Freiwilliges Jahr in Togo, eine Sehbehinderte erzählt

Gastschwester Samsia (rechts) und Jasmin (links) in festlicher Kleidung bei einem Ausflug nach Bassila (Benin)

In meinem Beitrag blinde Menschen in Togo hat meine Gastautorin Jasmin über ihren Besuch in einem Blindenzentrum berichtet. Gemeinsam haben wir eine Spendenaktion gestartet. Darüber werde ich an anderer Stelle noch einmal berichtet, wenn wir die ersten Stöcke an blinde Menschen in Togo ausgegeben haben. Ich finde, dass ich das den Spendern schuldig bin, die auf mein Wort vertrauen, dass ich das mir anvertraute Geld tatsächlich für Blindenstöcke ausgebe. Dafür danke ich von Herzen. Für jetzt stellt sich Jasmin vor, und berichtet über ihr Freiwilligenjahr in Togo.

Ich heiße Jasmin, bin 18 Jahre alt und habe letzten Sommer mein Abitur mit der Note 1,5 an einer Regelschule abgeschlossen. Mit Brille sehe ich auf dem einen Auge 5% und auf dem anderen 10% von dem eines Normalsehenden. Zudem bereitet mir das Sehen bei Nacht Probleme. Während der Vorbereitungen für das Abitur ist mir eine erneute deutliche Sehverschlechterung aufgefallen. Und so habe ich nach langer Überlegung einen Antrag auf einen Blindenlangstock und einem Mobilitätstraining gestellt. Zudem habe ich angefangen mich mit dem Thema Sehbehinderung und Blindheit erstmals ernsthaft auseinanderzusetzen. Bisher kannte ich keine anderen Menschen mit einer Sehbehinderung. Und ich hatte stets das Bestreben, in der Schule und im Alltag dieselben Leistungen wie meine normalsehenden Mitschüler zu erbringen. Mit Blocklupe, Monokular und Tablet war ich gut ausgestattet, weshalb eine Sonderpädagogin einer Blinden- und Sehbehindertenschule auch nur etwa einmal pro Jahr kam um den Nachteilsausgleich zu klären. Anstatt im Januar endlich mit dem Lernen fürs Abitur anzufangen, suchte ich im Internet nach Angeboten für einen Freiwilligendienst auf dem afrikanischen Kontinent. Wieso Afrika? Weil mich dieser Kontinent schon seit der Grundschule fasziniert hat. Ein Freiwilligendienst erschien mir als die beste Möglichkeit eine andere Kultur kennen zu lernen. Insbesondere da man in einer Gastfamilie lebt und nicht wie im Urlaub oder als Auslandsaufenthalt über die Arbeit, vom Lebensalltag und den Problemen der Menschen abgeschirmt ist. Aber ehrlich gesagt auch aus Angst, dass die Augen noch schlechter werden und es zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr so unproblematisch möglich sein könnte.
Meine Bewerbung schrieb ich für verschiedene Stellen in Ghana, erwähnte meine Sehbehinderung jedoch nur sehr vage in der Aussage, dass ich zu schlecht sehen würde, um einen Führerschein zu haben. Genauer nachgefragt wurde nicht mehr. Auch nicht, als für das Gesundheitszeugnis angegeben werden musste, dass bei mir der Verdacht auf Zapfen-Stäbchen-Dystrophie vorliegt.

Letztendlich kam die Zusage, verbunden mit der Frage, ob ich mir nicht auch vorstellen könne, in einem Bildungszentrum in Togo zu arbeiten. Da ich währenddessen in der Oberstufenbibliothek, die eine Freundin und ich zusammen aufgebaut und weitestgehend selbstständig geleitet haben, arbeitete, passte es sehr gut. Zumal ich mehrere Praktika in Büchereien gemacht hatte und die Bestätigungen, neben einem Nachweis über meine Kenntnisse in Französisch der Bewerbung beigefügt hatte.
Ich als einzige ausländische Freiwillige in Balanka. Das Dorf hat etwa 8000 Einwohner, verfügt über eine Krankenstation, sowie Schulen bis zur 10. Klasse und liegt im Norden Togos, an der Grenze zum Nachbarland Benin. Die Menschen leben neben ihren Berufen wie Lehrerin, Motoradtaxifahrer, Händlerin und Schneiderin vor allem von der Landwirtschaft. Balanka hat seit dem Jahr 2014 Strom und ist sehr aktiv um seine Weiterentwicklung bemüht. Dies wird durch einen Verein aus Deutschland unterstützt.
Ich arbeite zusammen mit einem hauptamtlichen Bibliothekar und einem togolesischen Freiwilligen in der Bibliothek, die durch den Verein «Bildung für Balanka» errichtet wurde. Die Bibliothek bietet den Verleih von Schulbüchern an. Die Schüler kommen zum Hausaufgaben machen und Lesen üben zu uns. Zudem werden beispielsweise Computerkurse, ein Theater- und Englischclub angeboten. Da die Bibliothek über Solarstrom verfügt, ist sie besonders bei Stromausfällen gut besucht.

Ich lebe in einer Gastfamilie in Balanka, wohne allerdings im Gästehaus der Leiterin des Vereins. Dies hat vor allem Platzgründe, da die Gastfamilie sehr groß ist. Den Großteil meiner Freizeit verbringe ich auf dem Hof der Familie, sodass ich meist nur zum Wäsche waschen oder putzen ins Gästehaus gehe. Ich habe zwei sehr liebevolle Gastmütter und insgesamt 14 Gastgeschwister, bei zweien handelt es sich allerdings auch schon um Enkelkinder. Mein Gastvater Batchene hat früher als Busfahrer gearbeitet und bewirtschaftet jetzt seine Felder. Seine Frau Mommy betreibt abends eine Cafeteria und verkauft morgens Wetau, fermentierten Maisbrei.
Mit meiner gleichalten Gastschwester Samsia gehe ich jeden Samstag joggen, mit den jüngeren Geschwistern spiele ich oft auf dem Hof.
Das Leben in Balanka ist für mich recht unkompliziert, die Wege sind kurz und weitestgehend eben. Es ist auch nicht allzu schlimm, jemand auf der Straße nicht zu erkennen. Ich grüße, wie hier üblich, jeden und der Smalltalk auf der Straße in Balanka ist, egal ob zwischen Bekannten oder Freunden, ziemlich identisch.
Einige Barrieren bestehen für mich hier in Togo nicht mehr. So gehe ich immer mit meinen Gastgeschwistern zum Markt. Wenn man etwas sucht, kann man fragen und ein Kind kann einen sicher zu dem gesuchten Ort oder Produkt führen. Auch die Wege sind hier deutlich kürzer und weniger verkehrsbelastet als von Deutschland gewohnt. Dies liegt aber primär daran, dass es sich um ein Dorf handelt. In einer Großstadt wie Lome oder Sokode kann ich kaum alleine eine Straße überqueren, ohne dass es lebensgefährlich ist, da der Verkehr, besonders aufgrund der vielen Motorräder für mich absolut nicht einschätzbar ist.

Für mich ist das Jahr in Togo schon nach den ersten vier Monaten eine wunderbare und unglaublich interessante Erfahrung. Ich habe Einblicke in das Leben vieler Menschen bekommen, neue Freunde gefunden und auch eine neue Sichtweise auf das Thema Entwicklungspolitik. Und wie mein Freund vor dem Abflug schon ankündigte, so habe ich auch meine Sehbehinderung noch mal auf eine neue Art kennen gelernt.

Danke Dir, liebe Jasmin, für den Einblick in Dein Leben in Togo und Deine Arbeit. Wenn Euch, liebe Leser, dieser Bericht gefallen hat, dann drückt doch einmal auf gefällt mir, oder hinterlasst ein paar Worte für Jasmin, die hier mitliest.

Vertrauen und Zutrauen

Markus Ertl an seinem Computerarbeitsplatz

Markus Ertl ist Inklusionsbotschafter. Er war bereits mein Gastautor in den Beiträgen Lasst mich auch dabei sein und blind wählen, so geht.s.

Was darf man Kindern zutrauen? Mit der Überschrift lädt Lydia zu Ihrer ersten Blogparade ein. Nachdem ich zwar eine klare Meinung, aber keinen eigenen Blog habe, möchte ich hier meine Gedanken dazu loswerden.

Auf den Beitrag von Lydia grenze ich das Ganze sogar nochmals ein.
Was dürfen blinde Eltern Ihren Kindern zutrauen?
Genauso viel, wie es auch sehende Eltern dürfen!

Um sein Kind zu fördern, um Fähigkeiten auszubauen und Kompetenzen zu stärken, braucht es Zutrauen und Verantwortung. Es braucht aber auch Anleitung und Kontrolle der Eltern, damit der Kompetenzerwerb mit Leichtigkeit und einer ordentlichen Portion Spielerei abgehen kann. Mit wie viel Zutrauen oder Verantwortung dies passiert, ist von der Persönlichkeit des Kindes und der Eltern abhängig. Ängstliche Eltern werden oft behütender agieren, vertrauensvolle Eltern werden eher Verantwortung übertragen. Kindern, die Vertrauen ausnutzen, werden die Eltern dieses kurzzeitig wieder entziehen, den anderen mehr Vertrauen schenken.
Ich finde sogar, dass Kindern oft zu wenig zugetraut, mindestens aber zu wenig zugemutet wird. Der Begriff „Helikopter“-Eltern oder „seinen Kindern den Arsch nachtragen“ sind ja oft begründet. Der Schulweg, 500 Meter weit, wird mit dem Auto gefahren. Lehrer haben sogar Angst, dass mit dem Elterntaxi sogar noch in die Schule gefahren wird. Für die Hausaufgaben zeichnen sich die Eltern selbst verantwortlich und Kindern wird auch kein schulischer Frust mehr zugemutet, ohne dass nicht die Schuld immer beim Lehrer gesucht würde, der Sitznachbar in der Schule unpassend wäre oder der Lernerfolg und die Noten ausschließlich von den Mitschülern abhängig gemacht werden.
Den Spagat zwischen Fördern und Behüten dürfen alle Eltern selbst verantworten. Der hat rein gar nichts mit blind oder sehend zu tun.

Richten wir jetzt mal die Aufmerksamkeit auf die blinde Elternschaft.
Wo ich Lydia uneingeschränkt recht geben möchte, dass ich selbst als blindes Elternteil, zusammen mit meiner Frau, am besten weiß, was ich meinen/unseren Kindern zutrauen/zumuten kann, und was nicht. Sollte es mal anders sein, dann werde ich, werden wir uns Rat bei kompetenten Stellen holen.
Unsere Gesellschaft sieht Eltern mit einer Behinderung nicht vor. Der blinde Mensch wird eher als hilflose Person gesehen, der zu behüten ist. So, und dieser mit seinem eigenen Leben schon überforderte Mensch wird dann nicht gleich als vollwertiges Elternteil gesehen.
Und deshalb sollten wir die Diskussion auch darüber führen, wie selbstbestimmt ein Leben mit einer Einschränkung sein darf, ohne dass andere in einer bevormundenden Art und Weise uns sagen, was gut und weniger gut für uns und unsere Kinder sei.
Es gibt oft meinen Kindern gegenüber die Aussage: „passt bitte gut auf Euren Papa auf!“. Dieser kleine Satz zeigt, welches Rollenverständnis auf unserer Familie lastet. Ich bin der zu behütende und meine Kinder sind die Behüter.
Unsere gelebte Rollenverteilung ist anders und leicht am Beispiel eines Tierparkbesuches erklärt, ein Ausflug, den ich mit meinen Kindern bereits öfters, auch schon im Kindergarten-Alter, gemacht habe.
Ich bin für die Ausflugs-Logistik zuständig. Wann geht der Zug, Was nehmen wir an Brotzeit mit, welche Kleidung nehmen wir mit. Die Mädels wissen ja selbst, wo Ihre Kleidung, ihre Jacken, Mützen usw. sind. Ich kontrolliere nur, ob wir dann alles eingepackt haben. Obwohl ich auch ohne eine führende Hand mobil bin, ist es ganz schön, die Kinder an die Hand zu nehmen und gemeinsam, abwechselnd zu zweit zu laufen. Zugfahrt mit typischen Zugfahrspielen, Blinden-Uno, Reaktions-Spiele, Wortspiele usw., schon sind wir da. Eine führt, die andere hält Ausschau nach der richtigen Nr. der U-Bahn, welche ich herausgesucht hatte. Der Weg zum Tierpark ist mit Tieren beschildert, da finden auch die Kinder alleine hin. Im Tierpark angekommen, laufen wir umher, die Kinder erklären mir, was sie sehen, ich freue mich und denen tut es gut, das erlebte gleich so zu verarbeiten. Zwischendurch gibt es Brotzeit auf einer Bank, dann dürfen die Kinder auf den Spielplatz, während ich raste. Meine Kinder lieben es, wenn ich Tiergeräusche imitiere, das darf natürlich hier auch nicht fehlen. Die Kinder schauen dann im Plan und sagen mir, was uns als nächstes erwartet. Im Plan sind die Tiere eingezeichnet und ich habe sonst auch eine gute Orientierung. Nach ca. 5 Stunden mit vielen Eindrücken geht es zurück. Halb schlafend, halb erzählend und auch ein bisschen stolz, dass sie den Weg „fast“ alleine gemeistert haben, geht es wieder heim.
Nur einmal brauchte ich eine sehende Unterstützung. Ich fragte eine Frau, ob sie doch bitte kurz nachsehen könnte, ob die Toiletten sauber sind.
Ansonsten gab es an den Ausflugs-Tagen keine Situation, bei der ich nicht genau gewusst habe, wie viel ich meinen Kindern übertragen darf und wo genau meine eigene Verantwortung für mich und meine Kinder lag.
Und diesen Ausflug kann ich gerne auf viele Situationen meiner Elternschaft übertragen.

Ja, hin und wieder brauche ich sehende Hilfe. Als Vater entscheide ich wann meine Kinder eine Aufgabe für mich übernehmen, und wann ich mich für eine erwachsene Assistenz entscheide.
Ja, ich weiß was ich tue und was ich kann
Ja, wenn wir gemeinsam unterwegs sind, dann dürfen meine Kinder auch für „uns“ gemeinsam sehen.
Nein, meine Kinder werden nicht für Assistenz-Dienste „missbraucht“, sollte es dabei ausschließlich um mich und mein Leben gehen.
Ja, ich gebe meinen Kindern Jobs im Haushalt. Was für meine Entwicklung gut war, das wird auch meine Töchter fördern.
Und ja, ich kann sehr wohl für meine Kinder sorgen, auch wenn wir zuhause, wie in allen Familien auch eine gewisse Arbeitsteilung pflegen.
Das nennt man Selbstbestimmt, und sollte ich das für mich einfordern, dann werde ich den Gedanken auch so bei meinen Kindern fördern. Dazu braucht es keine paternalistische Gesellschaft, keine gut gemeinten Ratschläge. Dafür braucht es eine Unterstützung in der Elternschaft durch inklusive Strukturen und auch eine Assistenz, wo diese gebraucht wird.

Und jetzt gebt Gas. Die Blogparade Was darf man Kindern zutrauen läuft noch bis zum 15.01.2019.

Ich danke Markus für die Anerkennung, die er mir und meiner Arbeit entgegenbringt.

Blinde Menschen in Togo

links Ayala mit ausgeklappten Langstock mit fehlender Spitze, rechts Jasmin mit herkömmlichen Langstock an einer Bushaltestelle

Jasmin ist sehbehindert. Sie absolviert ein freiwilliges Jahr in Togo. Als sie mir kürzlich erzählte, dass sie einen Besuch in einer Einrichtung für blinde Schüler besuchen wird, bat ich sie um einen Gastbeitrag, der die Situation und die Bildungsmöglichkeiten in diesem Land beschreibt. Hier also der Erfahrungsbericht, den sie mir geschickt hat.

Blindheit und Sehbehinderung in Togo

Tick, Tick, da höre ich es plötzlich. Unerwartet an der Busstation in Kpalimé, wo meine Gastschwester und ich auf die Abfahrt des Kleinbusses nach Hause warten. Da ich selbst sehbehindert bin, hat es mich natürlich schon von Beginn meines Freiwilligendienstes an interessiert, wie Blinde und Sehbehinderte in Togo leben, welche Hilfsmittel sie nutzen und welche Berufe für sie möglich sind. Nachdem ich im Voraus von einer Schule in Kpalimé gelesen hatte, in welcher Blinde Menschen im Regelschulunterricht durch freiwillige Helfer unterstützt wurden, hatte ich gehofft über die anderen Freiwilligen vielleicht mehr erfahren zu können oder die Schule während der Seminare in Kpalimé selbst zu finden. Leider wusste auch bei unserer Partnerorganisation niemand etwas darüber. Und von Balanka aus, einem kleinen Dorf im Norden Togo, gestaltete sich die Suche für mich etwas schwieriger. So erfuhr ich zwar dass es in Sokode, der zweitgrößten Stadt Togos, ein Zentrum für Blinde und Sehbehinderte gebe, in welchem sie Handwerksberufe erlernen könnten um ihren Lebensunterhalt nicht mit betteln verdienen zu müssen, wagte es jedoch nicht, dort auf gut Glück vorbeizukommen. Eine ältere Frau die erblindet ist, begegnete mir im Dorf, wobei sie von ihrer Enkeltochter geführt wurde. Einen Langstock oder ähnliches hatte sie nicht dabei.
Nach knapp vier Monaten traf ich dann zufällig Ayala an der Busstation. Er war mit Langstock und in Begleitung eines Schulfreunds unterwegs. Im Gespräch war er sehr offen, er erzählte, dass er 2011 nach seiner Erblindung aus Benin nach Kpalimé (Togo) gezogen sei, da sich dort ein Zentrum für sehbehinderte und blinde Menschen befinde. Auch von seiner Schule erzählte er, an der neben ihm noch sechs weitere Blinde bzw. Sehbehinderte unterrichtet werden. Schon damals fiel mir sein Langstock auf. Nicht nur die, wie er mir zeigte, fehlende Spitze, sondern auch das ausgeleierte Gummiband, welches die einzelnen, teils verbogenen Teile des Faltstocks miteinander verbindet.

Jasmin steht mit 7 blinden Schülern einer WG im Eingangsbereich der Wohnung
Jasmin steht mit 7 blinden Schülern einer WG im Eingangsbereich der Wohnung

Centre des aveugles de Kpalimé

Kennen Sie das„Centre des aveugles de Kpalimé“?“ frage ich knapp eine Woche später den Motofahrer. Er bejahte und nachdem wir den Preis für die Fahrt ausgehandelt hatten, ging es los. Ich war auf dem Weg zu dem Zentrum, in dem Ayala die Brailleschrift und den Umgang mit seinem Langstock erlernt hat. Als wir dort angekommen sind, konnte ich es kaum glauben, ein riesiges Gelände mit grüner Rasenfläche und verschiedenen Gebäuden lag vor mir. Ein Lehrer des Zentrums sprach mich an und bestätigte dass ich hier richtig sei. Die Aufschrift am Tor und am ersten Gebäude konnte ich ja selbst nicht erkennen. Er begleitete mich zu einem freundlichen Ehepaar aus den USA, welches das Zentrum im Auftrag der Organisation ABWE (Assiociation for World Evangelism) betreibt. Das Zentrum, eine von etwa fünf Schulen für Sehbehinderte und Blinde in Togo, besteht seit 44 Jahren und wird neben Spenden verschiedener Organisationen (z.B. Lions Club einmal jährlich) auch durch eine Boutique finanziert, in der neben den Arbeiten regionaler Künstler insbesondere Produkte von blinden Handwerkern verkauft werden. Diese entstehen entweder während der Ausbildung im Zentrum oder über eine spätere Zusammenarbeit. So sind dort neben selbst hergestellter Seife, Kreide und Babypuder auch Stühle und Hocker (jeweils mit gewebter Sitzfläche) und verschiedene weitere Einrichtungsgegenstände von blinden bzw. sehbehinderten Handwerkern zu kaufen.
Im Zentrum leben momentan etwas mehr als 60 Schüler im Alter zwischen 6 und 40 Jahren. Die Schulgebühr von 20.000 CFA (etwa 31 Euro) decke niemals die Ausgaben für ein ganzes Jahr. Diese kleine Eigenbeteiligung kann auch durch Felderträge geleistet werden, wodurch gleich ein Teil der Ausgaben für die Verpflegung der Schüler gedeckt würde, die auch für ärmere Familien möglich ist. Die Schulgebühr beträgt in Togo normalerweise für Mädchen etwa 8.000 CFA und für Jungen etwa 10.000 CFA pro Jahr. In einem Garten lernen alle Schüler den Anbau von Lebensmitteln, welche primär den Eigenbedarf der Schule decken. Schüler, welche nicht vollblind sind, lernen zudem zu kochen. Ihre Zimmer müssen die Schüler selbst sauber halten und auch um das Waschen ihrer Wäsche kümmern sie sich selbst. In Togo ist das so üblich. Auch meine Gastgeschwister waschen ihre Wäsche Großteils selbst, helfen beim Putzen, beim Kochen oder machen den Abwasch. Das Zentrum bietet Kindergarten und die ersten sechs Schuljahre in Form eines Internats an. Im Kindergarten, der eher mit der Vorschule in Deutschland vergleichbar ist, wird begonnen, den Kindern die Brailleschrift beizubringen. Auch ältere, neu hinzu gekommene Schüler beginnen im Kindergarten, um die Brailleschrift zu erlernen. Dabei wird nicht zwischen sehbehinderten Schülern, deren Sehrest genutzt werden könnte, und vollblinden Schülern unterschieden.
In der Schule werden alle Bücher und Arbeitsblätter in Brailleschrift übertragen bzw. angefertigt. Außer dem regulären Schulunterricht st
ehen auch der Umgang mit dem Blindenlangstock und Lebenspraktische Fähigkeiten auf dem Lehrplan. Diese sind vor Allem für die Personen wichtig, die noch nicht so lange blind sind.
Neue Schüler erfahren oft durch Krankenhäuser von dem Zentrum, zudem wird vor Schuljahresbeginn Werbung in verschiedenen Radiosendern gemacht. Lehrer besuchen dann potentielle Schüler, von denen das Zentrum auch oft durch christliche Gemeinden, mit denen es zusammen arbeitet, erfährt. Nur wenige Schüler entscheiden sich nach dem sechsten Schuljahr für den Besuch einer weiterführenden Schule bzw. schaffen es bis zum Abitur. Ebenso wie ältere Schüler des Zentrums absolvieren sie stattdessen eine Ausbildung im Zentrum, wo sie neben den praktischen Fähigkeiten auch Kenntnisse im Aufbau und in der Führung eines Geschäfts erwerben.
Von ihren erlernten Berufen können viele ehemalige Schüler gut leben und haben oft eine eigene Familie. Einige ehemalige Schüler gehören inzwischen auch zu den 27 Angestellten des Zentrums, unter anderem drei Lehrer und einige G
ärtner. Zudem besteht, wie bereits erwähnt, eine Zusammenarbeit mit einigen Handwerkern.
Den Unterricht konnte ich leider nicht besuchen, da die Weihnachtsferien bereits begonnen hatten. Stattdessen habe ich das Magazin gesehen. Einen Raum in dem sehr günstige Lesebrillen verschiedener Stärken verkauft werden. Auch wurden mir dort die Langstöcke gezeigt, welche in Ghana gekauft werden und nicht nur an die Schüler ausgegeben sondern auch an eine Blindenschule in Benin weiterverkauft würden. Diese Faltstöcke hatten außer dem Name
n nicht mehr viel mit meinem eigenen Langstock zu tun. Sie gingen mir etwa bis zur Hüfte, waren oft schon verbogen und das Gummiband, welches die Teile miteinander verband, schaute an einem Ende raus, damit die nötige Spannung überhaupt zustande kam. „Es gibt leider keine anderen zu kaufen, das sind die einzigen die wir bekommen können, nachdem eine bekannte, größere Hilfsorganisation die Sachspenden an das Zentrum eingestellt hat“, so der zuständige Lehrer. Selbst für mich mit Sehrest ist es ehrlich gesagt schwer vorstellbar, sich auf einen so miserablen Stock wirklich blind verlassen zu müssen.

Die WG und das „Collège Polyvalent Saint Esprit“

In Kpalimé gibt es 17 sehbehinderte bzw. blinde Schüler auf zwei der weiterführenden Schulen. Ayala hatte mich in seine Schule eingeladen, wo ich auch den Unterricht besuchen durfte. Er ist mit zwei weiteren Blinden und einem Sehbehinderten in der Terminale, dem letzten Schuljahr der gymnasialen Oberstufe. Im Unterricht arbeiten die vier Schüler, welche alle zuvor im Zentrum gelebt hatten, mit Schreibtafel und Griffel. Der Lehrer liest alles vor, was er an die Tafel schreibt und gewährt dadurch, dass alle Schüler wissen was dort steht. Bei kleineren Unsicherheiten beim Mit- oder Abschreiben hilft notfalls der Banknachbar. Auch die Arbeitsblätter werden in Braille vorgelegt. Oft gäbe es zudem eine Freiwillige, die die Schüler begleite und die Hausaufgaben für den Lehrer aus der Brailleschrift übersetze. In den Klausuren nutzen die Schüler normale Schreibmaschinen, sodass keine Übersetzung für den Lehrer nötig ist. In der Schule sind die Lehrer die einzigen Ansprechpartner für die Schüler, das Zentrum ist nicht mehr für sie zuständig. So haben sich die vier, zusammen mit den drei jüngeren, ebenfalls sehbehinderten oder blinden Schülern, selbst um eine Wohnung in der Nähe der Schule gekümmert. Ein Schulfreund, der Ayala auch schon bei unserem ersten Treffen begleitet hat und der Schüler, der sehbehindert ist, allerdings noch deutlich mehr sieht als ich, fuhren ihre Mitschüler nach Hause. Die Langstöcke, welche sich alle in einem ähnlich wenn nicht sogar deutlich schlechteren Zustand wie dem von Ayala befinden, dienen dabei primär um den Straßenrand oder den Abstand zur Mauer dauerhaft zu erspüren. Da keiner der Langstöcke (mehr) über eine Rollspitze verfügt, wäre es für sie kaum möglich die vielen Unebenheiten und Löcher in der Straße mit dem Stock wahrzunehmen.
In der WG lernte ich die drei anderen Schüler kennen. Sie kochen gemeinsam und sind komplett selbst für sich verantwortlich. Auf die Frage wie es nach dem Abitur für ihn weitergeht, antwortet mir Ayala: „Ich will in Lomé Philosophie studieren. Hoffentlich habe ich dann einen Computer, während des Studiums gibt es viel zu lesen“. Weitere mögliche Berufe seien Lehrer, Jurist oder Verwaltungsangestellter.

Alle waren sehr offen, worüber ich mich sehr gefreut habe. Jedoch war ich sehr überrascht zu erfahren, dass auch Célestin, der sowohl die Schrift an der Tafel, als auch seine eigene Handschrift noch lesen kann, im Unterricht in Braille schreibt. Er hat diese wie alle anderen im Zentrum gelernt und nutzt diese seitdem ebenfalls dauerhaft. Im Gegensatz zu dem Versuch den Sehrest zu nutzen, wird dieser bei den Sehbehinderten des Zentrums nicht beachtet, und alle Blinden und Sehbehinderten gleich unterrichtet.

Stöcke, so wie sie in Togo erhältlich sind
Stöcke, so wie sie in Togo erhältlich sind

Danke liebe Jasmin für den beeindruckenden Erfahrungsbericht. Als ich diesen gelesen habe, ging mir durch den Kopf, dass es doch möglich sein sollte ein paar intakte Blindenstöcke an das Blindenzentrum zu spenden. Also habe ich recherchiert, und einen günstigen, straßentauglichen Blindenstock gefunden, der für ca. 20 € zu haben ist. Vielleicht bekomme ich ein paar Leute zusammen, die Geld für diesen Blindenlangstock erübrigen können. Geplant ist diese Stöcke dann gesammelt im Februar über Jasmin nach Togo zu schicken. Anschließend habe ich einen Moneypool über Paypal eingerichtet, um die Spenden zu sammeln. Wer kein Paypalkonto hat, und sich beteiligen möchte, kann mich direkt anschreiben. Wir finden dann eine andere Lösung.

Messen mit zweierlei Maß

Susanne mit Malte an einer Treppe Foto Linn Voss.

Susanne und ich kennen uns seit vielen Jahren. Es ist eine dieser Freundschaften, die trotz der Entfernung über Jahre halten. Im Herbst 2017 hat sie mich für ein Wochenende zu sich nach Hamburg eingeladen, und für ein unvergesslich schönes Wochenende gesorgt.

Ich freue mich, dass sie heute wieder einmal zu Gast auf meinem Blog ist. Auch die folgenden Beiträge stammen von ihr:
für Selbstverständlichkeiten bewundert werden,
Tag der offenen Moschee, was passiert da eigentlich? Und
Heißt selbständig auch schnell sein?

Messen mit zweierlei Maß
Es ist ein schöner Nachmittag und mein Freund und ich erwarten Besuch von zwei älteren Damen, die wir gut kennen. Ich bin vor kurzem in meine Wohnung hier in Hamburg eingezogen. Die beiden Damen haben einiges aufgetrieben, das ich gebrauchen kann. Ich freue mich sehr auf den Besuch und habe ein kleines Cafégedeck vorbereitet.
Mit großem Hallo begrüßen und Umarmen wir uns, alles ist gut. Ich freue mich riesig über das, was sie mir mitgebracht haben, und gebe Ihnen natürlich auch etwas dafür. Die beiden sind sehr nett, sehr fit und umtriebig und treiben immer eine Menge auf, das sie aus Haushaltsauflösungen und von Flohmärkten bekommen. Solche Möglichkeiten habe ich als gesetzlich blinde Frau eher nicht. So bin ich für die Unterstützung außerordentlich dankbar, da mein Geldbeutel nicht so dick gefüllt ist. Das Gespräch nimmt seinen Lauf, der Kaffee schmeckt, es wird viel gelacht.
Plötzlich beginnt sich eine der beiden Frauen umzuschauen: „Aber hier muss mal wieder geputzt werden, hier liegen Hundehaare herum! Hast du niemanden, der dir dabei hilft?“ Wie vor den Kopf geschlagen stehe ich da! Ich bin nicht oft sprachlos, aber in diesem Moment bin ich einfach nur stumm! Wie soll ich jetzt reagieren? Wie soll ich mit dem fertig werden, was ich gerade empfinde. Da ist auf der einen Seite die nette Hilfe und die netten Gespräche, und dann das! Mir geht durch den Kopf, was ich und meine Assistentinnen in den letzten Tagen alles getan haben, damit die Wohnung langsam wohnlich wird, damit es sauber und präsentabel ist. Ich wohne erst ein paar Monate in der Wohnung, und mein Hund ist gerade neu eingezogen. Vieles ist noch provisorisch und ich bin dabei mich in meiner neuen Lebensumgebung in Hamburg einzuleben. Ich freue mich über jeden netten Kontakt und über jede Unterstützung, die ich gerade am Anfang bekommen kann.
Was aber mache ich mit einer solchen Aussage? Im ersten Moment bin ich stumm. Ich kommentiere also die Aussage nicht weiter. Durch den Kopf geht mir allerdings: was würdet ihr machen, wenn ich mich bei euch so verhalten würde? Es ist ein Messen mit zweierlei Maß! Ein Hundehaar, eine staubige Fensterbank, ein aus Zeitgründen nicht gesaugter oder gewischter Boden, das alles würde bei einer nicht behinderten Person nicht weiter auffallen. Sie hatte eben einfach keine Zeit. Aber bei mir? Bei mir darf man/frau sich einmischen. Alles nur gut gemeint! Schließlich helfen wir ja sonst auch und bringen etwas mit! Auch wenn ich dafür zahle, die beiden haben sehr viel Zeit und Arbeit investiert, um mit gutem Geschmack etwas Passendes auszuwählen. Wenn ich Ihnen also sage, was mir in diesem Moment auf der Zunge liegt, sowas wie: „Das geht euch nichts an! Wie dreist seid ihr eigentlich?“ Oder die Frage, von eben: „Was wäre, wenn ich das bei euch machen würde?“
Ich stelle es ja immer wieder fest: mit dem Label „gut gemeint“ kann irgendwie alles gerechtfertigt werden. Und mit dem Satz: „Du siehst es ja nicht!“ erst recht. In diesem Moment fühle ich mich richtig hilflos. Eigentlich müsste ich Leute, die sich bei mir so verhalten, die so über meine Grenzen trampeln, rauswerfen. Andererseits sind da aber eben die vielen netten Begegnungen, sind da die vielen Handreichungen, die wirklich toll sind und für die ich sehr dankbar bin.
Das große „Fragezeichen“ bleibt. Ich habe bis heute für dieses Thema keine gute Lösung gefunden. Und ich erlebe es oft, dass Leute beleidigt sind, wenn ich Ihnen eine Grenze setze, weil ich etwas selbst kann, oder es einfach als übergriffig empfinde, wie sich manche Leute verhalten. Das fängt beim ungefragt angefasst werden an, geht weiter über die Bemerkungen und Kommentare zu meiner Hundehaltung, und hört in meinen Privaträumen auf.
Und das ist es: Meine Wohnung ist mein Refugium. Es ist der Raum, in den ich mich zurückziehen kann. Ich möchte mich hier sicher fühlen, den Hut aufhaben. Ich möchte Menschen unvoreingenommen willkommen heißen, Gastgeberin sein und sie bewirten können. Das alles ist irgendwie oft überschattet von dem Gefühl unter einer Dauerbeobachtung, unter so etwas wie Dauerbewährung zu stehen. Das führt leider oft zu dem Eindruck, dass Menschen, die mich besuchen, nicht unvoreingenommen meine Wohnung betreten. Es scheint, als würden sie das Haar auf dem Boden, dass die Assistentin eventuell vergessen hat, oder dass mein Hund direkt nach dem putzen dort hinterlassen hat, suchen. Vielleicht bestätigt das ihr Weltbild, das ich regelmäßig versuche bei meinem Umfeld ins Wanken zu bringen.

Ich habe mich schon oft gefragt, ob Sehende/nichtbehinderte Leute sich untereinander genauso verhalten? Manche würden wahrscheinlich sagen ja: zum Beispiel, wenn Eltern zu ihren Kindern nach Hause kommen, oder die Schwiegermutter das Heim der ungeliebten „Nebenbuhlerin“, die ihr ihren Sohn weggeschnappt hat, in Augenschein nimmt.
Eine Behinderung scheint dieses Phänomen aber zu legitimieren und zu verstärken. Ich kann mir noch so viel Mühe geben, irgendetwas finden sie immer. Und so fange ich langsam an mir sehr genau auszusuchen, wen ich bei mir zu Hause reinlasse. Ich möchte meine Wohnung als meinen Ort zum Wohlfühlen behalten. Ich möchte nicht selbst, mit unfreundlichem Blick, kritisch und oft abwertend, durch meine Wohnung gehen und mich fragen, ob sie vorzeigbar ist. Und doch tue ich das genau sehr regelmäßig. Ich hatte schon Diskussionen mit meinen Assistentinnen, weil sie das Phänomen nicht verstehen. Einfach zu sagen: „dann wehr Dich halt!“ oder: „Lass es einfach an dir abprallen!“ ist zu kurz gegriffen. Wie schon erwähnt: eine gute Lösung habe ich nicht. Ich fühle mich machtlos den Zuschreibungen gegenüber, die ein Weltbild zementieren, von dem ich hoffe, dass wir es irgendwann überwinden werden! An einigen Punkten auch umfangreichere Hilfe zu benötigen, steht den vorhandenen Fähigkeiten und der Normalität nicht im Weg! Und so sind es auch hier wieder die Barrieren in den Köpfen und das daraus resultierende Messen mit zweierlei Maß, die das Miteinander unnötig erschweren und für mich und andere Menschen mit Behinderungen zu echten Behindernissen werden!

Susanne ist gesetzlich blind und lebt in Hamburg. Die Dipl. Pädagogin und Peer Counselorin (ISL) ist ehrenamtlich in der Blindenselbsthilfe Hamburg tätig.

Ich danke ihr für diesen Beitrag, und freue mich auf Eure Meinung in den Kommentaren.

Astronomie für benachteiligte Kinder

Blinder Hobbyastronom blickt durch ein Handplanetarium

Als Jugendliche habe ich mich sehr für Astronomie interessiert. Irgendwann habe ich sogar mal ein Referat über Raumfahrt gehalten, in welches ganz viel Herzblut geflossen ist. Daher habe ich sofort „ja“ gesagt, als Gerhard mir einen Gastbeitrag angeboten hat. Er ist Diplom Informatiker und als blinder Hobbyastronom unterwegs.
In meinem Gastbeitrag geht es um gelebte Inklusion. Was sich vielleicht im schulischen Bereich oft noch schwierig erweist, kann in der Freizeit gut funktionieren. Am Beispiel meines Lieblingshobbys, der Astronomie, zeige ich auf, welches Potential diese Disziplin für Inklusion für benachteiligte Kinder bietet.

Hier einige anrührende Beispiele:

1. Sternstunde an der Nikolauspflege Stuttgart

Die Nikolauspflege ist eine Bildungseinrichtung für Menschen mit Blindheit oder Sehbeeinträchtigung.
Von der Grundschule bis hin zu einer beruflichen Ausbildung ist hier alles geboten. Ein großer Teil ist die berufliche Vorbereitung. Eine derartige Maßnahme muss häufig einer Ausbildung vorgelagert werden. Das ist dann der Fall, wenn noch Probleme zu kompensieren sind, der Einstieg in einen Beruf zu schwierig wäre, oder sonst einfach noch Defizite in Entwicklungsprozessen vorliegen.
Für so eine Klasse durfte ich diesmal nun schon zum zweiten Mal einen Astronomie-Nachmittag mit meiner Arbeitsplatzassistentin gestalten.
Es waren Menschen, die sich gerade in einer einjährigen Maßnahme zur Berufsvorbereitung befinden. Also Personen, die momentan einfach nicht ganz auf der Sonnenseite des Lebens stehen, und etwas Unterstützung und noch Zeit benötigen, ins Leben, in die Welt und zu sich selbst zu finden.
Die Lehrerin hatte im Unterricht mit der Klasse Fragen vorbereitet. Jeder durfte seine Fragen stellen, und wurde von allen ermutigt, es doch zu tun, wenn mal der Mut etwas knapp wurde. So brauchte ich mein Notprogramm überhaupt nicht anfahren. Von den Fragen geleitet, ließ ich mich treiben, ohne natürlich die Struktur zu verlieren.
Immer wieder bin ich verblüfft, was für ein Wissen über Astronomie Kinder und Jugendliche besitzen.
Ich war sehr froh, dass auch Fragen kamen, wo ich einfach sagen musste, dass wir die Antwort darauf momentan nicht wissen.
Die erste Frage war gleich so eine: „Was war vor dem Urknall?“
Es wurde viel zu Sonne, Mond und Mars gefragt. Klar, denn da will ja scheinbar jeder hin. Aber auch die Schwarzen Löcher wurden über die Medien aufgeschnappt. Jupiter und Saturn waren auch sehr präsent, wegen der Sonden Juno und der vergangenen Cassini-Mission. Der Start der Falcon Heavy war auch Thema.
Ein Flüchtling aus Afrika stellte Fragen, die ganz deutlich zeigten, dass in seiner freikirchlich christlichen Religion die Welt eine Scheibe war etc. Das hat mich fasziniert und erschüttert zugleich. Zu den Antworten ließ ich passend meine 3D-Modelle, meine Grafiken und andere Dinge herum gehen. Außerdem hörten wir uns Weltraumsounds wie Sonnenwind, Nordlichter, oder Mondlandung an.

Alle waren super interessiert und nahmen gleichberechtigt am Workshop teil.
Tja, was soll ich sagen. Es hat sich halt mal wieder bewahrheitet. Astronomie funktioniert halt einfach super gut bei Brennpunkt-Schülern etc., weil sie alle gleichermaßen abholt. Sie entrückt alle in ein- und dieselbe Astrowelt, wo Benachteiligungen und Einschränkungen, welcher Art auch immer, einfach mal Pause haben.

Wenn am Anfang in der Vorstellungsrunde ein Teilnehmer mit fortschreitender Augenerkrankung sagt, er habe früher auch ein Teleskop besessen, gab aber die Astronomie wegen des schwindenden Sehrests auf. Wenn diese Person dann am Ende des Workshops sagt:
„Und es geht ja trotzdem.“
Dann braucht man keine Worte mehr, weil sich der Nachmittag alleine schon für diese Erkenntnis des einen Teilnehmers lohnte.

2. Workshop an einer Brennpunktschule.

Der Nachmittag sollte unter dem Motto „Schall im All“ stehen. Wir taten so, als könnten wir uns ungestört auf allen Körpern unseres Sonnensystems bewegen. Wir spürten nach, wie es sich auf den Objekten unseres Sonnensystems anhören würde, wenn wir dort stünden.
Dass es wegen Hitze, Kälte, mangelnder Luft etc. natürlich nicht geht, wurde vernachlässigt, aber selbstverständlich erwähnt.
Auf der Sonne beispielsweise wäre sehr viel Lärm, weil es auf ihr kocht und brodelt, wie in einem Kochtopf voll Wasser.
Unterhielten wir uns auf einem der Gasplaneten, z. B. dem Jupiter, würden wir uns anhören, wie ein Zwerg oder die Mickymaus, weil unsere Stimmen in Helium und Wasserstoff höher klingen, als in unserer Atmosphäre aus Stickstoff und Sauerstoff. Das durften die Kinder mit Ballon-Gas ausprobieren.
Ich blies auch eine Flöte mit Helium an. Unglaublich, wie viel höher der Ton damit wird. Bei einer C-Flöte kann der Ton, wenn es gut läuft, bei gegriffenem tiefem C bis zum darüber liegenden F verschoben werden.
Auf der Venus mit ihrer unendlich dicken Kohlendioxyd-Atmosphäre, klingt dagegen alles deutlich tiefer, fast schon verblubbert.
Wir sprachen auch über die Himmelskörper und es war viel Zeit für Fragen.

Schon zum zweiten Mal, war ich an dieser schule und das war wieder ganz großes Kino.
Die Lehrerin warnte mich. Sie meinte, dass der Workshop diesmal sehr schwierig werden könnte, weil die eine Hälfte der Kinder extrem unruhig sei, und die andere Hälfte der Null-Bock-Generation angehöre. Ich dachte mir, warten Sie mal ab. Sie mögen vielleicht in ihrem Unterricht diese Probleme haben, aber ich…
Zum Glück behielt ich Recht. Die Kinder waren alle super aufmerksam, hatten Fragen etc. Naja, ich holte sie halt ab, bezog sie ein, stellte Fragen und lies sie frei denken.
Für die Erde spielte ich Geräusche vor, die man den Voyager-Sonden mitgegeben hat. Beim Mond gab es natürlich etwas Funkverkehr von Apollo 11.
Auch hier zeigte sich wieder ein unglaubliches Interesse und Wissen der Kinder. Wir haben beispielsweise durch meine Fragen alle Planeten und einige Monde des Sonnensystems zusammen tragen können.

Das astronomische Rätsel von Friedrich Schiller „Auf einer großen Weide gehen, viel tausend Schafe, silberweiß…“ konnten die Viertklässler fast ohne Hilfe entwirren. Sie fanden, dass der Mond das Silberhorn sein muss, dass die goldenen Tore Sonnenauf- und Untergang sein müssen, dass die große Wiese der Himmel ist, und die silberweißen Schafe natürlich die Sterne. Das komplette Rätselgedicht findet ihr auf meinem Blog.

Danach sprachen wir über das Weltraumwetter und hörten uns Sonnenwinde und Nordlichter an.
Die Kinder erkannten die Gefahr des Weltraumwetters und fanden heraus, dass ihre Handys, Navis und Fernseher vielleicht nicht mehr funktionieren, wenn ein Sonnenausbruch einen Satelliten trifft. Der größte Schrecken dürfte der Gedanke gewesen sein, es könnte ja dann auch mal kein Internet geben.

Nach der Veranstaltung meinte die Direktorin, dass sie die Kinder noch nie so aufmerksam erlebt hätte. Was soll ich sagen. Wenn die Kinder im Workshop zeigten, dass sie das grundsätzlich können, dann liegt es entweder am Schulfach, oder woran auch immer. Wenn es im Unterricht nicht rund läuft. OK, das muss man fairerweise schon sagen, dass es deutlich einfacher ist, Kinder für Astronomie, anstatt für Englischvokabeln zu begeistern.
Der wesentliche Unterschied war, dass ich, sobald die größten Zampanos mal ausgemacht war, es gab derer drei, spannte ich genau diese drei für meinen Workshop ein.
Der Eine durfte taktile Modelle und Materialien austeilen. Der Zweite sammelte alles wieder ein und der Dritte durfte die Weltraumsounds am Laptop abspielen.

Ich könnte hier noch viele Seiten voll schreiben.
Auf inklusiven Freizeiten versuche ich jedem teilnehmenden Menschen eine der Einschränkung angemessene Teilhabe zu ermöglichen. Machen wir beispielsweise eine Tanzübung, welche die Umdrehung der Planeten um die Sonne veranschaulichen und erfahrbar machen soll, und haben wir einen Rollstuhlfahrer in der Gruppe, so ist dann einfach der Rollstuhlfahrer oder der geheingeschränkte Mensch die Sonne, der Mittelpunkt der Übung.
Sehbehinderte oder gar voll sehende Teilnehmende betrachten abends auf der Wiese liegend den Sternenhimmel, erzählen uns Blinden, was sie sehen, und malen im Anschluss aus der Erinnerung heraus die Sternbilder auf Spezialfolie auf, so dass sie für blinde Menschen tastbar werden.
Ein Blinder, der gut vortragen oder vorlesen kann, erzählt Geschichten zu Sternbildern, beispielsweise aus der griechischen Mythologie, oder liest sie den sehenden Sternguckern vor – wohlgemerkt im Dunkeln mittels Blindenschrift!
Wir hatten auch schon zwei ganz liebe Frauen dabei, die das Trisomie-21-Syndrom hatten. Für sie war es das größte Geschenk, uns alle bekochen zu dürfen. Auch das ist Inklusion am Himmel.
ADHS-Kinder werden ruhig, wenn sie auf einer Wiese den Sternenhimmel betrachten.

Einmal hatte ich eine Freizeit für Menschen mit multipler Einschränkung zum Thema „Laterne, Sonne, Mond und Sterne“. Da war jemand dabei, der nicht gut sprechen, nicht sehen, nicht gehen und auch sonst vieles einfach nicht bzw. nur sehr eingeschränkt konnte. Seine Welt war sehr klein. Nicht größer als der Radius seiner Arme um seinen Rollstuhl herum. Das Größte für ihn aber war, wenn er für uns den großen taktilen Globus drehen oder das Jahreszeiten-Modell kurbeln durfte. Auch das ist Inklusion.

Fazit:

Es ist ein rührendes und unglaublich gutes Gefühl, wenn man nach so einem Workshop wieder nach Hause geht. Ich habe dann immer das beglückende Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles getan zu haben. Ich kann gar nicht beschreiben, wie unheimlich gut es mir nach so etwas geht. Das trägt mich dann immer über viele Tage und Wochen durch meinen eigenen Alltag. Wenn ich beispielsweise auch mit meiner Einschränkung zu kämpfen habe. Die eigenen Probleme relativieren sich vor dem Hintergrund, was manche, dieser Kinder so durchmachen müssen.

Jetzt hoffe ich, dass ich mich hier nicht zu sehr selbst beweihräuchert habe. Darum geht es mir überhaupt nicht. Ich denke, dass vor allem diejenigen unter euch, die auch Astronomie mit Kindern und Jugendlichen treiben spüren und verstehen, was ich hier sagen will und meine.

Keine Astronomie an Schulen zu treiben, ist eine vertane Chance für so viele Dinge. Das Beispiel mit den Satelliten und dem Sonnenwind führt über die Handys in den Alltag der Kinder hinein. Von den unwirklichen Lebensbedingungen auf der Venus ist man ganz schnell bei den Begriffen Treibhauseffekt und Klimawandel. Astronomie kann ganzheitliches Denken fördern und schulen. Mehr über diese These ist in meinem Buch zu lesen.
Es heißt: „Blind zu den Sternen – Mein Weg als Astronom“. Für Mitglieder von Hörbüchereien wurde es in Marburg aufgelesen.

Wer sich noch mehr für die „Astronomie mit vier Sinnen“ interessiert, lade ich gerne ein, mich auf meinem Blog zu besuchen.

Ich danke Gerhard für den Einblick in seine Arbeit und lade Euch ein, ein Like oder Kommentar zu diesem Beitrag zu hinterlassen.