Ehrenamt oder auch mal nicht

Jennifer Sonntag

Meine heutige Gastautorin ist Jennifer Sonntag, die bereits den Beitrag Ich höre Eure Blicke nicht geschrieben hat. Auch diesmal greift sie ein Thema auf, welches unter Betroffenen immer wieder kontrovers diskutiert wird.

Expert*innen zweiter Klasse?

Wertschätzung und Augenhöhe sind auch uns Menschen mit Behinderung wichtig. Aktuell wurde ich als Podiumsteilnehmerin auf eine Tagung mit dem Titel “Wie geht es weiter auf dem Weg zur Inklusion?“ eingeladen. Kostenvoranschläge für Honorare konnten eingereicht werden. Ich freute mich über diesen Sinneswandel, denn bei uns Expert*innen mit Behinderung erwartet man leider nach wie vor ehrenamtliche Expertisen, obwohl wir mit gleichrangigen Qualifikationen antreten. Die Verträge unterschreiben jedoch andere. So werden wir die Über-uns-ohne-uns-Kultur nie verlassen. Und auch diesmal hatte ich mich zu früh gefreut. Ich erhielt eine irritierte Antwort. Die Honorare seien nicht auf mich bezogen gewesen und die anderen behinderten Podiumsteilnehmenden seien auch ehrenamtlich da.
Geschätzte Veranstaltende: Inklusion und Teilhabe heißt auch, dass Expert*innen mit Behinderung in Panels und an Podien nicht immer kostenlos sitzen können. An Ehrenämtern mangelt es vielen von uns nun wirklich nicht. Ich habe einen überquellenden Sack voll davon und engagierte mich allzu oft über meine Kräfte hinaus kostenlos. Aber gerade bei solchen Tagungen, bei denen es um unsere Belange geht, finde ich es ein wichtiges Zeichen, eben nicht wieder in der Ehrenamtsfalle zu landen. Viele von uns sind Freiberufler und wenn wir unsere Mitwirkung nicht als Funktionär*in eines Verbandes oder dienstlich verbuchen können, müssen wir ganz regulär Angebote schreiben und Rechnungen stellen. Ausgerechnet die, die sich über einen Kostenvoranschlag eines behinderten Menschen empören, sind ganz gewiss nicht ehrenamtlich zugegen. Und natürlich habe ich befreundete Organisationen im Blick, die Selbsthilfe, die wenig Geld hat und für die ich immer kostenlos arbeite. Aber es gibt geförderte Inklusion, oft an unseren Bedürfnissen vorbei, in die Taschen derer hinein, die unser Teilhaben an der Teilhabe eher behindern.

Hier die Honorarstaffel der ISL, die ich oben in der Mail erwähnte. Ich lag mit meinem Kostenvoranschlag deutlich darunter und wurde dennoch abgelehnt.
Hier der Link zum Gesamten Projekt mit den Links zu den Referent*innen, an dem sich Veranstaltende orientieren können.

Das ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt behinderter Menschen, die sich gezielt qualifizieren ließen, es gibt natürlich viele unter uns, die aufgrund anderer Qualifikationen oder Expertisen nicht immer kostenlos arbeiten können, da das auch Aufwand, Vorbereitung, Fahrtkosten, evtl. Assistenzkosten, Weiterbildung usw. bedeutet.

Bei allen bestärkenden und positiven Rückmeldungen gab es auch eine Rückmeldung eines blinden Mannes, die ich sehr verletzend fand. Er verstünde diese Selbstdarstellung nicht und ich wolle ja nur Werbung machen. Er selbst sei auch blind und Ehrenamt gebe ihm Kraft. Das ist ja auch gar nicht der Punkt. Ehrenamt kann was Tolles sein, aber wenn wir wieder die billigen Maskottchen am Rande sind, während andere Teilnehmer ihre Anwesenheit dienstlich verbuchen oder Honorare abrufen können, dann ist das gerade bei Tagungen rund um Inklusion keine Inklusion. Ich möchte da aber nicht für alle sprechen, mancher tritt gern ehrenamtlich auf, hat vielleicht einen gut bezahlten Job und möchte gern etwas zurückgeben. Mancher darf auch nichts hinzuverdienen oder möchte einfach keine komplizierten Abrechnungen. Jeder ist da anders. Aber uns immer kostenlos vorauszusetzen ohne nachzufragen ist übergriffig.

Jennifer Sonntag ist blinde TV-Moderatorin bei MDR-Selbstbestimmt. Über ihre Arbeit als Sozialpädagogin, Inklusionsbotschafterin und Buchautorin könnt Ihr Euch auf ihrer Seite blind verstehen informieren.
Zu diesem Thema möchte ich Euch noch zwei weitere Beiträge ans Herz legen, nämlich den auf Kobinet-Nachrichten und einen von Raul Krauthausen. Die Arbeit eines Menschen mit Behinderung wertschätzen heißt diese auch entsprechend zu honorieren, statt grundsätzlich davon auszugehen, dass es Lohn genug ist seine Geschichte zu erzählen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen bedanken, die mich Regelmäßig bei Steady unterstützen, oder mir hin und wieder eine kleine Anerkennung für ein Eis oder einen Kaffes zukommen lassen. Auch das ist Wertschätzung.

Inklusion, das lerne ich von meinen Schülern

Ein gelbes Straßenschild mit der Aufschrift "welcome to school"

Das Thema Inklusion ist eines der Themen, welche immer wieder kontrovers diskutiert werden. In Inklusion, ich war immer die Ausnahme, habe ich dazu ein Interview mit einem blinden Schüler geführt. Ergänzend dazu hat ein Gastautor den Beitrag Gedanken zum Thema Inklusion geschrieben, der dieses Thema von mehreren Seiten beleuchtet. Heute ist Sunnybee vom Mutter-und-Sohn.Blog meine Gastautorin, die aus der Sicht einer Lehrerin erzählt.

Inklusion im Schulunterricht: Was ich von meinen körperlich eingeschränkten Schülerinnen und Schülern lerne

Ich arbeite seit inzwischen fast zehn Jahren als Lehrerin an einer Schule, an der Erwachsene ihr Abitur nachholen. Meine Schüler, bzw. Studierenden, wie die Erwachsenen an unserer Schule genannt werden, sind äußerst unterschiedlich. Unter ihnen sind Menschen mit Fluchterfahrung und noch geringen Deutschkenntnissen, ebenso wie junge Frauen und Männer mit psychischen und körperlichen Erkrankungen oder körperlichen Einschränkungen. Einer meiner Kollegen sitzt im E-Rollstuhl und unterrichtet mit Assistenz. Für alle ist es inzwischen Alltag, ihn mit seiner Begleitung zu sehen, die ihm z.B. in der Schulmensa bei der Nahrungsaufnahme behilflich ist oder Kursmaterialien für ihn kopiert. Auch einer meiner Studierenden ist aufgrund einer spastischen Lähmung auf Assistenz angewiesen. Sein jeweiliger Assistent, bzw. seine Assistentin sitzt mit im Unterricht und macht auf seine Anweisungen hin Notizen. In Klausuren erhält er als Nachteilsausgleich 50% mehr Zeit für das Bearbeiten der Aufgaben. Sein Assistent oder seine Assistentin notiert dabei wie im Unterricht handschriftlich, was er ihnen diktiert.

Methodik mit Tücken

An einem meiner Leistungskurse nimmt neben diesem Studierenden ein junger Mann mit starker Seheinschränkung teil. Ich finde es beeindruckend, wie locker und selbstverständlich beide mit ihrer Behinderung umgehen. Letztlich lernen alle im Kurs dadurch viel von ihnen. Mein seheingeschränkter Studierender verfügt, wie er mir erklärte, noch über einen Sehrest, der ihm die Wahrnehmung von Schwarz-weiß-Kontrasten, Konturen und kräftigen Farben ermöglicht. Texte liest er mit einem elektronischen Lesegerät, bzw. mit einer Leselupe auf dem Tablet, das ihm diese stark vergrößert. Auch seine Notizen macht er, indem er die Arbeitsblätter unter die elektronische Lupe legt und so seine eigene Schrift lesen kann. Tafelbilder fotografiert er ab und sieht sie sich auf dem Tablet von Nahem und vergrößert an, die Klausuren schreibt er an einem extra dafür verwendeten PC. Ich, als Fachlehrerin, speichere das Dokument nach Ende der Klausur auf USB-Stick und drucke es mir für die Korrektur aus.
Kürzlich wurde mir während einer Stunde aber noch einmal bewusst, wie „blind“ wir Sehenden manchmal trotz aller Reflektiertheit für die Andersartigkeit – und damit auch die anderen Bedürfnisse – unserer Gegenüber sind. Ich hatte die, wie ich fand, tolle Idee gehabt, als Einstieg in ein neues Thema ein „Schreibgespräch“ zu initiieren, eine Methode, bei der meine Studierenden sich in kleinen Gruppen über ein vorher bestimmtes Thema (hier eine neu begonnene Lektüre) ausschließlich schriftlich austauschen sollten. In ihrer Mitte lag also ein großes Blatt und sie sollten ihre Gedanken und Assoziationen darauf notieren und wiederum Kommentare und Anmerkungen – ebenfalls ohne Worte – neben die Notizen ihrer Mitschüler/-innen schreiben. Als Abschluss der Gruppenarbeit sollten sie, nun wieder mündlich, die wichtigsten Ergebnisse des Austauschs im Plenum vortragen.
Logisch, dass diese Methode nicht gerade inklusiv für sehbehinderte Schülerinnen und Schüler ist? Ebenso wenig wie für diejenigen, die nicht selbst einen Stift halten können? Mir fiel das tatsächlich erst auf, als meine Studierenden schon mitten in der Gruppenarbeit steckten und es war mir, ehrlich gesagt, ganz schön peinlich.

Die soziale Kompetenz meiner Studierenden

Nun kam ich jedoch in den Genuss der wahren Kompetenz meiner Studierenden – der körperlich eingeschränkten wie der nicht eingeschränkten: wirklich alle beteiligten sich an der Gruppenarbeit. Mein Studierender mit Schreibassistenz, indem er seinem Assistenten halblaut diktierte, was dieser auf das Blatt in der Mitte schreiben sollte. Mein Studierender mit Seheinschränkung, indem ihm seine Mitstudierenden halblaut vorlasen, was sie geschrieben hatten, bzw. indem er ihre Notizen mithilfe der Leselupe auf seinem Tablet vergrößerte und anschließend seine Kommentare dazu schrieb. Außerdem gingen die Studierenden in dieser Gruppe wie selbstverständlich dazu über, ihre Notizen in verschiedenen Farben zu machen. Eigentlich klar: für jemanden, der nur eingeschränkt sehen kann, bedeutet es eine zusätzliche Anstrengung, auch noch verschiedene Handschriften auseinanderzuhalten und somit ohne Worte zu erfassen, wer was in diesem „Schreibgespräch“ gesagt hat… Das alles lief so selbstverständlich und entspannt ab, dass ich wirklich staunte. Dafür, dass ich mit der Absicht methodischer „Auflockerung“ eigentlich gerade jede Barrierefreiheit beseitigt hatte, wussten sich ALLE meine Studierenden beeindruckend gut zu helfen.
Auch das Feedback meines seheingeschränkten Studierenden nach der Übung, als ich alle im Kurs um eine kurze Rückmeldung zur Methodik bat, war äußerst aufschlussreich für mich. Es sei eine „sehr interessante Erfahrung“ gewesen, „wenn auch vielleicht nicht die ideale Methode für Menschen mit Seheinschränkung“, wie er mit feiner Ironie bemerkte. Aber was ihm sehr gefallen habe: in der Klasse sei es endlich mal komplett ruhig gewesen… Wir mussten alle lachen und auch diesbezüglich hatte ich durch einen einzigen Satz wieder etwas begriffen: wie anstrengend nämlich sonstige Gruppenarbeit, in der 20 bis 30 Menschen, wenn auch nur halblaut, sich zur selben Zeit unterhalten, für Studierende mit Seheinschränkung sein muss. Wenn ich ohnehin schon einen Großteil meiner Sehkraft über das Gehör kompensieren muss und nonverbale Gesprächssignale wie Nicken oder Kopfschütteln für mich nur schwer erkennbar sind, wie anstrengend muss dann eine solche Geräuschkulisse während des Austauschs mit anderen sein!
Tja… und so ging ich selbst an diesem Tag ein Stückchen klüger nach Hause sowie ziemlich beeindruckt von der echten Inklusion, die ich an diesem Tag erlebt hatte!

Danke Dir, liebe SunnyBee für Deine Erfahrungen, die Du mit uns teilst. Deine Blogbeschreibung „Mutter – berufstätig – alleinerziehend – kreativ“ trifft die Vielseitigkeit Deines Blogs, den ich immer wieder mit Spannung lese.

Gedanken zum Thema Inklusion

Matthias Schäfer bedient mit einer Hand ein Smartphone

Ich danke Matthias für seinen Text über Inklusion. Er hat schon mal für mich geschrieben. Hier geht es zu seinem Beitrag Brandschutz für blinde Menschen.

Als blindes Kind besuchte ich eine Sonderschule für blinde Kinder, kurz Blindenschule. Heute nennt man das Schule mit dem Schwerpunkt Sehen. Damals waren sogar noch blinde und sehbehinderte Schüler in separaten Schulen getrennt. Da blinde Kinder eine verhältnismäßig kleine Gruppe sind, gab es im Bereich Grund- Haupt- und Realschule, nur eine Einrichtung in Hessen. Ähnlich war es in anderen Bundesländern geregelt. Der Gymnasialzweig für alle Schüler in Deutschland befand sich in Marburg an der Lahn. Die Klassenstärke lag maximal bei 10 Schülern und einer Lehrkraft.
Also war klar, kleine blinde Kinder mussten mit dem Schuleintritt in ein Internat. In Meinem Fall also nach Friedberg. Das bedeutete: Sonntags nachmittags, bereits um 14.30 Uhr fertig machen, Packen und weg aus der Familie. Erst freitags gegen 18.00 Uhr war ich wieder zuhause. Mit dem Wechsel auf das Gymnasium in Marburg hatten wir samstags Unterricht. Es gab nur ein Wochenende mit einem freien Samstag. Im Klartext hieß das, dass wir Schüler unsere Familie nur einmal im Monat besuchen konnten. Klar, dass man sich dann, spätestens als Jugendlicher in der Pubertät, von seiner Familie entfernt. So war ich schon mit 17, fast gar nicht mehr zuhause.
Vorher, war ich in einem ganz normalen Kindergarten. Ich hatte Freunde und lernte mich durchzusetzen. Als ich dann ins Internat kam, waren die Freunde schnell weg und das bisschen Wochenende und die Ferien, waren dann, was das Zusammensein mit Gleichaltrigen betrifft, ziemlich einsam.
Als Jugendlicher erlebte ich dann so besondere Maßnahmen, wo man, als besonderes Projekt, blinde und sehende Kinder zusammenbrachte. Beide Gruppen hatten sonst im Alltag kaum etwas miteinander zu tun. Diese „Besonderen pädagogischen Maßnahmen“, waren von vielen Missverständnissen geprägt. Da merkte man als blinder Jugendlicher erst, dass die Entwicklung und der Erfahrungshintergrund, in der exklusiven Welt, eine ganz andere ist.
Für meine Eltern und mich, war die Internatszeit, eine schlimme Zeit. Ich finde es noch heute ein Unding, Kinder, die in einer intakten Familie leben, so früh in ein Internat geben zu müssen. Erst später, nachdem ich geheiratet hatte und selbst Kinder hatte, habe ich wieder ein normales Verhältnis zu meinen Eltern entwickelt.

Nun zur Inklusion:
Inklusion wird nahezu von allen Lebensbereichen aufgegriffen. Jeder, der sich im Sozialbereich profilieren will, macht ein Inklusionsprojekt. Inzwischen beteilige ich mich nicht mehr an solchen Projekten. Überall, wo ich als aktiver blinder Mensch auftauche, will man mich inkludieren. Das nervt! Vor einigen Monaten sollte eine Reportage über inklusive Familien gedreht werden. Die Teilnahme habe ich trotz meiner hohen Medienpräsenz, abgelehnt. In jeder Familie, gibt es spätestens in der älteren Generation, jemand mit Einschränkungen. Also was soll dieser Quatsch mit „inklusiven Familien“.

Leider ist die Umsetzung der Inklusion an Schulen, durch Schnellschüsse und Unüberlegtheit geprägt. Inklusion findet dadurch statt, dass jeder Schüler mit Unterstützungsbedarf, eine Assistenz bekommt. Die Lehrer sind meistens sonderpädagogisch nicht kompetent. Wie auch, bei den unterschiedlichen Bedürfnissen? Die Assistenz ist aber meist auch ungelernt. Und die Institutionen, bei denen die Assistenzkraft angestellt ist, haben auch meistens keine Kompetenz, für die Formen von Behinderung, die sie nicht spezifisch unterstützen. So schickt z.B. die Lebenshilfe die sich auf die Unterstützung von Menschen mit kognitiven Behinderungen spezialisiert hat, auch Assistenten zu blinden und sehbehinderten Kindern. Das können auch schon mal Jugendliche, die gerade erst aus der Schule gekommen sind, ein freiwilliges soziales Jahr machen und so über kaum bis gar keine Erfahrungen verfügen sein. Dies versucht man dann, durch speziell sonderpädagogisch ausgebildete Förderlehrer, die Stundenweise an der Schule sind, auszugleichen. Dabei stellt sich die Frage, ob dies tatsächlich ausreicht. Denn Lehrer und Schulassistenz müssen ja auch mit den speziell aufbereiteten Lernmaterialien und den technischen Hilfsmitteln, die z.B. ein blindes Kind braucht, zurechtkommen, um die Schüler adäquat zu unterstützen.

Ein weiteres Problem sehe ich darin, dass die Inklusionsschüler immer jemanden an der Seite haben, der sie speziell betreut. Die Kinder mit Behinderung lernen dadurch: Ich bin etwas Besonderes und brauche immer jemanden, der für mich da ist.
Wir als Schüler einer Schule für blinde Kinder, sind ganz normal auf dem Pausenhof herumgetobt, sind auf Bäume geklettert, Rollerskates und auf dem Hof, Fahrrad gefahren. Die Kinder mit Behinderung, die heute an einer Regelschule sind, dürfen nicht mal hinfallen, dürfen sich oft nicht mal alleine in der Pause bewegen.

Ein weiteres Problem ist der Sportunterricht. Sehende Kinder machen viele Ballsportarten, an denen das blinde Kind nicht teilnehmen kann. Das blinde Kind bekommt immer das Gefühl, dass es viele Dinge, nicht mitmachen kann und die Sportlehrer sind nicht darauf ausgebildet, für alle Kinder mit Inklusionsbedarf, Alternativen zu finden. Wir in der Blindenschule haben fast alles machen können. Leichtathletik, spezielle Ballsportarten, Ski fahren, – auch Abfahrt – Kajak fahren, rudern, Reiten, surfen und vieles mehr. Kein normal ausgebildeter Sportlehrer, und die Assistenz schon gar nicht, haben die Kompetenz, hier z.B. ein blindes Kind effektiv zu integrieren.

Im Internat hatten wir Freizeitangebote, AGs, an denen wir außerhalb der Schulzeit teilnehmen konnten. Wir trafen uns ganz normal mit Freunden. Leider ist es im Rahmen der „Inklusion“ so, dass diese oft nach Schulschluss endet. Kaum ein Sportverein ist auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung ausgerichtet. Eine Assistenz zur Teilnahme an Freizeitaktivitäten wird von den Kostenträgern nicht finanziert. Selbst die Unterstützung von Teilnahme an Schul-AGs ist kaum realisierbar. Unter Umständen kann das für das blinde Kind ein recht einsames Leben bedeuten. Mir werden immer mehr Fälle bekannt, wo sich blinde Schüler nach einigen Jahren wieder in die Sonderschule flüchten.

Bei all dem darf man nicht vergessen, dass es auch eine Menge Behinderungsarten gibt, bei denen eben nur die bauliche Barrierefreiheit gewährleistet sein muss. Für die ist es natürlich absoluter Blödsinn, sie in eine Sonderschule zu schicken.

Die Inklusion, wie sie derzeit gelebt wird, ist insgesamt wenig durchdacht. Hier mal ein möglicher Vorschlag, wie schulische Inklusion gelingen kann:
Wir schaffen einen neuen Beruf. Nennen wir ihn mal Lehrerassistent. Jeder Lehrer, der in seiner Klasse Schüler mit besonderem Förderbedarf hat, bekommt einen Lehrerassistenten, der dem Lehrer im Unterricht assistiert. Dieser Lehrerassistent sollte eine zwei bis dreijährige Ausbildung durchlaufen. In dieser Ausbildung lernt der Assistent verschiedene Förderbedarfsgruppen kennen und erlernt Techniken, wie unterschiedliche Bedarfe, in den Schulalltag zu integrieren sind. Die Assistenten sind nicht bei irgendeinem Träger angestellt, sondern sie gehören in den Stellenplan der Schule.
Die Assistenten assistieren dem Lehrer, sind in die Pausenaufsicht mit integriert und assistieren auch bei Freizeitangeboten in der Mittagspause, AGs etc.
Dies löst mit Sicherheit nicht alle Probleme, wäre aber ein guter Ansatz.
Die Diskussion um schulische Inklusion polarisiert. Es gibt radikale Befürworter und es gibt Gegner. Die Durchführung von Inklusion ist geprägt durch Streitigkeiten zwischen Eltern, Schulen, Trägern der Schulassistenten und den Behörden, die die Kosten für die Förderung übernehmen.
Eine Diskussion aller Beteiligten darüber, wie Inklusion tatsächlich gelingen kann, wäre zum Wohl der Kinder mit besonderem Förderbedarf dringend notwendig.

Karl Matthias Schäfer engagiert sich im Landesvorstand des Blinden- und Sehbehindertenbund Hessen – BSBH. Einen Einblick in den Alltag des Technik interessierten Berufspendlers könnt Ihr Euch auf diesem Video ansehen.

Ich lade alle an diesem Thema interessierten Leser dazu ein in den Kommentaren darüber zu diskutieren.

Meine blinde Praktikantin, ein Erfahrungsbericht

Sabine Omarow

Als ich Sabine kennenlernte, gab es meinen Blog bereits einige Monate. Damals experimentierte ich damit meinen Blog in Facebookgruppen vorzustellen, deren Thematik irgendeinen Bezug zu meinen Inhalten hatte. Ich probierte Gruppen aus, die sich mit Flüchtlingen, Haushalt oder Sozialarbeit beschäftigten. Im Prinzip alles an Gruppen, von denen ich mir Interessenten erhoffte. Und in einer dieser Gruppen traf ich auf Sabine, die eine Praxis für Lerntraining betreibt. Im Jahr 2017 organisierte sie einen Kongress im Internet, für den sie mich um ein Interview bat.
Über Facebook hatte ich auf meiner Seite
Lydiaswelt gefragt, wer der Lust habe einen Gastbeitrag für mich zu schreiben, der einen Bezug zu Blindheit, Sehbehinderung oder blinde Eltern hat. Darauf bekam ich von Sabine den folgenden Beitrag:

Meine blinde Praktikantin
Als ich meine Praxis für Lerntraining noch in Berlin hatte, erzählte eine erwachsene Schülerin mir von einer jungen Frau, die plötzlich blind geworden war. Diese Frau sei dabei, sich aus dem persönlichen Tief herauszuarbeiten und suche nach einer neuen Lebensperspektive für sich. Sie wollte gerne Logopädin werden, fand in Berlin jedoch einfach keine Schule, die sie, als blinde Frau, aufnehmen wollte.
Irgendwie rührte mich diese Geschichte sehr und ich fragte, ob sie (ich nenne sie jetzt einfach mal Anne), bei mir ein Praktikum machen wolle. Meine erwachsene Schülerin kam schon bald mit der positiven Antwort.

Anne kam zum Hospitieren
Eine Woche später kam Anne erst einmal zum Hospitieren. Sie hatte ihren Hund dabei, der bei meinen Schülern gleich das Herz hüpfen ließ. Meine Schüler waren begeistert, weil sie den Hund streicheln durften und er so lieb in der Ecke lag und alles beobachtete oder schlief.
Schon bald setzte sich Anne dazu, da ich meistens zwei Schüler in einer Stunde betreue.

Die Schüler lasen freiwillig alles vor
Das war so toll, denn sie war sehr einfühlsam und bewirkte bei den Schülern, dass sie ihr alles vorlasen, und zwar freiwillig. Gerade die Kinder, die eine Lese-Rechtschreibschwäche haben, lesen ja nicht gerne laut vor. Jetzt war das gar kein Problem, denn sie wussten ja, Anne kann es nicht sehen, also müssen sie ihr alles, aber auch alles vorlesen.

Wir spielten auch Lernspiele
Richtig große Augen machten wir, die Schüler und ich, als es ans Spielen ging. Jede Stunde spiele ich natürlich auch mit meinen Schülern. Es sind Lernspiele, aber sie lockern die Stunde auf und so macht das Lernen einfach mehr Spaß.
Ich holte das Wort-Mau-Mau-Spiel hervor. Ein Spiel, mit dem ich das Lesen übe, ohne dass die Kinder das merken. Mau-Mau spielen die Kinder gerne, nur dass sie hier mit Wörtern spielen, die sie auch vorlesen müssen.
Ich las die Karten, die ich Anne gab vor. Sie merkte sich die Karten und spielte dann mit uns, als ob sie die Karten sehen würde.
Wir waren begeistert!

Anne fand doch eine Schule
Annes Praktikum war nur kurz. Sie überlegte schon, ob sie bei mir arbeiten wollte, doch da kam der Brief einer Schule aus einer anderen Stadt. So musste Anne Berlin verlassen und damit meine Praxis.
Wir waren alle traurig, wünschten ihr aber alles Gute und viel Glück.

Danke an Sabine für den Bericht aus der Perspektive einer sehenden Arbeitgeberin. Und jetzt lade ich Euch zum Meinungsaustausch in den Kommentaren ein.

Inklusion, ich war immer die Ausnahme

Das Thema inklusiver Unterricht wird immer wieder kontrovers diskutiert. Doch nur selten kommen Menschen zu Wort, die tatsächlich mit Behinderung auf einer Regelschule sind oder waren.
Niklas ist 29 Jahre alt. Er besuchte zehn Jahre lang als blindes Kind eine Regelschule. Anschließend absolvierte er eine Ausbildung zum Informatikkaufmann an der Blindenstudienaanstalt Marburg. Ich freue mich, dass er bereit war mir einige Fragen zu seinen Erfahrungen an der Regelschule zu beantworten.
Lydia: Warum haben Deine Eltern sich dafür entschieden Dich an einer Regelschule anzumelden?
Niklas: Meine Eltern haben sich dafür entschieden, weil sowohl sie als auch ich nicht wollten, dass ich mit 6 Jahren in ein Internat komme und somit von zu Hause weg.
Lydia: Wann hast Du erfahren, dass es auch Schulen für blinde Kinder gibt, und wie hast Du darüber gedacht?
Niklas: Ich wusste von Blindenschulen schon seit ich in der Schule war. Ich dachte nicht negativ darüber. Wenn eine Blindenschule bei mir Vorort gewesen wäre, wäre ich auch hin gegangen.
Lydia: Wie sah Dein Schulalltag in der Grundschule aus, und wie ging es Dir damit?
Niklas: Ich hatte in der Schule täglich einen Zivildienstleistenden gehabt, der mich morgens abgeholt hat und mich zur Schule gefahren hat. Nach der Schule hat er mich dann wieder nach Hause gefahren.
In der Schule hat der Zivi dann mir auch geholfen von Raum zu Raum zu kommen, Tafelanschriebe mit zu schreiben usw. Es gab von der Blindenschule Neuwied einen Blindenlehrer für eine Gewisse Anzahl von Stunden, der Materialien die im Unterricht benötigt wurden für mich aufbereitet hat. Wie es mir damit ging, ist schwer zu sagen. Ich kannte damals ja nichts anderes.
Lydia: Hattest Du während Deiner Schulzeit Freunde, mit denen Du Dich auch außerhalb der Schule getroffen hast?
Niklas: Dies war schwierig, weil durch die Hausaufgaben nicht viel Zeit blieb sich zu treffen. Außerdem war es auch durch meine Blindheit schwierig sich zu treffen. Viele meiner sehenden Mitschüler hatten Schwierigkeiten damit klar zu kommen, dass ich blind war und wollten nicht wirklich was mit mir zu tun haben.
Lydia: Wie wurden Dinge wie Kunst- Sport oder Klassenfahrten gestaltet?
Niklas: Bei Kunst hatte ich oft Einzelförderunterricht, weil dort viel mit Wasserfarben gemalt wurde. Dies ging natürlich für mich nicht.
Sport habe ich mitgemacht was möglich war, aber Dinge wie Ballsportarten konnte ich nicht mit machen und habe dann Förderunterricht bekommen.
Bei Klassenfahrten habe ich an allen Aktivitäten teilgenommen. Hatte auch meinen Zivi, der mich führte.
Lydia: Gab es ein Schulfach, an welchem Du nicht teilnehmen konntest?
Niklas: Ganze Schulfächer gab es nicht. Es gab nur einzelne Themen an denen ich nicht teilnehmen konnte.
Lydia: Wie hätte Dein Unterricht besser für Dich gestaltet werden können?
Niklas: Ich hätte mir teilweise mehr Integration gewünscht. Das heißt: Ich hatte teilweise viel Einzelunterricht mit meinem Blindenpädagogen oder meinem Zivi. Die Fachlehrer haben sich teilweise sehr zurückgezogen.
Lydia: Wie oft hattest Du Kontakt mit anderen blinden Schülern?
Niklas: Eigentlich nur bei Freizeiten für integrativ beschulte Kinder, die von diversen Blindenschulen angeboten wurden. Sonst nicht.
Lydia: Hast Du irgendwann vermisst, dass Du Dich nie mit anderen blinden Mitschülern vergleichen konntest?
Niklas: Das habe ich ja nie richtig kennengelernt und somit auch nie vermisst.
Lydia: Auf dem Lehrplan einer Blindenschule stehen Mobilitätstraining und lebenspraktische Fertigkeiten. Wie war das bei Dir?
Niklas: Dies viel in der Integration weg. Es hab keinen Kostenträger, der dies finanzierte. Meine Eltern und ich hatten damals noch nicht viel Erfahrung und wussten auch nicht wo man rechtliche Unterstützung speziell hierfür herbekommen kann.
Lydia: Wie kam es dazu, dass Du eine Ausbildung in einer Einrichtung für blinde Schüler gemacht hast, und was hat sich für Dich dadurch geändert?
Niklas: Dies hing damit zusammen, dass die Integration nach und nach schwieriger wurde. Der Stoff wurde komplexer und dadurch auch die Arbeit des Umsetzens. Außerdem kam in der Integration die Selbstständigkeit zu kurz und auch dies führte dazu die Ausbildung in einer Blindengerechten Einrichtung zu absolvieren.
Lydia: Was würdest Du Eltern blinder Kinder gern mit auf den Weg geben, die mit dem Gedanken spielen ihr Kind an einer Regelschule anzumelden?
Niklas: Ich würde mit auf den Weg geben, dass man bedenken solle, dass das ganze Material aufbereitet werden muss und dies viel Zeit kostet. Des Weiteren würde ich empfehlen, auf jeden Fall ein Mobilitäts- und LpF-Training zu beantragen. Dies kam bei mir zu kurz und ich hatte es in der Blista in Marburg schwer das alles aufzuholen.

Ich danke Niklas für seine Offenheit. Und nun lade ich Euch ein hier in den Kommentaren über diesen Beitrag zu diskutieren.