Messen mit zweierlei Maß

Susanne mit Malte an einer Treppe Foto Linn Voss.

Susanne und ich kennen uns seit vielen Jahren. Es ist eine dieser Freundschaften, die trotz der Entfernung über Jahre halten. Im Herbst 2017 hat sie mich für ein Wochenende zu sich nach Hamburg eingeladen, und für ein unvergesslich schönes Wochenende gesorgt.

Ich freue mich, dass sie heute wieder einmal zu Gast auf meinem Blog ist. Auch die folgenden Beiträge stammen von ihr:
für Selbstverständlichkeiten bewundert werden,
Tag der offenen Moschee, was passiert da eigentlich? Und
Heißt selbständig auch schnell sein?

Messen mit zweierlei Maß
Es ist ein schöner Nachmittag und mein Freund und ich erwarten Besuch von zwei älteren Damen, die wir gut kennen. Ich bin vor kurzem in meine Wohnung hier in Hamburg eingezogen. Die beiden Damen haben einiges aufgetrieben, das ich gebrauchen kann. Ich freue mich sehr auf den Besuch und habe ein kleines Cafégedeck vorbereitet.
Mit großem Hallo begrüßen und Umarmen wir uns, alles ist gut. Ich freue mich riesig über das, was sie mir mitgebracht haben, und gebe Ihnen natürlich auch etwas dafür. Die beiden sind sehr nett, sehr fit und umtriebig und treiben immer eine Menge auf, das sie aus Haushaltsauflösungen und von Flohmärkten bekommen. Solche Möglichkeiten habe ich als gesetzlich blinde Frau eher nicht. So bin ich für die Unterstützung außerordentlich dankbar, da mein Geldbeutel nicht so dick gefüllt ist. Das Gespräch nimmt seinen Lauf, der Kaffee schmeckt, es wird viel gelacht.
Plötzlich beginnt sich eine der beiden Frauen umzuschauen: „Aber hier muss mal wieder geputzt werden, hier liegen Hundehaare herum! Hast du niemanden, der dir dabei hilft?“ Wie vor den Kopf geschlagen stehe ich da! Ich bin nicht oft sprachlos, aber in diesem Moment bin ich einfach nur stumm! Wie soll ich jetzt reagieren? Wie soll ich mit dem fertig werden, was ich gerade empfinde. Da ist auf der einen Seite die nette Hilfe und die netten Gespräche, und dann das! Mir geht durch den Kopf, was ich und meine Assistentinnen in den letzten Tagen alles getan haben, damit die Wohnung langsam wohnlich wird, damit es sauber und präsentabel ist. Ich wohne erst ein paar Monate in der Wohnung, und mein Hund ist gerade neu eingezogen. Vieles ist noch provisorisch und ich bin dabei mich in meiner neuen Lebensumgebung in Hamburg einzuleben. Ich freue mich über jeden netten Kontakt und über jede Unterstützung, die ich gerade am Anfang bekommen kann.
Was aber mache ich mit einer solchen Aussage? Im ersten Moment bin ich stumm. Ich kommentiere also die Aussage nicht weiter. Durch den Kopf geht mir allerdings: was würdet ihr machen, wenn ich mich bei euch so verhalten würde? Es ist ein Messen mit zweierlei Maß! Ein Hundehaar, eine staubige Fensterbank, ein aus Zeitgründen nicht gesaugter oder gewischter Boden, das alles würde bei einer nicht behinderten Person nicht weiter auffallen. Sie hatte eben einfach keine Zeit. Aber bei mir? Bei mir darf man/frau sich einmischen. Alles nur gut gemeint! Schließlich helfen wir ja sonst auch und bringen etwas mit! Auch wenn ich dafür zahle, die beiden haben sehr viel Zeit und Arbeit investiert, um mit gutem Geschmack etwas Passendes auszuwählen. Wenn ich Ihnen also sage, was mir in diesem Moment auf der Zunge liegt, sowas wie: „Das geht euch nichts an! Wie dreist seid ihr eigentlich?“ Oder die Frage, von eben: „Was wäre, wenn ich das bei euch machen würde?“
Ich stelle es ja immer wieder fest: mit dem Label „gut gemeint“ kann irgendwie alles gerechtfertigt werden. Und mit dem Satz: „Du siehst es ja nicht!“ erst recht. In diesem Moment fühle ich mich richtig hilflos. Eigentlich müsste ich Leute, die sich bei mir so verhalten, die so über meine Grenzen trampeln, rauswerfen. Andererseits sind da aber eben die vielen netten Begegnungen, sind da die vielen Handreichungen, die wirklich toll sind und für die ich sehr dankbar bin.
Das große „Fragezeichen“ bleibt. Ich habe bis heute für dieses Thema keine gute Lösung gefunden. Und ich erlebe es oft, dass Leute beleidigt sind, wenn ich Ihnen eine Grenze setze, weil ich etwas selbst kann, oder es einfach als übergriffig empfinde, wie sich manche Leute verhalten. Das fängt beim ungefragt angefasst werden an, geht weiter über die Bemerkungen und Kommentare zu meiner Hundehaltung, und hört in meinen Privaträumen auf.
Und das ist es: Meine Wohnung ist mein Refugium. Es ist der Raum, in den ich mich zurückziehen kann. Ich möchte mich hier sicher fühlen, den Hut aufhaben. Ich möchte Menschen unvoreingenommen willkommen heißen, Gastgeberin sein und sie bewirten können. Das alles ist irgendwie oft überschattet von dem Gefühl unter einer Dauerbeobachtung, unter so etwas wie Dauerbewährung zu stehen. Das führt leider oft zu dem Eindruck, dass Menschen, die mich besuchen, nicht unvoreingenommen meine Wohnung betreten. Es scheint, als würden sie das Haar auf dem Boden, dass die Assistentin eventuell vergessen hat, oder dass mein Hund direkt nach dem putzen dort hinterlassen hat, suchen. Vielleicht bestätigt das ihr Weltbild, das ich regelmäßig versuche bei meinem Umfeld ins Wanken zu bringen.

Ich habe mich schon oft gefragt, ob Sehende/nichtbehinderte Leute sich untereinander genauso verhalten? Manche würden wahrscheinlich sagen ja: zum Beispiel, wenn Eltern zu ihren Kindern nach Hause kommen, oder die Schwiegermutter das Heim der ungeliebten „Nebenbuhlerin“, die ihr ihren Sohn weggeschnappt hat, in Augenschein nimmt.
Eine Behinderung scheint dieses Phänomen aber zu legitimieren und zu verstärken. Ich kann mir noch so viel Mühe geben, irgendetwas finden sie immer. Und so fange ich langsam an mir sehr genau auszusuchen, wen ich bei mir zu Hause reinlasse. Ich möchte meine Wohnung als meinen Ort zum Wohlfühlen behalten. Ich möchte nicht selbst, mit unfreundlichem Blick, kritisch und oft abwertend, durch meine Wohnung gehen und mich fragen, ob sie vorzeigbar ist. Und doch tue ich das genau sehr regelmäßig. Ich hatte schon Diskussionen mit meinen Assistentinnen, weil sie das Phänomen nicht verstehen. Einfach zu sagen: „dann wehr Dich halt!“ oder: „Lass es einfach an dir abprallen!“ ist zu kurz gegriffen. Wie schon erwähnt: eine gute Lösung habe ich nicht. Ich fühle mich machtlos den Zuschreibungen gegenüber, die ein Weltbild zementieren, von dem ich hoffe, dass wir es irgendwann überwinden werden! An einigen Punkten auch umfangreichere Hilfe zu benötigen, steht den vorhandenen Fähigkeiten und der Normalität nicht im Weg! Und so sind es auch hier wieder die Barrieren in den Köpfen und das daraus resultierende Messen mit zweierlei Maß, die das Miteinander unnötig erschweren und für mich und andere Menschen mit Behinderungen zu echten Behindernissen werden!

Susanne ist gesetzlich blind und lebt in Hamburg. Die Dipl. Pädagogin und Peer Counselorin (ISL) ist ehrenamtlich in der Blindenselbsthilfe Hamburg tätig.

Ich danke ihr für diesen Beitrag, und freue mich auf Eure Meinung in den Kommentaren.

Astronomie für benachteiligte Kinder

Blinder Hobbyastronom blickt durch ein Handplanetarium

Als Jugendliche habe ich mich sehr für Astronomie interessiert. Irgendwann habe ich sogar mal ein Referat über Raumfahrt gehalten, in welches ganz viel Herzblut geflossen ist. Daher habe ich sofort „ja“ gesagt, als Gerhard mir einen Gastbeitrag angeboten hat. Er ist Diplom Informatiker und als blinder Hobbyastronom unterwegs.
In meinem Gastbeitrag geht es um gelebte Inklusion. Was sich vielleicht im schulischen Bereich oft noch schwierig erweist, kann in der Freizeit gut funktionieren. Am Beispiel meines Lieblingshobbys, der Astronomie, zeige ich auf, welches Potential diese Disziplin für Inklusion für benachteiligte Kinder bietet.

Hier einige anrührende Beispiele:

1. Sternstunde an der Nikolauspflege Stuttgart

Die Nikolauspflege ist eine Bildungseinrichtung für Menschen mit Blindheit oder Sehbeeinträchtigung.
Von der Grundschule bis hin zu einer beruflichen Ausbildung ist hier alles geboten. Ein großer Teil ist die berufliche Vorbereitung. Eine derartige Maßnahme muss häufig einer Ausbildung vorgelagert werden. Das ist dann der Fall, wenn noch Probleme zu kompensieren sind, der Einstieg in einen Beruf zu schwierig wäre, oder sonst einfach noch Defizite in Entwicklungsprozessen vorliegen.
Für so eine Klasse durfte ich diesmal nun schon zum zweiten Mal einen Astronomie-Nachmittag mit meiner Arbeitsplatzassistentin gestalten.
Es waren Menschen, die sich gerade in einer einjährigen Maßnahme zur Berufsvorbereitung befinden. Also Personen, die momentan einfach nicht ganz auf der Sonnenseite des Lebens stehen, und etwas Unterstützung und noch Zeit benötigen, ins Leben, in die Welt und zu sich selbst zu finden.
Die Lehrerin hatte im Unterricht mit der Klasse Fragen vorbereitet. Jeder durfte seine Fragen stellen, und wurde von allen ermutigt, es doch zu tun, wenn mal der Mut etwas knapp wurde. So brauchte ich mein Notprogramm überhaupt nicht anfahren. Von den Fragen geleitet, ließ ich mich treiben, ohne natürlich die Struktur zu verlieren.
Immer wieder bin ich verblüfft, was für ein Wissen über Astronomie Kinder und Jugendliche besitzen.
Ich war sehr froh, dass auch Fragen kamen, wo ich einfach sagen musste, dass wir die Antwort darauf momentan nicht wissen.
Die erste Frage war gleich so eine: „Was war vor dem Urknall?“
Es wurde viel zu Sonne, Mond und Mars gefragt. Klar, denn da will ja scheinbar jeder hin. Aber auch die Schwarzen Löcher wurden über die Medien aufgeschnappt. Jupiter und Saturn waren auch sehr präsent, wegen der Sonden Juno und der vergangenen Cassini-Mission. Der Start der Falcon Heavy war auch Thema.
Ein Flüchtling aus Afrika stellte Fragen, die ganz deutlich zeigten, dass in seiner freikirchlich christlichen Religion die Welt eine Scheibe war etc. Das hat mich fasziniert und erschüttert zugleich. Zu den Antworten ließ ich passend meine 3D-Modelle, meine Grafiken und andere Dinge herum gehen. Außerdem hörten wir uns Weltraumsounds wie Sonnenwind, Nordlichter, oder Mondlandung an.

Alle waren super interessiert und nahmen gleichberechtigt am Workshop teil.
Tja, was soll ich sagen. Es hat sich halt mal wieder bewahrheitet. Astronomie funktioniert halt einfach super gut bei Brennpunkt-Schülern etc., weil sie alle gleichermaßen abholt. Sie entrückt alle in ein- und dieselbe Astrowelt, wo Benachteiligungen und Einschränkungen, welcher Art auch immer, einfach mal Pause haben.

Wenn am Anfang in der Vorstellungsrunde ein Teilnehmer mit fortschreitender Augenerkrankung sagt, er habe früher auch ein Teleskop besessen, gab aber die Astronomie wegen des schwindenden Sehrests auf. Wenn diese Person dann am Ende des Workshops sagt:
„Und es geht ja trotzdem.“
Dann braucht man keine Worte mehr, weil sich der Nachmittag alleine schon für diese Erkenntnis des einen Teilnehmers lohnte.

2. Workshop an einer Brennpunktschule.

Der Nachmittag sollte unter dem Motto „Schall im All“ stehen. Wir taten so, als könnten wir uns ungestört auf allen Körpern unseres Sonnensystems bewegen. Wir spürten nach, wie es sich auf den Objekten unseres Sonnensystems anhören würde, wenn wir dort stünden.
Dass es wegen Hitze, Kälte, mangelnder Luft etc. natürlich nicht geht, wurde vernachlässigt, aber selbstverständlich erwähnt.
Auf der Sonne beispielsweise wäre sehr viel Lärm, weil es auf ihr kocht und brodelt, wie in einem Kochtopf voll Wasser.
Unterhielten wir uns auf einem der Gasplaneten, z. B. dem Jupiter, würden wir uns anhören, wie ein Zwerg oder die Mickymaus, weil unsere Stimmen in Helium und Wasserstoff höher klingen, als in unserer Atmosphäre aus Stickstoff und Sauerstoff. Das durften die Kinder mit Ballon-Gas ausprobieren.
Ich blies auch eine Flöte mit Helium an. Unglaublich, wie viel höher der Ton damit wird. Bei einer C-Flöte kann der Ton, wenn es gut läuft, bei gegriffenem tiefem C bis zum darüber liegenden F verschoben werden.
Auf der Venus mit ihrer unendlich dicken Kohlendioxyd-Atmosphäre, klingt dagegen alles deutlich tiefer, fast schon verblubbert.
Wir sprachen auch über die Himmelskörper und es war viel Zeit für Fragen.

Schon zum zweiten Mal, war ich an dieser schule und das war wieder ganz großes Kino.
Die Lehrerin warnte mich. Sie meinte, dass der Workshop diesmal sehr schwierig werden könnte, weil die eine Hälfte der Kinder extrem unruhig sei, und die andere Hälfte der Null-Bock-Generation angehöre. Ich dachte mir, warten Sie mal ab. Sie mögen vielleicht in ihrem Unterricht diese Probleme haben, aber ich…
Zum Glück behielt ich Recht. Die Kinder waren alle super aufmerksam, hatten Fragen etc. Naja, ich holte sie halt ab, bezog sie ein, stellte Fragen und lies sie frei denken.
Für die Erde spielte ich Geräusche vor, die man den Voyager-Sonden mitgegeben hat. Beim Mond gab es natürlich etwas Funkverkehr von Apollo 11.
Auch hier zeigte sich wieder ein unglaubliches Interesse und Wissen der Kinder. Wir haben beispielsweise durch meine Fragen alle Planeten und einige Monde des Sonnensystems zusammen tragen können.

Das astronomische Rätsel von Friedrich Schiller „Auf einer großen Weide gehen, viel tausend Schafe, silberweiß…“ konnten die Viertklässler fast ohne Hilfe entwirren. Sie fanden, dass der Mond das Silberhorn sein muss, dass die goldenen Tore Sonnenauf- und Untergang sein müssen, dass die große Wiese der Himmel ist, und die silberweißen Schafe natürlich die Sterne. Das komplette Rätselgedicht findet ihr auf meinem Blog.

Danach sprachen wir über das Weltraumwetter und hörten uns Sonnenwinde und Nordlichter an.
Die Kinder erkannten die Gefahr des Weltraumwetters und fanden heraus, dass ihre Handys, Navis und Fernseher vielleicht nicht mehr funktionieren, wenn ein Sonnenausbruch einen Satelliten trifft. Der größte Schrecken dürfte der Gedanke gewesen sein, es könnte ja dann auch mal kein Internet geben.

Nach der Veranstaltung meinte die Direktorin, dass sie die Kinder noch nie so aufmerksam erlebt hätte. Was soll ich sagen. Wenn die Kinder im Workshop zeigten, dass sie das grundsätzlich können, dann liegt es entweder am Schulfach, oder woran auch immer. Wenn es im Unterricht nicht rund läuft. OK, das muss man fairerweise schon sagen, dass es deutlich einfacher ist, Kinder für Astronomie, anstatt für Englischvokabeln zu begeistern.
Der wesentliche Unterschied war, dass ich, sobald die größten Zampanos mal ausgemacht war, es gab derer drei, spannte ich genau diese drei für meinen Workshop ein.
Der Eine durfte taktile Modelle und Materialien austeilen. Der Zweite sammelte alles wieder ein und der Dritte durfte die Weltraumsounds am Laptop abspielen.

Ich könnte hier noch viele Seiten voll schreiben.
Auf inklusiven Freizeiten versuche ich jedem teilnehmenden Menschen eine der Einschränkung angemessene Teilhabe zu ermöglichen. Machen wir beispielsweise eine Tanzübung, welche die Umdrehung der Planeten um die Sonne veranschaulichen und erfahrbar machen soll, und haben wir einen Rollstuhlfahrer in der Gruppe, so ist dann einfach der Rollstuhlfahrer oder der geheingeschränkte Mensch die Sonne, der Mittelpunkt der Übung.
Sehbehinderte oder gar voll sehende Teilnehmende betrachten abends auf der Wiese liegend den Sternenhimmel, erzählen uns Blinden, was sie sehen, und malen im Anschluss aus der Erinnerung heraus die Sternbilder auf Spezialfolie auf, so dass sie für blinde Menschen tastbar werden.
Ein Blinder, der gut vortragen oder vorlesen kann, erzählt Geschichten zu Sternbildern, beispielsweise aus der griechischen Mythologie, oder liest sie den sehenden Sternguckern vor – wohlgemerkt im Dunkeln mittels Blindenschrift!
Wir hatten auch schon zwei ganz liebe Frauen dabei, die das Trisomie-21-Syndrom hatten. Für sie war es das größte Geschenk, uns alle bekochen zu dürfen. Auch das ist Inklusion am Himmel.
ADHS-Kinder werden ruhig, wenn sie auf einer Wiese den Sternenhimmel betrachten.

Einmal hatte ich eine Freizeit für Menschen mit multipler Einschränkung zum Thema „Laterne, Sonne, Mond und Sterne“. Da war jemand dabei, der nicht gut sprechen, nicht sehen, nicht gehen und auch sonst vieles einfach nicht bzw. nur sehr eingeschränkt konnte. Seine Welt war sehr klein. Nicht größer als der Radius seiner Arme um seinen Rollstuhl herum. Das Größte für ihn aber war, wenn er für uns den großen taktilen Globus drehen oder das Jahreszeiten-Modell kurbeln durfte. Auch das ist Inklusion.

Fazit:

Es ist ein rührendes und unglaublich gutes Gefühl, wenn man nach so einem Workshop wieder nach Hause geht. Ich habe dann immer das beglückende Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles getan zu haben. Ich kann gar nicht beschreiben, wie unheimlich gut es mir nach so etwas geht. Das trägt mich dann immer über viele Tage und Wochen durch meinen eigenen Alltag. Wenn ich beispielsweise auch mit meiner Einschränkung zu kämpfen habe. Die eigenen Probleme relativieren sich vor dem Hintergrund, was manche, dieser Kinder so durchmachen müssen.

Jetzt hoffe ich, dass ich mich hier nicht zu sehr selbst beweihräuchert habe. Darum geht es mir überhaupt nicht. Ich denke, dass vor allem diejenigen unter euch, die auch Astronomie mit Kindern und Jugendlichen treiben spüren und verstehen, was ich hier sagen will und meine.

Keine Astronomie an Schulen zu treiben, ist eine vertane Chance für so viele Dinge. Das Beispiel mit den Satelliten und dem Sonnenwind führt über die Handys in den Alltag der Kinder hinein. Von den unwirklichen Lebensbedingungen auf der Venus ist man ganz schnell bei den Begriffen Treibhauseffekt und Klimawandel. Astronomie kann ganzheitliches Denken fördern und schulen. Mehr über diese These ist in meinem Buch zu lesen.
Es heißt: „Blind zu den Sternen – Mein Weg als Astronom“. Für Mitglieder von Hörbüchereien wurde es in Marburg aufgelesen.

Wer sich noch mehr für die „Astronomie mit vier Sinnen“ interessiert, lade ich gerne ein, mich auf meinem Blog zu besuchen.

Ich danke Gerhard für den Einblick in seine Arbeit und lade Euch ein, ein Like oder Kommentar zu diesem Beitrag zu hinterlassen.

Fahrradfahrer und Blinde, eine fast unendliche Liebesgeschichte

Fahrradfahrer und Blinde – eine fast unendliche Liebesgeschichte

von Domingos

Domingos ist ebenfalls Blogger, und hat mir zu Beginn meines Bloggerdaseins den Text Barrierefrei bloggen auf WordPress zur Verfügung gestellt. Heute habe ich einen Beitrag von ihm bekommen, der im April 2018 auf seinem Blog veröffentlicht wurde, und den ich einfach nur gut finde. Das Original gibt es hier zu lesen.

Angeblich soll es ja einen epischen Kampf zwischen Blinden und Fahrradfahrern geben, so ähnlich wie zwischen Highlander und dem anderen Highlander. In Wirklichkeit sind Blinde und Fahrradfahrer die besten Buddies. Deswegen möchte ich hier mit einigen Mythen bei den Fahrradfahrern aufräumen, bevor wir anfangen, uns gegenseitig die Köpfe abzuschlagen.

Der Bürgersteig gehört den Fahrradfahrern

Fahrradfahrer wundern sich oft, warum so viele Leute auf ihrem Fahrradweg, volksmündlich als Bürgersteig bezeichnet, herumlaufen. Als tolerante Menschen klingeln sie einfach so lange, bis diese Unbefugten vor Schreck umfallen. Weil Blinde bekanntermaßen nicht sehen, klingelt man einfach besonders laut und oft, damit sie das noch besser hören.
Da der Bürgersteig den Fahrradfahrern gehört, ist es nur natürlich, dass sie ihr Fahrrad dort abstellen. Es sollte so stehen, dass niemand, der breiter ist als 10 Zentimeter daran vorbeikommt, ohne auf die Straße zu gehen. Damit wird das Fahrrad besser belüftet. Wen stört es, wenn Rollstuhlfahrer nicht vorbei können, Blinde am Lenker hängenbleiben, über das Vorderrad stolpern oder Kinderwagen auf die Straße ausweichen müssen. Das trainiert doch die Gelenke.

Eine Haaresbreite Abstand reicht

Blinde lieben es, wenn Fahrradfahrer auf lautlosen Rädern einen Zentimeter an ihrer Schulter vorbei rasen. Aber warum gehen diese doofen Blinden nicht straight gerade aus, sondern weichen ab und zu nach links oder rechts ab? Haben die keine Augen im Hinterkopf oder zumindest Blinker am Allerwertesten, damit man sieht, welche Richtung sie als Nächstes einschlagen wollen?
Genauso super finden es Blinde, wenn man eine Handbreit an der Spitze ihres Blindenstocks vorbeifährt. Auch Blinden-Führhunde wissen das zu schätzen. Der Schreck bringt Herrchen und Hündchen den heiß begehrten Adrenalinstoß. Wer braucht da noch Kaffee?
Niemand kann von Fahrradfahrern erwarten, dass sie langsamer fahren, ausweichen, stehen bleiben oder gar kommunizieren.

  1. Sind Fahrradfahrer stumm und wir wissen ja, wie schwierig es ist, Gebärdendolmetscher zu bekommen, vor allem welche, die auf dem Gepäckträger Platz nehmen wollen.
  2. Haben es Fahrradfahrer immer eilig. Nicht auszudenken, was passiert, wenn man die ersten 60 Sekunden von den Simpsons verpasst.

Fazit: Blinde lieben Fahrradfahrer

Ja, ich bekenne es öffentlich: wir lieben Fahrradfahrer. Sie sorgen für den Adrenalinkick am Morgen, halten unsere Reflexe frisch und sorgen dafür, dass unser Gehör nicht verkümmert.
War dieser Beitrag eigentlich ironisch gemeint? Vielleicht.

Domingos de Oliveira arbeitet als Dozent, Berater und Speaker zur digitalen Barrierefreiheit. Einen Überblick über seine Tätigkeit gibt es auf seiner Seite Netz barrierefrei. Als einer der wenigen blinden Experten für Barrierefreiheit schreibt er auf seinem Blog über Blindheit und Technologie. Reinschauen lohnt sich.

Blind und selbstbestimmt wählen

Wahlbenachrichtigung, Wahlschablone der BTW 2017 und Info-CD des BBSB liegen auf einem Tisch

Heute schreibt mein Gastautor Markus Ertl über das Thema blind wählen.

Als bekennender Demokrat, ist es mir eine selbst auferlegte Bürgerpflicht, mein Wahlrecht auszuüben.
In der Zeit, in der ich noch ausreichend sehen konnte, war Wählen kein Problem. Blind wählen ist aber eine größere Herausforderung.
Gerne erzähle ich, wie Blinde das mit dem Wählen hinbekommen und wobei es noch Probleme gibt.

Informationen über die und von den Parteien

Wie jeder andere auch, beziehe ich viele Informationen über die allgemeinen politischen Geschehnisse aus den gängigen Medien.
Wenn die Medien für Blinde gut zugänglich sind, dann ist das kein Problem. Ein TV-Gerät mit Sprachausgabe und Alexa lassen hier die TV- und Rundfunksender leicht bedienbar werden. Zeitung und Zeitschriften im ePaper-Format kann ich mir auch vorlesen lassen, oder ich übertrage alles auf meine Braille-Zeile, ein Gerät, welches mir den Text in Braille-Schrift spürbar macht.
Auch wenn es gerade ein bisschen besser wird, vermisse ich bei den Parteien aber immer noch die Informationen in einer Form, dass ich als Blinder mit einer Spezial-Software alles lesen kann. Oft scheint es mir so, als wären wir keine Wähler, die Stimmen brächten. Aber da sind fast alle Parteien gleich schlecht bei der fairen Teilhabe an politischen Informationen.
Wenn ich jetzt, wie viele andere Wähler auch, gut informiert bin, kann die Wahl kommen. Fast! Ich brauche noch die Wahlbenachrichtigung von meiner Gemeinde.

Ist die Wahlbenachrichtigung ein zugängliches amtliches Schriftstück?

Wenn ich als Blinder dies in Braille-Schrift oder irgendwie in digitaler Form bekomme, dann kann auch ich das alles lesen.
Aber bisher habe ich nur immer eine Wahlbenachrichtigung in Postkarten-Format mit ganz vielen Informationen in kleiner Schrift bekommen. Bis auf die letzte Bundestags-Wahl, hier war es ein Word-Dokument, in dem alle Daten für mich am PC eindeutig lesbar waren. Hierfür musste ich aber extra nachfragen.

In der Wahlbenachrichtigung ist zu lesen:

  • Der Ort seines Wahl-Lokals
  • ob das Wahllokal barrierefrei zugänglich ist
  • ob und wo es Wahlschablonen für Blinde und Sehbehinderte gibt

Meine Briefwahl-Unterlagen konnte ich dann wieder bei der Gemeinde bestellen. Ich war nur neugierig, wie das Ganze dann so abläuft. Ich habe die Briefwahlunterlagen dann doch mit ins Wahllokal genommen.

Anforderung von Wahlschablonen

Wahlschablonen helfen uns Blinden, selbstständig und ohne fremde Hilfe unser Kreuz für die gewünschte Partei auf dem eigentlichen Stimmzettel zu machen.
Die Schablone ist genau so groß, wie der eigentliche Bogen für die Wahl. Der Stimmzettel kann bei der Wahlschablone zur besseren Fixierung zwischen zwei dicken Karton-Blättern eingelegt werden.
Wo der Sehende die Kreise sieht, fühle ich die Runden Löcher und weiß mit Hilfe einer daneben stehenden Nummerierung, wo ich mein Kreuz machen kann.
Die Wahlschablonen werden oft von den Blindenverbänden des jeweiligen Bundeslandes gefertigt Mitglieder bekommen diese automatisch zugesandt. Wer nicht Mitglied ist, der kann dort anrufen und sich die Schablone bestellen.
In der Post mit der Schablone kommt auch eine Hör-CD mit ins Haus. Hier kann ich mir anhören, wie die Schablone gestaltet ist und ich diese verwenden kann. Darauf finde ich auch Wissenswertes über den Wahlvorgang und den aufbereiteten Wahlinformationen der einzelnen Parteien.
Ich wünsche mir trotzdem, dass die Parteien Ihre Informationen bereits auf deren Internetseiten so aufbereiten, dass ich bereits dort als Blinder alles gut lesen kann.
Bei der Bundestagswahl 2017 habe ich dann eine solche Postwurfsendung meines Blindenverbandes 3-4 Wochen vor der eigentlichen Wahl bekommen.
Bei der kommenden Landtagswahl gibt es keine Schablone, und ich darf mit einer Person meines Vertrauens wählen.
Aber was ist mit dem Wahlgeheimnis?

Geheim wählen, auch für Blinde möglich?

Eigentlich sagt das Grundgesetz in Deutschland und die Verfassung in Bayern, dass geheim gewählt werden können sollte.
Jetzt frage ich mich, wie geheim wählen ohne Schablone geht. Ich habe dann einen Wahlzettel vor mir und ich weiß zwar wen ich wählen möchte, nur nicht wie.
Nun sagt die Landeswahlleitung, wir Blinde können ja mit Assistenz wählen und das ist laut Landeswahlgesetz auch erlaubt. Im Gesetz steht, wer aufgrund seiner Behinderung sein Kreuz nicht selbst machen kann und den Wahlzettel nicht selbst in die Urne werfen kann, darf die Hilfe einer Person seines Vertrauens in Anspruch nehmen. Das ist ja auch wichtig.
Es fühlt sich trotzdem überhaupt nicht gut an, sollte jemand anderes „mein Kreuz“ für mich bei einer geheimen Wahl machen können. Bei der Bundestagswahl konnte ich es ja auch.

Aber mit dieser Forderung:
„Ungehindert geheim wählen können wollen!“
Bin ich gerade in Bayern sehr aktiv

Aber warum ist mit Assistenz wählen denn so schlimm und geheim wählen so wichtig?
Es darf sich jeder einmal kurz vorstellen, nicht er, sondern eine andere Person soll für ihn selbst bei der Wahl abstimmen. Jetzt stellt sich jeder noch zusätzlich vor, dass er/sie selbst vielleicht eine Partei wählen möchte, dies aber aus gewissen Gründen keiner wissen darf. Ist hier eine indirekte Beeinflussung nicht vorprogrammiert? Genau das macht für mich den Unterschied.

Wahllokal, wirklich barrierefrei, wie es auf dem Wahlzettel steht?

Hoffentlich ist es mindestens für Rollstuhlnutzende barrierefrei, denn für Blinde und Sehbehinderte ist es dies zu 98 Prozent nicht.
Es gibt hier eine DIN-Norm, die uns Seheingeschränkten den Zugang zu öffentlichen Gebäuden ermöglichen, mindestens aber erleichtern soll.
Und wenn schon auf der Wahlbenachrichtigung barrierefrei drauf steht, dann sollte man auch die örtliche Wahlleitung immer wieder darauf hinweisen, was barrierefrei denn überhaupt im Ganzen bedeutet. Hoffentlich gibt die Wahlleitung dies dann auch einmal an das Baureferat der Kommune weiter. Vielleicht werden dadurch nicht nur die Wahllokale besser zugänglich.

Und jetzt ist endlich Wahlsonntag

Wir gehen immer zusammen mit unseren Nachbarn. Es hat sich hier ein kleines Ritual entwickelt. Denn wie gesagt, wählen gehen ist Pflicht, warum sollte man daraus keine schöne Pflicht machen.
Denn nur wer wählen geht, darf auch die nächsten Jahre wieder mitschimpfen.
Und zum Schluss hoffe ich, dass auch die Wahlergebnisse im Internet unter Berücksichtigung der Barrierefreiheit-Standards veröffentlicht werden.

Markus Ertl ist Inklusionsbotschafter, und hat sich dem Thema Barrierefreiheit verschrieben. Im Beitrag „Lasst mich auch dabei sein“ schreibt er darüber.

Und nun freue ich mich auf einen regen Austausch in den Kommentaren.

SightCity 2018, ein Erfahrungsbericht

sightcity leitstreifen detailansicht

In der Zeit vom 25.04. bis 27.04.2018 fand die SightCity statt. Über den Sinn und Zweck einer derartigen Veranstaltung hatte ich bereits in diesem Beitrag geschrieben. Einen weiteren Erfahrungsbericht fand ich auf dem Blog Inklusion umsetzen. Und eigentlich hatte ich vor selbst nochmal ein paar Sätze darüber zu schreiben. Doch das hat mir mein heutiger Gastautor Thorsten abgenommen, der sich gleich selbst vorstellen wird.

SightCity 2018 – ein Blindlife-Gruppentreffen der besonderen Art

Ein ganz großer Dank an Lydia, dass ich den Beitrag hier posten darf. Nachfolgend ein – teilweise gekürzter – Bericht meines Besuchs der SightCity 2018.

Bildbeschreibung:
Es handelt sich um eine Nahaufnahme eines Leitstreifens der SightCity. Es wurde im Hochformat aufgenommen und zeigt im Vordergrund über die gesamte Breite den Leitstreifen der nach oben bis in einen Horizont verläuft und dem Bild so eine enorme tiefe gibt. Die Aufnahme erfolgt ~5 Zentimeter oberhalb vom Boden, weshalb eine extreme Perspektive entsteht.

Zu meiner Person:
Ich bin 45 Jahre alt, wohne in Oberursel und bin sehbehindert.

Wie kam ich zur SightCity?
Ich habe mich 2017 intensiv mit dem Thema Behinderung auseinandergesetzt und bin dabei über den YouTube-Channel von Blindlife gestolpert, der mich gepackt hat, weil mir Erdin auf Anhieb sympathisch war.
Ihr solltet Euch seinen Trailer ansehen oder anhören – das lohnt sich!
Erdin Ciplak – Kanaltrailer – Blindlife

Er war letztes Jahr auf der SightCity und hat dort einige Hilfsmittelvideos erstellt, über die ich auf die SightCity aufmerksam geworden bin. Da die Messe in Frankfurt am Flughafen stattfindet und das nur 1 Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln entfernt ist, hatte ich für 2018 einen Besuch geplant.

Mittwoch:
Ich hatte am Vorabend mit Erdin telefoniert, um einen Treffpunkt für Mittwoch zu vereinbaren. Ich fuhr am Mittwoch daheim los und rief ihn unterwegs nochmals an:
Erdin: ‘Ich bin noch unterwegs’
Thorsten: ‘Ich auch’

Es stellte sich über SMS heraus, dass er sich noch auf dem Weg zum Bahnhof Frankfurt befand, während ich schon kurz vor dem Flughafen war. Hätte ich doch eher nochmals nachgefragt, weil ich ihn dann am Bahnhof hätte begleiten können, was aufgrund der Baustelle im Tiefbahnhof durchaus sinnvoll ist.
So blieb mir nichts anderes übrig als am Flughafen zu warten, weil die Rückfahrt zeitlich nicht möglich gewesen wäre. Nun die Überlegung, wie ich ihn wohl erkennen könnte. Ich habe mit meinen Augen Probleme, Menschen auf Distanz zu sehen und er ist blind – wird bestimmt lustig.
Nach der Ausfahrt der nächsten S-Bahn hatte ich ihn nochmals angerufen, weil er eigentlich damit hätte kommen müssen und ich ihn auf dem Bahnsteig, der mittlerweile leer war, nicht gesehen hatte.
Das Smartphone aus der Tasche geholt und Erdin erneut angerufen:
Erdin: ‘Ich bin die Rolltreppe hoch gefahren’
Thorsten: ‘Welche?’ (Was für eine blöde Frage an einen ortsunkundigen Blinden…)
Erdin: ‘Die direkt an der S-Bahn war’

Das war eine lange S-Bahn mit 3 Teilen und es gibt mehrere Rolltreppen die nach oben führen. Nach Murphy hatte ich die Falsche genommen und Ihn dann doch gefunden. Wir hatten praktisch bis auf etwa 3 Meter Entfernung miteinander telefoniert.
Für mich war die Begegnung etwas Besonderes, weil ich Erdin im Februar in Hamburg treffen wollte, es aber ganz kurzfristig absagen musste und nun endlich der Wunsch eines Treffens in Erfüllung ging.

Nun ging es gemeinsam auf die Messe, die wir mit einem kleinen Rundgang starteten, bevor es zu Neues ging, wo Erdin ein Video mit dem kanadischen Entwickler und dem deutschen Vertreter geführt hat. Dazu noch ein Produktvideo und ein tolles Produkt waren im Kasten. Hoffen wir, dass ich es an der Kamera nichts falsch gemacht habe. Ich bin es zwar gewohnt, Bilder zu machen aber Video ist so eine Sache – insbesondere mit einer fremden Kamera.

Was ist Neues?
Mit Hilfe einer Kamera wird über 2 kleine Displays eine bis zu 10 fache Bildvergrößerung erreicht, die optional mittels zusätzlicher Optik auf Fach erweiterbar ist. Bedienbar ist sie über kleine Drucktaster an den Brillenbügeln oder per Fernbedienung über Bluetooth – technisch voll ‘up to date’.
Im Anschluss wieder etwas über die Messe geschlendert und dann eine Stimme:
‘Du bist doch Erdin, oder?’
Erdin war – sofern man ihn sehen konnte –  aufgrund seines Blindlife T-Shirts nicht zu übersehen. Ansonsten gibt es ja noch die Möglichkeit ihn zu hören.
Nun bestand die Gruppe aus 3 Personen- Erdin, Thorsten und Stefan – die regelmäßig mal einen Leitstreifen blockiert haben, wobei der ‘LSS’ entstanden ist.

Der Leitstreifenstörer:
Es handelt sich hier um eine Person oder Gruppe, die anderen Teilnehmern der SightCity den in der Mitte verlaufenden Leitstreifen blockieren und somit bei der Nutzung stören.
Es kam regelmäßig zu Kollisionen auf dem Streifen, die man häufig nicht verhindern konnte, weil die Betroffenen sich so schnell begegneten, dass man nur die Kollision und die anschließende Entschuldigung gehört hat. Nächstes Jahr sollte über einen zweigleisigen Leitstreifen mit Rechtslaufgebot nachgedacht werden – zumindest auf den Hauptwegen, um den Durchsatz zu erhöhen und die durch Kollisionen verursachten Staus zu vermeiden. Das wird zwar den Anteil an LSS steigern, aber für Blinde die Kollisionswahrscheinlichkeit reduzieren.
Derartige Geschichten und Theorien waren neben den täglichen Dingen des Lebens ein wesentlicher Bestandteil des Tages und haben regelmäßig zu Lachern geführt.

Die e-Sight…
Kommen wir nochmal auf die Hilfsmittel zurück…
Die e-Sight war hinsichtlich Marketing ein Trauerspiel, wie ich es in 19 Jahren Berufsleben als Berater im IT-Umfeld noch nicht erlebt habe.
Die Firma, die die e-Sight herstellt, hatte einen Stand, der strategisch gut positioniert war, weil dort viele Leute vorbei mussten – eigentlich genial, um das Produkt zu präsentieren…
Da wir die NuEyes gesehen hatten und die in Sachen Marketing und Kommunikation am Stand alles richtig gemacht haben, wollten wir uns nun die e-Sight anschauen – ist ja immerhin ein Konkurrenzprodukt.
Anfassen und Anschauen am Stand war möglich. Auf die Frage, ob man sie auch ausprobieren könnte, kam folgende Antwort:
‘Die Lichtbedingungen wären nicht optimal, um das Produkt hier testen zu können’
Das hat bei uns zur Verwirrung geführt, weil die Brille doch auch im Alltagsleben einsetzbar sein soll und man gerade dort häufig mit nicht perfekten Lichtbedingungen zu tun hat. Erdin hat noch etwas hartnäckiger nachgebohrt, weil ihm die Antwort auch sehr verwundert hat. Sie kam zudem in einer Form, dass man den Eindruck hatte, das sie wirklich nichts vermarkten wollen.
Nächste Antwort:
‘Schauen Sie hier. Die Displays müssen perfekt auf den Träger eingestellt werden und um ein optimales Seherlebnis erreichen zu können, sollten vor den Displays extra Gläser eingepasst werden, die der Brillenstärke entspricht’
Die Antwort hatten wir bei NuEyes auch bekommen, konnten die Brille dennoch über der normalen Sehbrille ausprobieren – da war testen also möglich…
Schade, die Antworten und der Umgang mit uns war ganz klar in Richtung: ‘Die wollen nichts verkaufen’ Sowas auf einer Messe ist einfach nicht zu fassen.
Warum haben die überhaupt einen Stand gemietet???

Die Gruppe wächst
Die Gruppe wurde um Jasmin und Sandra erweitert, die sich im Vorfeld mit Erding abgesprochen hatten. Nun waren wir 5 und hatten unglaublich viel Spaß. Die SightCity war zu einem Treffen und Erfahrungsaustausch geworden.
Für mich war der Tag im Hinblick auf meine Sehbehinderung äußerst interessant, weil wir von Blind bis normales Sehen alles in der Gruppe hatten. Gerade zwischen mir und Stefan war der Unterschied auf dem Papier nicht so groß. Er kann aber in der Ferne schnell etwas wahrnehmen, während ich einige Sekunden brauche, bevor ich etwas lesen kann. Dafür habe ich bei Dunkelheit im Sichtfeld deutlich weniger Probleme.
Was ich gelernt habe ist, dass der gemessene Sehrest nur wenig Bedeutung hat. In Gesprächen mit anderen Betroffenen hat sich bestätigt, dass das Thema Sehbehinderung ein schier unvorstellbarer Umfang hat. Ich muss hier noch viel lernen…

tour de sens
Nachmittags besuchten wir den Stand von tour de sens, um uns deren Reisekonzept erläutern zu lassen. Ich fand es sehr spannend, wie sie Blinde, Sehbehinderte und Sehende zusammenbringen. Insbesondere der Tausch in der Gruppe brachte mich spontan zur Frage, ob das wie ‘Frauentausch’ wäre.
Die Besitzerin von tour de sens musste herzhaft lachen, weil der Zeitpunkt meiner Frau perfekt passte. Das war der Brüller für den ganzen Tag.

Comde
Das war ein Erlebnis, das mich noch einige Zeit beschäftigen wird. Wir waren an dem Stand, weil uns die Vielfalt bei der Konfiguration von Blindenstöcken so fasziniert hat. Ist schön, wenn Betroffene so viele Wahlmöglichkeiten haben, um sich das Hilfsmittel nach eigenen Wünschen zusammenstellen können. Allein die Auswahl an verschiedenen Kugeln und Griffen ist eine Wissenschaft für sich. Zudem finde ich es gut, das comde einen Reparaturservice anbietet. Warum soll ein Stock gleich ausgetauscht werden, wenn nur 1 Element krumm ist?
Das Gespräch mit einem Mitarbeiter von comde war aber der Hammer. Er ging auf uns ein und hat sich gut 30 Minuten mit uns sehr einfühlsam und fernab vom Thema Blindenstöcke unterhalten. Ich habe es an verschiedenen Ständen erlebt, das sehr offen mit der Behinderung umgegangen wird und man sehr individuell auf den Besucher eingeht. Es geht nicht nur um die Präsentation der eigenen Produkte sondern sehr viel um den Menschen selbst. Das ist in unserer heutigen Gesellschaft alles andere als normal und für mich ein ganz wichtiger Punkt bei der SightCity.
Daher ein großer Dank an den ‘einäugigen’ Mitarbeiter von comde, sowie den anderen Gesprächspartnern die ich hatte.

Nach dem Ende der SightCity hatten wir noch etwas Zeit, bevor Jasmin und Sandra die Heimreise antreten mussten. Wir fuhren zum Hauptbahnhof, da man dort etwas preisgünstiger Essen gehen kann und der Weg zum Zug kurz ist, was uns mehr Zeit für das gemeinsame Essen gibt.
Nach dem Essen wurden Jasmin, Sandra, Erdin und Stefan in der Reihenfolge bis zum Zug begleitet, bis ich dann allein die Heimfahrt antreten konnte.

Fazit Tag 1 SightCity:
Ich war sehr beeindruckt von dem Tag.
Meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen, sofern man überhaupt eine Bewertungsskala so weit nach oben öffnen kann.
Die gemeinsame Zeit in der Gruppe wird mich noch lange beschäftigen und für viele Geschichten in der Zukunft dienen. Danke an alle die daran beteiligt waren.

Was für ein grandioser Tag!

Donnerstag
Erstmal Lydia anrufen und klären, wo wir uns treffen können. Allein das Telefonat hat mir viel Spaß gemacht, weshalb ich noch mehr Lust darauf hatte, sie endlich kennenlernen zu können.
Eigentlich war der 2. Tag mit Stefan eher für die Hilfsmittel geplant, was wir auch geschafft haben. Das Treffen mit Lydia hat das Ganze etwas verändert, was aber trotzdem gut reingepasst hat. Es ging letztendlich um das Networking, wie wir es am Mittwoch erlebt hatten.

Treffen mit Lydia
Sie kam etwas später und musste vor dem Treffen noch etwas erledigen, weshalb ich mit Stefan vorher Hilfsmittel angeschaut hatte. Sie rief dann an und fragte wo wir wären.
Ich finde es schon recht interessant, wenn man sagt wo man etwa ist und von Ihr dann spontan die Antwort kommt:
‘Die Ecke kenne ich. ich komme zu Euch. Ich bin übrigens die mit dem Blindenstock und schwarzem Haar’
Das mit dem Stock und den Haaren war eine echt lustige Sache. Es gab dort ja nicht viele Personen mit Blindenstock…
Wir haben es dann doch geschafft und sind einen Kaffee trinken gegangen, was etwas länger gedauert hat. Danke an Lydia für das tolle Gespräch und die Ideen, die sie noch umsetzen möchte – fernab von diesem Blog.

Technik: flusoft
Ich war mit Stefan bei flusoft, weil ich dort ein persönliches Gespräch wegen der Probleme mit der Vergrößerungssoftware Zoomtext führen wollte. Ich arbeite seit August 2017 mit Zoomtext und war in den 1. Wochen sehr zufrieden, weil die Software genau das bietet was ich brauche. Leider änderte sich das ab November und ist bis heute in einigen Punkten schon frustrierend. Leider konnten die Probleme bis heute nicht abgestellt werden und die Zukunft deutet darauf hin, dass sich auch daran nichts ändern wird.
Das ist zumindest das Fazit des Gespräches. Ist leider nicht ganz was ich mir erwünscht hatte aber immerhin ein Ergebnis, mit dem man auf die Suche nach neuen Möglichkeiten gehen kann. immerhin ist ja SightCity, wo man sich alles anschauen kann.

2.Treffen mit Erdin
Erdin hatte kurzfristig auf Facebook zum Treffen um 14:00 aufgerufen. Es war ein sehr kurzentschlossener Termin, weil er eigentlich schon auf dem Heimweg sein wollte. Ich freue mich dennoch, das wir uns nochmals kurz gesehen und dabei über den Mittwoch sprechen konnten.
Bei dem Treffen ist übrigens ein Foto aus seinem Video entstanden, wo ich mit der Kamera in der Hand zu sehen bin. Das Bild war etwas albern, weil ich Stefan fotografiert habe, während er von mir und Erdin ein Bild gemacht hat. Ich bin da genauso spontan wie Erdin.

e-Sight die 2.
Sollte es zum Thema e-Sight doch noch ein Happy End geben? Erdin hatte erfahren, das am Stand von Reinecker die Möglichkeit bestand, die e-Sight zu testen.
Wie krank ist das denn? Am Stand des Herstellers war es nicht möglich und bei einem deutschen Unternehmen wurden gleich 2 funktionsfähige Brillen präsentiert. Vielleicht mag dazu ja mal jemand etwas schreiben. Ich persönlich fand die NuEyes besser, wobei ein Test nach 5 Minuten noch keine Aussagekraft hat.
Fakt ist, dass sich einiges in dem Umfeld ändert und in ein paar Jahren wirklich spannende Produkte verfügbar werden.

Dolphin
Stefan hatte mir viel über SuperNova erzählt, weil er das Produkt seit einigen Jahren nutzt. Da es von Dolphin einen Stand gab, habe ich mir nachmittags Zeit genommen und mir das Produkt vorführen lassen. Die Präsentation war klasse, da auch auf konkrete Fragen zur Konfiguration eingegangen wurde. Es wurde sogar direkt die von mir gewohnte Konfiguration eingerichtet, so dass ich Supernova mit den Shortcuts von Zoomtext nutzen konnte. Kleine Anmerkung am Rande: Die Default-Shortcutdefinition für Zoomtext in Supernova bezieht sich auf den alten Tastaturlayouts für Zoomtext bis Version 15. Dadurch entstand etwas mehr Arbeit bei der Konfiguration. Aber es hat mir schnell gezeigt, dass ich damit bestimmt klarkommen kann.
Ich arbeite mittlerweile mit Supernova und habe dabei bereits ein paar Unterschiede zwischen den Produkten entdeckt aber noch nichts, was den Umstieg verhindern könnte.
Ich muss mal mit Lydia sprechen, ob ich einen Artikel zum Thema Zoomtext ⇔ Supernova schreiben soll.
Hättet Ihr Interesse daran?

2.Treffen mit Lydia und Abendessen
Zum Ende der SightCity hatte ich Lydia nochmal angerufen und gefragt, ob Sie noch einen Kaffee trinken möchten. Sie sagte morgens, dass Sie gerne Kaffee trinkt und dass auch eine Art Brennstoff für den Körper wäre.
Sie stand bereits an der Bushaltestelle und kam wieder zu uns zurück, damit wir gemeinsam noch eine Pizza essen gehen können. Den Kaffee haben wir einfach ausfallen lassen – Pizza scheint wohl auch eine Art Brennstoff zu sein.
Lydia hatte die Wahl und führte uns zur Konstablerwache in Frankfurt. Da hatte ich dann das nächste schöne Erlebnis, das für Sehende im 1. Augenblick komisch ist – für Sehbehinderte mit viel Sehrest übrigens auch. Sie beschrieb den Weg exakt von der S-Bahn bis zur Pizzeria. Entscheidend war, dass ich Ihr aus der S-Bahn raus keinen Hinweis gegeben hatte wo wir genau waren aber sie hat uns dennoch exakt dahin gebracht.
Ich habe einen großen Respekt vor den Navigationsfähigkeiten von Blinden Menschen. Dank an Lydia für diese kleine Demonstration und die schöne Restaurantempfehlung.
Leider musste Stefan viel zu früh gehen, so dass wir nur noch zu zweit waren. Leider geht jeder Abend irgendwann mal zu Ende, so dass wir den Heimweg antreten mussten.
Für den heutigen Tag ein großer Dank an Lydia, Erdin und Stefan, die den 2. Tag SightCity zu einem wunderschönen Tag haben werden lassen.

Fazit:
Das waren 2 Tage SightCity, die durch das viele Laufen körperlich anstrengend waren. Die entstandene Gruppe und die daraus resultierenden Gespräche und Diskussionen werden mich noch lange begleiten.
Diese vielen positiven Eindrücke haben schon heute die Entscheidung für 2019 sicher gemacht.

Ich komme sicher zur SightCity 2019 nach Frankfurt.
Seid Ihr auch da und habt Lust mit uns gemeinsam was zu erleben?

Wenn ja dann meldet Euch bei Lydias Welt oder Blindlife auf Facebook. Dort gibt es regelmäßig News.

Euer Thorsten aus Oberursel

Danke Dir, Thorsten, für Deinen lebendigen Erfahrungsbericht. Und jetzt freue ich mich auf ein Like von jedem, dem es gefallen hat.