Messen mit zweierlei Maß

Susanne mit Malte an einer Treppe Foto Linn Voss.

Susanne und ich kennen uns seit vielen Jahren. Es ist eine dieser Freundschaften, die trotz der Entfernung über Jahre halten. Im Herbst 2017 hat sie mich für ein Wochenende zu sich nach Hamburg eingeladen, und für ein unvergesslich schönes Wochenende gesorgt.

Ich freue mich, dass sie heute wieder einmal zu Gast auf meinem Blog ist. Auch die folgenden Beiträge stammen von ihr:
für Selbstverständlichkeiten bewundert werden,
Tag der offenen Moschee, was passiert da eigentlich? Und
Heißt selbständig auch schnell sein?

Messen mit zweierlei Maß
Es ist ein schöner Nachmittag und mein Freund und ich erwarten Besuch von zwei älteren Damen, die wir gut kennen. Ich bin vor kurzem in meine Wohnung hier in Hamburg eingezogen. Die beiden Damen haben einiges aufgetrieben, das ich gebrauchen kann. Ich freue mich sehr auf den Besuch und habe ein kleines Cafégedeck vorbereitet.
Mit großem Hallo begrüßen und Umarmen wir uns, alles ist gut. Ich freue mich riesig über das, was sie mir mitgebracht haben, und gebe Ihnen natürlich auch etwas dafür. Die beiden sind sehr nett, sehr fit und umtriebig und treiben immer eine Menge auf, das sie aus Haushaltsauflösungen und von Flohmärkten bekommen. Solche Möglichkeiten habe ich als gesetzlich blinde Frau eher nicht. So bin ich für die Unterstützung außerordentlich dankbar, da mein Geldbeutel nicht so dick gefüllt ist. Das Gespräch nimmt seinen Lauf, der Kaffee schmeckt, es wird viel gelacht.
Plötzlich beginnt sich eine der beiden Frauen umzuschauen: „Aber hier muss mal wieder geputzt werden, hier liegen Hundehaare herum! Hast du niemanden, der dir dabei hilft?“ Wie vor den Kopf geschlagen stehe ich da! Ich bin nicht oft sprachlos, aber in diesem Moment bin ich einfach nur stumm! Wie soll ich jetzt reagieren? Wie soll ich mit dem fertig werden, was ich gerade empfinde. Da ist auf der einen Seite die nette Hilfe und die netten Gespräche, und dann das! Mir geht durch den Kopf, was ich und meine Assistentinnen in den letzten Tagen alles getan haben, damit die Wohnung langsam wohnlich wird, damit es sauber und präsentabel ist. Ich wohne erst ein paar Monate in der Wohnung, und mein Hund ist gerade neu eingezogen. Vieles ist noch provisorisch und ich bin dabei mich in meiner neuen Lebensumgebung in Hamburg einzuleben. Ich freue mich über jeden netten Kontakt und über jede Unterstützung, die ich gerade am Anfang bekommen kann.
Was aber mache ich mit einer solchen Aussage? Im ersten Moment bin ich stumm. Ich kommentiere also die Aussage nicht weiter. Durch den Kopf geht mir allerdings: was würdet ihr machen, wenn ich mich bei euch so verhalten würde? Es ist ein Messen mit zweierlei Maß! Ein Hundehaar, eine staubige Fensterbank, ein aus Zeitgründen nicht gesaugter oder gewischter Boden, das alles würde bei einer nicht behinderten Person nicht weiter auffallen. Sie hatte eben einfach keine Zeit. Aber bei mir? Bei mir darf man/frau sich einmischen. Alles nur gut gemeint! Schließlich helfen wir ja sonst auch und bringen etwas mit! Auch wenn ich dafür zahle, die beiden haben sehr viel Zeit und Arbeit investiert, um mit gutem Geschmack etwas Passendes auszuwählen. Wenn ich Ihnen also sage, was mir in diesem Moment auf der Zunge liegt, sowas wie: „Das geht euch nichts an! Wie dreist seid ihr eigentlich?“ Oder die Frage, von eben: „Was wäre, wenn ich das bei euch machen würde?“
Ich stelle es ja immer wieder fest: mit dem Label „gut gemeint“ kann irgendwie alles gerechtfertigt werden. Und mit dem Satz: „Du siehst es ja nicht!“ erst recht. In diesem Moment fühle ich mich richtig hilflos. Eigentlich müsste ich Leute, die sich bei mir so verhalten, die so über meine Grenzen trampeln, rauswerfen. Andererseits sind da aber eben die vielen netten Begegnungen, sind da die vielen Handreichungen, die wirklich toll sind und für die ich sehr dankbar bin.
Das große „Fragezeichen“ bleibt. Ich habe bis heute für dieses Thema keine gute Lösung gefunden. Und ich erlebe es oft, dass Leute beleidigt sind, wenn ich Ihnen eine Grenze setze, weil ich etwas selbst kann, oder es einfach als übergriffig empfinde, wie sich manche Leute verhalten. Das fängt beim ungefragt angefasst werden an, geht weiter über die Bemerkungen und Kommentare zu meiner Hundehaltung, und hört in meinen Privaträumen auf.
Und das ist es: Meine Wohnung ist mein Refugium. Es ist der Raum, in den ich mich zurückziehen kann. Ich möchte mich hier sicher fühlen, den Hut aufhaben. Ich möchte Menschen unvoreingenommen willkommen heißen, Gastgeberin sein und sie bewirten können. Das alles ist irgendwie oft überschattet von dem Gefühl unter einer Dauerbeobachtung, unter so etwas wie Dauerbewährung zu stehen. Das führt leider oft zu dem Eindruck, dass Menschen, die mich besuchen, nicht unvoreingenommen meine Wohnung betreten. Es scheint, als würden sie das Haar auf dem Boden, dass die Assistentin eventuell vergessen hat, oder dass mein Hund direkt nach dem putzen dort hinterlassen hat, suchen. Vielleicht bestätigt das ihr Weltbild, das ich regelmäßig versuche bei meinem Umfeld ins Wanken zu bringen.

Ich habe mich schon oft gefragt, ob Sehende/nichtbehinderte Leute sich untereinander genauso verhalten? Manche würden wahrscheinlich sagen ja: zum Beispiel, wenn Eltern zu ihren Kindern nach Hause kommen, oder die Schwiegermutter das Heim der ungeliebten „Nebenbuhlerin“, die ihr ihren Sohn weggeschnappt hat, in Augenschein nimmt.
Eine Behinderung scheint dieses Phänomen aber zu legitimieren und zu verstärken. Ich kann mir noch so viel Mühe geben, irgendetwas finden sie immer. Und so fange ich langsam an mir sehr genau auszusuchen, wen ich bei mir zu Hause reinlasse. Ich möchte meine Wohnung als meinen Ort zum Wohlfühlen behalten. Ich möchte nicht selbst, mit unfreundlichem Blick, kritisch und oft abwertend, durch meine Wohnung gehen und mich fragen, ob sie vorzeigbar ist. Und doch tue ich das genau sehr regelmäßig. Ich hatte schon Diskussionen mit meinen Assistentinnen, weil sie das Phänomen nicht verstehen. Einfach zu sagen: „dann wehr Dich halt!“ oder: „Lass es einfach an dir abprallen!“ ist zu kurz gegriffen. Wie schon erwähnt: eine gute Lösung habe ich nicht. Ich fühle mich machtlos den Zuschreibungen gegenüber, die ein Weltbild zementieren, von dem ich hoffe, dass wir es irgendwann überwinden werden! An einigen Punkten auch umfangreichere Hilfe zu benötigen, steht den vorhandenen Fähigkeiten und der Normalität nicht im Weg! Und so sind es auch hier wieder die Barrieren in den Köpfen und das daraus resultierende Messen mit zweierlei Maß, die das Miteinander unnötig erschweren und für mich und andere Menschen mit Behinderungen zu echten Behindernissen werden!

Susanne ist gesetzlich blind und lebt in Hamburg. Die Dipl. Pädagogin und Peer Counselorin (ISL) ist ehrenamtlich in der Blindenselbsthilfe Hamburg tätig.

Ich danke ihr für diesen Beitrag, und freue mich auf Eure Meinung in den Kommentaren.

Kuchen backen, wenn man blind ist

Käsekuchen in Herzform

Nicht nur das Verzehren von süßem Gebäck bereitet mir Freude, sondern auch das Backen selbst. Ich liebe es einen Kuchen zu backen, wenn ich weiß, dass meine Familie und ich diesen am Nachmittag gemeinsam genießen werden. Oder wenn ich weiß, dass ich lieben Besuch erwarte, dem ich mit einem selbst gebackenen Kuchen eine Freude machen möchte.

Ich denke, dass ich mich mit vielen anderen Hobbybäckern in guter Gesellschaft befinde. Der einzige Unterschied ist, dass ich blind bin, und sich das Backen für mich etwas anders gestaltet. Und darüber schreibe ich heute.

Wo ist das Rezept?

Fangen wir mal mit der Rezeptfindung an. Ich kann keine Kochbücher in normal gedruckter Schrift lesen. Es sei denn, ich mache ein Foto davon, und jage dieses durch ein Programm zur Texterkennung. Das geht mit Hilfe meines PC oder auch mit meinem Smartphone. Aber dazu bin ich meist zu faul, wenn es auch anders geht. Es gibt Kochbücher in Brailleschrift. Allerdings ist die Auswahl recht spärlich. Ich habe auf meinem PC eine Sammlung meiner liebsten Rezepte. Und wenn ich was Bestimmtes Suche, dann hält das Internet das gesuchte Rezept für mich bereit. Eine gut bedienbare Seite ist beispielsweise Chefkoch. Alternativ tausche ich mich auch mal mit Freunden aus, wie viele andere Bäcker auch. Wichtig ist dabei, dass ich das Rezept in Wort oder Schrift habe. Eine Anleitung, die ausschließlich aus Bildern besteht, ist für mich wertlos.

Abmessen, abwiegen und dosieren

Irgendwann haben die meisten Köche und Bäcker so viel Erfahrung gesammelt, dass sie die meisten Zutaten ohne Waage zuverlässig dosieren können. Auch mir geht es so. Wenn ich bei einer Zutat doch mal abwiegen muss, dann habe ich eine Waage mit einer Sprachausgabe. Oder ich benutze auch mal Messlöffel zum Backen. Manche Rezepte leben von Mengenangaben wie Tassen oder Gläsern oder Angaben in Löffeln. Und mit ein bisschen Erfahrung weiß ich was dem Teig noch fehlt, wenn ich ihn leicht anfasse. Das verrät mir die Konsistenz.

Was ist wo drin?

Wenn man auf eine Tüte mit Mehl, Haferflocken oder Zucker drückt oder klopft, fühlt es sich unterschiedlich an. Ich meine nicht die Verpackung, sondern das Druckgefühl auf der Packung. Alternativ kann man diese leicht schütteln. Auch hier entstehen unterschiedliche Geräusche. Daran merke ich sofort was ich in der Hand habe. Dass ich diese Dinge in Dosen aufbewahre, mache ich deshalb, weil ich es schöner finde. Dinge die sich unterschiedlich anfühlen, erkenne ich sofort, Dinge, die sich gleich anfühlen, markiere, beschrifte ich, oder bewahre es in entsprechenden Behältnissen auf. Die meisten meiner Gewürze haben eine Beschriftung in Braille, da sich die Behälter ziemlich gleich anfühlen.

Wo sind meine Utensilien?

In meiner Küche weiß ich, wo meine Küchengeräte, Kochutensilien oder Lebensmittel stehen. Dementsprechend sitzt dann auch jeder Handgriff. Grundsätzlich ist es für mich wichtig, dass alles an seinem Platz ist. Hat jemand meinen Mixer auf die andere Seite der Küche platziert, erfasse ich das nicht wie eine sehende Person mit einem Blick, sondern muss erst mal solange durch meine Küche tasten, bis ich meinen Mixer gefunden habe. Dementsprechend länger dauert es.

Vor Jahren wollte mir eine Bekannte eine große Freude zum Geburtstag machen, und räumte meine Küche über Nacht um. Für mich bedeutete das eine Katastrophe, da ich mich nicht mehr alleine in meiner eigenen Küche zurecht fand. Es endete damit, dass ich mit einer anderen Freundin den ohnehin fälligen Frühjahrsputz in der Wohnung einläutete. Veränderungen finden entweder gemeinsam mit mir oder gar nicht statt. Alles andere bedeutet Stress und Auseinandersetzung mit unnötigen Zeitkillern.

Haushaltsgeräte.

Ich benutze genauso Mixer, Küchenmaschine usw. wie andere auch. Für mich ist wichtig, dass meine Geräte nicht auf bloße Berührung reagieren, sondern wirklich eingeschaltet, gedrückt oder gedreht werden müssen. Mein Handmixer rastet bei jeder Geschwindigkeitsstufe ein, meine Küchenmaschine lässt sich drehen, und damit für mich einstellen. Auch mein Herd und mein Backofen rasten bei jeder Stufe ein. Außerdem gibt es eine klar fühlbare Markierung auf der Stufe 0. Das ist wichtig, damit ich den Herd sofort und gezielt ausschalten kann. Ich arbeite mit einem Zeranfeld. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mir gemerkt habe wie mein Topf oder meine Pfanne draufstehen muss, um exakt über der Kochplatte positioniert zu sein. Auch meine Mikrowelle funktioniert mit zwei Drehbaren Reglern. Einer für die Zeit, der andere für die Intensität.

Immer mehr Geräte kommen auf den Markt, die auf bloße Berührung hin eine Funktion ausführen, oder ein optisches Menü haben, um eine Funktion auszuwählen und auszuführen. Das ist für blinde Nutzer einfach nicht ohne fremde Hilfe machbar. Und für jeden, der gern allein in der Küche arbeitet, eine absolutes Nogo.

Es gibt immer mehr Haushaltsgeräte, die man mit dem Smartphone bedienen kann. Ich selbst habe damit noch keine Erfahrungen sammeln können, beobachte diese Entwicklung jedoch mit großem Interesse. Vielleicht ist das eine Perspektive für blinde Nutzer, die mit einem Smartphone umgehen können.

Die heißen Angelegenheiten.

Nein, ich verbrenne mir die Finger nicht öfter als ein normal sehender Koch. Ich sehe zwar nicht, kann aber die Hitze rechtzeitig fühlen. Und so habe ich meine Techniken entwickelt, mit deren Hilfe ich heiße Dinge anfassen, aus dem Backofen holen oder bearbeiten kann. Gute Topflappen, Handschuhe aus Silikon oder andere Küchenhelfer tun ihr Übriges zu meiner Unversehrtheit.

Die Angaben über die Backzeit sind lediglich Richtwerte. Wenn ich feststellen möchte, ob mein Teig bereits fertig gebacken ist, stecke ich eine Gabel in den Teig. Klebt nichts dran, dann ist es gut. Wenn nicht, braucht der Kuchen noch etwas Zeit.

Und zum guten Schluss.

Ich fasse meine Arbeit öfter an als jeder, der sieht. Dafür wasche ich mir nach jedem Kontakt mit dem Teig die Hände. Denn wenn es klebt, fühle ich nicht mehr so gut. Das ist vergleichbar mit einer Brille, die beschlagen und daher Trüb wird. Der Blick wird wieder klar, sobald man sie wieder geputzt hat.

In meiner eigenen Küche komme ich bestens zurecht. Bin ich in einer anderen Umgebung, dann habe ich zwei Optionen, entweder lasse ich mir helfen, oder erarbeite mir die neue Umgebung Schritt für Schritt. Ein Beispiel dafür ist eine Ferienwohnung, in der ich mich voraussichtlich einige Tage aufhalten werde. Da bedeutet es für mich Lebensqualität, wenn ich mir selbst etwas aus dem Kühlschrank holen, eine Kleinigkeit zu essen machen oder aufräumen kann.

Meine Anforderungen an eine Haushaltshilfe

Saubermachen ist für mich persönlich eine Aufgabe, die ich gern abgebe. Denn ich brauche das Vielfache an Zeit dazu. In einem späteren Beitrag werde ich darauf eingehen wie ich ohne zu sehen putze.

Die richtige Haushaltshilfe zu finden empfinde ich als große Herausforderung. Neben denselben Anforderungen, die eine normal sehende Person an eine Haushaltshilfe hat, kommen bei mir noch einige andere, die mit meiner Sehbehinderung zu tun haben. Ich möchte versuchen meine Wünsche vor allem normal sehenden Lesern anhand einiger Beispiele zu veranschaulichen.

Kommunikation in einer mir geläufigen Sprache

Für mich heißt das, dass meine Haushaltshilfe ausreichend Deutsch spricht, um sich mit mir über die Aufgaben unterhalten zu können. Es reicht nicht aus, dass sie mir zeigt, dass eine bestimmte Sache getan werden muss. Sie sollte in der Lage sein das in Worten auszudrücken. Denn mit Gestik und Mimik kommen wir bei meiner Sehbehinderung nicht weiter.

Vor gut 20 Jahren hatte mir eine türkische Nachbarin eine Putzhilfe vermittelt, die mich wöchentlich für 2 Stunden unterstützte. Das Problem war nur, dass sie so gut wie kein Deutsch sprach, und meine Kenntnisse der türkischen Sprache sich auf Begrüßung und dreieinhalb weitere Sätze beschränkte. Wenn es also etwas mitzuteilen gab, war ich auf die Hilfe meiner Nachbarin angewiesen. Inklusive Interpretationsfaktor bei der Übersetzung war das ziemlich anstrengend. Daher hielt das Ganze nur einige Wochen. Ich denke, wir hatten das beide einfach unterschätzt.

Eigenständiges Arbeiten.

Da ich der Haushaltshilfe nicht sagen kann wo genau geputzt werden muss, ist es wichtig, dass sie eigenständig arbeitet. Es gibt zwar gewisse Dinge, die jedes Mal drankommen, wie das Wischen der Fußböden. Sie sollte aber auch selbst sehen, wenn es irgendwo noch was zu tun gibt. Nur weil ich sie nicht sehe, heißt es noch lange nicht, dass ich Spinnweben in meiner Wohnung haben möchte. Und nur weil ich den Staub auf Bildern, die an der Wand hängen, erst fühle, wenn ich direkt hin fasse, heißt das noch lange nicht, dass ich diesen unbedingt behalten möchte.

Ein böses Erwachen gab es für mich, als ich feststellen musste, dass eine Haushaltshilfe Monatelang keinen staub über Kopfhöhe gewischt hatte. Auf meine Nachfrage hin erklärte sie mir, dass ich ihr das hätte sagen sollen.

In meinem Haushalt zählt meine Ordnung

Wie in den meisten Haushalten normal sehender Bewohner habe auch ich meine Ordnung. Nur so lässt sich der Haushalt gut führen. Problematisch wird es, wenn eine Schere, ein Haushaltsgerät oder ein anderer Gegenstand nicht an seinem Platz liegt. Eine normal sehende Person erfasst mit wenigen Blicken, ob das gesuchte Stück woanders liegt. Ich muss systematisch danach suchen, was mich Zeit und Nerven kostet.

Eine meiner Putzhilfen hatte die Angewohnheit Dinge, die sie bei der Arbeit störten, einfach woanders hinzustellen, oder in eine Schublade zu stecken. Leider vergaß sie anschließend alles wieder an den ursprünglichen Platz zu räumen. Es dauerte Wochen, bis ich dahinterkam, dass die Computerspiele meiner Tochter in einer Schublade steckten.

Es ist kein Ding etwas wegzuräumen, um an dieser Stelle vernünftig sauber machen zu können. Wichtig ist, dass am Ende alles wieder an seinem Platz ist. Im Zeitalter von Smartphones kann man sich im Zweifel ein Foto vom Ursprungszustand machen. Ich persönlich habe damit kein Problem. Allerdings sollte man der blinden Person erklären, warum man jetzt gerade ein Foto machen möchte.

Eine Putzhilfe legte mir alles, was sie nicht mehr zuordnen konnte, an einen bestimmten Platz. Dazu gehörten auch Dinge, die sich irgendwo auf dem Fußboden oder wo auch immer während des Putzens fanden. Ich konnte die Sachen dann später sortieren und an ihren Platz stellen. Auch das ist eine Lösung, mit der ich gut leben kann.

Putzeimer aus dem Weg stellen

Mir ist wichtig, dass ich mich in meiner Wohnung bewegen kann, ohne mitten im Raum über einen liegengelassenen Staubsauger, eine Trittleiter oder einen vollen Putzeimer zu stolpern. Wenn ich arbeite, dann weiß ich wohin ich meine Arbeitsutensilien lege. Dennoch stelle ich diese gern irgendwo an den Rand. Denn wie schnell hat man das vergessen. Gerade wenn man verschiedene Dinge zeitgleich erledigt. Und wer schon mal die Erfahrung gemacht hat 5 l Wasser vom Boden aufzuwischen, der wird mir sicher Recht geben.

Eine meiner Putzhilfen hatte die Angewohnheit ihren vollen Putzeimer mitten im Weg stehenzulassen. Auch wenn sie sich in einem anderen Raum aufhielt. Obwohl ich ihr sagte, dass ich den Eimer nicht sehen kann, behielt sie diese Angewohnheit bei. Und irgendwann waren sowohl der Fußboden als auch ich nass.

Bitte keine Erziehungsratschläge

So manche Putzhilfe wollte mir erklären was meine Kinder alles machen sollten, weil ich das nicht sehe. Meine Kinder müssen nicht meine Sehbehinderung kompensieren. Und ich entscheide als Elternteil was sie dürfen, müssen oder nicht. Genauso wie ein Elternteil ohne Behinderung es auch tun würde. Eine Haushaltshilfe hilft, wie das Wort bereits sagt, im Haushalt, und nicht bei der Erziehung. Meine Kinder hatten bereits so viele selbst ernannte Miterzieher, dass man damit einen ganzen Kindergarten hätte betreuen können.

Fettnäpfchen

Zum guten Schluss möchte ich noch ein paar Fettnäpfchen ansprechen, die man doch vermeiden sollte.

Eine Haushaltshilfe erklärte mir mehrmals pro Treffen, dass ich nicht sehen könne. Echt jetzt? Blinde Menschen wissen selbst, dass sie dieses oder jenes nicht sehen können. Auch ohne dass man sie daran erinnert.

„Warum hilft Ihnen Ihre Familie nicht im Haushalt“, ist eine ebenso beliebte Frage. Nun, mir geht es hier wie normal sehenden Leuten auch. Wer möchte schon gern ein Familienmitglied als Haushaltshilfe haben? Jemanden, den ich bezahle, erbringt eine fest definierte Dienstleistung. Und das ist mir wichtig. Für ein gewisses Maß an Lebensqualität brauche ich die Distanz zwischen mir als Arbeitgeber und der Haushaltshilfe als Arbeitnehmer. Familie ist mir da zu emotionsgeladen. Und es gefährdet nur die Beziehung zueinander. Ich bevorzuge eine strikte Trennung.

Natürlich erhebt diese Auflistung keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Außerdem geht es hier um meine persönliche Meinung. Im Zweifel hilft es miteinander zu reden. Und zwar auf Augenhöhe.

Und jetzt bin ich auf einen Erfahrungsaustausch in den Kommentaren gespannt.

Blind in der Küche, Teil 1

Dass das Kochen nicht zu meinen liebsten Hobbys gehört, traue ich mich manchmal nicht zu erzählen.
Jedenfalls nicht in Gegenwart von normal Sehenden, die mich nicht gut kennen. Denn erfahrungsgemäß kommt dann ein Satz wie „Du bist ja auch blind“, oder „stimmt, du siehst es ja nicht“. Normalerweise würde ich dann lang und breit erklären, dass man als blinder selbstverständlich kochen kann. Früher habe ich mich diesen Diskussionen regelmäßig gestellt. Inzwischen mache ich das von meiner Tageslaune abhängig, ob ich jetzt die große Aufklärungsszene starten möchte oder nicht. Und wenn ich dann noch das Gefühl habe, dass mein Gesprächspartner vor Mitleid zerfließt und dadurch absolut lernresistent bleiben wird, dann empfinde ich das als Zeitverschwendung.
Ob jemand kochen kann oder nicht, hängt nicht vom Sehvermögen ab, sondern von vielen anderen Faktoren ab. Ich habe mehr Freude am Backen. Es macht mir einfach mehr Spaß. Kochen ist für mich eine Notwendigkeit, die meinen Geldbeutel schont und mir und meiner Familie den Kauf fertigen Essens erspart. Wobei ich auch Phasen habe, wo mir Kochen wieder richtig Freude bereitet. Und auch das ist kein blindenspezifisches Merkmal.
In meiner Küche gilt das Sprichwort „Wer Ordnung hält ist nur zu blind zum Suchen“. Für mich ist in der Küche Grundvoraussetzung, dass alles möglichst an seinem Platz ist. Wenn ich also meinen Suppentopf brauche, suche ich an dem Ort, an den ich ihn zuletzt hingestellt habe. In der Regel in einem bestimmten Schrankfach. Wenn er da nicht ist, muss ich suchen. Und da ich nicht eben mal einen Rundblick durch die Küche werfen kann, fange ich an zu suchen. D.h. ich muss tasten. Und das kostet mich das Mehrfache an Zeit. Auch wenn mich die Erfahrung im Zusammenleben mit meinen sehenden Kindern gelehrt hat wohin manche Dinge gestellt werden.
Kochen ist für mich entspannend, wenn ich nur einen Griff tun muss, um Öl, Käse, Pfeffermühle oder Tomaten sofort in der Hand zu halten. Und hier unterscheide ich mich vermutlich kaum von normal sehenden, die sich in der Küche betätigen. Jeder hat sich eine Ordnung geschaffen, mit der er oder sie am besten zurechtkommt. Nur ist diese Ordnung für mich als Blinde noch wichtiger, da mich das Suchen mehr Zeit kostet als einen normal sehenden. Und das stresst mich.
In meinem Kühlschrank oder anderen Schränken mit Lebensmitteln brauche ich die Ordnung auch, um möglichst schnell zu erfassen, ob etwas aufgebraucht wurde und nachgekauft werden muss. Dabei ist für mich nicht wichtig, dass die Gegenstände platzgenau stehen, sondern einfach in dem Schrankfach, welches für sie vorgesehen ist.
Spannend ist es bei Gewürzen. Diese bewahre ich in einem offenen Gewürzregal auf. Ich kann die Beschriftung noch lesen, wenn ich sie direkt vor das Gesicht halte und diese kontrastreich gemacht ist. Die meisten Gewürze habe ich dennoch mit Braille versehen. Das habe ich gemeinsam mit einem sehenden Freund gemacht. Damit bin ich einfach schneller, und es ist weniger anstrengend. Für die Beschriftung mit Punktschrift verwende ich durchsichtiges Dymoband. Das klebt gut und ist unempfindlicher als Papier. Außerdem können meine sehenden Kinder die normale Beschriftung auch sehen. Gewürze, welche in besonderen Gefäßen untergebracht sind, beschrifte ich nicht. Das habe ich mir gemerkt und aus lauter Faulheit nie geändert.
Aber nicht nur bei Lebensmittel ist mir die Ordnung wichtig, sondern auch bei Reinigungsgegenständen und Flaschen, die ich in der Küche aufbewahre. Wenn ein Glas kaputt geht, etwas umfällt oder spritzt, dann muss ich sofort in der Lage sein das wieder sauber zu machen. Und zwar ohne vorher zu suchen oder jemanden um Hilfe zu bitten.
Meine Kinder kennen das von mir. Wenn sie etwas an einen anderen Platz räumen, machen sie die Erfahrung, dass sie vermisste Gegenstände für mich suchen müssen. 🙂
Es gibt nur wenige Menschen, die ich freiwillig in meiner Küche werkeln lasse. Es sind vor allem Leute, die sich an meine Ordnung halten, sondern lieber einmal mehr fragen wo was hin soll. Und diese dürfen nicht mit mir zu diskutieren anfangen warum ich diesen oder jenen Gegenstand nicht doch an einer anderen Stelle unterbringen sollte. Jeder hat seine Ordnung, und ich habe eben meine. Und in meiner Küche mache ich die Regeln. Wer sich daran hält, der ist bei mir herzlich willkommen.

Deine Ordnung ist mein Chaos

Frühjahr 2007. In meinem Bekanntenkreis gibt es eine neue Frau, die stets darum bemüht ist mir das Leben zu erleichtern. Das ist erstmal nichts Ungewöhnliches. Und solange ich dabei bin, kann ich sagen wie ich was am liebsten möchte. Nicht aber wenn solche Aktionen in Form einer Überraschung stattfinden.
Ich habe Geburtstag. Und da ich am Vortag bis spät abends gearbeitet habe, freue ich mich, dass meine Familie sich um das Frühstück kümmert. Auf dem Frühstückstisch steht Kuchen, den meine Bekannte in der Nacht gebacken hat. Auf einer Karte finde ich einen lieben Gruß und die Nachricht, dass ihr Geburtstagsgeschenk an mich dieser Kuchen und noch zwei weitere in der Küche seien. Außerdem habe sie in der Nacht meine Küche hübsch gemacht. Ich bin noch nicht so richtig wach und erfasse die Tragweite noch nicht. Da meine Familie sich komplett um das Geschehen in der Küche rund um das Frühstück kümmert, mache ich mir erst einmal keine Gedanken.
Für den Nachmittag habe ich ein paar Freunde eingeladen. Also gehe ich in die Küche, um Kaffee zu kochen. Und jetzt erst nehme ich wahr, dass nichts mehr an seinem gewohnten Platz ist. Meine neue Bekannte hat nicht nur die Küche geputzt, sondern diese komplett neu eingeräumt. Und zwar so, dass ich mich nicht mehr zurechtfinde.
Ich fühle mich einfach hilflos und breche regelrecht in Tränen aus. Es kann doch nicht sein, dass ich in meiner eigenen Küche stehe, unfähig eine Kanne Kaffee zu kochen und den Tisch zu decken. Meine Freundin kommt und erfasst die Lage und leistet Erste Hilfe. Der Tisch wird gedeckt, und Kaffee und Kakao gekocht. Und am Ende wird es doch noch ein entspannendes Kaffeetrinken, da meine sehende Freundin sich kümmert. Wir werden später die Sachen so einräumen, dass ich mich wieder ohne fremde Hilfe zurechtfinden kann.
Als meine Bekannte eintrifft, ist sie absolut erstaunt, dass ich mich nicht über ihr Geschenk freuen kann. Sie hatte nicht gewusst, dass mir die Ordnung so wichtig ist. Sie hatte gesehen, dass ich mich sicher durch das Haus bewegen kann. Also würde ich auch mit ihrer Ordnung klarkommen.
Bleiben wir mal bei dem Beispiel Küche. Ich habe meine Anordnung der Lebensmittel, Haushaltsgeräte und Geschirr. Wenn ich also das Salz, den Zwiebelschneider oder eine bestimmte Salatschüssel brauche, weiß ich ohne nachzudenken welchen Schrank ich öffnen muss, um diese zu finden. Jeder, der regelmäßig in der Küche arbeitet, hat so ein System. Dabei ist es egal ob die Person sieht oder nicht. Interessant wird es, wenn der gesuchte Gegenstand nicht an seinem Platz ist. Der normal Sehende sieht sich um, schaut in die einzelnen Schränke, bis er den Gegenstand gefunden hat. Ich taste die Arbeitsflächen ab, taste das Innere eines jeden Schranks ab, bis ich den Gegenstand gefunden habe. Auch wenn ich schnell bin, kostet mich das mehr Zeit.
Vor einigen Jahren hatte ich eine Putzhilfe, die es als ihre Aufgabe ansah auch aufzuräumen. Ich hatte immer einen kleinen Putzeimer hinter der Badezimmertür stehen, damit ich ihn bei Bedarf schnell zur Hand hatte. Als es mal wieder so weit war, fand ich den Eimer nicht mehr an seinem gewohnten Platz. Auch meine Kinder fanden ihn im ganzen Haus nicht wieder. Irgendwann erfuhr ich von meiner Putzhilfe, dass sie diesen in einem Schränkchen im Bad gestellt habe, da dies besser aussieht. Auf die Idee wäre ich wahrscheinlich lange nicht selbst gekommen.
Das Beste hat sich eine Dame geleistet, die einige Monate bei mir beschäftigt war. Meine Kinder waren zu dem Zeitpunkt noch im Grundschulalter. Wenn sie Flächen abwischte, räumte sie alles, was ihr im Weg war, in die darunter befindlichen Fächer oder Schubladen. Nur vergaß sie ganz oft die Gegenstände nach dem Abwischen der Flächen wieder an ihren Platz zurückzustellen. Nach diesen Tagen suchten meine Kinder nach diversen Gegenständen. Und auch ich fand das ein oder andere nicht. Irgendwann fanden sich die Nintendo Spiele meiner Tochter nicht wieder. Wir suchten überall danach. Außer in den Schubladen. Die Dame selbst wusste von nichts. Nach einigen Wochen fanden wir die Spiele nebst einigen anderen gesuchten Gegenständen in einer Schublade wieder. Ich habe mehrfach versucht das abzustellen. Jedoch glänzte die Hilfe durch permanente Lernresistenz. Und da dies nur Stress für meine Familie und mich bedeutete, trennten sich unsere Wege.
Bei blinden Personen im Haushalt helfen bedeutet, dass man auf keinen Fall umräumen darf. Es sei denn der Blinde wünscht es ausdrücklich. Aufräumaktionen sollten gemeinsam abgesprochen werden. Nach der zu Beginn beschriebenen Aktion meiner Bekannten habe ich gemeinsam mit meiner sehenden Freundin meine Küche neu eingeräumt. Und zwar so wie ich es haben wollte. Denn schließlich koche ich in dieser Küche und nicht meine Bekannte oder meine Putzhilfe. Und ich möchte möglichst wenig Zeit mit dem Auffinden versteckter Gegenstände verschwenden. Zeit, die ich sinnvoller gestalten kann.