Sight-City – weltgrößte Messe rund um Blindheit und Sehbehinderung

Während blinde Menschen vor einem halben Jahrhundert als permanent hilflos waren, hat sich die Einstellung unserem Personenkreis gegenüber soweit gewandelt, dass auch ein selbstbestimmtes Leben möglich ist. Je nach Behinderung, Wesen oder Mobilität braucht die eine oder andere Hilfestellung in unterschiedlichen Lebensbereichen.

Theoretische Inhalte darüber gibt es im Netz der Netze in Hülle und Fülle. Ich möchte mal auf die Perspektive einer blinden Person eingehen. Ab und zu brauche ich Hilfe beim Putzen, da ich dafür die mehrfache Zeit brauche, die ein Sehender braucht. Auch handschriftlich verfasste Mitteilungen an mich gehen nur mit Hilfe einer sehenden Assistenz.
Dennoch gibt es eine Menge Hilfsmittel, die mir meinen Alltag erleichtern. Da wäre meine Waage, die mit einer Sprachausgabe versehen ist, so dass auch ich mein Mehl oder Zucker Gramm genau abwiegen kann. Da ist mein sprechendes Farberkennungsgerät, mit welchem ich feststellen kann, ob ich jetzt den blauen, oder den roten Pullover in Händen halte. Und da ist die Software, die gerade jetzt dafür sorgt, dass ich jeden Buchstaben, oder jedes Wort, das ich gerade in den Computer eingebe, vorgelesen bekomme.
Doch nicht nur die Hersteller von Blindenhilfsmitteln haben blinde Personen als Zielgruppe entdeckt. Auch andere Branchen leben inzwischen davon. Da sind die Anbieter für Reisen, die speziell für blinde und sehbehinderte Personen konzipiert sind. Da sind Firmen, die sich auf Schulungen spezialisiert haben. Und da sind Vereine und Selbsthilfegruppen, die ihre Arbeit vorstellen.
Doch sind nicht nur blinde und sehbehinderte Personen als Zielgruppe interessant, sondern auch Angehörige und Freunde von Betroffenen. Und natürlich auch potentielle Kostenträger für Bildungsmaßnahmen. Daher bieten größere Hilfsmittelmessen ein entsprechendes Rahmenprogramm mit Vorträgen oder Podiumsdiskussionen zu unterschiedlichen Themen an.

Ein Highlight ist die jährlich in Frankfurt am Main stattfindende SightCity, Europas größte Hilfsmittelmesse für Blinde und Sehbehinderte. Drei Tage lang präsentieren Aussteller aus aller Welt ihre Neuheiten und Angebote. Daher ist diese Messe für jeden interessant, der sich umfassend informieren möchte. Entsprechend viele blinde und sehbehinderte Besucher nehmen dieses Angebot wahr.
Ein Hilfsmittel ist ein Gegenstand, der einen im Alltag begleitet. Daher ist es wichtig dieses vor dem Kauf in der Hand gehalten und die Bedienung ausprobiert zu haben. Erst recht, wenn es sich um ein kostspieliges Hilfsmittel handelt. Für blinde und sehbehinderte Kunden ist das noch wichtiger, da sie oft die Abbildungen der Hilfsmittel im Onlinehandel oder Hilfsmittelkatalog nicht sehen können.
Ein gutes Beispiel ist mein Blindenlangstock, der mich auf meinen Wegen durch den Alltag begleitet. Ein Blindenstock ist nicht  nur ein Stock. Es gibt diesen in unterschiedlichen Varianten, und mit mancher Zusatzfunktion. Und da ich mich mit dem Blindenstock auf der Straße sicher bewegen möchte, und dabei will, dass sich dieses für mich gut anfühlt, suche ich mir den entsprechenden aus, indem ich damit ein paar Schritte laufe, sein Gewicht prüfe, mich frage, ob mir das Material des Griffs gefällt usw. Und dann gibt es auch unterschiedliche Stockspitzen, zwischen denen ich wählen kann. Es gibt sie in unterschiedlichen Formen, je nach Einsatzgebiet.
Daher bin ich ein Freund davon solche Messen oder Ausstellungen zu besuchen. Sie bieten mir die Möglichkeit mehrere Anbieter verschiedener Produkte kennenzulernen und direkt miteinander zu vergleichen. Ich kann das Hilfsmittel in die Hand nehmen, dem Aussteller jede Frage stellen, die mir wichtig erscheint. Und da viele Betroffene auf solchen Messen unterwegs sind, ist das für viele eine gute Gelegenheit sich zu treffen, Erfahrungen auszutauschen oder einfach mal einen Kaffee miteinander zu trinken.

Wer jetzt neugierig geworden ist, findet auf der Homepage der SightCity alle erforderlichen Informationen über Aussteller und Rahmenprogramm. Viel Spaß beim Stöbern. Und vielleicht treffe ich den ein oder anderen meiner Follower dort.

Das kannst Du nicht, lass mich das machen

Diese und ähnliche Aussagen kennen Menschen mit einer Behinderung nur zu gut. Als blindes Kind bedeutete das für mich, dass ich stets mit Dingen konfrontiert wurde, die ich nicht konnte. Jedenfalls Dinge, die zu einem lebensfähigen Menschen dazu gehörten.

Praktische Beispiele bis zum 9. Lebensjahr waren:
– Ich konnte mir nie ein Glas Wasser oder Tee selbst einschenken.
– Ich habe nie gelernt ein Kleidungsstück zusammenzulegen.
– Ich durfte nie eine Straße ohne sehende Hilfe überqueren.

Ich habe also gelernt, dass ich blind, und damit hilflos bin. So, wie mein Umfeld mich eben sah. Meine Eltern sahen in mir aber auch, dass ich Schulstoff sehr schnell aufnahm. Und weil ich sehr schnell besser deutsch sprach als meine restliche Familie, war für meine Eltern klar, dass ich einen Beruf wie Übersetzerin oder Lehrerin ausüben würde. Ich würde einen sehenden Mann heiraten, der mich zur Arbeit fahren und in Allem unterstützen würde. Und mit viel Glück würde ich sehende Kinder bekommen, die mir später helfen würden. Ja, und solange würde meine Familie für mich sorgen. Und weil ich meinen Eltern vertraute, glaubte ich selbst lange Zeit an diese Lebensplanung
Die große Veränderung kam, als ich mit neun Jahren auf eine Schule für blinde Kinder wechselte. Bisher hatte ich eine Schule für sehbehinderte Kinder besucht, die mit einem Schulbus erreichbar war. Nun musste ich auf das angeschlossene Internat, weil die
Schule zu weit weg war, um täglich nach Hause zu kommen. Ein Lehrer aus der Schule hatte uns zuhause besucht, und mir viel von der Blindenschule und den Kindern erzählt. Ich fand das spannend. Denn ich kannte keine anderen blinden Kinder. Und ich würde Freunde finden, mit denen ich in und nach der Schule spielen konnte. Für meine Eltern brach damit eine Welt zusammen, als sie ihr blindes Kind weggeben mussten. Es dauerte sehr lange, bis sie begriffen, dass auch andere für mein Wohl sorgen konnten, und dass sie damit keine Rabeneltern waren.
Ich erlernte die Brailleschrift, entdeckte die Schulbücherei und gewann Freunde, mit denen ich nicht nur gemeinsam lernte, sondern auch Spiele, Sport und Blödsinn machte. Eben all das, was zum Kind sein dazu gehörte. Ich lernte, dass ich auch Spiele wie „Mensch ärgere Dich nicht“ spielen konnte, da die Farben der Steinchen als fühlbare Oberflächenstruktur dargestellt wurden. Heute spricht man von Adaption. Und auch im lebenspraktischen Bereich erweiterte ich meinen Horizont. Denn Küchendienst, Brot selbst streichen oder seinen Tee einschenken waren auch blind machbar, wie mir Erzieher und Mitschüler zeigten. Ich lernte, dass ich meinen Kleiderschrank auch blind beherrschen konnte, wenn die Anordnung nicht von jemand anderem verändert wurde.
Vor Feiertagen wie Ostern, Weihnachten oder Muttertag wurde im großen Aufenthaltsraum gemeinsam gebastelt. Anstatt „Du kannst das nicht“ hörte ich „Probiere das mal“ oder „Wir machen das zusammen“. Gleiches galt auch für die Schulfächer Kunst oder Werken. Man versuchte uns so viel wie möglich alleine machen zu lassen. Und das rechne ich den Erzieherinnen und Lehrkräften hoch an.

Meine Familie besuchte ich nur noch am Wochenende und während der Ferien. Und als ich später auf ein Gymnasium für blinde und sehbehinderte Schüler wechselte, sah ich meine Familie nur noch einmal im Monat und während der Ferien. Hier gehörten der Umgang mit dem Blindenstock und der Umgang mit der Bratpfanne genauso zum Lehrplan wie der Schulstoff. Diese stetige Weiterentwicklung verpasste meine Familie ein bisschen. Für sie blieb ich lange Zeit das hilflose blinde Kind, das permanent umsorgt werden muss. Dazu kam, dass ich zuhause keine festen Freunde hatte, mit denen ich all das teilen konnte, was zum Erwachsenwerden gehörte. Und meine Schulfreunde waren ebenfalls bei ihren Familien. Zu weit weg, um sich mal eben für einen Nachmittag zu verabreden. Briefe in Braille oder auf Kassette, oder telefonieren waren die einzigen Möglichkeiten miteinander in Kontakt zu bleiben. Meine Punktschriftmaschine, meine Reiseschreibmaschine und jede Menge Bücher oder Hörbücher aus den entsprechenden Büchereien waren meine besten Freunde. Es war also ein völlig anderes Leben in einer etwas anders denkenden Umgebung.

Wenn zu meiner Schulzeit blinde Kinder integrativ an einer Regelschule unterrichtet wurden, dann war das etwas ganz besonderes. Schüler, die mitten in der Schullaufbahn aus der Regelschule auf das Internat für blinde Schüler wechselten, erlebten oft den Schock ihres Lebens. Denn oft wird der Focus auf den Schulstoff gelegt, und die Selbständigkeit eher stiefmütterlich behandelt. Ich habe Schüler erlebt, die ein super Zeugnis hatten, jedoch nicht in der Lage waren alleine von einem Raum zum Nächsten zu gehen, weil sie stets von Mitschülern oder einem Schulbegleiter an die Hand genommen wurden. Und Orientierung muss man nicht nur in ein paar Stunden Training erlernen, sondern auch permanent üben.

Alle Welt spricht von Inklusiver Beschulung behinderter Kinder. Dabei betrachten die einen das als gemeinsamen Unterricht, andere als eine Möglichkeit der Kinder in ihren Familien zu bleiben. Soweit, so gut. Bei dieser Diskussion vermisse ich den Ausblick in die Zukunft. Ich denke, dass Eltern daran liegt, dass ihr Kind zu einem selbständigen Menschen heranwächst. Das sollte auch für Kinder mit einer Behinderung gelten. Und das funktioniert nicht, wenn man dem Kind alles aus der Hand nimmt, von dem man denkt, es könne ihm Schaden.

Kinder mit einer Sehbehinderung haben einen Anspruch auf Frühförderung, Mobilitätstraining und andere Fördermaßnahmen, die ihnen zur Selbständigkeit verhelfen sollen. Diese Maßnahmen erfolgen durch speziell ausgebildete Fachkräfte, die wissen wie blinde und sehbehinderte Menschen arbeiten, und wie man ihnen etwas vermitteln kann. Und sie bringen die Geduld mit einen etwas ausprobieren zu lassen, was im Elternhaus oft nicht stattfindet.

Liebe Angehörige und Freunde von Kindern mit einer Sehbehinderung,
wir arbeiten anders als Ihr. Daher ist es wichtig, dass Ihr die Geduld mitbringt den blinden Menschen seine Erfahrungen machen zu lassen. Das ist ganz wichtig, damit es irgendwann funktioniert, wenn Eure helfende Hand nicht mehr da ist. Und noch etwas: Regt Euch nicht darüber auf, wenn mal was daneben geht. Das kann man aufwischen. Außerdem ist es völlig unnötig jeden Handgriff des Blinden zu kommentieren. Niemand mag es, wenn er oder sie unter Beobachtung steht. Ich persönlich kann bis heute nicht arbeiten, wenn ich das Gefühl habe, dass mir jemand auf die Finger schaut. Auch wenn es nicht so gemeint ist, fühlt es sich an wie in einer Art Prüfung. Und wenn Ihr Euch an Eure eigenen mündlichen oder praktischen Prüfungen erinnert, fragt Euch wie sich das angefühlt hat.

Für Euer Verständnis bedankt sich Eure Lydia

Vorlesestock hilft Blinden im Alltag

Der Vorlesestock zeigt mit der Spitze auf ein Straßenschild.

Wer blind ist, orientiert sich ganz anders als ein normal sehender Mensch im Straßenverkehr. Dabei sind markante Punkte, wie Straßenkreuzungen, Hauseingänge oder ein besonderer Straßenbelag eine große Hilfe. Doch in manchen Situationen kommen blinde Fußgänger an ihre Grenzen. Umso wichtiger wäre es Hausnummern, Straßenschilder oder die Aufschrift eines Ladenlokals lesen zu können. Denn nicht immer ist jemand auf der Straße unterwegs, den man fragen kann.
Herkömmliche Blindenstöcke stellen das Auge des Blinden am Boden dar. Mit Hilfe der Stockspitze kann der Bodenbelag, Stufen oder andere Hindernisse ertastet werden. Der Blindenlangstock wird mittels einer Pendelbewegung von links nach rechts in Schulterbreite ausgeführt. Die Länge ist von der Körpergröße des Nutzers abhängig, um eine größtmögliche Sicherheit im Straßenverkehr zu gewährleisten. Und wenn der Stock nicht mehr benötigt wird, ist er zusammenklappbar, und kann in einer Tasche, oder unter einem Stuhl verstaut werden.
Einer Forschergruppe aus Erlensee ist es erstmals gelungen einen innovativen Blindenstock zu entwickeln. Der Stick Reader 3000 sieht aus wie ein herkömmlicher Blindenstock, bringt jedoch einige nützliche Funktionen für blinde Nutzer im Straßenverkehr mit.
Der Stick Reader 3000 wurde als Vorlesestock entwickelt. Er kann beim Gehen wie ein herkömmlicher Blindenstock verwendet werden, bietet jedoch viele zusätzliche Vorteile. Mit seiner Hilfe lassen sich Straßenschilder oder Werbeplakate auslesen. Eine kleine Kamera befindet sich ca. 10 cm über der Stockspitze. Sie ist mit einer Klappe versehen, um sie vor Wasser und Schmutz zu schützen. Im Griff, der kaum dicker als der eines herkömmlichen Blindenstocks ist, sind ein Lautsprecher, der Akku, Audio- und Datenanschluss verbaut. Bei Bedarf kann auch ein Headset via Bluetooth angeschlossen werden. Das ist bei stark befahrenen Straßen besonders wichtig.
Um den Vorlesemodus des Stick Reader 3000 zu aktivieren, wird er mit der Spitze nach oben gehalten. Mehrere Fotos werden in Richtung der Stockspitze gemacht, und mit Hilfe einer OCR-Software aus den Bildern der Text herausgefiltert und vorgelesen.

Vorlesestock Kamera hochkant Schild
Vorlesestock Kamera hochkant Schild

Eine kleine Lampe sorgt bei schlechten Lichtverhältnissen für eine gute Bild- und Texterkennung. Die Akkulaufzeit beträgt zurzeit einen Monat im Stand-by-Modus. Bei eingeschalteter Lampe verkürzt sie sich auf zwölf Stunden. Ein Ladekabel wird mitgeliefert. Die Vorlese-Software ist Open Source und kann beliebig erweitert werden. Mit einem namhaften Elektronikkonzern soll demnächst eine Kleinserie produziert werden, um eine Testphase einzuleiten. So werden in Zukunft auch große Werbeplakate und Firmenschilder kein Problem darstellen. Und mit etwas Übung geht auch das Auslesen von Hausnummern und einfahrenden Bussen.

Vorlesestock Kamera Fahrplan
Vorlesestock Kamera Fahrplan

Doch die Entwickler des Stick Reader 3000 haben noch mehr vor. Wichtige Punkte sind eine Offlinelösung für die Vorlesefunktion des Stocks, damit blinde Nutzer unabhängig von Funklöchern sind. Damit könnte auch das Auslesen von Klingelschildern möglich werden. Außerdem soll es möglich werden den Griff des Stick Reader 3000 an das jeweilige Outfit des Nutzers oder der Nutzerin anzupassen. An einer entsprechenden Beleuchtungstechnik wird noch geforscht. Ebenfalls soll es möglich sein den Stick Reader 3000 per Smartphone aufzuspüren und einen lauten Piepton darauf zu schicken. Das ist besonders wichtig, wenn mal jemand den Standort des Stocks verändert hat, ohne den blinden Besitzer darüber zu informieren.
Die Entwickler sind selbst blind oder sehbehindert, und kennen daher die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe am besten. Daher dürfen wir auf die Weiterentwicklung des Stick Reader 3000 gespannt sein.

Tütensuppen und Konserven

Konserven und Tütensuppen

Als meine Kinder jünger waren, habe ich in regelmäßigen Abständen einen Großeinkauf mit einer bezahlten Assistenz gemacht. Und damit meinte ich auch Großeinkauf. Gekauft wurde alles, was ich verwendete, und was sich außerhalb des Kühlschranks über einen längeren Zeitraum halten kann. Also auch Gläser und Konserven. Denn diese im Supermarkt selbst zu suchen war mir bei der Menge, die ich haben wollte, zu zeitaufwändig. Also nutzte ich meine sehende Begleitung inklusive Eigenem Auto hier gnadenlos aus. Manchmal musste ich mich dann auch mal an der Gefriertruhe austoben. Für das Alltagsgeschehen brauchte ich dann nur noch die frischen Dinge wie Obst oder Gemüse usw. einzukaufen.

Nach ein oder zwei Stunden waren wir dann voll bepackt wieder zuhause, Neben dem Verstauen des Einkaufs kam für mich noch dazu, dass ich gemeinsam mit der Assistenz Verpackungen, Konservendosen oder Gläser so sortieren musste, dass ich diese eigenständig gezielt auswählen konnte.

Ein Gack, der immer wieder in Kreisen von blinden Personen rumgeht, erzählt von dem Blinden, der versehentlich das Hundefutter statt der geplanten Erbsensuppe gegessen hat, weil er es nicht lesen konnte. Zum Glück sind blinde Menschen nicht wirklich so unbeholfen, wie das Weltbild nicht blinder Personen es vorschreibt. Es gibt mehrere Möglichkeiten sich selbst zu behelfen.

Verpackungen, Gläser oder Konservendosen haben teilweise unterschiedliche Formen. Manche sind so weich, dass man durch sie den Inhalt erfühlen kann. Andere verursachen ein bestimmtes Geräusch, wenn man sie kurz schüttelt. Wir wollen mal davon ausgehen, dass die Behältnisse dieselbe Form und Größe haben. Und hier stelle ich unterschiedliche Lösungen vor.

Anordnung und Sortierung
Ich kann meine Konserven auf unterschiedliche Regale verteilen, oder so anordnen, dass ich sie später wieder Fine. Das macht Sinn, wenn es sich um wenige verschiedene Behältnisse handelt. Bei uns hat das Katzenfutter einen ganz anderen Platz als die eigenen Lebensmittel. Auch wenn das Katzenfutter eine Markante Form hat.

Markieren
Man kann sich Dosen und Gläser mit einem Gummiband, einer Schnur oder einem anderen Material kennzeichnen. Der Hilfsmittelmarkt bietet Markierungsbänder mit unterschiedlichen Oberflächen aus Gummi an. Diese dürfen sogar mit in die Gefriertruhe, um Gefriergut zu kennzeichnen.

Beschriften
Es gibt mehrere Möglichkeiten ein Behältnis zu beschriften. Wenn man noch etwas sieht, kann man dieses mit einem dicken Stift kennzeichnen. Wer oft die gleichen Dinge kauft, kann sich eine Beschriftung mit Dymoband machen, und dieses mit einem festen Gummi anbringen. Ich beschrifte meine Gewürze mit selbstklebendem Dymoband. Das hält gut. Und wenn der Behälter leer ist, wird er eben wieder aufgefüllt.

Aber auch die Technik hält hier Lösungen bereit. Es gibt kleine Plastikkarten im Checkkartenformat, welche sich mit Hilfe eines kleinen Geräts besprechen lassen. Diese Sprachnotiz kann an der Verpackung befestigt werden und später abgerufen werden.

Produkterkennung über den Barcode
Jedes Produkt ist mit einem Barcode versehen. Dieser lässt sich mit Hilfe eines Barcodescanners auslesen. Der Hilfsmittelmarkt für blinde Kunden hält auch hierfür einige Lösungen bereit. Dazu gehören die Produkterkennungsgerät Woodscan oder Einkaufsfuchs. Die Kosten dafür werden sogar von den meisten Krankenkassen übernommen. Aber auch Smartphones bieten Apps an, die diesen Code auslesen können. Damit könnte man sogar einkaufen gehen. Mir persönlich wäre das allerdings zu mühsam. Aber um festzustellen, ob ich das Päckchen mit Tomatensuppe oder das mit der Pilzsauce in Händen halte, ist diese Möglichkeit super. Und wenn das Produkt in der entsprechenden Datenbank noch nicht bekannt ist, lässt sich eine eigene Beschriftung machen und auf dem Gerät abspeichern.

Fazit
Es gibt mehrere Lösungen, um sich Behältnisse oder Gegenstände, die sich gleich anfühlen, voneinander unterscheidbar zu machen. Die von mir aufgeführten Möglichkeiten erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Daher bin ich gespannt, ob ich in den Kommentaren weitere Möglichkeiten angezeigt bekomme.

Der Blindenstock in der Praxis

Lydia läuft mit Blindenstock an einem zu eng parkendem Auto entlang.

Der Blindenlangstock, oder auch Blindenstock genannt, ist ein international anerkanntes Kennzeichen für blinde Personen im Straßenverkehr. Neben ihm sind auch die gelbe Armbinde mit drei schwarzen Punkten, die beidseitig an der Kleidung befestigt werden, und das weiße Führgeschirr, welches Blindenführhunde tragen, ebenfalls gültige Kennzeichnungen.

Im Folgenden möchte ich auf den Blindenlangstock eingehen, der neben der Kennzeichnung auch eine ganz wichtige Funktion erfüllt. Er ist sozusagen mein Auge am Boden.

Ich halte ihn beim Laufen so, dass er mir stets einen Schritt voraus ist. Bevor ich also einen Fuß nach vorne bewege, muss mein Stock diese Stelle berührt haben. Das ist wichtig, um sicherzustellen, dass sich kein Hindernis an dieser Stelle befindet. Die Stockspitze wird in einer Pendelbewegung von links nach rechts und zurück bewegt. Dabei bleibt sie immer am Boden. Damit kann ich fühlen, ob sich etwas im Weg befindet, ob es Stufen nach oben oder unten gibt, oder ob die Stelle, die ich passiere, etwas enger ist.
Stößt der Stock irgendwo gegen, dann kann ich mit Hilfe der Stockspitze ertasten ob es sich um einen Stolperstein, einen Autoreifen oder eine Stufe aufwärts handelt. Das kriege ich raus, indem ich mit der Stockspitze eine Seitwärtsbewegung mache, oder die Stockspitze langsam nach oben ziehe. Geht es abwärts, merke ich es daran, dass der Stock ein bisschen ins Leere pendelt.
An Bahnsteigen oder öffentlichen Gebäuden werde ich oft auf Fahrstühle hingewiesen. Das ist nett gemeint, aber manchmal etwas unpraktisch für mich. Erst recht, wenn die Aufzüge im Gebäude keine Sprachausgabe haben. Die brauche ich, um zu kontrollieren wo ich aussteigen muss. Außerdem ist der Weg, den man kennt, der Beste für blinde Menschen. Wege sind so etwas wie ein Auswendiglernen.
Beim Treppensteigen nach oben halte ich den Blindenstock so, dass die Spitze in Höhe der ersten Stufe ist. Wenn ich ihn locker in der Hand halte, pendelt er gegen jede weitere Stufe. Sobald er ins Freie pendelt, weiß ich, dass ich das obere Ende der Treppe erreicht habe.
Geht es abwärts, so mache ich das genau umgekehrt. Ich halte die Stockspitze so, dass sie sich etwa eine Stufe tiefer als ich befindet. Die Treppe ist zu Ende, sobald die Spitze aufsetzt. Zur Sicherheit kann ich noch mal nach vorne pendeln.
Mit dieser Technik steige ich auch in Bus und Bahn ein und aus. Das birgt weniger Gefahren, als wenn hilfsbereite Passanten mich ungefragt am Arm nehmen, oder mich am Stock versuchen irgendwohin zu ziehen. Stellt Euch vor, ihr wollt in einen Bus einsteigen, und da kommt jemand, hält Euch die Augen zu und schiebt.
Solche Techniken werden durch Mobilitätstrainer und Rehalehrer vermittelt. Wichtig dabei ist, dass sie regelmäßig geübt werden. Das ist wie das Laufen lernen bei einem Kleinkind. Auch da steckt viel Übung dahinter, bis es zuverlässig klappt.
Kommen wir mal zu den Dingen, die der Stock nicht wahrnehmen kann. Das sind beispielsweise herabhängende Äste, die bei Regen gern mal noch tiefer hängen, Außenspiegel, wenn man zu eng auf dem Bürgersteig geparkt hat, oder offene Ladeflächen eines LKW. Alles was am Boden ist, kriege ich mit. Hindernisse, die erst in Schritthöhe beginnen, bekomme ich erst mit, wenn der Stock darunter durchgependelt ist. Daher liebe ich Schranken, die unten noch mal eine Querstange haben, gegen die der Stock pendeln kann.
Liebe Autofahrer, die Ihr manchmal halb auf dem Bürgersteig parkt, nicht nur Rollstuhlfahrer und Kinderwagen kommen schwer bis gar nicht durch die enge Stelle. Blinde Menschen haben ebenfalls das Problem sich daran vorbeiquetschen zu müssen. Und so ein Außenspiegel im Gesicht macht nicht wirklich Spaß.

Eure Lydia