Das kannst Du nicht, lass mich das machen

Diese und ähnliche Aussagen kennen Menschen mit einer Behinderung nur zu gut. Als blindes Kind bedeutete das für mich, dass ich stets mit Dingen konfrontiert wurde, die ich nicht konnte. Jedenfalls Dinge, die zu einem lebensfähigen Menschen dazu gehörten.

Praktische Beispiele bis zum 9. Lebensjahr waren:
– Ich konnte mir nie ein Glas Wasser oder Tee selbst einschenken.
– Ich habe nie gelernt ein Kleidungsstück zusammenzulegen.
– Ich durfte nie eine Straße ohne sehende Hilfe überqueren.

Ich habe also gelernt, dass ich blind, und damit hilflos bin. So, wie mein Umfeld mich eben sah. Meine Eltern sahen in mir aber auch, dass ich Schulstoff sehr schnell aufnahm. Und weil ich sehr schnell besser deutsch sprach als meine restliche Familie, war für meine Eltern klar, dass ich einen Beruf wie Übersetzerin oder Lehrerin ausüben würde. Ich würde einen sehenden Mann heiraten, der mich zur Arbeit fahren und in Allem unterstützen würde. Und mit viel Glück würde ich sehende Kinder bekommen, die mir später helfen würden. Ja, und solange würde meine Familie für mich sorgen. Und weil ich meinen Eltern vertraute, glaubte ich selbst lange Zeit an diese Lebensplanung
Die große Veränderung kam, als ich mit neun Jahren auf eine Schule für blinde Kinder wechselte. Bisher hatte ich eine Schule für sehbehinderte Kinder besucht, die mit einem Schulbus erreichbar war. Nun musste ich auf das angeschlossene Internat, weil die
Schule zu weit weg war, um täglich nach Hause zu kommen. Ein Lehrer aus der Schule hatte uns zuhause besucht, und mir viel von der Blindenschule und den Kindern erzählt. Ich fand das spannend. Denn ich kannte keine anderen blinden Kinder. Und ich würde Freunde finden, mit denen ich in und nach der Schule spielen konnte. Für meine Eltern brach damit eine Welt zusammen, als sie ihr blindes Kind weggeben mussten. Es dauerte sehr lange, bis sie begriffen, dass auch andere für mein Wohl sorgen konnten, und dass sie damit keine Rabeneltern waren.
Ich erlernte die Brailleschrift, entdeckte die Schulbücherei und gewann Freunde, mit denen ich nicht nur gemeinsam lernte, sondern auch Spiele, Sport und Blödsinn machte. Eben all das, was zum Kind sein dazu gehörte. Ich lernte, dass ich auch Spiele wie „Mensch ärgere Dich nicht“ spielen konnte, da die Farben der Steinchen als fühlbare Oberflächenstruktur dargestellt wurden. Heute spricht man von Adaption. Und auch im lebenspraktischen Bereich erweiterte ich meinen Horizont. Denn Küchendienst, Brot selbst streichen oder seinen Tee einschenken waren auch blind machbar, wie mir Erzieher und Mitschüler zeigten. Ich lernte, dass ich meinen Kleiderschrank auch blind beherrschen konnte, wenn die Anordnung nicht von jemand anderem verändert wurde.
Vor Feiertagen wie Ostern, Weihnachten oder Muttertag wurde im großen Aufenthaltsraum gemeinsam gebastelt. Anstatt „Du kannst das nicht“ hörte ich „Probiere das mal“ oder „Wir machen das zusammen“. Gleiches galt auch für die Schulfächer Kunst oder Werken. Man versuchte uns so viel wie möglich alleine machen zu lassen. Und das rechne ich den Erzieherinnen und Lehrkräften hoch an.

Meine Familie besuchte ich nur noch am Wochenende und während der Ferien. Und als ich später auf ein Gymnasium für blinde und sehbehinderte Schüler wechselte, sah ich meine Familie nur noch einmal im Monat und während der Ferien. Hier gehörten der Umgang mit dem Blindenstock und der Umgang mit der Bratpfanne genauso zum Lehrplan wie der Schulstoff. Diese stetige Weiterentwicklung verpasste meine Familie ein bisschen. Für sie blieb ich lange Zeit das hilflose blinde Kind, das permanent umsorgt werden muss. Dazu kam, dass ich zuhause keine festen Freunde hatte, mit denen ich all das teilen konnte, was zum Erwachsenwerden gehörte. Und meine Schulfreunde waren ebenfalls bei ihren Familien. Zu weit weg, um sich mal eben für einen Nachmittag zu verabreden. Briefe in Braille oder auf Kassette, oder telefonieren waren die einzigen Möglichkeiten miteinander in Kontakt zu bleiben. Meine Punktschriftmaschine, meine Reiseschreibmaschine und jede Menge Bücher oder Hörbücher aus den entsprechenden Büchereien waren meine besten Freunde. Es war also ein völlig anderes Leben in einer etwas anders denkenden Umgebung.

Wenn zu meiner Schulzeit blinde Kinder integrativ an einer Regelschule unterrichtet wurden, dann war das etwas ganz besonderes. Schüler, die mitten in der Schullaufbahn aus der Regelschule auf das Internat für blinde Schüler wechselten, erlebten oft den Schock ihres Lebens. Denn oft wird der Focus auf den Schulstoff gelegt, und die Selbständigkeit eher stiefmütterlich behandelt. Ich habe Schüler erlebt, die ein super Zeugnis hatten, jedoch nicht in der Lage waren alleine von einem Raum zum Nächsten zu gehen, weil sie stets von Mitschülern oder einem Schulbegleiter an die Hand genommen wurden. Und Orientierung muss man nicht nur in ein paar Stunden Training erlernen, sondern auch permanent üben.

Alle Welt spricht von Inklusiver Beschulung behinderter Kinder. Dabei betrachten die einen das als gemeinsamen Unterricht, andere als eine Möglichkeit der Kinder in ihren Familien zu bleiben. Soweit, so gut. Bei dieser Diskussion vermisse ich den Ausblick in die Zukunft. Ich denke, dass Eltern daran liegt, dass ihr Kind zu einem selbständigen Menschen heranwächst. Das sollte auch für Kinder mit einer Behinderung gelten. Und das funktioniert nicht, wenn man dem Kind alles aus der Hand nimmt, von dem man denkt, es könne ihm Schaden.

Kinder mit einer Sehbehinderung haben einen Anspruch auf Frühförderung, Mobilitätstraining und andere Fördermaßnahmen, die ihnen zur Selbständigkeit verhelfen sollen. Diese Maßnahmen erfolgen durch speziell ausgebildete Fachkräfte, die wissen wie blinde und sehbehinderte Menschen arbeiten, und wie man ihnen etwas vermitteln kann. Und sie bringen die Geduld mit einen etwas ausprobieren zu lassen, was im Elternhaus oft nicht stattfindet.

Liebe Angehörige und Freunde von Kindern mit einer Sehbehinderung,
wir arbeiten anders als Ihr. Daher ist es wichtig, dass Ihr die Geduld mitbringt den blinden Menschen seine Erfahrungen machen zu lassen. Das ist ganz wichtig, damit es irgendwann funktioniert, wenn Eure helfende Hand nicht mehr da ist. Und noch etwas: Regt Euch nicht darüber auf, wenn mal was daneben geht. Das kann man aufwischen. Außerdem ist es völlig unnötig jeden Handgriff des Blinden zu kommentieren. Niemand mag es, wenn er oder sie unter Beobachtung steht. Ich persönlich kann bis heute nicht arbeiten, wenn ich das Gefühl habe, dass mir jemand auf die Finger schaut. Auch wenn es nicht so gemeint ist, fühlt es sich an wie in einer Art Prüfung. Und wenn Ihr Euch an Eure eigenen mündlichen oder praktischen Prüfungen erinnert, fragt Euch wie sich das angefühlt hat.

Für Euer Verständnis bedankt sich Eure Lydia

Wie unfähig sind blinde Kinder?

Vor einiger Zeit lernte ich den Vater eines inzwischen 19jährigen Sohnes kennen, der bei einer Anlaufstelle Rat suchte. Sein einziger Sohn, sieht etwa 5 %. Die Familie hatte die letzten vielleicht 15 Jahre mit dem Sohn im Ausland gelebt. Nun ging es darum, dass der Sohn die Deutsche Sprache erlernen und andere Menschen kennenlernen sollte. Denn dieser verbrachte die meiste Zeit vor dem PC, und sei total passiv. Gleichaltrige Freunde gab es keine. Soweit, so gut.

Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich die traurige Geschichte der Familie. Der Junge wurde zwar an einer Normalen Schule unterrichtet, jedoch ohne jegliche Kenntnis von Blindentechnischen Möglichkeiten. Und weil dieses Kind sehbehindert war, wurde ihm alles abgenommen. Vom Schulweg, bis hin zu allem was man im Leben so können sollte. Auch die außerschulischen Aktivitäten wurden von den Eltern vorgegeben.

Das ist kein Einzelfall. Kinder werden oft aus Liebe behinderter gemacht, als sie es sein müssen. Und wenn ein Mensch sein Leben lang hört, dass er behindert und damit permanent hilfebedürftig ist, dann ist er es auch am Ende tatsächlich. Jeder, der mit Kindern arbeitet, weiß, dass ein Kind neugierig ist, ausprobieren will, und dabei auch mal auf die Nase fällt. Und aus der Erfahrung lernt es dann etwas an seinem Tun oder Verhalten zu ändern. Diese Erfahrung fehlt Kindern, die permanent vor allen Gefahren beschützt und umsorgt werden. Wenn ein blindes Kind niemals ein Messer indie Hand bekommen hat, aus Angst sich zu schneiden, lernt es, dass dieses Gerät gefährlich ist. Dabei wäre es vernünftiger dem Kind zu zeigen, wie es dieses Messer handhaben kann.

In der Regel haben Kinder, die so aufwachsen, kaum bis keine Aufgaben in der Familie. Beim Abwaschen könnte das Geschirr nicht sauber werden, beim Schneiden könnte es sich verletzen, und an der Kaffeemaschine könnte es sich ja verbrühen. Die Botschaft lautet: „Du bist behindert, und Du kannst nichts“. Und wenn dieses Kind mit dieser permanenten Negativsuggestion aufwächst, braucht es mit viel Glück viele Ressourcen und Jahrelange Arbeit, um diesem Menschen zu einer gesunden Psyche zu verhelfen.

Inklusion ist das Modewort der letzten Jahre. In der Regel wird es in Zusammenhang mit der Beschulung behinderter und nicht behinderter Kinder verwendet. Über das Für und Wieder wurde schon viel geschrieben. Ich möchte ein paar Gedanken zur Situation integrativ beschulter Kinder loswerden, die mir als betroffene immer wieder kommen.

Kinder brauchen ein gesundes soziales Umfeld. Dazu gehören Familien, die einen Fördert und auch mal fordert. Liebe Eltern, auch Euer Kind mit einer Behinderung hat es verdient Aufgaben im Haushalt zu übernehmen. Durch permanentes Umsorgen und Bemuttern tut Ihr dem Erwachsenen von Morgen keinen Gefallen. Wenn Ihr nicht wisst, wie Ihr das machen sollt, dann holt Euch Rat bei den Behindertenverbänden.

Ich kann jetzt hauptsächlich für blinde Kinder sprechen. Dafür gibt es Orientierungstraining. Damit lernt das Kind sich draußen zu orientieren, seinen Schulweg alleine zu bewältigen und auch mal Freunde ohne Elterntaxi zu besuchen. Es gibt Schulungen für lebenspraktische Fertigkeiten. Da lernt das Kind sich auch mal ein Brot zu streichen, Haushaltstätigkeiten oder was sonst noch erforderlich ist. Und dann laßt Euer Kind das Erlernte auch mal zuhause umsetzen und üben. Regt Euch nicht auf, wenn mal was daneben geht. Ihr wart als Kinder auch nicht von Anfang an perfekt.

Heißt selbständig auch schnell sein?

Susanne Aatz mit Blindenführhund

Wenn ich meine Wohnung putze, benötige ich das Vielfache an Zeit. Denn ich gehe nicht nach dem Prinzip vor, dass ich schaue, wo es nötig ist, und wo nicht. Vielmehr fange ich links oben an zu putzen, und gehe dann systematisch vor. Das ist zwar zeitaufwändig, für mich jedoch machbar. Ich habe die Option meine Wohnung selbst zu putzen, oder mich dafür zu entscheiden diese Aufgabe an eine Assistenz abzugeben, die das für mich macht. Wichtig dabei ist, dass ich die Entscheidung selbst treffen kann. Das gilt nicht nur für das Putzen, sondern auch für viele andere Tätigkeiten, die nicht blinden Menschen möglicherweise schneller von der Hand gehen als mir. Ich habe ein Recht darauf, Dinge langsamer zu bewerkstelligen, oder mich für eine schnellere Lösung zu entscheiden. So wie jeder andere Mensch ohne Behinderung.

Und was für mich die richtige Lösung ist, muss noch lange nicht für alle blinden Menschen gelten. Daher schreibt meine Gastautorin Susanne Aatz’ heute über dieses Thema.

Muss, wer selbstständig sein will, auch schnell sein?

Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Das ist keine neue Erkenntnis. Und wir alle leiden in irgendeiner Form darunter. Wenn wir arbeiten, oder auch nur alltägliches tun, dann scheint es, als liefe eine imaginäre Stoppuhr mit. Wir alle haben gelernt bei allem was wir tun so etwas wie ein inneres Zeitlimit zu beachten. Wie lange darf es dauern, um von A nach B zu kommen? Wieviel Zeit darf ich brauchen, um eine Tätigkeit im Haushalt, zu verrichten. Wir alle haben Situationen erlebt, in welchen wir uns ärgern oder wundern, wie langsam jemand ist. Und wenn jemand bei etwas besonders flink ist, und das, was er tut trotzdem noch gründlich ist, dann wird die Person von uns besonders gelobt und bewundert.

Was heißt das eigentlich für mich als praktisch blinder Mensch? Auch ich bin mit dem Anspruch großgeworden bestimmte Dinge in einer bestimmten Zeit zu erledigen. Oft gebe ich Tätigkeiten an Assistentinnen ab, weil ich glaube dafür zu lange zu brauchen. Die Qualität des Ergebnisses steht für mich dabei in keinem Verhältnis zu der Zeit, die ich, zum Beispiel für die Reinigung meiner Wohnung, benötige. Ich habe mich in letzter Zeit, immer dann, wenn ich mich über den Stress, den der Anspruch der Schnelligkeit in unserer Zeit verursacht, ärgere, oder er mir wieder besonders auffällt, oft gefragt: Muss, wer selbstbestimmt und selbstständig sein will, auch schnell sein?

So ist mir neulich beim Umsteigen von der S-Bahn zur U-Bahn folgendes passiert: Mein Hund hat, so wie er es gelernt hat, mir die Treppe abwärts angezeigt. In der Regel bleibe ich da erst einmal stehen. Ich lobe meinen Hund dafür, dass er etwas richtig gemacht hat. Oft gibt es auch ein Leckerchen.

Dann orientiere ich mich mit einer Hand. Wo ist das Geländer? Meistens zeigt die Nase meines Hundes direkt zum Geländer hin. Mit dem Stock taste ich nach dem Anfang der Treppe. Da ich nicht sehen kann, wohin ich meine Füße setzen muss, ist das eine Lösung, die für mich am besten geeignet ist. All dies benötigt Zeit. Ich habe nie gestoppt, wie lange ich eigentlich dafür brauche. Ich habe Gleichgewichtsstörungen und muss daher vorsichtiger sein. Auch meinem Hund zuliebe habe ich mir vorgenommen, meine Wege mit Bedacht zu gehen. Ihm fällt seine Arbeit als Blindenführhund dann erheblich leichter.

Wenn ich das alles überprüft habe, mich sicher fühle, und sich niemand, was oft vorkommt, noch eben vorbei drängelt, Gehe ich, mit einer Hand am Geländer, in aller Ruhe die Treppe. Dass das so ist, hat auch mit meinem Gleichgewicht zu tun. Ich ermahne meinen Hund dann auch immer, langsam zu gehen. Und mittlerweile klappt das auch ganz gut.

Soweit so gut. Immer wieder erlebe ich es, dass mich freundliche Mitmenschen fragen, ob ich Hilfe brauche. Und es macht auf mich den Eindruck, als wäre die Zeit, die ich brauche, der Grund, warum man glaubt, ich käme nicht zurecht. Was ich nicht weiß ist, ob der Mensch gesehen hat, was ich tue. Hat er zum Beispiel gesehen, dass mein Hund gerade belohnt wird? Oft haben viele es eilig, obwohl die Bahn alle 3-10 Minuten fährt. Sie rennen von A nach B, als ob der Teufel hinter ihnen her wäre. Und nebenbei versuchen sie in ca. 20 Sekunden, die eine Begegnung oft nur dauert, zu beurteilen, ob da ein fast blinder Mensch, mit Blindenführhund und Stock, eventuell noch Hilfe braucht. Einerseits sehr nett, dass die Leute sich, obwohl sie eigentlich keine Zeit haben, doch die Zeit zum Fragen nehmen. Andererseits: warum ist Langsamkeit ein Indikator für Hilflosigkeit? Diesen Eindruck habe ich sehr oft. Nicht das Ergebnis spricht für sich, sondern es steht im Vordergrund, wie lange ich für den Weg von A nach B gebraucht habe. Es ist oft so, dass ich eine Bahn, zu der gerade alle hetzen, auch bewusst fahren lasse, um dann, etwas entspannter, in 3-10 Minuten die nächste Bahn zu nehmen.

Es wirkt auf mich, als wäre das sich bewusst Zeit nehmen Ausdruck von Hilflosigkeit und Unvermögen. Es ist was mich angeht, aber eine bewusste Entscheidung. Und sie dient vor allem der entspannten und verlässlichen Zusammenarbeit mit meinem Hund. Wenn ich entspannt bin, ist es mein Hund auch.

Immer häufiger erleben wir es, dass gestresste Menschen uns über den Haufen rennen, trotz Hund, trotz Stock. Und ich benutze meinen Langstock mittlerweile ganz oft als Abwehr für allzu Eilige. Dabei wird mein Hund oft gerempelt oder getreten. Und zwar durchaus so, dass er laut aufjault. Wenn wir Glück haben ist wenigstens noch Zeit für eine schnelle nach hinten gerufene Entschuldigung. Noch ein paar solche Erlebnisse und mein Hund braucht eine Nachschulung! Ich selbst frage mich dann: was geht in manchen Menschen vor? Einerseits haben Sie die Zeit meine vermeintliche Langsamkeit als Unselbstständigkeit und Hilflosigkeit zu bewerten, was offenbar Ihr Eingreifen nötig macht. Andererseits haben sie es so eilig, dass sie die eigentlich üblichen Regeln von Aufmerksamkeit, Höflichkeit und einem guten Miteinander komplett missachten. Dazwischen sind dann wir, für die es ohne hin ein höheres Maß an Aufmerksamkeit und Stress bedeutet einen täglichen Weg, zum Beispiel über den Hamburger Hauptbahnhof, zu bewältigen.

Und noch etwas ist mir in verschiedenen Situationen bei verschiedenen Blinden oder sehbehinderten Menschen aufgefallen: Auch bei mir kommt es vor, dass ich Tätigkeiten, die ich ganz selbstverständlich zu Hause alleine mache, im Beisein von Sehenden nicht mache. Ich habe mich lange gefragt, warum das so ist. Bis mir aufgefallen ist, dass, nach der inneren Uhr, die ich gelernt habe, die Zeit, die ich zu Hause für eine bestimmte Tätigkeit brauche, im Beisein von Sehenden weit überschritten wird. Oft spüre ich die Nervosität, die meine Umwelt ergreift, wenn ich für etwas länger brauche, als es offenbar opportun ist. Niemand könnte definieren, wie lange die Zeitspanne ist. Und sie wird wohl variieren. Auch in Situationen, in der kein Zug erreicht werden muss, in der kein Termin eingehalten werden muss, erlebe ich das. Wie oft wurde mir etwas ungefragt, auch gegen meinen Willen, abgenommen, mit der Aussage: „Ich kann das schneller und besser als du!“ ich habe meinen Vater einmal gefragt, wem ich, seiner Meinung nach, damit schade. Denn das Ansinnen wurde, wie leider in meiner Erziehung üblich, mit einem gerüttelt Maß an Aggressivität vorgetragen.

Das ist gottseidank in meinem Alltag so nicht mehr üblich. Aber es sind oft Vertreterinnen und Vertreter von bestimmten Berufsgruppen, zum Beispiel Erzieherinnen, Krankenschwestern, Lehrerinnen, hier bewusst die weibliche Form, denn es sind oft Frauen, die nicht zusehen können, wie ein blinder Mensch zum Beispiel seine Jacke anzieht, eine Gitarre in einen Gitarrenkoffer packt, Kaffee mit Milch und Zucker versieht, diesen umrührt. Oft sind das Menschen, die in ihrem eigenen Leben sehr viel Stress haben. Diesen scheinen sie auf uns zu übertragen. Dass wir so langsam sind, ist dann auch für Sie ein Beweis, dass wir es nicht können. Oder, dass wir eben nicht gut genug sind.

Gerade in Zeiten, in denen viele Menschen unter dem täglichen Stress, der Reizüberflutung und der allgemeinen Überforderung Leiden, sollte Zeit sein einen behinderten Menschen, egal welche Behinderung er oder sie hat, die Dinge, die er oder sie beherrscht, auch tun zu lassen. Und vielleicht würde es helfen, wenn sich viele einmal fragen würden, warum ist mir Schnelligkeit wichtig? Warum ist sie mir bei anderen wichtig? Ich selbst habe das getan. Und die Antwort ist banal wie kompliziert: Sie wurde mir wichtig gemacht. Ich wurde so erzogen. Und es ist Zeit diese Erziehung zu hinterfragen. Es wird Situationen geben, wo Geschwindigkeit wichtig ist. Wo Pünktlichkeit Stress verursacht. Aber müssen wir uns wirklich mehr Stress machen, als nötig? Die gut gemeinte Frage, ob wir Hilfe benötigen, käme besser bei uns an, würde sie mit weniger Anspruch und mit weniger Hektik formuliert.

Ich danke Susanne für diesen Beitrag. Weitere Beiträge von ihr sind „Für Selbstverständlichkeiten bewundert werden“ und „Tag der offenen Moschee„.

Und nun lade ich Euch ein in den Kommentaren über diesen Beitrag zu diskutieren.

Blinde Eltern, sehende Kinder, Teil 2 – außerhalb der Wohnung

Bereits während meiner ersten Schwangerschaft bekam ich oft zu hören, dass ich ohne sehende Hilfe nicht zurechtkommen würde. Jedenfalls nicht, sobald das Baby sich beginnen würde zu bewegen. Allein die Vorstellung mein Baby oder später mein Kind irgendwo zu verlieren wurde mir so oft in den buntesten Farben ausgemalt, dass ich dem Abenteuer Baby doch mit gemischten Gefühlen entgegenzusehen begann. Irgendwann sprach ich das Thema bei meiner Gynäkologin an. Diese erklärte mir, dass ich nicht die erste blinde Patientin sei, die sie betreute. Sie machte mir Mut und riet mir das Thema des Kindverlierens erst mal weit weg zu schieben, da vorher noch einige andere Stationen auf meinem Weg liegen.

Eine weitere Verbündete fand ich in meiner nachsorgenden Hebamme, die mir ebenfalls Mut machte. Sie hatte zwar noch keine Erfahrungen mit Blinden gemacht, traute sich aber zu mit mir gemeinsam Lösungen für anstehende Aufgaben zu finden. Sie stellte auch den Kontakt zu einer anderen Mutter her, die zwei Monate vor mir entbunden hatte. Diese Mutter war normal sehend. In dieser Familie fühlte ich mich lange Zeit sehr wohl, da niemand Vorbehalte gegenüber einer blinden Mutter hatte. Hier lernte ich auch das Tragetuch kennen. Es ermöglichte mir mein Baby direkt am Körper zu tragen. Also mehr Bewegungsfreiheit. Ich wusste sofort, das wollte ich unbedingt haben.

Ich sprach meine Hebamme darauf an. Und sie besorgte mir eines. Ich weiß noch, dass wir uns in einem Kaffee trafen, wo sie mir unter den Augen der anderen Gäste zeigte wie man dieses 360 cm lange Tuch band. Sie wollte in einem Geschäft in der Nähe fragen ob wir uns einen Teddybären oder so ausleihen könnten, damit ich mir vorstellen konnte wie sich das anfühlte. Eine Mutter, die uns zugesehen hatte, war davon so beeindruckt, dass sie uns spontan ihr Neugeborenes zur Verfügung stellte.

Während der ersten 10 Monate blieb das Tragetuch mein ständiger Begleiter für draußen. Später kam noch ein Kinderwagen hinzu, der einen schwenkbaren Bügel hatte. Ich hatte ihn nach langer Suche in einem Second Hand Laden gefunden. Diesen konnte ich ohne viel Kraftaufwand hinter mir herziehen. Das Baby saß mit dem Gesicht zur Fahrtrichtung, und die flexiblen Räder waren vorne, so dass der Wagen auf jede Richtungsänderung reagierte. Kinderwagen in der linken Hand, den Blindenstock rechts bewegte ich mich also durch die Gegend. Als Alternative zum Tragetuch war das richtig gut. Denn als ich versuchte meine Tochter auf dem Rücken zu tragen, entdeckte sie, dass man ja an Mamas langen Haaren ziehen konnte. Und ich konnte das nicht abstellen.

Solange das Baby klein ist, bleibt es da liegen wo man es abgelegt hat. Und sobald es beginnt zu krabbeln, legt es noch lange keine großen Entfernungen zurück. Und da ein Kind immer irgendein Geräusch verursacht, wusste ich stets wo mein Baby war. Jedenfalls in den eigenen vier Wänden. Und da war alles sicher. Jedenfalls in dem Teil der Wohnung, in welchem sich mein Kind frei bewegen durfte. Hellhörig sollte man nur dann werden, wenn das Kind kein Geräusch verursacht. (-:

Meine Tochter war etwa anderthalb Jahre alt, als ich mich mit ihr ohne Kinderwagen auf der Strasse bewegte. Das lag auch ein bisschen daran, dass das Wetter vorher ein bisschen ungemütlich war. Es gibt blinde Eltern, die ihren Kindern ein kleines Glöckchen an die Kleidung anbringen, um zu hören wo sich der Nachwuchs befindet. Ich habe das nie gemacht. Meine Kinder haben früh gelernt, das Laufen auf der Strasse bedeutete, dass sie an meiner Hand liefen. Das blieb so, bis ich mir sicher war, dass sie nicht wegliefen, oder auf die Strasse gingen. Wir übten das auf Strassen, die kaum befahren waren. Wenn ein Kind sich nicht an die Regel hielt, dass es an der Straßenecke stehen blieb, musste es wieder an der Hand gehen. Gleiches galt, wenn ich eines der Kinder rief, und es sich nicht meldete. Alleine laufen dürfen war sozusagen ein Vertrauensbeweis.

2003 wurde unser Einkaufszentrum umgebaut. Es gab eine Eröffnungsfeier, die mein Mann und ich gemeinsam mit unserer dreijährigen Tochter besuchten. Irgendwann war das Kind in dem Gewusel verschwunden. Ich glaube, in den folgenden Minuten spielten sich sämtliche Horrorszenarien in meinem Kopf ab. Zumal ich nicht einfach so loslaufen und mein Kind suchen konnte. Und bei der Geräuschkulisse schon gar nicht. Die Erlösung kam, als jemand unser Kind auf die Bühne stellte und sagte, dass dieses Mädchen drei Jahre alt sei und mit ihrem Papa hier wäre. Wie ich später hörte hatte sie sagen können wer sie war, wie alt und mit wem sie gekommen war. Für mich hatte es die beruhigende Erkenntnis gebracht, dass sie auch in ‚Stresssituationen in der Lage war Angaben zu ihrer Person zu machen.

Meine Kinder waren vier und sechs Jahre alt, als wir begannen Ausflüge ohne Begleitung zu machen. Bus, Bahn, usw. zählte nicht. Das war von Anfang an Programm. Aber jetzt kam es darauf an sich in fremder Umgebung zu orientieren und die Kinder bei Bedarf auch wieder einzusammeln. Das kostete mich große Überwindung. Daher suchte ich mir Ziele aus, die relativ überschaubar waren. Manchmal sprach ich andere Eltern an, wenn ich mir etwas unsicher war. Zur Sicherheit hatte ich ein aktuelles Foto meiner Kinder dabei, falls ich sie suchen lassen müsste. Meist suchten wir gemeinsam einen Platz aus, an dem ich blieb, während die Kinder spielen gingen. Mir war es wichtig, dass sie sich von Zeit zu Zeit bei mir meldeten. Und das klappte mit jedem Ausflug immer besser. Mir gab die Sicherheit.

Es gab einige wenige Dinge, die ich nicht ohne sehende Begleitung machen wollte. Und dazu gehörte das Schwimmbad. Als ich zum ersten Mal mit meiner Tochter alleine ins Freibad ging, entdeckte sie sofort einen Schulfreund und dessen Familie. Für mich war das eine große Erleichterung. Erst recht als die Mutter mir anbot meine Tochter mitzunehmen, wenn sie mit ihrem Sohn schwimmen ging. Da Wasser nicht mein Element ist, tat es gut, dass mir das jemand abnahm. Denn ich traute mir die Beaufsichtigung selbst nicht zu. Zum Glück brauchte ich niemanden dafür zu bezahlen, der uns ins Schwimmbad begleitete. Denn in meinem Umfeld gab es einige Eltern, die mir hier aushalfen. Jedenfalls solange, bis ich sicherer wurde. Meine Kinder durften erst alleine ins Schwimmbad, nachdem sie ihr Schwimmabzeichen gemacht hatten. Ich ging zwar meist mit, brauchte jedoch keine sehende Begleitung mehr.

Ein weiteres Thema waren Kindergartenfeste und Schulveranstaltungen im Freien. So viele Kinder, Eltern, usw. wuseln lautstark durch ein Gelände, welches mir nicht zu 100 % vertraut war. Da eines meiner Kinder wiederzufinden empfand ich als chancenlos. Ebenso wenig fand ich andere Eltern, die mir bekannt waren. Wenn diese mich nicht ansprachen, saß ich alleine herum. Ich löste das so, dass ich mich entweder gezielt mit anderen Eltern verabredete, oder indem ich eine bezahlte Assistenz mitnahm. Das schonte meine Nerven und gab mir ein Gefühl der Gleichwertigkeit anderen Eltern gegenüber.

Je älter meine Kinder wurden, desto mehr konnten wir ohne fremde Hilfe unternehmen. Waren wir auf einem Abenteuerspielplatz, auf der Kirmes oder in einem Indoorspielplatz, so suchten wir uns einen Platz aus, an welchem ich blieb. Wir vereinbarten dann wann sich einer der Kinder spätestens bei mir melden sollte. Gegen aufkommende Langeweile hatte ich stets eine Handarbeit oder ein Hörbuch dabei. Und je besser das klappte, desto weiter weg konnten wir fahren.

Tagesausflüge oder kleine Urlaubsreisen bereiteten wir gemeinsam vor. D.h. besprechen was mitgenommen werden sollte, Rucksack oder Koffer packen usw. Auch besprach ich mit beiden Kindern das Verhalten, falls wir uns verlieren. Den Kindern vermittelte es einen Teil an Selbständigkeit und Verantwortung, und mich beruhigte es. Das gilt bis heute. Sie haben beide eine super Orientierung im öffentlichen Nahverkehr. Und wenn sie eine Information nicht direkt wissen, so haben sie zumindest eine Idee für die Informationsbeschaffung.