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Kennzeichnung im Straßenverkehr

Meine heutige Gastautorin schreibt über ein Thema, welches immer wieder unter Menschen mit fortschreitender Sehbehinderung kontrovers diskutiert wird.

Thema Kennzeichnung

Es ist ja immer wieder Thema soll ich oder soll ich nicht. Oder auch muss ich oder muss ich nicht. Hier meine Geschichte wie ich zur Kennzeichnung kam.

Ich kann verstehen, dass es eine Überwindung darstellt dich zu kennzeichnen.

Ich habe von Geburt an eine seltene Form der RP. Als meine zweite Tochter geboren wurde hatte ich mein erstes Aha-Erlebnis. Meine Große hatte ich an der Hand und die Kleine auf dem Rücken in einem Tragerucksack. Ich war im Dunkeln auf dem Heimweg von einer Freundin. Ich bin gestolpert und gefallen, weil ich eine Bordsteinkante nicht gesehen habe. Da habe ich mir gesagt jetzt ist es soweit, dass ich Mobilitätstraining machen muss. Denn ich falle nicht mehr alleine. Gesagt getan. aber ich habe den Blindenstock nur bei Dunkelheit benutzt. Leider wurden meine Augen immer schlechter. Dennoch habe ich mich nicht gekennzeichnet. Bis mein zweites Aha-Erlebnis kam. Ich war alleine auf dem Wochenmarkt und schaute auf meinen Einkaufszettel, während ich weiter lief. Dabei habe ich eine alte Dame nicht gesehen. Sie ist fast gefallen weil ich sie angerempelt habe. Wenn ich mir vorstelle sie wäre gefallen und hätte sich womöglich die Hüfte gebrochen oder sonstigen Schaden erlitten. Puuh, ich war völlig fertig mit der Welt. Da habe ich angefangen meinen Langstock auch im Hellen zu benutzen. Wenn ich mir jetzt vorstelle ich bin ohne als Mensch mit einer Sehbehinderung gekennzeichnet zu sein im Straßenverkehr unterwegs und ich übersehe ein Auto, und der Fahrer versucht mir auszuweichen und rast in eine Kindergartengruppe. Nein ich will nicht wegen Eitelkeit oder Faulheit für so was Schreckliches verantwortlich sein. Damit will ich nicht sagen dass du Eitel oder faul bist aber du musst das mit deinem Gewissen vereinbaren. Jetzt habe ich einen Blindenführhund. Dieser ist durch das weiße Führgeschirr als Assistenzhund gekennzeichnet.
Ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich offen dazu stehen konnte, dass ich blind bin. Ich bin glücklich verheiratet, hab zwei gesunde Kinder und ein schönes Zuhause. Ich kann nicht gucken. Aber das ist auch der einzige Unterschied zu normal sehenden Personen. Nur wenn wir uns nicht verstecken, können wir die Menschen auf uns aufmerksam machen und zeigen, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt.
Ich appelliere an all diejenigen, die wissen, dass sie eine Sehbehinderung haben, und die sich nicht kennzeichnen wollen. Ihr schützt nicht nur Euch dadurch, dass ihr Euch kennzeichnet. Ihr schützt auch eure Mitmenschen. Und ihr helft ihnen dabei mit Eurer Behinderung umzugehen.

Danke dir, liebe Beate, dass Du Deine Geschichte mit uns geteilt hast. Ich weiß, dass es nicht einfach ist sich als blind oder sehbehindert zu outen. Wie oft höre ich Sätze wie „Ich sehe noch gut genug“, „Ich bin noch nicht soweit“, oder „Dann schauen die Leute immer so mitleidig“. Gerade Menschen, die sich im Prozess der Sehverschlechterung befinden, tun sich besonders schwer damit. Hier möchte ich Euch den Beitrag der Blindenstock, Stigma oder Befreiung ans Herz legen.

Und jetzt freue ich mich über einen regen Meinungsaustausch in den Kommentaren.

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Der Blindenstock, Stigma oder Befreiung

Die Woche des Sehens beginnt alljährlich am 8.10. und wird mit dem Tag des weißen Stocks am 15.10. abgeschlossen.

Der Blindenstock begleitet mich seit meiner Jugend, er ist für mich das Hilfsmittel der Wahl. In dieser Zeit musste ich lernen, dass eben diesem Hilfsmittel, mehr oder weniger, interessante Eigenschaften zugeschrieben werden, die mich schon mal den Kopf schütteln lassen. Hier nur ein paar Aussagen von blinden Nutzern aus meiner Facebookseite:
– Eine Kassiererin wollte ihn scannen, weil sie ihn für einen Nordic Walking Stock hielt,
– Frage an den Nutzer ob er damit etwas vermesse,
– Frage, ob das eine Wünschelrute ist,
– Im Krankenhaus wird Gehstock als Hilfsmittel angekreuzt,
– Frage, ob der Stock mir den Weg zeigt,
– Frage, ob er grüne Ampeln ansagt,
– Ein Flughafenmitarbeiter stufte ihn als Waffe ein, und wollte ihn konfiszieren.

Der Blindenstock hat zwei wesentliche Funktionen. Einmal ist es ein international anerkanntes Kennzeichen dafür, dass der Nutzer eine Sehbehinderung hat. In der Praxis heißt es, dass er anderen Verkehrsteilnehmern sichtbar macht, dass er/sie nicht, oder nur eingeschränkt sehen kann. Ich sehe Dich nicht. Also weiche Du mir aus, oder sprich mit mir.
Gerade für Menschen, die noch nicht so lange blind sind, oder für Jugendliche ist es oft eine große Überwindung sich mit dem Blindenstock zu kennzeichnen, denn damit fällt man sofort ins Auge. Und es gibt noch immer Zeitgenossen, die einen wie ein Wundertier anstarren. Das wird auch schon mal von Begleitpersonen als unangenehm empfunden. Das führt auch schon mal dazu, dass Begleiter einen bitten den Stock in die Tasche zu stecken, damit die Leute nicht mehr gucken. Ich selbst habe eine Weile gebraucht, um zu sagen, dass es mich mit dem Stock ausschließlich im Doppelpack gibt. Denn nur der Nutzer entscheidet ob er den Stock sichtbar trägt oder nicht. Und niemand sonst.
Die zweite entscheidende Funktion des Blindenstocks ist, dass er mein Auge am Boden ist. Bevor ich also gegen ein Hindernis stoße, macht es der Blindenstock für mich. Und dem tut es nicht weh. Meiner Nase hingegen schon. Wie das funktioniert, und wo die Grenzen liegen, habe ich in der Blindenstock in der Praxis beschrieben. Und ganz wichtig dabei ist: Hindernisse sind manchmal wichtig. Sie dienen mir zur Orientierung. Es besteht also keine Notwendigkeit einen blinden Menschen zu warnen, wenn der Stock einmal gegen eine Hauswand, einen Ampelmast oder einen Blumenkübel knallt. Auch wenn es auf sehende Verkehrsteilnehmer sicherlich beängstigend wirkt.
Und nun die Frage aller Fragen: Was wirkt besser, ein sehbehinderter Nutzer, der sich nicht kennzeichnet, und mit seinem bisschen Restsehen versucht sich zu orientieren, oder ein sehbehinderter Nutzer, der seinen Stock mitnimmt, und damit signalisiert, dass er eine Sehbehinderung hat? Diese Frage sollte jeder für sich selbst beantworten können. Es gibt in der Rechtsprechung keine eindeutige Kennzeichnungspflicht im Straßenverkehr, wie auf den Seiten der RBM nachzulesen ist.

Für mich ist der Blindenstock längst kein Stigma mehr, sondern eher ein Hilfsmittel, welches mir eine Freiheit garantiert mich selbstbestimmt in der Weltgeschichte zu bewegen. Und wenn ich ihn doch mal loswerden möchte, dann lässt er sich bequem zusammenklappen oder auch mal unter den Arm klemmen.

Zum guten Schluss noch drei Ratschläge, die ich potentiellen Helfern mit auf den Weg geben möchte:
– Zieht niemals einen blinden Menschen am Blindenstock irgendwohin.
– Jemandem den Stock ungefragt aus der Hand nehmen, damit er leichter aus dem Zug steigen kann, ist ein NoGo.
– Der Blindenstock gehört auch nicht ungefragt weggestellt oder an die Garderobe gehängt.

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Nicht ohne meinen Stock

Auf dem ersten Bild binn ich mit meinem weißen Langstock zu sehen. Es zeigt die Haltung beim Laufen. Während der Stock nach links pendelt, geht der rechte Fuß nach vorne. Stößt der Stock auf kein Hindernis, pendele ich damit nach rechts, und ziehe den linken Fuß nach. Dabei bleibt die Hand in der Körpermitte. Der Stock hat eine Rollspitze. Damit lässt sich der Boden besser abtasten und ich muss ihn beim Pendeln nicht mehr anheben. Er rollt sozusagen über den Boden. Der Stock sichert meinen nächsten Schritt ab. Wenn ich also kein Hindernis ertasten kann, kann ich gefahrlos meinen Fuß dorthin setzen wo vorher der Stock war. Die Pendelbewegung verläuft in Schulterbreite. Mehr muss ich ja nicht absichern. Und je schneller ich laufe, desto schneller muss ich mit dem Stock pendeln.

Auf diese Weise lassen sich auch Bodenunebenheiten oder Treppen ausmachen. Ich nehme die Treppenstufen oft erst dann wahr, wenn sie unmittelbar vor mir sind. Für einen normalsehenden Beobachter sieht das so aus, als würde ich gleich hinfallen. Aber so ist es nicht.

Auf dem nächsten Foto sieht man mich beim Treppensteigen. Beim Hochlaufen halte ich den Stock hochkant. Und zwar so, dass er gegen die nächste Stufe schlägt. So kann ich fühlen und auch hören, ob noch eine weitere Stufe kommt. Pendelt der Stock ins Freie, dann war das die letzte Stufe.

Ein weiteres Foto Zeigt mich beim Abwärtslaufen. Auch hier halte ich den Stock etwas hochkant. Und zwar so, dass die Stockspitze etwa eine Stufe tiefer ist als ich. Setzt sie auf, so weiß ich, dass jetzt keine weitere Stufe mehr kommt.
Damit das zuverlässig funktioniert, braucht es eine lange Übungszeit. Es reicht nicht aus einem Blinden Menschen einen Stock in die Hand zu drücken und fertig.
Der weiße Langstock, oder auch Blindenstock, ist das internationale Kennzeichen für Blindheit. Ohne diesen Stock gehe ich nicht auf die Straße. Auch wenn ich mit einer sehenden Begleitung unterwegs bin, habe ich einen Stock dabei. Denn er garantiert mir ein bisschen Unabhängigkeit. Und diese ist für mich sehr wichtig. Denn wasist, wenn ich mal von meiner Begleitung getrennt werde? Was, wenn wir spontan entscheiden unterschiedliche Wege zu gehen?

Ich war 14 Jahre alt, als ich zum ersten Mal einen Blindenstock in die Hand bekam. Ein Mobilitätstrainer wies mich in den Umgang damit ein. Für mich war das ein absolut komisches Gefühl. Immerhin handelte es sich um einen Einteiler mit 125 cm Länge. Also nichts, was man mal eben zusammenklappen und in die Handtasche stecken konnte. Daher war es für mich absolut unvorstellbar mit dem Teil unterwegs zu sein. Und für mich bestand ja auch keine Notwendigkeit. In den Bereichen, in denen ich mich bewegte, kannte ich mich aus. Da musste ich mir keine Wege ertasten.

Klar, unsere Betreuer erklärten uns, dass wir uns aus versicherungsrechtlichen Gründen kennzeichnen müssten. Aber mitten in der Pubertät interessierte mich das überhaupt nicht. Das änderte sich erst, als ich einen Stock bekam, der aus vier Teilen bestand. Den konnte ich also auch mal zusammenklappen, wenn ich ihn nicht mehr brauchte. Inzwischen war ich 15 und zog in eine Wohngruppe um, die sich mitten in der Stadt befand. Also begann ich den Stock zumindest mal mitzunehmen. Das war aber auch schon das höchste an Zugeständnissen. Denn noch immer bewegte ich mich meist auf Wegen, die mir vertraut waren. Und wenn ich in den Ferien bei meiner Familie war, brauchte ich den Stock auch nicht. Da war ich nur selten allein draußen.

Das ganze änderte sich langsam, als ich mal wieder ein Training bekam. Diesmal hatte ich einen erfahrenen Trainer an meiner Seite, der mir zeigte wie ich meinen Sehrest und den Einsatz des Blindenstocks für mich optimal miteinander kombinieren konnte. Und ab da begann ich den Stock auch einzusetzen. Und nachdem ich erst mal eingesehen hatte, dass ich sogar Vorteile dadurch hatte, begann ich den Stock immer mehr einzusetzen, und nur dann wegzupacken, wenn ich mich auf dem Schulgelände oder in absolut vertrauter Umgebung befand. ‚Es dauerte recht lang. Aber irgendwann wurde der Stock mein ständiger Begleiter.

Heute ist es so, dass ich draußen die grobe Orientierung mit dem Sehen mache, die Feinheiten aber mit dem Stock ertaste. Denn ich kann nicht sehen wie der Boden aussieht. Auch Ampelpfosten oder Laternenpfähle sehe ich nur manchmal. Und Ampelpfosten küsst man nicht. Das tut bekanntlich weh.

Es gibt wenige Dinge, die meinem Stock entgehen. Das sind zum einen herabhängende Äste. Die nehme ich erst dann wahr, wenn ich dagegen gelaufen bin. Besonders unangenehm ist dies bei Regenwetter. Ein weiteres Ärgernis sind Hindernisse wie offene Ladeflächen von LKWs oder Schranken, die höher sind als der Bereich über meiner Hand.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch folgendes loswerden. Es kommt immer wieder vor, dass hilfsbereite Menschen einem beim Einsteigen oder beim Verlassen von Bus und Bahn helfen wollen. Menschen, die erst zugreifen, einen irgendwohin schieben oder aus dem Bus ziehen wollen. Oder noch besser den Blinden am Stock irgendwohin ziehen wollen. Das ist ein absolutes Nogo. Es schadet mehr als das es hilft. Fragt lieber nach ob und wie Ihr helfen könnt. Dann ist es auch wirklich hilfreich. Alles andere kann für den Blinden sogar gefährlich werden. Zum einen weil er sich erschreckt, und zum anderen weil man irgendwas falsch macht. Redet mit uns. Wir sind die Experten und können Euch helfen uns wirklich wirksam zu helfen.

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