Sprecht einfach normal mit mir

Lydia mit Stock auf einer Treppe aufwärts

Ich stehe an einer Akustischen Ampel. Das ist eine Ampel mit einer Vorrichtung, die mir durch einen Piepton signalisiert, dass die Ampel grün ist. Und auf dieses Signal warte ich. Ich habe keinen Zeitdruck. Daher stürme ich nicht sofort los, als das akustische Signal zu hören ist. Entsprechend erschrocken bin ich, als mir eine laute Männerstimme in mein Ohr brüllt: „Sie können gehen, die Ampel ist grün“.
Solche Situationen kennen viele blinde Menschen, die sich allein im Straßenverkehr bewegen, nur zu gut. Nicht blinden Menschen sei gesagt: In der Regel sind blinde Menschen lediglich im Sehen eingeschränkt. Die Ohren funktionieren sehr gut. Sie können also den Straßenverkehr hören, akustische Ampeln hören und einem Gespräch in normaler Lautstärke uneingeschränkt folgen. Und blinde Menschen sind aufgrund einer Sehbehinderung allein nicht kognitiv eingeschränkt, oder automatisch sprachbehindert. Es besteht also keine Notwendigkeit besonders laut, besonders langsam und besonders gut artikuliert mit uns zu sprechen. Und einem anderen Menschen buchstäblich ins Ohr zu brüllen ist ein NoGo.

Dazu fällt mir eine lustige Story ein: Ich laufe unter der Überdachung unseres Einkaufszentrums entlang, als ich höre, dass es stark regnet. Ich wohne nur ein paar Minuten Fußweg entfernt. Unentschlossen stelle ich mich an die Seite, und wäge meine Optionen ab. Entweder bleibe ich hier stehen, und warte den Regenschauer ab, oder ich laufe durch den Regen nach Hause, und nehme in Kauf, dass ich mich dann erst mal umziehen darf. Während ich so mit mir selbst diskutiere, reist mich eine laute Stimme aus meinen Gedanken und sagt ganz langsam zu mir: „Also, Sie sehen es ja nicht. Deshalb sage ich es Ihnen: Es regnet“. Diese Äußerung war ganz sicher gut gemeint. Doch noch heute sorgt diese Geschichte bei uns für Erheiterung, in Blindenkreisen.
Normalsehende Menschen nehmen 80 % ihrer Informationen über das Auge auf. Da das bei blinden Menschen nicht so geht, lernen wir einen Großteil der Informationen über die anderen Sinne wahrzunehmen. Unsere Sinne sind nicht automatisch besser, sondern einfach nur trainiert. Ich nehme also einen Regenschauer nicht durch das Sehen wahr, sondern durch das Geräusch. Und ein Regenschauer, der auf eine Überdachung plätschert, ist einfach nicht zu überhören. Außerdem fühlt man die Luftfeuchtigkeit. Und wenn man darauf achtet, kann man Regen sehr gut riechen. In meinem Beitrag Orientierung im Regen habe ich darüber geschrieben.

Also, liebe hilfsbereite Menschen, redet bitte normal mit uns. Also so, wie Ihr mit jedem anderen Menschen auf der Straße sprechen würdet. Wenn wir etwas anders haben wollen, werden wir das benennen. Ich denke, davon haben wir alle etwas.
Ganz wichtig sind mir noch zwei wesentliche Dinge:

  1. Sprecht mit uns. Und nicht über uns oder für uns.
  2. Redet weiter, wenn ich komme. Denn wer mit Blinden nicht spricht, der existiert für sie nicht. Und solange Ihr redet, weiß ich wo Ihr steht, und kann evtl. ausweichen oder um Hilfe bitten.

Dieser Beitrag erschien in etwas abgewandelter Form am 02.04.2019 im Newsletter von Raul Krauthausen. Ich danke Dir, lieber Raul für die Erlaubnis ihn noch mal hier auf dem Blog zu veröffentlichen.

Redet weiter, wenn ich komme

Lydia läuft mit Blindenstock und Shopper eine Straße entlang

Ich bin mal wieder bei Sonnenschein unterwegs. Ich liebe es, wenn es so langsam Frühling wird und die Winterjacke nicht mehr mich, sondern den Kleiderschrank wärmt. Der einzige Wermutstropfen ist, dass ich bei Sonnenschein trotz starker Sonnenbrille kaum etwas sehe. Ich kann Häuserfronten, Gartenzäune oder manchmal Autos sehen, wenn die Lichtverhältnisse stimmen, oder der Schatten im richtigen Winkel auf sie fällt. Menschen, die mir entgegenkommen sehe ich nicht mehr. Ich nehme sie entweder durch meinen Stock oder meine Ohren wahr.
Rechts von mir ist eine stark befahrene Straße, die viele leise Geräusche untergehen lässt, dennoch höre ich zwei Frauen miteinander an der Häuserwand reden. Und solange sie das tun, weiß ich wo sie stehen und kann ihnen ein Stückweit ausweichen. Doch kaum habe ich mich ihnen auf vielleicht fünf Meter angenähert, verstummen die Stimmen, und ich kann die beiden Damen nur noch erahnen. Vermutlich drücken sie sich ganz dicht an die Häuserfront, peinlich darauf bedacht nicht von mir oder meinem Stock getroffen zu werden. Die Erfahrung sagt mir, dass sie so lange dortbleiben werden, bis ich ganz sicher an ihnen vorbeigelaufen bin.
Mir ist es lieber, wenn die Leute ihr Gespräch fortsetzen, während ich an ihnen vorbeilaufe. Denn dann höre ich sie. Diese Information ist für mich wichtig, denn dann weiß ich wie weit die Menschen von mir entfernt sind und in welcher Richtung sie aus meiner Perspektive sind. Dabei ist es für mich gleich, ob sie stehen oder sich in eine bestimmte Richtung bewegen. Solange sie sprechen kann ich sie orten.
Eine andere Variante des Umgangs mit mir sind die wohlmeinenden Menschen, die mir eine Richtung angeben wie ich an ihnen oder einem bestimmten Hindernis vorbeilaufen soll. Das hilft mir nicht wirklich weiter. Erst mal wissen die Leute meist nicht wohin ich wirklich möchte, und zweitens weiß ich nicht aus wessen Perspektive die Richtungsangabe zu sehen ist. Sein rechts muss noch immer nicht mein rechts sein, somit gibt es nichts und niemanden, der mir garantiert, dass ich durch diese Richtungsangabe nicht versehentlich irgendwohin laufe, wo eine Gefahr für mich lauert.
Laufen mit dem Blindenstock im Straßenverkehr ist für mich Konzentration pur, auch wenn ich auf Wegen, die mir vertraut sind, quasi jeden Pflasterstein kenne. Orientierung bei Sonnenschein, oder Orientierung im Regen ist eine etwas verschärfte Form davon, die nur durch die Orientierung im Schnee getoppt wird. Es gibt viele blinde Menschen, die bei einem solchen Wetter sich langsamer bewegen, weil sie sich dadurch einfach sicherer fühlen. Wenn man wie ich meist recht schnell mit dem Stock unterwegs ist, dann nur, weil ich seit Jahrzehnten auf diese Art und Weise unterwegs bin. Ich kenne die Tücken der Wege, die Gefahren und meine eigenen Grenzen. Und wenn ich mal nicht weiter weiß, habe ich gelernt mir einen Weg zu suchen, nach Hilfe zu fragen, und diese exakt zu benennen.

Für diejenigen, die sich fragen was man mit dem Blindenstock alles wahrnehmen kann, und was nicht, habe ich den Beitrag Der Blindenstock in der Praxis gemacht.

Also, für alle diejenigen, die einen blinden Menschen auf sich zukommen sehen. Redet weiter, wenn wir kommen, dann wissen wir genau wo Ihr steht. Damit helft Ihr uns am besten. Und wenn wir doch mal eine andere Hilfe brauchen, dann wissen wir auch wo Ihr steht, und können Euch direkt ansprechen. In diesem Sinne, wir hören und sehen uns.