Redet weiter, wenn ich komme

Lydia läuft mit Blindenstock und Shopper eine Straße entlang

Ich bin mal wieder bei Sonnenschein unterwegs. Ich liebe es, wenn es so langsam Frühling wird und die Winterjacke nicht mehr mich, sondern den Kleiderschrank wärmt. Der einzige Wermutstropfen ist, dass ich bei Sonnenschein trotz starker Sonnenbrille kaum etwas sehe. Ich kann Häuserfronten, Gartenzäune oder manchmal Autos sehen, wenn die Lichtverhältnisse stimmen, oder der Schatten im richtigen Winkel auf sie fällt. Menschen, die mir entgegenkommen sehe ich nicht mehr. Ich nehme sie entweder durch meinen Stock oder meine Ohren wahr.
Rechts von mir ist eine stark befahrene Straße, die viele leise Geräusche untergehen lässt, dennoch höre ich zwei Frauen miteinander an der Häuserwand reden. Und solange sie das tun, weiß ich wo sie stehen und kann ihnen ein Stückweit ausweichen. Doch kaum habe ich mich ihnen auf vielleicht fünf Meter angenähert, verstummen die Stimmen, und ich kann die beiden Damen nur noch erahnen. Vermutlich drücken sie sich ganz dicht an die Häuserfront, peinlich darauf bedacht nicht von mir oder meinem Stock getroffen zu werden. Die Erfahrung sagt mir, dass sie so lange dortbleiben werden, bis ich ganz sicher an ihnen vorbeigelaufen bin.
Mir ist es lieber, wenn die Leute ihr Gespräch fortsetzen, während ich an ihnen vorbeilaufe. Denn dann höre ich sie. Diese Information ist für mich wichtig, denn dann weiß ich wie weit die Menschen von mir entfernt sind und in welcher Richtung sie aus meiner Perspektive sind. Dabei ist es für mich gleich, ob sie stehen oder sich in eine bestimmte Richtung bewegen. Solange sie sprechen kann ich sie orten.
Eine andere Variante des Umgangs mit mir sind die wohlmeinenden Menschen, die mir eine Richtung angeben wie ich an ihnen oder einem bestimmten Hindernis vorbeilaufen soll. Das hilft mir nicht wirklich weiter. Erst mal wissen die Leute meist nicht wohin ich wirklich möchte, und zweitens weiß ich nicht aus wessen Perspektive die Richtungsangabe zu sehen ist. Sein rechts muss noch immer nicht mein rechts sein, somit gibt es nichts und niemanden, der mir garantiert, dass ich durch diese Richtungsangabe nicht versehentlich irgendwohin laufe, wo eine Gefahr für mich lauert.
Laufen mit dem Blindenstock im Straßenverkehr ist für mich Konzentration pur, auch wenn ich auf Wegen, die mir vertraut sind, quasi jeden Pflasterstein kenne. Orientierung bei Sonnenschein, oder Orientierung im Regen ist eine etwas verschärfte Form davon, die nur durch die Orientierung im Schnee getoppt wird. Es gibt viele blinde Menschen, die bei einem solchen Wetter sich langsamer bewegen, weil sie sich dadurch einfach sicherer fühlen. Wenn man wie ich meist recht schnell mit dem Stock unterwegs ist, dann nur, weil ich seit Jahrzehnten auf diese Art und Weise unterwegs bin. Ich kenne die Tücken der Wege, die Gefahren und meine eigenen Grenzen. Und wenn ich mal nicht weiter weiß, habe ich gelernt mir einen Weg zu suchen, nach Hilfe zu fragen, und diese exakt zu benennen.

Für diejenigen, die sich fragen was man mit dem Blindenstock alles wahrnehmen kann, und was nicht, habe ich den Beitrag Der Blindenstock in der Praxis gemacht.

Also, für alle diejenigen, die einen blinden Menschen auf sich zukommen sehen. Redet weiter, wenn wir kommen, dann wissen wir genau wo Ihr steht. Damit helft Ihr uns am besten. Und wenn wir doch mal eine andere Hilfe brauchen, dann wissen wir auch wo Ihr steht, und können Euch direkt ansprechen. In diesem Sinne, wir hören und sehen uns.

Mein Gastkind aus Palästina – Teil 2

Amal vor einem Aufzug an einer U-Bahn-Station

In meinem Beitrag Mein Gastkind aus Palästina hatte ich Amal vorgestellt, über ihre Einreise nach Deutschland berichtet und einen Ausblick auf mein Vorhaben gegeben.

Inzwischen lebt sie seit fast drei Wochen bei uns in der Familie. Sie teilt sich das Zimmer mit meiner Tochter. Und das klappt erstaunlich gut. Ich habe ihr einen Schreibtisch eingerichtet, auf dem sie schreiben oder ein Keyboard stellen kann. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es für blinde Menschen praktischer ist, wenn sie ihre Hilfsmittel stehen lassen können.
Zwei Tage nach ihrer Ankunft überlegten meine Tochter und ich, wie wir Amal erklären können, wie ein Toastbrot mit Butter bestrichen wird. Die Lösung sah so aus: Mit dem Messer Butter aus dem Behälter nehmen, und es in die rechte obere Ecke tun. Dann mit der flachen Seite des Messers darüber streichen und das Brot um 90 Grad drehen. Dann wiederholt man diesen Vorgang so lange, bis alle Seiten dran waren. Am Anfang darf man nachfühlen, und spürt wie gleichmäßig die Butter verstrichen wurde. Das klappt inzwischen sehr gut.
Eine weitere Lektion war die Mülltrennung, die sie noch nicht kannte. Wir trennen Bio-, Verpackung-, Altpapier und Restmüll. Weitere Basics wie das Einräumen von benutztem Geschirr in die Spülmaschine oder den Tisch sauber wischen klappen gut. Manche Kenntnisse hat sie bereits mitgebracht. Dazu gehören das Zusammenlegen getrockneter Wäsche oder der Abwasch. Ich muss also nicht ganz bei null anfangen. Ab der nächsten Woche werden wir gemeinsam kochen. Da werde ich sehen was sie bereits kann, und was ich ihr vermitteln kann.
Gleich einen Tag nach ihrer Ankunft habe ich begonnen sie im Umgang mit dem Blindenlangstock zu schulen. Erst habe ich ihr die Haltung gezeigt, was sie dann bei uns im Wohnzimmer geübt hat. Anschließend sind wir nach draußen gegangen. Ich habe ihr gezeigt wie sie Bordsteine oder Hindernisse erkennt. Seither waren wir viel unterwegs. Sie hat inzwischen gelernt mit dem Stock Treppen zu erkennen und zu bewältigen und sicher in eine U-Bahn oder S-Bahn ein und auszusteigen. Am Einsteigen in einen Bus müssen wir noch etwas arbeiten. Denn da ich in der vergangenen Woche mit meiner AugenOP beschäftigt war, konnten wir nicht weiter daran arbeiten. Das wird in der kommenden Woche ein Thema sein.
Vor ein paar Tagen hatte ich Besuch von einer Trainerin, die sich angesehen hat, wie Amal mit dem Stock läuft. Sie hat meine Arbeit gelobt, da Amal eine gute Pendeltechnik gezeigt hat. Darüber habe ich mich riesig gefreut. Weitere Trainingseinheiten mit der Trainerin sind in Planung.
Amal hat inzwischen einige deutsch und arabisch sprechende Menschen aus meinem Bekanntenkreis kennen gelernt. Die meisten davon sind blind oder sehbehindert. Das ist wichtig für den Erfahrungsaustausch. Sie hat auch Bekanntschaft mit meinen Hobbys töpfern und Showdown spielen gemacht.
In Zusammenarbeit mit einem befreundeten Journalisten ist dieses kurze Video mit Amal entstanden. Es zeigt sie wie sie sich auf Deutsch vorstellt und anschließend mit dem Blindenstock über einen Bürgersteig läuft.

Mit meinem ersten Beitrag über Amal habe ich einen Spendenpool über PayPal für sie eingerichtet. Damit sollen Kosten bestritten werden, wie beispielsweise für Augenarzt, Trainingseinheiten oder mögliche günstige Hilfsmittel. Mit Stand von heute sind 265 € zusammengekommen. Von Menschen, die ausschließlich auf mein Wort vertrauen. Das hat mich besonders berührt. Dafür danke ich allen Spendern, und denen, die meinen Beitrag in ihren Netzwerken geteilt haben. Ich werde in den nächsten Wochen weiter über Amal und ihren Aufenthalt in Deutschland berichten.

Blinde Menschen in Togo

links Ayala mit ausgeklappten Langstock mit fehlender Spitze, rechts Jasmin mit herkömmlichen Langstock an einer Bushaltestelle

Jasmin ist sehbehindert. Sie absolviert ein freiwilliges Jahr in Togo. Als sie mir kürzlich erzählte, dass sie einen Besuch in einer Einrichtung für blinde Schüler besuchen wird, bat ich sie um einen Gastbeitrag, der die Situation und die Bildungsmöglichkeiten in diesem Land beschreibt. Hier also der Erfahrungsbericht, den sie mir geschickt hat.

Blindheit und Sehbehinderung in Togo

Tick, Tick, da höre ich es plötzlich. Unerwartet an der Busstation in Kpalimé, wo meine Gastschwester und ich auf die Abfahrt des Kleinbusses nach Hause warten. Da ich selbst sehbehindert bin, hat es mich natürlich schon von Beginn meines Freiwilligendienstes an interessiert, wie Blinde und Sehbehinderte in Togo leben, welche Hilfsmittel sie nutzen und welche Berufe für sie möglich sind. Nachdem ich im Voraus von einer Schule in Kpalimé gelesen hatte, in welcher Blinde Menschen im Regelschulunterricht durch freiwillige Helfer unterstützt wurden, hatte ich gehofft über die anderen Freiwilligen vielleicht mehr erfahren zu können oder die Schule während der Seminare in Kpalimé selbst zu finden. Leider wusste auch bei unserer Partnerorganisation niemand etwas darüber. Und von Balanka aus, einem kleinen Dorf im Norden Togo, gestaltete sich die Suche für mich etwas schwieriger. So erfuhr ich zwar dass es in Sokode, der zweitgrößten Stadt Togos, ein Zentrum für Blinde und Sehbehinderte gebe, in welchem sie Handwerksberufe erlernen könnten um ihren Lebensunterhalt nicht mit betteln verdienen zu müssen, wagte es jedoch nicht, dort auf gut Glück vorbeizukommen. Eine ältere Frau die erblindet ist, begegnete mir im Dorf, wobei sie von ihrer Enkeltochter geführt wurde. Einen Langstock oder ähnliches hatte sie nicht dabei.
Nach knapp vier Monaten traf ich dann zufällig Ayala an der Busstation. Er war mit Langstock und in Begleitung eines Schulfreunds unterwegs. Im Gespräch war er sehr offen, er erzählte, dass er 2011 nach seiner Erblindung aus Benin nach Kpalimé (Togo) gezogen sei, da sich dort ein Zentrum für sehbehinderte und blinde Menschen befinde. Auch von seiner Schule erzählte er, an der neben ihm noch sechs weitere Blinde bzw. Sehbehinderte unterrichtet werden. Schon damals fiel mir sein Langstock auf. Nicht nur die, wie er mir zeigte, fehlende Spitze, sondern auch das ausgeleierte Gummiband, welches die einzelnen, teils verbogenen Teile des Faltstocks miteinander verbindet.

Jasmin steht mit 7 blinden Schülern einer WG im Eingangsbereich der Wohnung
Jasmin steht mit 7 blinden Schülern einer WG im Eingangsbereich der Wohnung

Centre des aveugles de Kpalimé

Kennen Sie das„Centre des aveugles de Kpalimé“?“ frage ich knapp eine Woche später den Motofahrer. Er bejahte und nachdem wir den Preis für die Fahrt ausgehandelt hatten, ging es los. Ich war auf dem Weg zu dem Zentrum, in dem Ayala die Brailleschrift und den Umgang mit seinem Langstock erlernt hat. Als wir dort angekommen sind, konnte ich es kaum glauben, ein riesiges Gelände mit grüner Rasenfläche und verschiedenen Gebäuden lag vor mir. Ein Lehrer des Zentrums sprach mich an und bestätigte dass ich hier richtig sei. Die Aufschrift am Tor und am ersten Gebäude konnte ich ja selbst nicht erkennen. Er begleitete mich zu einem freundlichen Ehepaar aus den USA, welches das Zentrum im Auftrag der Organisation ABWE (Assiociation for World Evangelism) betreibt. Das Zentrum, eine von etwa fünf Schulen für Sehbehinderte und Blinde in Togo, besteht seit 44 Jahren und wird neben Spenden verschiedener Organisationen (z.B. Lions Club einmal jährlich) auch durch eine Boutique finanziert, in der neben den Arbeiten regionaler Künstler insbesondere Produkte von blinden Handwerkern verkauft werden. Diese entstehen entweder während der Ausbildung im Zentrum oder über eine spätere Zusammenarbeit. So sind dort neben selbst hergestellter Seife, Kreide und Babypuder auch Stühle und Hocker (jeweils mit gewebter Sitzfläche) und verschiedene weitere Einrichtungsgegenstände von blinden bzw. sehbehinderten Handwerkern zu kaufen.
Im Zentrum leben momentan etwas mehr als 60 Schüler im Alter zwischen 6 und 40 Jahren. Die Schulgebühr von 20.000 CFA (etwa 31 Euro) decke niemals die Ausgaben für ein ganzes Jahr. Diese kleine Eigenbeteiligung kann auch durch Felderträge geleistet werden, wodurch gleich ein Teil der Ausgaben für die Verpflegung der Schüler gedeckt würde, die auch für ärmere Familien möglich ist. Die Schulgebühr beträgt in Togo normalerweise für Mädchen etwa 8.000 CFA und für Jungen etwa 10.000 CFA pro Jahr. In einem Garten lernen alle Schüler den Anbau von Lebensmitteln, welche primär den Eigenbedarf der Schule decken. Schüler, welche nicht vollblind sind, lernen zudem zu kochen. Ihre Zimmer müssen die Schüler selbst sauber halten und auch um das Waschen ihrer Wäsche kümmern sie sich selbst. In Togo ist das so üblich. Auch meine Gastgeschwister waschen ihre Wäsche Großteils selbst, helfen beim Putzen, beim Kochen oder machen den Abwasch. Das Zentrum bietet Kindergarten und die ersten sechs Schuljahre in Form eines Internats an. Im Kindergarten, der eher mit der Vorschule in Deutschland vergleichbar ist, wird begonnen, den Kindern die Brailleschrift beizubringen. Auch ältere, neu hinzu gekommene Schüler beginnen im Kindergarten, um die Brailleschrift zu erlernen. Dabei wird nicht zwischen sehbehinderten Schülern, deren Sehrest genutzt werden könnte, und vollblinden Schülern unterschieden.
In der Schule werden alle Bücher und Arbeitsblätter in Brailleschrift übertragen bzw. angefertigt. Außer dem regulären Schulunterricht st
ehen auch der Umgang mit dem Blindenlangstock und Lebenspraktische Fähigkeiten auf dem Lehrplan. Diese sind vor Allem für die Personen wichtig, die noch nicht so lange blind sind.
Neue Schüler erfahren oft durch Krankenhäuser von dem Zentrum, zudem wird vor Schuljahresbeginn Werbung in verschiedenen Radiosendern gemacht. Lehrer besuchen dann potentielle Schüler, von denen das Zentrum auch oft durch christliche Gemeinden, mit denen es zusammen arbeitet, erfährt. Nur wenige Schüler entscheiden sich nach dem sechsten Schuljahr für den Besuch einer weiterführenden Schule bzw. schaffen es bis zum Abitur. Ebenso wie ältere Schüler des Zentrums absolvieren sie stattdessen eine Ausbildung im Zentrum, wo sie neben den praktischen Fähigkeiten auch Kenntnisse im Aufbau und in der Führung eines Geschäfts erwerben.
Von ihren erlernten Berufen können viele ehemalige Schüler gut leben und haben oft eine eigene Familie. Einige ehemalige Schüler gehören inzwischen auch zu den 27 Angestellten des Zentrums, unter anderem drei Lehrer und einige G
ärtner. Zudem besteht, wie bereits erwähnt, eine Zusammenarbeit mit einigen Handwerkern.
Den Unterricht konnte ich leider nicht besuchen, da die Weihnachtsferien bereits begonnen hatten. Stattdessen habe ich das Magazin gesehen. Einen Raum in dem sehr günstige Lesebrillen verschiedener Stärken verkauft werden. Auch wurden mir dort die Langstöcke gezeigt, welche in Ghana gekauft werden und nicht nur an die Schüler ausgegeben sondern auch an eine Blindenschule in Benin weiterverkauft würden. Diese Faltstöcke hatten außer dem Name
n nicht mehr viel mit meinem eigenen Langstock zu tun. Sie gingen mir etwa bis zur Hüfte, waren oft schon verbogen und das Gummiband, welches die Teile miteinander verband, schaute an einem Ende raus, damit die nötige Spannung überhaupt zustande kam. „Es gibt leider keine anderen zu kaufen, das sind die einzigen die wir bekommen können, nachdem eine bekannte, größere Hilfsorganisation die Sachspenden an das Zentrum eingestellt hat“, so der zuständige Lehrer. Selbst für mich mit Sehrest ist es ehrlich gesagt schwer vorstellbar, sich auf einen so miserablen Stock wirklich blind verlassen zu müssen.

Die WG und das „Collège Polyvalent Saint Esprit“

In Kpalimé gibt es 17 sehbehinderte bzw. blinde Schüler auf zwei der weiterführenden Schulen. Ayala hatte mich in seine Schule eingeladen, wo ich auch den Unterricht besuchen durfte. Er ist mit zwei weiteren Blinden und einem Sehbehinderten in der Terminale, dem letzten Schuljahr der gymnasialen Oberstufe. Im Unterricht arbeiten die vier Schüler, welche alle zuvor im Zentrum gelebt hatten, mit Schreibtafel und Griffel. Der Lehrer liest alles vor, was er an die Tafel schreibt und gewährt dadurch, dass alle Schüler wissen was dort steht. Bei kleineren Unsicherheiten beim Mit- oder Abschreiben hilft notfalls der Banknachbar. Auch die Arbeitsblätter werden in Braille vorgelegt. Oft gäbe es zudem eine Freiwillige, die die Schüler begleite und die Hausaufgaben für den Lehrer aus der Brailleschrift übersetze. In den Klausuren nutzen die Schüler normale Schreibmaschinen, sodass keine Übersetzung für den Lehrer nötig ist. In der Schule sind die Lehrer die einzigen Ansprechpartner für die Schüler, das Zentrum ist nicht mehr für sie zuständig. So haben sich die vier, zusammen mit den drei jüngeren, ebenfalls sehbehinderten oder blinden Schülern, selbst um eine Wohnung in der Nähe der Schule gekümmert. Ein Schulfreund, der Ayala auch schon bei unserem ersten Treffen begleitet hat und der Schüler, der sehbehindert ist, allerdings noch deutlich mehr sieht als ich, fuhren ihre Mitschüler nach Hause. Die Langstöcke, welche sich alle in einem ähnlich wenn nicht sogar deutlich schlechteren Zustand wie dem von Ayala befinden, dienen dabei primär um den Straßenrand oder den Abstand zur Mauer dauerhaft zu erspüren. Da keiner der Langstöcke (mehr) über eine Rollspitze verfügt, wäre es für sie kaum möglich die vielen Unebenheiten und Löcher in der Straße mit dem Stock wahrzunehmen.
In der WG lernte ich die drei anderen Schüler kennen. Sie kochen gemeinsam und sind komplett selbst für sich verantwortlich. Auf die Frage wie es nach dem Abitur für ihn weitergeht, antwortet mir Ayala: „Ich will in Lomé Philosophie studieren. Hoffentlich habe ich dann einen Computer, während des Studiums gibt es viel zu lesen“. Weitere mögliche Berufe seien Lehrer, Jurist oder Verwaltungsangestellter.

Alle waren sehr offen, worüber ich mich sehr gefreut habe. Jedoch war ich sehr überrascht zu erfahren, dass auch Célestin, der sowohl die Schrift an der Tafel, als auch seine eigene Handschrift noch lesen kann, im Unterricht in Braille schreibt. Er hat diese wie alle anderen im Zentrum gelernt und nutzt diese seitdem ebenfalls dauerhaft. Im Gegensatz zu dem Versuch den Sehrest zu nutzen, wird dieser bei den Sehbehinderten des Zentrums nicht beachtet, und alle Blinden und Sehbehinderten gleich unterrichtet.

Stöcke, so wie sie in Togo erhältlich sind
Stöcke, so wie sie in Togo erhältlich sind

Danke liebe Jasmin für den beeindruckenden Erfahrungsbericht. Als ich diesen gelesen habe, ging mir durch den Kopf, dass es doch möglich sein sollte ein paar intakte Blindenstöcke an das Blindenzentrum zu spenden. Also habe ich recherchiert, und einen günstigen, straßentauglichen Blindenstock gefunden, der für ca. 20 € zu haben ist. Vielleicht bekomme ich ein paar Leute zusammen, die Geld für diesen Blindenlangstock erübrigen können. Geplant ist diese Stöcke dann gesammelt im Februar über Jasmin nach Togo zu schicken. Anschließend habe ich einen Moneypool über Paypal eingerichtet, um die Spenden zu sammeln. Wer kein Paypalkonto hat, und sich beteiligen möchte, kann mich direkt anschreiben. Wir finden dann eine andere Lösung.

Tipps zum sparsamen Packen

Wenn man mit dem Auto reist, kann man so viel mitnehmen, wie in das Fahrzeug hineinpasst. Im Extremfall nehmen Urlauber ihren halben Hausrat mit auf die Reise. Doch wenn man wie ich meist mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, fällt jeder Gegenstand buchstäblich ins Gewicht.
Koffer gibt es in allen Größen, Formen und Ausstattungen. Aber alle zusammen haben den Nachteil, dass sie eine Hand blockieren, die damit beschäftigt ist den Koffer zu ziehen, zu schieben oder einfach nur festzuhalten. Und im Zug, Bus oder am Urlaubsort ist nicht immer ausreichend Platz vorhanden, um den Koffer zu verstauen.
Daher reise ich nur dann mit einem Koffer, wenn ich wirklich länger unterwegs bin. Auch Reisetaschen kommen für mich nicht in Frage. Diese werden einseitig getragen, was auf längeren Wegstrecken ziemlich schmerzhaft werden kann. Erst recht, wenn man mit der anderen Hand den Blindenlangstock benutzt.
Für den typischen Wochenendausflug oder das Wochenendseminar reicht mir ein guter Rucksack aus. Dieser bietet mir einige Vorteile. Zum einen ist der Platz beschränkt, so dass ich nicht zu viele unnötige Dinge mitnehmen kann, zum zweiten ist ein Rucksack besser zu handhaben, wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln reist. Er passt auch mal unter meinen Sitz, so dass ich ihn direkt in meiner Nähe habe. Und für mich als Nutzerin eines Blindenlangstocks hat es noch den Vorteil, dass ich trotz Stock in der rechten Hand, eine Hand frei habe. Das macht Sinn, wenn man die Tür eines Bahnabteils öffnet oder einen Kaffeebecher in der Hand hält.
Ein großes Thema sind die Kleidungsstücke, die man mitnehmen möchte. Erst recht, wenn nicht klar ist, auf welche Wetterlage man sich einstellen soll. Für solche Fälle liebe ich das Zwiebelprinzip. Kurzärmliche Oberteile, und langärmelige Oberteile oder Jacken zum Drüberziehen. Wenn ich dann Röcke oder Hosen auswähle, mit denen ich mehrere Oberteile kombinieren kann, spart das Platz.
Ein weiteres großes Thema sind Kosmetika und Artikel zur Körperpflege. Die großen Flaschen nehmen nur unnötig Platz weg. Den Bedarf für ein paar Tage kann man in kleine Reisegrößen umfüllen, die man in einer kleinen Tasche oder  Gefrierbeutel verstaut. Wer sich die Arbeit nicht machen möchte, für den halten Drogerien entsprechende Produkte bereit. Auf diese Weise verfahre ich auch mit Medikamenten. Wenn ich nur vier Tage lang unterwegs bin, brauche ich nicht die ganze Packung mitzunehmen. Es gibt kleine Behälter für Tabletten zu kaufen, in denen man seinen Bedarf an Medikamenten für ein paar Tage verstauen kann. Auch die Mitnahme von Handtüchern und Bettwäsche ist unnötig. Entweder wird das von der Unterkunft gestellt, oder ist gegen eine Leihgebühr vor Ort zu bekommen, auf diese Weise lässt sich Platz und Gewicht einsparen.
Es ist lästig, wenn man erst den Rucksack vom Rücken nehmen muss, um an seinen Geldbeutel oder andere wichtige Dinge zu kommen. Diese Dinge verstaue ich gern direkt am Körper, in einer Hosentasche oder in der Jacke, alternativ geht auch eine Bauchtasche. Diese gibt es in allen möglichen Varianten. Das bietet mir den Vorteil, dass ich alles Wichtige sofort greifbar habe. Denn etwas suchen, wenn man gerade Zeitdruck hat, ist eine Art von Stress, den ich nicht haben möchte.
Als meine Kinder jünger waren, bin ich mit einem großen Koffer gereist. Denn da passte alles rein, was wir für den Urlaub brauchten. Dabei war es für mich wichtig, dass der Koffer so gepackt war, dass er von alleine stehen blieb, wenn ich ihn mal los ließ. Außerdem klärte ich ab, ob es am Urlaubsziel eine Waschmaschine gab. Auch das hilft dabei die Kleidermenge zu reduzieren. Alternativ hatte ich ein Reisewaschmittel dabei. Voraussetzung hierfür ist die Bereitschaft auch mal etwas von Hand zu waschen, und natürlich eine Möglichkeit Wäsche zu trocknen.
Wichtig ist, dass man sein Gepäck gut handhaben kann. Denn sonst könnte es stressig auf der Reise werden.

Das war jetzt mal ein bisschen was aus meinem Erfahrungsschatz. Habt Ihr noch weitere Tipps für platzsparendes Packen? Dann schreibt sie in die Kommentare.

Orientierung im Regen

Lydia steht bei Regen neben einer Pfütze

Ich liebe das Geräusch, welches Regen beim Tropfen auf ein Dachfenster macht. Und ich liebe es bei einem warmen leichten Sommerregen draußen zu stehen. Die paar Tropfen, die mich erreichen, stören mich nicht, sondern tun eher gut. Und ich liebe es ganz besonders, wenn die Luft nach Regen riecht.
Regen verändert die Geräusche so, dass ich es anstrengender finde mich draußen im Straßenverkehr zu orientieren. Das Geräusch fahrender Autos auf nassem Asphalt scheint alles andere zu übertönen. Daher fühle ich mich sicherer, wenn ich in der Mitte eines Bürgersteigs laufen kann. Fahrräder sind schon ohne Regen kaum zu hören. Bei Regen kann ich sie gar nicht mehr orten. Aber auch an Hauswänden lauern Gefahren. Damit meine ich Äste und Zweige, die normalerweise so hoch sind, dass ich bequem darunter durchlaufen kann. Vom Regenwasser beschwert hängen sie so tief, dass ich sie im Gesicht oder an der Kleidung habe. Hier meine Bitte an Grundstücksbesitzer. Wenn Ihr Eure Hecke oder Baum schneidet, dann bedenkt doch, dass die Äste und Zweige bei Regen schwerer sind, und damit auch tiefer herabhängen.
Große Pfützen sind mit dem Blindenstock irgendwie noch tastbar. Bei kleineren Wasseransammlungen merke ich es erst dann, wenn ich hineingetappt bin. Das ist zwar unangenehm, jedoch für mich kein Grund mit Gummistiefeln rumzulaufen.
Wesentlich unangenehmer empfinde ich es an einer Ampel zu stehen. Gerade die blindengerechten Ampeln in meiner Heimatstadt sind so beschaffen, dass ich die Grünphase durch eine Vibrationsplatte wahrnehmen kann. Dazu muss ich die ganze Zeit am Ampelmast stehen bleiben. Und wenn dieser nun mal dicht an der Straße steht, und sich etwas Wasser angesammelt hat, werde ich auch schon mal nass, wenn ein Auto so richtig dicht am Bürgersteig an mir vorüber fährt.
„Du kannst Dir ja von jemandem helfen lassen“, war der Ratschlag einer Freundin. Tja, bei der veränderten Geräuschkulisse sind potentielle Helfer für mich kaum bis gar nicht zu orten.
Und wegen der veränderten Geräuschumgebung trage ich nur selten eine Kapuze. Denn diese verhindert, dass ich Geräusche richtig wahrnehmen kann, die für mich wichtig sind. Das gilt zum Beispiel für die Überquerung einer Straße.
Eine weitere Alternative ist die Mitnahme eines Regenschirms. Den Blindenstock in der rechten Hand, den Regenschirm in der Linken, gehe ich meinen Weg. Diese Variante kostet mich jedoch eine Menge an Konzentration. Denn mit dem Regenschirm bin ich etwas breiter als sonst. Und das in einem Bereich, den der Blindenstock nicht abdecken kann. Im Klartext heißt das, dass ich mit dem Regenschirm schon mal an Büschen oder Hausfassaden hängen bleibe. Es muss schon sehr stark regnen, damit ich mir das freiwillig antue. Solange ich nur kurze Wege habe, laufe ich einfach so durch den Regen. Und wenn dieser stark ist, warte ich an einer trockenen Stelle ab.
Auf Wegen, die mir vertraut sind, kenne ich die Stellen, an denen man einen Regenschauer abwarten kann. Problematisch wird es in fremder Umgebung. Hier ist es mir schon passiert, dass ich ein paar Meter von einem Unterstand entfernt gestanden habe. Einfach, weil ich diesen nicht sehen und hören konnte. Liebe sehende Passanten. Wenn Ihr einen blinden Menschen im Regen stehen seht, dürft Ihr ihn darauf aufmerksam machen, dass er an einer anderen Stelle trockener steht. Dann hat er die Option sich helfen zu lassen oder nicht.
Es gibt noch eine Sache, die ich richtige scheußlich finde. Wenn es regnet, die Straßen also nass sind, und die Sonne darauf scheint. Das reflektierende Sonnenlicht empfinde ich als so blendend, dass ich mich mit meinen Restsehen kaum noch orientieren kann. Damit es allzu weh tut, mache ich dann schon mal die Augen zu und verlasse mich ausschließlich auf den Blindenstock.

Und nun bin ich auf Eure Erfahrungen in den Kommentaren gespannt.