Redet weiter, wenn ich komme

Ich bin mal wieder bei Sonnenschein unterwegs. Ich liebe es, wenn es so langsam Frühling wird und die Winterjacke nicht mehr mich, sondern den Kleiderschrank wärmt. Der einzige Wermutstropfen ist, dass ich bei Sonnenschein trotz starker Sonnenbrille kaum etwas sehe. Ich kann Häuserfronten, Gartenzäune oder manchmal Autos sehen, wenn die Lichtverhältnisse stimmen, oder der Schatten im richtigen Winkel auf sie fällt. Menschen, die mir entgegenkommen sehe ich nicht mehr. Ich nehme sie entweder durch meinen Stock oder meine Ohren wahr.
Rechts von mir ist eine stark befahrene Straße, die viele leise Geräusche untergehen lässt, dennoch höre ich zwei Frauen miteinander an der Häuserwand reden. Und solange sie das tun, weiß ich wo sie stehen und kann ihnen ein Stückweit ausweichen. Doch kaum habe ich mich ihnen auf vielleicht fünf Meter angenähert, verstummen die Stimmen, und ich kann die beiden Damen nur noch erahnen. Vermutlich drücken sie sich ganz dicht an die Häuserfront, peinlich darauf bedacht nicht von mir oder meinem Stock getroffen zu werden. Die Erfahrung sagt mir, dass sie so lange dortbleiben werden, bis ich ganz sicher an ihnen vorbeigelaufen bin.
Mir ist es lieber, wenn die Leute ihr Gespräch fortsetzen, während ich an ihnen vorbeilaufe. Denn dann höre ich sie. Diese Information ist für mich wichtig, denn dann weiß ich wie weit die Menschen von mir entfernt sind und in welcher Richtung sie aus meiner Perspektive sind. Dabei ist es für mich gleich, ob sie stehen oder sich in eine bestimmte Richtung bewegen. Solange sie sprechen kann ich sie orten.
Eine andere Variante des Umgangs mit mir sind die wohlmeinenden Menschen, die mir eine Richtung angeben wie ich an ihnen oder einem bestimmten Hindernis vorbeilaufen soll. Das hilft mir nicht wirklich weiter. Erst mal wissen die Leute meist nicht wohin ich wirklich möchte, und zweitens weiß ich nicht aus wessen Perspektive die Richtungsangabe zu sehen ist. Sein rechts muss noch immer nicht mein rechts sein, somit gibt es nichts und niemanden, der mir garantiert, dass ich durch diese Richtungsangabe nicht versehentlich irgendwohin laufe, wo eine Gefahr für mich lauert.
Laufen mit dem Blindenstock im Straßenverkehr ist für mich Konzentration pur, auch wenn ich auf Wegen, die mir vertraut sind, quasi jeden Pflasterstein kenne. Orientierung bei Sonnenschein, oder Orientierung im Regen ist eine etwas verschärfte Form davon, die nur durch die Orientierung im Schnee getoppt wird. Es gibt viele blinde Menschen, die bei einem solchen Wetter sich langsamer bewegen, weil sie sich dadurch einfach sicherer fühlen. Wenn man wie ich meist recht schnell mit dem Stock unterwegs ist, dann nur, weil ich seit Jahrzehnten auf diese Art und Weise unterwegs bin. Ich kenne die Tücken der Wege, die Gefahren und meine eigenen Grenzen. Und wenn ich mal nicht weiter weiß, habe ich gelernt mir einen Weg zu suchen, nach Hilfe zu fragen, und diese exakt zu benennen.

Für diejenigen, die sich fragen was man mit dem Blindenstock alles wahrnehmen kann, und was nicht, habe ich den Beitrag Der Blindenstock in der Praxis gemacht.

Also, für alle diejenigen, die einen blinden Menschen auf sich zukommen sehen. Redet weiter, wenn wir kommen, dann wissen wir genau wo Ihr steht. Damit helft Ihr uns am besten. Und wenn wir doch mal eine andere Hilfe brauchen, dann wissen wir auch wo Ihr steht, und können Euch direkt ansprechen. In diesem Sinne, wir hören und sehen uns.

10 Antworten auf “Redet weiter, wenn ich komme”

  1. Hallo Lydia, ich lese deinen Blog schon eine ganze Weile. Ich habe epileptische und psychogene Anfälle und bin 1. Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Selbst Aktiv – Menschen mit Behinderungen in der SPD im Kreis Peine. Wer Blogs liest bekommt etwas Einsicht in das Leben anderer Menschen mit einer Behinderung. Du erfüllst also eine gesellschaftliche Aufgabe, die der Aufklärung. Liebe Grüße Heiko

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  2. Hallo liebe Lydia,
    Hallo ihr anderen blinden Fußgänger,

    Du schreibst dass du dich dort wo du dich gut auskennst, dank dem Stock sehr gut und eben auch recht schnell und trotzdem sicher bewegen kannst.

    Mein Mann wurden von einer blinden sehr jungen dunkelhaarigen Frau mit einem weissen langen Stock in Wien im riesengroßen U-Bahn- und Bahnhofsgelände in genau einer solchen Situation, bei der sie ihrem Weg kannte und sehr eilig folgte, unvermittelt gefährdet und fast zum Sturz gebracht.

    Wir hatten sie bereits einen Stock tiefer gesehen, als sie sehr zügig an uns vorbei lief indem sie den in den Granitboden eingefrästen geriffelten Leitlinie für Blinde folgte, die mir dabei erstmalig bewußt auffielen, und sie vor den Aufzügen stehen blieb, die auch wir ansteuerten. ich war erstaunt wie schnell sie sich hier zwischen den vielen Personen doch bewegte!

    Sie kannte sich also sehr gut aus, das konnte man sofort erkennen, denn sie wusste genau an welcher Abzweigung sie vorbeilaufen musste, bzw welche Abzweigung für sie die richtige ist, und so konnte ich auch beobachten wie schnell sie an der richtigen Abzweigung abbog um der geriffelten Linie zu folgen, die zu den Aufzügen führte, So blieb sie direkt davor stehen. drückte den Knopf und wartete. In der Zeit kamen auch wir langsam heran Und warteten dann neben ihr auf einen Aifzug..
    Da ich im Rollstuhl unterwegs war, mein Mann Einkaufstüten trug, wir also Platz brauchten, stiegen wir aus Platzgründen nicht mit ihr zusammen in den linken Aifzug, der als erstes aufging und in den sie eingestiegen war, sondern warteten einfach auf den zweiten Aufzug, auf der rechten Seite, der kurz drauf ankam, als der Aufzug links, mit der blinden jungen Frau schon losfuhr.

    Eigentlich gleich hätte sie also schon weg sein müssen als wir einen Stock höher ausstiegen. Ich weiß nicht wieso ihr Aifzug länger unterwegs war, … Aber jedenfalls muss ihr Aufzug erst nach unserem. einen Stock höher die Türen geöffnet haben, denn als ich, gefolgt von meinem Mann, bereits unseren Aufzug einen Schritt verlassen hatte um direkt nach links abzubiegen,, war von ihr nichts zu sehen.

    Kurz drauf nahm ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr, und gleichzeitig sah ich auch schon, wie mein Mann einen riesen Hüpfer machen musste, weil er damit versuchte, sich irgendwie mit einem großen Schritt samt einer Drehung zur Seite weg zu retten, so dass er nicht den Stock zusammentrat Stil mit ihm stolperte und die blinde Frau ihn nicht mit ihrem Stechschritt, so schräg von hinten volle Kanne in ihn hineinrannte!

    Er hatte beim gehen gar keine Bewegung von hinten bemerkt, erzählte er mir später, aber er sah auf einmal die Spitze ihres Stocks zwischen seinen Füßen nach vorne kommen, als er gerade einen Schritt machte und sein Fuß noch in der Lift war. Daher setzte er seinem Fuß da eben nicht ab, denn er hatte direkt realisiert, das dies die blinde Frau sein musste, und dass er dann über ihren Stock stürzen würde!

    Daher hat er, um irgendwie trotz seiner Laufbewegung nichStürzenoder mit ihren Stock zu stürzen, sein Bein anstatt es abzusetzen, reflexartig ganz weit hoch gehoben, sich dabei schnell zur Seite gedreht und versucht ihr irgendwie aus ihrem Weg zu springen. …
    Dies hat dann GSD auch noch gerade so geklappt, ohne dass er dabei in dem Stock hängen blieb oder lang hinfiel. Aber das war wirklich schon ein fast olympiareifer Piruetten-Blindenstock-Sprung!

    Ich starrte völlig entsetzt zu meinem Mann und der blinden Frau hinterher, als mein Mann es schaffte,, sich ohne zu stürzen wieder zu fangen. Er schaute ihr ebenfalls nur völlig sprachlos hinterher und überlegte, ob er denn nun etwas sagen sollte, oder ob sie das wirklich nicht bemerkt haben könnte, .. was uns beiden aber unmöglich erschien.
    Jedoch war sie bis da bereits chon gut 3 Meter weiter gelaufen und entfernte sich so eilig, fast wie auf Autopilot, an dieser geriffelten Spur entlang, so dchon es schien, als ob sie überhaupt nichts davon mitbekommen hatte,… was wirklich total erstaunlich wäre, denn mein Mann hüpfte ja nur ganz haarscharf ausweichend um sie herum, und schaffte es auch nur zentimeterknapp, über ihrem Stock zu hüpfen um danach sofort auch noch ihrem schnellen Stechschritt zu entgehen, so das sie nicht in ihn rein prallte. Sie muss in jedem Fall noch die Bewegung durch den Luftzug gespürt haben, mit dem mein Mann schnell flüchtete, denn er entging ja nur haarscharf einem Zusammenprall!,….

    Ich fragte daher meinen Mann, … ups, , wo kam die denn jetzt so schnell her??? und als wir uns umguckten, sahen wir, daß diese Leitlinie für Blinde hier ganz knapp vor den Aufzügen geradeaus entlang führte, so das man sie also ganz automatisch überquert, wenn man zwei Schritte aus dem Aufzug heraus macht, … also befanden wir uns natürlich noch auf der geriffelten Linie, der die Blinden folgen.

    Als ich ihr hinterherblickte, sah ich, das sie beim Laufen ihren weißen langen Blindenstock schwenkte, aber für dieses Tempo war das meiner Meinung nach viel zu langsam,… Wenn sie so schnell von hinten auf ein stehendes oder auch ein sich bewegendes Hindernis zubewegt und dabei ihren Stock gerade nach rechts bewegt, wenn sich das Hindernis gerade von links her mit dem Rücken zu ihr hin nähert, oder ihren Weg quert und sie nicht bemerkt, dann berührt sie das Hindernis nämlich gar nicht sondern bemerkt es erst, wenn sie den Stock wieder nach links bewegt. Daher kann sie es bei der schnellen Geschwindigkeit, die sie anschlug, eben niemals rechtzeitig bemerken und stoppen, bevor es zum Zusammenstoß kommt, wenn der andere sie nicht rechtzeitig bemerkt und stoppt.

    Es könnte vllt. ein Kind oder Hund auf der Linie der sie folgt, stehen oder ein langsam laufender Mensch vor ihr ihre Linie queren, so das sie von hinten im toten Winkel in dieses Hindernis rein läuft…. und genau DAS wäre ja auch uns passiert, …. wäre mein Mann nicht hoch hüpfend und ausweichend über ihren Stock hinweggesprungen, (er ist 2 m groß, hat extrem lange Beine und kann sie daher auch sehr gelenkig bewegen, sonst wäre er nämlich sicherlich dort, mit dem Stock zwischen den Beinem, zu Fall gekommen!

    Die Türen ihres Aufzugs, der rechts von unserem fuhr, müssen sich erst kurz nach unseren Aufzugstüren geöffnet haben, . denn als wir unseren Aufzug verließen und links abbogen war ja beidseits alles frei! Sie muss also direkt danach aus dem Aufzug gekommen sein um ebenfalls links abzubiegen.

    Das Problem war ihr Tempo, also dass sie dort regelrecht aus dem Aufzug geschossen kam, (genauso schnell wie wir sie ja bereits ein Stockwerk tiefer zum Aufzug hatten hin laufen sehen… . Sie folgte ohne sich anderweitig zu orientieren, oder innezuhalten sehr schnellen Schrittes dieser geriffelten Linie vor dem Aufzug und lief daher direkt von hinten in uns hinein. .

    Da wir bereits kurz vor ihr aus dem anderen Aufzug, links von ihr getreten waren, und links abbogen, als sie aus ihrem Aufzug herauskam, und ebenfalls links abbog um wieder der dort verlaufenden geriffelten Linie zu folgen, bekam wir nichts von ihr mit und auch sie bemerkte uns anscheinend ja auch nicht, weil die so schnell lief und die Geräuschkulisse auch nicht so leise war.

    Ich hab diesen Fast-Zusammenstoß nur so ausführlich beschrieben, dass du dir diese, unbekannte Örtlichkeit und auch die Situation besser vorstellen kannst.

    Aber anhand dieses Beispiels kann man eigentlich gut verstehen, das es nicht nur alleine wichtig ist, daß,… so wie du es beschreibst,… der Blinde sich dort so gut auskennt, das er sich sicher genug fühlt und sich daher auch zutraut, sich dort so schnell zu bewegen, und dass man ihn dies daher so tun lassen soll, wie er es kann und möchte…. eben weil er selber diesen Weg wie in seiner Westentasche findet, da er ihn so gut kennt.

    … er muss doch trotz all seiner Streckenkenntnisse stets damit rechnen, dass sich unverhofft etwas auf seinem Weg befindet, was sein Stock während des pendelns noch gar nicht erfassen konnte, Oder das jemand seinen Weg quert, der ihn noch nicht nicht bemerken konnte, weil er sich ihm im toten Winkel von hinten her nähert, und der Blinde ihn nicht bemerkt, da der Passant zu leise ist, oder die Umgebung zu laut.

    Ja, … sicher sollte wohl normalerweise die Pendelbewegung dies dem Blinden rechtzeitig anzeigen, aber wenn er zu schnell läuft und dabei nicht ausreichend schnell mit dem Stock pendelt, bekommt er sicher auch nicht immer alles rechtzeitig mit, ….. oder wie ist es sonst zu erklären dass mein Mann einfach so beim schlendern während eines normalen Schrittes auf einmal diesen Stock so schräg von hinten schnell zwischen seinen beiden Füßen hervorkommen sah?!

    Dieses Verhalten hat ja schon fast etwas Ähnlichkeit mit einem Rad- oder Skatboardfahrer, der eilig eine Fußgängerzone durchquert, aber meint, er könne die Wege aller anderen problemlos vorhersehen, und jederzeit ausweichen oder um sie herumfahren… Aber das Problem ist eben, das man die Bewegungen anderer Personen vor einem, und derer die einen noch gar nicht bemerken konnten, einfach nie gut vorhersehen kann,…

    Genau so etwas merke ja auch ich als Rollstuhlfahrer immer wieder aufs Neue! … zB. wenn ein Fußgänger im dichten Gedränge und gleichem Tempo direkt vor mir her läuft, bzw. ich ihm also versuche nur zu folgen, weil ich auf diese Weise am einfachsten ebenfalls einen Weg durch das dichte Gedrönge der Leuze finde,,,, und mir sonst ja ständig jemand vor die Räder läuft,… … Wenn mein Fußgänger dem ich folge, dann auf einmal stehenbleibt, stoppe ich natürlich auch,..

    Jedoch, wenn er dann beginnt, auch noch unverhofft zwei, drei Schritte rückwärts zu gehen, ohne erst nach hinten zu blicken,… weil er gleich die Richtung wechseln will, oder irgend etwas betrachten möchte, … (Das machen Fußgänger echt ständig) ,… dann kann der Rollifahrer den Zusammenstoß eigentlich kaum noch verhindern, weil er ja selbst leider nicht zur Seite und auch nur lamgsam nach hinten ausweichen kann, sondern er dabei ja damit rechnen muss, daß er bei dieser Aktion gleich den Fremden bei sich auf dem Schoß sitzen hat,… und dies passiert leider seinerseits eben leider nicht zur Seite oder nach hinten ausweichen kann, sondern damit rechnen muss, daß er bei dieser Aktion gleich den Fremden vor sich auf dem Schoß sitzen hat,… und dies passierteben viel schneller als man denkt, und das ist dann eben gar nicht mehr lustig!

    Man kann als Behinderter, auch wenn man doch täglich so darauf geschult ist, die Bewegungen der gesunden Personen schon regelrecht hervorzusehen, trotzdem nicht immer alle Bewegungen der Anderen rechtszeitig erahnen. Ich kann daher auch nicht versuchen mit nur einem kräftigen anschieben, einfach alle flink zu überholen oder mich dabei auch einfach mal zwischen ihnen hindurchzuschlägen,… nur weil ich es kann, oder ich es mir reaktionsmäßig zutraue und ich mich sicher genug dabei fühle,…,

    Viele Grüße und allzeit sichere Wege
    Deine Claudi

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  3. Und wieder ein wirklich schöner Beitrag für Jedermann, um Deine Welt des Sehens besser zu verstehen. Insbesondere das mit den Stimmen war mir noch nicht so klar, ist aber sehr gut nachvollziehbar und bedarf einfach mehr Werbung für alle Blinden, damit es für Euch einfacher wird.

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