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Barrierefrei heißt nicht nur stufenlos

Blinde Menschen orientieren sich an markanten Punkten oder Merkmalen im Straßenverkehr. Das können Hauseingänge sein, Einfahrten oder auch mal ein Verteilerkaste. Ein Hauseingang, der bestimmte Stufen oder eine bestimmte Geräuschumgebung hat, ist für mich ebenfalls eine Unterstützung. Wichtig ist dabei, dass dieses Merkmal immer da ist.
Ebenso wichtig ist für mich die Beschaffenheit des Untergrunds. Wenn sich neben dem Fußweg ein Radweg befindet, reicht es nicht aus, dass er optisch sichtbar ist. Für mich ist es wichtig, dass der Untergrund sich von dem des Gehwegs unterscheidet. Dann kann ich den Unterschied mit dem Blindenstock ertasten. Auch eine kleine, fühlbare Absenkung wäre denkbar.
Bei Straßenübergängen sieht es ähnlich aus. Während für Nutzer eines Rollstuhls oder eines Rollators möglichst eine Nullabsenkung, also gar keine Stufe optimal ist, brauchen blinde Menschen eben diese Absenkung, um zu merken, dass sie den sicheren Gehweg verlassen. Dabei muss die Stufe für uns blinde Menschen gar nicht so hoch sein. Sie muss nur mit der Stockspitze eines Blindenlangstocks tastbar sein. Dafür genügen schon ca. 3 cm. Gut gemachte taktile Leitstreifen für Menschen mit Sehbehinderung haben längs und quer verlaufende Rillen. Diese zeigen einmal an, dass wir hier gefahrlos bis zum Straßenrand kommen, und an welcher Stelle wir besser nicht laufen. Dafür verlaufen Rillenplatten dann quer zur Laufrichtung. Das wird gern gemacht, wenn sich dahinter eine Nullabsenkung für Rollstuhlfahrer befindet.
Die quer verlaufenden Streifen findet man auch immer öfter vor Treppen. Das ist ein Tastbarer Hinweis darauf, dass ein Treppenauf- oder Treppenabgang vor einem liegt. Wenn die Platten gut gemacht sind, heben sie sich gut sichtbar vom Untergrund ab. So können auch sehbehinderte Fußgänger, die nicht auf einen Blindenstock angewiesen sind, erkennen, dass sie vorsichtig sein sollen.
Ein Irrglaube ist, dass blinde Menschen lieber mit dem Aufzug fahren als Treppen zu laufen. Doch blind alleine in einen unbekannten Aufzug zu steigen ist ein Lottospiel, wenn dieser keine Sprachausgabe hat, die das Stockwerk ansagt. Selbst wenn ich es schaffe den Knopf für ein bestimmtes Stockwerk zu drücken, gibt es nichts und niemanden, der mir garantiert, dass der Aufzug nicht vorher woanders hält. Es reicht also nicht aus Aufzüge mit fühlbaren Zahlen und Beschriftung in Braille auszustatten. Barrierefrei sind sie erst, wenn sie das angefahrene Stockwerk ansagen. Eine Ausnahme sind Aufzüge, die nur zwei Ebenen anfahren. Vor einigen Wochen ist mir ein Aufzug begegnet, dessen Bedienelemente ausschließlich auf Berührung reagieren. Auch das schließt blinde Menschen aus.
Ein großes Thema sind öffentliche Verkehrsmittel. Am besten sind eindeutige Haltepositionen für Bus und Bahn, wie ich in meinem Beitrag Wenn der Bus woanders hält beschrieben habe. Während für Menschen mit Gehbehinderung es einfacher ist hinten einzusteigen, brauchen blinde Menschen die Vordertür, um den Busfahrer nach der einfahrenden Buslinie zu fragen. Ausführlicher habe ich das in Öffentlicher Nahverkehr, diese Infos brauche ich behandelt. In vielen Städten hält der Bus nur dann, wenn jemand den Halteknopf gedrückt hat. Dafür braucht man richtig gehende und verständliche Haltestellenansagen. Davon profitieren nicht nur Menschen mit Sehbehinderung, sondern auch Fahrgäste, die nicht ortskundig sind, oder die optische Anzeige aus anderen Gründen nicht lesen können.
Barrierefreiheit ist ein Oberbegriff für Hindernisse, die uns im Alltag begegnen. Und sie fühlen sich für jeden anders an. Also, wenn Ihr die Möglichkeit zu einem Perspektivwechsel habt, nehmt diese Möglichkeit wahr, und erweitert damit Euren Horizont.

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Allgemein Alltag unterwegs Zu Gast auf lydiaswelt

Busstreik – Blinde bleiben auf der Strecke

Als im vergangenen Monat die Busfahrer streikten, habe ich immer wieder feststellen müssen, dass kaum etwas über die Situation von Menschen mit Behinderung, speziell mit Sehbehinderung zu lesen war. Gerade auf Facebook musste ich mir von Streikbefürwortern anhören, dass ich mich doch solidarisch mit den Busfahrern zu zeigen habe. Nun, es geht hier nicht allein um mich, sondern um die Menschen, die ihre feste Strecke laufen, die für sie erst mal alternativlos ist. Vielleicht könnten die Streikverantwortlichen mal an eine Lösung für diesen Personenkreis arbeiten.

Mein Gastautor Wilhelm Gerike hat mir pünktlich zum Jahresende einen Gastbeitrag zu diesem Thema geschrieben.

Streiks kann ich nicht leiden

„Es ist 6:30 Uhr“, weckt mich mein Lieblingsradiosender, „heute wird gestreikt“. Und das betrifft nicht etwa das Finanzamt, sondern die Busse, mit denen ich täglich fahre. So gilt es, möglichst schnell einen fahrbaren Untersatz zur Arbeit zu organisieren. Bei den Taxizentralen komme ich entweder gar nicht durch oder mir wird gesagt, dass man bis etwa 9:30 Uhr keinen Wagen bekommt. Also erst einmal auf der Arbeit anrufen: Hallo, ich komme heute streikbedingt etwas später, tut mir Leid. Kurz bevor ich mir überlege, ob ich nicht doch einmal einen Krimi schreibe, in dem ich den Rädelsführern die zehn grausamsten Todesarten angedeihen lasse, klingelt das Telefon. „Wie kommst Du denn heute zur Arbeit?“ fragt mich meine gut gelaunte Bekannte. „Ich gehe runter in den Keller und packe den fliegenden Teppich aus“, kommt es von mir lakonisch zurück. „Nun komm mal runter, wir nehmen Dich mit.“ Mir fällt eine Geröllhalde vom Herzen und ich komme doch noch einigermaßen pünktlich bei der Arbeit an.
Der Rückweg lässt sich etwas unaufgeregter organisieren: Ich kann rechtzeitig ein Taxi vorbestellen. Und morgen sollen die Busse ja wieder fahren, sagt mein Lieblingsradiosender.
Was sich hier anhört, wie eine Kabarettklamotte, ist in Wahrheit ziemlich bitter: Am Tag nach dem Warnstreik liest man viel von Schülerinnen und Schülern in der Zeitung, die sich zum Teil über Kilometer mit dem schweren Schulranzen auf dem Rücken durch den Regen in die Schule quälten. Von mir und meinesgleichen – blind und Arbeitnehmer – liest man hingegen nichts. Ich kann mich nicht irgendwo hinstellen und den Daumen raushalten. Während des letzten längeren Streiks der Busfahrer nahm mich ein Kumpel mit dem Taxi mit. Dadurch war ich zwar viel zu früh bei der Arbeit, hatte aber keinen größeren Stress.
Meine Frau (hochgradig sehbehindert) erzählt vom großen Streik 1992, als rund vier Wochen nicht nur Bahnen und Busse, sondern auch die Müllwagen stehen blieben. „Ich habe mir damals ein großes Schild gemalt, dass ich zur Uni fahren will. Außerdem haben viele Autofahrer einen roten Punkt an der Windschutzscheibe gehabt. Der sollte anzeigen, dass sie Leute mitnehmen.“ Dieser Streik war für mich in erster Linie teuer. Doch das Blindengeld ließ mich eher weich fallen. Wer so eine Unterstützung nicht hat, ist ein echter Verlierer solcher Streikmaßnahmen.
Der Streik ist ein grundgesetzlich geschütztes Recht der Arbeitnehmer, Ihre Interessen gegenüber dem Arbeitgeber durchzusetzen. Das musste auch die Deutsche Bahn erfahren, als sie versuchte, die Streiks der Lokführergewerkschaft zu verbieten. Trotz einer miserablen Pressearbeit gelang es den Lokführern, zwischen Herbst 2014 bis Ende 2015 die Sympathie der meisten befragten Bundesbürger auf ihre Seite zu ziehen. Ich bekenne, dass ich nicht zur großen Mehrheit gehörte: Für mich sind solche Streikmaßnahmen ein massiver Eingriff in meine Lebensführung. Ich habe nicht die Alternative, für eine Strecke von A nach B ein Auto zu benutzen.
Ich träume davon, einmal auf einer Streikversammlung das Mikrofon in die Hand zu nehmen. Folgendes würde ich den Streikenden gern sagen: „Kolleginnen und Kollegen, wir blinden und sehbehinderten stehen unverbrüchlich hinter Euren Forderungen. Doch leider fahren Eure Arbeitgeber geschlossen mit dem Auto, sind also vom Streik persönlich nicht betroffen. Dagegen erwischt es unsereins richtig hart. Soll denn die Hochzeit meiner besten Schulfreundin wirklich ohne mich stattfinden, obwohl ich Trauzeuge bin? Wie kann ich zum nächsten Supermarkt kommen, ohne dass der Bus fährt, auf Wegen, die ich nicht kenne? Überlegt Euch doch einmal, in Wellen zu streiken, getreu dem Motto heute hier, morgen dort. Ein Dichter hat mal gesagt: Auch kleine Nadelstiche tun auf die Dauer weh.“

Ich danke Willi für seine offenen Worte. Er hat bereits die Beiträge blind Fernsehen oder ins Kino gehen und Geräuschumgebung, zu laut oder zu leise für mich geschrieben.

Jetzt freue ich mich über einen guten Meinungsaustausch in den Kommentaren.

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Der Blindenstock, Stigma oder Befreiung

Die Woche des Sehens beginnt alljährlich am 8.10. und wird mit dem Tag des weißen Stocks am 15.10. abgeschlossen.

Der Blindenstock begleitet mich seit meiner Jugend, er ist für mich das Hilfsmittel der Wahl. In dieser Zeit musste ich lernen, dass eben diesem Hilfsmittel, mehr oder weniger, interessante Eigenschaften zugeschrieben werden, die mich schon mal den Kopf schütteln lassen. Hier nur ein paar Aussagen von blinden Nutzern aus meiner Facebookseite:
– Eine Kassiererin wollte ihn scannen, weil sie ihn für einen Nordic Walking Stock hielt,
– Frage an den Nutzer ob er damit etwas vermesse,
– Frage, ob das eine Wünschelrute ist,
– Im Krankenhaus wird Gehstock als Hilfsmittel angekreuzt,
– Frage, ob der Stock mir den Weg zeigt,
– Frage, ob er grüne Ampeln ansagt,
– Ein Flughafenmitarbeiter stufte ihn als Waffe ein, und wollte ihn konfiszieren.

Der Blindenstock hat zwei wesentliche Funktionen. Einmal ist es ein international anerkanntes Kennzeichen dafür, dass der Nutzer eine Sehbehinderung hat. In der Praxis heißt es, dass er anderen Verkehrsteilnehmern sichtbar macht, dass er/sie nicht, oder nur eingeschränkt sehen kann. Ich sehe Dich nicht. Also weiche Du mir aus, oder sprich mit mir.
Gerade für Menschen, die noch nicht so lange blind sind, oder für Jugendliche ist es oft eine große Überwindung sich mit dem Blindenstock zu kennzeichnen, denn damit fällt man sofort ins Auge. Und es gibt noch immer Zeitgenossen, die einen wie ein Wundertier anstarren. Das wird auch schon mal von Begleitpersonen als unangenehm empfunden. Das führt auch schon mal dazu, dass Begleiter einen bitten den Stock in die Tasche zu stecken, damit die Leute nicht mehr gucken. Ich selbst habe eine Weile gebraucht, um zu sagen, dass es mich mit dem Stock ausschließlich im Doppelpack gibt. Denn nur der Nutzer entscheidet ob er den Stock sichtbar trägt oder nicht. Und niemand sonst.
Die zweite entscheidende Funktion des Blindenstocks ist, dass er mein Auge am Boden ist. Bevor ich also gegen ein Hindernis stoße, macht es der Blindenstock für mich. Und dem tut es nicht weh. Meiner Nase hingegen schon. Wie das funktioniert, und wo die Grenzen liegen, habe ich in der Blindenstock in der Praxis beschrieben. Und ganz wichtig dabei ist: Hindernisse sind manchmal wichtig. Sie dienen mir zur Orientierung. Es besteht also keine Notwendigkeit einen blinden Menschen zu warnen, wenn der Stock einmal gegen eine Hauswand, einen Ampelmast oder einen Blumenkübel knallt. Auch wenn es auf sehende Verkehrsteilnehmer sicherlich beängstigend wirkt.
Und nun die Frage aller Fragen: Was wirkt besser, ein sehbehinderter Nutzer, der sich nicht kennzeichnet, und mit seinem bisschen Restsehen versucht sich zu orientieren, oder ein sehbehinderter Nutzer, der seinen Stock mitnimmt, und damit signalisiert, dass er eine Sehbehinderung hat? Diese Frage sollte jeder für sich selbst beantworten können. Es gibt in der Rechtsprechung keine eindeutige Kennzeichnungspflicht im Straßenverkehr, wie auf den Seiten der RBM nachzulesen ist.

Für mich ist der Blindenstock längst kein Stigma mehr, sondern eher ein Hilfsmittel, welches mir eine Freiheit garantiert mich selbstbestimmt in der Weltgeschichte zu bewegen. Und wenn ich ihn doch mal loswerden möchte, dann lässt er sich bequem zusammenklappen oder auch mal unter den Arm klemmen.

Zum guten Schluss noch drei Ratschläge, die ich potentiellen Helfern mit auf den Weg geben möchte:
– Zieht niemals einen blinden Menschen am Blindenstock irgendwohin.
– Jemandem den Stock ungefragt aus der Hand nehmen, damit er leichter aus dem Zug steigen kann, ist ein NoGo.
– Der Blindenstock gehört auch nicht ungefragt weggestellt oder an die Garderobe gehängt.

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Mein Gastkind aus Palästina – Teil 6

Heute ist es soweit. Amal wird zurück in ihre Heimat fliegen. Das Ticket ist ausgedruckt, der Koffer gepackt, und die Assistenz am Flughafen ist ebenfalls gebucht. In Amman wird sie von ihrer und meiner Familie abgeholt. So der Plan.

In den letzten Wochen haben wir gemeinsam an Perspektiven für Amal gearbeitet. Ganz oben auf der Prioritätenliste steht für sie, dass sie zuhause die entsprechenden Deutschkurse absolviert, um anschließend hier zu studieren. Dafür hat sie in der kommenden Woche einen Spracheinstufungstest, für den ich ihr ganz viel Erfolg wünsche.

Sie hat hier eine Schulung an ihrem Laptop bekommen, um sicherer im Umgang damit zu werden. Und weil ich das Geld aus dem Spendenpool nicht für die OP ausgeben musste, haben wir es in ein iPhone und einen Orbit Reader investiert. Letzteres ist eine mobile und preisgünstige Braillezeile, die für den mobilen Einsatz oder auch stationär eingesetzt wird. Damit kann sie sich Literatur zugänglich machen, oder sich überall Notizen erstellen und diese später selbständig bearbeiten. Dazu gibt es sogar ein Tutorial auf Arabisch. Denn es ist mir wichtig, dass Hilfsmittel nicht nur angeschafft werden, sondern auch vom Nutzer beherrscht werden. Auch das haben wir hier in Angriff genommen.
Und da das Leben nicht nur aus Lernen besteht, habe ich in ein paar günstige Gesellschaftsspiele für blinde Nutzer investiert. Damit kann sie auch gemeinsam mit sehenden Personen spielen.
Eine weitere Überraschung betrifft ihre Augen. Nachdem anfangs nichts davon zu merken war, hat sich nach und nach ihr Sehen ein bisschen verbessert. Somit war die OP doch ein Erfolg für Amal, der ihr ein bisschen bei der Orientierung helfen wird.
Besonders freue ich mich darüber, dass sie ihren Aktionsradius nach und nach erweitert. Anfangs waren es nur ganz bekannte Wege, die sie alleine gelaufen ist. Später hat sie sich getraut sich auch mal in unbekannte Gefilde zu begeben. Sie fährt jetzt ganz selbstverständlich mit dem Bus nach Frankfurt, und ist kürzlich sogar alleine in die U-Bahn umgestiegen. Und sie traut sich inzwischen Hilfe von Passanten zu erbitten, wenn sie diese braucht. Das mag für viele banal klingen, ist aber für Amal eine große Leistung. Erst recht, da sie vor ihrer Reise nach Deutschland nie alleine auf die Straße gegangen ist. Dementsprechend groß waren ihre Ängste, die sie hier nach und nach abgebaut hat.
Amal hat nun fast ein halbes Jahr bei uns in der Familie gelebt. Sie hat die hiesige Kultur kennengelernt, und damit auch den Umgang mit Menschen mit Behinderung. Was meine Familie dafür tun konnten, das haben wir getan. Ohne meinen Mann und meine Kinder, die das mit getragen haben, wäre das nicht so gegangen.
Ein ganz besonderer Dank geht an all meine Follower, Freunde und Bekannte, die nicht nur mit Geldspenden, sondern mit Kreativität und viel Ermutigung für uns da waren.

Auch wenn Amals Aufenthalt in Deutschland heute endet, werde ich sie nicht einfach so abtun. Ich werde sie weiterhin mit Rat und Tat unterstützen. Den Spendenpool über PayPal werde ich weiter laufen lassen, ihn aber nicht mehr so bewerben. Das Geld, das darauf eingeht, werde ich ausschließlich dafür verwenden, um Amal mit kleinen Hilfsmitteln zu unterstützen. Und wenn es wieder Neuigkeiten gibt, werde ich hier auf dem Blog darüber berichten. Für jetzt wünsche ich Amal eine gute Heimreise, und dass es ihr gelingt möglichst viel Erlerntes in ihren Alltag zu übernehmen. Ich lasse sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge gehen.

Eure Lydia

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Mein Gastkind aus Palästina – Teil 5

Es ist gut zwei Monate her, dass ich zum letzten Mal über mein Gastkind aus Palästina geschrieben habe. Seither ist so einiges passiert, das ich gern für Euch zusammenfassen möchte.

Damals gingen wir davon aus, dass Amal im April diesen Jahres in ihre Heimat fliegen muss, da ihr Visum ausläuft. Ebenso problematisch war die Finanzierung einer OP.
Und hier kommen meine Leser ins Spiel. Viele von Euch haben kleine und große Beträge in den Spendenpool für Amal eingezahlt, und für unsere Sache geworben. Eine Leserin hat weiter recherchiert, und mir den Kontakt zur Deutschen Behindertennothilfe hergestellt. Diese Organisation hat uns bei der Finanzierung entscheidend unter die Arme gegriffen. Und das nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern mit Beratung und einer guten Portion Kreativität und Optimismus. Vielen Dank dafür.
Auch das Bürgerhospital kam uns finanziell entgegen, und gab uns einen verhältnismäßig zeitnahen Termin für die anstehende Operation.
Eine große Hürde war die Verlängerung von Amals Visum. Doch auch das wurde inzwischen zu aller Zufriedenheit gelöst.
Am 21.05. waren wir im Krankenhaus, wo die Voruntersuchungen für die anstehende OP stattfanden, und das Gespräch mit der Anästhesie geführt wurde. Das passierte auf Englisch.
Einen Tag später waren wir bereits um 9:00 Uhr im Krankenhaus. Hier wurde Amal für die OP vorbereitet. Und dann hieß es erst mal Warten. Ich nutzte die Zeit für einen Spaziergang, bis mich die Klinik anrief. Es war geplant, dass ich sie wieder mitnehmen kann, sobald sie wach genug war. Aber ihr Kreislauf sah das anders, sodass kurzfristig entschieden wurde sie über Nacht stationär aufzunehmen. Vermutlich war es ihre erste Nacht in einem Krankenhaus.
Was den Erfolg der OP angeht, so lässt sich das nicht wirklich feststellen. Wir hoffen, dass sich das Auge in den nächsten Wochen wieder etwas fängt.
Inzwischen traut sich Amal alleine mit dem Blindenstock auf die Straße. Sie wird immer sicherer im Umgang mit dem Blindenstock. Und kürzlich ist sie sogar von uns zur Bushaltestelle gegangen, alleine in den richtigen Bus eingestiegen und am vereinbarten Ziel auch alleine ausgestiegen. Für jemanden, der 25 Jahre lang ausschließlich mit sehender Begleitung das Haus verlassen hat, ist das eine reife Leistung. Und ich finde es traurig, dass sie diese Mobilität zuhause nicht weiter ausbauen kann. Dennoch möchte ich, dass sie es hier immer wieder übt. Denn Mobilität kommt nicht durch einmaliges Anschauen, sondern durch ständiges Üben.

In ca. vier Wochen fliegt Amal zurück in ihre Heimat. Dann war sie fast ein halbes Jahr in Deutschland. Wir werden diese Zeit nutzen, um gemeinsam mit ihr an nachhaltigen Perspektiven zu arbeiten. Und da ich die OP nicht aus dem Spendenpool bestreiten muss, werde ich das restliche Geld für Hilfen einsetzen, die ihr auch zuhause helfen können.

Ein spezieller Gruß geht hier an die Mitarbeiter der jordanischen Fluggesellschaft, die trotz rechtzeitiger Umbuchung aus medizinischen Gründen 250 € haben wollten. Und das für einen Flug, der wahrscheinlich chronisch überbucht ist. Die deutschsprachige Seite auf Facebook ist zwar vorhanden, der Chat wird jedoch auf Englisch geführt. Und weil es so schön ist, sollte ich zur Problemklärung eine Festnetznummer in Jordanien zu den üblichen Bürozeiten und Gesprächskosten anrufen. Ich habe Abstand davon genommen, da ich den Sinn darin nicht sehe.