Für Selbstverständlichkeiten bewundert werden

Menschen mit Behinderung werden oft für Selbstverständlichkeiten bewundert. Hier ein paar Gedanken dazu.

Auf dem Beitragsfoto sitzt Susanne Aatz an einem Tisch. Ihre Finger gleiten lesend über eine mobile Braillezeile. Sie ist heute meine Gastautorin.

Susanne ist 42 Jahre alt, gesetzlich blind und lebt in Hamburg. Die Dipl. Pädagogin und Peer Counselorin (ISL) ist ehrenamtlich in der Blindenselbsthilfe Hamburg tätig.

Für Selbstverständlichkeiten bewundert werden

 Ich bin gesetzlich blind und mehrfach behindert, habe aber noch einen kleinen Sehrest.

Oft sind meine Mitmenschen neugierig. Sie können sich nicht vorstellen, wie ich bestimmte Tätigkeiten im Alltag verrichte, ohne voll zu sehen. Ich muss viel erklären und höre oft: „bewundernswert, wie sie das alles machen!“ „Für mich ist das normal!“ sage ich dann! „Echt bewundernswert!“ lautet die Antwort.

Ich investiere an guten Tagen viel Zeit, um meine Umwelt aufzuklären. Für ein gutes Gespräch verpasse ich dann schon mal eine Bahn.

Manchmal bin ich aber verwundert und auch genervt, wie uninformiert manche Menschen, trotz moderner Medien sind. Ich fühle mich dann wie das Äffchen im Zoo, das unter Staunen und Gelächter der Zuschauer Kunststückchen vorführt.

Häufig (aus)gefragt werden und erklären müssen, dass ich alltägliche Handgriffe, z. B. im Haushalt selbstverständlich beherrsche, kann mühsam sein und erschöpfen. Besondere Härtefälle können sich noch nicht einmal vorstellen, dass ich ohne fremde Hilfe essen duschen oder mich alleine anziehen kann. Und egal wie gut ich erkläre, am Ende glauben diese Härtefälle noch immer an die 24 Stundenbetreuung.

Eine befriedigende Antwort, wieso das so schwierig zu vermitteln ist, habe ich bis heute nicht. Ich kann nur vermuten, dass es daran liegt, dass Menschen mit Behinderung auf der Straße nicht so oft in Erscheinung treten. Das haben sie mit dem Äffchen im Zirkus gemeinsam. Auch das findet man nicht unbedingt auf der Straße.

Ich kann nicht behaupten, nicht gesehen zu werden. Aber die meisten Menschen fragen oft nur: „Können sie lesen?“ Nicht dass ich lesen kann sollte Thema sein, sondern für welche Lektüre ich mich interessiere. Vielleicht Teilen der Fragesteller und ich ein gemeinsames Interesse für historische Romane oder Psychologie.

Vielen von uns geht es so. Und wenn wir uns austauschen, dann bin oft ich diejenige, die sagt:

„Bewundernswert, wie viel Geduld Ihr mit sehenden Mitmenschen so habt!“, „Ich habe sie oft nicht!“

Ich danke meiner Gastautorin für diesen Beitrag. Mein Dank gilt auch Linn Voß für das Beitragsfoto. Bei ihr liegen auch die Rechte dafür.

Das mit der Bewunderung für selbstverständliche Tätigkeiten kenne ich nur zu gut. Wenn ich von meiner Arbeit als Bloggerin erzähle, dann werde ich entweder dafür bewundert, dass ich alleine schreiben kann, oder werde auch mal gefragt wer denn für mich schreibt. Und besonders Technikfreudige Zeitgenossen mutmaßen dann, dass durch die Möglichkeit der Spracheingabe nun auch blinde Personen einen Text auf den PC oder das Smartphone bringen können. Für Letztere sei gesagt: „Auch blinde Kinder gehen zur Schule. Und stellt Euch vor, die lernen sogar lesen und schreiben, wie Ihr auch.“ Man darf mich gern dafür bewundern, dass ich gute Beiträge schreibe. Nicht aber dafür, dass ich lesen und schreiben kann. Ich mache das nur etwas anders als eine normal sehende Person.

Und jetzt lade ich Euch ein in den Kommentaren auf meinem Blog darüber zu diskutieren.

 

Die medizinische Tastuntersucherin, eine Berufliche Perspektive für blinde Frauen

Eine Methode zur Früherkennung von Brustkrebs und anderen Auffälligkeiten.

Das Bild zeigt mich mit einem Skelett und einer Puppe, deren Brustregion durch 5 Streifen Unterteilt ist.

Vom Berufsbild der medizinischen Tastuntersucherin hatte ich schon gehört. Ich wusste auch, dass dieses Berufsbild blinden und stark sehbehinderten Frauen vorbehalten war. Mehr aber auch nicht.

Diese Bildungslücke schloss sich, als ich an einer Informations- und Eignungsveranstaltung teilnahm. Wir waren vier Frauen. Wir bekamen in drei Tagen ein bisschen Fachwissen vermittelt, medizinische Fachbegriffe erklärt und erste Techniken des systematischen Tastens vermittelt. Dieses Wissen wurde anschließend sowohl schriftlich als auch mündlich und praktisch geprüft. Ebenso wichtig waren Grundkenntnisse im Umgang mit dem PC und das Schreiben mit 10 Fingern, was ebenfalls geprüft wurde. Abschließend wurde uns im Einzelgespräch mitgeteilt inwieweit wir für dieses Berufsbild geeignet sind, und woran wir noch arbeiten sollten.

Nina Petrick von Discovering Hands stellte mir den folgenden Text zur Verfügung.

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Warum die Ansagen in Bus und Bahn so wichtig für mich sind.

Ansagen in Bus und Bahn finde ich sehr wichtig. Warum das so ist, und was passieren kann, wenn sie mal nicht funktionieren, erkläre ich euch in meinem Beitrag.

Das Foto zeigt mich an einer Bushaltestelle.

Frankfurt Konstablerwache. Ich habe meine Tochter zum Zug begleitet und sitze in der S-Bahn Richtung nach Hause. Jetzt steht die Bahn seit ein paar Minuten da und fährt nicht weiter. Um mich herum macht sich Gemurmel breit. Und dann endlich höre ich die Ansage: „Aufgrund eines Wassereinbruchs in der Station Ostendstraße ist die Strecke nur eingleisig befahrbar. Daher verzögert sich unsere Weiterfahrt um voraussichtlich zehn Minuten.“ Okay, alles in Ordnung. Ich weiß jetzt Bescheid und kann entscheiden ob ich in der Bahn sitzen bleibe oder meinen Weg auf andere Weise fortsetze.
An unseren s-Bahnen finde ich gut, dass auch am Bahnsteig angesagt wird welche Bahn als Nächstes einfährt, und wo sie endet. Das ermöglicht es mir ohne fremde Hilfe in den richtigen Zug zu steigen. Anderenfalls muss ich fremde Menschen danach fragen. Es wird vorausgesetzt, dass ich, nur weil ich blind bin, fremden Menschen sofort vertraue. Gut, ich komme damit zurecht. Ich weiß aber, dass es genügend Menschen gibt, die ein Problem damit haben darauf zu vertrauen, dass eine wild fremde Person ihnen die richtige Bahn nennt. Und was, wenn gerade keiner in meiner Nähe auf dem Bahnsteig steht? Ich löse das so, dass ich mich auch schon mal in die Türe stelle und in die Bahn hineinrufe.

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Showdown, Sport für Blinde und Sehende

Schowdown ist eine Sportart, bei der Sehen keine Rolle spielt. Heute stelle ich sie Euch vor.

Das Titelbild zeigt Elvira am Showdown Spieltisch mit Schläger und Ball in den Händen, sie trägt eine Dunkelbrille.

Showdown ist eine sehr junge Sportart, die sich dadurch auszeichnet, dass sehen keine Rolle spielt. Elvira Osewald und ihr Mann Martin Sind begeisterte Showdownspieler.

Heute schreibt sie einen Gastbeitrag auf meinem Blog.

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Wie transportiert man Blinde im Auto?

Wer noch nie einen blinden Fahrgast im Auto hatte, fragt sich ob und was er dabei beachten sollte. Hier ein paar Anregungen.

Das Foto zeigt mich auf dem Beifahrersitz eines Autos mit geöffneter Tür.

Ich möchte in ein paar Tagen zu einer Veranstaltung fahren, die mich sehr interessiert. Eine Bekannte, die auch dort hin will, hat mir angeboten mich mit dem Auto mitzunehmen. Und ich habe das Angebot angenommen, da es mit öffentlichen Verkehrsmitteln einer Weltreise mit Ganztagscharakter gleicht. Mit dem Auto sind es vielleicht 20 Minuten.
Als wir uns kurz vorher zusammentelefonieren, um die letzten Absprachen zu treffen, kommt die leicht verlegene Frage von ihr, mit der ich absolut nicht rechne. Sie sagt, dass sie noch nie einen Blinden im Auto hatte. Und jetzt möchte sie von mir wissen, worauf sie zu achten habe, wenn sie einen Blinden transportiert.

Wie stellt man sich am besten hin?
Nun, am besten stellt man das Auto so hin, dass die Tür, durch welche der Blinde einsteigt, gut zugänglich ist. Also das, was man generell tun sollte. Da der Blinde das Auto nicht sieht, ist die Information hilfreich, wo das Auto steht. Man kann das beschreiben. „Das Auto steht quer vor Dir“ oder „Der Wagen steht direkt hinter Dir“. Oder man legt die Hand des Blinden darauf. Das empfinde ich vor allem dann hilfreich, wenn mehrere Autos zur Auswahl stehen. Auch ich wollte schon mal in das falsche Auto einsteigen und habe mich gewundert, warum die Tür sich nicht öffnen ließ.

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Elternassistenz in Österreich

So ist Elternasistenz in Östereich geregelt.

Jakob Putz ist sehbehindert, seine Frau blind. Ihre Kinder sind normal sehend. Auf seinem Blog schreibt er über unterschiedliche Themen rund um Sehbehinderung und Elternschaft.

Heute schreibt er einen Gastbeitrag zum Thema Elternassistenz in Österreich.
Elternassistenz in Österreich
Zum besseren Verständnis, was oder wer ist Österreich? Ein Nachbarstaat von Deutschland, der – von den Einwohnern her – 2/3 von Bayern hat.
Diese Größe – und das muss doch jeder verstehen, verlangt es, das man dieses Ländchen in neun Regionen teilt. Wäre nicht weiter tragisch, würde diese Tatsache nicht heißen, dass die Behindertengesetzgebung für den Privatbereich jedes dieser neun Regionen für sich selbst regelt. So bekommt man als blinder oder sehbehinderter Mensch in der Steiermark persönliche Assistenz in Form von Persönlichem Budget, in Wien, ist man sehbehindert oder blind, nicht.

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Wie führt man einen Blinden?

Von der falschen und der richtigen Weise einen blinden Menschen zu führen.

Auf dem Bild sieht man mich mit dem Blindenstock in der rechten Hand. Meine Linke liegt auf dem Ellenbogen eines sehenden Mannes, der mit mir über die Straße läuft.
Frankfurt Konstablerwache. Wer die dortige Station etwas besser kennt, weiß, dass es einen kleinen Spalt zwischen Tür und Bahnsteig gibt. Mit dem Blindenstock kann ich diesen mühelos erfühlen. Ich will gerade aus der SBahn aussteigen und strecke meinen Stock aus, um eben diesen Spalt zu ertasten. Ich habe es gefunden und mache einen Schritt nach draußen. Plötzlich fasst mich jemand am Arm und schiebt. Da ich den einen Fuß noch nicht aufgesetzt habe, gerate ich erst mal ins Schwanken. Ich verdanke es meinen Reflexen, dass ich nicht der Länge nach auf den Boden knalle oder der Fuß in den Spalt gerät.

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