Wie unfähig sind blinde Kinder?

Vor einiger Zeit lernte ich den Vater eines inzwischen 19jährigen Sohnes kennen, der bei einer Anlaufstelle Rat suchte. Sein einziger Sohn, sieht etwa 5 %. Die Familie hatte die letzten vielleicht 15 Jahre mit dem Sohn im Ausland gelebt. Nun ging es darum, dass der Sohn die Deutsche Sprache erlernen und andere Menschen kennenlernen sollte. Denn dieser verbrachte die meiste Zeit vor dem PC, und sei total passiv. Gleichaltrige Freunde gab es keine. Soweit, so gut.

Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich die traurige Geschichte der Familie. Der Junge wurde zwar an einer Normalen Schule unterrichtet, jedoch ohne jegliche Kenntnis von Blindentechnischen Möglichkeiten. Und weil dieses Kind sehbehindert war, wurde ihm alles abgenommen. Vom Schulweg, bis hin zu allem was man im Leben so können sollte. Auch die außerschulischen Aktivitäten wurden von den Eltern vorgegeben.

Das ist kein Einzelfall. Kinder werden oft aus Liebe behinderter gemacht, als sie es sein müssen. Und wenn ein Mensch sein Leben lang hört, dass er behindert und damit permanent hilfebedürftig ist, dann ist er es auch am Ende tatsächlich. Jeder, der mit Kindern arbeitet, weiß, dass ein Kind neugierig ist, ausprobieren will, und dabei auch mal auf die Nase fällt. Und aus der Erfahrung lernt es dann etwas an seinem Tun oder Verhalten zu ändern. Diese Erfahrung fehlt Kindern, die permanent vor allen Gefahren beschützt und umsorgt werden. Wenn ein blindes Kind niemals ein Messer indie Hand bekommen hat, aus Angst sich zu schneiden, lernt es, dass dieses Gerät gefährlich ist. Dabei wäre es vernünftiger dem Kind zu zeigen, wie es dieses Messer handhaben kann.

In der Regel haben Kinder, die so aufwachsen, kaum bis keine Aufgaben in der Familie. Beim Abwaschen könnte das Geschirr nicht sauber werden, beim Schneiden könnte es sich verletzen, und an der Kaffeemaschine könnte es sich ja verbrühen. Die Botschaft lautet: „Du bist behindert, und Du kannst nichts“. Und wenn dieses Kind mit dieser permanenten Negativsuggestion aufwächst, braucht es mit viel Glück viele Ressourcen und Jahrelange Arbeit, um diesem Menschen zu einer gesunden Psyche zu verhelfen.

Inklusion ist das Modewort der letzten Jahre. In der Regel wird es in Zusammenhang mit der Beschulung behinderter und nicht behinderter Kinder verwendet. Über das Für und Wieder wurde schon viel geschrieben. Ich möchte ein paar Gedanken zur Situation integrativ beschulter Kinder loswerden, die mir als betroffene immer wieder kommen.

Kinder brauchen ein gesundes soziales Umfeld. Dazu gehören Familien, die einen Fördert und auch mal fordert. Liebe Eltern, auch Euer Kind mit einer Behinderung hat es verdient Aufgaben im Haushalt zu übernehmen. Durch permanentes Umsorgen und Bemuttern tut Ihr dem Erwachsenen von Morgen keinen Gefallen. Wenn Ihr nicht wisst, wie Ihr das machen sollt, dann holt Euch Rat bei den Behindertenverbänden.

Ich kann jetzt hauptsächlich für blinde Kinder sprechen. Dafür gibt es Orientierungstraining. Damit lernt das Kind sich draußen zu orientieren, seinen Schulweg alleine zu bewältigen und auch mal Freunde ohne Elterntaxi zu besuchen. Es gibt Schulungen für lebenspraktische Fertigkeiten. Da lernt das Kind sich auch mal ein Brot zu streichen, Haushaltstätigkeiten oder was sonst noch erforderlich ist. Und dann laßt Euer Kind das Erlernte auch mal zuhause umsetzen und üben. Regt Euch nicht auf, wenn mal was daneben geht. Ihr wart als Kinder auch nicht von Anfang an perfekt.

14 Antworten auf “Wie unfähig sind blinde Kinder?”

  1. So, liebe Lydia,

    das ist mal wieder eine weitere Perle in Deinem Blog. Viel könnte ich hier erzählen, das Deine Inhalte untermauert und bekräftigt. Aber hier nur ein kleiner bescheidener Kommentar von mir. Du erzählst, dass das Kind quasi im Ausland vor seinem PC verkümmerte. Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Und was jetzt kommt, ist der absolute Wahnsinn und Hammer. Vor einigen Jahren war ich auf der Insel Borkum in Urlaub. Wie es der Zufall will, hatte ich meine Unterkunft in einer Pension, deren Herbergseltern einen blinden Sohn haben. Der konnte super Keyboard spielen, aber ansonsten konnte er überhaupt nichts. Keine O&M, kein LPF, kein Braille, völlig lebensunfähig also.

    Ich sprach die Familie vorsichtig darauf an und zeigte ihnen ansatzweise, was ich so für Fertigkeiten mitbringe, und dass für ihren Sohn viele Möglichkeiten noch nicht genutzt wären. Um dieses zu erlernen, wurde bald klar, müsste er allerdings auf das Festland, z. B. in eine Blindenschule. Darauf wurde die Mutter so böse, dass sie plötzlich nur noch Plattdeutsch schrie. „Hei gef min Jung nich ob de Festland rut“. „Ich gebe meinen Jungen niemals auf das Festland.“

    Ich weiß leider nicht, was aus dem jetzt längst erwachsenen Mann geworden ist. So etwas gibt es also nicht nur im Ausland, sondern auch hier vor der Tür in Deutschland trotz Schulpflicht und allem. Ich möchte gar nicht wissen, wieviele Kinder daheim verkümmern, deren Familien z. B. einen Migrationshintergrund haben. Das Thema Inklusion, und wie ernst es unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft und Politik damit wirklich ist, erspare ich uns jetzt. Danke Lydia für diesen wichtigen Beitrag.

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  2. Wie recht du hast! Kinder mit und ohne „Behinderung“ sind zunächst „unfähig“. Messer und Kaffeemaschinen etc. pp. sind für ALLE Kinder gefährlich, und ihre Handhabung muss trotzdem erlernt werden. Ich sehe das an meinen beiden Enkeln: Die „Große“ (drei Jahre alt) kann schon (bedingt) mit Messern umgehen, der Kleine (sieben Monate alt) würde sie sich am liebsten grapschen und in den Babymund stopfen. Der Großen kann ich erklären und zeigen, wie sie das Messer (besser) handhaben soll, dem Kleinen muss ich erklären, warum er es ganz bestimmt (noch) nicht haben darf: Er weiß nicht, was es ist, er kann mental nicht abschätzen, was er damit tun und anrichten kann, er ist motorisch nicht in der Lage, es sicher zu greifen, einfach weil er zu jung ist. Und vor zweieinhalb Jahren war es bei seiner Schwester natürlich nicht anders. Hätten wir jetzt aber alle Messer immer von ihr ferngehalten, könnte sie sicher auch heute nicht damit umgehen. Ich muss zugeben, ich hätte dazu tendiert (so als überbesorgte Oma), aber meine Schwester und meine Tochter (beide pädagogisch ausgebildet) haben es mir erfolgreich ausgetrieben. Ich finde, jedes Kind sollte nach seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten gefördert und gefordert werden, und Unterforderung kann genauso dramatische Folgen haben wie Überforderung.

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  3. Wow – super helikoptering….
    Übrigens ist dein Text genauso richtig, wenn man statt blinder Kinder nur Kinder einsetzt. Aber sicher passiert es mit einem blinden Kind leichter, denn die Eltern meinen, einen wirklich guten Grund zu haben. Aber man sollte doch immer einen selbstständigen Erwachsenen vor Augen haben und das passiert nicht, wenn man einem Kind alles abnimmt…
    Weißt Du, wie es mit der Familie weiter ging?

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  4. Ich liebe deine Artikel, Lydia! Du bringst es einfach auf den Punkt. Kinder allgemein sind heute so überwacht und vieles wird ihnen einfach ab (weg-)genommen. Sie bleiben Kinder bis weit über die Volljährigkeit hinaus und wenn das alles normal sein soll, hatten wir damals Rabeneltern. Kinder werden heutzutage mit allem Möglichen unterstützt und gefördert, aber mit der Selbstständigkeit und dem Selbstbewusstsein hapert es oft. Schade. Für den jungen Mann hoffe ich, dass er einiges noch aufholen kann und nicht weiter behindert wird!

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  5. Liebe Lydia,
    ich glaube zwar, dass die Situation, die du da so anschaulich schilderst, kaum der Bekräftigung bedarf, wollte aber trotzdem hinzufügen, dass ich ähnliches erlebt habe.
    Nachdem ich im Alter von 8 Jahren durch Netzhautablösung das Sehvermögen auf einem Auge verlor und meinen Eltern seitens der Ärzte eingeschärft wurde, ja jegliche körperliche Anstrengung meinerseits zu vermeiden, da sonst auch das andere Auge Schaden nehmen könnte (starke Kurzsichtigkeit, Glaukom), verbrachte ich meine Kindheit und Jugend unter Bedingungen, in denen mir ob meiner fragilen Sehkraft nahezu alle Pflichten und der Großteil aller Freizeit- und sportlichen Aktivitäten verwehrt wurden.
    Diese Vorsicht mag der Grund sein, dass ich heute noch immer sehen kann, aber an den sozialen und psychologischen Folgen habe ich heute mit Ende 30 noch immer zu knabbern. Ich kann nur bekräftigen, dass krankheitsbedingtes Einsiedlertum, besonders wenn es von den Eltern aufgezwungen wird, eine der falschesten Dinge ist, die man einem Kind antun kann.

    VG
    Kai

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  6. Danke für diesen Beitrag. Ich selbst muss mich oft an der eigenen Nase nehmen um meinem 11 Jährigen Kind nicht zuviel abzunehmen. Ich kann nur sagen, es ist nicht einfach. Man hat einfach viel mehr Angst als bei einem normal sehenden Kind. Ich habe das grosse Glück, dass ich mit ihr zusammen LPF Stunden besuchen kann. Auch wenn ich dabei nur zusehe, lerne ich sehr viel. Und was soll ich sagen, mein fast blindes Kind (unter 5%) wäscht sauberer ab als ihre sehenden Geschwister.

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  7. Wieder mal ein toller Beitrag. Mir hat es als hörbehindertes Kind sehr viel gebracht, dass ich vieles ausprobieren konnte und auch schon mal ab und an einen Schubs bekam, Dinge selber anzugehen. Es mag schmerzlich für das Umfeld anzusehen sein, wenn ein behindertes Kind so einige Versuche mehr braucht, etwas zu erfassen, aber die Lebensqualität steigt so letztlich für alle gewaltig.

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  8. Ich finde deine Beiträge immer sehr sehr gut. Wir haben einen blinden 4 1/2 jährigen der aber nicht „nur“blind ist sondern global stark Entwicklungs verzögert. Spricht nicht, läuft nicht, isst nicht usw. Dennoch lass ich ihn schon lange z.b.auf der Couch krabbeln. Andere meinten pass auf das er nicht herunterfällt er sieht nix, da meinte ich auch sehende Kinder plumpsen von der Couch. Gehört dazu zu lernen das man aufpassen muss. Unser Sohn ist übrigends sehr sicher wenn er auf der Couch ist und ist eigentlich nie richtig von der Couch gefallen nur halb abgerutscht. Ich vergess ehrlich gesagt im Alltag oft das er nicht kucken kann.

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  9. Ich finde deine Beiträge immer sehr sehr gut. Wir haben einen blinden 4 1/2 jährigen der aber nicht „nur“blind ist sondern global stark Entwicklungs verzögert. Spricht nicht, läuft nicht, isst nicht usw. Dennoch lass ich ihn schon lange z.b.auf der Couch krabbeln. Andere meinten pass auf das er nicht herunterfällt er sieht nix, da meinte ich auch sehende Kinder plumpsen von der Couch. Gehört dazu zu lernen das man aufpassen muss. Unser Sohn ist übrigends sehr sicher wenn er auf der Couch ist und ist eigentlich nie richtig von der Couch gefallen nur halb abgerutscht. Ich vergess ehrlich gesagt im Alltag oft das er nicht kucken kann.

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  10. also ich hatte das große glück, dass meine eltern meine sehbehinderung nicht zum anlass nahmen, mich in watte zu packen. im gegenteil: ich hab quasi von kindheitsbeinen an eher ein abenteuerliches leben geführt – so mit bergsteigen,kajakfahren,skilaufen. bin auf meinen holprigen pfaden auch auf die nase gefallen. ich denke aber, dass das nicht an meiner sehbehinderung lag,sondern an den holprigen pfaden, auf denen andere mit sehtechnischer überkompetenz ebenfalls oft auf die nase fallen. gehört halt dazu wenn man nicht brav zu hause sitzen will sondern sich lieber draußen in der welt herumtreibt. gut, dass meine eltern mich auch mal auf die nase fallen ließen…

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