Inklusion, das lerne ich von meinen Schülern

Ein gelbes Straßenschild mit der Aufschrift "welcome to school"

Das Thema Inklusion ist eines der Themen, welche immer wieder kontrovers diskutiert werden. In Inklusion, ich war immer die Ausnahme, habe ich dazu ein Interview mit einem blinden Schüler geführt. Ergänzend dazu hat ein Gastautor den Beitrag Gedanken zum Thema Inklusion geschrieben, der dieses Thema von mehreren Seiten beleuchtet. Heute ist Sunnybee vom Mutter-und-Sohn.Blog meine Gastautorin, die aus der Sicht einer Lehrerin erzählt.

Inklusion im Schulunterricht: Was ich von meinen körperlich eingeschränkten Schülerinnen und Schülern lerne

Ich arbeite seit inzwischen fast zehn Jahren als Lehrerin an einer Schule, an der Erwachsene ihr Abitur nachholen. Meine Schüler, bzw. Studierenden, wie die Erwachsenen an unserer Schule genannt werden, sind äußerst unterschiedlich. Unter ihnen sind Menschen mit Fluchterfahrung und noch geringen Deutschkenntnissen, ebenso wie junge Frauen und Männer mit psychischen und körperlichen Erkrankungen oder körperlichen Einschränkungen. Einer meiner Kollegen sitzt im E-Rollstuhl und unterrichtet mit Assistenz. Für alle ist es inzwischen Alltag, ihn mit seiner Begleitung zu sehen, die ihm z.B. in der Schulmensa bei der Nahrungsaufnahme behilflich ist oder Kursmaterialien für ihn kopiert. Auch einer meiner Studierenden ist aufgrund einer spastischen Lähmung auf Assistenz angewiesen. Sein jeweiliger Assistent, bzw. seine Assistentin sitzt mit im Unterricht und macht auf seine Anweisungen hin Notizen. In Klausuren erhält er als Nachteilsausgleich 50% mehr Zeit für das Bearbeiten der Aufgaben. Sein Assistent oder seine Assistentin notiert dabei wie im Unterricht handschriftlich, was er ihnen diktiert.

Methodik mit Tücken

An einem meiner Leistungskurse nimmt neben diesem Studierenden ein junger Mann mit starker Seheinschränkung teil. Ich finde es beeindruckend, wie locker und selbstverständlich beide mit ihrer Behinderung umgehen. Letztlich lernen alle im Kurs dadurch viel von ihnen. Mein seheingeschränkter Studierender verfügt, wie er mir erklärte, noch über einen Sehrest, der ihm die Wahrnehmung von Schwarz-weiß-Kontrasten, Konturen und kräftigen Farben ermöglicht. Texte liest er mit einem elektronischen Lesegerät, bzw. mit einer Leselupe auf dem Tablet, das ihm diese stark vergrößert. Auch seine Notizen macht er, indem er die Arbeitsblätter unter die elektronische Lupe legt und so seine eigene Schrift lesen kann. Tafelbilder fotografiert er ab und sieht sie sich auf dem Tablet von Nahem und vergrößert an, die Klausuren schreibt er an einem extra dafür verwendeten PC. Ich, als Fachlehrerin, speichere das Dokument nach Ende der Klausur auf USB-Stick und drucke es mir für die Korrektur aus.
Kürzlich wurde mir während einer Stunde aber noch einmal bewusst, wie „blind“ wir Sehenden manchmal trotz aller Reflektiertheit für die Andersartigkeit – und damit auch die anderen Bedürfnisse – unserer Gegenüber sind. Ich hatte die, wie ich fand, tolle Idee gehabt, als Einstieg in ein neues Thema ein „Schreibgespräch“ zu initiieren, eine Methode, bei der meine Studierenden sich in kleinen Gruppen über ein vorher bestimmtes Thema (hier eine neu begonnene Lektüre) ausschließlich schriftlich austauschen sollten. In ihrer Mitte lag also ein großes Blatt und sie sollten ihre Gedanken und Assoziationen darauf notieren und wiederum Kommentare und Anmerkungen – ebenfalls ohne Worte – neben die Notizen ihrer Mitschüler/-innen schreiben. Als Abschluss der Gruppenarbeit sollten sie, nun wieder mündlich, die wichtigsten Ergebnisse des Austauschs im Plenum vortragen.
Logisch, dass diese Methode nicht gerade inklusiv für sehbehinderte Schülerinnen und Schüler ist? Ebenso wenig wie für diejenigen, die nicht selbst einen Stift halten können? Mir fiel das tatsächlich erst auf, als meine Studierenden schon mitten in der Gruppenarbeit steckten und es war mir, ehrlich gesagt, ganz schön peinlich.

Die soziale Kompetenz meiner Studierenden

Nun kam ich jedoch in den Genuss der wahren Kompetenz meiner Studierenden – der körperlich eingeschränkten wie der nicht eingeschränkten: wirklich alle beteiligten sich an der Gruppenarbeit. Mein Studierender mit Schreibassistenz, indem er seinem Assistenten halblaut diktierte, was dieser auf das Blatt in der Mitte schreiben sollte. Mein Studierender mit Seheinschränkung, indem ihm seine Mitstudierenden halblaut vorlasen, was sie geschrieben hatten, bzw. indem er ihre Notizen mithilfe der Leselupe auf seinem Tablet vergrößerte und anschließend seine Kommentare dazu schrieb. Außerdem gingen die Studierenden in dieser Gruppe wie selbstverständlich dazu über, ihre Notizen in verschiedenen Farben zu machen. Eigentlich klar: für jemanden, der nur eingeschränkt sehen kann, bedeutet es eine zusätzliche Anstrengung, auch noch verschiedene Handschriften auseinanderzuhalten und somit ohne Worte zu erfassen, wer was in diesem „Schreibgespräch“ gesagt hat… Das alles lief so selbstverständlich und entspannt ab, dass ich wirklich staunte. Dafür, dass ich mit der Absicht methodischer „Auflockerung“ eigentlich gerade jede Barrierefreiheit beseitigt hatte, wussten sich ALLE meine Studierenden beeindruckend gut zu helfen.
Auch das Feedback meines seheingeschränkten Studierenden nach der Übung, als ich alle im Kurs um eine kurze Rückmeldung zur Methodik bat, war äußerst aufschlussreich für mich. Es sei eine „sehr interessante Erfahrung“ gewesen, „wenn auch vielleicht nicht die ideale Methode für Menschen mit Seheinschränkung“, wie er mit feiner Ironie bemerkte. Aber was ihm sehr gefallen habe: in der Klasse sei es endlich mal komplett ruhig gewesen… Wir mussten alle lachen und auch diesbezüglich hatte ich durch einen einzigen Satz wieder etwas begriffen: wie anstrengend nämlich sonstige Gruppenarbeit, in der 20 bis 30 Menschen, wenn auch nur halblaut, sich zur selben Zeit unterhalten, für Studierende mit Seheinschränkung sein muss. Wenn ich ohnehin schon einen Großteil meiner Sehkraft über das Gehör kompensieren muss und nonverbale Gesprächssignale wie Nicken oder Kopfschütteln für mich nur schwer erkennbar sind, wie anstrengend muss dann eine solche Geräuschkulisse während des Austauschs mit anderen sein!
Tja… und so ging ich selbst an diesem Tag ein Stückchen klüger nach Hause sowie ziemlich beeindruckt von der echten Inklusion, die ich an diesem Tag erlebt hatte!

Danke Dir, liebe SunnyBee für Deine Erfahrungen, die Du mit uns teilst. Deine Blogbeschreibung „Mutter – berufstätig – alleinerziehend – kreativ“ trifft die Vielseitigkeit Deines Blogs, den ich immer wieder mit Spannung lese.

Blind shoppen gehen

Amy Zayed steht im roten Kleid auf einer Terasse.

Amy Zayed ist meine heutige Gastautorin zu einem Thema, welches nur selten mit Blindheit in Verbindung gebracht wird. Sie ist 44 Jahre alt und arbeitet als freie Journalistin für alle möglichen Kulturwellen der ARD, sowie der BBC. Sie wohnt in Köln und ist seit Geburt blind.

Blind und shoppen gehen? Geht das?

Blind und shoppen gehen? Und das auch noch als Hobby? Geht das? Solche Fragen bin ich eigentlich schon seit jeher gewohnt. Ich bin von Geburt an blind, und ja, ich liebe Klamotten! Bloß mein Bankkonto zeigt mir dabei oft einen Vogel, und lässt mich nicht! 😉
Aber wie geht das? Fragen mich viele meiner sehenden Freunde. Dazu muss ich etwas weiter ausholen.
Als Kind war das bei mir so wie bei allen anderen Kindern. Meine Mutter hat die Klamotten rausgelegt, ich hab sie angezogen. Als ich ungefähr 8 war, hatte ich zwar eine Lieblingsjeans, aber die hatte ich auch fast andauernd an, und meine Mutter hatte ihre liebe Not, dass sie sie auch mal waschen durfte. Am Ende hatte diese Hose mehr Flicken als alles andere. Ansonsten interessierte mich Mode kaum! Bäume klettern, Reiten und schwimmen waren viel wichtiger! Erst als ich mit 11 von der Blindenschule auf ein reguläres Gymnasium kam, wurde Mode zum Thema. Wie alle 12 jährigen Mädchen fing ich an, mich für Mode zu interessieren. Es war Gesprächsthema mit meinen Freundinnen. Die neue Levis, das neue Esprit-Outfit, der tolle Schriftzug auf dem Benetton-T-Shirt. Und natürlich fing ich an zu fragen, wie was aussieht, und noch viel wichtiger, wie etwas an mir aussieht.
Ich hatte das Glück, dass meine Mutter eine Frau ist, die sich selbst schon immer für Mode interessiert hat, und bei meinen Freundinnen als cool galt, denn so konnte ich sie danach fragen. Denn mir war klar, jemand uncooles, den eh alle für unpassend gekleidet hielten, kann ich ja nicht fragen! Typisch Teenager eben! Den Tipp, den mir meine Mutter damals gab, finde ich bis heute für jeden blinden oder sehenden Menschen angebracht. Im Grunde geht’s bei Mode gar nicht nur um Gucken. Natürlich ist Mode visuell, es geht um Sehen und gesehen werden, aber vor allem geht’s um Wirkung! Also stelle ich mir die Frage: Wie wirke ich in einem Outfit? Und noch viel wichtiger: Wie möchte ich denn wirken? Mode hat immer etwas mit dem Zeitgeist zu tun. Wenn zum Beispiel in der Popkultur gerade Punk angesagt ist, dann findet sich das auch in der Mode wieder. Aber will ich Punk sein? Oder bin ich doch eher die Hiphop-Frau? Oder das 20er Jahre Glam Girl? Und wie wirkt mein Körper, wie fühle ich mich in diesen Outfits? Bei der Auswahl, bei der Antwortfindung ist alles erlaubt! Fühlen, Sehrest, Bauchgefühl, Recherche, aber vor allem ein Gefühl für Deinen Körper. Wenn man seinen Körper kennt, dann weiß man auch, wie es sich anfühlt, wenn man das eine, oder andere betont. Dann muss man nur noch wissen, was man damit bei sehenden Menschen auslöst. Und, und das ist das wichtigste: Man muss sich damit auch wohlfühlen! Mit seinem Körper, mit dem was man bewirkt. Also hat meine Mutter mir erklärt, welche Farben rein optisch im Normalfall zusammenpassen, hat mir mit meinem Hell-Dunkel-Sehrest gezeigt, wie man Kontraste verbindet, und dann gemeint: Der Rest bleibt vollkommen Dir überlassen! Wenn Du knallrot und orange mischen möchtest… bitte sehr! Hält Dich keiner davon ab! Solange Du weißt, was Du damit bewirkst! Wenn Du bauchfrei tragen möchtest, und für manche Menschen evtl. zu dick sein solltest, Dich damit aber schön fühlst, dann bist Du auch schön! Am Ende ist Mode nichts als Ausdruck! Dein eigener, und der des jeweiligen Zeitgeists! Also mach Dich schlau, und finde Deinen Stil!
Also bin ich losgezogen, und hab rumprobiert! Manchmal gehe ich mit Freundinnen einkaufen, manchmal aber auch alleine! Manchmal bin ich mit Freunden unterwegs, und meine Finger streichen verzückt über ein Kleid oder einen Rock. Dann ziehe ich das Ding raus, gucke, was ich mit meinem Sehrest noch erkennen kann, und frage nach der genauen Farbe, und dann geht’s ans Anprobieren. Manchmal schlüpft man rein, und dann macht’s Bang! Es passt einfach! Und nur dann kaufe ich es auch! Manchmal hab ich Lust auf Indie, manchmal auf elegant, manchmal auf Punk. Manchmal auf irgendwas Eigenes. Die Hauptsache, was ich anziehe, bin ich! Also lasst Euch bitte nicht sagen, nur weil ihr blind seid, könnt Ihr keinen eigenen Stil haben! Ihr müsst ihn nur finden wollen, und ein bisschen recherchieren, welcher Stil wie aussieht, und was davon zu Euch passt.
Ich wurde manchmal von der einen, oder anderen Freundin mit wohlgemeinten Worten angesprochen. Vor allem, wenn sie das erste Mal mit mir shoppen waren: Du kannst das ja nicht alleine. Ich sag Dir mal was zu Dir passt. Die hab ich dann schnell eines Besseren belehrt, und so richtig stolz auf mich war ich dann, wenn sie nicht nur von meinem Stil überzeugt war, sondern, wenn ich IHR Tipps geben konnte.

Danke, liebe Amy für Deinen Beitrag, der zeigt, dass es auch ohne Klischeedenken laufen kann. In meinem Beitrag Kleider machen Leute habe ich das Thema selbst einmal aufgegriffen.

Und wie sind Eure Erfahrungen zu dieser Thematik? Ich freue mich auf viele Beiträge in den Kommentaren.

Falschparken gefährdet blinde und sehbehinderte Menschen

Lydia läuft mit Blindenstock an einem zu eng parkendem Auto entlang.

Susanne ist eine der Gastautoren, die bereits mehrmals für mich geschrieben haben, und quasi zum Kern meiner Bloggerfamilie gehören. Ihre Beiträge betrachte ich als wunderbare Ergänzung, und freue mich immer wieder, wenn sie mir einfach so einen Beitrag zuschickt. Erst recht, da ihre Beiträge so geschrieben sind, dass sie mir wenig Arbeit machen.

Falschparken gefährdet blinde und sehbehinderte Menschen

Wer kennt das nicht: Die Stadt ist voll, der Verkehr staut sich und einen Parkplatz zu finden gleicht der Suche nach der Stecknadel in einem Heuhaufen. Da ist es verlockend sich mit dem Auto dort hinzustellen, wo Platz ist. Schnell aussteigen und was erledigen. Und das auf kürzestem Weg. Da steht man dann auch mal schnell dort, wo Fußgänger gerade noch so oder auch gar nicht mehr durchkommen. Die meisten Fußgänger können sehen und überblicken schnell die Situation. Was gesetzlich verboten und für den sehenden Fußgänger lediglich ein lästiges Ärgernis ist, ist für blinde und sehbehinderte Menschen brandgefährlich.
Wenn auf dem gewohnten Weg plötzlich ein Auto mitten auf dem Bürgersteig steht, sehen wir nicht ob es möglich ist gefahrlos darum herum zu laufen. Besonders gefährlich ist, wenn wir, um an einem Falschparker vorbeizukommen, auf eine stark befahrene Straße ausweichen müssen. Selten ist dann jemand in der Nähe der uns helfen kann. Zusätzlich zu den Schwierigkeiten müssen wir uns dann fadenscheinige Entschuldigungen anhören wie: „Ich wollte nur mal schnell…!“ „Ich fahre gleich weg!“ „Ich bin Dein Nachbar!“ … und manche mehr.
An Dreistigkeit kaum zu überbieten war folgende Situation: Mein Freund und ich sind zusammen mit meinem Hund im Dunkeln auf dem Heimweg. Wir müssen eine größere Straße an einer Ampel überqueren. Die Ampel ist für blinde und sehbehinderte Menschen mit einem Signal ausgestattet. Wir stellen uns also an den Straßenrand und warten auf unser akustisches Signal für grün. Während die Ampel auf Grün schaltet, hält plötzlich ein Auto vor unserer Nase. Eine Frau hat es vor uns auf dem Zebrastreifen geparkt. Sie steigt aus und rennt um den Wagen herum. Das Auto macht für uns ein Überqueren der Straße völlig unmöglich. Als die Fahrerin uns sieht erschreckt sie sich und entschuldigt sich mit dem Satz, sie müsse nur kurz etwas erledigen. Gleichzeitig piept die Ampel munter weiter. Mein Freund und ich haben mit unseren Stöcken das Auto angestoßen und wir stehen erst mal fassungslos da. Die Fahrerin wurde immer nervöser. Sie redete auf uns ein. Weil wir uns keinen anderen Rat mehr wussten haben wir mit unseren Stöcken rhythmisch gegen das Auto geklopft. Die Fahrerin versuchte uns davon abzuhalten, entschied sich dann aber doch in Windeseile in ihr Auto zu steigen und davon zu brausen. Ein paar Ampelphasen später konnten dann auch wir gefahrlos die Straße überqueren.
Solche Situationen sind leider keine Seltenheit und erschweren uns Menschen, die wir wenig oder nichts sehen die tägliche Mobilität. Und es macht den Anschein, dass das Bewusstsein für die Sicherheit andere Verkehrsteilnehmer*innen völlig abhandengekommen ist. Was würde zum Beispiel ein Kind tun, das nicht ohne weiteres an einem falsch parkenden Auto vorbeikommt. Auch ein Blindenführhund kann hier keine sichere Alternative finden. Ich appelliere daher dringend an all die eiligen Autofahrer sich an die gültigen Verkehrsregeln zu halten und auf Kinder, alte Menschen und Menschen mit Behinderung zu achten.

Danke, liebe Susanne, für Deine deutlichen Worte. Autos, die mitten auf dem Bürgersteig stehen, nehme ich erst wahr, wenn ich mit dem Stock dagegen stoße. Und selbst wenn ich irgendwie an dem Teil vorbei komme, ist es dennoch zu eng für Rollstühle, Kinderwagen oder Menschen mit einem Rollator. Und wenn der Mensch klein genug ist, möchte ich den Gedanken nicht zu Ende denken müssen, wenn dieser Mensch auf eine stark befahrene Straße ausweichen muss.
Hier geht es nicht darum auf die bösen Autofahrer zu schimpfen, sondern sie für mehr Aufmerksamkeit beim Abstellen ihres Fahrzeugs zu gewinnen. Denn letztendlich profitieren wir alle davon.

Freiwilliges Jahr in Togo, eine Sehbehinderte erzählt

Gastschwester Samsia (rechts) und Jasmin (links) in festlicher Kleidung bei einem Ausflug nach Bassila (Benin)

In meinem Beitrag blinde Menschen in Togo hat meine Gastautorin Jasmin über ihren Besuch in einem Blindenzentrum berichtet. Gemeinsam haben wir eine Spendenaktion gestartet. Darüber werde ich an anderer Stelle noch einmal berichtet, wenn wir die ersten Stöcke an blinde Menschen in Togo ausgegeben haben. Ich finde, dass ich das den Spendern schuldig bin, die auf mein Wort vertrauen, dass ich das mir anvertraute Geld tatsächlich für Blindenstöcke ausgebe. Dafür danke ich von Herzen. Für jetzt stellt sich Jasmin vor, und berichtet über ihr Freiwilligenjahr in Togo.

Ich heiße Jasmin, bin 18 Jahre alt und habe letzten Sommer mein Abitur mit der Note 1,5 an einer Regelschule abgeschlossen. Mit Brille sehe ich auf dem einen Auge 5% und auf dem anderen 10% von dem eines Normalsehenden. Zudem bereitet mir das Sehen bei Nacht Probleme. Während der Vorbereitungen für das Abitur ist mir eine erneute deutliche Sehverschlechterung aufgefallen. Und so habe ich nach langer Überlegung einen Antrag auf einen Blindenlangstock und einem Mobilitätstraining gestellt. Zudem habe ich angefangen mich mit dem Thema Sehbehinderung und Blindheit erstmals ernsthaft auseinanderzusetzen. Bisher kannte ich keine anderen Menschen mit einer Sehbehinderung. Und ich hatte stets das Bestreben, in der Schule und im Alltag dieselben Leistungen wie meine normalsehenden Mitschüler zu erbringen. Mit Blocklupe, Monokular und Tablet war ich gut ausgestattet, weshalb eine Sonderpädagogin einer Blinden- und Sehbehindertenschule auch nur etwa einmal pro Jahr kam um den Nachteilsausgleich zu klären. Anstatt im Januar endlich mit dem Lernen fürs Abitur anzufangen, suchte ich im Internet nach Angeboten für einen Freiwilligendienst auf dem afrikanischen Kontinent. Wieso Afrika? Weil mich dieser Kontinent schon seit der Grundschule fasziniert hat. Ein Freiwilligendienst erschien mir als die beste Möglichkeit eine andere Kultur kennen zu lernen. Insbesondere da man in einer Gastfamilie lebt und nicht wie im Urlaub oder als Auslandsaufenthalt über die Arbeit, vom Lebensalltag und den Problemen der Menschen abgeschirmt ist. Aber ehrlich gesagt auch aus Angst, dass die Augen noch schlechter werden und es zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr so unproblematisch möglich sein könnte.
Meine Bewerbung schrieb ich für verschiedene Stellen in Ghana, erwähnte meine Sehbehinderung jedoch nur sehr vage in der Aussage, dass ich zu schlecht sehen würde, um einen Führerschein zu haben. Genauer nachgefragt wurde nicht mehr. Auch nicht, als für das Gesundheitszeugnis angegeben werden musste, dass bei mir der Verdacht auf Zapfen-Stäbchen-Dystrophie vorliegt.

Letztendlich kam die Zusage, verbunden mit der Frage, ob ich mir nicht auch vorstellen könne, in einem Bildungszentrum in Togo zu arbeiten. Da ich währenddessen in der Oberstufenbibliothek, die eine Freundin und ich zusammen aufgebaut und weitestgehend selbstständig geleitet haben, arbeitete, passte es sehr gut. Zumal ich mehrere Praktika in Büchereien gemacht hatte und die Bestätigungen, neben einem Nachweis über meine Kenntnisse in Französisch der Bewerbung beigefügt hatte.
Ich als einzige ausländische Freiwillige in Balanka. Das Dorf hat etwa 8000 Einwohner, verfügt über eine Krankenstation, sowie Schulen bis zur 10. Klasse und liegt im Norden Togos, an der Grenze zum Nachbarland Benin. Die Menschen leben neben ihren Berufen wie Lehrerin, Motoradtaxifahrer, Händlerin und Schneiderin vor allem von der Landwirtschaft. Balanka hat seit dem Jahr 2014 Strom und ist sehr aktiv um seine Weiterentwicklung bemüht. Dies wird durch einen Verein aus Deutschland unterstützt.
Ich arbeite zusammen mit einem hauptamtlichen Bibliothekar und einem togolesischen Freiwilligen in der Bibliothek, die durch den Verein «Bildung für Balanka» errichtet wurde. Die Bibliothek bietet den Verleih von Schulbüchern an. Die Schüler kommen zum Hausaufgaben machen und Lesen üben zu uns. Zudem werden beispielsweise Computerkurse, ein Theater- und Englischclub angeboten. Da die Bibliothek über Solarstrom verfügt, ist sie besonders bei Stromausfällen gut besucht.

Ich lebe in einer Gastfamilie in Balanka, wohne allerdings im Gästehaus der Leiterin des Vereins. Dies hat vor allem Platzgründe, da die Gastfamilie sehr groß ist. Den Großteil meiner Freizeit verbringe ich auf dem Hof der Familie, sodass ich meist nur zum Wäsche waschen oder putzen ins Gästehaus gehe. Ich habe zwei sehr liebevolle Gastmütter und insgesamt 14 Gastgeschwister, bei zweien handelt es sich allerdings auch schon um Enkelkinder. Mein Gastvater Batchene hat früher als Busfahrer gearbeitet und bewirtschaftet jetzt seine Felder. Seine Frau Mommy betreibt abends eine Cafeteria und verkauft morgens Wetau, fermentierten Maisbrei.
Mit meiner gleichalten Gastschwester Samsia gehe ich jeden Samstag joggen, mit den jüngeren Geschwistern spiele ich oft auf dem Hof.
Das Leben in Balanka ist für mich recht unkompliziert, die Wege sind kurz und weitestgehend eben. Es ist auch nicht allzu schlimm, jemand auf der Straße nicht zu erkennen. Ich grüße, wie hier üblich, jeden und der Smalltalk auf der Straße in Balanka ist, egal ob zwischen Bekannten oder Freunden, ziemlich identisch.
Einige Barrieren bestehen für mich hier in Togo nicht mehr. So gehe ich immer mit meinen Gastgeschwistern zum Markt. Wenn man etwas sucht, kann man fragen und ein Kind kann einen sicher zu dem gesuchten Ort oder Produkt führen. Auch die Wege sind hier deutlich kürzer und weniger verkehrsbelastet als von Deutschland gewohnt. Dies liegt aber primär daran, dass es sich um ein Dorf handelt. In einer Großstadt wie Lome oder Sokode kann ich kaum alleine eine Straße überqueren, ohne dass es lebensgefährlich ist, da der Verkehr, besonders aufgrund der vielen Motorräder für mich absolut nicht einschätzbar ist.

Für mich ist das Jahr in Togo schon nach den ersten vier Monaten eine wunderbare und unglaublich interessante Erfahrung. Ich habe Einblicke in das Leben vieler Menschen bekommen, neue Freunde gefunden und auch eine neue Sichtweise auf das Thema Entwicklungspolitik. Und wie mein Freund vor dem Abflug schon ankündigte, so habe ich auch meine Sehbehinderung noch mal auf eine neue Art kennen gelernt.

Danke Dir, liebe Jasmin, für den Einblick in Dein Leben in Togo und Deine Arbeit. Wenn Euch, liebe Leser, dieser Bericht gefallen hat, dann drückt doch einmal auf gefällt mir, oder hinterlasst ein paar Worte für Jasmin, die hier mitliest.

Vertrauen und Zutrauen

Markus Ertl an seinem Computerarbeitsplatz

Markus Ertl ist Inklusionsbotschafter. Er war bereits mein Gastautor in den Beiträgen Lasst mich auch dabei sein und blind wählen, so geht.s.

Was darf man Kindern zutrauen? Mit der Überschrift lädt Lydia zu Ihrer ersten Blogparade ein. Nachdem ich zwar eine klare Meinung, aber keinen eigenen Blog habe, möchte ich hier meine Gedanken dazu loswerden.

Auf den Beitrag von Lydia grenze ich das Ganze sogar nochmals ein.
Was dürfen blinde Eltern Ihren Kindern zutrauen?
Genauso viel, wie es auch sehende Eltern dürfen!

Um sein Kind zu fördern, um Fähigkeiten auszubauen und Kompetenzen zu stärken, braucht es Zutrauen und Verantwortung. Es braucht aber auch Anleitung und Kontrolle der Eltern, damit der Kompetenzerwerb mit Leichtigkeit und einer ordentlichen Portion Spielerei abgehen kann. Mit wie viel Zutrauen oder Verantwortung dies passiert, ist von der Persönlichkeit des Kindes und der Eltern abhängig. Ängstliche Eltern werden oft behütender agieren, vertrauensvolle Eltern werden eher Verantwortung übertragen. Kindern, die Vertrauen ausnutzen, werden die Eltern dieses kurzzeitig wieder entziehen, den anderen mehr Vertrauen schenken.
Ich finde sogar, dass Kindern oft zu wenig zugetraut, mindestens aber zu wenig zugemutet wird. Der Begriff „Helikopter“-Eltern oder „seinen Kindern den Arsch nachtragen“ sind ja oft begründet. Der Schulweg, 500 Meter weit, wird mit dem Auto gefahren. Lehrer haben sogar Angst, dass mit dem Elterntaxi sogar noch in die Schule gefahren wird. Für die Hausaufgaben zeichnen sich die Eltern selbst verantwortlich und Kindern wird auch kein schulischer Frust mehr zugemutet, ohne dass nicht die Schuld immer beim Lehrer gesucht würde, der Sitznachbar in der Schule unpassend wäre oder der Lernerfolg und die Noten ausschließlich von den Mitschülern abhängig gemacht werden.
Den Spagat zwischen Fördern und Behüten dürfen alle Eltern selbst verantworten. Der hat rein gar nichts mit blind oder sehend zu tun.

Richten wir jetzt mal die Aufmerksamkeit auf die blinde Elternschaft.
Wo ich Lydia uneingeschränkt recht geben möchte, dass ich selbst als blindes Elternteil, zusammen mit meiner Frau, am besten weiß, was ich meinen/unseren Kindern zutrauen/zumuten kann, und was nicht. Sollte es mal anders sein, dann werde ich, werden wir uns Rat bei kompetenten Stellen holen.
Unsere Gesellschaft sieht Eltern mit einer Behinderung nicht vor. Der blinde Mensch wird eher als hilflose Person gesehen, der zu behüten ist. So, und dieser mit seinem eigenen Leben schon überforderte Mensch wird dann nicht gleich als vollwertiges Elternteil gesehen.
Und deshalb sollten wir die Diskussion auch darüber führen, wie selbstbestimmt ein Leben mit einer Einschränkung sein darf, ohne dass andere in einer bevormundenden Art und Weise uns sagen, was gut und weniger gut für uns und unsere Kinder sei.
Es gibt oft meinen Kindern gegenüber die Aussage: „passt bitte gut auf Euren Papa auf!“. Dieser kleine Satz zeigt, welches Rollenverständnis auf unserer Familie lastet. Ich bin der zu behütende und meine Kinder sind die Behüter.
Unsere gelebte Rollenverteilung ist anders und leicht am Beispiel eines Tierparkbesuches erklärt, ein Ausflug, den ich mit meinen Kindern bereits öfters, auch schon im Kindergarten-Alter, gemacht habe.
Ich bin für die Ausflugs-Logistik zuständig. Wann geht der Zug, Was nehmen wir an Brotzeit mit, welche Kleidung nehmen wir mit. Die Mädels wissen ja selbst, wo Ihre Kleidung, ihre Jacken, Mützen usw. sind. Ich kontrolliere nur, ob wir dann alles eingepackt haben. Obwohl ich auch ohne eine führende Hand mobil bin, ist es ganz schön, die Kinder an die Hand zu nehmen und gemeinsam, abwechselnd zu zweit zu laufen. Zugfahrt mit typischen Zugfahrspielen, Blinden-Uno, Reaktions-Spiele, Wortspiele usw., schon sind wir da. Eine führt, die andere hält Ausschau nach der richtigen Nr. der U-Bahn, welche ich herausgesucht hatte. Der Weg zum Tierpark ist mit Tieren beschildert, da finden auch die Kinder alleine hin. Im Tierpark angekommen, laufen wir umher, die Kinder erklären mir, was sie sehen, ich freue mich und denen tut es gut, das erlebte gleich so zu verarbeiten. Zwischendurch gibt es Brotzeit auf einer Bank, dann dürfen die Kinder auf den Spielplatz, während ich raste. Meine Kinder lieben es, wenn ich Tiergeräusche imitiere, das darf natürlich hier auch nicht fehlen. Die Kinder schauen dann im Plan und sagen mir, was uns als nächstes erwartet. Im Plan sind die Tiere eingezeichnet und ich habe sonst auch eine gute Orientierung. Nach ca. 5 Stunden mit vielen Eindrücken geht es zurück. Halb schlafend, halb erzählend und auch ein bisschen stolz, dass sie den Weg „fast“ alleine gemeistert haben, geht es wieder heim.
Nur einmal brauchte ich eine sehende Unterstützung. Ich fragte eine Frau, ob sie doch bitte kurz nachsehen könnte, ob die Toiletten sauber sind.
Ansonsten gab es an den Ausflugs-Tagen keine Situation, bei der ich nicht genau gewusst habe, wie viel ich meinen Kindern übertragen darf und wo genau meine eigene Verantwortung für mich und meine Kinder lag.
Und diesen Ausflug kann ich gerne auf viele Situationen meiner Elternschaft übertragen.

Ja, hin und wieder brauche ich sehende Hilfe. Als Vater entscheide ich wann meine Kinder eine Aufgabe für mich übernehmen, und wann ich mich für eine erwachsene Assistenz entscheide.
Ja, ich weiß was ich tue und was ich kann
Ja, wenn wir gemeinsam unterwegs sind, dann dürfen meine Kinder auch für „uns“ gemeinsam sehen.
Nein, meine Kinder werden nicht für Assistenz-Dienste „missbraucht“, sollte es dabei ausschließlich um mich und mein Leben gehen.
Ja, ich gebe meinen Kindern Jobs im Haushalt. Was für meine Entwicklung gut war, das wird auch meine Töchter fördern.
Und ja, ich kann sehr wohl für meine Kinder sorgen, auch wenn wir zuhause, wie in allen Familien auch eine gewisse Arbeitsteilung pflegen.
Das nennt man Selbstbestimmt, und sollte ich das für mich einfordern, dann werde ich den Gedanken auch so bei meinen Kindern fördern. Dazu braucht es keine paternalistische Gesellschaft, keine gut gemeinten Ratschläge. Dafür braucht es eine Unterstützung in der Elternschaft durch inklusive Strukturen und auch eine Assistenz, wo diese gebraucht wird.

Und jetzt gebt Gas. Die Blogparade Was darf man Kindern zutrauen läuft noch bis zum 15.01.2019.

Ich danke Markus für die Anerkennung, die er mir und meiner Arbeit entgegenbringt.