Auch Blinde haben mal schlechte Laune

Es ist Sonntag und später Nachmittag. Am Abend findet eine Familienfeier statt, für die ich mich noch fertig machen muss. Am Nachmittag hatte ich ein Treffen in Friedberg, die SBahn habe ich nur bekommen, weil sie Verspätung hatte, und ohnehin bin ich eine Stunde später als ursprünglich geplant zuhause. Kurz, ich bin voll im Stress. Und weil im Linienbus mal wieder die Ansage der Haltestellen abgeschaltet war, bin ich auch noch zu weit gefahren. Gut, dass mir der weg vertraut ist.

Ich gehe sehr zügig meinen Weg. Plötzlich taucht in meinem eingeschränkten Blickfeld ein Mensch auf, der langsamer unterwegs ist als ich. Ich versuche zu überholen, geht aber nicht, da dieser Mensch in dieselbe Richtung ausweicht wie ich. Meine Bitte mir Platz zu machen wird entweder nicht gehört oder einfach ignoriert. Aber ich will jetzt hier vorbei! Also weiche ich auf den Fahrradweg aus. Plötzlich werde ich von einem Arm aufgehalten, der sich mir ausgebreitet in den Weg legt. Und das in Brusthöhe. Das tut ganz schön weh. Geht’s noch? Fast hätte ich mich auf die Nase gelegt. Und als ob das nicht ausreicht kommt die weibliche Stimme aus dem Hintergrund und mault mich an: „Machen Sie langsam, sie sehen doch nix“. Dabei krallt sich eine zweite Hand in meine Jacke.

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Wie erkennen Blinde Geld?

Auf dem Foto bin ich in einem Fachgeschäft für Handarbeit zu sehen. Ich habemeine linke Hand über den Ladentisch gestreckt, und jemand legt mir Wechselgeld hinein. Den Blindenstock habe ich unter den rechten Arm geklemmt.

Ich bin leidenschaftliche Strickerin. Dabei kann ich mich entspannen, besser konzentrieren oder einfach nur die Hände beschäftigt halten. Und wenn ich dann im Handarbeitsladen meines Vertrauens gehen und mir Anregungen holen kann, dann ist der Tag gerettet. Da ich nicht wie ein normal sehender in einer Zeitschrift für Handarbeit schmökern kann, liebe ich es mit der Ladeninhaberin zu quatschen, mir Anregungen zu holen oder mir anzusehen was sie gerade in Arbeit hat.

Eigentlich hatte ich heute nicht vor etwas Neues zukaufen, bevor ich die Wolle aus meinem strickkorb verarbeitet habe. Aber die Wolle hier ist einfach zu schön. Die muss ich mitnehmen. Also Den Geldbeutel aus der Tasche geholt, und das Geld über den Tisch geschoben.

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Die Polizei, dein Freund und Helfer eine Katzengeschichte

auf dem Bild sieht man eine zusammengerollte Katze.

Draußen begann es hell zu werden, als ich es in unserem Wohnzimmer fauchen und toben hörte. So viel also zum Thema Ausschlafen am Wochenende. Es war Samstag früh, und mitten in den Winterferien 2005. Meine Kinder, vier und fünf Jahre schliefen zwar nicht mehr, beschäftigten sich jedoch in ihrem Kinderzimmer. Doch es war nur noch eine Frage der Zeit bis sie in mein Bett kamen.
Ein lauter Schlag riss mich aus meinen Überlegungen. Das hörte sich nach etwas größerem an. Also stand ich auf und ging widerwillig nach unten, um den Katzen Einhalt zu gebieten. Und da sah ich die Bescherung. Der Weihnachtsbaum hatte dem Temperament der beiden Jungkatzen nichts entgegenzusetzen und war samt Ständer umgefallen. Wasser, mit dem der Ständer gefüllt war, zerbrochene Glaskugeln und allerhand anderer Dinge lagen kreuz und quer auf dem Boden herum. Meine Kinder, die den Schlag ebenfalls gehört hatten, waren mir nach unten gefolgt. Während sie das Chaos bestaunten, fühlte ich Panik in mir aufsteigen. Wie sollte ich die Katzen davon abhalten sich an Scherben zu verletzen, und wie konnte ich das Chaos schnellstmöglich beseitigen? Ich ordnete an, dass meine Kinder sich Hausschuhe anziehen sollten und versuchte Den Weihnachtsbaum aufzustellen. Aber der war einfach zu schwer für mich. Und selbst wenn ich ihn aufgestellt bekommen hätte, wären da noch die Scherben, die auf ca. 20 QM verteilt waren. Der Staubsauger konnte mir hier nicht helfen, da ich wegen des Wassers eben nicht saugen konnte. Als fast blinde Frau brauchte ich Stunden, um das hier restlos beseitigen zu können.

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„lasst mich auch dabei sein!“

auf dem Bild ist ein Mann an seinem ComputerArbeitsplatz zu sehen.

Lydia bat mich, einen Gastbeitrag für Ihren Blog zu schreiben. Ich bin Markus Ertl, 43 Jahre, späterblindet und stehe mitten im Leben. Meine kleine Familie, das sind meine Frau, meine zwei Mädels und zwei Katzen und ich. Meine Arbeit ist die Personalentwicklung, d.h. ich schaue bei uns, was unsere Leute in der Sparkasse für Weiterbildungen brauchen und das macht mir richtig Spaß. Ich erlebe leider, und nicht nur in der Arbeit, dass ich auf viele Barrieren stoße, die mich immer wieder ein kleines Stückchen aus einer inklusiven Welt hinaus drücken möchten. Deshalb bin ich auch bei der Interessensgemeinschaft selbstbestimmt Leben e.V. (IsL) Inklusions-Botschafter geworden, um immer wieder über das Thema aufzuklären. Und deshalb freue ich mich, dass mich Lydia gefragt hat, hier zu schreiben.

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Blind einkaufen, Teil 2

Lydia mit Shopper und Blindenstock vor einem Obststand in einem Supermarkt

Wer nicht sehen kann, muss tasten.
Es ist Freitagvormittag. Meine Freundin und ich gehen gemeinsam in den Supermarkt meines Vertrauens. Während sie kurz abgelenkt ist, stehe ich vor den Nektarinen. Das weiß ich aber erst nachdem ich vorsichtig die Hand auf das Abgepackte Päckchen gelegt habe. Okay, ich habe meine Information und möchte weiter tasten. Schließlich brauche ich noch einiges an Obst und Gemüse. In diesem Moment spüre ich einen Schlag auf meine rechte Hand. Während ich noch überlege woher das kommt, motzt mich eine Frau an. Sie wirft mir vor das Obst zu zerquetschen. Ich versuche ihr in ruhig sachlichem Ton zu erklären, dass ich blind bin und tasten muss. Sie ist so in Fahrt, dass meine Erklärung sie nicht erreicht. Als sie dann „Sauerei“ durch den Supermarkt ruft, rate ich ihr sich doch zu beschweren. Das hat sie offensichtlich nicht getan. Denn als ich das Problem an der Kasse anspreche, weiß der Mitarbeiter nichts davon.
Am selben Tag, 30.08.2016 um 12:26, poste ich in Facebook folgenden Status: Ich möchte mich auf diesem Wege bei der Dame bedanken, die mir heute in der Zeit zwischen 10:15 Uhr und 10:30 Uhr im netto Markendiscount auf die Finger gehauen hat. Sie meinte mich auf diese Art und Weise davon abzuhalten die Nektarinen, die ich kurz ertastet hatte, zu zerdrücken. Es war ihr nicht klar zu machen, dass ich als blinder Mensch nur durch Tasten fühlen kann was da ist.
Ich wünsche dieser Frau, dass sie niemals in eine Situation gerät, in der sie wie ich mehr Tasten als sehen kann. Und wenn doch, dann wünsche ich ihr, dass sie verständnisvolleren Zeitgenossen begegnet. Da ich nicht weiß wie diese Frau aussieht, habe ich keine Chance ihr das jemals selbst sagen zu können. Schade eigentlich. Aber vielleicht war jemand während dieser Zeit im Netto und hat das ganze irgendwie mitbekommen.
In einer regionalen Facebookgruppe entfacht das eine rege Diskussion. Der Großteil der Leser verurteilt das Verhalten der Schlägerin. Es gibt jedoch auch Stimmen, welche diesen Übergriff rechtfertigen. Schließlich sei ihr möglicherweise meine Sehbehinderung entgangen. Ich wusste bisher nicht, dass man in unserem Rechtsstaat einem anderen auf die Finger hauen darf, um dessen vermeintliche Verfehlung zu ahnden. Ein User stellt mich als notorische Motzbacke dar, da ich mir mal nicht beim Aussteigen aus einem Bus helfen ließ. Dies nutzt eine weitere Userin, die zu wissen glaubt, dass Menschen mit Behinderung generell unhöflich auf Hilfsangebote reagieren. Für beinahe 48 Stunden wurden die meisten Klischees bedient. Ich bin mal wieder entsetzt. Und so beschließe ich diesen Beitrag zu schreiben.
Die Schlägerin hat Glück gehabt, dass ich sie nicht beschreiben kann. Sonst hätte ich den Vorfall angezeigt. Schade eigentlich. Denn so etwas habe ich schon einmal erleben müssen. Und ich schließe nicht aus, dass es sich um dieselbe Person handelt, da die Stimmen sich ähnlich waren.
In einem Supermarkt oder Kaufhaus orientiere ich mich zunächst einmal mit meinem Sehrest von ca. 2 Prozent. Wie gut das geht hängt von den jeweiligen Lichtverhältnissen ab. Ich kann Wege, Gänge, Regale oder Tische mit Auslagen erkennen. Ich kann auch noch sehen ob große Gegenstände darin stehen oder liegen. Die Details sehe ich nicht mehr. Dazu muss ich tasten. Meist reicht ein vorsichtiges Anfassen, um zu erkennen welchen Inhalt das Regal oder der Tisch hat.
Das beste Beispiel hierfür ist Obst und Gemüse. Hier brauche ich kaum fremde Hilfe. Einmal kurz hin fassen, und ich weiß sofort ob ich hier Äpfel, Nektarinen oder Birnen vor mir habe. Ich muss auch nicht auf das Obst oder Gemüse draufdrücken, um zu erkennen wie reif es ist, oder ob es möglicherweise nicht mehr gut ist. Auch das kann ich erfühlen und oder auch riechen. Reifes Obst oder Gemüse riecht nun einmal anders als Unreifes.
Wenn ich sage, dass ich mir die Inhalte durch Ertasten erschließe, dann meine ich damit die Inhalte von frei zugänglichen Regalen und Verkaufstischen. Ich würde nie auf die Idee kommen hinter eine Fleischtheke zu greifen. Das ist auch nicht nötig. Schließlich gibt es da Bedienung. Was ich auch nicht mache ist mir Berliner, Donuts oder so aus der Bäckertheke Selbst rauszunehmen. Das Hantieren mit dem dafür vorgesehenen Löffel empfinde ich als anstrengend. Hier nehme ich gern Hilfe an.
Kommen wir zu dem zweiten ähnlichen Erlebnis, dass ich vor Jahren hatte. Auch hier hatte ich keine Chance.
Es ist mitten im ‚Sommer. Ich komme gerade von der Arbeit und springe eben noch mal in den Supermarkt, um noch einige Besorgungen zu machen. Anschließend stehe ich an der Kasse an. Ich habe alles ausgeräumt. Da ich nicht hören oder sehen kann wie weit das Förderband inzwischen gefahren ist, greife ich vorsichtig von oben drauf, um zu ertasten ob das noch mein Einkauf ist, oder bereits der vom nächsten, der hier ansteht. Bevor ich mit der Hand auf dem Band landen kann, schlägt mir jemand von oben richtig fest auf die Hand. Ich bin bitter erschrocken. Als ich mich mit einem lauten Autsch beschwere, meint die Verursacherin, dass ich ihre Pflaumen zerquetschen würde. Ich versuche ihr in ruhig sachlichem Ton zu erklären warum ich die Hand eben da hatte. Gehör finde ich jedoch nicht. Sie zahlt ihre Pflaumen und geht. Die Verkäuferin an der Kasse reagiert nicht. Ich schreibe es der Tatsache zu, dass sie mit Kassieren abgelenkt war. Und was soll sie auch tun? Die Schlägerin hat den Laden bereits verlassen. Und ich weiß nicht einmal wie sie aussieht.
Und jetzt noch mal für diejenigen, die mit so einer Person sympathisieren. Es ist nicht Sache eines Kunden einen anderen von etwas abzuhalten. Wenn, dann ist das Sache der Kassierer oder anderer Angestellten. Dort darf man sich beschweren. Diese, und nur diese, entscheiden darüber was zu tun ist. Also, selbst wenn ich die Lebensmittel bis zur Unkenntlichkeit zerquetschen würde, hat keiner das Recht mich körperlich anzugreifen. Auch nicht die Damen und Herren der alten Schule, die meine Körperliche Züchtigung sei noch immer das Mittel der Wahl.