Wenn der Bus wo anders hält

Wenn der Bus nicht an der vorgeschriebenen Haltestelle hält, hat das für blinde Fahrgäste auch mal unerfreuliche Folgen. Hier erkläre ich warum das so ist, und welche Lösungen es gibt.

Das Beitragsbild zeigt mich neben dem Schild einer Bushaltestelle.

Neu-Isenburg, Bushaltestelle Herzogstraße.
Es ist fast 19:00 Uhr, als ich dort ankomme. Außerdem regnet es. Zwei Gründe, warum hier kaum jemand steht. Außerdem verändert der Regen die Akustik so sehr, dass ich die Geräusche anders wahrnehme. Insgesamt ist es sehr laut, da momentan ziemlich zäher Verkehr auf der Straße herrscht. Vermutlich wird mein Bus einige Minuten Verspätung haben.

Ich habe mich neben das Bushaltestellenschild positioniert. Das ist für mich ein markanter Punkt. Damit verbinde ich auch die Hoffnung, dass ich schnell genug an die vordere Tür eines haltenden Busses gelangen kann. Denn die brauche ich, um den Busfahrer nach der Linie zu fragen. Schließlich halten hier vier Linien mit unterschiedlichen Fahrzielen.

Bei dem Wetter ist es auch schwer zu hören, ob ein anderer Fahrgast in meiner Nähe steht, solange dieser nicht spricht oder andere markante Geräusche verursacht. Ich habe daher nicht mitbekommen, dass ein Mann in meiner Nähe steht. Ich nehme ihn erst wahr, als er mich anspricht. Er klärt mich darüber auf, dass der Bus da ist. Allerdings noch nicht an der Haltestelle.

Er hat durch Zeichen erklärt, dass wir Fahrgäste nach hinten laufen sollen. Der Mann weiß nicht, dass ich gern hätte, dass er mit mir redet. Also läuft er los. Und ich auf das Geradewohl hinterher. Hoffentlich wartet der Busfahrer auf mich. Und hoffentlich kommt mir auf dem Fahrradweg keiner entgegen. Fahrräder würde ich bei der Akustik erst hören, wenn wir bereits kollidiert sind. Also laufe ich todesmutig die gefühlt 30 m bis zum Bus. Ich könnte auch stehenbleiben und darauf bestehen an der Bushaltestelle einzusteigen. Aber nichts und niemand garantiert mir, dass der Busfahrer noch mal für mich anhalten wird. Und ich muss diesen Bus einfach bekommen, wenn ich meinen Termin nicht verpassen möchte.

Wenn ich unterwegs bin, nutze ich für alles, was ich zu Fuß nicht erreichen kann, öffentliche Verkehrsmittel. Und bei Wegen, die ich regelmäßig gehen oder fahren muss, merke ich mir auch wo genau meine Bahn oder mein Bus hält. Das ist für mich sehr wichtig, da ich es nicht sehe, wenn der Bus weiter vorne hält oder viel weiter hinten. Meine Stammposition ist das Bushaltestellenschild. Busse sollten normalerweise so halten, dass dort die Vordertür des Fahrzeugs ist. Und oft funktioniert das sogar. Für mich heißt das, dass ich den Fahrer ohne zu suchen nach der Buslinie fragen und evtl. direkt vorne einsteigen kann.

20170509_115625 Lydia am Bus, der weit nach vorne fährtHält er zu weit vorne, dann muss ich erst mal zur vorderen Tür hinlaufen. So wie auf diesem Foto. Wenn ich Pech habe, sieht mich der Fahrer nicht, und fährt weiter, weil er nicht weiß, dass ich zu ihm nach vorne möchte. Denn ich hätte ja auch hinten einsteigen können. Ganz gleich ob die hintere Tür auf ist oder nicht.

Stehen Hindernisse im Weg, wie auf dem nächsten Bild zu sehen ist,IMG_4739 dann brauche ich noch länger, um an Pollern, Bäumen oder Fahrrädern vorbeizukommen. Normal sehende Fahrgäste können dem Fahrer ein Zeichen geben auf sie zu warten. Ich kann es nicht.

20170509_115509 Lydia an der bushaltestelle, Bus weit hintenManchen Busfahrern ist es zu zeitaufwändig die Haltestelle direkt anzufahren. Sie versprechen sich zeittechnische Vorteile, wenn sie weiter hinten auf der Straße halten, die Gäste dort einsteigen lassen und direkt mit dem Verkehrsfluss weiterfahren können. Auf dem Bild sieht man die harmlose Version davon. In meinem Fall stand der Bus dreimal so weit weg. Blinde Fahrgäste bekommen das meist nur dann mit, wenn sie direkt darauf angesprochen werden. Stehen keine anderen Fahrgäste dabei, die einen darauf aufmerksam machen, verpasst der blinde Fahrgast auch mal seinen Bus.

Was ich genauso bescheuert finde ist die Verlegung von Bushaltestellen. Mir ist es schon mal passiert, dass ich 10 Minuten an der mir vertrauten Haltestelle stand, bis mir ein anderer Fahrgast den kleinen Zettel vorlas. Darauf stand, dass die Haltestelle kurzfristig verlegt wurde. Eine Zeitlang bekam ich E-Mails von unseren Verkehrsbetrieben, die solche Änderungen ankündigten. Aber dieser Luxus währte nur eine kurze Zeitspanne lang. Schade eigentlich.

Was bei Bussen schwierig ist, finde ich im Frankfurter U-Bahnnetz super. Hier fahren die Bahnen auf vordefinierten Gleisen. Und wenn dann noch die Ansage der Linie noch funktioniert, dann habe ich als blinder Fahrgast weniger Stress. Es sei denn, der Zug endet unplanmäßig, und wird durch Schienenersatzverkehr ersetzt. Vorab geplanten Schienenersatzverkehr kann man entweder versuchen zu umgehen, indem man eine andere strecke wählt, oder man lässt sich das von jemandem vorher zeigen. Ungeplanter Schienenersatzverkehr ist problematisch. Selbst wenn er gut ausgeschildert ist, bringt es dem blinden Fahrgast nichts. Er sieht die Beschilderung nicht. Und wenn ihm die Gegend nicht vertraut ist, ist er auf die Hilfe eines sehenden Begleiters angewiesen. D.h., dass er schnell genug sein muss, um sich seine Mitnahme von der U-Bahn zum Schienenersatzbus zu sichern.

Daher meine große Bitte an normal sehende Fahrgäste. Wenn Ihr einen blinden Mitreisenden seht, fragt nach, ob Ihr ihn mit zur Haltestelle nehmen könnt. Für Euch mag es eine Kleinigkeit sein, für den blinden Fahrgast ist es eine große Hilfe. Erst recht, wenn Ihr denselben Weg habt.

Doch nicht nur beim Einsteigen in den Bus ist es wichtig direkt an der Bushaltestelle zu halten. Auch beim Aussteigen ist es für mich wichtig, dass ich eine Orientierung habe. Ich erlebe es regelmäßig, dass ein bestimmter Bus so hält, dass ich erst mal über eine Grünfläche laufen muss, bevor ich auf den Bürgersteig treffe. Ist diese nass, oder liegt dort ein Hundehaufen, dann habe ich ein echtes Problem.

Richtig spannend wird es, wenn der Unterschied zwischen Bushaltestellenschild und irgendwo hält so an die 20 m Unterschied macht. Als Beispiel habe ich die Haltestelle Südbahnhof-Mörfelder Landstraße in Frankfurt ausgesucht. Wenn man Pech hat, darf man nach dem Aussteigen halb auf der Straße laufen, weil sich der Einstieg zur U-Bahn dort befindet. Oder ich darf mir meinen Weg zwischen Sitzbank, Abfallbehälter und Fahrradständer suchen. Wenn ich an dieser Haltestelle aussteige, dann fällt die Antwort auf die Frage „Wo bin ich heute“ völlig unterschiedlich aus. Und ich glaube, dass ich hier ein großes Orientierungsproblem hätte, wenn ich nicht ortskundig wäre.

Also, liebe Busfahrer, tut mir und anderen blinden Fahrgästen den Gefallen, und haltet doch so, dass vorne das Haltestellenschild ist. Ganz gleich wie die Bushaltestelle beschaffen ist, wir haben zumindest eine einheitliche Orientierung.

Autor: lydiaswelt

Blinde Mutter sehender Kinder mit arabischem Hintergrund

5 Kommentare zu „Wenn der Bus wo anders hält“

  1. Liebe Lydia,
    ich fand deinen Beitrag (als hochgradig Sehbehinderte) sehr aufschlussreich. In Berlin (wo ich arbeite) versuche ich es möglichst zu vermeiden Bus zu fahren. Ansagen gibt’s nicht und die Freundlichkeit der Berliner Busfahrer*innen ist legendär 😝😜 S-Bahn fahren geht inzwischen, weil es auf den Bahnsteigen (meistens) Ansagen gibt. In Schwerin (wo ich von 2013 bis 2016 studiert habe, gibts eine Ansage, welche Linie bereit steht und in welche Richtung sie fährt, wenn man den Türöffner betätigt. Das fand ich durchaus hilfreich (allerdings weiß ich nicht, wie eine blinde Person den Knopf findet, so gesehen ist das ganze wohl doch noch nicht für alle zu Ende gedacht… Wir werden also alle (egal mit welcher Einschränkung) noch viel Spaß im ÖPNV haben 😜
    Nadja aus dem anderen Frankfurt ☺

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Nadja,
      wenn sich der Knopf für die Ansage immer an derselben Stelle befindet, dann kann sich ein blinder Fahrgast merken wo er suchen soll. Problematisch wird es, wenn dieser sich an einer anderen Stelle befindet.

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