Welche Blindenstöcke gibt es?

Lydia lächelnd mit 3 unterschiedlichen Blindenstöcken in der Hand.

Frankfurt mitten auf der Zeil. Es ist Nachmittag, und die Sonne scheint. Ich bin mit einem neuen Blindenstock unterwegs, den ich auf einer Hilfsmittelmesse gekauft habe. Ich war auf der Suche nach einem leichten Stock, den man möglichst klein zusammenfalten kann. Und der Anbieter verkaufte mir diesen Stock als besonders stabil.
Ich habe Zeit, und bin deshalb in gemächlichem Tempo unterwegs. Plötzlich macht es „Knack“. Und bevor ich es richtig begreife, halte ich einen Stock in der Hand, der an einer Stelle gebrochen ist. Der Mann, der meinen Stock und mich völlig übersehen hat, rappelt sich auf. Wir sind beide erschrocken.

Wenn der Stock kaputt ist
Mit diesem Stock komme ich nicht mehr weiter. Ich brauche Hilfe. Wir einigen uns darauf, dass der Mann mich zu einem Geschäft in der Nähe begleitet, dessen Mitarbeiter mich kennen. Mit Hilfe von Draht und Phantasie präparieren wir den Stock so, dass ich zumindest mal damit nach Hause komme. Zuhause habe ich einen Ersatzstock, der sich als verkehrstauglicher gezeigt hat, als dieses Exemplar.
In meinen Beiträgen „Nicht ohne meinen Stock“ und „Der Blindenstock in der Praxis“ habe ich erklärt, wie der Blindenstock benutzt wird. In „Hauptstadtdschungel, Ein Tag mit einem weißen Stock in Berlin“ begleiten wir meine Gastautorin einen Tag lang. Heute erkläre ich welche Stöcke es gibt, und wozu das gut sein soll.

Drei Blindenstöcke mit unterschiedlichen Griffen, Spitzen und Materialien.

Verschiedene Stöcke
Blindenstöcke gibt es in verschiedenen Ausführungen:
– Signalstock. Er ist kürzer als ein herkömmlicher Blindenstock, und dient zur Kennzeichnung.
– Taststock. Er ist für Personen gedacht, die den Stock nicht ständig brauchen. Daher ist er leicht und lässt sich klein zusammenfalten.
– Blindenlangstock. Damit bewegen sich blinde Personen durch den Straßenverkehr. Daher muss er stabil sein. Er muss aushalten können, dass jemand über ihn stolpert, oder er gegen harte Gegenstände geschlagen wird.
– Weißer Gehstock. Er richtet sich an Menschen mit einer Sehbehinderung und gleichzeitiger Gehbehinderung. Daher muss er aushalten können, dass sich ein Mensch darauf abstützt.

Komponenten:
Es ist ein Mythos, dass Blindenstöcke gleich sind. Sie besteht aus mehreren Teilen. Ich benutze einen Stock mit Holzgriff, weil ich das Material gern anfasse. Es gibt diesen auch aus Leder, Gummi oder Kunststoff. Denn jeder Nutzer hat andere Vorlieben. Am Griff befindet sich noch eine Aufhängemöglichkeit. Diese ist auch dafür gedacht, dass man den Stock zusammenfalten und damit zusammenhalten kann. Sie ist aus Gummi oder als Klettverschluss.
Mein Blindenlangstock ist 125 cm lang. Damit reicht er mir bis unter die Achsel. Das ist wichtig, damit er beim Gehen meinen nächsten Schritt absichern kann. Ich habe mich für einen Stock entschieden, der aus fünf Teilen besteht. Damit lässt er sich so klein zusammenfalten, dass er Platz in meiner Handtasche hat. Mein Ersatzstock lässt sich in sieben Teilen zusammenfalten. Er ist dünn und sehr leicht. Ihn nehme ich nur mit, wenn ich weiß, dass ich ihn nur im Notfall brauche. Es ist sozusagen mein kleines Stückchen Unabhängigkeit, dass auch in einer kleinen Abendtasche Platz hat.
Eine wichtige Komponente ist die Stockspitze. Während früher der Stock in einem Bogen von links nach rechts geschlagen wurde, bleibt die Spitze heute komplett am Boden. Sie wird nur noch am Boden gerollt. Es gibt sie in unterschiedlicher Größe und Form. Hat man normalen Bodenbelag in Gebäuden oder auf der Straße, reicht eine kleine Rollspitze. Bei Schnee oder Kopfsteinpflaster rate ich zu einer größeren Spitze, die nicht so leicht hängen bleibt.
Meine Rollspitze ist aus Kunststoff. Die ist relativ leise. Für mich reicht sie aus. Es gibt diese aber auch aus Keramik. Sie ist lauter, und damit besser auf befahrenen Straßen zu hören. Außerdem nutzt sie sich nicht so schnell ab.

Kostenübernahme durch die Krankenkasse.
Die Kosten für einen Stock werden durch die Krankenkasse übernommen, wenn der Augenarzt diesen verordnet. Auf dem Rezept muss unbedingt drauf stehen, dass der Blindenstock plus Spitze verordnet werden. Mit diesem Rezept geht der Betroffene zur Hilfsmittelfirma seines Vertrauens.

Wo gibt es den Blindenstock?
Blindenstöcke können über ein Sanitätshaus oder auf verschiedenen Onlineplattformen gekauft werden. Das geht, wenn der Nutzer genau weiß welches Modell er haben möchte, oder ich mache den Gang zu einer Firma, die sich auf Blindenhilfsmittel spezialisiert hat. Da kann man sich unterschiedliche Modelle anschauen, sie in die Hand nehmen und sich beraten lassen. Denn ein Stock ist ein Gegenstand, der einen über Jahre begleitet.

Sight-City – weltgrößte Messe rund um Blindheit und Sehbehinderung

Während blinde Menschen vor einem halben Jahrhundert als permanent hilflos waren, hat sich die Einstellung unserem Personenkreis gegenüber soweit gewandelt, dass auch ein selbstbestimmtes Leben möglich ist. Je nach Behinderung, Wesen oder Mobilität braucht die eine oder andere Hilfestellung in unterschiedlichen Lebensbereichen.

Theoretische Inhalte darüber gibt es im Netz der Netze in Hülle und Fülle. Ich möchte mal auf die Perspektive einer blinden Person eingehen. Ab und zu brauche ich Hilfe beim Putzen, da ich dafür die mehrfache Zeit brauche, die ein Sehender braucht. Auch handschriftlich verfasste Mitteilungen an mich gehen nur mit Hilfe einer sehenden Assistenz.
Dennoch gibt es eine Menge Hilfsmittel, die mir meinen Alltag erleichtern. Da wäre meine Waage, die mit einer Sprachausgabe versehen ist, so dass auch ich mein Mehl oder Zucker Gramm genau abwiegen kann. Da ist mein sprechendes Farberkennungsgerät, mit welchem ich feststellen kann, ob ich jetzt den blauen, oder den roten Pullover in Händen halte. Und da ist die Software, die gerade jetzt dafür sorgt, dass ich jeden Buchstaben, oder jedes Wort, das ich gerade in den Computer eingebe, vorgelesen bekomme.
Doch nicht nur die Hersteller von Blindenhilfsmitteln haben blinde Personen als Zielgruppe entdeckt. Auch andere Branchen leben inzwischen davon. Da sind die Anbieter für Reisen, die speziell für blinde und sehbehinderte Personen konzipiert sind. Da sind Firmen, die sich auf Schulungen spezialisiert haben. Und da sind Vereine und Selbsthilfegruppen, die ihre Arbeit vorstellen.
Doch sind nicht nur blinde und sehbehinderte Personen als Zielgruppe interessant, sondern auch Angehörige und Freunde von Betroffenen. Und natürlich auch potentielle Kostenträger für Bildungsmaßnahmen. Daher bieten größere Hilfsmittelmessen ein entsprechendes Rahmenprogramm mit Vorträgen oder Podiumsdiskussionen zu unterschiedlichen Themen an.

Ein Highlight ist die jährlich in Frankfurt am Main stattfindende SightCity, Europas größte Hilfsmittelmesse für Blinde und Sehbehinderte. Drei Tage lang präsentieren Aussteller aus aller Welt ihre Neuheiten und Angebote. Daher ist diese Messe für jeden interessant, der sich umfassend informieren möchte. Entsprechend viele blinde und sehbehinderte Besucher nehmen dieses Angebot wahr.
Ein Hilfsmittel ist ein Gegenstand, der einen im Alltag begleitet. Daher ist es wichtig dieses vor dem Kauf in der Hand gehalten und die Bedienung ausprobiert zu haben. Erst recht, wenn es sich um ein kostspieliges Hilfsmittel handelt. Für blinde und sehbehinderte Kunden ist das noch wichtiger, da sie oft die Abbildungen der Hilfsmittel im Onlinehandel oder Hilfsmittelkatalog nicht sehen können.
Ein gutes Beispiel ist mein Blindenlangstock, der mich auf meinen Wegen durch den Alltag begleitet. Ein Blindenstock ist nicht  nur ein Stock. Es gibt diesen in unterschiedlichen Varianten, und mit mancher Zusatzfunktion. Und da ich mich mit dem Blindenstock auf der Straße sicher bewegen möchte, und dabei will, dass sich dieses für mich gut anfühlt, suche ich mir den entsprechenden aus, indem ich damit ein paar Schritte laufe, sein Gewicht prüfe, mich frage, ob mir das Material des Griffs gefällt usw. Und dann gibt es auch unterschiedliche Stockspitzen, zwischen denen ich wählen kann. Es gibt sie in unterschiedlichen Formen, je nach Einsatzgebiet.
Daher bin ich ein Freund davon solche Messen oder Ausstellungen zu besuchen. Sie bieten mir die Möglichkeit mehrere Anbieter verschiedener Produkte kennenzulernen und direkt miteinander zu vergleichen. Ich kann das Hilfsmittel in die Hand nehmen, dem Aussteller jede Frage stellen, die mir wichtig erscheint. Und da viele Betroffene auf solchen Messen unterwegs sind, ist das für viele eine gute Gelegenheit sich zu treffen, Erfahrungen auszutauschen oder einfach mal einen Kaffee miteinander zu trinken.

Wer jetzt neugierig geworden ist, findet auf der Homepage der SightCity alle erforderlichen Informationen über Aussteller und Rahmenprogramm. Viel Spaß beim Stöbern. Und vielleicht treffe ich den ein oder anderen meiner Follower dort.

Vorlesestock hilft Blinden im Alltag

Der Vorlesestock zeigt mit der Spitze auf ein Straßenschild.

Wer blind ist, orientiert sich ganz anders als ein normal sehender Mensch im Straßenverkehr. Dabei sind markante Punkte, wie Straßenkreuzungen, Hauseingänge oder ein besonderer Straßenbelag eine große Hilfe. Doch in manchen Situationen kommen blinde Fußgänger an ihre Grenzen. Umso wichtiger wäre es Hausnummern, Straßenschilder oder die Aufschrift eines Ladenlokals lesen zu können. Denn nicht immer ist jemand auf der Straße unterwegs, den man fragen kann.
Herkömmliche Blindenstöcke stellen das Auge des Blinden am Boden dar. Mit Hilfe der Stockspitze kann der Bodenbelag, Stufen oder andere Hindernisse ertastet werden. Der Blindenlangstock wird mittels einer Pendelbewegung von links nach rechts in Schulterbreite ausgeführt. Die Länge ist von der Körpergröße des Nutzers abhängig, um eine größtmögliche Sicherheit im Straßenverkehr zu gewährleisten. Und wenn der Stock nicht mehr benötigt wird, ist er zusammenklappbar, und kann in einer Tasche, oder unter einem Stuhl verstaut werden.
Einer Forschergruppe aus Erlensee ist es erstmals gelungen einen innovativen Blindenstock zu entwickeln. Der Stick Reader 3000 sieht aus wie ein herkömmlicher Blindenstock, bringt jedoch einige nützliche Funktionen für blinde Nutzer im Straßenverkehr mit.
Der Stick Reader 3000 wurde als Vorlesestock entwickelt. Er kann beim Gehen wie ein herkömmlicher Blindenstock verwendet werden, bietet jedoch viele zusätzliche Vorteile. Mit seiner Hilfe lassen sich Straßenschilder oder Werbeplakate auslesen. Eine kleine Kamera befindet sich ca. 10 cm über der Stockspitze. Sie ist mit einer Klappe versehen, um sie vor Wasser und Schmutz zu schützen. Im Griff, der kaum dicker als der eines herkömmlichen Blindenstocks ist, sind ein Lautsprecher, der Akku, Audio- und Datenanschluss verbaut. Bei Bedarf kann auch ein Headset via Bluetooth angeschlossen werden. Das ist bei stark befahrenen Straßen besonders wichtig.
Um den Vorlesemodus des Stick Reader 3000 zu aktivieren, wird er mit der Spitze nach oben gehalten. Mehrere Fotos werden in Richtung der Stockspitze gemacht, und mit Hilfe einer OCR-Software aus den Bildern der Text herausgefiltert und vorgelesen.

Vorlesestock Kamera hochkant Schild
Vorlesestock Kamera hochkant Schild

Eine kleine Lampe sorgt bei schlechten Lichtverhältnissen für eine gute Bild- und Texterkennung. Die Akkulaufzeit beträgt zurzeit einen Monat im Stand-by-Modus. Bei eingeschalteter Lampe verkürzt sie sich auf zwölf Stunden. Ein Ladekabel wird mitgeliefert. Die Vorlese-Software ist Open Source und kann beliebig erweitert werden. Mit einem namhaften Elektronikkonzern soll demnächst eine Kleinserie produziert werden, um eine Testphase einzuleiten. So werden in Zukunft auch große Werbeplakate und Firmenschilder kein Problem darstellen. Und mit etwas Übung geht auch das Auslesen von Hausnummern und einfahrenden Bussen.

Vorlesestock Kamera Fahrplan
Vorlesestock Kamera Fahrplan

Doch die Entwickler des Stick Reader 3000 haben noch mehr vor. Wichtige Punkte sind eine Offlinelösung für die Vorlesefunktion des Stocks, damit blinde Nutzer unabhängig von Funklöchern sind. Damit könnte auch das Auslesen von Klingelschildern möglich werden. Außerdem soll es möglich werden den Griff des Stick Reader 3000 an das jeweilige Outfit des Nutzers oder der Nutzerin anzupassen. An einer entsprechenden Beleuchtungstechnik wird noch geforscht. Ebenfalls soll es möglich sein den Stick Reader 3000 per Smartphone aufzuspüren und einen lauten Piepton darauf zu schicken. Das ist besonders wichtig, wenn mal jemand den Standort des Stocks verändert hat, ohne den blinden Besitzer darüber zu informieren.
Die Entwickler sind selbst blind oder sehbehindert, und kennen daher die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe am besten. Daher dürfen wir auf die Weiterentwicklung des Stick Reader 3000 gespannt sein.

Der Blindenstock in der Praxis

Lydia läuft mit Blindenstock an einem zu eng parkendem Auto entlang.

Der Blindenlangstock, oder auch Blindenstock genannt, ist ein international anerkanntes Kennzeichen für blinde Personen im Straßenverkehr. Neben ihm sind auch die gelbe Armbinde mit drei schwarzen Punkten, die beidseitig an der Kleidung befestigt werden, und das weiße Führgeschirr, welches Blindenführhunde tragen, ebenfalls gültige Kennzeichnungen.

Im Folgenden möchte ich auf den Blindenlangstock eingehen, der neben der Kennzeichnung auch eine ganz wichtige Funktion erfüllt. Er ist sozusagen mein Auge am Boden.

Ich halte ihn beim Laufen so, dass er mir stets einen Schritt voraus ist. Bevor ich also einen Fuß nach vorne bewege, muss mein Stock diese Stelle berührt haben. Das ist wichtig, um sicherzustellen, dass sich kein Hindernis an dieser Stelle befindet. Die Stockspitze wird in einer Pendelbewegung von links nach rechts und zurück bewegt. Dabei bleibt sie immer am Boden. Damit kann ich fühlen, ob sich etwas im Weg befindet, ob es Stufen nach oben oder unten gibt, oder ob die Stelle, die ich passiere, etwas enger ist.
Stößt der Stock irgendwo gegen, dann kann ich mit Hilfe der Stockspitze ertasten ob es sich um einen Stolperstein, einen Autoreifen oder eine Stufe aufwärts handelt. Das kriege ich raus, indem ich mit der Stockspitze eine Seitwärtsbewegung mache, oder die Stockspitze langsam nach oben ziehe. Geht es abwärts, merke ich es daran, dass der Stock ein bisschen ins Leere pendelt.
An Bahnsteigen oder öffentlichen Gebäuden werde ich oft auf Fahrstühle hingewiesen. Das ist nett gemeint, aber manchmal etwas unpraktisch für mich. Erst recht, wenn die Aufzüge im Gebäude keine Sprachausgabe haben. Die brauche ich, um zu kontrollieren wo ich aussteigen muss. Außerdem ist der Weg, den man kennt, der Beste für blinde Menschen. Wege sind so etwas wie ein Auswendiglernen.
Beim Treppensteigen nach oben halte ich den Blindenstock so, dass die Spitze in Höhe der ersten Stufe ist. Wenn ich ihn locker in der Hand halte, pendelt er gegen jede weitere Stufe. Sobald er ins Freie pendelt, weiß ich, dass ich das obere Ende der Treppe erreicht habe.
Geht es abwärts, so mache ich das genau umgekehrt. Ich halte die Stockspitze so, dass sie sich etwa eine Stufe tiefer als ich befindet. Die Treppe ist zu Ende, sobald die Spitze aufsetzt. Zur Sicherheit kann ich noch mal nach vorne pendeln.
Mit dieser Technik steige ich auch in Bus und Bahn ein und aus. Das birgt weniger Gefahren, als wenn hilfsbereite Passanten mich ungefragt am Arm nehmen, oder mich am Stock versuchen irgendwohin zu ziehen. Stellt Euch vor, ihr wollt in einen Bus einsteigen, und da kommt jemand, hält Euch die Augen zu und schiebt.
Solche Techniken werden durch Mobilitätstrainer und Rehalehrer vermittelt. Wichtig dabei ist, dass sie regelmäßig geübt werden. Das ist wie das Laufen lernen bei einem Kleinkind. Auch da steckt viel Übung dahinter, bis es zuverlässig klappt.
Kommen wir mal zu den Dingen, die der Stock nicht wahrnehmen kann. Das sind beispielsweise herabhängende Äste, die bei Regen gern mal noch tiefer hängen, Außenspiegel, wenn man zu eng auf dem Bürgersteig geparkt hat, oder offene Ladeflächen eines LKW. Alles was am Boden ist, kriege ich mit. Hindernisse, die erst in Schritthöhe beginnen, bekomme ich erst mit, wenn der Stock darunter durchgependelt ist. Daher liebe ich Schranken, die unten noch mal eine Querstange haben, gegen die der Stock pendeln kann.
Liebe Autofahrer, die Ihr manchmal halb auf dem Bürgersteig parkt, nicht nur Rollstuhlfahrer und Kinderwagen kommen schwer bis gar nicht durch die enge Stelle. Blinde Menschen haben ebenfalls das Problem sich daran vorbeiquetschen zu müssen. Und so ein Außenspiegel im Gesicht macht nicht wirklich Spaß.

Eure Lydia

Wie kann man blinden Menschen helfen?

Es ist Samstagabend, als ich aus dem voll besetzten Nahverkehrszug aussteige, und über den Frankfurter Hauptbahnhof laufe. Hinter mir liegen acht Stunden Zugfahrt. Und heute wollte es das Schicksal, dass ich jede in Frage kommende Verspätung mitgenommen habe. Wenn alles gut geht, werde ich in einer knappen Stunde zuhause sein.

Da ich den Frankfurter Hauptbahnhof kenne, laufe ich nicht an den Leitlinien für blinde Fußgänger entlang, sondern suche mir den Weg, der für mich am Schnellsten geht. Es gibt mehrere Möglichkeiten nach Hause zu kommen. Ich werde langsamer, und wäge für mich ab wie ich am besten fahren will. Plötzlich packt jemand meinen rechten Am, und versucht mich mit sich zu ziehen. Nach der ersten Schrecksekunde befreie ich mich aus dem festen Griff und erkläre meinem Gegenüber, dass ich das nicht will. Die ältere Dame meint, dass sie mich doch nur auf den richtigen Weg führen möchte. Echt jetzt? Kann die Gedanken lesen? Woher will die wissen wohin ich will, wenn ich selbst noch bis eben überlegt habe, ob ich mit der S-Bahn oder der U-Bahn fahren will? Ich nehme mir die Zeit zu fragen, warum. „Da ist doch der Blindenweg“, sagt sie, „und da bringe ich Sie jetzt hin“. „Und wenn ich da jetzt nicht hin will“, frage ich sie. Die Antwort bleibt sie mir schuldig. „Ein junger Mann, der das Szenario beobachtet hat, fragt mich, ob ich zur S-Bahn möchte. Dann könne er mich mitnehmen. Das nehme ich gern an.

Die Frage „Wie kann man einem blinden Menschen helfen“ ist eine jener Fragen, die mir sehr oft begegnet ist. Die Fragestellerin, oder der Fragesteller geht ganz selbstverständlich davon aus, dass blinde Menschen grundsätzlich Hilfebedürftig sind. Wer fragt, sucht nach Antworten, die ihm dabei helfen möglichst keinen Fehler zu machen. Und an diese Menschen richtet sich meine Antwort.

Schauen wir uns die Darstellungen von blinden Menschen in den Medien an, so wird viel über den Superhelden geschrieben, der einen Berg bestiegen, oder irgendwo eine Einrichtung für betroffene gegründet hat. Oder es wird über blinde Menschen berichtet, die absolut hilflos ohne ihre sehende Begleitperson, Betreuer oder was auch immer ist. Über den blinden Vater, die blinde Berufstätige Frau, oder die blinde Studentin, die ihren Alltag ganz normal in freier Wildbahn lebt, wird selten berichtet. Kurz, zwischen dem blinden Superhelden und dem hilflosen, blinden, älteren Herrn, der ohne seine sehende Begleitung völlig aufgeschmissen ist, gibt es noch ganz viel Anderes.

Blind ist nur eine von vielen Eigenschaften. Und blinde Menschen haben dieselben Eigenschaften wie nicht blinde Menschen. Das gilt nicht nur für Aussehen und innere Werte, sondern auch für die Selbständigkeit. Es gibt sie in absolut unbeholfen bis zum Superheld. Würde ich alle blinden Menschen miteinander gleichsetzen, wo käme das ungefähr der Aussage gleich, dass alle Mütter perfekte Hausfrauen seien. Auch das entspricht nicht der Realität. Es gibt gut organisierte Mütter, und andere, die mehr oder weniger Hilfe brauchen.

Kommen wir auf die ursprüngliche Frage zurück, ob und wie man einem blinden Menschen helfen kann. Ich wünschte manchmal, ich könnte eine pauschale Gebrauchsanweisung liefern. Aber eben diese gibt es nicht. Was es aber gibt sind zwei Ratschläge, die ich gern jedem auf den Weg mitgeben möchte:
Fasst man einen blinden Menschen unangekündigt an, dann erschreckt man die Person. Wenn ich jemanden nicht sehen kann, dann kann ich auch nicht einordnen, ob das jetzt Freund oder Feind ist. Bei guten Reflexen der blinden Person könnte das für den Helfer oder der Helferin schmerzhafte Folgen haben.
Und wie hilft man am besten?

Wer es geschafft hat den blinden Menschen zu fragen, ob er Hilfe braucht, der kann auch ruhig die Frage nach dem Wie stellen. Davon haben alle etwas. Und wer weiß, vielleicht ergibt sich daraus auch ein nettes Gespräch.
Ein Paradebeispiel für sinnvolle Hilfe.
Ich laufe an einer stark befahrenen Straße entlang, als ich mit dem Stock wahrnehme, dass etwas anders ist. Das fühlt sich an wie Baustelle. Gut, jetzt stellt sich mir die Frage, wie ich am Besten an eben dieser Baustelle vorbeikomme. Eine Frau spricht mich an, und fragt ob sie mir helfen kann. Ich bitte sie mir an dieser Baustelle vorbei zu helfen. Sie erklärt mir, dass ein Fußweg unter dem Baugerüst vorbei führt, und zeigt mir den Eingang, den ich nicht sehen konnte. Sie fragt, ob mir das ausreicht. Nachdem ich das bejaht habe, verabschieden wir uns voneinander. Und genauso wünsche ich mir das. Die Frau hat mir Hilfe angeboten, und es mir überlassen diese anzunehmen oder eben auch nicht. Und sie hat sich nach dem wie erkundigt. Ich wünsche mir, dass noch mehr Menschen so reagieren, und uns Menschen mit Behinderung als das ansehen, was wir sind, nämlich als Experten in eigener Sache.

Ich beispielsweise brauche jemanden, der mir sagt, welche Buslinie gerade vor meiner Nase hält. Einsteigen möchte ich lieber alleine. Ich brauche also keine Hilfe beim Einsteigen. Und erst recht niemanden, der mich an meinem Blindenstock greift und in eine bestimmte Richtung lenkt. Das wäre genauso, wenn euch jemand die Augen verbinden und irgendwohin schieben würde. Denn der Stock ist mein Auge auf der Straße.

Und nun freue ich mich auf Eure Meinung zu diesem Thema in den Kommentaren.