Interview mit Insan e. V. -Jugendprävention mal ganz anders

Insan

Talha und Tarik haben vor einigen Jahren zusammen mit Freunden den Verein Insan e. V. in Neu-Isenburg gegründet. Hier sollte jungen Erwachsenen Perspektiven aufgezeigt werden, das wollte ich genauer wissen. Wir trafen uns in einem Eiskaffee zum Gespräch. Hier ließ ich ein Aufnahmegerät mitlaufen und stellte den Beiden einige Fragen zu ihrer Arbeit. Dieses Gespräch wurde dann verschriftlicht und mit Unterstützung von Matze vom Blog Mainrausch etwas in Form gebracht. Dabei ist das folgende Interview herausgekommen.

Lydia:
Hallo, ihr Beiden! Seid ihr so nett, euch unseren Lesern kurz vorzustellen?

Talha:
Talha
Gerne doch! Mein Name ist Talha, ursprünglich bin ich aus Bremen. Nach Frankfurt bin ich gekommen, um Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt Islam und Pädagogik zu studieren. Schon seit einigen Jahren arbeite ich mit viel Herzblut in einem Präventionsnetzwerk. Vor kurzem dann konnte ich gemeinsam mit einigen Freundinnen und Freunden einen Verein für Jugendarbeit gründen. Dessen Name ist „Insan“ – dazu erzähle ich nachher gerne mehr. Ich will ja nicht gleich alles verraten!

Tarik:
Tarik

Und mein Name ist Tarik, aufgewachsen bin ich in Duisburg. Ich bin 28 Jahre alt und habe mich in Frankfurt Studien des Islam gewidmet. Inhaltlich haben Talha und ich uns also fast mit denselben Dingen beschäftigt. Ganz offiziell darf ich mich aber als Theologe bezeichnen!
Wir wollten uns Gedanken darübermachen, wie man noch viel früher ansetzen kann, wie Angebote junge Menschen noch viel früher erreichen können.
Diese Gedanken machen wir uns jetzt hauptamtlich in unserem Verein. Natürlich haben wir auch vorher schon ehrenamtlich viel geleistet, sodass wir all unsere Erfahrungen nun in unsere Arbeit für „Insan e.V.“ einfließen lassen können.

Lydia:
„Insan“, das bedeutet „Mensch“. Wie seid ihr auf diesen Namen gekommen?

Tarik:
Wir haben uns eine ganze Zeit lang Gedanken über einen zu unserem Verein passenden Namen gemacht. Wir haben uns gefragt: Was soll ein Name für unseren Verein leisten? Zunächst gefiel uns der Name „Bildungsakademie“, schließlich wollten wir Jugendbildungsarbeit betreiben. Andererseits wollten wir natürlich als Experten in ganz unterschiedlichen Fachbereichen Unterstützung für alle Menschen anbieten. Der Mensch, der stand für uns schon immer klar im Mittelpunkt, ganz unabhängig von seiner religiösen Zugehörigkeit, seines ethnischen Hintergrundes oder seiner Weltanschauung. Was lag also näher, als unseren Verein „Mensch“ zu nennen? Schlussendlich haben wir uns dann für eine etwas ästhetisch klingendere Variante des Wortes Mensch entschieden. Der Name „Insan“ war geboren!

Talha:
Wir werden ja immer wieder gefragt, warum wir uns „Mensch“ genannt haben. Sobald wir den Grund dafür erklärt haben, weiß unser Gegenüber gleich schon ziemlich viel über unsere Philosophie und unseren Antrieb. Eine tolle Sache, oder?

Lydia:
Vorwiegend richtet ihr eure Angebote aber an junge Erwachsene, oder? Gelten für diese bestimmte Altersgrenzen? Oder existiert sogar ein Mindestalter, ab dem eure Hilfe überhaupt erst Sinn macht?

Talha
Nein, wir haben keine fixen Altersgrenzen. Schon ab der Pubertät, vielleicht mit 15 oder 16 Jahren, macht unsere Arbeit Sinn. Neuntklässler haben schließlich schon ein wenig Lebenserfahrung sammeln können, haben eine gewisse Vorstellung von der Welt und eigene Aktivitäten entwickelt. Wir wollen ihnen dann einen Raum bieten, in denen sie ihr Potential entfalten können. Und nach oben, da gibt es keine Altersgrenze! Ich bin nun fast 30 und fühle mich selbst noch oft als Jugendlicher.

Lydia Zoubek:
Ja, und was soll ich denn da sagen? (lacht)

Tarik:
Du bist natürlich auch noch jugendlich! (lacht mit)

Lydia Zoubek:
Schon im Vorgespräch hattest du erzählt, dass euer Angebot Gesprächskreise beinhaltet. Für was und wen sind diese gedacht? Was bespricht man dort? Wofür ist das gut?

Tarik:
Zunächst einmal haben wir uns mit diesem Jugendbüro hier einen Raum gefunden, der mitten in der Stadt ist und somit gut von vielen Jugendlichen erreicht werden kann. Außerdem hat er einen ganz unabhängigen Charakter, was wichtig für unsere Gespräche ist.
Du willst wissen, über was wir hier so reden? Momentan reden wir zum Beispiel viel über Identität und Religion. Auch über ganz aktuelle Themen wird gesprochen – über das eben, was in den Medien zu sehen ist. Momentan ist dort das Thema Islam sehr präsent. Und wir diskutieren dann: Stimmt denn, was dort gesagt und behauptet wird? Wie sind unsere eigenen Erfahrungen, inwieweit berühren diese Themen unser eigenes Leben? Oftmals sprechen wir auch über ganz grundsätzliches.
Zum großen Teil kommen eben muslimische Jugendliche zu uns. Das heißt aber nicht, dass uns nicht auch schon Andersgläubige aufgesucht haben! Am Anfang bestand die Gruppe aus gerade einmal drei bis vier Jugendlichen. Gestern aber waren wir schon zu zehnt! Manche kommen sogar extra aus Offenbach.

Tarik:
Letztendlich ist es aber vor allem ein Raum frei von jeglichen Tabuthemen. Egal, was junge Menschen auch bewegt – hier können sie darüber sprechen! In unserer ersten Sitzung hatten wir gemeinsam erörtert: Was interessiert euch? Worüber würdet ihr gern sprechen, was liegt euch auf dem Herzen? Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Über die Jahre hinweg haben wir mit vielen pädagogischen Konzepten gearbeitet – einige unserer Mitarbeiter waren beispielsweise in Mannheim an der Entstehung von Kindertagesstätten beteiligt.
Unsere Erfahrung zeigt uns auch, dass junge Menschen ab einem gewissen Alter das Bedürfnis haben, eigene Erfahrungen und ihr eigenes Dasein aufzuarbeiten. Das ist ein sehr wichtiger Prozess, deswegen ermutigen wir die Teilnehmer stets dazu, sich selbst mit einzubringen. Wir begleiten das Ganze nur und bleiben Ansprechpartner. Wir wollen moderieren, nicht vorgeben! Die Gesprächsthemen werden jedenfalls allein von den Jugendlichen vorgegeben.

Talha:
Genau. Schließlich machen wir keinen Frontalunterricht, sondern einen Workshop. Wir lesen Texte, Werke und Artikel durch. Im Anschluss gibt’s dazu ein Frage-/Antwortspiel, die Jugendlichen sollen dabei möglichst gut untereinander ins Gespräch gekommen. Ihre Vielfalt bringt eine schöne Dynamik in die Gespräche hinein: Manche der jungen Leute kennen sich bereits, manche auch nicht. Der Eine studiert bereits, während ein Anderer noch mit dem Abitur beschäftigt ist. Egal, in welcher Situation sich ein Teilnehmer befindet: Hier findet er den Raum vor, in dem er sich ganz frei und ohne Druck von außen aussprechen und austauschen kann. Hier wird niemand be- oder verurteilt, das ist uns ganz wichtig.
Zwei weitere Säulen unserer Arbeit sind außerdem Ausflüge und Sport. Vor dem Jugendklub lädt ein Fußballkäfig zum Kicken ein, auch Basketball kann gespielt werden. Solche Sachen sind gleichfalls wichtiger Bestandteil unseres Angebots!

Lydia Zoubek:
Leider hört man aber auch immer wieder von Jugendlichen, die mit dem Gedanken spielen, in den Dschihad zu ziehen. Kannst du mir sagen, was junge Erwachsene zu solchen Überlegungen treibt? Was bewegt sie dazu, eine solche Richtung einzuschlagen?

Tarik:
Ja, leider. Hinter solchen Absichten können ganz unterschiedliche Motivationen stecken. Man kann nicht pauschal sagen, dass ein ganz bestimmter Schlag von Jugendlichen eine spezielle Neigung hin zur Radikalisierung hätte. Genauso wenig, wie es ein Patentrezept dafür gibt, sie von solchen Überlegungen abzubringen.
Eine große Rolle hierbei spielt aber die ganz eigene Biografie eines jeden jungen Menschen.
Ein Video auf YouTube allein macht einen Jugendlichen noch lange nicht zum Dschihad-Kämpfer, oftmals sind Ursachen für eine spätere Radikalisierung bereits in früher Kindheit zu finden. Wenn in der Vergangenheit etwas geschehen ist, das bei den Jugendlichen bestimmte Dinge und Verhaltensweisen ausgelöst hat, wenn sie bereits als Kind Diskriminierungen ausgesetzt waren und deswegen gegenüber der Gesellschaft eine gewisse Abneigung erfahren haben – dann laufen sie Gefahr, auf eine schiefe Bahn zu geraten. Oftmals haben sie schlichtweg nicht gelernt, anderweitig mit solchen Erfahrungen umzugehen und ihre Wut zu kanalisieren.
Auf all diese verschiedenen persönlichen Geschichten müssen wir uns ganz individuell einstellen. Da gibt es sehr emotionale Jugendliche, die sich leicht mit Mitleid ködern lassen, deren Wut leicht entfacht werden kann. Es gibt aber auch solche, die aus tiefer religiöser Überzeugung den radikalen Weg einschlagen. Für sie ist das Wort eines Predigers quasi Gesetz.

Talha:
Und natürlich spielt auch die Gruppendynamik eine große Rolle. Für viele junge Menschen stellt sich in radikalen Kreisen erstmals ein Gefühl der Zugehörigkeit ein. Dieses Gefühl lässt sie dann oftmals auch fatale Wege beschreiten.
Wir müssen uns die Frage stellen: Wie kann es sein, dass sich in einer Gesellschaft, der es an nichts mangelt, Menschen derart abkapseln? Ich persönlich bin der Meinung, dass hier etwas schiefläuft, dass eine soziale Schieflage existiert.
Wer sozial nicht ausreichend gefestigt ist, egal ob in Elternhaus oder Freundeskreis, wenn jemand nicht über ausreichende Ressourcen verfügt, um dem Erwartungsdruck unserer Gesellschaft standzuhalten – dann besteht die Gefahr, dass er in alternative soziale Netze abdriftet. Doch diese sind niemals eine positive Alternative!
Anerkennung und Geborgenheit sind Grundbedürfnisse eines jeden Menschen. Und es ist fatal, wenn diese nur noch innerhalb radikaler Kreise gestillt werden. Menschen, die sich ein Leben außerhalb dieser Strukturen schon gar nicht mehr vorstellen können, sind besonders anfällig für fatale Handlungen. Die religiöse Ideologie ist da eigentlich zweitrangig. Unsere Aufgabe ist es, ihnen anderweitig Anerkennung und Geborgenheit zu vermitteln – und sie schließlich als verlässlicher Partner beim Ausstieg aus der radikalen Szene zu begleiten.

Talha:
Einem Großteil unserer Jugendlicher – ich würde mal sagen, bei über 90 Prozent! – fehlt eine Vaterfigur. Auch das allein bedeutet natürlich nicht, dass potentiell alle von ihnen gefährdet sind. Aber diese fehlende Vaterfigur löst eben etwas in einem Jugendlichen aus, sie versuchen, diese Lücke zu füllen. Und leider sind es manchmal alleine radikale Gruppen, die diese Lücke zu füllen vermögen.

Lydia Zoubek:
Konkret bedeutet das also, dem Jugendlichen fehlt ein männliches Vorbild, das er irgendwann innerhalb einer radikalen Gruppe finden kann. Sie fühlen sich endlich ernst genommen.
Nun frage ich mich: Wie erreicht ihr einen solchen Jugendlichen? Wie findet ihr Zugang?

Tarik:
Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten Menschen zu erreichen. Da gibt es die klassischen Methoden der Sozialarbeit, da gibt es die aufsuchende Jugendarbeit. Es gibt viele Wege, nicht alle führen bei jedem zum Ziel. Zum Glück gibt es außerdem noch zahlreiche andere Institutionen, an die wir verweisen können, wenn jemand Hilfe sucht.
Seit drei Jahren arbeiten wir auch mit gefährdeten Extremisten und Radikalisierten. Hier ist es ganz wichtig, jemandem eine langfristige Begleitung an die Seite zu stellen, damit der Erfolg eines Ausstiegs gewährleistet werden kann. Es ist nicht immer einfach, mit unseren begrenzten Mitteln eine solche langfristige Partnerschaft zu erhalten. Auch unseren Möglichkeiten sind leider Grenzen gesetzt. Viel wichtiger ist es, sich zu fragen: Wie kann man von vornerein verhindern, dass junge Menschen in radikale Richtungen abgleiten? Es gilt, die Ursachen zu bekämpfen, weit bevor es zu spät ist und sich ein Mensch radikalisiert hat. Wenn das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen ist, kann ich nur noch versuchen, es zu retten und aus der Szene zurück zu holen.
Diese Gedanken müssen bundesweit gemacht werden, genau wie es ein bundesweites Netz von Anlaufstellen geben muss, wo junge Menschen sich gut aufgehoben fühlen und über all das sprechen können, was sie bewegt. So wie sie das auch bei uns tun können. Unser Einflussgebiet ist natürlich begrenzt – doch wir sind absolute Lokalpatrioten! Wir haben Lust auf die Menschen unserer Heimat, wir haben Lust auf Community. Und die soll natürlich genauso Lust auf uns haben! Wir sind neugierig auf sie, unterbreiten ihnen ein Angebot. Und freuen uns immer wieder, wenn sie darauf eingehen!

Talha:
Genau. Eben das, was man „gelungene Bildungsarbeit“ nennt!

Lydia Zoubek:
Das bedeutet also auch, dass junge Leute zu euch kommen können, ohne Angst vor etwaigen Konsequenzen haben zu müssen? Ich kann mir gut vorstellen, dass sie oft Angst haben, dass ihre Eltern etwas über ihre Besuche bei euch erfahren…

Tarik:
Damit hast du voll und ganz Recht! Genau legen wir so großen Wert darauf, einen ganz unabhängigen und diskreten Raum anzubieten. Sonst wäre das Projekt wohl zwecklos.

Lydia Zoubek:
Und wenn die jungen Leute von euch überzeugt sind, dann können sie jederzeit wieder zu euch kommen?

Talha:
Genau. Ich habe feste Zeiten, in denen ich im Büro anzutreffen bin. Egal, ob jemand kommt oder nicht. Und wenn ich dort sitze, dann bin ich bereit, über alle Themen zu sprechen und ein offenes Ohr zu haben. Egal, ob nun nur Einer, ob zehn oder ob zwanzig Leute kommen!
Und sollte ich mal überrannt werden, dann ist das auch kein Problem:
Dann höre ich mir die einzelnen Anliegen genau an und schaffe danach Gruppen mit den Leuten, die momentan dasselbe beschäftigt. Da gibt es nämlich sowohl große Gemeinsamkeiten als auch große Unterschiede!

Tarik:
Wir betreiben ja auch ganz bewusst keine Präventionsarbeit, das können wir gar nicht leisten. Wir betreiben Bildungsarbeit. Viele Arbeitskonzepte gegen Extremismus zielen auf das Narrativ innerhalb extremistischer Gruppierungen ab. Wir finden allerdings, dass dies sehr antagonistisch wirkt. Wir glauben, das ist eine zu wenig erfolgversprechende, eine zu wenig positive Art, jungen Menschen entgegen zu treten. Wir wollen narrativ im positiven Sinne sein; unabhängig von althergebrachten Konzepten zur Extremismus-Arbeit.
Ich halte mich nicht an irgendwelche starren Vorgaben pädagogischer Konzepte, ich orientiere mich allein an den Bedürfnissen der Jungen und Mädchen, die unsere Hilfe suchen. Deswegen schreiben wir auch keine Gesprächsinhalte vor. Wir fragen nur: „Was beschäftigt euch? Was denkt ihr darüber?  Woran glaubt ihr selbst? Wie geht ihr damit um?“. Ich will mal ein Beispiel bringen: Ein Großteil der Jugendlichen, die zu uns kommen, sind Muslime. Doch das bedeutet doch noch lange nicht, dass wir sie wie eine große, homogene Masse behandeln können! Wir schauen genau hin, hören uns genau an: Wo sind die Unterschiede? Wo liegen Gemeinsamkeiten? Ein Mensch besteht doch nicht allein aus seinem Glauben! Wir bemühen uns sehr, auch den Jugendlichen einen solchen differenzierten Blick zu vermitteln – denn oftmals haben sie bereits ein sehr pauschales Weltbild entwickelt.

Lydia Zoubek:
Der muslimische Glaube also als nur eine Eigenschaft von vielen?

Talha:
Ganz genau! Oftmals werden auch die Jugendlichen selbst von der Gesellschaft stigmatisiert, auf ihren Glauben reduziert. Oder aber: Niemand interessiert sich für ihren Glauben, weder Schule noch außerschulische Angebote.
Es gilt, hier einen Mittelweg zu finden. Ich zum Beispiel bezeichne mich gern als „Bremer Muslim“. Viele Fragen dann: „Wieso Bremer? Du bist doch Türke!“. Darauf entgegne ich dann: „Natürlich habe ich türkische Wurzeln, aber ich bin nicht in diesem Land aufgewachsen. Meine Kultur ist auch die Bremer Kultur. Und das empfinde ich als Bereicherung!“. Die Jugendlichen bezeichnen sich auch oft selbst als „Jugendliche mit Migrationshintergrund“. Diesen Begriff finde ich furchtbar! Wir sprechen viel lieber von „Jugendlichen mit kulturellen Zusatzqualifikationen“, wenn wir von ihnen sprechen. Das klingt doch deutlich positiver, oder? Auch und gerade für die Jugendlichen. Sie sehen sich dann nicht mehr als ein Halb-Halb-Wesen, sondern können ihre kulturelle Abstammung verbunden mit dem Ort, an dem sie leben, als doppeltes Glück empfinden. Sie kennen mehrere Sprachen, mehrere Esskulturen, mehrere Weltansichten – ist das nicht tatsächlich eine große Bereicherung?
Natürlich ist Religion immer ein wichtiger Aspekt. Religion wird in der sozialen Arbeit leider häufig auch vernachlässigt. Auch Religion muss Raum finden! Religion ist im Alltag überall ein Thema, dem kann man sich nicht entziehen. Und dafür brauchen die jungen Leute ein gewisses Grundlagenwissen. Neulich sind wir zum Beispiel in einer religiös gemischten Gruppe auf Jesus zu sprechen gekommen. Das war für alle sehr spannend! Auch über den Stammvater Abraham haben wir uns unterhalten, der für Juden, Christen wie auch Muslime eine große Bedeutung hat. Und die Jugendlichen waren begeistert! Sie wollten mehr erfahren, fragten mich sogar nach Empfehlungen für Lektüre.

Lydia Zoubek:
Lesen ist prima. Gibt’s deine Empfehlungen auch als E-Books?

Talha:
Na, das vermute ich doch! Wir treffen uns jedenfalls bald wieder mit der Gruppe, wir bringen Kekse mit und lesen gemeinsam.

Lydia Zoubek:
Gerne werde ich dieses Interview um einige deiner Lese-Tipps ergänzen!

Talha:
Aber noch einmal zurück zu unseren Jugendlichen: Ich hatte ja schon erwähnt, dass es ganz wichtig ist, vorhandenes Potential zu entdecken und anschließend zu fördern und in eine positive Richtung zu lenken. Um die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie stehen, haben wir uns ein Konzept für Ideenwerkstätten überlegt. In diesen soll eigenes Potential entdeckt und Begeisterung entfacht werden.
Als konkretes Beispiel haben wir uns eine Schreibwerkstatt überlegt. Sie können sich von Bloggern und Autoren inspirieren lassen und anschließend selbst tätig werden. Eine weitere Idee wäre auch eine Kunstwerkstatt, in der gemalt und gezeichnet werden kann. Warum sollten nicht auch Begriffe wie „Zusammenleben“ oder „Toleranz“ künstlerisch dargestellt und anschließend vielleicht in einer Art Vernissage ausgestellt werden? Ich bin sicher, das würde sogar auf großes Interesse stoßen – und die Jugendlichen könnten stolz auf sich und ihre Kunstwerke sein!
asselbe gilt natürlich auch für eine Musikwerkstatt. Und unsere „Teestube“ mag ich auch nicht vergessen zu erwähnen, wo sich ganz zwanglos auf einen Tee getroffen und geplaudert werden kann.

Lydia Zoubek:
Vergleichbar mit dem „Café Grenzenlos“ in Neu-Isenburg? Ich war selbst leider noch nicht dort, aber ich musste eben daran denken.

Talha:
Genau! Darf ich noch von einer weiteren Idee erzählen? Nämlich den „Tag der Gebetsstätten“. Ich musste feststellen, dass kaum ein Zehntklässler jemals in einer Synagoge war. Das hat mich wirklich schockiert! Ich wollte daran etwas ändern, mit den Jugendlichen Gebetsstätten aller Religionen besuchen. Gerade das Rhein-Main-Gebiet strotzt doch nur so vor Vielfalt: Synagogen, Kirchen aller Art, Moscheen, sogar buddhistische Tempel! Solche Besuche sind sehr wertvoll und bauen Vorurteile ab.

Lydia Zoubek:
Wo du es gerade ansprichst: Ich finde Kirchen faszinierend! Jede von ihnen hat ihre ganz eigene Geschichte. Und an vielen wurde jahrzehntelang gebaut! Der Baumeister wusste quasi von vornherein, dass er die Fertigstellung nie erleben wird. Das finde ich total spannend!

Talha:
Allerdings! Wenn du dann noch einen Vertreter der Gebetsstätte dafür gewinnen kannst, seine Religion ganz unbefangen vorzustellen und zu erzählen, was seine Religion für ihn bedeutet – dann gelingt ein ganz wunderbarer Perspektivwechsel.
Lydia Zoubek:
Ein Bau als Gebetsstätte tut ja erst einmal niemandem was. Dennoch höre ich immer wieder Muslime sagen, sie würden niemals eine christliche Kirche betreten.
Talha:
… umso wichtiger, zu zeigen, dass allein durch einen Besuch niemand seinen eigenen Glauben verliert!

Tarik:
Ganz genau! Es geht lediglich darum, Berührungsängste und Vorurteile abzubauen. Einfach nur, aufeinander zuzugehen. „Aufstehen, aufeinander zugehen, voneinander lernen, miteinander umzugehen“ – von wem war dieses Lied doch gleich?

Lydia Zoubek:
Hey, den Song kenne ich! Aber frag‘ mich nicht, von wem das ist und wie es heißt…
[ANMERKUNG DES TRANSKRIPTORS:
„Aufstehen, aufeinander zugehen“ vom Interpreten Sven Schumacher]

Tarik:
Was zählt, ist am Ende zu vermitteln: Auf einen Menschen kann man zugehen und mit ihm ganz unverbindlich und vorbehaltlos sprechen. Niemand muss deswegen irgendeinen anderen Glauben annehmen, jeder darf denken und glauben, was er möchte. Ein solcher Austausch hat nichts mit einem „Missionieren“ zu tun!

Lydia Zoubek:
Ich bin sowieso ein großer Fan davon, sich Bauten anzuschauen. Da steckt so viel drin! Architektur, Mathematik, Physik… und natürlich Leidenschaft! Und Kommunikation! Wie haben die Bauarbeiter früher nur miteinander kommuniziert? Viele konnten ja gar nicht lesen und schreiben… Haben sie wohl gezeichnet? Und wenn ja, mit was? Alte Gebäude werfen so viele Fragen auf!

Tarik:
Mir ist dazu noch ein schöner Begriff für unser Handeln eingefallen: „Wir stärken das Wir“. Denn das „Wir“ soll kein abgrenzender Begriff sein, sondern ein Begriff einer allumfassenden Gemeinschaft!

Lydia Zoubek:
Ich bin mir sicher, einige meiner Leser würden euch nun gerne unterstützen. Wie können sie das tun? Welche konkrete Hilfe könnt ihr brauchen?

Talha:
Die größte Hilfe ist sicherlich, einfach mal vorbeizuschauen. Egal, ob ein Leser selbst Hilfe sucht oder sich einfach einbringen möchten:
Wir sind Mittwochabends zwischen 19.00 und 20.30 im Jugendbüro. Ein Jeder ist ganz herzlich eingeladen, uns zu besuchen! Fragt uns, sprecht mit uns. Kommt auf uns zu, lasst uns gemeinsam Vorbehalte abbauen!

Tarik:
Außerdem kann man uns auch als Kooperationspartner unterstützen! Wir sind tätig im Präventionsrat der Stadt Neu-Isenburg und wollen Seminare in der Gedenkstätte Bertha Pappenheim anbieten. Wenn jemand Interesse hat, dabei mit uns zusammenzuarbeiten, darf er sich gerne bei uns vorstellen! Vielleicht stellen wir ja anschließend ein gelungenes Seminarkonzept auf die Beine!

Talha:
… und begnadete Künstler, Musiker und Maler können uns natürlich bei unseren Ideenworkshops unterstützen!

Tarik:
Darüber würde auch ich mich sehr freuen!
Das würde auch mich sehr freuen!

der Verein Insan e. V. ist in Neu-Isenburg ansässig. Hier geht es zum entsprechenden Auftritt auf Facebook. Außerdem ist eine Homepage in Arbeit. Diese findet Ihr hier.

Und nun lade ich Euch ein in den Kommentaren über diesen Beitrag zu diskutieren.

Für Selbstverständlichkeiten bewundert werden

Auf dem Beitragsfoto sitzt Susanne Aatz an einem Tisch. Ihre Finger gleiten lesend über eine mobile Braillezeile. Sie ist heute meine Gastautorin.

Susanne ist 42 Jahre alt, gesetzlich blind und lebt in Hamburg. Die Dipl. Pädagogin und Peer Counselorin (ISL) ist ehrenamtlich in der Blindenselbsthilfe Hamburg tätig.

Für Selbstverständlichkeiten bewundert werden

 Ich bin gesetzlich blind und mehrfach behindert, habe aber noch einen kleinen Sehrest.

Oft sind meine Mitmenschen neugierig. Sie können sich nicht vorstellen, wie ich bestimmte Tätigkeiten im Alltag verrichte, ohne voll zu sehen. Ich muss viel erklären und höre oft: „bewundernswert, wie sie das alles machen!“ „Für mich ist das normal!“ sage ich dann! „Echt bewundernswert!“ lautet die Antwort.

Ich investiere an guten Tagen viel Zeit, um meine Umwelt aufzuklären. Für ein gutes Gespräch verpasse ich dann schon mal eine Bahn.

Manchmal bin ich aber verwundert und auch genervt, wie uninformiert manche Menschen, trotz moderner Medien sind. Ich fühle mich dann wie das Äffchen im Zoo, das unter Staunen und Gelächter der Zuschauer Kunststückchen vorführt.

Häufig (aus)gefragt werden und erklären müssen, dass ich alltägliche Handgriffe, z. B. im Haushalt selbstverständlich beherrsche, kann mühsam sein und erschöpfen. Besondere Härtefälle können sich noch nicht einmal vorstellen, dass ich ohne fremde Hilfe essen duschen oder mich alleine anziehen kann. Und egal wie gut ich erkläre, am Ende glauben diese Härtefälle noch immer an die 24 Stundenbetreuung.

Eine befriedigende Antwort, wieso das so schwierig zu vermitteln ist, habe ich bis heute nicht. Ich kann nur vermuten, dass es daran liegt, dass Menschen mit Behinderung auf der Straße nicht so oft in Erscheinung treten. Das haben sie mit dem Äffchen im Zirkus gemeinsam. Auch das findet man nicht unbedingt auf der Straße.

Ich kann nicht behaupten, nicht gesehen zu werden. Aber die meisten Menschen fragen oft nur: „Können sie lesen?“ Nicht dass ich lesen kann sollte Thema sein, sondern für welche Lektüre ich mich interessiere. Vielleicht Teilen der Fragesteller und ich ein gemeinsames Interesse für historische Romane oder Psychologie.

Vielen von uns geht es so. Und wenn wir uns austauschen, dann bin oft ich diejenige, die sagt:

„Bewundernswert, wie viel Geduld Ihr mit sehenden Mitmenschen so habt!“, „Ich habe sie oft nicht!“

Ich danke meiner Gastautorin für diesen Beitrag. Mein Dank gilt auch Linn Voß für das Beitragsfoto. Bei ihr liegen auch die Rechte dafür.

Das mit der Bewunderung für selbstverständliche Tätigkeiten kenne ich nur zu gut. Wenn ich von meiner Arbeit als Bloggerin erzähle, dann werde ich entweder dafür bewundert, dass ich alleine schreiben kann, oder werde auch mal gefragt wer denn für mich schreibt. Und besonders Technikfreudige Zeitgenossen mutmaßen dann, dass durch die Möglichkeit der Spracheingabe nun auch blinde Personen einen Text auf den PC oder das Smartphone bringen können. Für Letztere sei gesagt: „Auch blinde Kinder gehen zur Schule. Und stellt Euch vor, die lernen sogar lesen und schreiben, wie Ihr auch.“ Man darf mich gern dafür bewundern, dass ich gute Beiträge schreibe. Nicht aber dafür, dass ich lesen und schreiben kann. Ich mache das nur etwas anders als eine normal sehende Person.

Und jetzt lade ich Euch ein in den Kommentaren auf meinem Blog darüber zu diskutieren.

 

Barrierefrei bloggen auf WordPress

Seit ich einen eigenen Blog betreibe, beschäftigt mich das Thema Barrierefreiheit immer wieder. Durch meine Arbeit lerne ich stets interessante Blogger kennen, deren Beiträge ich gerne verfolge, liken oder kommentieren würde. Ein Blog, der mehr Bilder als Text beinhaltet, ist für mich quasi nicht wahrnehmbar. Ein Beitrag, der durch ein grafisches Captcha geschützt ist, kann von mir nicht kommentiert werden. Und ein Beitrag, der so richtig schön kontrastarm gestaltet ist, mag für normal sehende Leser wunderschön aussehen. Für Leser mit einer Sehbehinderung ist es nur anstrengend. Als blendempfindliche Leserin kann ich ein Lied davon singen.

Ich weiß, dass hier kein böser Wille dahinter steckt, sondern einfach Unwissenheit über unseren Personenkreis. Daher möchte ich versuchen etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Auf meine Nachfrage hin hat Domingos de Oliveira mir den folgenden Text zur Verfügung gestellt. Er arbeitet als Dozent, Berater und Speaker zur digitalen Barrierefreiheit. Er arbeitet als einer der wenigen blinden Experten für Barrierefreiheit. Auf seinem Link Blog http://www.oliveira-online.net/wordpress/index.php/willkommen-auf-der-website-von-domingos-de-oliveira/ schreibt er über Blindheit und Technologie.

WordPress ist sicherlich das beliebteste Blogging-System überhaupt. Ganz nebenbei hat es sich auch für viele Website-Anbieter zum bevorzugten Redaktionssystem entwickelt. In diesem Artikel erkläre ich, wie man mit WordPress barrierefreier werden kann.

Die Wahl des Themes

WordPress lässt sich als Framework betrachten, das sich an unterschiedliche Ansprüche anpassen lässt. Das gilt insbesondere für das Layout. Die Wenigsten werden sich mit den Standard-Themes von WordPress begnügen. Sie sind allerdings relativ barrierefrei. Bei Pressengers findet ihr eine Auswahl barrierefreier Themes.
Bei Themes von Dritt-Anbietern müsst ihr selbst prüfen, ob sie barrierefrei sind. Ist euch eine Website bekannt, die das Theme bereits einsetzt, könnt ihr diese automatisch mit einem Tool wie WAVE oder manuell mit einem Prüfverfahren wie dem BITV-Test prüfen. Fragt ruhig auch bei dem Entwickler nach, ob das Theme barrierefrei ist. Vor allem, wenn das Theme kostenpflichtig ist, sollte der Entwickler solche Anforderungen berücksichtigen. Außerdem schafft ihr so ein Bewusstsein dafür, dass eine Nachfrage nach barrierefreien Themes besteht.
Entwickelt ihr selber ein Theme, bietet WordPress selbst Infos zur Barrierefreiheit. Den Link findet ihr am Ende des Artikels.

Texte

Der WordPress-Texteditor TinyMCE bringt leider nicht alle nötigen Funktionen zur barrierefreien Texterstellung mit. Es fehlen zum Beispiel Befehle für Zwischenüberschriften oder Abkürzungen. Die Auszeichnung von Zwischenüberschriften, Listen und weiteren Elementen erleichtert es Blinden zu erkennen, welche Aufgabe das Element hat. Ihr seht einen fett gedruckten und abgesetzten Text und wisst, dass das eine Zwischenüberschrift ist. Blinde nehmen das nicht wahr. Für ihre Hilfssoftware wird die Information, welche Aufgabe ein Stück Text hat, über HTML-Auszeichnungen vermittelt. Außer Zwischenüberschriften können auch Listen, Zitate sowie Abkürzungen ausgezeichnet werden.
Um diese Auszeichnungen mit einem grafischen Editor zu erstellen, benötigt ihr das Plugin TinyMCE Advanced.
Wenn ihr ein wenig HTML beherrscht, benötigt ihr keinen weiteren Editor. Schaltet den Texteditor auf HTML um und gebt die entsprechenden Auszeichnungen händisch ein. Die wenigen Auszeichnungsbefehle sind schnell erlernt.

Bilder

WordPress bietet gute Möglichkeiten, Bilder mit alternativen Beschreibungen zu versehen. Das ist wichtig für Blinde oder Sehbehinderte, die das Bild nicht sehen oder nicht erkennen können.
Die Optionen zur Bildbeschreibung werden in der Mediathek in der rechten Spalte angezeigt. Ist das Bild ausgewählt, könnt ihr Alternativtext oder Titel festlegen.
Der Alternativtext wird Blinden vorgelesen. Der Titel wird angezeigt, wenn ihr mit dem Mauscursor über das Bild fahrt. Er richtet sich also eher an Sehbehinderte. Alternativtext und Titel dürfen identisch sein, da die Hilfssoftware von Blinden jeweils nur eines von beidem vorliest. Allerdings schlagen Plugins wie Access Monitor an, wenn die beiden Texte gleich sind. Das Tool geht in solchen Fällen davon aus, dass die Felder automatisch befüllt wurden.
Als Faustregel gilt: Blinde können das Bild nicht sehen und benötigen grundlegende Infos: Was ist überhaupt auf dem Bild zu sehen. Zum Beispiel „Das Diagramm zeigt die Geschäftsentwicklung 2015“. Die Werte dazu sollten natürlich in einer Tabelle oder im Fließtext stehen. Sehbehinderte haben eventuell Probleme, den Bild-Inhalt zu erkennen, ihnen hilft daher eine allgemeinere Beschreibung des Bildaufbaus. Zum Beispiel: „Das Säulendiagramm zeigt die Geschäftsentwicklung des Jahres 2015, die einzelnen Säulen bilden die Monate ab“. .

Plugins

Zuletzt möchte ich noch auf ein paar Plugins hinweisen, die eventuell hilfreich sind. Wer diese Plugins installiert, ist sicher nicht barrierefrei, umgekehrt muss man diese Plugins nicht installieren, um barrierefrei zu werden. Ich zeige lediglich, welche Möglichkeiten es gibt.Von allen genannten Plugins gibt es kostenlose Varianten.
ReadSpeaker integriert eine Vorlesefunktion für eure Webseite. Die Sprachmelodie ist eher gewöhnungsbedürftig, es mag aber für manch Lese- oder Sehbehinderten hilfreich sein. Es gibt eine kostenlose und eine kostenpflichtige Variante. Die kostenlose Variante ist beschränkt, was die Zahl der vorgelesenen Artikel angeht. Außerdem stehen weniger Optionen zur Verfügung. Der IT-Nachrichtendienst Heise Online bietet eine ähnliche Vorlesefunktion, ihr könnt sie dort ausprobieren.
Hurraki ist ein Wörterbuch, das Alltagsbegriffe in einfacher Sprache erläutert. Das Plugin hurrakify ermöglicht es, sich zu einzelnen Begriffen aus einem Text Erläuterungen aus Hurraki anzeigen zu lassen. ,
Der Access Monitor prüft eure WordPress-Inhalte auf Barrierefreiheit. Wie alle automatischen Testtools benötigt man Erfahrung mit digitaler Barrierefreiheit oder viel Zeit, um die einzelnen Fehlermeldungen nachvollziehen zu können. Das Tool kann euch auch nicht sagen, ob Bilder einen sinnvollen Alternativtext haben, das müsst ihr selbst entscheiden. Auch hier handelt es sich um ein Freemium-Modell. Es gibt eine kostenlose sowie eine kostenpflichtige Variante.
WP Accessibility rüstet eine Textvergrößerungsfunktion sowie eine Kontrastansicht für WordPress nach. Solche Funktionen waren früher der letzte Schrei in Barrierefreiheits-Kreisen, gelten aber seit einigen Jahren als unerwünscht. Es wird argumentiert, dass die Betriebssysteme, die Browser und die Hilfstechnik diese Aufgaben besser lösen als die fehleranfälligen Webseiten-Funktionen. Das ist sicherlich korrekt, aber es gibt tatsächlich noch Menschen, die nicht wissen, wie sie Text vergrößern oder eine kontrastreiche Ansicht aktivieren und sie sind dankbar für diese kleinen Hilfen. Und die Anderen nehmen auch keinen Schaden, solange die Regeln der Barrierefreiheit bei der Themegestaltung berücksichtigt wurden.

Zum Weiterlesen

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blind fernsehen oder ins Kino gehen

Heute beantworte ich in einem Workshop Fragen zu meiner Sehbehinderung. Ein Kind fragt mich, ob ich einen Fernseher besitze. Ja, tue ich. Erstaunen macht sich breit, bis ein Teilnehmer anmerkt, dass der Fernseher sicher für meine Kinder da ist. Nein, ist er nicht. Jedenfalls nicht ausschließlich. Denn auch ich sehe ab und zu fern, wenn mich eine Sendung, eine Serie oder ein Film interessiert.

Und auch das Kino ist inzwischen einen Ausflug wert. Während ich früher auch schon mal meine Begleitung nach dem Geschehen auf der Leinwand fragen musste, gibt es inzwischen Möglichkeiten auch ohne sehende Hilfe einen Fernsehfilm oder einen Kinofilm zu verfolgen. Darüber schreibt mein heutiger Gastautor Wilhelm Gerike. Wenn’s laut ist, schießt James Bond, wenn’s leise ist, küsst er

Bei geburtsblinden Menschen nimmt man gemeinhin an, dass sie sich nicht für das Medium Fernsehen oder Kino interessieren. Bei mir – und bei sehr vielen von Geburt an blinden Menschen, die ich kenne, – ist dies anders: Wir interessieren uns dafür, was auf der Mattscheibe erscheint. 

Meine frühesten Erinnerungen an Sendungen im Fernsehen gehen auf das Jahr 1974 zurück. Damals gewann die Mannschaft der Bundesrepublik Deutschland die Fußballweltmeisterschaft. Ich kann mich vor allem gut an die künstlerischen Darbietungen vor dem Spiel und in der Halbzeitpause erinnern. Da gab es viel Musik und Tanz. Das Spiel mit dem Kommentar des immer etwas brummig wirkenden Rudi Michel habe ich mir viele Jahre Später auf DVD angesehen.

Natürlich gehörte die ZDF-Hitparade zu meinen Highlights: Eine Sendung, bei der mir nichts erklärt werden musste.

Sport im Fernsehen gehört seit meiner Kindheit zu meinen Leidenschaften. Ich habe gelernt, mich anhand der Geräusche zu orientieren. Am Leichtesten kann ich das am Verlauf eines Tennis-Spiels erklären: Der Aufschläger nimmt sich den Ball und lässt ihn auftippen. Dann wird es ganz ruhig, als er ihn hoch wirft. Dann kommt jenes Flopp-Geräusch, das jeder kennt, der schon einmal Tennis gesehen hat. Es gilt den Ball über das Netz zu bekommen. Gelingt dies, kann der Gegenspieler den Ball erreichen und ihn seinerseits über das Netz bekommen. Irgendwann ruft der Schiedsrichter laut „out“, der Ball knallt gegen die Bande oder landet im Netz. Man muss einfach mitzählen, wie oft der Ball über das Netz fliegt. Ist die Zahl ungerade und der Ball landet nicht im Netz, bekommt der Aufschläger den Punkt. Ist dagegen die Zahl gerade und der Ball landet nicht im Netz, kann sich der Rückschläger freuen. Das klingt anfangs sehr kompliziert, wird aber im Laufe der Zeit zur Routine. Wie man sich denken kann, gehören Eiskunstlaufen, Rhythmische Sportgymnastik und Kunstturnen zu den Sportarten, die ich meide. 

Bei Filmen und Serien tue ich mich natürlich schwerer: Wenn sich der Bösewicht von hinten an sein ahnungsloses Opfer anschleicht und lediglich spannungsreiche Musik zu hören ist, bin ich verloren. Ein gutes Beispiel hierfür ist Steven Spielbergs „Der weiße Hai“. Gäbe es die Musik nicht, bekäme ich gar  nicht mit, dass der Hai im Anmarsch ist. Und auch Loriots genialer Sketch „Die Nudel“ erschließt sich für mich eher nicht.

Seit etwa 25 Jahren gibt es dafür Gott sei Dank Abhilfe: Bei der Audiodeskription werden in den Dialogpausen die wichtigsten Szenen kurz erklärt. So bekomme ich auch mit, wenn Kommissar Thiel im Münsteraner „Tatort“ das Fahrrad geklaut wird oder sein Kollege Borowski aus Kiel ausgerechnet dann auf die Hörnbrücke kommt, als sie gerade hochgeklappt wird. Auch für das Kino, das ich sehr liebe, gibt es seit einiger Zeit eine wirklich pfiffige Lösung: Die App „Greta & Starks“ erlaubt es, den Hörfilmton auf sein Smartphone herunterzuladen. Im Kino synchronisiert sie dann diese Tonspur mit dem Ton des Kinofilms. Ich muss mir dann nur noch die Ohrhörer in die Ohren stopfen und dann habe auch ich mein Kino-Erlebnis. Die Soundanlagen dort sind naturgemäß viel besser als das häusliche Equipment. 

Und James Bond? Da gibt es inzwischen auch etliche Filme mit Bildbeschreibung. Das ist natürlich erheblich besser, als sich die Handlung irgendwie anhand der Geräusche zusammenzustoppeln.

Ich will nicht unerwähnt lassen, dass die privaten Fernsehanbieter keine Hörfilme ausstrahlen, obwohl diese Möglichkeit gegeben ist. Hierzulande müssen alle Filmproduktionen, die von der Bundesfilmförderung eine finanzielle Unterstützung erhalten, eine Hörfilmfassung erstellen.Ich danke meinem Gastautor für diese Erklärung. Ich selbst finde es schön mit meinen sehenden Kindern oder blinden freunden einen Film ansehen zu können, ohne eine andere Person Fragen zu müssen, wenn mal was nicht gesprochen wird. Im Kino lasse ich die Tonspur meiner Smartphone App laufen, und kann mich nach dem Film mit anderen austauschen, wenn ich das möchte.Weitere Informationen zum Thema Hörfilm gibt es Link hier http://www.hoerfilm.de . Und wer wissen möchte welche Kinofilme eine Audiospur haben, der kann mal in der App Greta von Greta & Starks stöbern. Hier ist der Link zur Link Greta https://itunes.apple.com/de/app/greta/id793892423?mt=8 von Greta & Starks für das Iphone.Euch gefällt Dieser Beitrag, oder Ihr habt eine Ergänzung dazu? Dann sagt es mir in den Kommentaren, oder drückt auf „gefällt mir“. Und natürlich freue ich mich, wenn Ihr es weiter sagt. 

 

Die medizinische Tastuntersucherin, eine Berufliche Perspektive für blinde Frauen

Das Bild zeigt mich mit einem Skelett und einer Puppe, deren Brustregion durch 5 Streifen Unterteilt ist.

Vom Berufsbild der medizinischen Tastuntersucherin hatte ich schon gehört. Ich wusste auch, dass dieses Berufsbild blinden und stark sehbehinderten Frauen vorbehalten war. Mehr aber auch nicht.

Diese Bildungslücke schloss sich, als ich an einer Informations- und Eignungsveranstaltung teilnahm. Wir waren vier Frauen. Wir bekamen in drei Tagen ein bisschen Fachwissen vermittelt, medizinische Fachbegriffe erklärt und erste Techniken des systematischen Tastens vermittelt. Dieses Wissen wurde anschließend sowohl schriftlich als auch mündlich und praktisch geprüft. Ebenso wichtig waren Grundkenntnisse im Umgang mit dem PC und das Schreiben mit 10 Fingern, was ebenfalls geprüft wurde. Abschließend wurde uns im Einzelgespräch mitgeteilt inwieweit wir für dieses Berufsbild geeignet sind, und woran wir noch arbeiten sollten.

Nina Petrick von Discovering Hands stellte mir den folgenden Text zur Verfügung.

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