Grosskampftag, 3 Stunden bis zum Bus

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Das Foto zeigt mich vor einer Sonnenuhr.

Ich werde oft gefragt wer mir den Haushalt macht oder ob meine Kinder mir viel helfen. Daher habe ich mal über einen Morgen eines Großkampftags geschrieben. Vor allem die Eltern unter Euch können anschließend selbst beurteilen inwieweit sich Euer Alltag von meinem Unterscheidet, und wie viel wir gemeinsam haben.

Halb sieben Uhr morgens. Normalerweise hätte ich noch etwas Zeit, bis mein Tagewerk beginnt. Aber nicht an diesem Tag. Mein Sohn Grillt heute mit seiner Klasse und hat sich verpflichtet einen Kuskussalat mitzubringen. Und wer bereitet diesen zu? Mama natürlich. Und weil der frisch sein muss, passiert das früh morgens. Denn heute Vormittag habe ich versprochen einen Workshop zu halten. Im Klartext: die nächsten drei Stunden werden sicher nicht langweilig werden.

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Warum blinde Computernutzer spezielle Schulungen brauchen.

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Das Bild zeigt ein Laptop mit angeschlossener Braillezeile. Darauf liegen meine Finger.

Ich benutze ein handelsübliches Notebook. Und auch Tastatur, Scanner und Drucker kommen aus dem herkömmlichen Handel.

Du fragst Dich jetzt sicher warum ich unbedingt eine spezielle Schulung im Umgang mit eben diesen Geräten brauche. Und wenn ich Dir jetzt auch noch sage, dass ich handelsübliche Software auf meinem Computer habe, dann wirst Du sicher den Kopf schütteln.
Sprüche wie: „Da gibt es doch ein Tutorial im Internet“ oder „Geh doch mal zur Volkshochschule. Da werden Kurse angeboten“, bekomme ich oft zu hören.

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Blinde Eltern, sehende Kinder, Teil 7

Ich stehe vor einer Gruppe Sechstklässler und erzähle den interessierten Schülern einiges zum Thema Blindheit. Ein Mädchen meldet sich und fragt ob meine Kinder auch blind sind. Nein, sind sie nicht. Und dann kommt die bereits vorprogrammierte Frage: „Die helfen doch bestimmt viel mit“. Ich beantworte die Frage mit einer Gegenfrage, obwohl man das nicht machen sollte. Ich schaue in die Runde und frage „Wer muss von Euch zuhause mithelfen?“ Die meisten melden sich. Auf die Frage nach den Aufgaben, die die Kinder im Haushalt erledigen müssen, melden sich eine Reihe von Kindern mit Tätigkeiten wie Staubsaugen, Aufräumen, Spülmaschine ausräumen usw. Und jetzt erkläre ich den Kindern, dass meine Kinder ähnliche Aufgaben haben wie sie selbst. Denn in erster Linie bin ich Mutter, und verhalte mich so wie Mütter sich eben verhalten, deren Kinder Pflichten haben. Meine Kinder müssen jedoch nicht meine Blindheit ausgleichen.

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Warum die Ansagen in Bus und Bahn so wichtig für mich sind.

Lydia an der Bushaltestelle Herzogstraße

Das Foto zeigt mich an einer Bushaltestelle.

Frankfurt Konstablerwache. Ich habe meine Tochter zum Zug begleitet und sitze in der S-Bahn Richtung nach Hause. Jetzt steht die Bahn seit ein paar Minuten da und fährt nicht weiter. Um mich herum macht sich Gemurmel breit. Und dann endlich höre ich die Ansage: „Aufgrund eines Wassereinbruchs in der Station Ostendstraße ist die Strecke nur eingleisig befahrbar. Daher verzögert sich unsere Weiterfahrt um voraussichtlich zehn Minuten.“ Okay, alles in Ordnung. Ich weiß jetzt Bescheid und kann entscheiden ob ich in der Bahn sitzen bleibe oder meinen Weg auf andere Weise fortsetze.

An unseren s-Bahnen finde ich gut, dass auch am Bahnsteig angesagt wird welche Bahn als Nächstes einfährt, und wo sie endet. Das ermöglicht es mir ohne fremde Hilfe in den richtigen Zug zu steigen. Anderenfalls muss ich fremde Menschen danach fragen. Es wird vorausgesetzt, dass ich, nur weil ich blind bin, fremden Menschen sofort vertraue. Gut, ich komme damit zurecht. Ich weiß aber, dass es genügend Menschen gibt, die ein Problem damit haben darauf zu vertrauen, dass eine wild fremde Person ihnen die richtige Bahn nennt. Und was, wenn gerade keiner in meiner Nähe auf dem Bahnsteig steht? Ich löse das so, dass ich mich auch schon mal in die Türe stelle und in die Bahn hineinrufe.

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Abwiegen, abmessen und dosieren – so mache ich das blind

Lydia in der Küche mit zwei Messlöffeln

Bild: Lydia mit einem halb gefüllten und einem vollen Messlöffel.

Es ist Samstagvormittag, als ich damit beginne den ersten von zwei Kuchen zu backen. Schließlich steht heute Nachmittag ein Kindergeburtstag an. Und wie jedes Jahr gibt es bei uns eine klare Aufteilung. Während mein Mann die obligatorische Schatzsuche vorbereitet und später auch begleitet, bin ich für das Backen zuständig. Und wie die meisten Mamas liebe ich es ganz besonders, wenn mich während des Backens keiner stört oder mir im Weg steht.
Halt, Stopp, blind, und Kuchenbacken? Das heißt doch abwiegen, abmessen oder so was. Geht das? Ja, das geht. Und zwar vollkommen blind. Hier zeige ich Euch ein paar Möglichkeiten auf.

Natürlich gibt es Rezepte, bei denen man nicht viel abmessen braucht. Die sogenannten Tassenkuchen. Die liebe ich, weil sie einfach schnell gehen.

Hier ein Rezept für einen solchen Kuchen:
1 Tasse Öl, 1 Tasse Zucker, 5 Eier, 1 halbes Päckchen Backpulver und 4 Päckchen Puddingpulver. In dieser Reihenfolge zusammenrühren und anschließend ca. 45 Minuten bei 180 Grad Heißluft backen. Fertig. Wenn man ihn besonders locker haben mag, dann trennt man die Eier und schlägt das Eiweiß zu Eischnee und hebt ihn darunter.

Nun sind aber nicht alle Rezepte so einfach, dass man ohne Abwiegen oder Abmessen auskommt. Brauche ich präzise Messwerte, so gibt es Waagen, welche mit einer Sprachausgabe ausgestattet sind. D.h., dass die Waage mir sagt, wie viel Gramm ich jetzt in der Schüssel habe. Besonders schätze ich daran die Zuwiegefunktion. Und inzwischen sind sie auch erschwinglicher als vor 20 Jahren. Damals habe ich für meine 160 DM gezahlt. Heute gibt es welche für unter 30 €.
Für diejenigen, die lieber einen Messbecher benutzen möchten, gibt es auch diese mit einer Sprachausgabe. Ich selbst habe so einen allerdings noch nie benutzt. Dafür hatte ich mal einen, der eine fühlbare Markierung auf der Innenseite hatte. Damit konnte ich Flüssigkeiten wie Milch ganz gut abmessen. Das mache ich inzwischen mit Tassen, von denen ich weiß wie viel ml Fassungsvermögen sie haben.
Irgendwann habe ich Messlöffel für mich entdeckt. Diese hatte ich mir mal aus Neugierde bei einem Versand mitbestellt. Es waren 5 Löffel aus Kunststoff mit 100, 50, 15, 5 und 1 ml Inhalt. Bei den zwei größeren Löffeln befand sich in der Mitte eine fühlbare Markierung, um 50 und 25 ml abmessen zu können. Dazu gab es eine Messtabelle in Brailleschrift, die Angaben darüber enthielt wie schwer 100 ml Zucker, Mehl usw. Sind. Außerdem gab es noch eine Tabelle mit Angaben darüber wie viel ml 100 g von Zucker, Mehl usw. ergaben. Irgendwann fing ich an damit zu experimentieren.

Mit der Zeit brauchte ich die Tabelle nicht mehr, da ich die Dinge, die ich häufig brauchte, auswendig konnte. Außerdem sind Maßangaben bei Rezepten im Grunde nur Richtwerte.
Was ich nach wie vor als Herausforderung empfinde ist das Abmessen kleiner Mengen. Ich weiß noch, als eines meiner Kinder täglich inhalieren, und ich das Kochsalz abmessen musste. Die Kinder waren noch zu klein, um mir hier helfen zu können. Also brauchte ich die rettende Idee.
Ich ließ mir vom Kinderarzt eine Einwegspritze geben. Diese markierte ich mir am Kolben mit einem Küchenmesser so, dass ich fühlen konnte wie viele ml Flüssigkeit ich aufgezogen hatte. Die Flüssigkeit konnte ich somit präzise aufziehen und direkt in den Inhalator geben. Das andere Medikament konnte ich mit der Pipette hineintropfen. Das kann man hören. Und so konnte ich mir behelfen, wenn ich keine normal sehende Person in meiner Nähe hatte. Generell fand ich es einfacher Medikamente mit der Spritze aufzuziehen als mit dem Löffel zu geben. Denn dazu hätte ich drei Hände gebraucht: Eine, die den Löffel hält, eine die kontrolliert wie voll der Löffel ist, und eine die das Medikament eingießt. Und für mich, Mama mit zwei Händen, ist das ein wirkliches Problem.

Zurzeit habe ich keine sprechende Waage mehr. Irgendwann hat sie ihren Geist aufgegeben. Und seither trage ich mich mit dem Gedanken, mir eine Neue ins Haus zu holen. Inzwischen sind einige Jahre ins Land gegangen. Und ich habe noch immer keine. So viel zum Thema Dinge aufschieben. Und irgendwie haben mir meine Messlöffel bisher ganz gut geholfen. Jedenfalls für das was ich machen muss. Und für wirklich präzise kleine Mengen, muss nach wie vor eine Einwegspritze herhalten. Doch wie heißt es so schön? Der Zweck heiligt die Mittel.