Vom blind fliegen und behindert werden

Lydia auf der Besucherterrasse vor einem Flugzeug

Anfang der neunziger Jahre erzählte mir ein Freund von einem blinden Fluggast, der bei der Buchung um eine Assistenz gebeten hatte, die ihn aus dem Flugzeug führt und bis zur Ankunftshalle begleitet. Aus welchen Gründen auch immer rückte die Flughafenfeuerwehr mit einer Trage an.
Ich war bis dahin noch nie alleine geflogen. Und so lachte ich erst einmal herzhaft über diese Geschichte. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass tatsächlich jemand eine Trage für einen blinden Fluggast angefordert hatte. Heute kann ich mir durchaus vorstellen, dass an der Geschichte wenigstens ein bisschen Wahrheit dran ist. Denn blinde Menschen werden immer wieder gern als hilflose Wesen dargestellt, für die alles gemacht und entschieden werden muss.
Als ich 1994 am Frankfurter Flughafen landete, holte mich eine Mitarbeiterin ab, die einen Rollstuhl mitbrachte. Sie bestand darauf, dass ich mich in eben diesen Rollstuhl setzte. Sonst würde sie mich nicht mitnehmen. Ich war damals Anfang zwanzig, und war bisher kaum alleine geflogen. Ich hatte einen anstrengenden Tag hinter mir, und wollte nur noch nach Hause. Daher gab ich irgendwann meinen Protest auf, und setzte mich in diesen Rollstuhl. Denn es schien damals die einzige Möglichkeit für mich zum Ausgang begleitet zu werden.
Das Thema Rollstuhl hat mich seitdem immer wieder begleitet. Immer dann, wenn ich eine Begleitung durch den Flughafen buche, wird in neunzig Prozent aller Fälle der obligatorische Rollstuhl mitgebracht. Auch wenn ich angebe, dass ich lediglich sehende Begleitung zur Orientierung brauche, und keine Gehbehinderung habe. Bisher konnte mir keiner sagen wo im Informationsfluss dieses wichtige Detail verschwindet. Allerdings habe ich längst begriffen, dass kein Mitarbeiter mich dazu zwingen darf im Rollstuhl Platz zu nehmen.
Vor etwa zwei Jahren flog ein blindes Elternpaar mit zwei sehenden Kindern in den Urlaub. Der Flug wurde dadurch getrübt, dass den Kindern untersagt wurde am Fenster zu sitzen. Hier hatten die blinden Eltern zu sitzen. So wollten es die Sicherheitsbestimmungen. Denn Menschen mit Behinderung haben aus Sicherheitsgründen am Fenster zu sitzen.
Ich mag Fensterplätze im Flugzeug überhaupt nicht. Zum einen erschwert es die Kommunikation mit den Flugbegleitern am Gang, da es im Flugzeug ziemlich laut sein kann. Und da Gestik und Mimik für mich als Werkzeug zur Verständigung ausfällt, bin ich auf das gesprochene Wort angewiesen. Das fängt bei den Sicherheitsmaßnahmen an, und geht weiter über die Essensverteilung und andere Anliegen. Außerdem ist es schwierig für mich an ein oder zwei Fluggästen vorbeizukommen, um zur Toilette zu gehen.
Getoppt wurde das von einem Kabinenchef der jordanischen Fluggesellschaft. Ich flog 2007 mit meinen Kindern, sechs und acht Jahre alt, von Frankfurt nach Amman. Dafür hatte ich Begleitung zum Flugzeug angefordert, die auch reibungslos klappte. Im Flugzeug kam dann der Kabinenchef auf mich zu, und erklärte mir, dass ich meine Kinder aufgrund meiner Sehbehinderung nicht im Flugzeug begleiten darf. Er forderte mich auf ein Formular zu unterschreiben, dass es sich bei meinen Kindern um unbegleitete Kinder handelt. Wenn ich das nicht tat, dann dürfte er uns gar nicht mitnehmen. Ich kannte diese Vorschrift nicht, und unterschrieb dieses Formular. Denn ich wollte nicht riskieren, dass wir wieder aussteigen mussten. Danach kümmerte sich das Personal während des ganzen Flugs nicht mehr um uns. Den Service für unbegleitete Kinder hatte ich mir anders vorgestellt. Das war das einzige Mal, dass ich mich über die Behandlung an oberster Stelle beschwert habe. Denn es gibt keine Vorschrift, die Eltern mit Behinderung die Mitnahme ihrer Kinder im Flugzeug verbietet. Erst recht nicht, da ich bei der Buchung meine Behinderung angegeben hatte.
Abschließen möchte ich mit einen sehr schönen Erlebnis. Als meine Tochter zehn Monate alt war, flog ich mit Lufthansa über Nacht von Frankfurt nach Amman. Ich wurde von einer Mitarbeiterin abgeholt, die auch den Kinderwagen schob. Dieser fand sogar in der Kabine Platz, so dass ich ihn bei der Ankunft sofort hatte. Während des Flugs schaute eine Flugbegleiterin regelmäßig nach uns. Und als ich einmal zur Toilette ging, blieb eine Kollegin bei meinem Baby, während die andere mich begleitete. Bei der Ankunft wurden wir von einem Mitarbeiter abgeholt, der den Kinderwagen schob, und mir seinen Arm bot. Es war einfach ein toller Service.

Und jetzt lade ich Euch ein in den Kommentaren über Eure Flugerfahrungen zu berichten.

Blind Bus fahren, das ist für mich wichtig

Lydia steht an einer Bushaltestelle

Bushaltestellen, Bahnhöfe, oder andere öffentliche Verkehrsmittel, die ich regelmäßig nutze, kenne ich. Im Klartext heißt das, dass ich gelernt habe, wo der Bus oder die Bahn hält, und wie ich diese am besten finde. Jedenfalls, wenn alles nach Plan läuft.
Es ist mir schon passiert, dass ich an einer Bushaltestelle gewartet habe, bis mir eine vorbeikommende Person gesagt hat, dass ein Zettel mit Hinweis auf eine Haltestellenverlegung da hing. Auch das sind Barrieren im Straßenverkehr.
An der Bushaltestelle stehe ich am liebsten dort, wo das Haltestellenschild ist. Damit stelle ich sicher, dass ich in der Nähe der vorderen Tür bin. Denn wenn ein Bus einfährt, muss ich diese möglichst schnell erreichen können. Ich muss wissen welcher Bus gerade einfährt. Und da es so gut wie keine akustische Ansage für einfahrende Busse gibt, muss ich den Busfahrer fragen. Wenn der Bus dann sehr weit nach vorne fährt, dann wird es für mich anstrengend. Auf die Frage „Welcher Bus ist das“? Wünsche ich mir eine Antwort wie „653“ oder „Frankfurt Süd“. Nicht aber „Falscher Bus“, oder „Steht doch drauf“. Auch die freundlich gemeinte Ansage „Steigen Sie ein“, nützt mir nichts. Einsteigen werde ich erst, wenn ich sicher bin, dass es sich um den Bus mit meinem Fahrziel handelt.
Ich brauche keine Hilfe beim Einsteigen. Mein bester Freund ist hier mein Blindenstock, mit welchem ich fühlen kann, wie hoch der Einstieg in den Bus ist. Ich mag es nicht, wenn mich gut meinende Personen versuchen in den Bus zu schieben. Ich erschrecke mich, da ich nicht weiß ob das Freund oder Feind ist. Menschen, die versuchen mich an meinem Stock in den Bus zu ziehen, bringen mich eher in Gefahr. Denn der Stock hilft mir Stufen und Hindernisse zu erkennen. Er ist also mein Auge am Boden. Stellt Euch vor, Euch würde man die Augen zuhalten und irgendwohin ziehen.
Im Bus wird es gern still, wenn ich einsteige. Wenn gesprochen wird, höre ich, ob bereits jemand auf dem Platz, an dem ich gerade vorbeilaufe, sitzt. Ist es still, dann könnte dieser leer sein. Da ich das meistens nicht sehe, muss ich tasten. Frei nach dem Motto  „Wer nicht hören kann, darf fühlen“. Leute, man darf einem blinden Fahrgast ruhig sagen, dass man bereits da sitzt. Und man darf auch die Information geben, dass links oder rechts von mir ein Platz frei ist. Aber bitte nicht zum Sitzen drängen. Wenn ich einen ganzen Tag lang gesessen habe, dann freue ich mich darüber im Bus oder der S-Bahn zu stehen.
Um an der richtigen Bushaltestelle aussteigen zu können, brauche ich eine akustische Ansage der Haltestelle. Ich kann die optische Anzeige nicht sehen. Und genauso sehe ich nicht wo wir gerade entlang fahren. Auf bekannten Strecken bin ich auf meine Kenntnisse des Streckenverlaufs angewiesen. Aber das verlangt mir absolute Konzentration ab. Fährt der Bus außerplanmäßig eine Umleitung, habe ich sofort verloren. Nicht nur meine Heimatstadt zeichnet sich dadurch aus, dass die Ansagen kaum bis gar nicht funktionieren. Wenn ich den Busfahrer auf die fehlende Ansage hinweise, bekomme ich Antworten wie „Kaput“, oder „Ich sage Ihnen Bescheid“. Dabei geht er gern davon aus, dass ich immer an derselben Haltestelle aussteigen möchte. Nachdem ich bereits ein paar Mal vom Busfahrer vergessen wurde, und falsch ausgestiegen bin, verlasse ich mich nicht mehr auf das Versprechen. Im Übrigen geht es Menschen, die nicht ortskundig sind, ähnlich.
Beim Aussteigen wünsche ich mir, dass der Bus an der regulären Haltestelle hält. Ich mag es gar nicht, wenn er so weit vorne oder hinten hält, dass ich erst mal über eine Grünfläche laufen muss, um auf den Bürgersteig zu kommen. Das erschwert mir die Orientierung.

Behörde glaubt an Spontanheilung

Blindengeld bekommen Personen, die dem Gesetz nach blind sind. Das sind Menschen, die höchstens zwei Prozent auf dem besseren Auge sehen können. Dieses Geld ist als Nachteilsausgleich für blindheitsbedingte Mehraufwändungen vorgesehen. Da die Regelung Ländersache ist, unterscheidet sich die Höhe der Summe von Bundesland zu Bundesland.

Was sind blindheitsbedingte Mehraufwändungen?

Das sind Kosten, die aufgrund einer Sehbehinderung anfallen. Das kann die Anschaffung eines Hilfsmittels sein, eine Begleitung auf einen Ausflug oder eine Hilfe im Haushalt. Blinde Menschen sind so vielseitig wie ihre Bedürfnisse. Daher bestimmt jeder selbst wie er dieses Geld für sich und für mehr Lebensqualität einsetzt.

Hier in Hessen wird dieses Geld durch den Landeswohlfahrtsverband Hessen, LWV ausgezahlt. Diese Behörde verlangt alle zwei Jahre eine Lebensbescheinigung, die man beispielsweise beim Hausarzt, der Bank oder dem Einwohnermeldeamt bekommt. Unter Anderem wird einem auch die Frage gestellt, ob man sich während der letzten 18 Monate einer Augenoperation unterzogen hat. Wenn ja, dann wird es so richtig schön bürokratisch.

Im Frühjahr 2018 wurde bei mir eine Hornhauttransplantation am Auge durchgeführt. Einen Monat später wurde ich, wie alle zwei Jahre, aufgefordert nachzuweisen, dass ich noch am Leben bin. Die Frage, ob während der letzten 18 Monate eine Augenoperation durchgeführt wurde, beantwortete ich wahrheitsgemäß mit einem ja. Das beiliegende Formular übergab ich meinem Augenarzt, damit er es ausfüllte. Dieser bestätigte, dass meine Sehschärfe noch immer klein genug ist, um die Voraussetzungen für das Blindsein zu erfüllen. Dieses schickte ich unterschrieben zurück. Daraufhin bekam ich ein dickes Formular, welches der Augenarzt noch mal ausfüllen sollte. Das muss bis Juli eingegangen sein. Sonst wird mir das Landesblindengeld nicht weiter bewilligt.

In den vergangenen Jahren habe ich mich mehreren Operationen unterzogen. Bei jeder einzelnen waren die Ärzte und ich uns einig, dass sich mein Sehen nicht wesentlich verbessern wird. Bei einigen Operationen war es erforderlich, dass nach sechs, zwölf oder achtzehn Monaten Fäden entfernt werden müssen. Ich habe Nystagmus. Das heißt, dass meine Augen unkontrolliert zittern. Daher werden solche Eingriffe unter Vollnarkose durchgeführt. Das ruft wieder die Behörde auf den Plan, da die das als Operation zählen. Ich muss also nach jedem solchen Eingriff den Beweis erbringen, dass ich noch immer blind genug für die Leistung Blindengeld bin.

Eins steht fest. Nämlich dass manche Behörden an Spontanheilung glauben. Fäden aus einer transplantierten Hornhaut entfernen, und Schwups ist die Blindheit weg. Mir und meinem Augenarzt ist kein einziger Fall bekannt, bei dem allein durch das Entfernen von Fäden ein blinder Patient wieder so viel gesehen hat, dass der den Status blind verliert.

Ich habe Verständnis dafür, dass von Zeit zu Zeit geprüft wird, ob die Person, die Blindengeld bezieht, noch am Leben ist. Schließlich wurde auch hier bereits schon Missbrauch getrieben. Ich habe auch Verständnis dafür, dass man nach einer OP den Visus vom Augenarzt feststellen und angeben muss. Wofür dann aber noch so ein dickes Formular durch den Augenarzt ausgefüllt werden muss, ist mir schleierhaft. Und erst recht, dass nach einem Entfernen von Fäden der erneute Beweis für die noch Blindheit angetreten werden muss. Das empfinde ich als unnötigen Stress für alle Beteiligten.

Schulsport an der Blindenschule

Lydia sitzt in einem Boot.

Sport ist wichtig, um seinen Körper kennenzulernen und Bewegungsabläufe zu verinnerlichen. Kinder müssen überall hochklettern, balancieren oder springen. Das gilt auch für Kinder mit einer Behinderung. Dennoch werden diese gern mal in Watte gepackt. Dahinter steht die Angst der meisten Angehörigen, dass sich das Kind verletzen könnte. Ich habe blinde Kinder erlebt, die ohne sehende Begleitung nicht einen Schritt allein tun konnten. Das hat mich zu diesem Beitrag inspiriert.

Mit neun Jahren kam ich in eine Schule für blinde Kinder. In meinem Beitrag „Mein erster Tag an der Blindenschule“ hatte ich über die Eindrücke geschrieben. Wir waren zehn Schüler, die von einer Lehrkraft unterrichtet wurden. Das war auch im Sportunterricht so. Wir hatten eine gut ausgestattete Turnhalle, wie es sie auch an einer Regelschule gibt. Und auch hier hatten wir Geräteturnen, kletterten an Stangen hoch oder balancierten auf Bänken. Ebenso wurde bei uns Ball gespielt. Dieser war mit einem Material gefüllt, das in zum Klingen brachte. Diese Bälle gibt es in unterschiedlichen Größen. Neben dem klassischen Turnunterricht hatten wir durchgehend Schwimmen. Das fand in einem Schwimmbad außerhalb der Schule statt.
Ab dem fünften Schuljahr bekamen wir Unterricht in Leichtathletik. Zu diesem Zweck wurde die Klasse aufgeteilt. Da man einem blinden Schüler manche Dinge zeigen muss, war das eine gute Lösung. So stand 100 Meterlauf genauso auf unserem Programm wie Weitsprung oder Hochsprung.
Zu Beginn des sechsten Schuljahrs bot ein Lehrer eine AG für Judo an. Ich meldete mich an. Unser Kursleiter erklärte uns jeden neuen Schritt. Und wenn jemand das nicht verstand, bekam er es gezeigt.
Zu Beginn des siebten Schuljahrs wechselte ich die Schule. Ich besuchte die Blista in Marburg. Hier war das Sportangebot um einiges reichhaltiger als ich es bisher kannte.
In der siebten Klasse hatten wir im ersten Halbjahr Voltigieren, um ein Gefühl für das Pferd zu bekommen. Im zweiten Halbjahr durften wir dann reiten lernen.
Das achte Schuljahr brachte Konditionstraining mit sich. Damit bereiteten wir uns auf eine Ruderfreizeit vor, die im zweiten Halbjahr stattfand. Wir sollten mit Tandems hinfahren. Außerdem hatten wir Tanzen und im zweiten Halbjahr rudern.
Mitte des neunten Schuljahrs stand eine Skifreizeit auf dem Lehrplan. Daher hatten wir Skigymnastik und das Thema „rollen, gleiten, balancieren“ als Unterrichtseinheiten. Außerdem hatten wir noch ein Wahlpflichtfach Sport. Es wurden Dinge wie Rhönrad, Trampolin springen, Ballsport usw. angeboten.
Das Motto der Schule war, dass man so viel wie möglich ausprobieren durfte. Denn nur so bekam man ein gutes Körpergefühl. Unsere Sportlehrer waren stets engagiert und auf der Suche nach neuen Ideen. Von Kampfsport bis Leichtathletik war alles dabei. Und nein, es gab nicht mehr Verletzungen als bei Kindern in einer Regelschule.
Nach dem Abitur habe ich nicht mehr so viel Sport gemacht. Es gab zu wenig Angebote. Außerdem war meine Faulheit dafür verantwortlich, dass ich mich nicht weiter umgesehen habe. Irgendwann bin ich mit zwei Fahrrad begeisterten freunden Tandem gefahren. Das hat mir viel Spaß gemacht. Aber das ist inzwischen einige Jahre her.
Seit Sommer 2017 habe ich Showdown für mich entdeckt. Das ist eine Inklusive Sportart, die sowohl von Blinden als auch Sehenden Spielern gespielt werden kann. Showdown wird ausschließlich nach Gehör mit einem akustischen Ball gespielt. In meinem Beitrag „Showdown, Sport für blinde und Sehende“ erkläre ich wie das geht.
Die Frage sollte nicht heißen „Können blinde Menschen Sport machen“, sondern „Was braucht es, damit blinde am Sportangebot teilnehmen können“?

So, das waren jetzt meine Erfahrungen mit dem Sport. Jetzt bin ich auf Eure gespannt.

Die blinde Mutter und der Autokauf

Lydia steht neben der Fahrertür eines Autos.

Ich habe mich nie besonders für Autos interessiert. Für mich war das ein Gehäuse auf vier Rädern. Auch die meisten Autotypen sagten mir wenig. Ich glaube, ich hatte ebenso viel Ahnung von den Eigenschaften eines Autos wie ein normal sehender Mensch von den Unterschieden bei der Brailleschrift.
Als ich klein war, hatten wir ein Auto in der Familie, welches von meinem Vater gefahren wurde. Meine Mutter erledigte ihren Alltag komplett ohne Auto. Und auch ich lernte ohne Auto zu denken. Und wenn ich doch mal einen Ort erreichen musste, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreichbar war, nahm ich mir ein Taxi, oder organisierte mir ein Auto inklusive Fahrer. Als meine Kinder im Vorschulalter waren, wurde das Auto noch mal interessant. Ich bezahlte eine Assistenz dafür mit mir den Familieneinkauf, den ich alleine nicht nach Hause tragen konnte, zu erledigen. Und wenn mein Sohn am Wochenende zu einem Treffpunkt für sein Fußballspiel musste, dann war ich auf die Hilfe von anderen Eltern angewiesen, oder ich bezahlte ein Taxi.
Auch meine Kinder lernten ohne Auto zu denken. Während ihrer Grundschulzeit war alles in meiner Heimatstadt zu Fuß erreichbar. Und als sie älter wurden, durften sie das Fahrrad benutzen. Dadurch erweiterte sich ihr Aktionsradius. Denn die weiterführende Schule war in der Nachbarstadt. Bei gutem Wetter fuhren sie mit dem Fahrrad hin, während sie im Winter den Bus nahmen. Wenn es mal richtig stark regnete, dann fanden wir entweder andere Miteltern, die meine Kinder mitnahmen, oder ich bestellte ihnen ein Taxi.
Mit 17 Jahren machte meine Tochter ihren Motorradführerschein. Dadurch erweiterte sich ihr Aktionsradius noch mal. Für sie war das wichtig, da das Einzugsgebiet ihrer aktuellen Schule sich vergrößert hatte, und der ÖPNV in manchen Situationen sehr zeitaufwändig war. Jetzt war es auch mal möglich für vier Freistunden nach Hause zu fahren, was mit dem Bus kompletter Unsinn war.
Anfang 2018 bekam sie nun ihren PKW-Führerschein. Endlich hatten wir jemanden in der Familie, der ein Auto fahren durfte. Aber woher jetzt ein Auto bekommen? Mein Mann und ich hatten versäumt uns mit der Materie Auto auseinanderzusetzen. Und jetzt bekamen wir die Rechnung präsentiert. Wir brauchten jemanden, der gemeinsam mit uns nach einem passenden PKW suchte. Und hier lag das Problem. Auf einmal hatten wir im sozialen Umfeld ganz viele selbst ernannte Experten, die uns mit so vielen Ratschlägen bombardierten, dass mir jedes Mal der Kopf schwirrte. Wir fuhren Gebrauchtwagenhändler ab, machten Termine mit verschiedenen Privatleuten, die Autos verkauften, um dann festzustellen, dass das Angebot sich vom tatsächlichen Objekt unterschied. Hurra, es lebe die Bildbearbeitung! Ein Verkäufer wollte uns sogar weiß machen, er habe das falsche Auto fotografiert. Schade, dass ich zu dem Zeitpunkt keine Visitenkarte vom ansässigen Blindenverband dabeihatte.
Mit dem Autokauf fühlte ich mich völlig überfordert. Vielleicht könnte man das mit einem nicht blinden Menschen vergleichen, der eine geeignete Braillezeile für einen Blinden aussuchen soll. Dabei konnte es doch kein Hexenwerk sein, ein Auto zu kaufen. Oder vielleicht doch? Und so langsam lief uns die Zeit davon.
Irgendwann telefonierte ich mit einem Bekannten, und sprach das Thema an. Dieser kannte sich aus, und hatte Freunde im Autohandel, die er fragen würde. Wir brauchten einen Gebrauchtwagen, der fahrtüchtig und ohne Bastelbedarf war. Eine Woche später fuhren meine Tochter und ich zu ihm nach Düsseldorf, wo wir eine Auswahl in Frage kommender Autos fanden. Wir entschieden uns für eines, und wurden handelseinig. Ich würde die Hälfte des Geldes überweisen, danach würden die Fahrzeugpapiere zu uns geschickt, und der Kaufvertrag aufgesetzt. Danach konnten wir hier das Auto versichern, anmelden, und anschließend in Düsseldorf abholen.
Es dauerte eine Woche, bis wir die Unterlagen hatten und eine Versicherung gefunden hatten.
Jetzt musste das Auto noch von Düsseldorf nach Frankfurt. Meine Tochter war Fahranfängerin. Daher wollte ich nicht, dass sie diese Strecke allein fuhr. Für 300 € hätte der Händler es uns auch geliefert. Doch wollte ich das Geld nicht ausgeben. Am Ende konnte ich eine Freundin der Familie dafür gewinnen das Auto gemeinsam mit mir zu fahren.
Diese Freundin fuhr mit mir zur Zulassungsstelle nach Langen, um das Auto anzumelden. Die dortigen Mitarbeiter hatten wohl noch nie einen blinden Menschen live und in Farbe gesehen. Jedenfalls erfüllten sie alle gängigen Klischees. Sie sprachen mit meiner sehenden Begleiterin, wenn sie etwas wissen wollten. Einige starrten mich an, als hätte ich eine neue Warze auf der Nase. Und gleich mehrere Mitarbeiter stellten meiner Freundin die Frage, ob sie mir bei der Unterschrift die Hand führen würde. Nein, tut sie nicht. Sie zeigt mir wo die Unterschrift hin soll.
Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Düsseldorf, und holten das Auto ab. Ein kleines Auto, das für uns alle Platz bietet, und meinen Kindern einen größeren Aktionsradius ermöglicht.

Was hat sich für mich seitdem geändert
In meinem Alltag hat sich nicht viel geändert. Ich bewege mich nach wie vor ohne Auto durch meinen Alltag. Die Ausnahme bildet der Großeinkauf, den wir jetzt mit dem Auto erledigen können. Außerdem können wir hin und wieder mal einen Ausflug an einen der naheliegenden Baggerseen machen. Diese sind für mich ohne Auto oder Fahrrad unerreichbar. Und wenn wir unterwegs sind, brauche ich mir keine Gedanken zu machen, dass ich zu jeder Zeit mein Gepäck selbst tragen können muss. Das Auto ist ein kleines Bonbon für meine Familie. Aber es wird nie meinen Alltag beherrschen. Dafür liebe ich meine Mobilität und Unabhängigkeit zu sehr.