Blind und selbstbestimmt wählen

Wahlbenachrichtigung, Wahlschablone der BTW 2017 und Info-CD des BBSB liegen auf einem Tisch

Heute schreibt mein Gastautor Markus Ertl über das Thema blind wählen.

Als bekennender Demokrat, ist es mir eine selbst auferlegte Bürgerpflicht, mein Wahlrecht auszuüben.
In der Zeit, in der ich noch ausreichend sehen konnte, war Wählen kein Problem. Blind wählen ist aber eine größere Herausforderung.
Gerne erzähle ich, wie Blinde das mit dem Wählen hinbekommen und wobei es noch Probleme gibt.

Informationen über die und von den Parteien

Wie jeder andere auch, beziehe ich viele Informationen über die allgemeinen politischen Geschehnisse aus den gängigen Medien.
Wenn die Medien für Blinde gut zugänglich sind, dann ist das kein Problem. Ein TV-Gerät mit Sprachausgabe und Alexa lassen hier die TV- und Rundfunksender leicht bedienbar werden. Zeitung und Zeitschriften im ePaper-Format kann ich mir auch vorlesen lassen, oder ich übertrage alles auf meine Braille-Zeile, ein Gerät, welches mir den Text in Braille-Schrift spürbar macht.
Auch wenn es gerade ein bisschen besser wird, vermisse ich bei den Parteien aber immer noch die Informationen in einer Form, dass ich als Blinder mit einer Spezial-Software alles lesen kann. Oft scheint es mir so, als wären wir keine Wähler, die Stimmen brächten. Aber da sind fast alle Parteien gleich schlecht bei der fairen Teilhabe an politischen Informationen.
Wenn ich jetzt, wie viele andere Wähler auch, gut informiert bin, kann die Wahl kommen. Fast! Ich brauche noch die Wahlbenachrichtigung von meiner Gemeinde.

Ist die Wahlbenachrichtigung ein zugängliches amtliches Schriftstück?

Wenn ich als Blinder dies in Braille-Schrift oder irgendwie in digitaler Form bekomme, dann kann auch ich das alles lesen.
Aber bisher habe ich nur immer eine Wahlbenachrichtigung in Postkarten-Format mit ganz vielen Informationen in kleiner Schrift bekommen. Bis auf die letzte Bundestags-Wahl, hier war es ein Word-Dokument, in dem alle Daten für mich am PC eindeutig lesbar waren. Hierfür musste ich aber extra nachfragen.

In der Wahlbenachrichtigung ist zu lesen:

  • Der Ort seines Wahl-Lokals
  • ob das Wahllokal barrierefrei zugänglich ist
  • ob und wo es Wahlschablonen für Blinde und Sehbehinderte gibt

Meine Briefwahl-Unterlagen konnte ich dann wieder bei der Gemeinde bestellen. Ich war nur neugierig, wie das Ganze dann so abläuft. Ich habe die Briefwahlunterlagen dann doch mit ins Wahllokal genommen.

Anforderung von Wahlschablonen

Wahlschablonen helfen uns Blinden, selbstständig und ohne fremde Hilfe unser Kreuz für die gewünschte Partei auf dem eigentlichen Stimmzettel zu machen.
Die Schablone ist genau so groß, wie der eigentliche Bogen für die Wahl. Der Stimmzettel kann bei der Wahlschablone zur besseren Fixierung zwischen zwei dicken Karton-Blättern eingelegt werden.
Wo der Sehende die Kreise sieht, fühle ich die Runden Löcher und weiß mit Hilfe einer daneben stehenden Nummerierung, wo ich mein Kreuz machen kann.
Die Wahlschablonen werden oft von den Blindenverbänden des jeweiligen Bundeslandes gefertigt Mitglieder bekommen diese automatisch zugesandt. Wer nicht Mitglied ist, der kann dort anrufen und sich die Schablone bestellen.
In der Post mit der Schablone kommt auch eine Hör-CD mit ins Haus. Hier kann ich mir anhören, wie die Schablone gestaltet ist und ich diese verwenden kann. Darauf finde ich auch Wissenswertes über den Wahlvorgang und den aufbereiteten Wahlinformationen der einzelnen Parteien.
Ich wünsche mir trotzdem, dass die Parteien Ihre Informationen bereits auf deren Internetseiten so aufbereiten, dass ich bereits dort als Blinder alles gut lesen kann.
Bei der Bundestagswahl 2017 habe ich dann eine solche Postwurfsendung meines Blindenverbandes 3-4 Wochen vor der eigentlichen Wahl bekommen.
Bei der kommenden Landtagswahl gibt es keine Schablone, und ich darf mit einer Person meines Vertrauens wählen.
Aber was ist mit dem Wahlgeheimnis?

Geheim wählen, auch für Blinde möglich?

Eigentlich sagt das Grundgesetz in Deutschland und die Verfassung in Bayern, dass geheim gewählt werden können sollte.
Jetzt frage ich mich, wie geheim wählen ohne Schablone geht. Ich habe dann einen Wahlzettel vor mir und ich weiß zwar wen ich wählen möchte, nur nicht wie.
Nun sagt die Landeswahlleitung, wir Blinde können ja mit Assistenz wählen und das ist laut Landeswahlgesetz auch erlaubt. Im Gesetz steht, wer aufgrund seiner Behinderung sein Kreuz nicht selbst machen kann und den Wahlzettel nicht selbst in die Urne werfen kann, darf die Hilfe einer Person seines Vertrauens in Anspruch nehmen. Das ist ja auch wichtig.
Es fühlt sich trotzdem überhaupt nicht gut an, sollte jemand anderes „mein Kreuz“ für mich bei einer geheimen Wahl machen können. Bei der Bundestagswahl konnte ich es ja auch.

Aber mit dieser Forderung:
„Ungehindert geheim wählen können wollen!“
Bin ich gerade in Bayern sehr aktiv

Aber warum ist mit Assistenz wählen denn so schlimm und geheim wählen so wichtig?
Es darf sich jeder einmal kurz vorstellen, nicht er, sondern eine andere Person soll für ihn selbst bei der Wahl abstimmen. Jetzt stellt sich jeder noch zusätzlich vor, dass er/sie selbst vielleicht eine Partei wählen möchte, dies aber aus gewissen Gründen keiner wissen darf. Ist hier eine indirekte Beeinflussung nicht vorprogrammiert? Genau das macht für mich den Unterschied.

Wahllokal, wirklich barrierefrei, wie es auf dem Wahlzettel steht?

Hoffentlich ist es mindestens für Rollstuhlnutzende barrierefrei, denn für Blinde und Sehbehinderte ist es dies zu 98 Prozent nicht.
Es gibt hier eine DIN-Norm, die uns Seheingeschränkten den Zugang zu öffentlichen Gebäuden ermöglichen, mindestens aber erleichtern soll.
Und wenn schon auf der Wahlbenachrichtigung barrierefrei drauf steht, dann sollte man auch die örtliche Wahlleitung immer wieder darauf hinweisen, was barrierefrei denn überhaupt im Ganzen bedeutet. Hoffentlich gibt die Wahlleitung dies dann auch einmal an das Baureferat der Kommune weiter. Vielleicht werden dadurch nicht nur die Wahllokale besser zugänglich.

Und jetzt ist endlich Wahlsonntag

Wir gehen immer zusammen mit unseren Nachbarn. Es hat sich hier ein kleines Ritual entwickelt. Denn wie gesagt, wählen gehen ist Pflicht, warum sollte man daraus keine schöne Pflicht machen.
Denn nur wer wählen geht, darf auch die nächsten Jahre wieder mitschimpfen.
Und zum Schluss hoffe ich, dass auch die Wahlergebnisse im Internet unter Berücksichtigung der Barrierefreiheit-Standards veröffentlicht werden.

Markus Ertl ist Inklusionsbotschafter, und hat sich dem Thema Barrierefreiheit verschrieben. Im Beitrag „Lasst mich auch dabei sein“ schreibt er darüber.

Und nun freue ich mich auf einen regen Austausch in den Kommentaren.

Betreuung am Flughafen, eine Mitarbeiterin erzählt

Über das Reisen mit dem Flugzeug habe ich bereits einige Beiträge geschrieben. Diese handelten entweder von unsinnigen Vorschriften, oder Missverständnissen. Bei all diesen Beiträgen hatte ich nie Gelegenheit aus der Sicht der Mitarbeiter am Flughafen zu berichten. Daher habe ich mich riesig über einen Leserbrief von Melanie gefreut. Als ehemalige Mitarbeiterin des Betreuungsdienstes gibt sie Einblick in ihre Arbeit. Ich fand ihn so gut, dass ich ihn mit ihrem Einverständnis, jedoch unter anderem Namen veröffentliche.

Liebe Lydia,
vielen Dank für deinen Blog, ich lese immer wieder gerne rein und lerne viel!
Ich habe bis 2017 beim Betreuungsdienst am Frankfurter Flughafen gearbeitet, als Service Agent der Firma FraCareS, zur Unterstützung von mobilitätseingeschränkten Passagieren und Alleinreisenden Kindern. Daher fühle ich mich angesprochen und kann dir vielleicht annähernd deine Frage beantworten, warum immer der obligatorische Rollstuhl mitgeführt wird.
Der Arbeitsablauf für mich sieht (sah) folgendermaßen aus: Ich bekomme auf ein mobiles Endgerät einen Auftrag, in dem 4 Angaben stehen: Name des Gastes, der aktuelle Aufenthaltsort, der Zielort und ein Betreuungscode, der die Hilfestellung etwas beschreibt. Mehr Angaben dürfen aufgrund des Datenschutzes nicht übermittelt werden!

Diese lauten:
WCHR für Menschen, die prinzipiell laufen können, aber keine weiten Strecken;
WCHS für Menschen die laufen, aber keine Treppen bewältigen können;
WCHC für Menschen die gar nicht laufen können;
BLND für Menschen mit eingeschränkter Sehfähigkeit und
DPNA für Menschen mit geistiger Einschränkung.

Wer gibt diese Betreuungscodes ein und wer entscheidet welcher nun eingegeben wird?
Die Betreuungscodes werden meistens vom Reisebüro oder den eincheckenden Agenten der Airlines eingegeben, die nicht viel mit der Betreuung zu tun haben und sich oft damit nicht gut auskennen. Nicht nur in Deutschland sondern in ALLEN Ländern der Welt.

Wer benötigt Betreuung?

Die zu betreuenden Passagiere sind nicht nur Menschen mit Behinderung. Jeder, der Unterstützungsbedarf hat, kann diesen anmelden. Ein Nachweis durch einen Schwerbehindertenausweis wird nicht verlangt. Dabei ist es egal, ob jemand Wegen der Beine, wegen des Rückens, wegen der Augen, wegen des Gleichgewichtssinns, wegen der Orientierung, oder auch wegen der Sprache Hilfe benötigt, denn so hätten Menschen aus Ländern, in denen es so etwas nicht gibt, einen Nachteil. Wir sind nicht befugt zu fragen, was der Mensch hat, sondern welche Art der Unterstützung er oder sie benötigt.
Und so unterschiedlich wie Menschen sind, so unterschiedlich sind ihre Bedürfnisse und Vorlieben.
Somit habe ich auch immer einen Rollstuhl dabei gehabt, auch wenn ich einen Gast mit dem Betreuungscode BLND abholen wollte. Ich habe ganz offen gefragt „möchten Sie sich in den Rollstuhl setzen oder möchten Sie lieber mit mir laufen?“ und habe entsprechend dann den Rollstuhl an diesem Ort stehen gelassen und habe laufend betreut, oder den Rollstuhl geschlossen mitgeführt, oder bei entsprechendem Wunsch den Gast auch sitzen lassen. Selbstverständlich ist es ein Unding, wie von dir beschrieben, dass eine Mitarbeiterin am Flughafen, dass du dich in den Rollstuhl setzen sollst.
Aus meiner Erfahrung wollte ich dir kurz beschreiben, dass ich beispielsweise auch ältere Damen unterstützt habe, die schlecht sehen konnten und schlecht zu Fuß waren und weder deutsch noch englisch sprechen konnten. Diese Dame bevorzugte es, im Rollstuhl gebracht zu werden, da es eine enorme Erleichterung für sie darstellte.
2008 trat eine EU-Verordnung in Kraft, die festlegt, dass der PRM-Service (PRM = Passenger with reduced mobility) von dem jeweiligen Flughafen übernommen werden muss und nicht mehr von der jeweiligen Airline übernommen werden darf. Seit dem (denke ich und hoffe ich) wird das Personal gesondert geschult und sensibilisiert. Ich habe mich jedenfalls von der Firma gut vorbereitet gefühlt und fand es immer sehr gut, dass nicht nach Schema X vorgegangen werden muss, sondern wir auf den individuellen Unterstützungsbedarf des Passagiers reagieren sollten. Und das heißt auch, dass ich lieber einen Rollstuhl zu viel mitnehme, als den Passagier wegen falsch übermitteltem Betreuungscode warten lassen muss, weil ich erst einen Rollstuhl organisieren muss. Die Kommunikation an dem Ort, an dem die Betreuung beginnt ist wichtig. Ich muss abfragen was der Passagier braucht und muss abschätzen, was auf dem Weg, der uns erwartet davon wichtig ist. So kann ich am besten spontan reagieren.
noch ein anderer ganz pragmatischer Grund, warum ich einen Rollstuhl trotzdem dabei habe: es ist ein stressiger Vormittag, es herrscht Rollinotstand weil alle unterwegs sind, ich bin gerade mit meinem WCHR-Auftrag fertig und bekommen den BLND-Auftrag und weiß nicht was danach kommt. Ich halte meinen Rolli fest in der Hand weil ich sonst später über viele Kilometer einen suchen muss!

Diese Arbeit hat mir immer große Freude bereitet. Ich durfte so viele so unterschiedliche Menschen begleiten, so viele Sprachen hören, so viel Dankbarkeit spüren. Das hat mein Leben sehr bereichert.
Bestimmt habe auch ich manchmal Fehler gemacht, durch Stress und durch mangelnde Kommunikation. Aber kein Mensch ist perfekt und ich denke doch und hoffe auch, dass ich immer die Würde der Menschen bewahrt habe, niemanden in einen Rollstuhl gezwungen habe und möglichst sensibel die Rechte meiner Gäste vor dem Sicherheitspersonal und den Mitarbeitern der jeweiligen Airline verteidigt habe, wenn die Kollegen manchmal unsensibel wurden.
Ich hoffe, dass Dir meine Erklärungen weiterhelfen.
Melanie.

Ich danke Melanie für die Einblicke in ihre Arbeit. Und nun lade ich Euch zu einem Meinungsaustausch in den Kommentaren ein.

Meine blinde Praktikantin, ein Erfahrungsbericht

Sabine Omarow

Als ich Sabine kennenlernte, gab es meinen Blog bereits einige Monate. Damals experimentierte ich damit meinen Blog in Facebookgruppen vorzustellen, deren Thematik irgendeinen Bezug zu meinen Inhalten hatte. Ich probierte Gruppen aus, die sich mit Flüchtlingen, Haushalt oder Sozialarbeit beschäftigten. Im Prinzip alles an Gruppen, von denen ich mir Interessenten erhoffte. Und in einer dieser Gruppen traf ich auf Sabine, die eine Praxis für Lerntraining betreibt. Im Jahr 2017 organisierte sie einen Kongress im Internet, für den sie mich um ein Interview bat.
Über Facebook hatte ich auf meiner Seite
Lydiaswelt gefragt, wer der Lust habe einen Gastbeitrag für mich zu schreiben, der einen Bezug zu Blindheit, Sehbehinderung oder blinde Eltern hat. Darauf bekam ich von Sabine den folgenden Beitrag:

Meine blinde Praktikantin
Als ich meine Praxis für Lerntraining noch in Berlin hatte, erzählte eine erwachsene Schülerin mir von einer jungen Frau, die plötzlich blind geworden war. Diese Frau sei dabei, sich aus dem persönlichen Tief herauszuarbeiten und suche nach einer neuen Lebensperspektive für sich. Sie wollte gerne Logopädin werden, fand in Berlin jedoch einfach keine Schule, die sie, als blinde Frau, aufnehmen wollte.
Irgendwie rührte mich diese Geschichte sehr und ich fragte, ob sie (ich nenne sie jetzt einfach mal Anne), bei mir ein Praktikum machen wolle. Meine erwachsene Schülerin kam schon bald mit der positiven Antwort.

Anne kam zum Hospitieren
Eine Woche später kam Anne erst einmal zum Hospitieren. Sie hatte ihren Hund dabei, der bei meinen Schülern gleich das Herz hüpfen ließ. Meine Schüler waren begeistert, weil sie den Hund streicheln durften und er so lieb in der Ecke lag und alles beobachtete oder schlief.
Schon bald setzte sich Anne dazu, da ich meistens zwei Schüler in einer Stunde betreue.

Die Schüler lasen freiwillig alles vor
Das war so toll, denn sie war sehr einfühlsam und bewirkte bei den Schülern, dass sie ihr alles vorlasen, und zwar freiwillig. Gerade die Kinder, die eine Lese-Rechtschreibschwäche haben, lesen ja nicht gerne laut vor. Jetzt war das gar kein Problem, denn sie wussten ja, Anne kann es nicht sehen, also müssen sie ihr alles, aber auch alles vorlesen.

Wir spielten auch Lernspiele
Richtig große Augen machten wir, die Schüler und ich, als es ans Spielen ging. Jede Stunde spiele ich natürlich auch mit meinen Schülern. Es sind Lernspiele, aber sie lockern die Stunde auf und so macht das Lernen einfach mehr Spaß.
Ich holte das Wort-Mau-Mau-Spiel hervor. Ein Spiel, mit dem ich das Lesen übe, ohne dass die Kinder das merken. Mau-Mau spielen die Kinder gerne, nur dass sie hier mit Wörtern spielen, die sie auch vorlesen müssen.
Ich las die Karten, die ich Anne gab vor. Sie merkte sich die Karten und spielte dann mit uns, als ob sie die Karten sehen würde.
Wir waren begeistert!

Anne fand doch eine Schule
Annes Praktikum war nur kurz. Sie überlegte schon, ob sie bei mir arbeiten wollte, doch da kam der Brief einer Schule aus einer anderen Stadt. So musste Anne Berlin verlassen und damit meine Praxis.
Wir waren alle traurig, wünschten ihr aber alles Gute und viel Glück.

Danke an Sabine für den Bericht aus der Perspektive einer sehenden Arbeitgeberin. Und jetzt lade ich Euch zum Meinungsaustausch in den Kommentaren ein.

SightCity 2018, ein Erfahrungsbericht

sightcity leitstreifen detailansicht

In der Zeit vom 25.04. bis 27.04.2018 fand die SightCity statt. Über den Sinn und Zweck einer derartigen Veranstaltung hatte ich bereits in diesem Beitrag geschrieben. Einen weiteren Erfahrungsbericht fand ich auf dem Blog Inklusion umsetzen. Und eigentlich hatte ich vor selbst nochmal ein paar Sätze darüber zu schreiben. Doch das hat mir mein heutiger Gastautor Thorsten abgenommen, der sich gleich selbst vorstellen wird.

SightCity 2018 – ein Blindlife-Gruppentreffen der besonderen Art

Ein ganz großer Dank an Lydia, dass ich den Beitrag hier posten darf. Nachfolgend ein – teilweise gekürzter – Bericht meines Besuchs der SightCity 2018.

Bildbeschreibung:
Es handelt sich um eine Nahaufnahme eines Leitstreifens der SightCity. Es wurde im Hochformat aufgenommen und zeigt im Vordergrund über die gesamte Breite den Leitstreifen der nach oben bis in einen Horizont verläuft und dem Bild so eine enorme tiefe gibt. Die Aufnahme erfolgt ~5 Zentimeter oberhalb vom Boden, weshalb eine extreme Perspektive entsteht.

Zu meiner Person:
Ich bin 45 Jahre alt, wohne in Oberursel und bin sehbehindert.

Wie kam ich zur SightCity?
Ich habe mich 2017 intensiv mit dem Thema Behinderung auseinandergesetzt und bin dabei über den YouTube-Channel von Blindlife gestolpert, der mich gepackt hat, weil mir Erdin auf Anhieb sympathisch war.
Ihr solltet Euch seinen Trailer ansehen oder anhören – das lohnt sich!
Erdin Ciplak – Kanaltrailer – Blindlife

Er war letztes Jahr auf der SightCity und hat dort einige Hilfsmittelvideos erstellt, über die ich auf die SightCity aufmerksam geworden bin. Da die Messe in Frankfurt am Flughafen stattfindet und das nur 1 Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln entfernt ist, hatte ich für 2018 einen Besuch geplant.

Mittwoch:
Ich hatte am Vorabend mit Erdin telefoniert, um einen Treffpunkt für Mittwoch zu vereinbaren. Ich fuhr am Mittwoch daheim los und rief ihn unterwegs nochmals an:
Erdin: ‘Ich bin noch unterwegs’
Thorsten: ‘Ich auch’

Es stellte sich über SMS heraus, dass er sich noch auf dem Weg zum Bahnhof Frankfurt befand, während ich schon kurz vor dem Flughafen war. Hätte ich doch eher nochmals nachgefragt, weil ich ihn dann am Bahnhof hätte begleiten können, was aufgrund der Baustelle im Tiefbahnhof durchaus sinnvoll ist.
So blieb mir nichts anderes übrig als am Flughafen zu warten, weil die Rückfahrt zeitlich nicht möglich gewesen wäre. Nun die Überlegung, wie ich ihn wohl erkennen könnte. Ich habe mit meinen Augen Probleme, Menschen auf Distanz zu sehen und er ist blind – wird bestimmt lustig.
Nach der Ausfahrt der nächsten S-Bahn hatte ich ihn nochmals angerufen, weil er eigentlich damit hätte kommen müssen und ich ihn auf dem Bahnsteig, der mittlerweile leer war, nicht gesehen hatte.
Das Smartphone aus der Tasche geholt und Erdin erneut angerufen:
Erdin: ‘Ich bin die Rolltreppe hoch gefahren’
Thorsten: ‘Welche?’ (Was für eine blöde Frage an einen ortsunkundigen Blinden…)
Erdin: ‘Die direkt an der S-Bahn war’

Das war eine lange S-Bahn mit 3 Teilen und es gibt mehrere Rolltreppen die nach oben führen. Nach Murphy hatte ich die Falsche genommen und Ihn dann doch gefunden. Wir hatten praktisch bis auf etwa 3 Meter Entfernung miteinander telefoniert.
Für mich war die Begegnung etwas Besonderes, weil ich Erdin im Februar in Hamburg treffen wollte, es aber ganz kurzfristig absagen musste und nun endlich der Wunsch eines Treffens in Erfüllung ging.

Nun ging es gemeinsam auf die Messe, die wir mit einem kleinen Rundgang starteten, bevor es zu Neues ging, wo Erdin ein Video mit dem kanadischen Entwickler und dem deutschen Vertreter geführt hat. Dazu noch ein Produktvideo und ein tolles Produkt waren im Kasten. Hoffen wir, dass ich es an der Kamera nichts falsch gemacht habe. Ich bin es zwar gewohnt, Bilder zu machen aber Video ist so eine Sache – insbesondere mit einer fremden Kamera.

Was ist Neues?
Mit Hilfe einer Kamera wird über 2 kleine Displays eine bis zu 10 fache Bildvergrößerung erreicht, die optional mittels zusätzlicher Optik auf Fach erweiterbar ist. Bedienbar ist sie über kleine Drucktaster an den Brillenbügeln oder per Fernbedienung über Bluetooth – technisch voll ‘up to date’.
Im Anschluss wieder etwas über die Messe geschlendert und dann eine Stimme:
‘Du bist doch Erdin, oder?’
Erdin war – sofern man ihn sehen konnte –  aufgrund seines Blindlife T-Shirts nicht zu übersehen. Ansonsten gibt es ja noch die Möglichkeit ihn zu hören.
Nun bestand die Gruppe aus 3 Personen- Erdin, Thorsten und Stefan – die regelmäßig mal einen Leitstreifen blockiert haben, wobei der ‘LSS’ entstanden ist.

Der Leitstreifenstörer:
Es handelt sich hier um eine Person oder Gruppe, die anderen Teilnehmern der SightCity den in der Mitte verlaufenden Leitstreifen blockieren und somit bei der Nutzung stören.
Es kam regelmäßig zu Kollisionen auf dem Streifen, die man häufig nicht verhindern konnte, weil die Betroffenen sich so schnell begegneten, dass man nur die Kollision und die anschließende Entschuldigung gehört hat. Nächstes Jahr sollte über einen zweigleisigen Leitstreifen mit Rechtslaufgebot nachgedacht werden – zumindest auf den Hauptwegen, um den Durchsatz zu erhöhen und die durch Kollisionen verursachten Staus zu vermeiden. Das wird zwar den Anteil an LSS steigern, aber für Blinde die Kollisionswahrscheinlichkeit reduzieren.
Derartige Geschichten und Theorien waren neben den täglichen Dingen des Lebens ein wesentlicher Bestandteil des Tages und haben regelmäßig zu Lachern geführt.

Die e-Sight…
Kommen wir nochmal auf die Hilfsmittel zurück…
Die e-Sight war hinsichtlich Marketing ein Trauerspiel, wie ich es in 19 Jahren Berufsleben als Berater im IT-Umfeld noch nicht erlebt habe.
Die Firma, die die e-Sight herstellt, hatte einen Stand, der strategisch gut positioniert war, weil dort viele Leute vorbei mussten – eigentlich genial, um das Produkt zu präsentieren…
Da wir die NuEyes gesehen hatten und die in Sachen Marketing und Kommunikation am Stand alles richtig gemacht haben, wollten wir uns nun die e-Sight anschauen – ist ja immerhin ein Konkurrenzprodukt.
Anfassen und Anschauen am Stand war möglich. Auf die Frage, ob man sie auch ausprobieren könnte, kam folgende Antwort:
‘Die Lichtbedingungen wären nicht optimal, um das Produkt hier testen zu können’
Das hat bei uns zur Verwirrung geführt, weil die Brille doch auch im Alltagsleben einsetzbar sein soll und man gerade dort häufig mit nicht perfekten Lichtbedingungen zu tun hat. Erdin hat noch etwas hartnäckiger nachgebohrt, weil ihm die Antwort auch sehr verwundert hat. Sie kam zudem in einer Form, dass man den Eindruck hatte, das sie wirklich nichts vermarkten wollen.
Nächste Antwort:
‘Schauen Sie hier. Die Displays müssen perfekt auf den Träger eingestellt werden und um ein optimales Seherlebnis erreichen zu können, sollten vor den Displays extra Gläser eingepasst werden, die der Brillenstärke entspricht’
Die Antwort hatten wir bei NuEyes auch bekommen, konnten die Brille dennoch über der normalen Sehbrille ausprobieren – da war testen also möglich…
Schade, die Antworten und der Umgang mit uns war ganz klar in Richtung: ‘Die wollen nichts verkaufen’ Sowas auf einer Messe ist einfach nicht zu fassen.
Warum haben die überhaupt einen Stand gemietet???

Die Gruppe wächst
Die Gruppe wurde um Jasmin und Sandra erweitert, die sich im Vorfeld mit Erding abgesprochen hatten. Nun waren wir 5 und hatten unglaublich viel Spaß. Die SightCity war zu einem Treffen und Erfahrungsaustausch geworden.
Für mich war der Tag im Hinblick auf meine Sehbehinderung äußerst interessant, weil wir von Blind bis normales Sehen alles in der Gruppe hatten. Gerade zwischen mir und Stefan war der Unterschied auf dem Papier nicht so groß. Er kann aber in der Ferne schnell etwas wahrnehmen, während ich einige Sekunden brauche, bevor ich etwas lesen kann. Dafür habe ich bei Dunkelheit im Sichtfeld deutlich weniger Probleme.
Was ich gelernt habe ist, dass der gemessene Sehrest nur wenig Bedeutung hat. In Gesprächen mit anderen Betroffenen hat sich bestätigt, dass das Thema Sehbehinderung ein schier unvorstellbarer Umfang hat. Ich muss hier noch viel lernen…

tour de sens
Nachmittags besuchten wir den Stand von tour de sens, um uns deren Reisekonzept erläutern zu lassen. Ich fand es sehr spannend, wie sie Blinde, Sehbehinderte und Sehende zusammenbringen. Insbesondere der Tausch in der Gruppe brachte mich spontan zur Frage, ob das wie ‘Frauentausch’ wäre.
Die Besitzerin von tour de sens musste herzhaft lachen, weil der Zeitpunkt meiner Frau perfekt passte. Das war der Brüller für den ganzen Tag.

Comde
Das war ein Erlebnis, das mich noch einige Zeit beschäftigen wird. Wir waren an dem Stand, weil uns die Vielfalt bei der Konfiguration von Blindenstöcken so fasziniert hat. Ist schön, wenn Betroffene so viele Wahlmöglichkeiten haben, um sich das Hilfsmittel nach eigenen Wünschen zusammenstellen können. Allein die Auswahl an verschiedenen Kugeln und Griffen ist eine Wissenschaft für sich. Zudem finde ich es gut, das comde einen Reparaturservice anbietet. Warum soll ein Stock gleich ausgetauscht werden, wenn nur 1 Element krumm ist?
Das Gespräch mit einem Mitarbeiter von comde war aber der Hammer. Er ging auf uns ein und hat sich gut 30 Minuten mit uns sehr einfühlsam und fernab vom Thema Blindenstöcke unterhalten. Ich habe es an verschiedenen Ständen erlebt, das sehr offen mit der Behinderung umgegangen wird und man sehr individuell auf den Besucher eingeht. Es geht nicht nur um die Präsentation der eigenen Produkte sondern sehr viel um den Menschen selbst. Das ist in unserer heutigen Gesellschaft alles andere als normal und für mich ein ganz wichtiger Punkt bei der SightCity.
Daher ein großer Dank an den ‘einäugigen’ Mitarbeiter von comde, sowie den anderen Gesprächspartnern die ich hatte.

Nach dem Ende der SightCity hatten wir noch etwas Zeit, bevor Jasmin und Sandra die Heimreise antreten mussten. Wir fuhren zum Hauptbahnhof, da man dort etwas preisgünstiger Essen gehen kann und der Weg zum Zug kurz ist, was uns mehr Zeit für das gemeinsame Essen gibt.
Nach dem Essen wurden Jasmin, Sandra, Erdin und Stefan in der Reihenfolge bis zum Zug begleitet, bis ich dann allein die Heimfahrt antreten konnte.

Fazit Tag 1 SightCity:
Ich war sehr beeindruckt von dem Tag.
Meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen, sofern man überhaupt eine Bewertungsskala so weit nach oben öffnen kann.
Die gemeinsame Zeit in der Gruppe wird mich noch lange beschäftigen und für viele Geschichten in der Zukunft dienen. Danke an alle die daran beteiligt waren.

Was für ein grandioser Tag!

Donnerstag
Erstmal Lydia anrufen und klären, wo wir uns treffen können. Allein das Telefonat hat mir viel Spaß gemacht, weshalb ich noch mehr Lust darauf hatte, sie endlich kennenlernen zu können.
Eigentlich war der 2. Tag mit Stefan eher für die Hilfsmittel geplant, was wir auch geschafft haben. Das Treffen mit Lydia hat das Ganze etwas verändert, was aber trotzdem gut reingepasst hat. Es ging letztendlich um das Networking, wie wir es am Mittwoch erlebt hatten.

Treffen mit Lydia
Sie kam etwas später und musste vor dem Treffen noch etwas erledigen, weshalb ich mit Stefan vorher Hilfsmittel angeschaut hatte. Sie rief dann an und fragte wo wir wären.
Ich finde es schon recht interessant, wenn man sagt wo man etwa ist und von Ihr dann spontan die Antwort kommt:
‘Die Ecke kenne ich. ich komme zu Euch. Ich bin übrigens die mit dem Blindenstock und schwarzem Haar’
Das mit dem Stock und den Haaren war eine echt lustige Sache. Es gab dort ja nicht viele Personen mit Blindenstock…
Wir haben es dann doch geschafft und sind einen Kaffee trinken gegangen, was etwas länger gedauert hat. Danke an Lydia für das tolle Gespräch und die Ideen, die sie noch umsetzen möchte – fernab von diesem Blog.

Technik: flusoft
Ich war mit Stefan bei flusoft, weil ich dort ein persönliches Gespräch wegen der Probleme mit der Vergrößerungssoftware Zoomtext führen wollte. Ich arbeite seit August 2017 mit Zoomtext und war in den 1. Wochen sehr zufrieden, weil die Software genau das bietet was ich brauche. Leider änderte sich das ab November und ist bis heute in einigen Punkten schon frustrierend. Leider konnten die Probleme bis heute nicht abgestellt werden und die Zukunft deutet darauf hin, dass sich auch daran nichts ändern wird.
Das ist zumindest das Fazit des Gespräches. Ist leider nicht ganz was ich mir erwünscht hatte aber immerhin ein Ergebnis, mit dem man auf die Suche nach neuen Möglichkeiten gehen kann. immerhin ist ja SightCity, wo man sich alles anschauen kann.

2.Treffen mit Erdin
Erdin hatte kurzfristig auf Facebook zum Treffen um 14:00 aufgerufen. Es war ein sehr kurzentschlossener Termin, weil er eigentlich schon auf dem Heimweg sein wollte. Ich freue mich dennoch, das wir uns nochmals kurz gesehen und dabei über den Mittwoch sprechen konnten.
Bei dem Treffen ist übrigens ein Foto aus seinem Video entstanden, wo ich mit der Kamera in der Hand zu sehen bin. Das Bild war etwas albern, weil ich Stefan fotografiert habe, während er von mir und Erdin ein Bild gemacht hat. Ich bin da genauso spontan wie Erdin.

e-Sight die 2.
Sollte es zum Thema e-Sight doch noch ein Happy End geben? Erdin hatte erfahren, das am Stand von Reinecker die Möglichkeit bestand, die e-Sight zu testen.
Wie krank ist das denn? Am Stand des Herstellers war es nicht möglich und bei einem deutschen Unternehmen wurden gleich 2 funktionsfähige Brillen präsentiert. Vielleicht mag dazu ja mal jemand etwas schreiben. Ich persönlich fand die NuEyes besser, wobei ein Test nach 5 Minuten noch keine Aussagekraft hat.
Fakt ist, dass sich einiges in dem Umfeld ändert und in ein paar Jahren wirklich spannende Produkte verfügbar werden.

Dolphin
Stefan hatte mir viel über SuperNova erzählt, weil er das Produkt seit einigen Jahren nutzt. Da es von Dolphin einen Stand gab, habe ich mir nachmittags Zeit genommen und mir das Produkt vorführen lassen. Die Präsentation war klasse, da auch auf konkrete Fragen zur Konfiguration eingegangen wurde. Es wurde sogar direkt die von mir gewohnte Konfiguration eingerichtet, so dass ich Supernova mit den Shortcuts von Zoomtext nutzen konnte. Kleine Anmerkung am Rande: Die Default-Shortcutdefinition für Zoomtext in Supernova bezieht sich auf den alten Tastaturlayouts für Zoomtext bis Version 15. Dadurch entstand etwas mehr Arbeit bei der Konfiguration. Aber es hat mir schnell gezeigt, dass ich damit bestimmt klarkommen kann.
Ich arbeite mittlerweile mit Supernova und habe dabei bereits ein paar Unterschiede zwischen den Produkten entdeckt aber noch nichts, was den Umstieg verhindern könnte.
Ich muss mal mit Lydia sprechen, ob ich einen Artikel zum Thema Zoomtext ⇔ Supernova schreiben soll.
Hättet Ihr Interesse daran?

2.Treffen mit Lydia und Abendessen
Zum Ende der SightCity hatte ich Lydia nochmal angerufen und gefragt, ob Sie noch einen Kaffee trinken möchten. Sie sagte morgens, dass Sie gerne Kaffee trinkt und dass auch eine Art Brennstoff für den Körper wäre.
Sie stand bereits an der Bushaltestelle und kam wieder zu uns zurück, damit wir gemeinsam noch eine Pizza essen gehen können. Den Kaffee haben wir einfach ausfallen lassen – Pizza scheint wohl auch eine Art Brennstoff zu sein.
Lydia hatte die Wahl und führte uns zur Konstablerwache in Frankfurt. Da hatte ich dann das nächste schöne Erlebnis, das für Sehende im 1. Augenblick komisch ist – für Sehbehinderte mit viel Sehrest übrigens auch. Sie beschrieb den Weg exakt von der S-Bahn bis zur Pizzeria. Entscheidend war, dass ich Ihr aus der S-Bahn raus keinen Hinweis gegeben hatte wo wir genau waren aber sie hat uns dennoch exakt dahin gebracht.
Ich habe einen großen Respekt vor den Navigationsfähigkeiten von Blinden Menschen. Dank an Lydia für diese kleine Demonstration und die schöne Restaurantempfehlung.
Leider musste Stefan viel zu früh gehen, so dass wir nur noch zu zweit waren. Leider geht jeder Abend irgendwann mal zu Ende, so dass wir den Heimweg antreten mussten.
Für den heutigen Tag ein großer Dank an Lydia, Erdin und Stefan, die den 2. Tag SightCity zu einem wunderschönen Tag haben werden lassen.

Fazit:
Das waren 2 Tage SightCity, die durch das viele Laufen körperlich anstrengend waren. Die entstandene Gruppe und die daraus resultierenden Gespräche und Diskussionen werden mich noch lange begleiten.
Diese vielen positiven Eindrücke haben schon heute die Entscheidung für 2019 sicher gemacht.

Ich komme sicher zur SightCity 2019 nach Frankfurt.
Seid Ihr auch da und habt Lust mit uns gemeinsam was zu erleben?

Wenn ja dann meldet Euch bei Lydias Welt oder Blindlife auf Facebook. Dort gibt es regelmäßig News.

Euer Thorsten aus Oberursel

Danke Dir, Thorsten, für Deinen lebendigen Erfahrungsbericht. Und jetzt freue ich mich auf ein Like von jedem, dem es gefallen hat.

Geräuschumgebung, zu laut oder zu leise

Geräusche spielen für blinde Menschen eine bedeutende Rolle. Das gilt für die Orientierung im Straßenverkehr, dem Ausmachen von Gefahrenquellen oder bei der Kommunikation mit dem Gegenüber. Ich kann nicht sehen, ob mir jemand freundlich zunickt und brauche eine direkte Ansprache. Den Ampelpfosten finde ich nur, wenn er sich irgendwie akustisch zu erkennen gibt. Und der laufende Motor eines Busses verdeckt die anderen Geräusche so sehr, dass ich nicht hören kann, ob ich die entsprechende Straße überqueren kann oder nicht.

Mein heutiger Gastautor Willi hat dieses Thema aufgegriffen. Er hat schon mal einen Beitrag für mich geschrieben, der sich um das blind Fernsehen oder ins Kino gehen dreht.

Und immer dieser Lärm
Eigentlich hatte ich mich sehr auf diesen Abend gefreut: Wir wollten, die meisten von uns blind, in das neue In-Lokal in unserer Stadt gehen. Während der Happy Hour gibt es für die Mädels die Cocktails billiger und wir Jungs lassen uns ein großes Bier schmecken. Internationale Küche gibt’s auch, da findet wirklich jeder was.
Doch schon als wir reinkommen, setzt bei mir der Fluchtinstinkt ein. Wir werden von ohrenbetäubender Musik empfangen. „Sucht Ihr einen Tisch?“ Die Kellnerin ist fast nicht zu verstehen. Wir rufen Ja im Chor, als hätte die Lieblingsmannschaft ein Tor geschossen. Siebugsiert uns an einen Tisch direkt unter dem Lautsprecher. „Entschuldigung, gibt es noch einen Tisch, an

dem es etwas leiser ist?“ Sie überlegt kurz und führt uns im Gänsemarsch durch das Lokal zu einem Tisch, der für uns vier gerade so ausreicht. Außerdem ist es hier dunkel, was sich noch rächen soll. „Wollt Ihr was trinken?“, fragt die Kellnerin so laut sie kann. „Wir wollen Cocktails“, schreien die Mädels. Unser einziger Guckling kann die Karte nicht lesen, so dass die Kellnerin nun ihr dünnes Stimmchen in die Waagschale werfen muss und die wunderbar benannten Cocktails und deren Zutaten vorlesen. Irgendwie finden wir alle etwas und nachdem sie sich durch die Speisen geschrien hat, kann auch unser Hunger gestillt werden. Wir wären wohl gern noch etwas geblieben, aber unserer Bitte, doch die Musik etwas leiser zu machen, wurde nicht entsprochen.

Sehbehinderte und blinde Menschen kennen diese Geschichte in vielen
Variationen. Unser Hörsinn ist ja unser einziges Kommunikationsmedium. Durch laute Musik an Orten, an denen wir uns unterhalten wollen, wird dieser total ausgebremst. Wir sind dann nicht nur blind, sondern de facto taub. Wer sieht, kann dem Nachbarn von den Lippen lesen und seine Worte mit Mimik und Gestik unterstreichen. Zwar waren bestimmt schon die Tavernen zur Römerzeit keine Orte der Stille, aber die Unsitte, jedes Lokal noch mit lauter Musik zu beschallen, griff erst in den letzten 30 Jahren um sich. Auf großen sommerlichen Stadtfesten überbieten sich die in der ganzen Innenstadt verteilten Bühnen mit ihren Beschallungsanlagen. Wenn es dann so laut wird, dass die Autos nicht mehr gehört werden können, wird es sogar gefährlich. Warum aber regen sich dieselben Leute über Kinderlärm auf, denen offensichtlich der elektromechanisch erzeugte Lärm nichts ausmacht? Wir müssen uns doch ernsthaft fragen, warum ein Hahnenschrei uns aufregt, während wir gleichzeitig die Musik um uns herum immer lauter hören müssen.
Aber auch von anderer Seite droht uns akustisch Ungemach: Manchmal führt Baulärm bei einigen von uns zu panikartigen Reaktionen. Deshalb werden in Marburg alle Baustellen, an denen es sehr laut sein kann, entsprechend von Bauarbeitern gesichert, die unsereins sicher durch die Baustelle begleiten.
Doch auch „Leisetreter“ machen uns Probleme: So erschrecken wir uns, wenn ein Radfahrer im vollen Tempo an uns vorbeischnurrt. Zu einer neuen Gefahrenquelle können Elektroautos werden, wenn sie ohne eine zusätzliche Schallquellen unterwegs sind.
Doch leider sind auch wir Blinden und Sehbehinderten nicht achtsam untereinander. Welchen infernalischen Krach wir entfalten können, zeigt sich an unseren Stammtischen. Hier könnte die Lautstärke einer Gruppe im Kindergarten durchaus Konkurrenz machen.

Ich danke Willi für seinen Beitrag. Und wie immer lade ich Euch herzlich ein, Eure Meinung in die Kommentare zu schreiben.