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Anregungen zum blind schminken

Meine heutige Gastautorin ist Jennifer Sonntag, die bereits die Beiträge Ich und Ehrenamt oder auch mal nicht für mich geschrieben hat. Auch diesmal greift sie ein Thema auf, welches unter Betroffenen immer wieder kontrovers diskutiert wird. Nämlich das Schminken als blinde Frau.

Der Geschmack von Lippenrot

Warum ich mir das Schminken nicht abschminke
Während sehende Frauen auf ein unüberschaubares Angebot an Beauty- und Schminkratgebern zurückgreifen können, gab es für blinde Geschlechtsgenossinnen in den letzten fast 50 Jahren nur eine mir bekannte, buchgewordene Schminkanleitung, die eine blinde Frau für andere blinde Frauen veröffentlichte. Es handelt sich um „Die Kunst des Schminkens“ von Dorothy Pirozzi, einem erblindeten Model aus Amerika. Da ich nicht weitere 50 Jahre warten wollte, entschloss ich mich, für blinde Schminkfreundinnen das Buch
„Der Geschmack von Lippenrot“ zu schreiben.
Mit meinem Wunsch, mit anderen blinden Frauen über dekorative Kosmetik in Austausch zu kommen, bin ich nicht allein. So durfte ich Gemeinsam mit der blinden YouTuberin Tina Sohrab zum Braille-Festival 2019, in einem Beauty-Talk Rede und Antwort zu unserer gemeinsamen Leidenschaft stehen. Die ebenfalls blinde Moderatorin der Veranstaltung, Hanna Reuther, interviewte Tina zu ihren Tutorials und mich zu meinem Ratgeber und auch das Fernsehen war vor Ort. Wegen so eines banalen Themas? Für uns sehbeeinträchtigte Frauen ist das nicht banal, weil wir, wie bei vielen anderen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten, ganz eigene Tricks und Kniffe erlernen müssen. Oft werden diese im Falle dekorativer Kosmetik von sehenden Profis vermittelt. Am bekanntesten sind wohl die Schminkkurse von Rene Koch, die er auf Wunsch blinder Frauen ins Leben rief und auf die er sich selbst in Dunkelexperimenten vorbereitete. Ich finde es super, wenn nun auch wir betroffenen Frauen selbst, wie damals Dorothy Pirozzi, diese Angebote als Expertinnen in eigener Sache ergänzen. Und ja, auch von blinden Männern kommen zunehmend Anfragen zu kosmetischen Belangen.

Oft habe ich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich mich für Beauty-Themen interessiere. Sogar nach einer ganz normalen Pflegebehandlung hatten andere Kundinnen meine Kosmetikerinnen gefragt, warum ich als Blinde dort hinginge. Diese Logik verstehe ich nicht. Soll ich, da ich erblindet bin, diese hilfreichen Routinen unterlassen, nur, weil ich das Ergebnis nicht sehe? Gerade die Besuche bei meiner Frisörin, Kosmetikerin oder Nagel-Designerin geben mir die Sicherheit, dass alles im Rahmen ist. Manchmal schminke ich mich dann zusätzlich noch gern ein bisschen. Hier tauchen dann weitere Fragezeichen auf: „Warum macht sie das, sie sieht es ja selber gar nicht?“ Da ich mir auch bei der Auswahl von Kleidung und Schmuck Gedanken um meinen Stil mache, ist der Lippenstift für mich dann das passende I-Tüpfelchen, ein geliebtes Markenzeichen.

Bereits als junges Mädchen trug ich mir gern Lippenstift auf. An unserer Sehbehindertenschule war ich mit meiner Freundin damals eher eine Ausnahme, was das Interesse für Schminkutensilien betraf. Eine strenge Lehrerin hatte mich sogar einmal richtig kräftig in den Hintern getreten, sodass ich in die Ranzenecke fiel. Dabei trug ich den Lippenstift im Schulhaus gar nicht, aber dass ich einen besaß, muss Ärgernis genug gewesen sein. Oder waren die gestylten Haare und das kurze Röckchen Stein des Anstoßes? Zum Trost gab es zwar einen Radiergummi, aber ich hatte gelernt, dass bei manch alter Reha-Pädagogin „Mädchenkram“ sowas wie der Ruch des Bösen war. Begründung: „Dann brauchst du dich nicht wundern, wenn dir was passiert“. Ich hätte mir statt dessen Selbststärkungskurse für junge sehbehinderte Mädchen gewünscht und gern auch blinde junge Frauen kennengelernt, mit denen ich mich hätte identifizieren können, da ich später auch erblinden sollte und mir kein Leben als graue Maus vorstellen wollte. Toll fand ich immer unsere Schulaufführungen, bei denen wir uns richtig rausputzen oder verkleiden durften, meist mit unserer Tanzgruppe und ja, gerade in diesen kreativen Bereichen gab es auch mehr Offenheit für unser Ausprobieren.

Ich verstehe es gut, wenn sich Frauen überhaupt nicht schminken wollen. Ich tue das privat auch eher selten. Mir ist nur wichtig, dass gerade blinde Frauen selbstbestimmt wählen können und sich nicht aus Mangel an Teilhabemöglichkeiten, also aus Not geboren, gegen etwas entscheiden müssen, was Ihnen eigentlich Freude bereitet. Für uns blinde Frauen ist der Markt an Möglichkeiten oft kleiner und barrierefreie Zugänge zu optischen Themen sind rar. Ich bin dann oft happy über den einen Krümel vom großen Beauty-Kuchen. Entscheidet Frau aber selbstbestimmt und nicht aus mangelnder Dazugehörigkeit, dass ihr der Lippenstift getrost gestohlen bleiben kann, dann finde ich das auch eine selbstbestimmte Wahl. Ich möchte dennoch nicht als oberflächlich verurteilt werden, weil ich mich auch gern mal schminke. Gerade weil ich doch eher ein tiefsinniger Mensch bin, der sich oft mit schweren Themen befassen muss, ist es für mich ein Ausgleich für die Seele, hin und wieder einfach mal in Lippenstiftfarben zu denken.

Bei meiner Fernseharbeit für die Sendung „Selbstbestimmt!“ lasse ich mich gern von meinen Make-up-Artistinnen unterstützen. Für ein richtiges HD-Make-up reichen meine alltagspraktischen Schminktechniken nicht aus, da müssen wirklich die Profis ran. Ich merke immer wieder, dass ich hier wirklich blindes Vertrauen brauche, denn gerade meine Augen reagieren sehr empfindlich und wir müssen uns gut darüber abstimmen, was in meinem Gesicht passieren soll. Hier bin ich auch tatsächlich manchmal etwas traurig darüber, dass andere Menschen später etwas im Fernsehen von mir anschauen werden, was ich selbst nur im Kopf kreieren kann. Da ich schon viele Jahre vor der Kamera arbeite, ist mir sehr bewusst, dass ich mich als Frau auch verändere, das ist auch ein Gefühl des Kontrollverlusts. Aber ich liebe die Beauty-Oase mit den Tiegeln, Tübchen, Paletten, Pinseln und Quasten, die vor jedem Drehtermin wie ein kleines Heiligtum aufgebaut wird. Und ich lerne dadurch auch immer wieder interessante Produkte kennen, die ich mir dann nachkaufe.

Wie ich mich ganz persönlich als blinde Frau, aber auch als Peer-Beraterin für andere blinde Frauen, dem Schminken mit Spürsinn genähert habe, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch „Der Geschmack von Lippenrot“. Oft werde ich gefragt, ob ich ein paar kurze Schminktipps geben kann. Gerade für blinde Frauen muss man etwas genauer beschreiben, deshalb ist kurz und knapp schwierig. Frau kann sich dann schnell vertun.  Ich versuche dennoch einige Einblicke zu geben, für detaillierte Schminkanleitungen sollten meine blinden Schminkfreundinnen aber lieber das Buch zur Hand nehmen.

Zunächst habe ich mich zu meinem Farbtyp und zu meinen Hautbedürfnissen beraten lassen. Danach wählte ich die passenden Produkte aus. Das war ein Prozess und ich lasse mich noch immer gern inspirieren. Die eigene Gesichtsform und alle Schminktechniken lernte ich in Ruhe durch Trockenübungen kennen. Ich selbst arbeite überwiegend mit Fingerspitzengefühl, also dem Tastsinn. So trage ich in vorgegebenen Massagebewegungen die Foundation auf und arbeite im gleichen System mit einem Beauty-Blender nach, einem Schminkschwämmchen, was wie ein kleines Ei geformt ist. Da ich über lose Puder als vollblinde Frau weniger Kontrolle habe, nutze ich hier ausschließlich kompakte Varianten und einen Puderpinsel. Wenn ich mich für Rouge entscheide, zähle ich zuvor ab, wie oft ich mit dem Rouge-Pinsel über mein Produkt gehe und achte darauf, dass ich auf beiden Gesichtsseiten gleich verfahre. Es ist wichtig sich zu informieren, wo bei einem selbst das Rouge richtig platziert ist. Manche blinde Frauen verwenden statt Pudern auch lieber Cremeprodukte. Hier lohnt es sich, selbst ein bisschen zu experimentieren, was einem leichter von der Hand geht.

Lidschatten trage ich mir mit den Fingern auf und streiche dafür mit der Fingerspitze zuvor über meine meist hellen Pudertöne in der Palette. Auch hier zähle ich wieder ab, um für jede Seite gleich viel Material zu verwenden. Ein Reinigungstuch für die Fingerkuppe liegt stets in Griffbereitschaft. Auch auf dem Lid gehe ich mit systematischen Streichbewegungen vor und setze manchmal noch einen weiteren Akzent mit einer dunkleren Lidschattenfarbe. Bei der Wimperntusche lasse ich die Hand mit der Spiralbürste „einfrieren“ und zwinkere die Farbe mit der Wimper vorsichtig von der Bürste ab. Sehende Frauen machen es genau umgekehrt. Sie halten die Wimper still und bewegen die Bürste hindurch. Manche Frauen beherrschen den Lidstrich blind, dazu gehöre ich leider nicht. Das ist wirklich die Königinnenklasse, weil man hier sehr exakt und symmetrisch arbeiten muss. Hier ist Permanent-Make-up eine schöne Alternative. Will ich mich an die Brauen trauen, nutze ich gern Puderstifte. Damit meine Brauen schön in Form bleiben, mache ich ihnen feste Zupftermine.

Zu meinem Lieblingsutensil, dem Lippenstift, gäbe es so viel zu sagen. Deshalb wähle ich an dieser Stelle meine aktuell bevorzugte Variante aus. Es gibt einen Lippenstift, der den ganzen Tag lang hält und mit dem ich sogar essen kann. Er wird mit einem ähnlichen Applikator aufgetragen, wie ein Lipgloss. Hier muss ich nur etwas aufpassen, da dieser Dauerlippenstift so farbintensiv, wie eine Tinte ist und auch die Lippenkontur besser treffen muss, als ein Lipgloss. Um den Umgang mit dem Applikator zu üben, rate ich für den Anfang erstmal zu einem farblosen Gloss. Hier ist es auch nicht so schlimm, wenn etwas daneben geht. Bei farbintensiven Lippenstiften jedoch, auch bei den Klassikern, die man aus der Hülse drehen muss, ist es wichtig, mit der eigenen Lippenkontur vertraut zu sein. Hier fallen Ausrutscher deutlicher auf. Aber das ist alles eine Übungssache und Schminken lernen wir nur durch Schminken!

Es ist für mich wahnsinnig spannend, mich mit anderen blinden Frauen über ihre Schminkerfahrungen auszutauschen und ich finde es auch immer super und bereichernd, wenn eine es ganz anders macht, als ich. Bei sehenden Frauen gibt es ja auch viele verschiedene Techniken. Ich betrachte mich deshalb immer nur als Impulsgeberin und möchte anderen blinden Frauen Lust auf das Thema Schminken machen, was dann jede ganz selbstbestimmt ausgestalten kann. Gehen wir also in sinnlichen Schritten und mit viel Fingerspitzengefühl auf die Suche nach dem Duft unseres Teints, dem Klang unseres Wimpernschlags und dem Geschmack unseres Lippenrots!

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Allgemein Bildung Zu Gast auf lydiaswelt

Bild mit Beschreibung auf Facebook posten

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Aber was, wenn man das Bild nicht sehen kann? Immer wieder treffe ich auf Beiträge in sozialen Netzwerken, bei denen nur ein Bild ohne jede Beschreibung gepostet wird. Wenn dann noch die Frage kommt: „Was haltet Ihr davon“, oder eine andere Frage, dann ist das für mich als blinde Nutzerin ein nichtssagender Post.
Facebook hat vor einiger Zeit die Möglichkeit geschaffen Bilder so zu posten, dass auch blinde Nutzer damit etwas anfangen können. Dazu kann ein Bild mit einem Alternativtext zum Bild versehen werden. In diesen Text müssen keine Romane verfasst werden, sondern ein oder zwei Sätze. Wer macht was mit wem? Auch das gehört für mich zum Thema Inklusion, da hier blinde Menschen nicht durch fehlende Bildbeschreibung ausgeschlossen sind.
Ich konnte den Autor Andreas Pflüger dafür gewinnen ein Video zu erstellen. Dieses zeigt euch wie man einen Alternativtext auf Facebook erstellt. Dieses Video findet Ihr hier.
Danke Dir, lieber Andreas, für das Video. Mehr über Andreas Pflüger könnt Ihr auf seiner Homepage finden.

Ich freue mich, wenn möglichst viele von euch das nutzen, und auf diese Weise eine Barriere mehr wegfallen kann. Ebenso ist teilen oder Rebloggen eine gute Sache.

Herzliche Grüße, Eure Lydia

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Allgemein Haushalt Sport und Freizeit Zu Gast auf lydiaswelt

Blind grillen, so gehts

Mein heutiger Gastautor Marcus Ertl hat bereits die Beiträge Lasst mich auch dabei sein und Vertrauen und zutrauen für mich geschrieben. Er ist ein blinder Familienvater und grillt mit Begeisterung.
Wenn Blinde grillen, ist das notwenige Fingerspitzengefühl gefragt.
Ein Gastbeitrag von Markus Ertl

Ja, auch blinde GrillerInnen gibt es. Und es werden immer mehr. Meine Erfahrung zeigt, dass es uns aber nicht unbedingt zugetraut wird. Aber Blinde kochen, machen den Haushalt, erziehen Kinder, gehen zur Arbeit, treiben Sport, warum dann nicht auch grillen?
Jetzt könnte die Antwort sein, weil die sich dann immer die Finger oder das Grillgut verbrennen.
Aber warum grillen dann Sehende, oder haben diese sich noch nie die Finger verbrannt oder das eine oder andere Würstchen zu Kohle verarbeitet? Eben.
Erst gestern habe ich gedacht, der Griff wäre nicht so heiß. Das hätte ich mir aber auch sehenderweise gedacht und unvorsichtig an den Griff gefasst, ohne Handschuhe zu verwenden.
Also Schluss mit dem Vorurteil und ran an den Grill!
Aber es gibt dann Techniken, die man als Blinder nutzen kann, um am Ende leckeres für sich, seine Familie und Freunde auf die Teller zu zaubern und die möchten wir zeigen und gerne für uns auch noch verfeinern.
Und deshalb gibt es nun ein Grillprojekt „Niemand grillt – blind BBQ“ mit Aytekin und mir.

Welchen Grill nutze ich?
Das ist die alles entscheidende Frage, die jeder für sich anders beantwortet. Wir möchten mit unserem Projekt auch die Händler sensibilisieren, die dann auch blinde Kunden beim Kauf besser beraten können.
Ich grille auf Kohle in einem Kugelgrill und andere eben mit Gas. Und das soll auch jeder für sich selbst entscheiden. Mir ist nur wichtig, dass Feuer kontrollierbar ist und das sollte jeder beherzigen. Deshalb nutze ich eine große Grillfläche und habe nur zur Hälfte Kohle darunter. Dann nutze ich einen Anzündkamin, den ich vollmache und so das Feuer sehr kontrolliert starten kann. 15 Minuten dauert es, bis die Holzkohle, 20 bis 25 Minuten, bis die Briketts durchgeglüht sind. Dann leere ich den „Kübel“ voller Kohle aus, und gebe je nach gewünschter Temperatur nochmals Kohle hinzu.
Dann lege ich den Grillrost darüber und schon kann es los gehen.
Was kann ich beim Grillen beachten?
Deshalb nur auf einer Hälfte des Grillrost, da ich Fleisch und anderes in meiner Kugel auch indirekt grillen mag und immer viel Platz ist, etwas aus dem Feuer herauszunehmen.
Mit der Handfläche kann ich prüfen, wie heiß die Kohlen sind und ob ich schon auflegen kann.
Nun noch ein paar Mal mit der Messingbürste über den Rost schruppen, schon zischt das Fleisch beim Auflegen auf dem Grill.
Es dürfen genauso viele Stück Grillgut auf einmal drauf, wie ich diese mir von der Anordnung noch merken kann. 40 kleine Würstchen oder 35 Cevapcici würden mich selbst überfordern, da hole ich mir sehende Unterstützung.
Was auch ein guter Trick ist, mit einer Lochpfanne zu grillen, da ich diese kurz vom Feuer nehmen kann, alles neu anordnen und weiter grillen kann. Dann übersieht man nicht einzelne Würstchen.
Wann ist das Grillgut fertig?
Hitze x Größe des Fleisches / gewünschter Gargrad ist ca. die Zeit, dabei spielt die Erfahrung eine Rolle und mit einem Druck mit dem Finger oder mit der Fleischgabel erkenne ich, erkennen auch andere, wann das Fleisch fertig ist. Es gibt hier den Drucktest, der auch am Auge oder an der Daumenwurzel geübt werden kann.
Rotes Fleisch eher saftiger lassen, Geflügel und Schwein muss unbedingt durch sein.
Und ein digitales Thermometer ersetzt auch manchmal das Fingerspitzengefühl. Oft ist es mir aber zu kompliziert, das Thermometer zu verkabeln, anzubringen und mit einer App zu verbinden. Das mache ich dann nur bei längerem Grillen von Großen Stücken.
Dazu möchte ich eine nette Anekdote erzählen. Zwei Kumpels kamen etwas später, es war schon dunkel, der eine wollte sein Fleisch medium, der andere medium rare. Die Dunkelheit machte mir ja beim Grillen nichts aus, aber die beiden brauchten eine Taschenlampe, um zu sehen, dass Ihr beider Fleisch perfekt war. Ich fragte süffisant, warum diese nicht schmecken können, was ich mit der Grillgabel spüre.

Welche extra Hilfsmittel gibt es für blinde GrillerInnen?
Ich nutze eine sprechende Küchenwage für die Vorbereitungen, das digitale Thermometer mit der Sprachausgabe auf dem Smartphone, sehr gute Grillhandschuhe, meine Fingerspitzen und meine Handflächen. Diverse Grillkörbe und am Ende eine eigene Technik, wie ich wann wie was am Besten grillen kann.
Was gibt es für besondere Grilltechniken?
Es ist zwar nichts typisches fürs blind BBQ, sondern unterstützt mich eben besser, wenn ich nichts sehe. So wechsele ich vom Indirektgrillen mit einer Tropfschale zu direkt oder umgekehrt. So grille ich z.B. Würste und Schweinebauch erst indirekt, lasse diese quasi warm werden, um dann auf dem Feuer die Röstaromen und den typischen Geschmack ran zu bekommen.
Oder bei Steaks, die erst mit viel Hitze direkt gegrillt werden, um diese dann auf indirekter zu finalisieren.
Gibt es auch Grill-Bücher in Brailleschrift?
Ob es diese bereits in Brailleschrift gibt, weiß ich nicht. Viele der Grill-Bücher gibt es aber als eBook und so kann ich auch mir gute Anregungen holen. Es gibt aber auch unzählige Foren, Rezepte-Seiten und Gruppen rund um das Thema grillen, mal mehr, mal weniger gut mit Screenreader zugänglich.

Also, die Grillsaison hat bei uns schon begonnen. Wann beginnt Sie bei Euch?
Allzeit guten Appetit!

Ich danke Marcus für seinen Erfahrungsbericht. Mehr über dieses Thema könnt Ihr auf der Facebookseite Niemand grillt lesen, die er mit einem ebenfalls grillbegeisterten Freund betreibt. Eure Fragen und Anmerkungen dürft Ihr gern in die Kommentare schreiben.

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Stoppt die Ablehnungspraxis der Krankenkassen

Heute begrüße ich Gastautorin Andrea, die schon einmal unter dem Titel Ich will mich nicht immer rechtfertigen zu Gast auf meinem Blog war. Diesmal geht es um ein Thema, welches alle Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung und deren pflegende Angehörige oder andere Helfer angeht.

Stoppt die Blockade der Krankenkassen bei der Versorgung Schwerstbehinderter Menschen – eine längst überfällige Petition

Die meisten Menschen mit angeborenen oder erworbenen Behinderungen brauchen behinderungsbedingt medizinische oder technische Hilfsmittel, die sie bei den Krankenkassen beantragen können / müssen. Ich selbst bin von Geburt an blind und gehöre zu dieser Menschengruppe, die sich nach jeder Antragsstellung darauf einstellen muss, dass das beantragte Hilfsmittel zuerst einmal abgelehnt wird und es auf einen Rechtsstreit mit der Krankenkasse hinauslaufen kann. Das ist jedes Mal eine nervliche Zerreißprobe, die einem unter anderem auch schlaflose Nächte bereiten kann.
Dass es auch medizinische Hilfsmittel für Menschen mit Pflegebedarf gibt, die von den Krankenkassen übernommen werden müssen, darüber hatte ich mir keine Gedanken gemacht, bis mir eine Freundin erzählte, dass ihr kognitiv eingeschränkter Sohn Windeln trägt, deren Kosten von der Krankenkasse übernommen werden müssen, die nur die Kosten für Billigwindeln übernehmen, die ihren Zweck nicht erfüllen. Möchte man qualitativ höhere Windeln, müsse man die Mehrkosten selbst tragen, so die Schilderungen inzwischen einiger Betroffener. Damals war ich schockiert darüber, dass man sich als Mutter eines behinderten Kindes sogar um die Qualität und die Kostenübernahme von Windeln mit den Krankenkassen auseinandersetzen muss. Ab diesem Zeitpunkt wurde mir klar, dass ich über meinen eigenen, bisher „nur“ blindheitsbezogenen Tellerrand hinausschauen möchte.
Mehr als ein Jahr später schrie mir eine Petition in meiner mittlerweile um etliche Facebook-Gruppen erweiterten Blase entgegen, die uns alle angeht: diejenigen, die, völlig unerheblich mit welcher Behinderung, mit oder ohne Assistenz, ein selbstbestimmtes Leben führen, diejenigen, die in einem Heim untergebracht sind, in einer betreuten WG wohnen und / oder in einer Behindertenwerkstatt arbeiten, Arbeitslose, AkademikerInnen, PolitikerInnen und die vielen Angehörigen von behinderten Kindern, die keine Lobby haben und von außen kaum wahrgenommen werden. Diese Petition vereint uns alle, egal ob arm oder reich, und sie eröffnet uns allen die Chance, auf die ich persönlich schon lange gewartet hatte, nämlich die Option, uns gegen das seit Jahrzehnte herrschende Ungleichgewicht zwischen den Krankenkassen und uns, den KundInnen, zu wehren.

Hier ein paar Beispiele an Absurditäten, mit denen Antragsteller von medizinischen Hilfsmitteln von ihrer Krankenkasse schikaniert werden:
Eltern, die für ihr Kind, das sich behinderungsbedingt verbal nicht ausdrücken kann, einen „Talker“ beantragten, der dem Kind die Möglichkeit der unterstützten Kommunikation bieten würde, wurde das Gerät mit der Begründung, das Kind sei nur zu schüchtern zum Sprechen, abgelehnt.
Einem anderen Kind wurden sogenannte „Stubbies“, Schützer für die Beinstümpfe, mit denen sich das Kind frei bewegen könnte, nicht genehmigt, weil, wie sich später heraus stellte, der für das Kind zuständige Sachbearbeiter der Krankenkasse dieses Hilfsmittel nicht kannte. Dabei wäre es ein leichtes gewesen, zum Telefon zu greifen und bei den Eltern die Funktion von „Stubbies“ zu erfragen.

Viele Eltern pflegebedürftiger Jugendlicher und Erwachsener beklagen, dass deren eigene körperliche Unversehrtheit, die durch die Pflege ihrer Angehörigen in Mitleidenschaft gezogen wird, zu wenig in die Entscheidung zur Versorgung mit medizinischen Hilfsmitteln einbezogen wird, weshalb viele von ihnen an ihre körperlichen und psychischen Grenzen stoßen. Burnout vorprogrammiert, sagen sie.

Die Mutter eines 16jährigen Jugendlichen, der das Angelmannsyndrom hat (eine körperliche und geistige Einschränkung mit Gleichgewichtsstörungen, Epilepsie, Inkontinenz und atypischem Autismus), musste ihren 85 Kilogramm schweren Sohn, der sich seit mehreren Hüftoperationen nicht mehr selbstständig auf den Beinen halten kann, morgens vom Bett in den Rollstuhl und abends wieder ins Bett zurück heben, weil ein Patientenlifter nicht genehmigt worden war. Weil der Sohn zu schwer wurde, schlief die Mutter mit ihm zwei Jahre lang im Wohnzimmer. Die Familie badete den jungen Mann in einem Schlauchboot und duschte ihn mit einer Gießkanne ab. Es ist für mich völlig unverständlich, dass mitten in Deutschland eine Familie durch die Versäumnisse einer Krankenkasse auf eine solche Weise improvisieren muss.

Eine andere Mutter erzählt, dass für ihr Kind notwendige Therapien abgelehnt werden, die zuvor mehrmals genehmigt worden waren, mit der Begründung, es sei wissenschaftlich nicht erwiesen, dass die Therapie überhaupt etwas bringt. Und das, obwohl die Eltern Fortschritte beim Kind wahrnehmen. Durch die Verzögerung der Therapie baut das Kind allerdings erworbene Kompetenzen wieder ab.

Das sind nur wenige Beispiele der Alltagswidrigkeiten, die pflegenden Angehörigen von behinderten Kindern und Jugendlichen widerfahren.

Auch wir blinden und sehbehinderten Menschen, die ein weitgehend selbstständiges Leben führen können, müssen uns unter diesen erschwerten Bedingungen durch den Alltagswahnsinn kämpfen. Einer Dame wurde der Blindenführhund mit der Begründung, sie könne sich in einem Radius von 500 Metern mit dem Blindenlangstock gut orientieren, was für die Erfüllung der Grundbedürfnisse ausreiche. Erst nach einem jahrelangen Rechtsstreit wurde ihr der Blindenführhund zugesprochen.

Der jüngste von vier Kindern der Familie Lechleuthner ist drei Jahre und nach Hirnschäden unklarer Ursache schwerstbehindert. Der Kleine braucht vielerlei Hilfsmittel, und bei nahezu allen Anträgen kam es zu zeitlichen Verzögerungen bis zur Genehmigung. Letztlich wollte dies die Familie nicht länger hinnehmen und startete eine Online-Petition, um eine Änderung der derzeitigen Gesetzeslage zu erwirken. Ein Artikel des Donaukurier verdeutlicht die Situation der Familie. Beide Eltern sind Ärzte und möchten unter anderem nicht länger dabei zusehen, dass medizinisch nicht ausgebildete Krankenkassenmitarbeiter über eine verordnete Therapie entscheiden dürfen. Der medizinische Dienst, der aus ärztlichen, jedoch fachfremden Mitarbeitern besteht, wird von den Krankenkassen zu einer Begründung von Hilfsmittel-Ablehnungen herangezogen.
Die ärztlichen Mitarbeiter fertigen ihre Gutachten meistens nur nach Aktenlage an, ohne den jeweiligen Betroffenen jemals gesehen zu haben, was sehr oft zur Ablehnung des beantragten Hilfsmittels führt. Ein Rollstuhl, ein Pflegebett, eine Braille-Zeile, ein Blindenführhund oder ein Hörgerät wird also mit praxisfremden Begründungen abgelehnt, oder es werden vom Antragsteller nacheinander schriftliche Erklärungen für den schon längst plausibel begründeten Antrag auf das jeweilige Hilfsmittel eingefordert, die von Ärzten, Mobilitätstrainern oder Hilfsmittelfirmen erst einmal formuliert und vom Antragssteller nachgereicht werden müssen, während der einer enormen psychischen Belastung unterliegt und ohne sein Hilfsmittel nur eingeschränkt am öffentlichen Leben teilhaben kann.

Wir, die wir monatlich ordnungsgemäß unseren Versicherungsbeitrag bezahlen, werden von unseren Krankenkassen nicht wie Kunden oder Patienten, sondern wie Bittsteller behandelt.

Das sind Alltagsdiskriminierungen, die die Petitionsstarter und deren Unterstützer nicht länger hinnehmen wollen.

Mit der Petition “Stoppt die Blockade der Krankenkassen bei der Versorgung Schwerstbehinderter Kinder und Erwachsener” fordern sie

• keine systematische Infragestellung ärztlich eingeleiteter Therapien oder Verordnungen durch Krankenkassen
• direkte Kostenübernahme verordneter Hilfsmittel
• ausnahmslose Kostenübernahme fachärztlich verordneter Medikamente
• keine fachfremden Gutachten durch den MDK
• keine Gutachten nur nach Aktenlage
• keine Verzögerung der Therapien durch lange Bearbeitungszeiten der Krankenkassen
• Reformierung des MDK (Interessenskonflikt bei vollständiger Finanzierung durch Kranken- und Pflegekassen!)

Die Petition wird u.a. von, der Sprecherin für Behindertenpolitik und Bürgerangelegenheiten der Grünen-Bundestagsfraktion Corinna Rüffer, unterstützt, tausende haben sich bereits angeschlossen. Derzeit werden über 20.000 Unterschriften gezählt, angestrebt werden 50.000, um eine öffentliche Debatte im Deutschen Bundestag beantragen zu können.
Hier ist der Link zur Petition, deren Fortgang Ihr auf dem dazugehörigen Blog verfolgen könnt.

Danke Dir, Andrea, für diesen Beitrag, der in abgewandelter Form auf Kobinet-Nachrichten erschienen ist.

Ich wünsche mir, dass möglichst viele Unterschriften zusammenkommen. Bitte unterschreibt, wenn Ihr unser Herzensprojekt mit unterstützen wollt. Und natürlich dürft Ihr diesen Beitrag teilen, rebloggen oder auf andere Weise weiterempfehlen. Oder Ihr schreibt Euren eigenen Beitrag über dieses Thema. Wichtig ist, dass wir es schaffen möglichst viele Unterstützer zu gewinnen, damit diejenigen, die ein Hilfsmittel brauchen, dieses ohne ständige Rechtfertigungen, Bürokratie oder fachfremde Ablehnungen bekommen.

Ansonsten freue ich mich auf eine fruchtbare Diskussion in den Kommentaren.

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Allgemein Bildung Zu Gast auf lydiaswelt

Meine Blindheit macht mich nicht traurig.

Während eines Elternabends machte der Klassenlehrer den Vorschlag eine Dunkelausstellung zu besuchen. Die Idee kam bei den meisten Eltern gut an. Nur einige Eltern meinten, dass die Kinder nicht ins Dunkle müssten, da das was ganz schreckliches sei nichts zu sehen. Daran musste ich denken, als ich einen Facebook Beitrag über Blindheit und Dunkelheit las. Ich kontaktierte den Verfasser, und konnte ihn als Gastautor gewinnen.
Per Busch erblindete 1993 durch eine Explosion. Seit 2007 engagiert er sich in der freien Blindenselbsthilfe. Lange Zeit setzte er sich vor allem für blind bedienbare Smartphones und GPS-Orientierungs-Apps ein. Heutzutage geht es ihm eher um Barrierefreiheit im Wald und die Erforschung verschiedenster Themen rund um Blindheit.

„Meine Blindheit macht mich nicht traurig, Sehende manchmal schon“:
Während der Entstehung von Dubistblind.de fiel mir neben dieser Doppeldeutigkeit auf, dass viele typische Probleme blinder Menschen sozialer Art sind und mit der evolutionär entstandenen Angst vor Dunkelheit zusammenhängen. Jeder Mensch kennt das Gefühl zwischen Beklemmung und Angst, wenn man im Dunklen plötzlich nichts mehr sieht. In der Dunkelheit fühlen sich Sehende oft unbehaglich, unwohl, angespannt, nervös, mulmig, orientierungslos, unsicher, wehrlos, hilflos, abhängig, ausgeliefert, gefangen, eingesperrt, isoliert, machtlos, passiv, ohnmächtig, eingeschüchtert, nicht gut.

Beeinflussen unbewusste Angsterinnerungen, wie sehende Menschen sich das Leben blinder Menschen vorstellen? Was sind Urängste? Warum gibt es sie? Welche Ängste haben Tier und Mensch gemeinsam? Welche Ängste kennt schon jedes Kind? Welche realen Gefahren gibt es im Dunkeln? Wie gehen sehende Menschen mit ihrer Dunkelangst um? Welche Bewältigungsstrategien haben sie? Was unterscheidet Blindheit von anderen Behinderungen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Berührungsängsten gegenüber blinden Menschen und der allen Menschen bekannten Angst im Dunkeln? Mit diesen und ähnlichen Fragen werde ich mich künftig auf https://dubistblind.de/blog beschäftigen.
In einer repräsentativen Umfrage von 2016 gaben 80% sehender Menschen an, Mitleid mit Blinden zu haben. 74% glaubten nicht, dass sie noch glücklich sein könnten, wenn sie blind wären. 53% fühlen sich in der Nähe blinder Menschen unbehaglich. 46% konnten sich kein schlimmeres Schicksal vorstellen, als blind zu sein.
Ich mag die 54%, die sich Schlimmeres als Blindheit vorstellen können. Ich mag Menschen, die mir ohne übertriebene Unsicherheit, Ängste und Fürsorge begegnen.
Unwissenheit, fehlende Erfahrung und Mitgefühl mit Blinden sind unvermeidbar und ganz normal, offen gezeigtes Mitleid und Bevormundung muss aber wirklich nicht sein.

Fazit: Für mich ist es ein Trost, dass viele andere überall auf der Welt täglich das Gleiche erleben und dass das gefühlsgesteuerte Verhalten meiner sehenden Mitmenschen ganz normal ist. Man kann es leider kaum ändern, aber wenigstens verstehen. Dann tut es weniger weh und es kann einen nicht mehr so leicht verletzen.

Warum kommen Blinde nicht in die Hölle?
Weil der Teufel Angst hat, dass sie ihm auf den Schwanz treten. 🙂
Oder mit anderen Worten: Sogar der Teufel hat Vorurteile und Berührungsängste.

Ich habe die Studie zu der erwähnten Umfrage übersetzt, stark bearbeitet zusammengefasst und mit einigen Links ergänzt. Diese könnt Ihr hier nachlesen.

Danke Dir, lieber Per, dass Du Deine Ansichten mit uns geteilt hast. Mehr über ihn könnt Ihr auf seiner kurzweilig gestalteten Seite du bist blind finden.

Und jetzt freue ich mich auf Eure Meinungen in den Kommentaren.