Das brauche ich zum blind Bloggen

Lydia sitzt am Schreibtisch, auf dem ein Computerarbeitsplatz steht.

Es muss wohl im Sommer 2016 gewesen sein als ich einen meiner Blogbeiträge auf Facebook teilte.

Ich bekam ein paar Likes und Kommentare dazu. Die meisten lobten meine Arbeit. An einen Kommentar erinnere ich mich genau, da dieser darauf hinwies, dass mein Beitrag zwar einige Rechtschreibfehler enthält, dafür aber ganz gut sei. Jedenfalls für mich als blinde Schreiberin. Okay, den Hinweis auf Fehler finde ich grundsätzlich gut. Dann habe ich die Chance diese zu beseitigen. Nur nicht in einem als öffentlich deklarierten Beitrag auf Facebook. Und schon gar nicht den Hinweis, dass der Text für einen Blinden ganz gut geschrieben sei. Das hörte sich an wie „Bei Blinden geht man von mangelhafter Rechtschreibung aus“. Und das fand ich dann doch nicht so prickelnd.

Damals wurschtelte ich ganz alleine auf meinem Blog herum. Also nahm ich mir die App von WordPress vor, und versuchte die entsprechenden Tippfehler auszumerzen. Dabei stellte ich fest, dass dies nicht möglich war. Ich bekam nicht die Stelle vorgelesen, an der ich mich befand, sondern was ganz anderes. Also nahm ich mir meine Ursprungsdatei vor, beseitigte die Tippfehler, und setzte sie erneut ein. Und da auch hierbei die Zusammenarbeit mit dem Screen Reader Voiceover nicht funktionieren wollte, war das ein zeitintensives Unterfangen. Erst recht, da WordPress für mich noch etwas Neuland war. Ich habe dann den Support angeschrieben, und hoffe bis heute, dass die Navigation etwas besser funktioniert.

Auf dem PC funktioniert es teilweise, nur nicht mit dem Screen Reader, den ich am besten kenne. Daher habe ich irgendwann entschieden, dass mich diese Arbeiten zu viel Zeit kosten. Ich schreibe meine Beiträge, und gebe den Rest an eine sehende Assistenz ab. Diese schafft es in einem Bruchteil der Zeit Formatierungs- oder Tippfehler auszumerzen, den Beitrag an die richtige Stelle einzusetzen, und Fotos nachzubearbeiten und an die richtige Stelle zu setzen. Sobald das geschehen ist, lese ich noch mal drüber, füge Schlagwörter oder andere Details ein, und kann den Beitrag dann guten Gewissens veröffentlichen.

Was muss die Assistenz mitbringen?
Ich brauche jemanden, der gute PC-Kenntnisse hat, eine gute Rechtschreibung und eine Idee davon wie ich arbeite. Und ganz wichtig: Vertrauen zu der Person, die hier Beiträge aus meinem Alltag bearbeitet. Und da mein Blog regelmäßig erweitert wird, brauche ich hin und wieder jemanden, der an meiner Seite bastelt. Diese Hilfen kaufe ich mir gern ein.

Unter meinen Lesern habe ich welche, die meine Beiträge verlinken, teilen, oder mich finanziell unterstützen, ohne etwas dafür zu bekommen. Das möchte ich ab sofort ändern. Damit ich weiterhin gute Beiträge machen kann, brauche ich diese Unterstützung. Daher habe ich mir ein paar Dinge überlegt, die ich als Gegenleistung für finanzielle Unterstützung anbieten kann. In einem Werbespot käme jetzt die Stimme, die ganz enthusiastisch sagt: „Ab 5 € seid Ihr dabei“. Und da ich selbst nur selten auf solche Stimmen reagiere, habe ich die Möglichkeiten und was Ihr für welche Unterstützung von mir bekommt, direkt auf Steady erklärt.

Was ist Steady eigentlich?
Steady ist eine Crowdfunding-Plattform der etwas anderen Art. Wie beim normalen Crowdfunding stellen die einen ihre Projekte vor und die anderen entscheiden, ob sie das Projekt finanziell mit kleinen Geldbeträgen unterstützen möchten. Beim üblichen Crowdfunding ist es so, dass das versprochene Geld dann einmalig ausgezahlt wird. Das passiert aber nur dann, wenn die Wunschsumme des Projekt-Einstellers bis zum vorher dafür festzulegenden Zeitpunkt erreicht wird. Ansonsten war alle Mühe umsonst und sowohl die potenziellen Unterstützer, als auch der Projektinhaber sind bitter enttäuscht.

Bei Steady gibt es ein anderes Konzept. Steady zieht das Geld sofort ein und zahlt das für den laufenden Monat gesammelte Geld dann im Folgemonat an die Projektinhaber aus. Und das passiert unabhängig davon, ob das jeweilige Ziel schon erreicht wurde oder noch nicht. Steady bietet mir die Möglichkeit, meinen Unterstützern dafür verschiedene Abo-Pakete anzubieten. Die Pakete können dabei so einfach gekündigt werden, wie Du sie abschließt, online, mit ein paar Klicks. Alle von mir angebotenen Steady-Pakete sind Pakete mit monatlichem Abonnement. Sie können daher auch monatlich gekündigt werden. Meine Steady-Unterstützer bekommen als Dankeschön von mir unterschiedliche Gegenleistungen. Welche das sind, hängt davon ab, für welches Abo-Paket Du Dich entscheidest. Wenn Du diesem Link folgst, erfährst Du mehr darüber.

Unterstütze mich auf Steady

Ich freue mich, wenn auch Du mich unterstützt!

Tütensuppen und Konserven

Konserven und Tütensuppen

Als meine Kinder jünger waren, habe ich in regelmäßigen Abständen einen Großeinkauf mit einer bezahlten Assistenz gemacht. Und damit meinte ich auch Großeinkauf. Gekauft wurde alles, was ich verwendete, und was sich außerhalb des Kühlschranks über einen längeren Zeitraum halten kann. Also auch Gläser und Konserven. Denn diese im Supermarkt selbst zu suchen war mir bei der Menge, die ich haben wollte, zu zeitaufwändig. Also nutzte ich meine sehende Begleitung inklusive Eigenem Auto hier gnadenlos aus. Manchmal musste ich mich dann auch mal an der Gefriertruhe austoben. Für das Alltagsgeschehen brauchte ich dann nur noch die frischen Dinge wie Obst oder Gemüse usw. einzukaufen.

Nach ein oder zwei Stunden waren wir dann voll bepackt wieder zuhause, Neben dem Verstauen des Einkaufs kam für mich noch dazu, dass ich gemeinsam mit der Assistenz Verpackungen, Konservendosen oder Gläser so sortieren musste, dass ich diese eigenständig gezielt auswählen konnte.

Ein Gack, der immer wieder in Kreisen von blinden Personen rumgeht, erzählt von dem Blinden, der versehentlich das Hundefutter statt der geplanten Erbsensuppe gegessen hat, weil er es nicht lesen konnte. Zum Glück sind blinde Menschen nicht wirklich so unbeholfen, wie das Weltbild nicht blinder Personen es vorschreibt. Es gibt mehrere Möglichkeiten sich selbst zu behelfen.

Verpackungen, Gläser oder Konservendosen haben teilweise unterschiedliche Formen. Manche sind so weich, dass man durch sie den Inhalt erfühlen kann. Andere verursachen ein bestimmtes Geräusch, wenn man sie kurz schüttelt. Wir wollen mal davon ausgehen, dass die Behältnisse dieselbe Form und Größe haben. Und hier stelle ich unterschiedliche Lösungen vor.

Anordnung und Sortierung
Ich kann meine Konserven auf unterschiedliche Regale verteilen, oder so anordnen, dass ich sie später wieder Fine. Das macht Sinn, wenn es sich um wenige verschiedene Behältnisse handelt. Bei uns hat das Katzenfutter einen ganz anderen Platz als die eigenen Lebensmittel. Auch wenn das Katzenfutter eine Markante Form hat.

Markieren
Man kann sich Dosen und Gläser mit einem Gummiband, einer Schnur oder einem anderen Material kennzeichnen. Der Hilfsmittelmarkt bietet Markierungsbänder mit unterschiedlichen Oberflächen aus Gummi an. Diese dürfen sogar mit in die Gefriertruhe, um Gefriergut zu kennzeichnen.

Beschriften
Es gibt mehrere Möglichkeiten ein Behältnis zu beschriften. Wenn man noch etwas sieht, kann man dieses mit einem dicken Stift kennzeichnen. Wer oft die gleichen Dinge kauft, kann sich eine Beschriftung mit Dymoband machen, und dieses mit einem festen Gummi anbringen. Ich beschrifte meine Gewürze mit selbstklebendem Dymoband. Das hält gut. Und wenn der Behälter leer ist, wird er eben wieder aufgefüllt.

Aber auch die Technik hält hier Lösungen bereit. Es gibt kleine Plastikkarten im Checkkartenformat, welche sich mit Hilfe eines kleinen Geräts besprechen lassen. Diese Sprachnotiz kann an der Verpackung befestigt werden und später abgerufen werden.

Produkterkennung über den Barcode
Jedes Produkt ist mit einem Barcode versehen. Dieser lässt sich mit Hilfe eines Barcodescanners auslesen. Der Hilfsmittelmarkt für blinde Kunden hält auch hierfür einige Lösungen bereit. Dazu gehören die Produkterkennungsgerät Woodscan oder Einkaufsfuchs. Die Kosten dafür werden sogar von den meisten Krankenkassen übernommen. Aber auch Smartphones bieten Apps an, die diesen Code auslesen können. Damit könnte man sogar einkaufen gehen. Mir persönlich wäre das allerdings zu mühsam. Aber um festzustellen, ob ich das Päckchen mit Tomatensuppe oder das mit der Pilzsauce in Händen halte, ist diese Möglichkeit super. Und wenn das Produkt in der entsprechenden Datenbank noch nicht bekannt ist, lässt sich eine eigene Beschriftung machen und auf dem Gerät abspeichern.

Fazit
Es gibt mehrere Lösungen, um sich Behältnisse oder Gegenstände, die sich gleich anfühlen, voneinander unterscheidbar zu machen. Die von mir aufgeführten Möglichkeiten erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Daher bin ich gespannt, ob ich in den Kommentaren weitere Möglichkeiten angezeigt bekomme.

Der Blinde und das Jobcenter

Kamil Günay 2018-03-18 16.06.20

2013 hatte ich nachdem ich mich Arbeitsuchend gemeldet hatte, einen Termin bei einer Mitarbeiterin der Agentur für Arbeit, welche für Menschen mit Behinderung zuständig war. Ich viel daher aus allen Wolken, als sie sagte, sie wisse gar nicht, wie sie mir jetzt helfen könne. Außerdem sprach sie fortwährend mit meinem Begleiter, den ich wegen der schlechten Verbindung mit dem ÖPNV mitgenommen hatte. Inwieweit es sich bei diesem Termin um Zeitverschwendung oder aber ein Lerngeschenk handelt, liegt im Auge des Betrachters.

Heute schreibt mein Gastautor Kamil Günay über seine Erfahrungen mit dem Jobcenter, welche sich durch hartnäckige Lernresistenz und einem falschen Weltbild von Menschen mit Behinderung auszeichnen.
Blinde erleben im Alltag die unterschiedlichsten Hindernisse. Manche davon sind so gestaltet, dass man sie mit etwas Geschick umschiffen kann. Oft sind es Menschen, die durch Unwissenheit Barrieren aufbauen. Aber auch da, ein freundliches Gespräch löst meistens alles auf. Ich möchte euch heute von Diskriminierungen und Demütigungen erzählen, die sich in den letzten Jahren auch nicht durch noch so viele Gespräche haben lösen lassen. Denn gerade in der Jobsuche oder auf Behörden gerät man oft an Grenzen, die auch psychisch ziemlich aufreibend sein können.

Kurz zu mir:
Ich bin 43 Jahre alt, von Geburt an blind und lebe in Wuppertal. 1998 habe ich eine Ausbildung als Kaufmann für Bürokommunikation abgeschlossen. Von 1999 bis 2002 habe ich als Systemadministrator und Netzwerktechniker für eine türkischen Telefongesellschaft gearbeitet. Als die Niederlassung geschlossen wurde, wurde ich arbeitslos.

Neben meinem privaten Blog, wo es hauptsächlich um Science Fiction und Fantasy geht, wo ich aber auch immer mal wieder persönliches poste, betreibe ich noch die Plattform TuKSuB. Das steht für Technik und Kommunikation für Sehbehinderte und Blinde. Hier wird über Hilfsmittel, Alltagsgeräte oder Smartphones diskutiert. Das geschieht in Blogbeiträgen, Podcasts und hauptsächlich in einer Mailingliste.

Behördenstress!
Zum Ausfüllen von Formularen benötige ich Hilfe. Ich kann zwar mit meinen Hilfsmitteln, Scanner oder auch mit dem iPhone, lesen, was da auf den Formularen steht, aber ausfüllen kann ich diese nicht. Hier wird mir von den Behörden immer wieder die Hilfe verweigert, aktuell vom Jobcenter Wuppertal. Oft bekomme ich Hilfe erst nach langen Diskussionen oder anwaltlicher Hilfe.

Immer wieder wird mir vom Jobcenter gesagt, ich sei eigentlich ja gar nicht erwerbsfähig. Auf meine Frage, wie man denn jetzt darauf komme heißt es, ich hätte ja das Merkzeichen H im Schwerbehindertenausweis, welches für „Hilflos“ stünde, und da gäbe es ja ein Dokument, wonach man mich in die Grundsicherung befördern müsse… Meine Argumente, dass das Merkzeichen H im Schwerbehindertenausweis eines jeden Blinden steht und viele Blinde berufstätig sind, zählten da nie.

Aktuell versucht man mich im Rahmen einer Mietsenkungsmaßnahme zu einem Umzug zu bewegen. Die Wohnung sei zu groß und zu teuer. Nun, eine für mich als Blinden einigermaßen barrierefreie Wohnung zu finden, die günstiger ist, dürfte schwierig sein. Für mich ist ja nicht nur die Größe der Wohnung wichtig, sondern auch die Infrastruktur, wie ÖPNV, Einkaufsmöglichkeiten und dergleichen. Auch hier wird seitens des Jobcenter Wuppertal nahezu jedes Argument ignoriert, welches ich anbringe. Stattdessen soll ich nachweisen, ob ich in einer Pflegestufe bin.

Die ganze Angelegenheit ist selbstverständlich wesentlich komplexer. Um aber hier den Rahmen nicht zu sprengen, habe ich die Sache nur oberflächlich angerissen. Wer Interesse am Behördenwahnsinn Wuppertals hat, kann die ganze Geschichte auf meinem Blog hier nachlesen.

Mehr über Kamil könnt Ihr auf Science/Fantasy-Ecke dem Treffpunkt für SF- und Fantasy-Fans oder auf TuKSuB | Technik und Kommunikation für Sehbehinderte und Blinde lesen.

Ich danke Kamil für seinen Beitrag, und lade Euch ein in den Kommentaren darüber zu diskutieren.

Der Blindenstock in der Praxis

Lydia läuft mit Blindenstock an einem zu eng parkendem Auto entlang.

Der Blindenlangstock, oder auch Blindenstock genannt, ist ein international anerkanntes Kennzeichen für blinde Personen im Straßenverkehr. Neben ihm sind auch die gelbe Armbinde mit drei schwarzen Punkten, die beidseitig an der Kleidung befestigt werden, und das weiße Führgeschirr, welches Blindenführhunde tragen, ebenfalls gültige Kennzeichnungen.

Im Folgenden möchte ich auf den Blindenlangstock eingehen, der neben der Kennzeichnung auch eine ganz wichtige Funktion erfüllt. Er ist sozusagen mein Auge am Boden.

Ich halte ihn beim Laufen so, dass er mir stets einen Schritt voraus ist. Bevor ich also einen Fuß nach vorne bewege, muss mein Stock diese Stelle berührt haben. Das ist wichtig, um sicherzustellen, dass sich kein Hindernis an dieser Stelle befindet. Die Stockspitze wird in einer Pendelbewegung von links nach rechts und zurück bewegt. Dabei bleibt sie immer am Boden. Damit kann ich fühlen, ob sich etwas im Weg befindet, ob es Stufen nach oben oder unten gibt, oder ob die Stelle, die ich passiere, etwas enger ist.
Stößt der Stock irgendwo gegen, dann kann ich mit Hilfe der Stockspitze ertasten ob es sich um einen Stolperstein, einen Autoreifen oder eine Stufe aufwärts handelt. Das kriege ich raus, indem ich mit der Stockspitze eine Seitwärtsbewegung mache, oder die Stockspitze langsam nach oben ziehe. Geht es abwärts, merke ich es daran, dass der Stock ein bisschen ins Leere pendelt.
An Bahnsteigen oder öffentlichen Gebäuden werde ich oft auf Fahrstühle hingewiesen. Das ist nett gemeint, aber manchmal etwas unpraktisch für mich. Erst recht, wenn die Aufzüge im Gebäude keine Sprachausgabe haben. Die brauche ich, um zu kontrollieren wo ich aussteigen muss. Außerdem ist der Weg, den man kennt, der Beste für blinde Menschen. Wege sind so etwas wie ein Auswendiglernen.
Beim Treppensteigen nach oben halte ich den Blindenstock so, dass die Spitze in Höhe der ersten Stufe ist. Wenn ich ihn locker in der Hand halte, pendelt er gegen jede weitere Stufe. Sobald er ins Freie pendelt, weiß ich, dass ich das obere Ende der Treppe erreicht habe.
Geht es abwärts, so mache ich das genau umgekehrt. Ich halte die Stockspitze so, dass sie sich etwa eine Stufe tiefer als ich befindet. Die Treppe ist zu Ende, sobald die Spitze aufsetzt. Zur Sicherheit kann ich noch mal nach vorne pendeln.
Mit dieser Technik steige ich auch in Bus und Bahn ein und aus. Das birgt weniger Gefahren, als wenn hilfsbereite Passanten mich ungefragt am Arm nehmen, oder mich am Stock versuchen irgendwohin zu ziehen. Stellt Euch vor, ihr wollt in einen Bus einsteigen, und da kommt jemand, hält Euch die Augen zu und schiebt.
Solche Techniken werden durch Mobilitätstrainer und Rehalehrer vermittelt. Wichtig dabei ist, dass sie regelmäßig geübt werden. Das ist wie das Laufen lernen bei einem Kleinkind. Auch da steckt viel Übung dahinter, bis es zuverlässig klappt.
Kommen wir mal zu den Dingen, die der Stock nicht wahrnehmen kann. Das sind beispielsweise herabhängende Äste, die bei Regen gern mal noch tiefer hängen, Außenspiegel, wenn man zu eng auf dem Bürgersteig geparkt hat, oder offene Ladeflächen eines LKW. Alles was am Boden ist, kriege ich mit. Hindernisse, die erst in Schritthöhe beginnen, bekomme ich erst mit, wenn der Stock darunter durchgependelt ist. Daher liebe ich Schranken, die unten noch mal eine Querstange haben, gegen die der Stock pendeln kann.
Liebe Autofahrer, die Ihr manchmal halb auf dem Bürgersteig parkt, nicht nur Rollstuhlfahrer und Kinderwagen kommen schwer bis gar nicht durch die enge Stelle. Blinde Menschen haben ebenfalls das Problem sich daran vorbeiquetschen zu müssen. Und so ein Außenspiegel im Gesicht macht nicht wirklich Spaß.

Eure Lydia

Die Begriffe assistieren, betreuen, bevormunden

Lydia mit Blindenlangstock und Shopper.

Elternabend im dritten Schuljahr. Da ich die manchmal Hand geschriebenen Informationen der Schule nicht selbst lesen kann, frage ich, ob mir jemand aus der Elternschaft bei der Informationsbeschaffung helfen kann. Ich stelle mir das so vor, dass ich einen Anruf oder eine E-Mail bekomme. Alternativ habe ich kein Problem damit regelmäßig selbst nachzufragen. Bevor sich jemand dazu äußern kann, merkt die Lehrkraft an, dass ich doch eine Betreuerin habe. Und die könne das machen. Nein habe ich nicht. Die Dame, die ich einmal zum Elterngespräch mitgebracht hatte, war eine von mir selbst finanzierte Assistentin, die einem meiner Kinder beim Lesen üben und beim Schreiben helfen sollte. Ich hatte sie mitgenommen, um die Inhalte mit der Lehrkraft abzustimmen.
„Mit uns und nicht über uns“ ist ein Slogan, der in den letzten Jahren immer mehr von den Behindertenverbänden gefordert wird. In diesem Zusammenhang tauchen auch die Worte „betreuen“, „assistieren“ und „bevormunden“ auf. Diese Begriffe möchte ich anhand eines Beispiels veranschaulichen. Denn sie bedeuten nicht dasselbe, wie viele Leute glauben.

Tina hat große Fenster, die sie aufgrund einer Behinderung oder Erkrankung nicht selbst putzen kann. Sie braucht Hilfe. Und diese könnte wie folgt aussehen.

Assistieren: Jemandem nach dessen Anweisungen zur Hand gehen.
Tina beauftragt eine dritte Person mit dem Säubern der Fenster. Diese bekommt Geld dafür. Dabei bestimmt Tina selbst welches Fenster geputzt wird, wann dies passiert und wer das für sie macht. Wird die Arbeit nicht zu ihrer Zufriedenheit ausgeführt, kann sie sich jederzeit für eine andere Assistenz entscheiden, welche die Arbeit besser ausführt. Das ist ihr gutes Recht. Denn schließlich bezahlt sie für diese Dienstleistung und kann ordentlich ausgeführte Arbeit erwarten. Sie ist Arbeitgeberin.

Betreuen: Tina hat eine Person, die ihr in Situationen hilft, die sie selbst überfordert. Ihre Betreuerin hat die Aufgabe ihr bei der Durchführung der Aktion „Fenster putzen“ zu helfen. Im Idealfall spricht sie die Durchführung mit Tina ab. Sie entscheiden gemeinsam, ob Tina es zusammen mit ihrer Betreuerin selbst versucht, oder eine außenstehende Person mit dem Putzen der Fenster beauftragt wird. Die Aufgabe der Betreuerin besteht darin, Tina ein selbstbestimmtes Handeln zu ermöglichen, ohne sie dabei zu bevormunden oder zu überfordern.

Bevormunden: wie einen Unmündigen behandeln, in eigenen Angelegenheiten nicht selbst entscheiden lassen.
Eine Person aus Tinas sozialem Umfeld findet, dass die Fenster geputzt werden müssen. Sie führt diese Tätigkeit eigenmächtig durch, oder beauftragt eine dritte Person. Und zwar so, wie sie selbst es für richtig hält. Sie entscheidet über den Zeitpunkt und die Art der Durchführung. Tinas Meinung dazu spielt für sie keine Rolle. Gefällt Tina irgendetwas an der Durchführung nicht, ist Konflikt mit der Bekannten vorprogrammiert. Denn diese wird Tina wahrscheinlich Undankbares Verhalten unterstellen.

Und wenn wir schon mal dabei sind, hier noch ein paar Begriffe, die im Zusammenhang mit Menschen mit einer Behinderung gern verwendet werden.

Helfen: Dabei unterstützen ein angestrebtes Ziel schneller zu erreichen.
Eine Freundin von Tina bietet ihr an, ihr beim Säubern der Fenster zur Hand zu gehen, und spricht die Aufgabenverteilung mit ihr ab. Tina hat die Wahl die Hilfe anzunehmen oder sie abzulehnen.

In meinen Beiträgen schreibe ich immer wieder, dass ich ein großer Freund davon bin, sich benötigte Hilfe einzukaufen. Denn diese garantiert uns Menschen mit Behinderung mehr selbstbestimmtes Handeln. Das ist bei Freunden und Familie nicht immer gegeben. Ich freue mich für jeden Menschen, der Assistenz von Freunden und Familie bekommt, ohne das Gefühl ein Bittsteller zu sein. Diesen Hilfeerbringern gilt mein großer Respekt, da hier eine Kommunikation auf Augenhöhe stattfindet.

Meine Erfahrungen waren oft dahingehend, dass ich schnell mal selbst ernannte Miterzieher für meine Kinder hatte. Und so etwas belastet die Beziehung zu sehr, als dass ich mir das dauerhaft geben wollte. Umso mehr schätze ich die Menschen, die mir ohne mich bevormunden zu wollen, zur Hand gehen. Daher finde ich es wichtig, dass man als Assistenznehmer die Wahl hat wessen Hilfeleistungen man in Anspruch nehmen möchte. Denn hier geht es um gegenseitiges Vertrauen und Empathie, und nicht um eine Dankbarkeitshaltung gegenüber dem Helfenden.