Orientierung im Regen

Ich liebe das Geräusch, welches Regen beim Tropfen auf ein Dachfenster macht. Und ich liebe es bei einem warmen leichten Sommerregen draußen zu stehen. Die paar Tropfen, die mich erreichen, stören mich nicht, sondern tun eher gut. Und ich liebe es ganz besonders, wenn die Luft nach Regen riecht.
Regen verändert die Geräusche so, dass ich es anstrengender finde mich draußen im Straßenverkehr zu orientieren. Das Geräusch fahrender Autos auf nassem Asphalt scheint alles andere zu übertönen. Daher fühle ich mich sicherer, wenn ich in der Mitte eines Bürgersteigs laufen kann. Fahrräder sind schon ohne Regen kaum zu hören. Bei Regen kann ich sie gar nicht mehr orten. Aber auch an Hauswänden lauern Gefahren. Damit meine ich Äste und Zweige, die normalerweise so hoch sind, dass ich bequem darunter durchlaufen kann. Vom Regenwasser beschwert hängen sie so tief, dass ich sie im Gesicht oder an der Kleidung habe. Hier meine Bitte an Grundstücksbesitzer. Wenn Ihr Eure Hecke oder Baum schneidet, dann bedenkt doch, dass die Äste und Zweige bei Regen schwerer sind, und damit auch tiefer herabhängen.
Große Pfützen sind mit dem Blindenstock irgendwie noch tastbar. Bei kleineren Wasseransammlungen merke ich es erst dann, wenn ich hineingetappt bin. Das ist zwar unangenehm, jedoch für mich kein Grund mit Gummistiefeln rumzulaufen.
Wesentlich unangenehmer empfinde ich es an einer Ampel zu stehen. Gerade die blindengerechten Ampeln in meiner Heimatstadt sind so beschaffen, dass ich die Grünphase durch eine Vibrationsplatte wahrnehmen kann. Dazu muss ich die ganze Zeit am Ampelmast stehen bleiben. Und wenn dieser nun mal dicht an der Straße steht, und sich etwas Wasser angesammelt hat, werde ich auch schon mal nass, wenn ein Auto so richtig dicht am Bürgersteig an mir vorüber fährt.
„Du kannst Dir ja von jemandem helfen lassen“, war der Ratschlag einer Freundin. Tja, bei der veränderten Geräuschkulisse sind potentielle Helfer für mich kaum bis gar nicht zu orten.
Und wegen der veränderten Geräuschumgebung trage ich nur selten eine Kapuze. Denn diese verhindert, dass ich Geräusche richtig wahrnehmen kann, die für mich wichtig sind. Das gilt zum Beispiel für die Überquerung einer Straße.
Eine weitere Alternative ist die Mitnahme eines Regenschirms. Den Blindenstock in der rechten Hand, den Regenschirm in der Linken, gehe ich meinen Weg. Diese Variante kostet mich jedoch eine Menge an Konzentration. Denn mit dem Regenschirm bin ich etwas breiter als sonst. Und das in einem Bereich, den der Blindenstock nicht abdecken kann. Im Klartext heißt das, dass ich mit dem Regenschirm schon mal an Büschen oder Hausfassaden hängen bleibe. Es muss schon sehr stark regnen, damit ich mir das freiwillig antue. Solange ich nur kurze Wege habe, laufe ich einfach so durch den Regen. Und wenn dieser stark ist, warte ich an einer trockenen Stelle ab.
Auf Wegen, die mir vertraut sind, kenne ich die Stellen, an denen man einen Regenschauer abwarten kann. Problematisch wird es in fremder Umgebung. Hier ist es mir schon passiert, dass ich ein paar Meter von einem Unterstand entfernt gestanden habe. Einfach, weil ich diesen nicht sehen und hören konnte. Liebe sehende Passanten. Wenn Ihr einen blinden Menschen im Regen stehen seht, dürft Ihr ihn darauf aufmerksam machen, dass er an einer anderen Stelle trockener steht. Dann hat er die Option sich helfen zu lassen oder nicht.
Es gibt noch eine Sache, die ich richtige scheußlich finde. Wenn es regnet, die Straßen also nass sind, und die Sonne darauf scheint. Das reflektierende Sonnenlicht empfinde ich als so blendend, dass ich mich mit meinen Restsehen kaum noch orientieren kann. Damit es allzu weh tut, mache ich dann schon mal die Augen zu und verlasse mich ausschließlich auf den Blindenstock.

Und nun bin ich auf Eure Erfahrungen in den Kommentaren gespannt.

6 Antworten auf “Orientierung im Regen”

  1. Vielen Dank. Artikel wie dieser helfen mir, der ich doch recht häufig auf sehbeeinträchtigte Personen treffe, angemessen zu reagieren, d.h. Hilfsangebote zu machen oder über Gegebenheiten zu informieren, ohne dabei ins Fettnäpfchen zu treten.

    Als Sehender und Hörender kann ich mich nämlich nur schwer in eine sinnesreduzierte Welt einfühlen

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  2. Hallo Lydia,
    Bei Regen mag ich auch keine Kapuzen, da mein Gehör nichts mehr orten kann und Regenschirme sind nicht nur unpraktisch sondern werden bei nächster Gelegenheit irgendwo vergessen.
    Stattdessen trage ich bei Niederschlag einen etwas breitkrempigeren Hut aus Filz. Der ist atmungsaktiv und wasserabweisend und ich kann noch in alle Richtungen hören.
    Vielleicht wäre das ja auch was für dich.
    Liebe Grüße aus dem Yukon,
    Luisa

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  3. Auch ich liebe die wunderschöne Musik des Regens. Da erklingen manchmal richtige Melodien und rythmen. Der Geruch ist einzigartig schön, vielfältig und spannend. Langsam sehne ich mich wirklich wieder mal danach. Die akustischen Probleme, die bei Orientierung im Regen entstehen, kenne ich nur zu gut. Ich merke auch, dass ich langsam im älter werden immer lärmempfindlicher werde. Regenschirme nutze ich auch nur äußerst selten. Meist regnet es sowieso quer durch den Wind, so dass die nicht viel nützen. Außerdem reflektiert der Schirm über einem noch den Lärm von unten. Dann hört man damit noch weniger.

    Nicht optimal aber ein guter Kompromis ist ein Poncho. Den kann man praktisch mitnehmen und man bekommt auch noch den Rucksack darunter.  Und für die Blätter, die einem ins Gesicht klatschen, trage ich eine Brille zum schutz, damit mir wenigstens nichts in die Augen gerät. Leider werden viele Hecken, Bäume und Büsche so schlecht geschnitten, dass es nicht mal regnen muss, dass einem der Mist ins Maul klatscht. Ich habe mir für meinen Arbeitsweg schon mehrfach eine Heckenschere in den Rucksack gesteckt und die gefährlichen Ranken selbst abgeschnitten. Von der Sensorik her betrachtet, ist Regen ein Wetter für alle Sinne. Ich bin schon auf einen Beitrag über Orientierung im Schnee gespannt…

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  4. absolut auf den Punkt gebracht. Genau so würde es mir auch ergehen. und mit Langstock und! Regenschirm, das ist schon eine akrobatische Meisterleistung , Dann müsste ich wirklich passen.
    tja, geteiltes Leid ist halbes Leid, so lese ich deine Zeilen immer wieder gerne. Es grüßt dich aus dem Räuber Spessart Dagmar

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