Mein Bloggerjahr 2019

Lydia sitzt strickend mit einer Katze auf dem Schoß auf der Couch

Und wieder geht ein ereignisreiches Jahr zu Ende. Allerdings unterscheidet es sich dadurch von vielen anderen, dass ich gemeinsam mit Euch, liebe Leserinnen und Leser, einige Projekte umgesetzt habe, die mir am Herzen liegen.
Da war beispielsweise die Aktion Blindenstöcke für Togo, die wir gemeinsam mit der freiwilligen Helferin Jasmin umgesetzt haben. Für die gemeinsam gesammelten 600 € konnten 30 Blindenstöcke gekauft und in einer Einrichtung für blinde Menschen verteilt werden. Darüber hat Jasmin einen Beitrag gemacht.
Eine etwas größere Aktion war die Unterstützung der jungen Amal aus Palästina. Mein Beitrag Mein Gastkind aus Palästina ist der erste von bisher sechs Beiträgen, die ich über die sechs Monate, die sie hier in Deutschland gelebt hat, gemacht habe. Für sie konnte nicht nur eine Augenoperation ermöglicht werden. Sie hat gelernt, dass auch blinde Menschen alleine auf die Straße können, und wie sie ihren Blindenstock zur Orientierung nutzen können. Sie hat Techniken im Haushalt, Sport und einen besseren Umgang mit technischen Hilfsmitteln gelernt. Die Hilfsmittel, die sie in ihre Heimat mitnehmen konnte, ermöglichen ihr die Teilnahme an herkömmlichen Deutschkursen für normal sehende Teilnehmer. Darüber werde ich bald noch einen eigenen Beitrag schreiben.
Anfang des Jahres bekam ich einen Anruf, indem mir mitgeteilt wurde, dass mein Blog für den Grimme online Award nominiert worden war. Wer mich dafür vorgeschlagen hat, werde ich vermutlich nie erfahren. Auf jeden Fall war ich unter den 28 Nominierten, und durfte mein Projekt vorstellen.
Auch persönlich hat sich bei mir einiges Getan. Ende Juni flog Amal wieder zurück in ihre Heimat, und meine Tochter ging ins Ausland. Gepaart mit dem Ausnahmezustand der Schulferien war erst mal eine absolute Leere da. Ich hatte das Gefühl, dass mein Akku völlig leer war. Ich glaube es war so diese Zeit, als unsere ehemalige Straßenkatze begann auf meinen Schoß zu klettern. Sie war jetzt fast zwei Jahre bei uns. Für eine Weile bewachten wir lesend und schnurrend das Sofa im Wohnzimmer. Für jemanden, der viel Action gewohnt ist, ein ungewohnter Zustand.
Im November beendete ich eine Ausbildung zur Beraterin für Blickpunkt Auge, Rat und Hilfe bei Sehverlust, die ich im Herbst 2018 angefangen hatte. Das gibt mir die Möglichkeit ab dem kommenden Jahr ehrenamtlich bei der Blindenselbsthilfe zu beraten. Ich freue mich schon auf die neue Aufgabe und bin gespannt wo die Reise hingeht.
Auch mein Blog ist in diesem Jahr stetig gewachsen. Ich blicke auf etwas mehr als 62000 Aufrufe zurück, ungefärbt so viel wie im vergangenen Jahr. Die Zahl meiner Abtönenden ist auf mehr als 300 gestiegen. Ebenso hat sich die Anzahl meiner Follower auf Twitter fast verdoppelt. Inzwischen blogge ich seit 3,5 Jahren, und habe bereits über 200 Beiträge veröffentlicht. Ein nicht unwesentlicher Teil der Beiträge im Jahr 2019 stammt von Gastautoren mit oder ohne eigenen Blog.

Tja, das waren so die Highlights aus dem Jahr 2019. Ich hoffe, ich habe keines vergessen. Außer das dicke Dankeschön an meine Assistenz im Hintergrund, die ein bisschen auf das Layout schaut und die Rechtschreibfehler findet, die nicht einmal Word und ich gemeinsam finden.
Jetzt bleibt mir nur noch uns allen einen guten Start in das Jahr 2020 zu wünschen. Ich bin sicher, dass das kommende Jahr viele spannende Ereignisse für uns bereit hält.

Von einigen Lesern bin ich gefragt worden, ob sie mir was Gutes tun könnten. Ja, Ihr dürft mir gern einen Kaffee oder eine Tafel Schokolade ausgeben. Ansonsten freue ich mich auf weitere spannende Projekte gemeinsam mit Euch.

4 wirksame Tipps einen Blinden zu stressen – Teil 2

Lydia mit Stock auf einer Treppe aufwärts

Heute löse ich ein Versprechen ein, welches ich einigen Lesern gegeben habe. Nämlich einen Folgebeitrag zu Vier wirksame Tipps einen Blinden zu stressen zu schreiben. Diesen hatte ich im April dieses Jahres verfasst, und damit für eine Mischung aus Erheiterung und Empörung gesorgt. Dazu habe ich die Inputs gesammelt, die mir von anderen blinden Lesern als Ergänzung zugeschickt wurden. Vielen Dank für Eure Beiträge, von denen ich die Highlights ausgewählt habe.

Blinde Personen zu stressen ist an sich ganz einfach. In diesem Beitrag verrate ich Ihnen einige Tricks, die todsicher wirken, und ihnen mit ein bisschen Übung und Einfallsreichtum nicht langweilig werden.
Sie wollten schon immer wissen, ob Blinde Stimmen gut erkennen können. Das finden Sie am besten raus, wenn Sie einem über die Straße helfen, und diesem Wochen später bei einer erneuten Begegnung die Frage stellen: „Wissen Sie noch wer ich bin?“ Wiederholen Sie diese Frage ruhig ein paar Mal, und sprechen dabei mit immer lauterer Stimme. Sätze wie „Ich habe Ihnen mal geholfen“, oder „Wir haben uns mal vor einem Jahr in der U-Bahn getroffen“ verleihen dem Gespräch dabei etwas Farbe. Weisen Sie den Blinden unbedingt darauf hin, dass Blinde so ein tolles Stimmengedächtnis haben, und bringen Sie Ihre Verwunderung zum Ausdruck, wenn Sie nicht erkannt werden.
Sie sind Taxifahrer, oder haben den Blinden zufällig mal mit dem Auto gefahren? Prima. Halten Sie in der Nähe des Fahrziels, und schmeißen Sie den Blinden raus. Geben Sie Anweisungen wie „da vorne ist es“ oder wünschen dem Blinden einen schönen Tag. Alternativ dürfen Sie auch Richtungsanweisungen aus dem Auto brüllen. Das garantiert Ihnen ein breites Publikum. Vergessen Sie dabei nicht jedes noch so kleine Hindernis, dass der blinde berührt lautstark mit einem Vorsicht zu kommentieren.
Begegnet Ihnen ein Blinder auf der Straße, dann zögern Sie nicht mit Ihrer Hilfe. Nehmen sie den Blinden am Arm, und schieben Sie ihn in die richtige Richtung. Sollte er sich zur Wehr setzen, dann sprechen Sie mit ihm. Sagen Sie zum Beispiel „Ich helfe Ihnen jetzt“. Lassen Sie sich auf keinen Fall dadurch irritieren, dass er Ihre Hilfe ablehnt, oder sich über die unerwartete Berührung beschwert. Halten sie Kontakt mit dem Blinden, und kommentieren Sie jedes noch so kleine Hindernis, welches er mit dem Stock berührt. Fragen sie den Blinden, ob man da noch was machen kann. Gehören Sie einer aktiven Glaubensgemeinschaft an, dann laden Sie ihn zu einem gemeinsamen Gebet ein, auf dass er Heilung findet.
Sie sind Busfahrer. Prima, dann gibt es auch für Sie die richtigen Ansätze. Sehen Sie einen Blinden am Haltestellenschild stehen, dann fahren Sie so weit wie möglich nach vorne. Der Blinde wird dem Bus hinterher laufen. Wenn er Sie nach der Buslinie fragt reicht es, wenn Sie einfach nur „Einsteigen“ sagen. Wiederholt er die Frage, dann antworten Sie unbedingt mit der Gegenfrage nach dem Fahrziel. Bestehen Sie darauf dieses zuerst genannt zu bekommen. Schalten Sie die Haltestellenansagen aus. Beschwert der Blinde sich, dann ignorieren sie das, oder sagen „Brauchen Sie nicht. Ich sage Bescheid“.

Und wie immer handelt es sich bei dieser Auflistung nur um Ideen und Vorschläge.
Besonders bedanke ich mich bei Anja von die Kellerbande, die sich von mir zum Beitrag Wirksame Tipps, um Eltern zu stressen inspirieren ließ. Sollte jemand diesem Beispiel folgen, dann freue ich mich über eine entsprechende Verlinkung und einen entsprechenden Hinweis in den Kommentaren.

Die iPhone Kamera als Alltagshelfer

Lydia sortiert ihren Einkauf mit Hilfe des Smartphone

Die Kamera des iPhone als Alltagshelfer

Für mich als blinde Nutzerin eines iPhone ist eine gute Kamera wichtig. Dabei geht es nicht darum besonders gute Landschafts- oder Katzenbilder aufzunehmen. Vielmehr geht es bei mir um Texte, die ich mit Hilfe der Kamera lesen kann, Produkte die erkannt werden und noch einige Funktionen mehr, die ich Euch im Einzelnen vorstellen möchte.
Ein kleiner Allrounder ist die App Seeing AI von Microsoft Corporation. Sie erkennt Texte in Echtzeit. Ich kann also die Kamera in eine Richtung halten, und bekomme alles an Text vorgelesen, dessen die Kamera habhaft werden kann. Wenn also mein Screen Reader am PC etwas nicht ausspricht, oder der PC sich aufgehängt hat, kann ich mit dem Smartphone den Bildschirminhalt auslesen. Das erfordert allerdings etwas Übung. Denn sobald man die Hand etwas bewegt, fängt das Teil erneut an zu lesen. Doch die App kann noch mehr, nämlich ganze Seiten scannen und vorlesen, oder Barcodes von Produkten auslesen. Auch lassen sich Geldscheine erkennen. Für ganz blinde Nutzer kann die App sogar erkennen, ob das Licht an oder ausgeschaltet ist. Die App wird stetig erweitert. Und seit ein paar Tagen hat sie auch eine deutschsprachige Nutzerführung.
Die App barcoo – QR & Barcode Scanner von barcoo UG erkennt Produkte anhand des Barcodes. Damit lässt sich gut der Großeinkauf sortieren, oder die Infos über eine gekaufte CD abrufen. Der Erfolg hängt von der Datenbank ab, auf welche die App zugreift.
Der Voice Dream Scanner von Voice Dream LLC ist ebenfalls eine App zum Scannen von Dokumenten. Diese punktet vor Allem dadurch, dass man auch die Aufschrift auf Gegenständen erkennen kann, die nicht so ganz gerade sind. Dazu gehören Beschriftungen auf Konservendosen, Gefriergut in Plastiktüten oder andere abgerundete Gegenstände. Ein weiterer Vorteil ist, dass diese App ohne Internetverbindung arbeiten kann.
Der Voice OCR Document Reader von Shalin Shah ist ebenfalls eine App zum Scannen und vorlesen von Texten. Was sie besonders macht ist, dass diese App in der Lage ist Handschrift zu erkennen. Es ist bisher die einzige mir bekannte App, die so gute Ergebnisse liefert. Damit kann ich mir also herumliegende Zettel zugänglich machen. Folglich kann ich also auch ohne Hilfe die Entscheidung „Ist das wichtig, oder kann das weg“ treffen.
Bei der Texterkennung ist es wichtig, dass die App erkennt, ob man die Kamera exakt auf den Text gerichtet hat. Das geschieht mit Hilfe eines Tons. Und es braucht ein bisschen Übung und eine ruhige Hand, damit das zuverlässig funktioniert. Für den Hausgebrauch kann man also freihändig arbeiten. Geht es aber um präzises Arbeiten, dann macht ein Ständer Sinn, auf den man das Smartphone mit der Kamera zum Blatt hinlegen kann.
Selfies sind nicht nur bei Jugendlichen beliebt. Die App SelfieX von Vito Technology Inc. Spricht mit mir und macht das Selfie selbständig, wenn das Gesicht im Focus gut sichtbar ist. Was für viele lediglich eine Spielerei ist, könnte hier eine Hilfe sein. Wenn ich also wissen möchte, ob die Haarspange oder die Frisur zu mir passt, kann ich ein Selfie machen, und dieses an eine Person meines Vertrauens schicken.
Es gibt Situationen, die sich nicht mit Hilfe eines Fotos auflösen lassen. Hier liebe ich die App Be My Eyes – Helping blind see von Be My Eyes. Mit ihr kann ich mir per Video Chat sehende Hilfe holen, die durch meine Kamera schauen und meine Frage beantworten kann. Wenn mir also beim Kartoffelschälen eine Kartoffel von der Arbeitsplatte auf den Fußboden kullert, kann ich mir aussuchen, ob ich diese selbst suche, oder mir dabei helfen lasse. In großen Räumen ist das eine große Zeitersparnis. Die App greift auf ein weltweites Netzwerk registrierter Helfer zurück, die sich zu diesem Zweck registriert haben. Die App gibt es inzwischen in vielen Sprachen. Und mitmachen kann jeder, der ein Smartphone bedienen kann.

Diese Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie ist lediglich eine kleine Auswahl an Möglichkeiten, die ich guten Gewissens weiterempfehlen kann.

Und jetzt freue ich mich auf einen Meinungsaustausch in den Kommentaren.

Ich höre Eure Blicke nicht

Jennifer Sonntag

Ich habe noch nie Gesichter erkennen können. Damit sind mir auch Gesichtsausdrücke fremd. So wie mir geht es vielen geburtsblinden Menschen. Wir müssen mühsam erlernen was ein Lächeln oder ein grimmiger Gesichtsausdruck bedeutet. Ebenso verhält es sich mit Gesten, da wir diese nicht abschauen können.
Vor ein paar Wochen flatterte mir der Beitrag einer Gastautorin ins Postfach, der dieses Thema behandelt.

Sehende nicht imitieren

Mit dem Thema Mimik und Gestik wurde ich wohl am häufigsten in meiner Fernseharbeit konfrontiert. Ausgerechnet als blinde Frau ein stark visuell angelegtes Format zu bedienen, obwohl ich visuelle Impulse selbst nicht wahrnehmen kann, erfordert sensible Kommunikationsantennen.
Meine prominenten Gäste waren oft Schauspieler oder medien- und kameraerprobte Persönlichkeiten. Sie sind es gewohnt, dass ihr Gegenüber ihre Mimik und Gestik optisch auffängt. Das vermittelt ihnen Sicherheit. Ich spürte es, wenn ein Gesprächsgast nicht wusste, wo er im Kontakt mit mir hinschauen sollte, den Blick hilfesuchend an mir vorbei schweifen ließ, jenen Blick, den ich nicht auffangen, nicht spiegeln konnte. Ich versuchte mit Worten, meiner tragenden Stimme, meiner Körpersprache, die die Richtung zum Gegenüber suchte, diese Sicherheit zu vermitteln.
Bei Fotoarbeiten oder ausgedehnten Dreharbeiten innerhalb meiner Öffentlichkeitsarbeit strengt es mich sehr an, lange einen bestimmten Punkt zu fixieren, mit Augen oder Gesicht zu arbeiten. Meine Augen driften dann ab oder wollen zufallen. Ich muss sie entspannen, sonst bekomme ich starke Kopfschmerzen, alles flimmert und dreht sich. Ich musste erst lernen, diese Grenzen auch zu kommunizieren, denn sehende Menschen können sich nicht vorstellen, welche Bedürfnisse blinde Augen haben und wieviel Konzentration sie das Fixieren einer für sie unsichtbaren Situation kostet.
Ich wurde oft „bewundert“ für mein unblindes Aussehen, finde es aber anstrengend, mir aus diesen Gründen Mimik und Gestik aufzusetzen. Aus meiner Sicht sollten wir blinden Menschen nicht versuchen, sehende zu imitieren, sondern unsere Attribute immer auch ein bisschen als Markenzeichen zu betrachten.

Irritierende Situationen im Alltag gibt es viele. Bei Männern zum Beispiel galt ich oft als unnahbar und unterkühlt, weil ich ebenso schaute, wie ich schaute. Das hatte mit meinem zunehmenden Tunnelblick zu tun. Hände, die mir gereicht wurden, habe ich bei Begrüßungen regelmäßig unfreiwillig ignoriert. An der Kasse in der Kaufhalle bekam ich zu hören: „Ach, Madame träumt im Stehen!“, weil ich in der Schlange nicht weitergerückt bin. Das sah ich ja nicht, und es war zu einem Zeitpunkt, zu dem ich die Augen schon manchmal aus Überforderung schloss. Den Stock übersah die Dame, die mich da angezickt hatte.
Einmal fühlte sich auch ein Typ in einem Fast-Food-Restaurant von mir beim Essen angestarrt, weil er glaubte, dass ich ihn im Spiegel beobachtete. Ich wusste nicht, dass an der Wand neben mir ein Spiegel war und schaute extra zur Wand, um nicht zum Nachbartisch zu starren. Die Situation klärte sich erst auf, als mein sehender Partner zum Tisch zurückkehrte. Obwohl ich mit meinem Führhund immer mit Führgeschirr unterwegs bin, wenn ich ohne Begleitperson gehe, verstehen zum Beispiel andere Hundebesitzer oft nicht, dass sie verbalisieren müssen, dass sie mit einem anderen Hund kommen oder am Straßenrand stehen. Sie sind Mimik und Gestik unter Hundebesitzern schon auf Entfernung gewöhnt. Ich erschrecke dann manchmal sehr, wenn plötzlich ein kläffender Hund in uns hineinläuft. Mein Credo: Reden hilft!

Jennifer Sonntag ist blinde TV-Moderatorin bei MDR-Selbstbestimmt. Über ihre Arbeit als Sozialpädagogin, Inklusionsbotschafterin und Buchautorin könnt Ihr Euch auf ihrer Seite blind verstehen informieren.

Wie erlebt ihr das Thema Mimik und Gestik bei euch oder anderen Menschen, vielleicht auch geprägt durch eine Behinderung?