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Die Arab. Episcopal School – Inklusion die Schule macht.

In meinem letzten Beitrag über die Arab. Episcopal School hatte ich dazu aufgerufen über einen Money Pool bei PayPal Geld im Wert einer Tasse Kaffee oder einem Eis zu spenden, welches eins zu eins der Schule zu Gute kommt. Für diejenigen, die einen Betrag spenden möchten, für den eine Spendenquittung gewünscht ist, gibt es den Förderverein Inklusionsschule IRBID FII e.V.

Mit Stand von heute kamen bis jetzt allein über den Money Pool 760 € zusammen. Dafür danke ich all denen, die ihren Teil dazu beigetragen haben. Ihr seid klasse.

Ebenso bedanke ich mich bei denen, die diesen Beitrag großflächig geteilt haben. Auf diese Weise habe ich Menschen getroffen, die gemeinsam mit mir die Idee entwickelt haben einen Life Talk über die Schule zu machen. Hier werde ich in einer Abendveranstaltung all die Fragen beantworten, die meine Leser und Hörer zur Schule und den Lebensbedingungen blinder und sehbehinderter Kinder stellen. Ich hoffe auf diesem Weg noch mehr Menschen dafür zu gewinnen die Arbeit an der Arab Episcopal School zu unterstützen.

Und so könnt Ihr Teilnehmen:

Datum:

Donnerstag, 25.03.2021 19:30 Uhr auf Clubhouse in den Raum:

„AES in Jordanien – Hilf Blinden & Sehenden Kindern gemeinsam zu lernen“

Ihr könnt mir unter meinem Profil folgen, um den Raum leichter zu finden.

Für diejenigen, die nicht auf Clubhouse sind, gibt es die Möglichkeit die Veranstaltung über Facebook zu verfolgen.

Alternativ haben wir noch die Möglichkeit Euch über diesen Link per Zoom teilhaben zu lassen.
Es wird für diejenigen, die nicht über Clubhouse kommen, die Möglichkeit geben ihre Fragen über einen Lifechat zu stellen.

Und zum guten Schluss habe ich noch ein aktuelles Video für Euch, welches ich vor ein paar Wochen aus Jordanien geschickt bekommen habe. Hier richten blinde Schüler verschiedene Bitten an ihre sehenden Mitmenschen. Da die Übersetzung nur in Schriftform auf dem Bildschirm zu lesen war, hat meine Tochter das Video nachvertont. Ich finde das Video schön, da die Bitten denen gleichen, die auch hier in Deutschland blinde Menschen an ihre sehenden Mitmenschen haben. Getreu dem Motto der Schule nicht auf die Unterschiede zu schauen, sondern die Gemeinsamkeiten rauszustellen und diese zu verstärken.

Ich freue mich, wenn ganz viele von Euch zu meiner Veranstaltung am Donnerstag 25.03.2021 kommen. Ladet möglichst viele mit ein, damit es ein gelungenes Event wird. Last uns gemeinsam etwas Liebe in die Welt tragen und gemeinsam etwas bewegen.

Eure Lydia

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Die Arab. Episcopal School – Integrationsschule Jordanien

Heute möchte ich über ein Herzensprojekt schreiben. Es handelt sich um die Arab Episcopal School im Norden Jordaniens, die sowohl blinde und sehbehinderte, als auch normal sehende Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Ebenso wurden Arbeitsplätze für blinde Lehrkräfte geschaffen.
Die Arab Episcopal School wurde 2003 von Pfarrer Samir Esaid und seiner Frau, Sabah Zurikat, gegründet. Zu Beginn bestand sie nur aus einer kleinen Kindergartengruppe von 7 sehenden und einem blinden Kind. Es sprach sich herum, sodass immer mehr Eltern von blinden und sehbehinderten Kindern ihre Kinder dort anmeldeten.
2005 wurde mit der ersten Klasse die Grundschule ins Leben gerufen und jedes Jahr wächst die Arab Episcopal School mit dem „Älterwerden“ dieser Klasse.
Der Hauptgrund, der zur Entstehung dieser Schule mit besonderem Konzept führte, ist die fehlende Integration von Sehbehinderten und Blinden in der jordanischen Gesellschaft. Familien verbergen weitestgehend ihre „nicht normalen“ Mitglieder um dem Urteil Anderer und der Schäden, die ihr Name davon tragen könnte, zu entgehen. Das bedeutet, dass Menschen mit Behinderung gezwungen sind ein Leben außerhalb der Öffentlichkeit zu führen. Des Weiteren gibt es auch kaum Möglichkeiten für blinde Kinder eine spezielle Förderschule zu besuchen. Die einzige Blindenschule Jordaniens, vor Entstehung der AES, befand sich in Amman, und ist ein Internat. Kinder mussten, um in die Schule gehen zu können, wochenlang ohne ihre Familie leben.
Die Arab Episcopal School ist nun eine gute Alternative für den nördlichen Teil von Jordanien und ermöglicht, in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Erziehung, Blinden, Sehbehinderten und Sehenden das Erlernen von Lesen und Schreiben.
Durch die Klassen, in denen sowohl blinde, sehbehinderte, als auch sehende Jungen und Mädchen aller Glaubensrichtungen gemeinsam lernen, wird die Toleranz und das Bewusstsein füreinander gefördert und somit hoffentlich in Zukunft eine Generation mit mehr Verständnis für alle Mitglieder der Gesellschaft geschaffen.
Heute, im Jahr 2021, können die Schülerinnen die Schule bis zum Abitur besuchen. Insgesamt lernen 267 Jungen und Mädchen an der AES. Davon sind 37 blind oder sehbehindert. Die AES wird von 50 Lehrkräften und Mitarbeiterinnen geführt, von welchen fünf eine Sehbehinderung haben. Geplant ist, in Zukunft eine Ausbildungsmöglichkeit für Blinde und Sehbehinderte zu schaffen, die es den Schülern, welche das Abitur nicht machen, ermöglicht eigenes Geld zu verdienen.
Vor ein paar Jahren habe ich bereits einen Beitrag über die Arab Episcopal School geschrieben und erzählt, wie ich zu diesem Projekt kam. Denn ich hätte ebenfalls eines dieser blinden Kinder sein können, wenn ich nicht in Deutschland aufgewachsen wäre. Das ist der Stoff, aus dem meine Motivation gemacht ist, die Schule zu unterstützen.

Für diejenigen, die sich gern einen lebendigen Eindruck über die Schule machen möchten, habe ich ein Video gefunden, das vor einigen Jahren erstellt wurde. Daher sind die Zahlen vielleicht nicht mehr aktuell. Das aktuelle Geschehen könnt Ihr auch auf der Facebookseite verfolgen.
Einmal im Jahr unternimmt der Schulgründer eine Vortragsreise nach Deutschland. Dabei sammelt er Geld, welches zu 100 % der Schule zu Gute kommt. Durch Corona und die damit verbundenen Kontaktbeschränkungen ist diese Einnahmequelle im vergangenen Jahr ausgefallen.
Ich möchte gern helfen diese Finanzielle Lücke etwas abzumildern, und habe mir folgendes ausgedacht. Ich habe diesen Money Pool über PayPal eingerichtet, auf welchem diejenigen, die die Schule mit einem Geldwert einer Tasse Kaffee oder einem Eis unterstützen möchten, einzahlen können. Dieses Geld werde ich nach dem 31.03.2021 auf das Konto der Schule überweisen. Für diejenigen, denen ein größerer Betrag vorschwebt, für den eine Spendenquittung gewünscht wird, gibt es den Förderverein Inklusionsschule IRBID FII e.V.

Von Euch wünsche ich mir, dass Ihr dabei helft diesen Beitrag möglichst großflächig zu verteilen, damit ein möglichst großer Betrag zusammen kommt.

Danke dafür sagt jetzt schon Eure Lydia

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Ehrenamt oder auch mal nicht

Meine heutige Gastautorin ist Jennifer Sonntag, die bereits den Beitrag Ich höre Eure Blicke nicht geschrieben hat. Auch diesmal greift sie ein Thema auf, welches unter Betroffenen immer wieder kontrovers diskutiert wird.

Expert*innen zweiter Klasse?

Wertschätzung und Augenhöhe sind auch uns Menschen mit Behinderung wichtig. Aktuell wurde ich als Podiumsteilnehmerin auf eine Tagung mit dem Titel “Wie geht es weiter auf dem Weg zur Inklusion?“ eingeladen. Kostenvoranschläge für Honorare konnten eingereicht werden. Ich freute mich über diesen Sinneswandel, denn bei uns Expert*innen mit Behinderung erwartet man leider nach wie vor ehrenamtliche Expertisen, obwohl wir mit gleichrangigen Qualifikationen antreten. Die Verträge unterschreiben jedoch andere. So werden wir die Über-uns-ohne-uns-Kultur nie verlassen. Und auch diesmal hatte ich mich zu früh gefreut. Ich erhielt eine irritierte Antwort. Die Honorare seien nicht auf mich bezogen gewesen und die anderen behinderten Podiumsteilnehmenden seien auch ehrenamtlich da.
Geschätzte Veranstaltende: Inklusion und Teilhabe heißt auch, dass Expert*innen mit Behinderung in Panels und an Podien nicht immer kostenlos sitzen können. An Ehrenämtern mangelt es vielen von uns nun wirklich nicht. Ich habe einen überquellenden Sack voll davon und engagierte mich allzu oft über meine Kräfte hinaus kostenlos. Aber gerade bei solchen Tagungen, bei denen es um unsere Belange geht, finde ich es ein wichtiges Zeichen, eben nicht wieder in der Ehrenamtsfalle zu landen. Viele von uns sind Freiberufler und wenn wir unsere Mitwirkung nicht als Funktionär*in eines Verbandes oder dienstlich verbuchen können, müssen wir ganz regulär Angebote schreiben und Rechnungen stellen. Ausgerechnet die, die sich über einen Kostenvoranschlag eines behinderten Menschen empören, sind ganz gewiss nicht ehrenamtlich zugegen. Und natürlich habe ich befreundete Organisationen im Blick, die Selbsthilfe, die wenig Geld hat und für die ich immer kostenlos arbeite. Aber es gibt geförderte Inklusion, oft an unseren Bedürfnissen vorbei, in die Taschen derer hinein, die unser Teilhaben an der Teilhabe eher behindern.

Hier die Honorarstaffel der ISL, die ich oben in der Mail erwähnte. Ich lag mit meinem Kostenvoranschlag deutlich darunter und wurde dennoch abgelehnt.
Hier der Link zum Gesamten Projekt mit den Links zu den Referent*innen, an dem sich Veranstaltende orientieren können.

Das ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt behinderter Menschen, die sich gezielt qualifizieren ließen, es gibt natürlich viele unter uns, die aufgrund anderer Qualifikationen oder Expertisen nicht immer kostenlos arbeiten können, da das auch Aufwand, Vorbereitung, Fahrtkosten, evtl. Assistenzkosten, Weiterbildung usw. bedeutet.

Bei allen bestärkenden und positiven Rückmeldungen gab es auch eine Rückmeldung eines blinden Mannes, die ich sehr verletzend fand. Er verstünde diese Selbstdarstellung nicht und ich wolle ja nur Werbung machen. Er selbst sei auch blind und Ehrenamt gebe ihm Kraft. Das ist ja auch gar nicht der Punkt. Ehrenamt kann was Tolles sein, aber wenn wir wieder die billigen Maskottchen am Rande sind, während andere Teilnehmer ihre Anwesenheit dienstlich verbuchen oder Honorare abrufen können, dann ist das gerade bei Tagungen rund um Inklusion keine Inklusion. Ich möchte da aber nicht für alle sprechen, mancher tritt gern ehrenamtlich auf, hat vielleicht einen gut bezahlten Job und möchte gern etwas zurückgeben. Mancher darf auch nichts hinzuverdienen oder möchte einfach keine komplizierten Abrechnungen. Jeder ist da anders. Aber uns immer kostenlos vorauszusetzen ohne nachzufragen ist übergriffig.

Jennifer Sonntag ist blinde TV-Moderatorin bei MDR-Selbstbestimmt. Über ihre Arbeit als Sozialpädagogin, Inklusionsbotschafterin und Buchautorin könnt Ihr Euch auf ihrer Seite blind verstehen informieren.
Zu diesem Thema möchte ich Euch noch zwei weitere Beiträge ans Herz legen, nämlich den auf Kobinet-Nachrichten und einen von Raul Krauthausen. Die Arbeit eines Menschen mit Behinderung wertschätzen heißt diese auch entsprechend zu honorieren, statt grundsätzlich davon auszugehen, dass es Lohn genug ist seine Geschichte zu erzählen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen bedanken, die mich Regelmäßig bei Steady unterstützen, oder mir hin und wieder eine kleine Anerkennung für ein Eis oder einen Kaffes zukommen lassen. Auch das ist Wertschätzung.

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Inklusion, das lerne ich von meinen Schülern

Das Thema Inklusion ist eines der Themen, welche immer wieder kontrovers diskutiert werden. In Inklusion, ich war immer die Ausnahme, habe ich dazu ein Interview mit einem blinden Schüler geführt. Ergänzend dazu hat ein Gastautor den Beitrag Gedanken zum Thema Inklusion geschrieben, der dieses Thema von mehreren Seiten beleuchtet. Heute ist Sunnybee vom Mutter-und-Sohn.Blog meine Gastautorin, die aus der Sicht einer Lehrerin erzählt.

Inklusion im Schulunterricht: Was ich von meinen körperlich eingeschränkten Schülerinnen und Schülern lerne

Ich arbeite seit inzwischen fast zehn Jahren als Lehrerin an einer Schule, an der Erwachsene ihr Abitur nachholen. Meine Schüler, bzw. Studierenden, wie die Erwachsenen an unserer Schule genannt werden, sind äußerst unterschiedlich. Unter ihnen sind Menschen mit Fluchterfahrung und noch geringen Deutschkenntnissen, ebenso wie junge Frauen und Männer mit psychischen und körperlichen Erkrankungen oder körperlichen Einschränkungen. Einer meiner Kollegen sitzt im E-Rollstuhl und unterrichtet mit Assistenz. Für alle ist es inzwischen Alltag, ihn mit seiner Begleitung zu sehen, die ihm z.B. in der Schulmensa bei der Nahrungsaufnahme behilflich ist oder Kursmaterialien für ihn kopiert. Auch einer meiner Studierenden ist aufgrund einer spastischen Lähmung auf Assistenz angewiesen. Sein jeweiliger Assistent, bzw. seine Assistentin sitzt mit im Unterricht und macht auf seine Anweisungen hin Notizen. In Klausuren erhält er als Nachteilsausgleich 50% mehr Zeit für das Bearbeiten der Aufgaben. Sein Assistent oder seine Assistentin notiert dabei wie im Unterricht handschriftlich, was er ihnen diktiert.

Methodik mit Tücken

An einem meiner Leistungskurse nimmt neben diesem Studierenden ein junger Mann mit starker Seheinschränkung teil. Ich finde es beeindruckend, wie locker und selbstverständlich beide mit ihrer Behinderung umgehen. Letztlich lernen alle im Kurs dadurch viel von ihnen. Mein seheingeschränkter Studierender verfügt, wie er mir erklärte, noch über einen Sehrest, der ihm die Wahrnehmung von Schwarz-weiß-Kontrasten, Konturen und kräftigen Farben ermöglicht. Texte liest er mit einem elektronischen Lesegerät, bzw. mit einer Leselupe auf dem Tablet, das ihm diese stark vergrößert. Auch seine Notizen macht er, indem er die Arbeitsblätter unter die elektronische Lupe legt und so seine eigene Schrift lesen kann. Tafelbilder fotografiert er ab und sieht sie sich auf dem Tablet von Nahem und vergrößert an, die Klausuren schreibt er an einem extra dafür verwendeten PC. Ich, als Fachlehrerin, speichere das Dokument nach Ende der Klausur auf USB-Stick und drucke es mir für die Korrektur aus.
Kürzlich wurde mir während einer Stunde aber noch einmal bewusst, wie „blind“ wir Sehenden manchmal trotz aller Reflektiertheit für die Andersartigkeit – und damit auch die anderen Bedürfnisse – unserer Gegenüber sind. Ich hatte die, wie ich fand, tolle Idee gehabt, als Einstieg in ein neues Thema ein „Schreibgespräch“ zu initiieren, eine Methode, bei der meine Studierenden sich in kleinen Gruppen über ein vorher bestimmtes Thema (hier eine neu begonnene Lektüre) ausschließlich schriftlich austauschen sollten. In ihrer Mitte lag also ein großes Blatt und sie sollten ihre Gedanken und Assoziationen darauf notieren und wiederum Kommentare und Anmerkungen – ebenfalls ohne Worte – neben die Notizen ihrer Mitschüler/-innen schreiben. Als Abschluss der Gruppenarbeit sollten sie, nun wieder mündlich, die wichtigsten Ergebnisse des Austauschs im Plenum vortragen.
Logisch, dass diese Methode nicht gerade inklusiv für sehbehinderte Schülerinnen und Schüler ist? Ebenso wenig wie für diejenigen, die nicht selbst einen Stift halten können? Mir fiel das tatsächlich erst auf, als meine Studierenden schon mitten in der Gruppenarbeit steckten und es war mir, ehrlich gesagt, ganz schön peinlich.

Die soziale Kompetenz meiner Studierenden

Nun kam ich jedoch in den Genuss der wahren Kompetenz meiner Studierenden – der körperlich eingeschränkten wie der nicht eingeschränkten: wirklich alle beteiligten sich an der Gruppenarbeit. Mein Studierender mit Schreibassistenz, indem er seinem Assistenten halblaut diktierte, was dieser auf das Blatt in der Mitte schreiben sollte. Mein Studierender mit Seheinschränkung, indem ihm seine Mitstudierenden halblaut vorlasen, was sie geschrieben hatten, bzw. indem er ihre Notizen mithilfe der Leselupe auf seinem Tablet vergrößerte und anschließend seine Kommentare dazu schrieb. Außerdem gingen die Studierenden in dieser Gruppe wie selbstverständlich dazu über, ihre Notizen in verschiedenen Farben zu machen. Eigentlich klar: für jemanden, der nur eingeschränkt sehen kann, bedeutet es eine zusätzliche Anstrengung, auch noch verschiedene Handschriften auseinanderzuhalten und somit ohne Worte zu erfassen, wer was in diesem „Schreibgespräch“ gesagt hat… Das alles lief so selbstverständlich und entspannt ab, dass ich wirklich staunte. Dafür, dass ich mit der Absicht methodischer „Auflockerung“ eigentlich gerade jede Barrierefreiheit beseitigt hatte, wussten sich ALLE meine Studierenden beeindruckend gut zu helfen.
Auch das Feedback meines seheingeschränkten Studierenden nach der Übung, als ich alle im Kurs um eine kurze Rückmeldung zur Methodik bat, war äußerst aufschlussreich für mich. Es sei eine „sehr interessante Erfahrung“ gewesen, „wenn auch vielleicht nicht die ideale Methode für Menschen mit Seheinschränkung“, wie er mit feiner Ironie bemerkte. Aber was ihm sehr gefallen habe: in der Klasse sei es endlich mal komplett ruhig gewesen… Wir mussten alle lachen und auch diesbezüglich hatte ich durch einen einzigen Satz wieder etwas begriffen: wie anstrengend nämlich sonstige Gruppenarbeit, in der 20 bis 30 Menschen, wenn auch nur halblaut, sich zur selben Zeit unterhalten, für Studierende mit Seheinschränkung sein muss. Wenn ich ohnehin schon einen Großteil meiner Sehkraft über das Gehör kompensieren muss und nonverbale Gesprächssignale wie Nicken oder Kopfschütteln für mich nur schwer erkennbar sind, wie anstrengend muss dann eine solche Geräuschkulisse während des Austauschs mit anderen sein!
Tja… und so ging ich selbst an diesem Tag ein Stückchen klüger nach Hause sowie ziemlich beeindruckt von der echten Inklusion, die ich an diesem Tag erlebt hatte!

Danke Dir, liebe SunnyBee für Deine Erfahrungen, die Du mit uns teilst. Deine Blogbeschreibung „Mutter – berufstätig – alleinerziehend – kreativ“ trifft die Vielseitigkeit Deines Blogs, den ich immer wieder mit Spannung lese.

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Gedanken zum Thema Inklusion

Ich danke Matthias für seinen Text über Inklusion. Er hat schon mal für mich geschrieben. Hier geht es zu seinem Beitrag Brandschutz für blinde Menschen.

Als blindes Kind besuchte ich eine Sonderschule für blinde Kinder, kurz Blindenschule. Heute nennt man das Schule mit dem Schwerpunkt Sehen. Damals waren sogar noch blinde und sehbehinderte Schüler in separaten Schulen getrennt. Da blinde Kinder eine verhältnismäßig kleine Gruppe sind, gab es im Bereich Grund- Haupt- und Realschule, nur eine Einrichtung in Hessen. Ähnlich war es in anderen Bundesländern geregelt. Der Gymnasialzweig für alle Schüler in Deutschland befand sich in Marburg an der Lahn. Die Klassenstärke lag maximal bei 10 Schülern und einer Lehrkraft.
Also war klar, kleine blinde Kinder mussten mit dem Schuleintritt in ein Internat. In Meinem Fall also nach Friedberg. Das bedeutete: Sonntags nachmittags, bereits um 14.30 Uhr fertig machen, Packen und weg aus der Familie. Erst freitags gegen 18.00 Uhr war ich wieder zuhause. Mit dem Wechsel auf das Gymnasium in Marburg hatten wir samstags Unterricht. Es gab nur ein Wochenende mit einem freien Samstag. Im Klartext hieß das, dass wir Schüler unsere Familie nur einmal im Monat besuchen konnten. Klar, dass man sich dann, spätestens als Jugendlicher in der Pubertät, von seiner Familie entfernt. So war ich schon mit 17, fast gar nicht mehr zuhause.
Vorher, war ich in einem ganz normalen Kindergarten. Ich hatte Freunde und lernte mich durchzusetzen. Als ich dann ins Internat kam, waren die Freunde schnell weg und das bisschen Wochenende und die Ferien, waren dann, was das Zusammensein mit Gleichaltrigen betrifft, ziemlich einsam.
Als Jugendlicher erlebte ich dann so besondere Maßnahmen, wo man, als besonderes Projekt, blinde und sehende Kinder zusammenbrachte. Beide Gruppen hatten sonst im Alltag kaum etwas miteinander zu tun. Diese „Besonderen pädagogischen Maßnahmen“, waren von vielen Missverständnissen geprägt. Da merkte man als blinder Jugendlicher erst, dass die Entwicklung und der Erfahrungshintergrund, in der exklusiven Welt, eine ganz andere ist.
Für meine Eltern und mich, war die Internatszeit, eine schlimme Zeit. Ich finde es noch heute ein Unding, Kinder, die in einer intakten Familie leben, so früh in ein Internat geben zu müssen. Erst später, nachdem ich geheiratet hatte und selbst Kinder hatte, habe ich wieder ein normales Verhältnis zu meinen Eltern entwickelt.

Nun zur Inklusion:
Inklusion wird nahezu von allen Lebensbereichen aufgegriffen. Jeder, der sich im Sozialbereich profilieren will, macht ein Inklusionsprojekt. Inzwischen beteilige ich mich nicht mehr an solchen Projekten. Überall, wo ich als aktiver blinder Mensch auftauche, will man mich inkludieren. Das nervt! Vor einigen Monaten sollte eine Reportage über inklusive Familien gedreht werden. Die Teilnahme habe ich trotz meiner hohen Medienpräsenz, abgelehnt. In jeder Familie, gibt es spätestens in der älteren Generation, jemand mit Einschränkungen. Also was soll dieser Quatsch mit „inklusiven Familien“.

Leider ist die Umsetzung der Inklusion an Schulen, durch Schnellschüsse und Unüberlegtheit geprägt. Inklusion findet dadurch statt, dass jeder Schüler mit Unterstützungsbedarf, eine Assistenz bekommt. Die Lehrer sind meistens sonderpädagogisch nicht kompetent. Wie auch, bei den unterschiedlichen Bedürfnissen? Die Assistenz ist aber meist auch ungelernt. Und die Institutionen, bei denen die Assistenzkraft angestellt ist, haben auch meistens keine Kompetenz, für die Formen von Behinderung, die sie nicht spezifisch unterstützen. So schickt z.B. die Lebenshilfe die sich auf die Unterstützung von Menschen mit kognitiven Behinderungen spezialisiert hat, auch Assistenten zu blinden und sehbehinderten Kindern. Das können auch schon mal Jugendliche, die gerade erst aus der Schule gekommen sind, ein freiwilliges soziales Jahr machen und so über kaum bis gar keine Erfahrungen verfügen sein. Dies versucht man dann, durch speziell sonderpädagogisch ausgebildete Förderlehrer, die Stundenweise an der Schule sind, auszugleichen. Dabei stellt sich die Frage, ob dies tatsächlich ausreicht. Denn Lehrer und Schulassistenz müssen ja auch mit den speziell aufbereiteten Lernmaterialien und den technischen Hilfsmitteln, die z.B. ein blindes Kind braucht, zurechtkommen, um die Schüler adäquat zu unterstützen.

Ein weiteres Problem sehe ich darin, dass die Inklusionsschüler immer jemanden an der Seite haben, der sie speziell betreut. Die Kinder mit Behinderung lernen dadurch: Ich bin etwas Besonderes und brauche immer jemanden, der für mich da ist.
Wir als Schüler einer Schule für blinde Kinder, sind ganz normal auf dem Pausenhof herumgetobt, sind auf Bäume geklettert, Rollerskates und auf dem Hof, Fahrrad gefahren. Die Kinder mit Behinderung, die heute an einer Regelschule sind, dürfen nicht mal hinfallen, dürfen sich oft nicht mal alleine in der Pause bewegen.

Ein weiteres Problem ist der Sportunterricht. Sehende Kinder machen viele Ballsportarten, an denen das blinde Kind nicht teilnehmen kann. Das blinde Kind bekommt immer das Gefühl, dass es viele Dinge, nicht mitmachen kann und die Sportlehrer sind nicht darauf ausgebildet, für alle Kinder mit Inklusionsbedarf, Alternativen zu finden. Wir in der Blindenschule haben fast alles machen können. Leichtathletik, spezielle Ballsportarten, Ski fahren, – auch Abfahrt – Kajak fahren, rudern, Reiten, surfen und vieles mehr. Kein normal ausgebildeter Sportlehrer, und die Assistenz schon gar nicht, haben die Kompetenz, hier z.B. ein blindes Kind effektiv zu integrieren.

Im Internat hatten wir Freizeitangebote, AGs, an denen wir außerhalb der Schulzeit teilnehmen konnten. Wir trafen uns ganz normal mit Freunden. Leider ist es im Rahmen der „Inklusion“ so, dass diese oft nach Schulschluss endet. Kaum ein Sportverein ist auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung ausgerichtet. Eine Assistenz zur Teilnahme an Freizeitaktivitäten wird von den Kostenträgern nicht finanziert. Selbst die Unterstützung von Teilnahme an Schul-AGs ist kaum realisierbar. Unter Umständen kann das für das blinde Kind ein recht einsames Leben bedeuten. Mir werden immer mehr Fälle bekannt, wo sich blinde Schüler nach einigen Jahren wieder in die Sonderschule flüchten.

Bei all dem darf man nicht vergessen, dass es auch eine Menge Behinderungsarten gibt, bei denen eben nur die bauliche Barrierefreiheit gewährleistet sein muss. Für die ist es natürlich absoluter Blödsinn, sie in eine Sonderschule zu schicken.

Die Inklusion, wie sie derzeit gelebt wird, ist insgesamt wenig durchdacht. Hier mal ein möglicher Vorschlag, wie schulische Inklusion gelingen kann:
Wir schaffen einen neuen Beruf. Nennen wir ihn mal Lehrerassistent. Jeder Lehrer, der in seiner Klasse Schüler mit besonderem Förderbedarf hat, bekommt einen Lehrerassistenten, der dem Lehrer im Unterricht assistiert. Dieser Lehrerassistent sollte eine zwei bis dreijährige Ausbildung durchlaufen. In dieser Ausbildung lernt der Assistent verschiedene Förderbedarfsgruppen kennen und erlernt Techniken, wie unterschiedliche Bedarfe, in den Schulalltag zu integrieren sind. Die Assistenten sind nicht bei irgendeinem Träger angestellt, sondern sie gehören in den Stellenplan der Schule.
Die Assistenten assistieren dem Lehrer, sind in die Pausenaufsicht mit integriert und assistieren auch bei Freizeitangeboten in der Mittagspause, AGs etc.
Dies löst mit Sicherheit nicht alle Probleme, wäre aber ein guter Ansatz.
Die Diskussion um schulische Inklusion polarisiert. Es gibt radikale Befürworter und es gibt Gegner. Die Durchführung von Inklusion ist geprägt durch Streitigkeiten zwischen Eltern, Schulen, Trägern der Schulassistenten und den Behörden, die die Kosten für die Förderung übernehmen.
Eine Diskussion aller Beteiligten darüber, wie Inklusion tatsächlich gelingen kann, wäre zum Wohl der Kinder mit besonderem Förderbedarf dringend notwendig.

Karl Matthias Schäfer engagiert sich im Landesvorstand des Blinden- und Sehbehindertenbund Hessen – BSBH. Einen Einblick in den Alltag des Technik interessierten Berufspendlers könnt Ihr Euch auf diesem Video ansehen.

Ich lade alle an diesem Thema interessierten Leser dazu ein in den Kommentaren darüber zu diskutieren.