Mein Gastkind aus Palästina – Teil 6

Amal vor dem Rückflug

Heute ist es soweit. Amal wird zurück in ihre Heimat fliegen. Das Ticket ist ausgedruckt, der Koffer gepackt, und die Assistenz am Flughafen ist ebenfalls gebucht. In Amman wird sie von ihrer und meiner Familie abgeholt. So der Plan.

In den letzten Wochen haben wir gemeinsam an Perspektiven für Amal gearbeitet. Ganz oben auf der Prioritätenliste steht für sie, dass sie zuhause die entsprechenden Deutschkurse absolviert, um anschließend hier zu studieren. Dafür hat sie in der kommenden Woche einen Spracheinstufungstest, für den ich ihr ganz viel Erfolg wünsche.

Sie hat hier eine Schulung an ihrem Laptop bekommen, um sicherer im Umgang damit zu werden. Und weil ich das Geld aus dem Spendenpool nicht für die OP ausgeben musste, haben wir es in ein iPhone und einen Orbit Reader investiert. Letzteres ist eine mobile und preisgünstige Braillezeile, die für den mobilen Einsatz oder auch stationär eingesetzt wird. Damit kann sie sich Literatur zugänglich machen, oder sich überall Notizen erstellen und diese später selbständig bearbeiten. Dazu gibt es sogar ein Tutorial auf Arabisch. Denn es ist mir wichtig, dass Hilfsmittel nicht nur angeschafft werden, sondern auch vom Nutzer beherrscht werden. Auch das haben wir hier in Angriff genommen.
Und da das Leben nicht nur aus Lernen besteht, habe ich in ein paar günstige Gesellschaftsspiele für blinde Nutzer investiert. Damit kann sie auch gemeinsam mit sehenden Personen spielen.
Eine weitere Überraschung betrifft ihre Augen. Nachdem anfangs nichts davon zu merken war, hat sich nach und nach ihr Sehen ein bisschen verbessert. Somit war die OP doch ein Erfolg für Amal, der ihr ein bisschen bei der Orientierung helfen wird.
Besonders freue ich mich darüber, dass sie ihren Aktionsradius nach und nach erweitert. Anfangs waren es nur ganz bekannte Wege, die sie alleine gelaufen ist. Später hat sie sich getraut sich auch mal in unbekannte Gefilde zu begeben. Sie fährt jetzt ganz selbstverständlich mit dem Bus nach Frankfurt, und ist kürzlich sogar alleine in die U-Bahn umgestiegen. Und sie traut sich inzwischen Hilfe von Passanten zu erbitten, wenn sie diese braucht. Das mag für viele banal klingen, ist aber für Amal eine große Leistung. Erst recht, da sie vor ihrer Reise nach Deutschland nie alleine auf die Straße gegangen ist. Dementsprechend groß waren ihre Ängste, die sie hier nach und nach abgebaut hat.
Amal hat nun fast ein halbes Jahr bei uns in der Familie gelebt. Sie hat die hiesige Kultur kennengelernt, und damit auch den Umgang mit Menschen mit Behinderung. Was meine Familie dafür tun konnten, das haben wir getan. Ohne meinen Mann und meine Kinder, die das mit getragen haben, wäre das nicht so gegangen.
Ein ganz besonderer Dank geht an all meine Follower, Freunde und Bekannte, die nicht nur mit Geldspenden, sondern mit Kreativität und viel Ermutigung für uns da waren.

Auch wenn Amals Aufenthalt in Deutschland heute endet, werde ich sie nicht einfach so abtun. Ich werde sie weiterhin mit Rat und Tat unterstützen. Den Spendenpool über PayPal werde ich weiter laufen lassen, ihn aber nicht mehr so bewerben. Das Geld, das darauf eingeht, werde ich ausschließlich dafür verwenden, um Amal mit kleinen Hilfsmitteln zu unterstützen. Und wenn es wieder Neuigkeiten gibt, werde ich hier auf dem Blog darüber berichten. Für jetzt wünsche ich Amal eine gute Heimreise, und dass es ihr gelingt möglichst viel Erlerntes in ihren Alltag zu übernehmen. Ich lasse sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge gehen.

Eure Lydia

Mein Gastkind aus Palästina – Teil 5

Lydia und Amal in einem Garten.

Es ist gut zwei Monate her, dass ich zum letzten Mal über mein Gastkind aus Palästina geschrieben habe. Seither ist so einiges passiert, das ich gern für Euch zusammenfassen möchte.

Damals gingen wir davon aus, dass Amal im April diesen Jahres in ihre Heimat fliegen muss, da ihr Visum ausläuft. Ebenso problematisch war die Finanzierung einer OP.
Und hier kommen meine Leser ins Spiel. Viele von Euch haben kleine und große Beträge in den Spendenpool für Amal eingezahlt, und für unsere Sache geworben. Eine Leserin hat weiter recherchiert, und mir den Kontakt zur Deutschen Behindertennothilfe hergestellt. Diese Organisation hat uns bei der Finanzierung entscheidend unter die Arme gegriffen. Und das nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern mit Beratung und einer guten Portion Kreativität und Optimismus. Vielen Dank dafür.
Auch das Bürgerhospital kam uns finanziell entgegen, und gab uns einen verhältnismäßig zeitnahen Termin für die anstehende Operation.
Eine große Hürde war die Verlängerung von Amals Visum. Doch auch das wurde inzwischen zu aller Zufriedenheit gelöst.
Am 21.05. waren wir im Krankenhaus, wo die Voruntersuchungen für die anstehende OP stattfanden, und das Gespräch mit der Anästhesie geführt wurde. Das passierte auf Englisch.
Einen Tag später waren wir bereits um 9:00 Uhr im Krankenhaus. Hier wurde Amal für die OP vorbereitet. Und dann hieß es erst mal Warten. Ich nutzte die Zeit für einen Spaziergang, bis mich die Klinik anrief. Es war geplant, dass ich sie wieder mitnehmen kann, sobald sie wach genug war. Aber ihr Kreislauf sah das anders, sodass kurzfristig entschieden wurde sie über Nacht stationär aufzunehmen. Vermutlich war es ihre erste Nacht in einem Krankenhaus.
Was den Erfolg der OP angeht, so lässt sich das nicht wirklich feststellen. Wir hoffen, dass sich das Auge in den nächsten Wochen wieder etwas fängt.
Inzwischen traut sich Amal alleine mit dem Blindenstock auf die Straße. Sie wird immer sicherer im Umgang mit dem Blindenstock. Und kürzlich ist sie sogar von uns zur Bushaltestelle gegangen, alleine in den richtigen Bus eingestiegen und am vereinbarten Ziel auch alleine ausgestiegen. Für jemanden, der 25 Jahre lang ausschließlich mit sehender Begleitung das Haus verlassen hat, ist das eine reife Leistung. Und ich finde es traurig, dass sie diese Mobilität zuhause nicht weiter ausbauen kann. Dennoch möchte ich, dass sie es hier immer wieder übt. Denn Mobilität kommt nicht durch einmaliges Anschauen, sondern durch ständiges Üben.

In ca. vier Wochen fliegt Amal zurück in ihre Heimat. Dann war sie fast ein halbes Jahr in Deutschland. Wir werden diese Zeit nutzen, um gemeinsam mit ihr an nachhaltigen Perspektiven zu arbeiten. Und da ich die OP nicht aus dem Spendenpool bestreiten muss, werde ich das restliche Geld für Hilfen einsetzen, die ihr auch zuhause helfen können.

Ein spezieller Gruß geht hier an die Mitarbeiter der jordanischen Fluggesellschaft, die trotz rechtzeitiger Umbuchung aus medizinischen Gründen 250 € haben wollten. Und das für einen Flug, der wahrscheinlich chronisch überbucht ist. Die deutschsprachige Seite auf Facebook ist zwar vorhanden, der Chat wird jedoch auf Englisch geführt. Und weil es so schön ist, sollte ich zur Problemklärung eine Festnetznummer in Jordanien zu den üblichen Bürozeiten und Gesprächskosten anrufen. Ich habe Abstand davon genommen, da ich den Sinn darin nicht sehe.

Mein Gastkind aus Palästina

Amal sitzt auf einer roten Couch und streichelt mit der rechten Hand Katze Mignones kopf

Amal und ich stehen seit Jahren in Kontakt. Wir sind entfernt miteinander verwandt. Sie ist blind und lebt mit ihrer Familie im Westjordanland. Die ersten sechs Schuljahre besuchte sie ein Internat für blinde Kinder. Anschließend wechselte sie auf eine Regelschule und machte dort ihr Abitur, gefolgt von einem Studium für Englisch. Den Umgang mit dem PC hat sie sich selbst beigebracht, um mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen und sich Wissen anzueignen. Einen Job konnte sie in den letzten Jahren nicht finden. Ihr größtes Hobby ist das Singen. Außerdem spielt sie ein bisschen Klavier.
Im letzten Herbst habe ich sie eingeladen uns hier in Deutschland zu besuchen. Ich wollte mehr über diese junge Frau und ihre Lebensweise wissen. Und ich wollte meinen Kindern, die hier in Deutschland groß geworden sind, Gelegenheit geben sich mit der arabischen Kultur auseinanderzusetzen. Und ich wollte ihr ein bisschen von dem Wissen weitergeben, das mir geholfen hat ein selbstbestimmtes Leben als blinde Frau zu führen.

Einfach so mit einem Touristenvisum konnte sie nicht kommen. Also stellten mein Mann und ich den Antrag bei der Ausländerbehörde. Hier wurde über einen langen Zeitraum geprüft, ob wir in der Lage sind für ihren Unterhalt zu sorgen, ob wir genügend Wohnraum besitzen usw. Nachdem wir alle erforderlichen Formulare ausgefüllt und die entsprechenden Belege eingereicht hatten, wurde der Bescheid nach Palästina geschickt. In der Regel geht das durch einen Courier. Jemand, den man kennt, der einen kennt, nimmt das Formular mit nach Jordanien. Dort holte es meine Familie ab, und sorgte dafür, dass Amal es bekam. Nun musste sie damit zur deutschen Botschaft gehen, eine Auslandskrankenversicherung nachweisen, und das Besuchervisum beantragen. Probleme gab es, da Amal weder ein eigenes Konto, noch eine Kreditkarte besitzt. Blinde Menschen dürfen dort kein eigenes Konto eröffnen. In Ausnahmefällen bekommen sie eines, wenn sie vier sehende Zeugen mitbringen, die dann auch bei Abhebung von Bargeld das Geld ausgehändigt bekommen. Ich werde an anderer Stelle weiter auf diese Gesetze eingehen. Die Botschaft gab sich erst mal mit dem Konto ihres Vaters zufrieden. Und so bekam ich am 01. Januar 2019 einen Anruf von einem dortigen Mitarbeiter, der ein paar Fragen an mich hatte. Er wollte wissen warum wir Amal einladen, und wie wir zu ihr stehen. Das überzeugte ihn. Denn solche Anträge werden meist abgelehnt.
Jetzt ging es darum die Reise von Amal nach Deutschland zu organisieren. Als Palästinenserin kann sie nicht einfach mal von Tel Aviv nach Deutschland fliegen. Der Weg führt über die Jordanische Grenze, und von dort nach Amman. Das ist etwa eine Reise von sechs Stunden. Dort war mein Vater zu diesem Zeitpunkt, der Amal mit nach Deutschland bringen würde. Denn für sie war es ihr erster Flug.
Seit dem 10.01. ist Amal jetzt bei uns. Sie spricht bereits erste Worte in Deutsch, und hat die ersten Schritte mit dem Blindenlangstock gemacht. Wir werden daran arbeiten, dass sie lernt sich alleine zu orientieren. Weiter stehen Lebenspraktische Fähigkeiten auf meinem Aktionsplan. Wenn sie in drei Monaten wieder in ihre Heimat reist, wird sie diese Kenntnisse an andere blinde Menschen weitervermitteln können. Außerdem möchte ich, dass sie augenärztlich untersucht wird. Die letzte Untersuchung ist irgendwann in ihrer Kindheit gewesen. Ich möchte, dass eine Diagnose gestellt wird, damit wir wissen mit welcher Augenerkrankung wir es zu tun haben, und sich daran etwas verändern lässt.

Ich mache das, weil ich mich selbst in dieser jungen Frau sehe. Nur hatte ich das Glück, dass sich Menschen um mich kümmerten, und mir mein heutiges Leben ermöglicht haben. Das Meiste kriege ich irgendwie hin. Dennoch bin ich für jede Spende dankbar. Damit kann ich vielleicht kleine Hilfsmittel für Blinde kaufen, einen Augenarzt bezahlen oder einen Mobilitätstrainer, der prüft, ob ich ihr die Blindentechniken richtig beigebracht habe.

Und ich freue mich darauf ihr Deutschland ein bisschen zu zeigen. Nicht das Deutschland, welches sie aus den Medien ihrer Heimat kennt, sondern das, welches ich kenne und liebe gelernt habe. Und natürlich werde ich hier auf dem Blog über das Projekt Amal weiter berichten.

Ich habe spontan diesen Spendenpool über PayPal eingerichtet. Wenn Ihr meine Arbeit gut findet, und mich dabei unterstützen wollt, dann teilt diesen über Eure Netzwerke. Dafür danke ich Euch von Herzen. Eure Lydia

iPhoneApps für unterwegs

Lydia mit einem iPhone, dessen Kamera auf ihr Oberteil gerichtet ist.

Da ich kein Auto oder Fahrrad fahren kann, bin ich meist zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. In meinem Beitrag der Blindenstock in der Praxis beschreibe ich wie ich mich im Straßenverkehr orientiere.
Es gibt aber auch für mich Situationen, wo ich mit dem Blindenstock alleine nicht an mein Ziel kommen kann. Dann nutze ich einige technische Hilfsmittel, die mein iPhone mir bereitstellt. Diese habe ich hier einmal zusammengestellt.

Ich kann die Fahrpläne an der Bushaltestelle nicht lesen. Daher nutze ich die gut zugängliche App Abfahrtsmonitor, die mir Haltestellen des ÖPNV und die jeweiligen Streckenverläufe anzeigt. Sie kann meinen Standort feststellen und mir Haltestellen in meiner Nähe anzeigen. Außerdem kann ich mir häufig genutzte Haltestellen als Favoriten definieren, was das Auffinden enorm beschleunigt.

Wenn ich gezielt mit der Bahn fahren möchte, dann nutze ich gern den DB Navigator. Hier kann ich mir Züge inklusive Fahrpreis anzeigen lassen, ein Ticket buchen oder eine Reservierung vornehmen. Allerdings ist die Bedienung mit dem Screenreader VoiceOver etwas gewöhnungsbedürftig und erfordert etwas Übung. Was auch noch nicht geht ist die kostenlose Reservierung für die Begleitperson eines Schwerbehinderten Fahrgastes. Das geht bisher nur über den Mobilitätsservice oder am Bahnschalter.

Die App Seeing Assistant AlarmGPS Lite ermöglicht es Punkte zu setzen, und ein akustisches Signal auszulösen, wenn man sich diesen auf eine vordefinierte Distanz nähert. Ich mache das gern bei Buslinien, die keine akustischen Ansagen haben. Ebenso kann man gezielt eine Adresse suchen und sich diese einspeichern. Besonders mag ich, dass man die gesetzten Punkte mit anderen Nutzern dieser App teilen kann. Zum Ausprobieren gibt es eine kostenlose Version. Nach heutigem Stand ist die App in Englisch.

Vom selben Entwickler gibt es die App Seeing Assistant Move LITE, mit deren Hilfe man Wegstrecken aufzeichnen kann. Das macht Sinn, wenn man sich nicht so stark auf einen Weg konzentrieren möchte. Ich habe das genutzt, wenn ich einen Weg mit sehender Begleitung gegangen bin, und diesen später alleine wieder finden wollte. Auf dem Weg kann man sich auch Punkte setzen, die man beschreiben kann. Beispiel: Links halten, oder auf Poller achten. Auch hier gibt es zum Ausprobieren eine kostenlose Version. Bei dieser App sollte man wissen, dass sie nicht komplett ins Deutsche übersetzt wurde.

Wenn ich einen Weg plane, dann wähle ich nicht immer die kürzeste Strecke, sondern die, welche mir leichter fällt. Ein wesentlicher Aspekt sind Straßenkreuzungen. Manche kann ich gut nach Gehör überqueren, oder es gibt blindengerechte Ampeln. Die App Ampel-Pilot verspricht Abhilfe, indem sie die Rot- bzw. Grünphase erkennt. Allerdings ist sie mit Vorsicht zu genießen. Ich empfehle aus Sicherheitsgründen die ersten Tests mit einer Ampel durchzuführen, die man gut kennt. Alternativ würde ich erste Tests gemeinsam mit sehender Begleitung durchführen. Diese App befindet sich noch in der Testphase, hat jedoch Potential.

Die App ist eine Navigationshilfe für blinde Nutzer, die mir gerade in einer fremden Umgebung eine große Hilfe ist. Ich kann ein Restaurant, ein Hotel oder einen Bahnhof heraussuchen, und mir anzeigen lassen in welcher Richtung und wie weit entfernt dieser von mir ist. Und ich kann diese Informationen einer Navigationsapp übergeben, die mich hin navigieren kann. Plane ich eine Reise an einen fremden Ort, kann ich diesen von zuhause aus simulieren und mir schon mal die Umgebung ansehen. Diese App ist sehr umfangreich. Man sollte sich daher ein bisschen Zeit für die Einarbeitung nehmen.

Die App Myway Klassik vereinigt mehrere Funktionen, für die blinde und sehbehinderte Anwender sonst mehrere Apps gleichzeitig nutzen müssen. Die App verfügt über ein klassisches Fußgängernavigationssystem, ermöglicht es einen Überblick über die unmittelbare Umgebung zu bekommen und verfügt über die Möglichkeit Routen aufzuzeichnen.
Orientierungspunkte können selbst gesetzt werden benannt und mit eigenen Navigationsanweisungen versehen werden. Die Punkte und Routen können
verschickt und von der App eingelesen werden. Dies ermöglicht den gegenseitigen Austausch von Routen. So legt der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband Wanderrouten auf einem Server ab, die sich blinde Wanderer dann herunterladen und zur eignen Begehung von Wanderwegen nutzen können.
Doch es gibt auch Situationen, in welchen sehende Hilfe nötig ist. Hier habe ich die App
Be My Eyes – Helping blind see zu schätzen gelernt. Damit kann ich über Videotelefonie auf ein weltweites Helfernetzwerk zugreifen. Die sehende Hilfe kann durch meine Kamera blicken und mir die beispielsweise helfen die gesuchte Steckdose im Hotelzimmer oder die heruntergefallene Brille zu finden.

Das war eine kleine Auswahl von Apps, die ich im Alltag nutze. Und es ist gut, dass es inzwischen eine beträchtliche Auswahl dieser Alltagshelfer gibt, die uns Menschen mit einer Sehbehinderung zu mehr Lebensqualität und räumlicher Unabhängigkeit verhelfen.

Die blinde Mutter und der Autokauf

Lydia steht neben der Fahrertür eines Autos.

Ich habe mich nie besonders für Autos interessiert. Für mich war das ein Gehäuse auf vier Rädern. Auch die meisten Autotypen sagten mir wenig. Ich glaube, ich hatte ebenso viel Ahnung von den Eigenschaften eines Autos wie ein normal sehender Mensch von den Unterschieden bei der Brailleschrift.
Als ich klein war, hatten wir ein Auto in der Familie, welches von meinem Vater gefahren wurde. Meine Mutter erledigte ihren Alltag komplett ohne Auto. Und auch ich lernte ohne Auto zu denken. Und wenn ich doch mal einen Ort erreichen musste, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreichbar war, nahm ich mir ein Taxi, oder organisierte mir ein Auto inklusive Fahrer. Als meine Kinder im Vorschulalter waren, wurde das Auto noch mal interessant. Ich bezahlte eine Assistenz dafür mit mir den Familieneinkauf, den ich alleine nicht nach Hause tragen konnte, zu erledigen. Und wenn mein Sohn am Wochenende zu einem Treffpunkt für sein Fußballspiel musste, dann war ich auf die Hilfe von anderen Eltern angewiesen, oder ich bezahlte ein Taxi.
Auch meine Kinder lernten ohne Auto zu denken. Während ihrer Grundschulzeit war alles in meiner Heimatstadt zu Fuß erreichbar. Und als sie älter wurden, durften sie das Fahrrad benutzen. Dadurch erweiterte sich ihr Aktionsradius. Denn die weiterführende Schule war in der Nachbarstadt. Bei gutem Wetter fuhren sie mit dem Fahrrad hin, während sie im Winter den Bus nahmen. Wenn es mal richtig stark regnete, dann fanden wir entweder andere Miteltern, die meine Kinder mitnahmen, oder ich bestellte ihnen ein Taxi.
Mit 17 Jahren machte meine Tochter ihren Motorradführerschein. Dadurch erweiterte sich ihr Aktionsradius noch mal. Für sie war das wichtig, da das Einzugsgebiet ihrer aktuellen Schule sich vergrößert hatte, und der ÖPNV in manchen Situationen sehr zeitaufwändig war. Jetzt war es auch mal möglich für vier Freistunden nach Hause zu fahren, was mit dem Bus kompletter Unsinn war.
Anfang 2018 bekam sie nun ihren PKW-Führerschein. Endlich hatten wir jemanden in der Familie, der ein Auto fahren durfte. Aber woher jetzt ein Auto bekommen? Mein Mann und ich hatten versäumt uns mit der Materie Auto auseinanderzusetzen. Und jetzt bekamen wir die Rechnung präsentiert. Wir brauchten jemanden, der gemeinsam mit uns nach einem passenden PKW suchte. Und hier lag das Problem. Auf einmal hatten wir im sozialen Umfeld ganz viele selbst ernannte Experten, die uns mit so vielen Ratschlägen bombardierten, dass mir jedes Mal der Kopf schwirrte. Wir fuhren Gebrauchtwagenhändler ab, machten Termine mit verschiedenen Privatleuten, die Autos verkauften, um dann festzustellen, dass das Angebot sich vom tatsächlichen Objekt unterschied. Hurra, es lebe die Bildbearbeitung! Ein Verkäufer wollte uns sogar weiß machen, er habe das falsche Auto fotografiert. Schade, dass ich zu dem Zeitpunkt keine Visitenkarte vom ansässigen Blindenverband dabeihatte.
Mit dem Autokauf fühlte ich mich völlig überfordert. Vielleicht könnte man das mit einem nicht blinden Menschen vergleichen, der eine geeignete Braillezeile für einen Blinden aussuchen soll. Dabei konnte es doch kein Hexenwerk sein, ein Auto zu kaufen. Oder vielleicht doch? Und so langsam lief uns die Zeit davon.
Irgendwann telefonierte ich mit einem Bekannten, und sprach das Thema an. Dieser kannte sich aus, und hatte Freunde im Autohandel, die er fragen würde. Wir brauchten einen Gebrauchtwagen, der fahrtüchtig und ohne Bastelbedarf war. Eine Woche später fuhren meine Tochter und ich zu ihm nach Düsseldorf, wo wir eine Auswahl in Frage kommender Autos fanden. Wir entschieden uns für eines, und wurden handelseinig. Ich würde die Hälfte des Geldes überweisen, danach würden die Fahrzeugpapiere zu uns geschickt, und der Kaufvertrag aufgesetzt. Danach konnten wir hier das Auto versichern, anmelden, und anschließend in Düsseldorf abholen.
Es dauerte eine Woche, bis wir die Unterlagen hatten und eine Versicherung gefunden hatten.
Jetzt musste das Auto noch von Düsseldorf nach Frankfurt. Meine Tochter war Fahranfängerin. Daher wollte ich nicht, dass sie diese Strecke allein fuhr. Für 300 € hätte der Händler es uns auch geliefert. Doch wollte ich das Geld nicht ausgeben. Am Ende konnte ich eine Freundin der Familie dafür gewinnen das Auto gemeinsam mit mir zu fahren.
Diese Freundin fuhr mit mir zur Zulassungsstelle nach Langen, um das Auto anzumelden. Die dortigen Mitarbeiter hatten wohl noch nie einen blinden Menschen live und in Farbe gesehen. Jedenfalls erfüllten sie alle gängigen Klischees. Sie sprachen mit meiner sehenden Begleiterin, wenn sie etwas wissen wollten. Einige starrten mich an, als hätte ich eine neue Warze auf der Nase. Und gleich mehrere Mitarbeiter stellten meiner Freundin die Frage, ob sie mir bei der Unterschrift die Hand führen würde. Nein, tut sie nicht. Sie zeigt mir wo die Unterschrift hin soll.
Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Düsseldorf, und holten das Auto ab. Ein kleines Auto, das für uns alle Platz bietet, und meinen Kindern einen größeren Aktionsradius ermöglicht.

Was hat sich für mich seitdem geändert
In meinem Alltag hat sich nicht viel geändert. Ich bewege mich nach wie vor ohne Auto durch meinen Alltag. Die Ausnahme bildet der Großeinkauf, den wir jetzt mit dem Auto erledigen können. Außerdem können wir hin und wieder mal einen Ausflug an einen der naheliegenden Baggerseen machen. Diese sind für mich ohne Auto oder Fahrrad unerreichbar. Und wenn wir unterwegs sind, brauche ich mir keine Gedanken zu machen, dass ich zu jeder Zeit mein Gepäck selbst tragen können muss. Das Auto ist ein kleines Bonbon für meine Familie. Aber es wird nie meinen Alltag beherrschen. Dafür liebe ich meine Mobilität und Unabhängigkeit zu sehr.