Der Blinde und das Jobcenter

2013 hatte ich nachdem ich mich Arbeitsuchend gemeldet hatte, einen Termin bei einer Mitarbeiterin der Agentur für Arbeit, welche für Menschen mit Behinderung zuständig war. Ich viel daher aus allen Wolken, als sie sagte, sie wisse gar nicht, wie sie mir jetzt helfen könne. Außerdem sprach sie fortwährend mit meinem Begleiter, den ich wegen der schlechten Verbindung mit dem ÖPNV mitgenommen hatte. Inwieweit es sich bei diesem Termin um Zeitverschwendung oder aber ein Lerngeschenk handelt, liegt im Auge des Betrachters.

Heute schreibt mein Gastautor Kamil Günay über seine Erfahrungen mit dem Jobcenter, welche sich durch hartnäckige Lernresistenz und einem falschen Weltbild von Menschen mit Behinderung auszeichnen.
Blinde erleben im Alltag die unterschiedlichsten Hindernisse. Manche davon sind so gestaltet, dass man sie mit etwas Geschick umschiffen kann. Oft sind es Menschen, die durch Unwissenheit Barrieren aufbauen. Aber auch da, ein freundliches Gespräch löst meistens alles auf. Ich möchte euch heute von Diskriminierungen und Demütigungen erzählen, die sich in den letzten Jahren auch nicht durch noch so viele Gespräche haben lösen lassen. Denn gerade in der Jobsuche oder auf Behörden gerät man oft an Grenzen, die auch psychisch ziemlich aufreibend sein können.

Kurz zu mir:
Ich bin 43 Jahre alt, von Geburt an blind und lebe in Wuppertal. 1998 habe ich eine Ausbildung als Kaufmann für Bürokommunikation abgeschlossen. Von 1999 bis 2002 habe ich als Systemadministrator und Netzwerktechniker für eine türkischen Telefongesellschaft gearbeitet. Als die Niederlassung geschlossen wurde, wurde ich arbeitslos.

Neben meinem privaten Blog, wo es hauptsächlich um Science Fiction und Fantasy geht, wo ich aber auch immer mal wieder persönliches poste, betreibe ich noch die Plattform TuKSuB. Das steht für Technik und Kommunikation für Sehbehinderte und Blinde. Hier wird über Hilfsmittel, Alltagsgeräte oder Smartphones diskutiert. Das geschieht in Blogbeiträgen, Podcasts und hauptsächlich in einer Mailingliste.

Behördenstress!
Zum Ausfüllen von Formularen benötige ich Hilfe. Ich kann zwar mit meinen Hilfsmitteln, Scanner oder auch mit dem iPhone, lesen, was da auf den Formularen steht, aber ausfüllen kann ich diese nicht. Hier wird mir von den Behörden immer wieder die Hilfe verweigert, aktuell vom Jobcenter Wuppertal. Oft bekomme ich Hilfe erst nach langen Diskussionen oder anwaltlicher Hilfe.

Immer wieder wird mir vom Jobcenter gesagt, ich sei eigentlich ja gar nicht erwerbsfähig. Auf meine Frage, wie man denn jetzt darauf komme heißt es, ich hätte ja das Merkzeichen H im Schwerbehindertenausweis, welches für „Hilflos“ stünde, und da gäbe es ja ein Dokument, wonach man mich in die Grundsicherung befördern müsse… Meine Argumente, dass das Merkzeichen H im Schwerbehindertenausweis eines jeden Blinden steht und viele Blinde berufstätig sind, zählten da nie.

Aktuell versucht man mich im Rahmen einer Mietsenkungsmaßnahme zu einem Umzug zu bewegen. Die Wohnung sei zu groß und zu teuer. Nun, eine für mich als Blinden einigermaßen barrierefreie Wohnung zu finden, die günstiger ist, dürfte schwierig sein. Für mich ist ja nicht nur die Größe der Wohnung wichtig, sondern auch die Infrastruktur, wie ÖPNV, Einkaufsmöglichkeiten und dergleichen. Auch hier wird seitens des Jobcenter Wuppertal nahezu jedes Argument ignoriert, welches ich anbringe. Stattdessen soll ich nachweisen, ob ich in einer Pflegestufe bin.

Die ganze Angelegenheit ist selbstverständlich wesentlich komplexer. Um aber hier den Rahmen nicht zu sprengen, habe ich die Sache nur oberflächlich angerissen. Wer Interesse am Behördenwahnsinn Wuppertals hat, kann die ganze Geschichte auf meinem Blog hier nachlesen.

Mehr über Kamil könnt Ihr auf Science/Fantasy-Ecke dem Treffpunkt für SF- und Fantasy-Fans oder auf TuKSuB | Technik und Kommunikation für Sehbehinderte und Blinde lesen.

Ich danke Kamil für seinen Beitrag, und lade Euch ein in den Kommentaren darüber zu diskutieren.

10 Antworten auf “Der Blinde und das Jobcenter”

  1. Irgendwie kann ich solche Geschichten gar nicht fassen. Wenn jemand in einer Behörde speziell für Behinderte da sein soll, dann denke ich, dass derjenige speziell geschult ist. Manchmal frage ich mich, wie ich dazu komme, Blinde, Gehörlose etc. zunächst einmal als ganz normale Menschen zu betrachten. Ihr braucht in manchen Dingen Hilfe, aber deshalb seid Ihr doch nicht „hilflos“. Ihr wisst Euch zu helfen. Und könnt fragen.
    Warum haben so viele Menschen so eine Scheu davor, mit Euch ganz normal und selbstverständlich umzugehen?
    Ich habe mal 3 Jahre lang einen gehörlosen Auszubildenden als Ausbilderin betreut. Und hatte doch immer wieder Mühe damit, Kollegen davon zu überzeugen, dass der junge Mann nicht geistig behindert war, sondern hochintelligent. Wenn ich daran denke, und wenn ich solche Behörderngeschichten lese, dann werde ich sehr wütend.
    Alles Gute und viel erfolg weiterhin!
    Ulirke

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  2. Unglaublich! Ich dachte immer, solche Stellen sind zur Unterstützung da und nicht zu weiterer Be- und Verhinderung! Ich verstehe einfach nicht weshalb wir offenbar einfach Mühe haben Mitmenschen als das zu nehmen was sie in erster Linie sind: Menschen. Unvoreingenommenheit und Flexibilität sind offensichtlich für Viele ein Ding der Unmöglichkeit. Viele verharren einfach in ihrer Spur und haben vor allem Angst das etwas anders ist. Ich wünsche viel Glück und Beharrlichkeit!

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  3. Vielleicht sind Behörden ja so was wie Beschützende Werkstätten für sozial Behinderte. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber auch ich habe oft erlebt, dass die dort Tätigen keine Problem lösen, sondern Teil des Problems sind. Und das ist nicht nur durch Überlastung zu entschuldigen, denn solche Leute hindern ja auch sich selbst am Erledigen ihrer Aufgaben.
    Manchmal scheint es mir, dass für vieles, was wir der Politik zur Last legen, im Grunde die kleinen Rädchen des Apparats verantwortlich sind, und egal, wer von Fall zu Fall seinen Hut nehmen muss, bleibt das Problem zwangsläufig und unkündbar bestehen.

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  4. Das Problem hier scheint zu sein: Man hatte die Anforderung, ein Team für die Betreuung Schwerbehinderter einzurichten. Also hat man das gemacht. Hier sitzt niemand, der weiß, was er tut. Geschult wurde, wenn überhaupt, nur sehr oberflächlich. Auch, wenn die Abteilung also keinen realen Nutzen hat, man hat die Anforderung erfüllt.

    Hinzu kommt, dass die Menschen hier nach ihren eigenen Weltbildern agieren, und da sind Behinderte nun mal arme bedauernswerte Wesen, die eben, wie das Wort schon sagt, behindert und hilflos sind. Das macht sich ganz besonders bei Frau K.K. bemerkbar, die mir ja auch eine Pflegestufe unterzuschieben versucht. In ihrem Weltbild kann ich einfach nicht selbständig sein.

    Aber die Story geht ja noch munter weiter, ich hatte ein Gespräch mit dem Geschäftsstellenleiter. Und das ist, bedauernswerter Weise, sehr aufschlussreich. Das könnt ihr hier nachlesen:

    http://www.sf-ecke.de/2018/03/das-jobcenter-wuppertal-moechte-gerne-nicht-behindertenfeindlich-sein-schafft-es-aber-nicht-ein-gespraechsversuch/

    Die Story ist noch lange nicht zu Ende, das wird noch lustig! Gestern hatte ich ein sehr nettes und langes Gespräch mit einem Pressevertreter. Der will das Jobcenter mal damit konfrontieren, ich bin extremst gespannt!

    Gruß!
    Kamil

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  5. Habe mich gestern Abend nochmal in Wuppertal umgehört. Wende dich an den Tacheles oder auch direkt an Harald Thomé. Gerne auch an mich wenden (tkordic5188@gmail.com). Wegen dem h hast du ja bereits eine ifg anfrage gestellt. Zudem kann die Überschrift gefährlich werden. Viel Erfolg!

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  6. Wichtig ist auch bei der Kurzdrastellung, wie man mit der Aufklärung umgegangen ist. Ich höre von Menschen mit Behinderung und Migrationshintergrund sehr oft von „Diskriminierung“, die sich aus Unwissenheit ergibt. Wir selbst fühlen uns aber auch oft genug diskriminiert, wenn wirklich nicht diskriminiert wurde, reagieren dann drüber, was bei potenziellen Förderern / Geldgebern natürlich gerne gegen uns ausgelegt wird. Im Grunde muss das Jobcenter ja nur nachweisen, wieso es wegen eines H, was in so vielen anderen AUsweisen steht, eigenmächtig dazu kommt, dass du erwerbsgemindert oder erwerbsunfähig bist. Und es muss nachgewiesen werden, wieso die Wohnung, die du hast, unberechtigt ist. DU hast Anspruch auf mehr Wohnraum, und bezahlt werden muss gemäß Mietspiegel, außer es gibt Gründe, dass es nicht anders geht – sicher hast du dir da aber juristische Hilfe geholt. Hilfe habe ich übrigens von den Behörden nicht viel bekommen, trotzdem habe ich mehr Unterstützung gehabt, wenn ich von der Haltung her nicht mit der beigebrachten Angst vor Behördenschikane losgegangen bin, sondern mit dem Bewusstsein dafür, es kann passieren, aber ich gehe erst einmal auf die Leute zu und glaube im Guten an Missverständnisse. Wenn es Probleme gab, habe ich mich beharrlich, aber freundlich durchgefragt, und ich habe jede Gelegenheit genutzt, darauf hinzuweisen, wie viele Menschen nicht den Teamleiter sprechen, weil sie sich das nicht trauen, weil sie auch keine Kraft dafür haben, und dass diese nicht unterstützt werden und ggf. dem Staat durch die FOlgeprobleme länger auf der Tasche liegen, weil man sie auch noch niedermacht. Natürlich ist das ein kleiner Regentropfen auf heiße Steine, aber es ist wichtig, klarzumachen, dass es nicht um ein persönliches Menscheln geht, sondern um Weitreichenderes.

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  7. Warum werden die ganzen Behörden immer nur schlecht dargestellt? Habe bislang immer nur gute Erfahrungen gemacht. Mir wurde immer geholfen. Ja, ich bin ein Ausländer. Und wenn man von mir ein Aufenthaltstitel anfordert oder meinen Pass ist dies doch nicht rassistisch aufzunehmen. Die Medaille hat immer zwei Seiten und in diesem Sachverhalt wird leider nur Einseitig alles dargestellt.

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