Kategorien
Allgemein

Trauer, Tod und AOK, wenn sterben zur Geduldsprobe wird 

 

Mein Vater ist gestorben. Und wie das dann so ist, kümmert man sich erst einmal um alles, was erledigt werden muss. Papierkram, Behördengänge, Telefonate. Dinge, die man in so einer Situation eigentlich nicht auch noch gebrauchen kann.

 

Also dachte ich mir ganz optimistisch: „Machste digital. Geht bestimmt schneller.“

 

Sterbeurkunde in der Hand, rein in die AOK-App, Dokument hochgeladen, Sterbefall gemeldet und direkt dazugeschrieben, dass ich Ansprechpartnerin für weitere Fragen bin – inklusive Kontaktdaten. Vorbildlich organisiert, würde ich sagen.

 

Zwei Stunden später bekomme ich eine E-Mail:
„Sie haben eine neue Nachricht in Ihrem AOK-Postfach.“

 

Na wunderbar, denke ich. Läuft ja.

 

Also öffne ich die App, will mich einloggen – und stelle fest: Mein Zugang wurde inzwischen gesperrt. Natürlich direkt nach der Meldung des Sterbefalls.

 

Das hat fast schon etwas Poetisches. Erst eine Nachricht schicken und dann den Zugang dichtmachen. Warum? Das konnte mir am nächsten Morgen am Telefon auch niemand erklären. Dort erfuhr ich lediglich, dass die Sperrung des Zugangs eben der erste Schritt sei.

 

Was die Sache zusätzlich spannend macht: Ich habe im vergangenen Jahr mehrfach die Generalvollmacht meines Vaters vorgelegt. Persönlich in der Filiale. Mehrfach. Jedes Mal wurde mir freundlich erklärt, dass das jetzt selbstverständlich im System hinterlegt sei.

 

Dieses Hinterlegen hielt dann zuverlässig bis zum nächsten Telefonat.

 

Denn sobald ich bei der AOK anrufe, beginnt erst einmal die traditionelle Auftaktdiskussion darüber, ob man mir überhaupt Auskunft geben dürfe. Hintergrund: Meine Schwester steht in der Vollmacht an erster Stelle, ich an zweiter.

 

Dass ich ebenfalls bevollmächtigt bin und die Unterlagen mehrfach vorgelegt habe, sorgt dabei eher für einen dekorativen Effekt.

 

Solange ich noch Zugriff auf die App meines Vaters hatte, konnte ich diese Diskussion elegant umgehen. Seit der Zugang gesperrt wurde, verbringe ich nun die ersten Minuten jedes einzelnen Telefonats damit, wieder von vorne zu erklären, warum ich tatsächlich berechtigt bin, Auskünfte zu erhalten.

 

Gut. Dann eben telefonisch.

 

Mein Vater hatte mehrere Hilfsmittel über die Krankenkasse. Die müssen natürlich zurückgegeben werden. Ich ging naiverweise davon aus, dass die Krankenkasse ihre eigenen Verträge und Partner kennt und vielleicht selbst organisiert, wer was abholt.

 

Wie süß von mir.

 

Stattdessen erklärte man mir, ich müsse mich selbst mit allen Sanitätshäusern in Verbindung setzen. Kontaktdaten gäbe es nicht, aber die Namen der Firmen könne man mir nennen.

 

Also verbrachte ich meinen Vormittag damit, vier verschiedene Sanitätshäuser zu googeln und dort anzurufen. Bei zwei davon durfte ich zunächst mit einer KI chatten, bevor ich irgendwann zu einem echten Menschen durchgestellt wurde. Auch eine Erfahrung.

 

Die Gespräche waren durchaus lehrreich. Zum Beispiel erfuhr ich dort von weiteren Hilfsmitteln, die zurückgegeben werden müssen – von denen mir die AOK bisher nichts erzählt hatte.

 

Mein persönliches Highlight war allerdings das Skala Kombi, eine mobile Treppensteighilfe.

 

Der Anbieter sagt:
„Das müssen Sie mit der Krankenkasse klären.“

 

Die Krankenkasse sagt:
„Das müssen Sie mit dem Anbieter klären.“

 

Also rufe ich wieder beim Anbieter an, erkläre erneut alles von vorne und bekomme wieder dieselbe Antwort:
„Nein, das muss die Krankenkasse regeln.“

 

An dieser Stelle habe ich beschlossen, auszusteigen. Wenn die Krankenkasse ihr Gerät zurückhaben möchte, muss sie vielleicht doch ein kleines bisschen Eigeninitiative entwickeln. Ich habe überall meine Kontaktdaten hinterlassen. Mehr Servicegedanke war von meiner Seite wirklich nicht mehr möglich.

 

Besonders spannend finde ich generell den fehlenden Pragmatismus. Eine Sammelinformation an alle beteiligten Sanitätshäuser schicken? Offenbar undenkbar. Stattdessen telefoniert sich der Angehörige nach einem Todesfall einmal quer durchs Gesundheitssystem.

 

Per E-Mail erreichbar ist die AOK übrigens auch nicht mehr. Kommunikation läuft im Wesentlichen über Website, Hotline und digitales Hoffen. Und über die digitale Barrierefreiheit der Seite sprechen wir lieber gar nicht erst.

 

Sechs Wochen später war – bis auf ein Pflegebett – übrigens noch nichts abgeholt worden. Auch das Skala Kombi stand weiterhin bei uns herum, obwohl solche Geräte dringend gebraucht werden.

 

Also wieder Anruf bei der Krankenkasse.

 

Die Mitarbeiterin am Telefon war hörbar überrascht, dass der Auftrag offenbar noch immer nicht geschrieben oder bearbeitet worden war. Man werde sich „sofort kümmern“. Außerdem werde jetzt ein Eilauftrag erstellt.

 

Eile mit Weile, nehme ich an.

 

Eine Woche später kam dann tatsächlich ein Termin zur Abholung des Skala Kombi und eines weiteren Hilfsmittels. Immerhin ein kleiner Fortschritt.

 

Das Problem: Inzwischen hatten wir massiven Zeitdruck. Der Vermieter möchte das Haus sanieren, die Mieter werden vorübergehend anderweitig untergebracht, Möbel und Gegenstände eingelagert. Bedeutet: Bald kommt man an viele Dinge gar nicht mehr heran.

 

Also erneut bei der Krankenkasse angerufen, erneut erklärt, dass die Situation inzwischen wirklich dringend ist. Wieder verständnisvolles Kopfschütteln. Wieder die Zusage, einen Eilauftrag zu schreiben.

 

Zum Schluss wurden noch die Telefonnummern abgeglichen:
meine aktuelle Nummer – und die alte Nummer meines verstorbenen Vaters.

 

„Wir können ja beide probieren“, sagte die Mitarbeiterin.

 

Ich konnte mir die Bemerkung nicht verkneifen, dass man bei der alten Nummer dann allerdings schon die Fähigkeit besitzen müsste, mit dem Jenseits zu kommunizieren.

 

Update: Inzwischen sind zwei Monate vergangen. Ich habe nichts Weiteres von der Krankenkasse gehört. Die Würfel sind gefallen. Mehr als informieren, telefonieren und erinnern kann ich nicht tun.

 

Was ich ehrlich gesagt nicht verstehe:
Warum dauert die Abwicklung eines Sterbefalls so lange?

 

Als hinterbliebene Person hat man irgendwann auch noch andere Dinge zu tun, als die Krankenkasse regelmäßig daran zu erinnern, sich um ihr eigenes Eigentum zu kümmern.

 

Und irgendwann möchte man mit so etwas auch einfach abschließen können. Solange das nicht erledigt ist, liegt es einem immer noch auf der Seele und beschäftigt einen. Zumindest geht es mir so. Und genau das will in meinen pragmatisch denkenden Kopf einfach nicht hinein.

 

Update: Etwa zwei Monate später klingelt es an der Haustür. Davor steht eine Dame, die meinen Vater begutachten möchte – zwecks Erhöhung seines Pflegegrades.

 

Meine Schwester erklärt ihr, dass unser Vater bereits verstorben ist.

 

Die Antwort lautet:

„Aber wir haben doch einen Termin.“

 

Ohne Worte.

 

Wieder einige Wochen später erreicht uns Post von der AOK. Darin wird uns mitgeteilt, dass wir unserer Mitwirkungspflicht nicht nachgekommen seien und noch Unterlagen fehlen würden.

 

An diesem Punkt reicht es mir endgültig.

 

Also rufe ich erneut an und erkläre der Mitarbeiterin, dass wir keine Unterlagen mehr haben, die die AOK nicht bereits mehrfach erhalten hat. Und selbst wenn noch etwas fehlen sollte, würde es dem Verstorbenen inzwischen auch nicht mehr helfen.

 

Ich sage ihr auch, dass ich diesen Vorgang irgendwann gerne abschließen möchte. Nicht nur organisatorisch, sondern auch persönlich.

 

Die Mitarbeiterin hört sich alles an und verspricht, die Angelegenheit an die Pflegeabteilung weiterzuleiten.

 

Man darf gespannt sein.

 

Habt ihr ähnliche Erfahrungen machen müssen? Wenn ja, dann lade ich euch herzlich ein, in den Kommentaren darüber zu schreiben. Was lief gut? Was hätte besser laufen können?

 

Auf eure Beiträge freut sich jetzt schon
eure Lydia

Kategorien
Allgemein Alltag

Knuspr schließt blinde Kunden aus – ein Erfahrungsbericht

 Heute Morgen bekam ich eine SMS. „KnusprTeam, bestelle mit heutiger Lieferung und sichere dir 5 Credits! Spare dir das Anstehen mit knuspr.de!“ Eine dieser Nachrichten, die früher bei mir funktioniert haben. Ein kleiner Anstoß, schnell noch etwas zu bestellen, sich den Alltag ein Stück leichter zu machen. Für einen Moment war sie einfach da, diese Erinnerung an einen Service, der für mich lange Zeit genau das war: praktisch, flexibel und ein Gewinn an Selbstständigkeit.

 

Und dann kam die Realität. Bestellen geht nicht mehr. Nicht, weil ich nicht will, sondern weil ich es nicht kann. Die App, die mir genau dieses „Anstehen sparen“ ermöglichen sollte, schließt mich inzwischen vollständig aus.

 

Die App von Knuspr war nie wirklich barrierefrei. Schon vor zwei oder drei Jahren habe ich den Support auf bestehende Probleme hingewiesen. Damals wurde zumindest so weit nachgebessert, dass die App mit der Sprachausgabe irgendwie nutzbar war. Perfekt war sie nie, aber praktikabel.

 

Warum ich trotzdem dort bestellt habe? Der Service passte gut in mein Leben. Der Mindestbestellwert war niedrig, teilweise konnte man sogar ganz ohne Mindestbestellwert bestellen. Die Lieferzeitfenster waren klein und überschaubar, was mir Planungssicherheit gab. Leergut wurde bei der Lieferung direkt wieder mitgenommen. Günstig war der Laden nicht, aber dafür wurde alles frei Haus geliefert, und ich musste mich nicht mit der Frage auseinandersetzen, wie ich allein in einen Supermarkt gehe. Meine Bequemlichkeit wurde dabei durchaus optimal unterstützt.

 

Für einen jährlichen Aufpreis von rund 100 Euro konnte man zusätzlich kleinere Zeitfenster nutzen und noch häufiger ohne Mindestbestellwert bestellen. Genau diese Flexibilität war für mich und viele andere blinde Menschen ein echter Gewinn an Selbstständigkeit.

 

Seit mehr als einem halben Jahr konnte ich in der App nicht mehr nachlesen, welche Zutaten oder Nährwerte ein Produkt enthält. Ursache war ein Update. Mehrere Meldungen an den Support blieben ohne Ergebnis. Auch Hinweise auf weitere Barrieren, die von anderen blinden Nutzerinnen und Nutzern gemeldet wurden, verliefen im Sande.

 

Vor einigen Wochen folgte dann der nächste Schritt. Die App ist für blinde Menschen inzwischen gar nicht mehr bedienbar. Meine Sprachausgabe schweigt mich konsequent an. Buttons, Inhalte und Navigation sind nicht mehr zugänglich.

 

Ich bin damit nicht allein. Es gibt mehrere blinde Kundinnen und Kunden, die regelmäßig bei diesem Shop bestellt haben. Wir alle stehen nun von einem Tag auf den anderen ohne die Möglichkeit da, uns Lebensmittel nach Hause liefern zu lassen. Erneute Anfragen an den Support blieben auch diesmal unbeantwortet.

 

Ein Blick in die Bewertungen im App Store zeigt eine Durchschnittsbewertung von 4,9 Sternen. Liest man genauer hin, wird schnell klar, dass dort vor allem der Lieferservice bewertet wird, nicht die Bedienbarkeit der App. Barrierefreiheit spielt kaum eine Rolle, weder in den Rezensionen noch offenbar im Unternehmen selbst.

 

Dabei gibt es inzwischen das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. Dennoch sehe ich weder konkrete Verbesserungen noch die erkennbare Bereitschaft, sich des Problems ernsthaft anzunehmen.

 

Ich rufe alle Kundinnen und Kunden mit Sehbehinderung dazu auf, aktiv zu werden. Wendet euch an den Support von Knuspr, bewertet die App im App Store ausdrücklich in Bezug auf ihre Bedienbarkeit und macht öffentlich, dass dieser Onlineshop aktuell keine barrierefreie Nutzung ermöglicht. Wer ein kostenpflichtiges Premium-Paket gebucht hat und den Service aufgrund fehlender Barrierefreiheit nicht nutzen kann, sollte sein Geld zurückfordern.

 

Mir geht es nicht darum, einen Shop an den Pranger zu stellen. Es geht darum, darauf hinzuweisen, dass hier eine klare Ausgrenzung von Menschen mit Sehbehinderung stattfindet. Barrierefreiheit ist kein Bonus und kein Zusatzangebot. Sie ist Voraussetzung dafür, gleichberechtigt am Alltag teilzuhaben, auch beim ganz normalen Lebensmitteleinkauf.

 

Weitere Informationen finden sich unter https://www.knuspr.de.

Die App ist im App Store unter https://apps.apple.com/de/app/knuspr/id1448444304 zu finden.

 

Wenn wir jetzt schweigen, bleibt alles so, wie es ist. Wenn wir uns aber äußern, Bewertungen schreiben, Barrieren benennen und unser Recht auf Barrierefreiheit einfordern, machen wir sichtbar, dass Ausgrenzung kein Randproblem ist, sondern etwas, das ganz konkret unseren Alltag betrifft.

Kategorien
Allgemein Alltag unterwegs

KVG-Hopper, wenn Du sehen kannst, darfst Du mit

Um Kosten für Buslinien zu sparen, die ohnehin kaum jemand nutzt, wurde in Neu-Isenburg der KVG-Hopper eingeführt. Ein modernes, cleveres Konzept – zumindest auf dem Papier. Kleine Elektrofahrzeuge sollten die herkömmlichen Bushaltestellen und zahlreiche virtuelle Haltepunkte in der Stadt anfahren. Die Fahrten optimiert, versteht sich, ein Algorithmus. Klingt effizient, oder?

 

Die Fahrzeuge kann man per App oder – für Nostalgiker – telefonisch bestellen. So spart man in den Randzeiten und an Sonn- und Feiertagen gleich mal die Linienbusse ein. Fortschritt à la Kommunalverkehr.

 

Die erste App allerdings war für blinde Menschen ungefähr so benutzerfreundlich wie ein Touchscreen im Dunkeln. Trotzdem wurde der Hopper als „barrierefrei“ beworben – ein Etikett, das offenbar ziemlich dehnbar ist. Irgendwann wechselte der Anbieter, und mit ihm kam eine neue App. Die war immerhin halbwegs bedienbar. Und so begann mein kleines Abenteuer mit dem KVG-Hopper.

 

Gerade in den Randzeiten ist die App praktisch alternativlos. Gibt man – sagen wir – von Neu-Isenburg Bahnhof  sein Ziel ein, wirft sie einem mehrere Routen aus. Dann heißt es: schnell sein! Innerhalb weniger Sekunden muss man alles erfassen und bestätigen, sonst heißt es von vorn. Ich beherrsche mein Smartphone durchaus, aber der Hopper-App ist das egal – sie testet offenbar, wie viele Finger man gleichzeitig und wie hektisch über den Bildschirm jagen kann. Gepaart mit meiner Sprachausgabe gleicht das einem Reaktionstest in

 

Hat man das Kunststück schließlich geschafft und eine Fahrt gebucht, wartet schon die nächste Prüfung. Im Profil kann man zwar angeben, dass man eine Sehbehinderung hat – allerdings dient das nur der Statistik. Eine Möglichkeit, der Fahrkraft mitzuteilen, dass man blind ist und bitte angesprochen werden möchte? Fehlanzeige. Wo der Hopper hält, entscheidet der Algorithmus – und der liebt Überraschungen. Mal steht das Fahrzeug auf der anderen Straßenseite, mal irgendwo, wo gerade kein Mensch weit und breit zu sehen ist.

 

Einige Fahrer bestätigten mir übrigens, dass sie gar nicht wüssten, dass Menschen mit einem weißen Langstock blind sind. Da hilft nur eins: selbst aktiv werden und Passanten um Hilfe bitten. Wenn denn welche da sind. Und das Beste: Für diesen Nervenkitzel zahle ich pro Fahrt 1,50 € „Komfortzuschlag“. Komfort – das ist wohl Ansichtssache.

 

Beim Aussteigen das gleiche Spiel. Der Haltepunkt hängt davon ab, wohin das Fahrzeug als Nächstes muss. Ich nenne das: Blindflug mit System.

 

Seit über zwei Jahren schlage ich mich nun mit diesem Hopper herum. Für mich ist er weniger ein Verkehrsmittel als ein Stressfaktor mit Elektroantrieb. Trotz unzähliger Rückmeldungen ist alles beim Alten geblieben. Immerhin hat man für mich eine „Einzellösung“ gefunden – ich darf als Telefonkundin buchen und bekomme klare Start- und Zieladressen. Nett gemeint, aber nicht wirklich nachhaltig. Und ob die Fahrer das immer wissen? Nun ja – neulich stand ich an einer genau definierten Adresse und sollte dem Fahrer telefonisch erklären, wie er mich findet. Zum Glück hatte ich keinen Zeitdruck.

  Vielleicht denken die Verantwortlichen des KVG-Hopper ja irgendwann einmal an Menschen mit Sehbehinderung – und ans Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. Bis dahin bleibt der Hopper für mich ein Sinnbild moderner Mobilität: digital, elektrisch, algorithmisch – und leider nur bedingt zugänglich für alle.

Kategorien
Allgemein Alltag unterwegs

Die nächste Haltestelle ist keine Ahnung 

„Die nächste Haltestelle ist … keine Ahnung?“ – Unterwegs mit unsichtbaren Ansagen Es ist Freitagnachmittag, die Sonne scheint, die Laune ist gut. Meine Tochter und ich haben einen schönen Tag draußen verbracht, und jetzt geht’s nach Hause – Neu‑Isenburg, ich komme! Noch schnell umsteigen in Dietzenbach Mitte, dann 20 Minuten Busfahrt. Alles wie immer. Dachte ich.

 

Ich sitze vorne im Bus, der Motor schnurrt, der Frühling duftet durch die halb geöffneten Fenster – aber irgendwas fehlt. Keine Stimme, kein Piepen, keine Ansage. Und ich meine nicht die innere Stimme, die mir sagt: „Du hast vergessen, Brot zu kaufen.“

 

Ich rede natürlich von den Haltestellenansagen. Denen, auf die ich als blinde Frau angewiesen bin. Denn anders als sehende Fahrgäste kann ich nicht mal eben aus dem Fenster schauen, um zu sehen, wo wir gerade sind. Ich verlasse mich auf Technik, auf Barrierefreiheit – und auf ein kleines bisschen Mitdenken von Seiten des Fahrpersonals.

 

Also frage ich den Busfahrer freundlich, ob er bitte die Ansagen einschalten könnte. Keine große Sache, dachte ich. Denkste! „Diese Ansagen stören mich“, sagt er. Wirklich jetzt? Er erklärt mir ganz offen, dass er zehn Stunden täglich im Bus sitzt und sich die Ansagen nicht ständig anhören will. „Das ist echt nervig“, sagt er. Und wenn es nach ihm ginge, wären sie ganz aus – was er natürlich nicht darf, aber er regelt sie einfach so weit runter, dass sie niemand mehr hört. Tja, Problem gelöst. Für ihn. Ich bin ehrlich gesagt kurz sprachlos. Nicht, weil ich es nicht schon erlebt hätte – sondern weil ich es immer wieder erlebe. Also erkläre ich ruhig, dass ich die Ansagen wirklich brauche. Dass ich sonst nicht weiß, wo ich gerade bin. Dass ich nicht ständig andere Fahrgäste oder den Fahrer fragen will. Ich will nicht zur Bittstellerin werden, nur um an der richtigen Haltestelle auszusteigen. Schon öfter wurde ich einfach vergessen, bin irgendwo rausgekommen, wo ich nicht hinwollte. Das ist nicht nur ärgerlich, das kostet Zeit, Nerven und manchmal auch ein kleines Stück Selbstbestimmung.

 

Der Fahrer hört zu – so halb. Ich merke: Verständnis klingt anders.

 

Mir fällt eine Beschwerde ein, die ich mal gehört habe. Fahrgäste hätten sich darüber beklagt, dass die Ansagen sie beim Zeitunglesen stören. Ja, wirklich! Die gute alte Zeitung, bedroht durch eine Durchsage wie: „Nächste Haltestelle: Musterstraße.“ Man stelle sich den Lärm vor! Jetzt also Busfahrer, die sich in ihrer Arbeitsruhe gestört fühlen. Ich kann nicht anders – in meinem Kopf blinkt ein großes, fettes „Finde den Fehler!“

 

In solchen Momenten wünsche ich mir eine ganz einfache Übung: Setzt euch mal eine Augenbinde auf, liebe Leute, und fahrt eine Runde Bus. Dann reden wir weiter.

 

Ja, es gibt auch andere Extreme. Übersteuerte, viel zu laute Ansagen, die einen erschrecken wie ein Wecker am Sonntagmorgen. Aber meistens ist es das Gegenteil: so leise, dass man bestenfalls ahnt, dass gerade irgendetwas angesagt wurde. Gestern habe ich wieder einen Fahrer gebeten, die Ansagen einzuschalten. Er tat es – mit einem genervten Schnauben. Und ich bin mir sicher: Kaum war ich draußen, hat er sie wieder abgeschaltet. Zack, weg damit. Aus den Augen, aus dem Sinn?

 

Und das ist es, was mich ärgert. In vielen Bussen fühle ich mich wie eine Bittstellerin. Der Fahrer entscheidet, ob ich mich zurechtfinde oder nicht. Und wenn ich mich beschwere? Dann kommt meistens eine dieser fantastischen Standardantworten vom Verkehrsunternehmen: „Vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Wir kümmern uns darum.“ Und dann – Stille. Ironischerweise wie bei ausgeschalteten Ansagen. Mein Appell an euch: Wenn euch auffällt, dass keine Ansagen laufen – sagt was! Auch wenn ihr sehend seid. Denn Barrierefreiheit geht uns alle an. Es sind die kleinen Dinge, die einen großen Unterschied machen. Allzeit gute Fahrt – und dass ihr immer da ankommt, wo ihr eigentlich hinwolltet!

 „Die nächste Haltestelle ist … keine Ahnung?“ – Unterwegs mit unsichtbaren Ansagen Es ist Freitagnachmittag, die Sonne scheint, die Laune ist gut. Meine Tochter und ich haben einen schönen Tag draußen verbracht, und jetzt geht’s nach Hause – Neu-Isenburg, ich komme! Noch schnell umsteigen in Dietzenbach Mitte, dann 20 Minuten Busfahrt. Alles wie immer. Dachte ich.

 

Ich sitze vorne im Bus, der Motor schnurrt, der Frühling duftet durch die halb geöffneten Fenster – aber irgendwas fehlt. Keine Stimme, kein Piepen, keine Ansage. Und ich meine nicht die innere Stimme, die mir sagt: „Du hast vergessen, Brot zu kaufen.“

 

Ich rede natürlich von den Haltestellenansagen. Denen, auf die ich als blinde Frau angewiesen bin. Denn anders als sehende Fahrgäste kann ich nicht mal eben aus dem Fenster schauen, um zu sehen, wo wir gerade sind. Ich verlasse mich auf Technik, auf Barrierefreiheit – und auf ein kleines bisschen Mitdenken von Seiten des Fahrpersonals.

 

Also frage ich den Busfahrer freundlich, ob er bitte die Ansagen einschalten könnte. Keine große Sache, dachte ich. Denkste!

 

„Diese Ansagen stören mich“, sagt er. Wirklich jetzt? Er erklärt mir ganz offen, dass er zehn Stunden täglich im Bus sitzt und sich die Ansagen nicht ständig anhören will. „Das ist echt nervig“, sagt er. Und wenn es nach ihm ginge, wären sie ganz aus – was er natürlich nicht darf, aber er regelt sie einfach so weit runter, dass sie niemand mehr hört. Tja, Problem gelöst. Für ihn. Ich bin ehrlich gesagt kurz sprachlos. Nicht, weil ich es nicht schon erlebt hätte – sondern weil ich es immer wieder erlebe. Also erkläre ich ruhig, dass ich die Ansagen wirklich brauche. Dass ich sonst nicht weiß, wo ich gerade bin. Dass ich nicht ständig andere Fahrgäste oder den Fahrer fragen will. Ich will nicht zur Bittstellerin werden, nur um an der richtigen Haltestelle auszusteigen. Schon öfter wurde ich einfach vergessen, bin irgendwo rausgekommen, wo ich nicht hinwollte. Das ist nicht nur ärgerlich, das kostet Zeit, Nerven und manchmal auch ein kleines Stück Selbstbestimmung.

 

Der Fahrer hört zu – so halb. Ich merke: Verständnis klingt anders.

 

Mir fällt eine Beschwerde ein, die ich mal gehört habe. Fahrgäste hätten sich darüber beklagt, dass die Ansagen sie beim Zeitunglesen stören. Ja, wirklich! Die gute alte Zeitung, bedroht durch eine Durchsage wie: „Nächste Haltestelle: Musterstraße.“ Man stelle sich den Lärm vor! Jetzt also Busfahrer, die sich in ihrer Arbeitsruhe gestört fühlen. Ich kann nicht anders – in meinem Kopf blinkt ein großes, fettes „Finde den Fehler!“

 

In solchen Momenten wünsche ich mir eine ganz einfache Übung: Setzt euch mal eine Augenbinde auf, liebe Leute, und fahrt eine Runde Bus. Dann reden wir weiter.

 

Ja, es gibt auch andere Extreme. Übersteuerte, viel zu laute Ansagen, die einen erschrecken wie ein Wecker am Sonntagmorgen. Aber meistens ist es das Gegenteil: so leise, dass man bestenfalls ahnt, dass gerade irgendetwas angesagt wurde. Gestern habe ich wieder einen Fahrer gebeten, die Ansagen einzuschalten. Er tat es – mit einem genervten Schnauben. Und ich bin mir sicher: Kaum war ich draußen, hat er sie wieder abgeschaltet. Zack, weg damit. Aus den Augen, aus dem Sinn?

 

Und das ist es, was mich ärgert. In vielen Bussen fühle ich mich wie eine Bittstellerin. Der Fahrer entscheidet, ob ich mich zurechtfinde oder nicht. Und wenn ich mich beschwere? Dann kommt meistens eine dieser fantastischen Standardantworten vom Verkehrsunternehmen: „Vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Wir kümmern uns darum.“ Und dann – Stille. Ironischerweise wie bei ausgeschalteten Ansagen.

 

Deshalb mein Appell: Wenn euch auffällt, dass keine Ansagen laufen – sagt was! Auch wenn ihr sehend seid. Denn Barrierefreiheit geht uns alle an. Es sind die kleinen Dinge, die einen großen Unterschied machen.

  In diesem Sinne: Allzeit gute Fahrt – und dass ihr immer da ankommt, wo ihr eigentlich hinwolltet!  

Kategorien
Allgemein

DHLPackstation, für Blinde gibts hier nix zu holen

Es ist Mitte Januar. Das ist die Zeit, wo ich über Pflanzen nachdenke, die ich evtl. am Fenster ziehen möchte. Also stöbere ich im barrierefrei bedienbaren Onlineshop meines Vertrauens, und lasse mich dazu hinreißen ein paar Kräuterpflanzen zu bestellen.

Als sie zugestellt werden, bin ich nicht zuhause. Normalerweise werden Pakete bei Nachbarn abgegeben, oder ich bekomme eine E-Mail, dass ich sie in einer Filiale von DHL abholen muss. Soweit, so gut. Nur diesmal überrascht DHL mich damit, dass meine Bestellung in einer nahegelegenen Packstation liegt.

Packstationen sind der schrecken aller blinden Paketempfänger. Denn sie sind komplett unzugänglich für unseren Personenkreis. Und zum Glück war dieser Kelch bisher an mir vorüber gegangen.

Normalerweise hätte ich jetzt den Versender angeschrieben, ihm mein Problem geschildert, und ihn gebeten eine weitere Zustellung zu veranlassen. Und wenn das nicht geht, dann geht die Ware eben zurück an den Versender. Aber so etwas dauert. Es ist Donnerstagabend, und in dem Paket sind Pflanzen. Ich kenne die Temperatur der Packstation nicht, und draußen ist es bitter kalt. Also stelle ich mich der Herausforderung. Ich mag es nicht, wenn Pflanzen erfrieren.

Ich finde heraus, dass die Packstation zum Isenburg Zentrum gehört. Und ich stelle fest, dass sie im Warmen ist. Okay, das ist noch mal gut gegangen. Eine sehende Begleitung, die mir heute helfen kann, treibe ich so kurzfristig nicht auf.

Ich stelle mich in der Nähe der Packstation auf, und spreche Passanten an. Die meisten davon können mir nicht helfen. Endlich treffe ich auf einen Herrn, der selbst etwas aus der Packstation holen muss. Auch für ihn ist es das erste Mal.

Er liest auf dem Bildschirm, dass man diesen berühren muss, um zu starten. Anschließend muss man den Code, den man in der E-Mail oder Paketschein hat, scannen. Dabei ist sogar ein Geräusch zu hören. Anschließend soll man Vor- und Nachname über den Touchscreen eingeben. Damit hat der Mann Schwierigkeiten, weil die Tastatur sehr träge reagiert. Nach einem Klick auf weiter, muss man mit dem Finger auf dem Bildschirm unterschreiben und das über einen #Schalter bestätigen. Auf dem Bildschirm wird die Meldung ausgegeben, dass man jetzt sein Paket aus dem Fach entnehmen soll. Fächer gibt es ganz Viele. Also sollte man möglichst alle im Blick behalten. Ich denke, dass wir beide eine gute Viertelstunde damit beschäftigt waren, bis wir beide Sendungen aus der Packstation befreit haben.

DHLPackstationen verfügen über keine Sprachausgabe. Damit haben blinde Menschen keine Chance ihr Paket eigenständig rauszuholen. Dabei ist es technisch sicher kein Hexenwerk dafür zu sorgen, dass blinde und auch lesebehinderte Personen die Geräte bedienen können. Bei vielen Geldautomaten geht es doch auch. Wie sind Eure Erfahrungen mit Packstationen? Habt ihr, speziell meine blinden Leser, eine Möglichkeit gefunden damit zurecht zu kommen? Schreibt es gern in die Kommentare.