Über mein Hobby Töpfern

Auf einem Tisch 2 runde, dünne Tonschalen, eine Seifenschale und eine kleine Schale in Herzform.

Töpfern kannte ich vor Allem aus meiner Schulzeit. Da bekam man eine Kugel aus Ton in die Hand, und dann hieß es: „Macht mal was draus“. Die Arbeiten, die dabei herauskamen, waren meist irgendwelche Phantasiegebilde oder Gefäße, die ich mir beim besten Willen nicht in die Wohnung stellen würde. Grob, unförmig und alles andere als dekorativ. Diese Erfahrung begleitete mich bis vor beinahe zwei Jahren. Eine meiner Freundinnen ging regelmäßig zum Töpfern, und versuchte mich zu überreden mir das mal anzusehen. Und irgendwann tat ich ihr den Gefallen. Vielleicht, damit Ruhe war, vielleicht auch, weil ich gerade nichts Besseres zu tun hatte. Ich weiß es heute nicht mehr.
Da ich die Frage, was ich denn gern machen wollte, nicht beantworten konnte, bekam ich eine Gipsschüssel als Vorlage, die ich mit kleinen Kugeln belegte. Anschließend habe ich die Innenseite glatt gestrichen. Nach dem Brennen war die Innenseite relativ glatt, und außen konnte man die Kugelstruktur erkennen. Und nachdem das gute Stück glasiert wurde, fühlte es sich richtig schön glatt an. Zuhause stand die Schüssel lange Zeit auf meinem Tisch im Wohnzimmer.
Inzwischen hatte ich Blut geleckt. Ich lernte unterschiedliche Techniken kennen, um Ton zu formen. Ich lernte, dass man mit Vorlagen arbeiten konnte, um eine bestimmte Form zu bekommen. Diese Vorlagen konnten eine Konservendose, eine Frischhaltedose oder was auch immer aus dem täglichen Gebrauch sein. Man konnte mit Kugeltechnik arbeiten, aber auch mit dünnen Würstchen, oder auch mit Formen, man ausstechen konnte. Irgendwann entdeckte ich, dass man auch mit dem Ausrollen einer Platte und einer Vorlage bestimmte Formen herstellen konnte.
Mit dem Handwerkszeug kamen auch die Ideen. Eine davon war eine Schüssel möglichst vor dem Brand so glatt zu polieren, dass sie sich wie glasiert anfühlte. Ich probierte mit glatten Steinen, Teelöffel und so weiter herum. Die Ergebnisse gefielen mir immer besser. Allerdings habe ich doch nicht auf die Glasur verzichtet. Dafür wurden meine Arbeiten immer dünner. Das Ausrollen einer Platte von 2 mm Stärke ging mir immer besser von der Hand. Diese dann in eine Vorlage zu bekommen und später auch im Ganzen wieder heraus, glich manchmal einem Pokerspiel. Aber ich liebte es Töpferarbeiten herzustellen, die ich gern anfassen mochte. Auch wenn das bedeutete stundenlang an einem Stück mit Polieren beschäftigt zu sein.
Zwischendurch habe ich mich auch am freihändigen Modellieren versucht. Auf diese Weise sind beispielsweise Duftlampen entstanden. Einmal ist mir sogar eine Katze gelungen. Aber an Tieren usw. habe ich keine Freude. Ich habe es eher mit praktischen Dingen wie Gefäßen aller Art.
Zurzeit experimentiere ich mit der Herstellung von Gegenständen aus dünnen Würstchen. Diese versuche ich so dünn wie möglich aus der Hand zu formen, und sie so zusammenzusetzen, dass ich eine bestimmte Figur erreiche. Am Ende wird dann mit einem Messer oder einem anderen Werkzeug noch etwas nachgebessert. So lassen sich filigrane Seifenschalen, Dosen oder Zahnputzbecher formen. Und wenn diese auch noch wasserdicht sein sollen, dann muss man von innen den Ton gut verstreichen.

Bei all meinen Arbeiten ist es mir wichtig, dass das Endergebnis nicht nur gut aussieht, sondern sich auch für mich gut anfühlt. Dieses bisschen Perfektionismus leiste ich mir gern.

Stricken mit Sehbehinderung

Ärmelloses Strickkleid mit V-Ausschnitt, dass mit Fransengarn verziert ist. Die untere Kleidhälfte besteht aus Messerspitzenmuster und 2 Streifen Fransengarn.

Wenn es um das Thema Handarbeiten im Zusammenhang mit einer Sehbehinderung geht, so gehen die Meinungen stak auseinander. Einerseits schreibt man uns blinden Personen ein ausgeprägtes Feingefühl in den Händen zu, andererseits sind wir nicht in der Lage hochwertige Handarbeiten herzustellen, weil wir diese nicht sehen. Gleiches Spiel gilt beim Basteln oder anderen künstlerischen Tätigkeiten, die gern auf das Aussehen runterreduziert werden.
Als ich in die Blindenschule kam, wurde nach der Schule viel mit uns gebastelt. Papier falten, Körbe aus Peddigrohr flechten oder Untersetzer aus Bast weben war nur einige der Dinge, die wir gerade vor Feiertagen herstellen lernten. Unsere Erzieherinnen ließen sich immer wieder etwas Neues einfallen, so dass für jedes Kind nach seinem Entwicklungsstatus und seinen Stärken etwas Passendes dabei war.
Als im sechsten Schuljahr eine AG für Handarbeit angeboten wurde, war ich sofort dabei. Ein paar Wochen später kam die Ernüchterung. Wir häkelten, und ich bekam diese Luftmaschen und die erst recht die festen Maschen einfach nicht hin. Ich begriff einfach nicht wie man durch eine einzige fließende Bewegung den Faden durch die Masche bekam, ohne diese gleich fallen zu lassen. Ganz schlimm wurde es, als eine Mitschülerin schon stricken lernen durfte. Ich wollte das auch lernen. Aber das ging erst, wenn ich das Häkeln beherrschte. Und davon war ich damals noch weit entfernt.
Ich war dreizehn Jahre alt, als ich in einer Wohngruppe mit mehreren strickenden Erzieherinnen lebte. Und eine davon nahm sich einen Nachmittag Zeit, um mir die Grundzüge des Strickens zu erklären. Ich lernte, das Häkeln nicht die Voraussetzung für Stricken ist. Und es machte mir so viel Spaß, dass ich sehr bald die wichtigsten Basics des Strickens beherrschte. Ich wusste wie man ein Strickstück beginnt, und die gewünschte Anzahl Maschen auf die Nadel bringt. Ich lernte den Unterschied zwischen rechten und linken Maschen kennen. Weitere Basics sind, dass man weiß wie man die Anzahl der Maschen erhöht oder verringert, und natürlich wie man eine Strickarbeit abschließt. Damit war der Grundstein für meine Strickkariere gelegt.
Stricken ist eine Art angewandte Mathematik. Man kann sich das etwa vorstellen wie ein Schachbrett. Jede Masche hat meist Maschen neben, über und unter sich. Diese Maschen kann man fühlen. Und das kann man sich zu Nutze machen, um eine bestimmte Oberflächenstruktur zu erreichen. Man kann sogar blind mit Farbmustern arbeiten, wenn man ein bisschen geometrisches Verständnis mitbringt. Ich habe viel mit Mustern herumexperimentiert, um zu lernen wie ich eine bestimmte Oberflächenstruktur erreichen kann. Und natürlich war ich stets auf der Suche nach Anregungen und Mustern. Doch die Auswahl für blinde Nutzer ist nach wie vor gering. Daher habe ich irgendwann angefangen meine eigenen Muster zu entwerfen.
Eines dieser Entwürfe ist das Kleid in Pink auf dem Beitragsbild. Der Rock beginnt mit zwei Streifen weißen Fransengarn, der mit einer Reihe Messerspitzenmuster unterbrochen ist. Dieses Messerspitzenmuster zieht sich bis zur Hüfte, und geht dann in einen elastischen eng am Körper anliegenden Teil über. Das Kleid wird in zwei gleiche Teile gestrickt. Während das Rückenteil glatt abschließt, hat das Vorderteil einen V-Ausschnitt, der mit weißem Fransengarn verziert wurde. Um schöne glatte Ränder zu bekommen, wurden diese umhäkelt.
Inzwischen habe ich meinen Frieden mit dem Häkeln gemacht. Ich kann es sogar leidlich. Aber ich kann keine Begeisterung dabei empfinden. Diese bleibt dem Stricken vorbehalten.
In der Regel arbeite ich zeitgleich an mehreren Stücken. Die Arbeiten, bei denen ich mich konzentrieren muss, bleiben zuhause, während ich einfachere Strickstücke gern unterwegs bearbeite. Und das kann sowohl im Zug, auf einer Parkbank oder im Wohnzimmer von Freunden sein. Stricken kann auch eine meditative Arbeit sein, die mir hilft zu denken oder mich zu konzentrieren. Aber dafür waren Jahrelange Erfahrung und viel Übung nötig.
Die meisten Vorlagen für Strickmuster sind optisch ausgelegt. Oft in Form einer Zeichnung. Hier ein Beispiel für eine blindengerechte Mustervorlage:
Topflappen mit Messerspitzenmuster:
Das Muster besteht aus sechs nebeneinander liegenden Messerspitzen und 8 übereinander liegenden.
Reihe 0: 38 Maschen rechts anschlagen.
Reihe 1: 1RM, 5R 1L, 1RM
Reihe 2: 1RM, 2R 4L, 1RM
Reihe 3: 1RM, 3R 3L, 1RM
Reihe 4: 1RM, 4R 2L, 1RM
Reihe 5: 1RM, 1R 5L, 1RM
Reihe 6: 1RM, 6R, 1RM
R: Rechte Masche, L: linke Masche, RM: Randmasche.

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Nacharbeiten, und freue mich auf Eure Meinung in den Kommentaren.

Nähen ohne zu sehen – so geht’s

Lydia sitzt vor einer Nähmaschine

Blind und nähen, wie passt das zusammen? In diesem Zusammenhang höre ich immer wieder Sätze wie: „Du könntest Dich schneiden“, oder „An der Nähmaschine können sich sogar Sehende verletzen“. Von der Fragestellung nach Schnitt oder Muster wollen wir mal gar nicht erst reden. Auch ich dachte lange Zeit so. Denn meine Kenntnisse und Erfahrungen reichten nicht weiter als bis zum Vernähen eines Fadens oder einen Knopf annähen. Auch fühle ich mich eher an der Stricknadel zuhause.

Ich wurde eines Besseren belehrt, als ich an einem Workshop teilnahm, den Reiner Delgado, Sozialreferent des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands, anbot. Dieser richtete sich sowohl an blinde und sehbehinderte Teilnehmer, als auch sehende Personen, die es einmal blind probieren wollten. Reiner ist selbst blind, und näht viel in seiner Freizeit.

Fangen wir mal ganz vorne an. Denn am Anfang steht die Idee. Und die bekamen wir durch Reiner vermittelt, der eine Tasche aus drei gleichgroßen Quadraten gefertigt hatte. Diese sollten wir zuschneiden und zusammennähen.

Lydia misst mit einem Zollstock Stoff aus

Abmessen und Zuschneiden des Stoffs
Mit einem Lineal, einem Maßband oder einem festen Zollstock wird die Länge des Stoffs abgemessen. Reiner zeigt uns einen Zollstock mit taktilen Markierungen im Abstand von 1 cm, und einer anders fühlbaren Markierung für 5 und 10 cm. Diesen legt man an dem Stoff an, und markiert sich die Länge. Es geht einfacher, wenn man den Stoff fixieren kann, damit dieser nicht wegrutscht oder Falten werfen. Dafür kann man ein Hilfsmittel aus dem professionellen Nähbereich verwenden.
Ist der Stoff erst mal ausgemessen und fixiert, kann er zugeschnitten werden. Man kann hierfür eine Nähschere verwenden, oder einen Cutter. Damit kann man direkt am Lineal entlang schneiden, sollte aber ein Schutzbrett zwischen Tisch und Stoff legen. Auch dieses Zubehör ist in einem Geschäft für Nähbedarf erhältlich.

Lydia schneidet ein Stück Stoff zu

Ränder abstecken und bügeln
Sind die Quadrate fertig zugeschnitten, knicken wir an den Seiten die umgenäht werden sollen etwa 2 cm ab. So entsteht eine saubere und gut fühlbare Kante. Diese wird mit herkömmlichen Stecknadeln abgesteckt. Um die Kante zu festigen, werden die Kanten noch mal gebügelt.

Zusammennähen
Ich empfehle allen sehbehinderten Nutzern einer Nähmaschine sich das Gerät im ausgeschalteten Zustand von allen Seiten zu betasten und erklären zu lassen. Außerdem ist es wichtig ein Gerät zu benutzen, das sich per tastbarer Schalter oder Drehregler bedienen lässt. Touchscreen geht für blinde Nutzer gar nicht. Gut und hilfreich ist eine Einfädelhilfe. Das geht nicht nur für sehende schneller, sondern senkt bei allen Beteiligten die Verletzungsgefahr.

Die Auswahl des Stoffs
Dennoch möchte ich auch diese Frage thematisieren. Bei unserem Workshop stellte sich das Problem nicht, da der Stoff vorgegeben wurde. Sehende Teilnehmer gehen primär nach der Farbe oder der Musterung des Stoffs. Als blinde Nutzerin ist für mich der Stoff selbst wichtig. Wie fühlt er sich an? Wie fällt er? Wie klingt es, wenn ich mit der Hand darüber streiche? Das sind Fragen, die sich für mich erst mal stellen. Farbbeschaffenheit ist eine Information, welche mir ein technisches Hilfsmittel zur Farberkennung liefert, bzw. eine sehende Person, die mir die Auskunft erteilt. Und hier ist es davon abhängig, ob es mir wichtig ist, dass die Farbe auch anderen Leuten gefällt, oder ob es mir, und nur mir gefallen soll. Die Wahl einer Farbe, oder eines Musters, welches sichtbar ist, stellt somit immer einen Kompromiss dar, wenn es mir wichtig ist, dass es auch anderen gefällt. Denn die Person, welche mich beraten hat, steht für sich und ihren eigenen Geschmack, und nicht für alle anderen Menschen, deren Meinung mir wichtig ist. Es setzt also im wahrsten Sinne des Wortes blindes Vertrauen voraus.

Bereits Im Oktober 2016 initiierte das Goethe-Institut Paris in Zusammenarbeit mit vier renommierten Modehochschulen aus Deutschland, Frankreich, Schweden und Belgien das Recherche- und Ausstellungsprojekt BEYOND SEEING. Im Rahmen von internationalen Recherche-Workshops, einer Ausstellung und einem diskursiven Begleitprogramm zielt das Projekt darauf ab, Mode in einem Zusammenspiel von Sinneswahrnehmungen über den visuellen Reiz hinaus wahrnehmbar zu machen. Bislang nicht miteinander in Berührung gekommene Zielgruppen – Designstudierende, blinde und sehbehinderte Teilnehmer sowie Experten verschiedenster künstlerischer Disziplinen – werden erstmalig zusammengebracht, um gemeinsam innovative Designkonzepte zu entwickeln. Dieses Projekt durfte ich als blinde Bloggerin aus Deutschland ein stückweit begleiten, und werde nach und nach über verschiedene Aspekte berichten. In „Mode, Kunst und Shoppingtour“ habe ich über die Veranstaltung berichtet, die im Oktober 2016 in Berlin stattfand. Weitere Beiträge, die sich um die Ausstellung in Paris ab dem 18.01.2018 drehen, sollen folgen. Ich möchte eine angehende Modedesignerin zum Thema „Mode für blinde Menschen“ fragen, über die Reise selbst schreiben, und über die Wahrnehmung von Kunst, wenn man blind ist.

Wenn Euch meine Beiträge gefallen, dann freue ich mich, wenn Ihr meinem Blog folgt. Für jetzt lade ich Euch ein, in den Kommentaren über diesen Beitrag zu diskutieren.