgewachsen. Den Magister in Politikwissenschaft erwarb er 2010 in Marburg. Seit 2008 lebt er in Freiburg und setzt sich dort auf kommunaler Ebene für die Themen Inklusion und Barrierefreiheit ein.

Diskriminierung blinder und mobilitätseingeschränkter Menschen bei Fahrgeschäften in deutschen Freizeitparks

Viele von euch kennen die Problematik bereits oder haben sie selbst schon erfahren müssen. In Deutschland gibt es kaum Freizeitparks, die Menschen mit Körper- oder Sinnesbehinderungen erlauben, ihre Attraktionen zu nutzen. Die Thematik ist sehr alt, ich persönlich habe mich deswegen bereits 2005 das erste Mal beschwert, viele weitere Beschwerden sind seither durch Blindenverbände, Behindertenbeauftragte, und nicht zuletzt durch Anwälte vorgebracht worden. Geändert hat sich an der Praxis dennoch wenig bis gar nichts. Der Europapark in Rust schreibt dazu auf seiner Webseite beispielsweise: „Aus Sicherheitsgründen hat uns der Technische Überwachungsverein (TÜV) nicht gestattet, die Beförderung von Menschen mit Gehbehinderungen und Blinden an folgenden Fahrgeschäften freizugeben: Abenteuer Atlantis, Alpenexpress „Enzian”, Alpenexpress Coastiality, Arthur, Atlantica SuperSplash, blue fire Megacoaster powered by Nord Stream 2, Euro-Mir, Eurosat – CanCan Coaster, Eurosat Coastiality, Fjord-Rafting, Fluch der Kassandra, Geisterschloss, Matterhorn-Blitz, Pegasus – Die YoungStar Achterbahn, Wasserachterbahn Poseidon, Poppy Towers, Schweizer Bobbahn, Silver Star, Volo da Vinci, Tiroler Wildwasserbahn, WODAN-Timburcoaster.
Wenn Sie in der Lage sind, optische Warnzeichen und Wegeleitsysteme wahrzunehmen, selbstständig zu laufen und hohe Treppenabstiege sicher zu bewältigen, dann dürfen Sie diese Fahrgeschäfte gerne nutzen.“

Nun wissen erfahrene Freizeitparkbesucher, dass es sich hier um eine ziemlich vollzählige Auflistung sämtlicher Fahrgeschäfte handelt, die für Menschen älter als drei Jahre interessant sind. Tatsächlich hatte ich in den letzten Jahren immer wieder von Menschen gehört, denen die Mitfahrt verweigert wurde, die nach stundenlangem Anstehen aus der Bahn geholt und teilweise sogar des Parks verwiesen wurden, wenn sie versuchten mit den Verantwortlichen zu diskutieren. Mir selber mag man nicht auf den ersten Blick ansehen, dass ich blind bin. Ich kennzeichne mich nicht und habe in der Regel keinen Stock dabei, wenn ich mich auf eine Begleitperson verlassen kann. Somit hatte ich bis dato mehr Glück und keinerlei Probleme, wenn ich den Europapark besuchte. Natürlich war aber auch für mich immer schon der größte Nervenkitzel abseits der Achterbahnen genau dieses stets über mir schwebende Damoklesschwert.

Ganz allgemein entspricht eine solche Regelung aber einfach längst nicht mehr den gesellschaftlichen Werten der heutigen Zeit. Auch behinderte Menschen haben längst die vielfältigen Möglichkeiten der Teilhabe an Freizeitaktivitäten bis hin zum Extremsport kennen und lieben gelernt. Längst erklimmen wir die höchsten Berge der Welt, segeln, surfen, raften oder klettern wir an allen möglichen und unmöglichen Orten, reisen, wandern skaten biken oder springen Fallschirm, kurzum, es gibt kaum etwas, was nicht in irgendeiner Form auch für blinde oder Rollstuhlfahrende möglich gemacht werden kann. Ein Verbot von Fahrgeschäften aus angeblichen Sicherheitsgründen mutet da einfach an, wie aus der Zeit gefallen und ist auch weltweit meines Wissens nur in Deutschland vorhanden.

Am 27.06.2020 war ich mit einer befreundeten Familie nach langer Zeit wieder einmal im Europapark. Auch dieses Mal war alles gut, bis ich die Tiroler Wildwasserbahn fuhr. Hier wurde ich, nachdem ich bereits mitgefahren war von einer Bediensteten angesprochen und als blind identifiziert. Sie hat uns daraufhin sehr deutlich klargemacht, dass das so nicht geht und ich das Fahrgeschäft nicht mehr benutzen dürfe. Auf eine Diskussion vor Ort habe ich verzichtet, da eine solche aus meiner Sicht das Problem nicht löst. Zur Erklärung, bei der Tiroler Wildwasserbahn handelt es sich um eine Bahn, die ab vier Jahren freigegeben ist. Man setzt sich dabei hintereinander in ein Boot, jeweils auf einen eigenen Sitz. Die ganze Fahrt besteht aus ein wenig rumschippern im Schritttempo und zwei Rampen, die das Boot nach unten fährt, um dann im Wasser aufzuplatschen. Für Kids ein riesen Spaß, für mich eher in der Kategorie gähn.

Nachdem ich also rausgeschmissen wurde, habe ich in der Woche danach eine Unterlassungsaufforderung an den Europapark formuliert da ich in diesen Vorschriften eine pauschale Diskriminierung blinder und mobilitätseingeschränkter Menschen sehe. Diese Unterlassungsaufforderung habe ich dem Europapark zugestellt und zeitgleich auf Facebook veröffentlicht. Ich habe sie auch an mehrere Hauptsponsoren gesendet, deren Namen unmittelbar mit den betroffenen Fahrgeschäften verbunden ist, darunter Mercedes Benz und Nordstream II. Nun war ich selbst erstaunt, welche Wirkung dieser Schritt vorerst entfaltet hat. Die lokale Presse hat sich umgehend bei mir gemeldet, Radio- Fernseh- und Zeitungsinterview folgten am nächsten Tag und auch die Parkleitung meldete sich. Mit dieser habe ich seither intensiven Email- und Telefonkontakt.

Die Parkleitung hat mir unmittelbar im ersten Telefonat zugesichert, dass bereits seit Längerem Möglichkeiten gesucht würden, diese Einschränkungen aufzuheben und, man höre und staune, die Benutzung durch blinde Menschen soll noch diesen Sommer ermöglicht werden. Mobilitätseingeschränkte Menschen sollen ab 2021 ebenfalls sukzessive zugelassen werden, hierfür sind Umbaumaßnahmen notwendig. Selbstverständlich werde ich nun in intensivem Kontakt mit der Parkleitung bleiben und über die weiteren Schritte gerne wieder berichten. Ich lasse sie nicht mehr vom Haken, versprochen! Dem Parkleiter habe ich angeboten, mit ihm meine erste offizielle Fahrt auf einem Fahrgeschäft seiner Wahl zu absolvieren, ich bin gespannt, ob er sich traut und ob er sich eher für den Silverstar oder lieber doch für die Geisterbahn entscheidet.

Natürlich erhoffen wir uns hier auch eine Signalwirkung für andere Freizeitparks. Wenn Ihr aber ähnliche Erfahrungen in anderen Parks gemacht habt, kann ich euch nur dazu raten, ebenfalls rechtliche Schritte zu prüfen. Auch der Europapark hätte bereits vor vielen Jahren seine Politik ändern können, die Betreiberfamilie Mack baut bereits seit etlichen Jahren barrierefreie Achterbahnen für den Weltmarkt, nur im eigenen Freizeitpark werden diese bislang nicht eingesetzt.

Ich danke Ramon für seinen Bericht, und hoffe, dass sich dahingehend etwas gegen diese Zustände tut. Habt Ihr ähnliches erlebt? Ich freue mich über Eure Beiträge in den Kommentaren.

Blind spielen auf dem iPhone

Lydia sitzt mit iPhone in einem Gartensessel auf der Terrasse.

Ich habe mich früher nie für Computerspiele interessiert. Zwar kannte ich die Namen der meisten angesagten Spielekonsolen, Spiele und ein paar Eigenschaften, nicht aber die Details. Die meisten dieser Spiele waren für mich ohnehin nicht blind spielbar. Ich eignete mir dieses Wissen lediglich an, um eine Idee davon zu haben, was meine Kinder so spielten. Das änderte sich erst vor ein paar Jahren, als das iPhone bei mir eingezogen ist.
Wenn es um Spiele geht, denken die wenigsten Menschen daran, dass auch blinde Nutzer unter den Gamern zu finden sind. Ich vermute, dass es daran liegt, dass Spiele auf dem PC, auf Spielkonsolen oder für Mobilgeräte grafikbasiert sind. Und eben das ist ein K.O. Kriterium für blinde User. Erst recht, wenn es um Action und schnelle Reaktion geht.
Es gibt aber auch Spiele, die von unserem Personenkreis mit Hilfe der Sprachausgabe gespielt werden können. Einige davon möchte ich gern vorstellen. Es handelt sich um Spiele, die mit dem iPhone oder iPad gespielt werden können.

Quizz- und Ratespiele
Quizduell ist ein Ratespiel, bei welchem man nach der gestellten Frage zwischen vier vorgegebenen Antworten auswählt. Die Fragen sind unterschiedlichen Kategorien zugeordnet. Man kann sowohl gegen Fremde als auch bekannte Spieler antreten, und diese als Favoriten markieren.
Bei Wahr oder Falsch bekommt man für eine Frage zwei unterschiedliche Antworten vorgegeben. Ziel ist es in einem Fragezyklus möglichst viele richtige Aussagen von den Falschen zu unterscheiden.
Quizoid ist ein Ratespiel mit unterschiedlichen Spielmodi, zwischen denen sich der Spieler entscheidet. Beispielsweise gibt es einen Modus, mit welchem 20 Fragen aus unterschiedlichen Kategorien beantwortet werden, oder auch ein Spielen auf Zeit, also möglichst viele Fragen in einem vorgegebenen Zeitfenster. Dieses Spiel kann offline gespielt werden.
Das Quiz stellt dem Spieler 50 Fragen quer durch alle Kategorien. Dabei gibt es keine Zeitbeschränkung, so dass auch langsamere User spielen können. Bei nicht beantworteten Fragen kann man die richtige Antwort nachschlagen, und sein Wissen damit auffrischen. Dafür gibt es extra einen Trainingsmodus.

Würfel- und Gesellschaftsspiele
Dize World ist eine Sammlung unterschiedlicher Würfelspiele. Dabei kann man gegen Freunde oder zufällige Gegner antreten.
Blindfold Sudoku Mini ist ein eigens für blinde Nutzer entwickeltes Sudoku in englischer Sprache. Von demselben Entwickler gibt es diverse Spiele, die ebenfalls für blinde Spieler geeignet sind. Jedenfalls wenn man der englischen Sprache ausreichend mächtig ist.

Aufbau- und Strategiespiele
Lords and Knights ist ein Spiel für Freunde des Mittelalters. Man baut Gebäude, Burgen und Festungen aus, treibt Handel und plant Angriffe gegen andere Spieler und Bündnisse. Strategen kommen hier auf ihre Kosten. Allerdings ist die Bedienung durch Voiceover an manchen Stellen etwas schwierig.
Lost Cities ist ein Solitärspiel mit mystischem Beiwerk. Gespielt wird gegen zufällige Gegner oder Freunde.
In Sound of Magic bewegt man sich durch eine Art Hörspielwelt. Freunde von Aufbau und Strategiespielen, Mittelalter und Fantasie kommen hier voll auf ihre Kosten.

Diese Liste ist nur eine kleine Auswahl an Möglichkeiten das iPhone bzw. iPad als Spielplattform zu nutzen. Die meisten der von mir vorgestellten Spiele sind nicht für blinde Nutzer programmiert worden. Dafür aber ausreichend Text basiert, um von uns gespielt werden zu können.

Und was sind Eure Lieblingsspiele? An die blinden Nutzer geht hier auch die Bitte dazu zu schreiben, ob das entsprechende Spiel für unseren Personenkreis problemlos spielbar ist.

Über mein Hobby Töpfern

Auf einem Tisch 2 runde, dünne Tonschalen, eine Seifenschale und eine kleine Schale in Herzform.

Töpfern kannte ich vor Allem aus meiner Schulzeit. Da bekam man eine Kugel aus Ton in die Hand, und dann hieß es: „Macht mal was draus“. Die Arbeiten, die dabei herauskamen, waren meist irgendwelche Phantasiegebilde oder Gefäße, die ich mir beim besten Willen nicht in die Wohnung stellen würde. Grob, unförmig und alles andere als dekorativ. Diese Erfahrung begleitete mich bis vor beinahe zwei Jahren. Eine meiner Freundinnen ging regelmäßig zum Töpfern, und versuchte mich zu überreden mir das mal anzusehen. Und irgendwann tat ich ihr den Gefallen. Vielleicht, damit Ruhe war, vielleicht auch, weil ich gerade nichts Besseres zu tun hatte. Ich weiß es heute nicht mehr.
Da ich die Frage, was ich denn gern machen wollte, nicht beantworten konnte, bekam ich eine Gipsschüssel als Vorlage, die ich mit kleinen Kugeln belegte. Anschließend habe ich die Innenseite glatt gestrichen. Nach dem Brennen war die Innenseite relativ glatt, und außen konnte man die Kugelstruktur erkennen. Und nachdem das gute Stück glasiert wurde, fühlte es sich richtig schön glatt an. Zuhause stand die Schüssel lange Zeit auf meinem Tisch im Wohnzimmer.
Inzwischen hatte ich Blut geleckt. Ich lernte unterschiedliche Techniken kennen, um Ton zu formen. Ich lernte, dass man mit Vorlagen arbeiten konnte, um eine bestimmte Form zu bekommen. Diese Vorlagen konnten eine Konservendose, eine Frischhaltedose oder was auch immer aus dem täglichen Gebrauch sein. Man konnte mit Kugeltechnik arbeiten, aber auch mit dünnen Würstchen, oder auch mit Formen, man ausstechen konnte. Irgendwann entdeckte ich, dass man auch mit dem Ausrollen einer Platte und einer Vorlage bestimmte Formen herstellen konnte.
Mit dem Handwerkszeug kamen auch die Ideen. Eine davon war eine Schüssel möglichst vor dem Brand so glatt zu polieren, dass sie sich wie glasiert anfühlte. Ich probierte mit glatten Steinen, Teelöffel und so weiter herum. Die Ergebnisse gefielen mir immer besser. Allerdings habe ich doch nicht auf die Glasur verzichtet. Dafür wurden meine Arbeiten immer dünner. Das Ausrollen einer Platte von 2 mm Stärke ging mir immer besser von der Hand. Diese dann in eine Vorlage zu bekommen und später auch im Ganzen wieder heraus, glich manchmal einem Pokerspiel. Aber ich liebte es Töpferarbeiten herzustellen, die ich gern anfassen mochte. Auch wenn das bedeutete stundenlang an einem Stück mit Polieren beschäftigt zu sein.
Zwischendurch habe ich mich auch am freihändigen Modellieren versucht. Auf diese Weise sind beispielsweise Duftlampen entstanden. Einmal ist mir sogar eine Katze gelungen. Aber an Tieren usw. habe ich keine Freude. Ich habe es eher mit praktischen Dingen wie Gefäßen aller Art.
Zurzeit experimentiere ich mit der Herstellung von Gegenständen aus dünnen Würstchen. Diese versuche ich so dünn wie möglich aus der Hand zu formen, und sie so zusammenzusetzen, dass ich eine bestimmte Figur erreiche. Am Ende wird dann mit einem Messer oder einem anderen Werkzeug noch etwas nachgebessert. So lassen sich filigrane Seifenschalen, Dosen oder Zahnputzbecher formen. Und wenn diese auch noch wasserdicht sein sollen, dann muss man von innen den Ton gut verstreichen.

Bei all meinen Arbeiten ist es mir wichtig, dass das Endergebnis nicht nur gut aussieht, sondern sich auch für mich gut anfühlt. Dieses bisschen Perfektionismus leiste ich mir gern.

Ferien auf dem Bauernhof

6 Kaninchen beim Fressen

Wenn ich als blinde Mutter mit sehenden Kindern verreisen wollte, dann gingen dem Ganzen Vorbereitungen voraus. Jedenfalls bei Reisezielen, die etwas weiter weg waren.
Ich erinnere mich daran, dass meine Kinder gern einmal auf einen Bauernhof fahren wollten. Damals waren sie beide noch im Grundschulalter. Und ohne Auto aufs Land fahren? Das wurde immer als unmöglich dargestellt. Denn oft fehlt der für mich so notwendige öffentliche Nahverkehr.
Damals las ich in einer Mailingliste mit, in der sich blinde und sehbehinderte Eltern austauschten. Und so fragte ich nach der Möglichkeit mit den Kindern auf einen Bauernhof zu fahren. Von einer anderen blinden Mutter bekam ich den Kontakt einer Frau, die Ferienwohnungen in der Nähe eines Bauernhofs auf einem Dorf vermietete. Also rief ich die Dame an, und fragte, ob wir über Pfingsten kommen könnten. Ja, es war noch eine kleine Ferienwohnung frei.
Nun ging es um die Details. Ich erfuhr, dass es im Dorf keinen Supermarkt gab. Es gab eine Gaststätte, in der wir abends essen konnten. Aber was war mit der restlichen Verpflegung. Ich konnte und wollte keine Lebensmittel für vier Tage mitnehmen. Also vereinbarte ich mit unserer Vermieterin, dass wir gegen einen Aufpreis Frühstück bekommen, und sie ein paar Lebensmittel wie Obst oder Getränke für uns einkaufte. Außerdem bot sie an uns vom Bahnhof in Hameln mit dem Auto abzuholen und am Abreisetag wieder zum Bahnhof zu fahren. Damit waren also die organisatorischen Rahmenbedingungen geklärt.
Eine weitere Sorge war die Beaufsichtigung der Kinder auf einem Gelände, das ich noch nicht kannte. Hier beruhigte mich meine Vermieterin. Der Bauernhof, dessen Besitzer ebenfalls Ferienwohnungen vermietete, war auf Familien mit freilaufenden Kindern eingerichtet. Ich konnte also beruhigt darauf vertrauen, dass es keine unbekannten Gefahren gab.
Wir hatten gutes Reisewetter, und kamen bei strahlendem Sonnenschein in Hameln an. Dort wurden wir wie vereinbart abgeholt und zur Ferienwohnung gefahren. Ein kleines Apartment mit drei Schlafplätzen, eine Sitzecke, einer Küchenzeile und einer Dusche würde für die nächsten Tage unser Zuhause sein.
Zunächst einmal gab es für uns eine kleine Führung durch den Bauernhof. Dort gab es noch einige andere Kinder, so dass ich es mir ruhig in einem Liegestuhl bequem machen konnte, während meine Kinder sich auf Entdeckungsreise begaben. Es gab nicht nur einen großen Spielplatz und eine Menge Tiere, sondern auch eine Menge Spielgeräte zum Austoben.
Am späten Nachmittag durften die Kinder in den Pferdestall. Hier durften sie unter Anleitung ein Pferd putzen, und anschließend ein bisschen reiten. Dann bekam ich von ihnen die jungen Kaninchen gezeigt, die es den Kindern besonders angetan hatten. Und dann machte die Vermieterin mit den Mietern ihrer Ferienwohnungen einen Spaziergang durch den Ort, um uns alles zu zeigen. Wir gingen dann noch etwas Essen, und dann war der Tag für uns auch schon zu Ende.
Die nächsten zwei Tage brachten mir die Entspannung, die ich damals dringend brauchte. Nach dem Frühstück zogen meine Kinder los, um auf dem Bauernhof zu spielen. Zwischendurch kamen sie wieder, um mir mal etwas zu zeigen. Ansonsten konnte ich einfach in einem Liegestuhl lesen und die Atmosphäre genießen. Nachmittags gingen wir in das Dorfschwimmbad, wo sich alle Kinder der Umgebung trafen. Und dann ging es schon zum Reiten auf dem Bauernhof.

Es war das erste Mal, dass ich alleine über mehrere Tage und ohne Begleitung mit den Kindern weggefahren bin. Und es hat uns allen gut getan. Erst recht, da die Organisation so gut geklappt hat.

Stricken mit Sehbehinderung

Ärmelloses Strickkleid mit V-Ausschnitt, dass mit Fransengarn verziert ist. Die untere Kleidhälfte besteht aus Messerspitzenmuster und 2 Streifen Fransengarn.

Wenn es um das Thema Handarbeiten im Zusammenhang mit einer Sehbehinderung geht, so gehen die Meinungen stak auseinander. Einerseits schreibt man uns blinden Personen ein ausgeprägtes Feingefühl in den Händen zu, andererseits sind wir nicht in der Lage hochwertige Handarbeiten herzustellen, weil wir diese nicht sehen. Gleiches Spiel gilt beim Basteln oder anderen künstlerischen Tätigkeiten, die gern auf das Aussehen runterreduziert werden.
Als ich in die Blindenschule kam, wurde nach der Schule viel mit uns gebastelt. Papier falten, Körbe aus Peddigrohr flechten oder Untersetzer aus Bast weben war nur einige der Dinge, die wir gerade vor Feiertagen herstellen lernten. Unsere Erzieherinnen ließen sich immer wieder etwas Neues einfallen, so dass für jedes Kind nach seinem Entwicklungsstatus und seinen Stärken etwas Passendes dabei war.
Als im sechsten Schuljahr eine AG für Handarbeit angeboten wurde, war ich sofort dabei. Ein paar Wochen später kam die Ernüchterung. Wir häkelten, und ich bekam diese Luftmaschen und die erst recht die festen Maschen einfach nicht hin. Ich begriff einfach nicht wie man durch eine einzige fließende Bewegung den Faden durch die Masche bekam, ohne diese gleich fallen zu lassen. Ganz schlimm wurde es, als eine Mitschülerin schon stricken lernen durfte. Ich wollte das auch lernen. Aber das ging erst, wenn ich das Häkeln beherrschte. Und davon war ich damals noch weit entfernt.
Ich war dreizehn Jahre alt, als ich in einer Wohngruppe mit mehreren strickenden Erzieherinnen lebte. Und eine davon nahm sich einen Nachmittag Zeit, um mir die Grundzüge des Strickens zu erklären. Ich lernte, das Häkeln nicht die Voraussetzung für Stricken ist. Und es machte mir so viel Spaß, dass ich sehr bald die wichtigsten Basics des Strickens beherrschte. Ich wusste wie man ein Strickstück beginnt, und die gewünschte Anzahl Maschen auf die Nadel bringt. Ich lernte den Unterschied zwischen rechten und linken Maschen kennen. Weitere Basics sind, dass man weiß wie man die Anzahl der Maschen erhöht oder verringert, und natürlich wie man eine Strickarbeit abschließt. Damit war der Grundstein für meine Strickkariere gelegt.
Stricken ist eine Art angewandte Mathematik. Man kann sich das etwa vorstellen wie ein Schachbrett. Jede Masche hat meist Maschen neben, über und unter sich. Diese Maschen kann man fühlen. Und das kann man sich zu Nutze machen, um eine bestimmte Oberflächenstruktur zu erreichen. Man kann sogar blind mit Farbmustern arbeiten, wenn man ein bisschen geometrisches Verständnis mitbringt. Ich habe viel mit Mustern herumexperimentiert, um zu lernen wie ich eine bestimmte Oberflächenstruktur erreichen kann. Und natürlich war ich stets auf der Suche nach Anregungen und Mustern. Doch die Auswahl für blinde Nutzer ist nach wie vor gering. Daher habe ich irgendwann angefangen meine eigenen Muster zu entwerfen.
Eines dieser Entwürfe ist das Kleid in Pink auf dem Beitragsbild. Der Rock beginnt mit zwei Streifen weißen Fransengarn, der mit einer Reihe Messerspitzenmuster unterbrochen ist. Dieses Messerspitzenmuster zieht sich bis zur Hüfte, und geht dann in einen elastischen eng am Körper anliegenden Teil über. Das Kleid wird in zwei gleiche Teile gestrickt. Während das Rückenteil glatt abschließt, hat das Vorderteil einen V-Ausschnitt, der mit weißem Fransengarn verziert wurde. Um schöne glatte Ränder zu bekommen, wurden diese umhäkelt.
Inzwischen habe ich meinen Frieden mit dem Häkeln gemacht. Ich kann es sogar leidlich. Aber ich kann keine Begeisterung dabei empfinden. Diese bleibt dem Stricken vorbehalten.
In der Regel arbeite ich zeitgleich an mehreren Stücken. Die Arbeiten, bei denen ich mich konzentrieren muss, bleiben zuhause, während ich einfachere Strickstücke gern unterwegs bearbeite. Und das kann sowohl im Zug, auf einer Parkbank oder im Wohnzimmer von Freunden sein. Stricken kann auch eine meditative Arbeit sein, die mir hilft zu denken oder mich zu konzentrieren. Aber dafür waren Jahrelange Erfahrung und viel Übung nötig.
Die meisten Vorlagen für Strickmuster sind optisch ausgelegt. Oft in Form einer Zeichnung. Hier ein Beispiel für eine blindengerechte Mustervorlage:
Topflappen mit Messerspitzenmuster:
Das Muster besteht aus sechs nebeneinander liegenden Messerspitzen und 8 übereinander liegenden.
Reihe 0: 38 Maschen rechts anschlagen.
Reihe 1: 1RM, 5R 1L, 1RM
Reihe 2: 1RM, 2R 4L, 1RM
Reihe 3: 1RM, 3R 3L, 1RM
Reihe 4: 1RM, 4R 2L, 1RM
Reihe 5: 1RM, 1R 5L, 1RM
Reihe 6: 1RM, 6R, 1RM
R: Rechte Masche, L: linke Masche, RM: Randmasche.

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Nacharbeiten, und freue mich auf Eure Meinung in den Kommentaren.