Kategorien
Allgemein Bildung

Ein Marktstand zu Gunsten der Arab Episcopal School Jordanien

Schon immer mochte ich Flohmärkte und kleine Weihnachtsmärkte. Ich liebe die Atmosphäre, die Geräusche und Gerüche. Und wenn ich dann noch von lieben Menschen begleitet werde, dann ist gute Laune garantiert.

In diesem Jahr hatte ich die Idee selbst einen Stand auf dem Neu-Isenburger Weihnachtsmarkt zu betreiben. Der Erlös sollte der Arab Episkopal School, einer inklusiven Schule für blinde und sehende Kinder in Jordanien zugutekommen, nachdem Stand- und Materialkosten abgezogen wurden.
Ich habe dafür Monate lang gestrickt, getöpfert und gebastelt. Anschließend habe ich mich bei der zuständigen Stelle um eine Hütte auf dem Weihnachtsmarkt beworben. Auf eben diesem Adventsmarkt werden die meisten Stände von Vereinen und lokalen Organisationen betrieben. Damit passte ich also optimal rein.

Samstagmittag ging es los mit dem Aufbau. Da ich so eine Hütte noch nie von innen gesehen hatte, und nur aus der Beschreibung kannte, wusste ich nicht wirklich was mich da erwartete. Nachdem meine Tochter gemeinsam mit einem Kumpel die Beleuchtung und Deko angebracht hatte, zeigte sie mir und meiner ebenfalls blinden Freundin, die uns an dem Tag unterstützte, wo was zu finden war. Das ist wichtig, da blinde Menschen nicht mit einem Blick erfassen können, wo welche Gegenstände platziert sind.
Grundsätzlich ist es möglich einen Stand blind zu betreiben. Wenn mich jemand anspricht, kann ich antworten. Schwierig wird es bei den Kunden, die nur schauen und darauf warten angesprochen zu werden. Bei der Geräuschkulisse habe ich keine Chance diese Personen wahrzunehmen. Und dann gibt es noch die Menschen, die sich nicht trauen einen blinden Menschen anzusprechen. Diese Erfahrung durfte ich auch machen. Mit meiner Tochter, die mit mir am Stand war, bekam ich mit, wie sie die Menschen, die etwas still waren, ansprach, weil sie diese sehen konnte.
Eigentlich war geplant, dass ich am Sonntag alleine am Stand sein würde. Doch dann beschloss meine Tochter mich auch an diesem Tag zu unterstützen.
Es kamen ca. 180 € für die Schule zusammen, die ich an deren Förderverein überweise.
Für diejenigen, die uns mit einer kleinen Spende im Wert einer Tasse Kaffee oder einer Tafel Schokolade unterstützen mögen, habe ich diesen Money Pool über PayPal eingerichtet. Dieses Geld werde ich nach dem Mitte Januar 2023 auf das Konto der Schule überweisen. Für diejenigen, denen ein größerer Betrag vorschwebt, für den eine Spendenquittung gewünscht wird, gibt es den Förderverein Inklusionsschule IRBID FII e.V.

Von Euch wünsche ich mir, dass Ihr dabei helft diesen Beitrag möglichst großflächig zu verteilen, damit ein möglichst großer Betrag zusammen kommt.

Danke dafür sagt jetzt schon Eure Lydia

Menschen stehen vor einem Schuleingang mit der Aufschrift welcome in unterschiedlichen Sprachen. Daneben ist weihnachtlich dekoriert.
Lydiaswelt
Kategorien
Allgemein Bildung unterwegs Zu Gast auf lydiaswelt

Blindenstöcke für Togo 3 Jahre später

Spendenprojekt für das Blindenzentrum in Kpalimé (Togo)

Rund drei Jahre nach ihrer Rückkehr von einem einjährigen Freiwilligendienst in dem westafrikanischen Land Togo ging es für Jasmin erneut dorthin. Diesmal in Begleitung ihres Mannes Erdin (aka. Mr. Blindlife) und einem Koffer voller Blindenlangstöcke und Lupen.
Jasmin ist sehbeeinträchtigt und sieht mit Brille auf dem besseren Auge mit Brille noch 8%. Während ihres Freiwilligendienstes interessierte sie sich daher auch dafür, wie blinde und sehbeeinträchtigte Menschen in Togo leben und so besuchte sie neben dem „Centre des Aveugles de Kpalimé“ auch eine weiterführende Schule, an denen einige blinde und sehbeeinträchtigte Schüler inklusiv unterrichtet wurden und deren Wohnung, in der die Schüler als Wohngemeinschaft zusammenlebten. Bereits bei der ersten Begegnung mit Ayala, einem der Schüler, fiel Jasmin auf, dass dessen Langstock verbogen war, die einzelnen Elemente nur noch von einem losen Gummiband zusammengehalten wurden und die Spitze komplett fehlte. Auch bei den anderen Schülern war es nicht besser, sodass sie stets von den besser sehenden Mitbewohnern geführt wurden. Auf Nachfrage bei dem Blindenzentrum erfuhr Jasmin, dass es in der Region keine Langstöcke in entsprechender Qualität zu kaufen gäbe.
Daraufhin organisierten Lydia und Jasmin das erste Spendenprojekt, in dessen Rahmen 38 Langstöcke samt Ersatzteilen an die ehemaligen Schüler:innen des Zentrums übergeben werden konnten.
Vor ihrer Reise im Herbst 2022 fragte Jasmin bei dem amerikanischen Ehepaar, welches das Zentrum noch immer leitete an, ob es immer noch Bedarf an Langstöcken, Lupen o.ä. ähnlichen habe. Das Ehepaar erwiderte, dass Langstöcke, Lupen und auch ein neuer Brailledrucker dringend benötigt würden.
Erdin und Jasmin starteten daraufhin erneut ein Spendenprojekt und erhielten von ihrer Community insgesamt 1530,77€ an Spenden. Die, nach dem Abzug der Gebühr von Paypal, verbliebenen 1467,17€ wurden in Lupen, sowie Langstöcke investiert, da ein transportierbarer Brailledrucker das Budget deutlich überstiegen hätte.
Für 15 Lupen von Eschenbach in verschiedenen Stärken wurden 572,46 € ausgegeben, die verbleibenden 894,71€ wurden genutzt um 33 Langstöcke für einen Preis von insgesamt 896 € zu kaufen.
Hinzu kamen sechs Langstöcke und eine Lupe von der Community und und als Sachspenden.
Am 17. September ging unser Flug nach Togo. Für Jasmin eine lang ersehnte Rückkehr, für Erdin die erste Reise auf den afrikanischen Kontinent. Nach einem Tag der Eingewöhnung und Orientierung in Kpalimé, einer Großstadt im Süden Togos, ging es dann vollbeladen auf einem Motorrad-Taxi zum Blindenzentrum. Es waren noch Schulferien, sodass lediglich die Lehrer:innen, welche sich auf den Unterricht vorbereiteten, anwesend waren. Die 16 Lupen und 39 Langstöcke wurden von ihnen entgegengenommen und mit einzeln Lehrer:innen noch einmal der Umgang mit einer Kugelspitze, sowie dessen Auswechseln geübt, damit diese es den Schüler:innen entsprechend beibringen können. Auch einzelne Lupen wurden ausgepackt und getestet, sodass sie abschätzen konnten, welche Lupe von welchen Schüler:innen wahrscheinlich am besten nutzen wird.
Erdin drehte zudem ein Video für seinen YouTube-Kanal, um mit dem Einverständnis aller Anwesenden seiner Community zu zeigen, dass die Spenden tatsächlich angekommen sind.
Bei einer Führung über die gepflegten Anlagen wurde uns auch ein Klassenraum gezeigt, in dem lauter taktile Modelle mit Braille- und Schwarzschriftbeschriftung zu finden waren. Diese hatte ein Lehrer selbst gebaut um seinen Unterricht für die Schüler:innen „begreifbarer“ zu gestalten.

Vielen herzlichen Dank an alle, die unser Spendenprojekt unterstützt und uns bei dieser Reise begleitet haben. Und einen riesigen Dank an Lydia für die unglaubliche Unterstützung bei der ersten Spendenaktion. Diese könnt Ihr unter Blindenstöcke für Togo nachlesen.

Kategorien
Allgemein blinde Eltern

Die blinde Mutter und der Überblick beim Schulstart

Vor ein paar Wochen tauchte der Aufruf zur Blogparade #Schulstart! Was Schule ist und was sie werden kann in meinem Postfach auf. Ich finde die Idee gut, und nehme gern daran teil.
Als die Einschulung meiner Tochter näher rückte, war ich schon etwas aufgeregt. Es war nicht nur der Beginn eines neuen Abschnitts, sondern auch das große Unbekannte, das da auf uns Eltern zukam.
Allein die Liste der benötigten Materialien, die wir Eltern zugeschickt bekamen, verursachte mir Bauchschmerzen. Wie sollte ich als blinde Mutter die unterschiedlichen Hefte, Hefter und Stifte voneinander unterscheiden, feststellen welche Stifte und Farben ausgetauscht werden sollten oder wie die Nachrichten im Elternheft lesen? Das waren Fragen, die mich zusätzlich zu den allgemeinen Fragen beschäftigten, und für die es galt Lösungen zu finden.

Ich selbst war in den ersten zwei Jahren auf einer Schule für sehbehinderte Kinder. Dort habe ich ausreichend Restsehen gehabt, um meine Hefte voneinander zu unterscheiden. Und in meinem Schulranzen gab es eine feste Ordnung, sodass ich die gesuchten Gegenstände sehr schnell zur Hand hatte. Ich erinnere mich daran, dass es nicht so viele Sachen waren, wie jetzt auf der Materialliste meiner Tochter standen.
Ab dem dritten Schuljahr besuchte ich eine Schule für blinde Kinder. Dort schrieben wir nicht in ein Heft, sondern auf einzelne Blätter. Denn nur so konnte man auf einer Schreibmaschine für Brailleschrift schreiben. Die Blätter wurden mit Namen, Fach und Datum beschriftet und in Ordner abgeheftet, die wir ebenfalls mit Braille beschrifteten. Dasselbe galt auch für Zeichnungen, die auf Folie oder Papier angefertigt wurden. So etwas wie unterschiedliche Stifte oder Farben habe ich nicht benutzt. Und weil ich es nie gebraucht habe, habe ich mich nie mit der Materie auseinandergesetzt. Kurz, ich hatte hier eine klaffende Bildungslücke.
Ich ließ mir von einer Freundin beim Beschaffen der Schulausstattung helfen. Hefte, Mappen und Mäppchen wurden mit Namen beschriftet, und ich versuchte mir die einzelnen Gegenstände aus dem Schulranzen einzuprägen. Das musste fürs Erste reichen.
Der Schulstart kam, und so nahm das Chaos seinen Lauf. Von den Schülern wurde erwartet, dass sie den Eltern sagten, wenn die Lehrerin etwas ins Heft geschrieben hatte. Und ebenso wurde erwartet, dass sie nach dem Mittagessen noch wussten welche Schularbeiten erledigt werden mussten. Letzteres konnte die Nachmittagsbetreuung auffangen, da mehrere Kinder dieselbe Klasse besuchten. Blieb noch der Informationsaustausch zwischen Lehrerin und mir. Die Schule tat sich schwer damit mir eine E-Mail zu schreiben oder anzurufen, und meine Tochter hatte die Ordnung nicht gerade zu ihrem besten Freund erklärt. Mit Glück waren Elternbriefe und Mitteilungen tatsächlich in den Weiten des Schulranzens verborgen, und fanden so den Weg nach Hause. Dieselbe Herausforderung hatte ich ebenfalls in der Nachmittagsbetreuung. Allerdings bestand da die Möglichkeit sich telefonisch auszutauschen oder beim Abholen kurz miteinander zu reden.
Ich löste mein Informationsproblem dadurch, dass ich in regelmäßigen Abständen jemanden dafür bezahlte, der nach nicht abgegebenen Benachrichtigungen aus der Schule fahndete. Das war für mich die beste Lösung, da manche Mitteilungen handschriftlich gemacht wurden. Parallel dazu bekam ich Infos von anderen Eltern, sodass ich weniger Energie für die Informationsbeschaffung aufwenden musste.
Problematischer war das Auffinden von Kleidung, die meine Tochter in der Schule vergessen hatte. Diese wiederzufinden war eine Lebensaufgabe. Denn es gab in einem Raum eine riesige Kiste, in die alle Textilien kamen, die jemand vergessen hatte. Diese Wühlkiste war nur zu bestimmten Zeitabschnitten zugänglich. Gerade in den ersten Jahren der Grundschule waren sowohl meine Tochter als auch ich komplett überfordert mit der Kleiderflut. Ich hatte also die Wahl mir eine Hilfsperson zu bezahlen, oder für das Geld neue Sachen zu beschaffen.
Schule ist also nicht nur für die jungen Abc-Schützen ein neues Abenteuer, sondern auch für Eltern. Und wenn diese noch eine Behinderung ihr Eigen nennen, dann wird es sehr abenteuerlich und fördert alle Kreativität, deren man fähig ist.

Kategorien
Allgemein Bildung Zu Gast auf lydiaswelt

Inklusion, das lerne ich von meinen Schülern

Das Thema Inklusion ist eines der Themen, welche immer wieder kontrovers diskutiert werden. In Inklusion, ich war immer die Ausnahme, habe ich dazu ein Interview mit einem blinden Schüler geführt. Ergänzend dazu hat ein Gastautor den Beitrag Gedanken zum Thema Inklusion geschrieben, der dieses Thema von mehreren Seiten beleuchtet. Heute ist Sunnybee vom Mutter-und-Sohn.Blog meine Gastautorin, die aus der Sicht einer Lehrerin erzählt.

Inklusion im Schulunterricht: Was ich von meinen körperlich eingeschränkten Schülerinnen und Schülern lerne

Ich arbeite seit inzwischen fast zehn Jahren als Lehrerin an einer Schule, an der Erwachsene ihr Abitur nachholen. Meine Schüler, bzw. Studierenden, wie die Erwachsenen an unserer Schule genannt werden, sind äußerst unterschiedlich. Unter ihnen sind Menschen mit Fluchterfahrung und noch geringen Deutschkenntnissen, ebenso wie junge Frauen und Männer mit psychischen und körperlichen Erkrankungen oder körperlichen Einschränkungen. Einer meiner Kollegen sitzt im E-Rollstuhl und unterrichtet mit Assistenz. Für alle ist es inzwischen Alltag, ihn mit seiner Begleitung zu sehen, die ihm z.B. in der Schulmensa bei der Nahrungsaufnahme behilflich ist oder Kursmaterialien für ihn kopiert. Auch einer meiner Studierenden ist aufgrund einer spastischen Lähmung auf Assistenz angewiesen. Sein jeweiliger Assistent, bzw. seine Assistentin sitzt mit im Unterricht und macht auf seine Anweisungen hin Notizen. In Klausuren erhält er als Nachteilsausgleich 50% mehr Zeit für das Bearbeiten der Aufgaben. Sein Assistent oder seine Assistentin notiert dabei wie im Unterricht handschriftlich, was er ihnen diktiert.

Methodik mit Tücken

An einem meiner Leistungskurse nimmt neben diesem Studierenden ein junger Mann mit starker Seheinschränkung teil. Ich finde es beeindruckend, wie locker und selbstverständlich beide mit ihrer Behinderung umgehen. Letztlich lernen alle im Kurs dadurch viel von ihnen. Mein seheingeschränkter Studierender verfügt, wie er mir erklärte, noch über einen Sehrest, der ihm die Wahrnehmung von Schwarz-weiß-Kontrasten, Konturen und kräftigen Farben ermöglicht. Texte liest er mit einem elektronischen Lesegerät, bzw. mit einer Leselupe auf dem Tablet, das ihm diese stark vergrößert. Auch seine Notizen macht er, indem er die Arbeitsblätter unter die elektronische Lupe legt und so seine eigene Schrift lesen kann. Tafelbilder fotografiert er ab und sieht sie sich auf dem Tablet von Nahem und vergrößert an, die Klausuren schreibt er an einem extra dafür verwendeten PC. Ich, als Fachlehrerin, speichere das Dokument nach Ende der Klausur auf USB-Stick und drucke es mir für die Korrektur aus.
Kürzlich wurde mir während einer Stunde aber noch einmal bewusst, wie „blind“ wir Sehenden manchmal trotz aller Reflektiertheit für die Andersartigkeit – und damit auch die anderen Bedürfnisse – unserer Gegenüber sind. Ich hatte die, wie ich fand, tolle Idee gehabt, als Einstieg in ein neues Thema ein „Schreibgespräch“ zu initiieren, eine Methode, bei der meine Studierenden sich in kleinen Gruppen über ein vorher bestimmtes Thema (hier eine neu begonnene Lektüre) ausschließlich schriftlich austauschen sollten. In ihrer Mitte lag also ein großes Blatt und sie sollten ihre Gedanken und Assoziationen darauf notieren und wiederum Kommentare und Anmerkungen – ebenfalls ohne Worte – neben die Notizen ihrer Mitschüler/-innen schreiben. Als Abschluss der Gruppenarbeit sollten sie, nun wieder mündlich, die wichtigsten Ergebnisse des Austauschs im Plenum vortragen.
Logisch, dass diese Methode nicht gerade inklusiv für sehbehinderte Schülerinnen und Schüler ist? Ebenso wenig wie für diejenigen, die nicht selbst einen Stift halten können? Mir fiel das tatsächlich erst auf, als meine Studierenden schon mitten in der Gruppenarbeit steckten und es war mir, ehrlich gesagt, ganz schön peinlich.

Die soziale Kompetenz meiner Studierenden

Nun kam ich jedoch in den Genuss der wahren Kompetenz meiner Studierenden – der körperlich eingeschränkten wie der nicht eingeschränkten: wirklich alle beteiligten sich an der Gruppenarbeit. Mein Studierender mit Schreibassistenz, indem er seinem Assistenten halblaut diktierte, was dieser auf das Blatt in der Mitte schreiben sollte. Mein Studierender mit Seheinschränkung, indem ihm seine Mitstudierenden halblaut vorlasen, was sie geschrieben hatten, bzw. indem er ihre Notizen mithilfe der Leselupe auf seinem Tablet vergrößerte und anschließend seine Kommentare dazu schrieb. Außerdem gingen die Studierenden in dieser Gruppe wie selbstverständlich dazu über, ihre Notizen in verschiedenen Farben zu machen. Eigentlich klar: für jemanden, der nur eingeschränkt sehen kann, bedeutet es eine zusätzliche Anstrengung, auch noch verschiedene Handschriften auseinanderzuhalten und somit ohne Worte zu erfassen, wer was in diesem „Schreibgespräch“ gesagt hat… Das alles lief so selbstverständlich und entspannt ab, dass ich wirklich staunte. Dafür, dass ich mit der Absicht methodischer „Auflockerung“ eigentlich gerade jede Barrierefreiheit beseitigt hatte, wussten sich ALLE meine Studierenden beeindruckend gut zu helfen.
Auch das Feedback meines seheingeschränkten Studierenden nach der Übung, als ich alle im Kurs um eine kurze Rückmeldung zur Methodik bat, war äußerst aufschlussreich für mich. Es sei eine „sehr interessante Erfahrung“ gewesen, „wenn auch vielleicht nicht die ideale Methode für Menschen mit Seheinschränkung“, wie er mit feiner Ironie bemerkte. Aber was ihm sehr gefallen habe: in der Klasse sei es endlich mal komplett ruhig gewesen… Wir mussten alle lachen und auch diesbezüglich hatte ich durch einen einzigen Satz wieder etwas begriffen: wie anstrengend nämlich sonstige Gruppenarbeit, in der 20 bis 30 Menschen, wenn auch nur halblaut, sich zur selben Zeit unterhalten, für Studierende mit Seheinschränkung sein muss. Wenn ich ohnehin schon einen Großteil meiner Sehkraft über das Gehör kompensieren muss und nonverbale Gesprächssignale wie Nicken oder Kopfschütteln für mich nur schwer erkennbar sind, wie anstrengend muss dann eine solche Geräuschkulisse während des Austauschs mit anderen sein!
Tja… und so ging ich selbst an diesem Tag ein Stückchen klüger nach Hause sowie ziemlich beeindruckt von der echten Inklusion, die ich an diesem Tag erlebt hatte!

Danke Dir, liebe SunnyBee für Deine Erfahrungen, die Du mit uns teilst. Deine Blogbeschreibung „Mutter – berufstätig – alleinerziehend – kreativ“ trifft die Vielseitigkeit Deines Blogs, den ich immer wieder mit Spannung lese.

Kategorien
Allgemein Bildung Sport und Freizeit

Schulsport an der Blindenschule

Sport ist wichtig, um seinen Körper kennenzulernen und Bewegungsabläufe zu verinnerlichen. Kinder müssen überall hochklettern, balancieren oder springen. Das gilt auch für Kinder mit einer Behinderung. Dennoch werden diese gern mal in Watte gepackt. Dahinter steht die Angst der meisten Angehörigen, dass sich das Kind verletzen könnte. Ich habe blinde Kinder erlebt, die ohne sehende Begleitung nicht einen Schritt allein tun konnten. Das hat mich zu diesem Beitrag inspiriert.

Mit neun Jahren kam ich in eine Schule für blinde Kinder. In meinem Beitrag „Mein erster Tag an der Blindenschule“ hatte ich über die Eindrücke geschrieben. Wir waren zehn Schüler, die von einer Lehrkraft unterrichtet wurden. Das war auch im Sportunterricht so. Wir hatten eine gut ausgestattete Turnhalle, wie es sie auch an einer Regelschule gibt. Und auch hier hatten wir Geräteturnen, kletterten an Stangen hoch oder balancierten auf Bänken. Ebenso wurde bei uns Ball gespielt. Dieser war mit einem Material gefüllt, das in zum Klingen brachte. Diese Bälle gibt es in unterschiedlichen Größen. Neben dem klassischen Turnunterricht hatten wir durchgehend Schwimmen. Das fand in einem Schwimmbad außerhalb der Schule statt.
Ab dem fünften Schuljahr bekamen wir Unterricht in Leichtathletik. Zu diesem Zweck wurde die Klasse aufgeteilt. Da man einem blinden Schüler manche Dinge zeigen muss, war das eine gute Lösung. So stand 100 Meterlauf genauso auf unserem Programm wie Weitsprung oder Hochsprung.
Zu Beginn des sechsten Schuljahrs bot ein Lehrer eine AG für Judo an. Ich meldete mich an. Unser Kursleiter erklärte uns jeden neuen Schritt. Und wenn jemand das nicht verstand, bekam er es gezeigt.
Zu Beginn des siebten Schuljahrs wechselte ich die Schule. Ich besuchte die Blista in Marburg. Hier war das Sportangebot um einiges reichhaltiger als ich es bisher kannte.
In der siebten Klasse hatten wir im ersten Halbjahr Voltigieren, um ein Gefühl für das Pferd zu bekommen. Im zweiten Halbjahr durften wir dann reiten lernen.
Das achte Schuljahr brachte Konditionstraining mit sich. Damit bereiteten wir uns auf eine Ruderfreizeit vor, die im zweiten Halbjahr stattfand. Wir sollten mit Tandems hinfahren. Außerdem hatten wir Tanzen und im zweiten Halbjahr rudern.
Mitte des neunten Schuljahrs stand eine Skifreizeit auf dem Lehrplan. Daher hatten wir Skigymnastik und das Thema „rollen, gleiten, balancieren“ als Unterrichtseinheiten. Außerdem hatten wir noch ein Wahlpflichtfach Sport. Es wurden Dinge wie Rhönrad, Trampolin springen, Ballsport usw. angeboten.
Das Motto der Schule war, dass man so viel wie möglich ausprobieren durfte. Denn nur so bekam man ein gutes Körpergefühl. Unsere Sportlehrer waren stets engagiert und auf der Suche nach neuen Ideen. Von Kampfsport bis Leichtathletik war alles dabei. Und nein, es gab nicht mehr Verletzungen als bei Kindern in einer Regelschule.
Nach dem Abitur habe ich nicht mehr so viel Sport gemacht. Es gab zu wenig Angebote. Außerdem war meine Faulheit dafür verantwortlich, dass ich mich nicht weiter umgesehen habe. Irgendwann bin ich mit zwei Fahrrad begeisterten freunden Tandem gefahren. Das hat mir viel Spaß gemacht. Aber das ist inzwischen einige Jahre her.
Seit Sommer 2017 habe ich Showdown für mich entdeckt. Das ist eine Inklusive Sportart, die sowohl von Blinden als auch Sehenden Spielern gespielt werden kann. Showdown wird ausschließlich nach Gehör mit einem akustischen Ball gespielt. In meinem Beitrag „Showdown, Sport für blinde und Sehende“ erkläre ich wie das geht.
Die Frage sollte nicht heißen „Können blinde Menschen Sport machen“, sondern „Was braucht es, damit blinde am Sportangebot teilnehmen können“?

So, das waren jetzt meine Erfahrungen mit dem Sport. Jetzt bin ich auf Eure gespannt.