Redet weiter, wenn ich komme

Lydia läuft mit Blindenstock und Shopper eine Straße entlang

Ich bin mal wieder bei Sonnenschein unterwegs. Ich liebe es, wenn es so langsam Frühling wird und die Winterjacke nicht mehr mich, sondern den Kleiderschrank wärmt. Der einzige Wermutstropfen ist, dass ich bei Sonnenschein trotz starker Sonnenbrille kaum etwas sehe. Ich kann Häuserfronten, Gartenzäune oder manchmal Autos sehen, wenn die Lichtverhältnisse stimmen, oder der Schatten im richtigen Winkel auf sie fällt. Menschen, die mir entgegenkommen sehe ich nicht mehr. Ich nehme sie entweder durch meinen Stock oder meine Ohren wahr.
Rechts von mir ist eine stark befahrene Straße, die viele leise Geräusche untergehen lässt, dennoch höre ich zwei Frauen miteinander an der Häuserwand reden. Und solange sie das tun, weiß ich wo sie stehen und kann ihnen ein Stückweit ausweichen. Doch kaum habe ich mich ihnen auf vielleicht fünf Meter angenähert, verstummen die Stimmen, und ich kann die beiden Damen nur noch erahnen. Vermutlich drücken sie sich ganz dicht an die Häuserfront, peinlich darauf bedacht nicht von mir oder meinem Stock getroffen zu werden. Die Erfahrung sagt mir, dass sie so lange dortbleiben werden, bis ich ganz sicher an ihnen vorbeigelaufen bin.
Mir ist es lieber, wenn die Leute ihr Gespräch fortsetzen, während ich an ihnen vorbeilaufe. Denn dann höre ich sie. Diese Information ist für mich wichtig, denn dann weiß ich wie weit die Menschen von mir entfernt sind und in welcher Richtung sie aus meiner Perspektive sind. Dabei ist es für mich gleich, ob sie stehen oder sich in eine bestimmte Richtung bewegen. Solange sie sprechen kann ich sie orten.
Eine andere Variante des Umgangs mit mir sind die wohlmeinenden Menschen, die mir eine Richtung angeben wie ich an ihnen oder einem bestimmten Hindernis vorbeilaufen soll. Das hilft mir nicht wirklich weiter. Erst mal wissen die Leute meist nicht wohin ich wirklich möchte, und zweitens weiß ich nicht aus wessen Perspektive die Richtungsangabe zu sehen ist. Sein rechts muss noch immer nicht mein rechts sein, somit gibt es nichts und niemanden, der mir garantiert, dass ich durch diese Richtungsangabe nicht versehentlich irgendwohin laufe, wo eine Gefahr für mich lauert.
Laufen mit dem Blindenstock im Straßenverkehr ist für mich Konzentration pur, auch wenn ich auf Wegen, die mir vertraut sind, quasi jeden Pflasterstein kenne. Orientierung bei Sonnenschein, oder Orientierung im Regen ist eine etwas verschärfte Form davon, die nur durch die Orientierung im Schnee getoppt wird. Es gibt viele blinde Menschen, die bei einem solchen Wetter sich langsamer bewegen, weil sie sich dadurch einfach sicherer fühlen. Wenn man wie ich meist recht schnell mit dem Stock unterwegs ist, dann nur, weil ich seit Jahrzehnten auf diese Art und Weise unterwegs bin. Ich kenne die Tücken der Wege, die Gefahren und meine eigenen Grenzen. Und wenn ich mal nicht weiter weiß, habe ich gelernt mir einen Weg zu suchen, nach Hilfe zu fragen, und diese exakt zu benennen.

Für diejenigen, die sich fragen was man mit dem Blindenstock alles wahrnehmen kann, und was nicht, habe ich den Beitrag Der Blindenstock in der Praxis gemacht.

Also, für alle diejenigen, die einen blinden Menschen auf sich zukommen sehen. Redet weiter, wenn wir kommen, dann wissen wir genau wo Ihr steht. Damit helft Ihr uns am besten. Und wenn wir doch mal eine andere Hilfe brauchen, dann wissen wir auch wo Ihr steht, und können Euch direkt ansprechen. In diesem Sinne, wir hören und sehen uns.

Orientierung im Regen

Lydia steht bei Regen neben einer Pfütze

Ich liebe das Geräusch, welches Regen beim Tropfen auf ein Dachfenster macht. Und ich liebe es bei einem warmen leichten Sommerregen draußen zu stehen. Die paar Tropfen, die mich erreichen, stören mich nicht, sondern tun eher gut. Und ich liebe es ganz besonders, wenn die Luft nach Regen riecht.
Regen verändert die Geräusche so, dass ich es anstrengender finde mich draußen im Straßenverkehr zu orientieren. Das Geräusch fahrender Autos auf nassem Asphalt scheint alles andere zu übertönen. Daher fühle ich mich sicherer, wenn ich in der Mitte eines Bürgersteigs laufen kann. Fahrräder sind schon ohne Regen kaum zu hören. Bei Regen kann ich sie gar nicht mehr orten. Aber auch an Hauswänden lauern Gefahren. Damit meine ich Äste und Zweige, die normalerweise so hoch sind, dass ich bequem darunter durchlaufen kann. Vom Regenwasser beschwert hängen sie so tief, dass ich sie im Gesicht oder an der Kleidung habe. Hier meine Bitte an Grundstücksbesitzer. Wenn Ihr Eure Hecke oder Baum schneidet, dann bedenkt doch, dass die Äste und Zweige bei Regen schwerer sind, und damit auch tiefer herabhängen.
Große Pfützen sind mit dem Blindenstock irgendwie noch tastbar. Bei kleineren Wasseransammlungen merke ich es erst dann, wenn ich hineingetappt bin. Das ist zwar unangenehm, jedoch für mich kein Grund mit Gummistiefeln rumzulaufen.
Wesentlich unangenehmer empfinde ich es an einer Ampel zu stehen. Gerade die blindengerechten Ampeln in meiner Heimatstadt sind so beschaffen, dass ich die Grünphase durch eine Vibrationsplatte wahrnehmen kann. Dazu muss ich die ganze Zeit am Ampelmast stehen bleiben. Und wenn dieser nun mal dicht an der Straße steht, und sich etwas Wasser angesammelt hat, werde ich auch schon mal nass, wenn ein Auto so richtig dicht am Bürgersteig an mir vorüber fährt.
„Du kannst Dir ja von jemandem helfen lassen“, war der Ratschlag einer Freundin. Tja, bei der veränderten Geräuschkulisse sind potentielle Helfer für mich kaum bis gar nicht zu orten.
Und wegen der veränderten Geräuschumgebung trage ich nur selten eine Kapuze. Denn diese verhindert, dass ich Geräusche richtig wahrnehmen kann, die für mich wichtig sind. Das gilt zum Beispiel für die Überquerung einer Straße.
Eine weitere Alternative ist die Mitnahme eines Regenschirms. Den Blindenstock in der rechten Hand, den Regenschirm in der Linken, gehe ich meinen Weg. Diese Variante kostet mich jedoch eine Menge an Konzentration. Denn mit dem Regenschirm bin ich etwas breiter als sonst. Und das in einem Bereich, den der Blindenstock nicht abdecken kann. Im Klartext heißt das, dass ich mit dem Regenschirm schon mal an Büschen oder Hausfassaden hängen bleibe. Es muss schon sehr stark regnen, damit ich mir das freiwillig antue. Solange ich nur kurze Wege habe, laufe ich einfach so durch den Regen. Und wenn dieser stark ist, warte ich an einer trockenen Stelle ab.
Auf Wegen, die mir vertraut sind, kenne ich die Stellen, an denen man einen Regenschauer abwarten kann. Problematisch wird es in fremder Umgebung. Hier ist es mir schon passiert, dass ich ein paar Meter von einem Unterstand entfernt gestanden habe. Einfach, weil ich diesen nicht sehen und hören konnte. Liebe sehende Passanten. Wenn Ihr einen blinden Menschen im Regen stehen seht, dürft Ihr ihn darauf aufmerksam machen, dass er an einer anderen Stelle trockener steht. Dann hat er die Option sich helfen zu lassen oder nicht.
Es gibt noch eine Sache, die ich richtige scheußlich finde. Wenn es regnet, die Straßen also nass sind, und die Sonne darauf scheint. Das reflektierende Sonnenlicht empfinde ich als so blendend, dass ich mich mit meinen Restsehen kaum noch orientieren kann. Damit es allzu weh tut, mache ich dann schon mal die Augen zu und verlasse mich ausschließlich auf den Blindenstock.

Und nun bin ich auf Eure Erfahrungen in den Kommentaren gespannt.

Vorlesestock hilft Blinden im Alltag

Der Vorlesestock zeigt mit der Spitze auf ein Straßenschild.

Wer blind ist, orientiert sich ganz anders als ein normal sehender Mensch im Straßenverkehr. Dabei sind markante Punkte, wie Straßenkreuzungen, Hauseingänge oder ein besonderer Straßenbelag eine große Hilfe. Doch in manchen Situationen kommen blinde Fußgänger an ihre Grenzen. Umso wichtiger wäre es Hausnummern, Straßenschilder oder die Aufschrift eines Ladenlokals lesen zu können. Denn nicht immer ist jemand auf der Straße unterwegs, den man fragen kann.
Herkömmliche Blindenstöcke stellen das Auge des Blinden am Boden dar. Mit Hilfe der Stockspitze kann der Bodenbelag, Stufen oder andere Hindernisse ertastet werden. Der Blindenlangstock wird mittels einer Pendelbewegung von links nach rechts in Schulterbreite ausgeführt. Die Länge ist von der Körpergröße des Nutzers abhängig, um eine größtmögliche Sicherheit im Straßenverkehr zu gewährleisten. Und wenn der Stock nicht mehr benötigt wird, ist er zusammenklappbar, und kann in einer Tasche, oder unter einem Stuhl verstaut werden.
Einer Forschergruppe aus Erlensee ist es erstmals gelungen einen innovativen Blindenstock zu entwickeln. Der Stick Reader 3000 sieht aus wie ein herkömmlicher Blindenstock, bringt jedoch einige nützliche Funktionen für blinde Nutzer im Straßenverkehr mit.
Der Stick Reader 3000 wurde als Vorlesestock entwickelt. Er kann beim Gehen wie ein herkömmlicher Blindenstock verwendet werden, bietet jedoch viele zusätzliche Vorteile. Mit seiner Hilfe lassen sich Straßenschilder oder Werbeplakate auslesen. Eine kleine Kamera befindet sich ca. 10 cm über der Stockspitze. Sie ist mit einer Klappe versehen, um sie vor Wasser und Schmutz zu schützen. Im Griff, der kaum dicker als der eines herkömmlichen Blindenstocks ist, sind ein Lautsprecher, der Akku, Audio- und Datenanschluss verbaut. Bei Bedarf kann auch ein Headset via Bluetooth angeschlossen werden. Das ist bei stark befahrenen Straßen besonders wichtig.
Um den Vorlesemodus des Stick Reader 3000 zu aktivieren, wird er mit der Spitze nach oben gehalten. Mehrere Fotos werden in Richtung der Stockspitze gemacht, und mit Hilfe einer OCR-Software aus den Bildern der Text herausgefiltert und vorgelesen.

Vorlesestock Kamera hochkant Schild
Vorlesestock Kamera hochkant Schild

Eine kleine Lampe sorgt bei schlechten Lichtverhältnissen für eine gute Bild- und Texterkennung. Die Akkulaufzeit beträgt zurzeit einen Monat im Stand-by-Modus. Bei eingeschalteter Lampe verkürzt sie sich auf zwölf Stunden. Ein Ladekabel wird mitgeliefert. Die Vorlese-Software ist Open Source und kann beliebig erweitert werden. Mit einem namhaften Elektronikkonzern soll demnächst eine Kleinserie produziert werden, um eine Testphase einzuleiten. So werden in Zukunft auch große Werbeplakate und Firmenschilder kein Problem darstellen. Und mit etwas Übung geht auch das Auslesen von Hausnummern und einfahrenden Bussen.

Vorlesestock Kamera Fahrplan
Vorlesestock Kamera Fahrplan

Doch die Entwickler des Stick Reader 3000 haben noch mehr vor. Wichtige Punkte sind eine Offlinelösung für die Vorlesefunktion des Stocks, damit blinde Nutzer unabhängig von Funklöchern sind. Damit könnte auch das Auslesen von Klingelschildern möglich werden. Außerdem soll es möglich werden den Griff des Stick Reader 3000 an das jeweilige Outfit des Nutzers oder der Nutzerin anzupassen. An einer entsprechenden Beleuchtungstechnik wird noch geforscht. Ebenfalls soll es möglich sein den Stick Reader 3000 per Smartphone aufzuspüren und einen lauten Piepton darauf zu schicken. Das ist besonders wichtig, wenn mal jemand den Standort des Stocks verändert hat, ohne den blinden Besitzer darüber zu informieren.
Die Entwickler sind selbst blind oder sehbehindert, und kennen daher die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe am besten. Daher dürfen wir auf die Weiterentwicklung des Stick Reader 3000 gespannt sein.

Der Blindenstock in der Praxis

Lydia läuft mit Blindenstock an einem zu eng parkendem Auto entlang.

Der Blindenlangstock, oder auch Blindenstock genannt, ist ein international anerkanntes Kennzeichen für blinde Personen im Straßenverkehr. Neben ihm sind auch die gelbe Armbinde mit drei schwarzen Punkten, die beidseitig an der Kleidung befestigt werden, und das weiße Führgeschirr, welches Blindenführhunde tragen, ebenfalls gültige Kennzeichnungen.

Im Folgenden möchte ich auf den Blindenlangstock eingehen, der neben der Kennzeichnung auch eine ganz wichtige Funktion erfüllt. Er ist sozusagen mein Auge am Boden.

Ich halte ihn beim Laufen so, dass er mir stets einen Schritt voraus ist. Bevor ich also einen Fuß nach vorne bewege, muss mein Stock diese Stelle berührt haben. Das ist wichtig, um sicherzustellen, dass sich kein Hindernis an dieser Stelle befindet. Die Stockspitze wird in einer Pendelbewegung von links nach rechts und zurück bewegt. Dabei bleibt sie immer am Boden. Damit kann ich fühlen, ob sich etwas im Weg befindet, ob es Stufen nach oben oder unten gibt, oder ob die Stelle, die ich passiere, etwas enger ist.
Stößt der Stock irgendwo gegen, dann kann ich mit Hilfe der Stockspitze ertasten ob es sich um einen Stolperstein, einen Autoreifen oder eine Stufe aufwärts handelt. Das kriege ich raus, indem ich mit der Stockspitze eine Seitwärtsbewegung mache, oder die Stockspitze langsam nach oben ziehe. Geht es abwärts, merke ich es daran, dass der Stock ein bisschen ins Leere pendelt.
An Bahnsteigen oder öffentlichen Gebäuden werde ich oft auf Fahrstühle hingewiesen. Das ist nett gemeint, aber manchmal etwas unpraktisch für mich. Erst recht, wenn die Aufzüge im Gebäude keine Sprachausgabe haben. Die brauche ich, um zu kontrollieren wo ich aussteigen muss. Außerdem ist der Weg, den man kennt, der Beste für blinde Menschen. Wege sind so etwas wie ein Auswendiglernen.
Beim Treppensteigen nach oben halte ich den Blindenstock so, dass die Spitze in Höhe der ersten Stufe ist. Wenn ich ihn locker in der Hand halte, pendelt er gegen jede weitere Stufe. Sobald er ins Freie pendelt, weiß ich, dass ich das obere Ende der Treppe erreicht habe.
Geht es abwärts, so mache ich das genau umgekehrt. Ich halte die Stockspitze so, dass sie sich etwa eine Stufe tiefer als ich befindet. Die Treppe ist zu Ende, sobald die Spitze aufsetzt. Zur Sicherheit kann ich noch mal nach vorne pendeln.
Mit dieser Technik steige ich auch in Bus und Bahn ein und aus. Das birgt weniger Gefahren, als wenn hilfsbereite Passanten mich ungefragt am Arm nehmen, oder mich am Stock versuchen irgendwohin zu ziehen. Stellt Euch vor, ihr wollt in einen Bus einsteigen, und da kommt jemand, hält Euch die Augen zu und schiebt.
Solche Techniken werden durch Mobilitätstrainer und Rehalehrer vermittelt. Wichtig dabei ist, dass sie regelmäßig geübt werden. Das ist wie das Laufen lernen bei einem Kleinkind. Auch da steckt viel Übung dahinter, bis es zuverlässig klappt.
Kommen wir mal zu den Dingen, die der Stock nicht wahrnehmen kann. Das sind beispielsweise herabhängende Äste, die bei Regen gern mal noch tiefer hängen, Außenspiegel, wenn man zu eng auf dem Bürgersteig geparkt hat, oder offene Ladeflächen eines LKW. Alles was am Boden ist, kriege ich mit. Hindernisse, die erst in Schritthöhe beginnen, bekomme ich erst mit, wenn der Stock darunter durchgependelt ist. Daher liebe ich Schranken, die unten noch mal eine Querstange haben, gegen die der Stock pendeln kann.
Liebe Autofahrer, die Ihr manchmal halb auf dem Bürgersteig parkt, nicht nur Rollstuhlfahrer und Kinderwagen kommen schwer bis gar nicht durch die enge Stelle. Blinde Menschen haben ebenfalls das Problem sich daran vorbeiquetschen zu müssen. Und so ein Außenspiegel im Gesicht macht nicht wirklich Spaß.

Eure Lydia

Blinde Eltern, sehende Kinder, Teil 4, pass schön auf die Mama auf.

Pass schön auf die Mama auf

Meine Tochter war vielleicht zwei Jahre alt. Sie lief kurze Strecken an meiner linken Hand, während ich mir mit dem Blindenstock in der rechten Hand unseren Weg ertastete. Auf einmal sprach eine Frau meine Tochter an, mit den Worten: „Das ist aber schön, dass Du der Mama hilfst“. Ups, meint die das jetzt ernst? Vermutlich schon. Gern hätte ich sie gefragt, ob sie sich einem zweijährigen Kind blind im Straßenverkehr anvertrauen würde. Aber wie das ebenso ist. Als ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, da war sie bereits weg.
Damals wusste ich nicht, dass mir dieses Verhalten recht oft begegnen würde. Und auch nicht, dass ich mit der Zeit eine gewisse Schlagfertigkeit entwickeln würde, um auf solche Sätze zu reagieren.
Die Dame hat eine blinde Frau gesehen, die ein kleines Kind an der Hand hat. Mit blind wird gleich hilflos assoziiert. Es kann also nur so sein, dass das Kind die Mutter führt. Für mich ist das inzwischen nachvollziehbar. Hätte sie ein bisschen weiter gedacht, dann hätte auch ihr klar sein müssen, dass ein kleines Mädchen in dem Alter nicht in der Lage ist mich sicher durch die Stadt zu führen. Mal abgesehen davon, dass ich für mein Kind verantwortlich bin, und nicht mein Kind für mich. Auch wenn ich blind bin, habe ich eine Aufsichtspflicht meinen Kindern gegenüber.
Mein Sohn war noch nicht ganz vier Jahre alt, und meine Tochter fünfeinhalb. Ich wollte mit meinen Kindern auf einen kleinen Weihnachtsmarkt gehen. Eine Bekannte, die vorher da war, verabschiedete sich von meinen Kindern mit den Worten: „Passt schön auf Eure Mama auf“. Auch hier habe ich mir die Frage gestellt, ob sie sich zwei verspielten Kindergartenkindern buchstäblich blind anvertrauen würde. Jede Wette, dass sie es nicht tun würde. Eher würde sie mir erzählen, dass Kinder von Blinden eben viel sensibler seien, und natürlich viel früher selbständig. Denn schließlich müssten sie die Sehbehinderung ihrer Eltern kompensieren. Und ja, es gibt Tage, da würde ich es richtig klasse finden von meinen Kindern rundum umsorgt zu werden. Nur hat das nichts mit meiner Blindheit zu tun. Vielmehr befinde ich mich mit vielen anderen Miteltern in guter Gesellschaft. 😊
Und auch das kann man noch toppen. Meine Tochter war sechs Jahre alt, mein Sohn viereinhalb, als ich mit einer Freundin und ihrer Tochter in den Urlaub gefahren bin. Wir waren mit dem Zug unterwegs und mussten mehrmals umsteigen. Da ich nicht zum ersten Mal mit meinen Kindern Zug gefahren bin, hatten wir inzwischen unsere Logistik entwickelt. Irgendwann wies meine Freundin die Kinder an, sie sollten doch ihre Mama mitnehmen. Ich schrieb das der Hektik zu, und ignorierte das. Nachdem das aber weitere zweimal vorkam, bat ich sie das zu unterlassen. Wenn jemand meine Kinder anweist mich mitzunehmen, dann nur ich selbst. Und ich bestimme alleine ob und wann ich von jemandem mitgenommen werden möchte. In diesem Urlaub haben wir beide einiges voneinander gelernt.
Dass Kinder blinder Eltern generell früher selbständig sind, würde ich nicht unbedingt unterschreiben. Das ist wie bei Familien mit nicht behinderten Eltern auch. Die typische Mutter gibt es genauso wenig wie den typischen Blinden. Es hängt also von vielen Faktoren ab wie dem familiären Umfeld, der Familiensituation und natürlich dem Kind selbst. Somit kann ich nur über meine eigene Familie eine verlässliche Aussage machen. Denn die kenne ich nun mal am besten.