Mein Gastkind aus Palästina – Teil 2

Amal vor einem Aufzug an einer U-Bahn-Station

In meinem Beitrag Mein Gastkind aus Palästina hatte ich Amal vorgestellt, über ihre Einreise nach Deutschland berichtet und einen Ausblick auf mein Vorhaben gegeben.

Inzwischen lebt sie seit fast drei Wochen bei uns in der Familie. Sie teilt sich das Zimmer mit meiner Tochter. Und das klappt erstaunlich gut. Ich habe ihr einen Schreibtisch eingerichtet, auf dem sie schreiben oder ein Keyboard stellen kann. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es für blinde Menschen praktischer ist, wenn sie ihre Hilfsmittel stehen lassen können.
Zwei Tage nach ihrer Ankunft überlegten meine Tochter und ich, wie wir Amal erklären können, wie ein Toastbrot mit Butter bestrichen wird. Die Lösung sah so aus: Mit dem Messer Butter aus dem Behälter nehmen, und es in die rechte obere Ecke tun. Dann mit der flachen Seite des Messers darüber streichen und das Brot um 90 Grad drehen. Dann wiederholt man diesen Vorgang so lange, bis alle Seiten dran waren. Am Anfang darf man nachfühlen, und spürt wie gleichmäßig die Butter verstrichen wurde. Das klappt inzwischen sehr gut.
Eine weitere Lektion war die Mülltrennung, die sie noch nicht kannte. Wir trennen Bio-, Verpackung-, Altpapier und Restmüll. Weitere Basics wie das Einräumen von benutztem Geschirr in die Spülmaschine oder den Tisch sauber wischen klappen gut. Manche Kenntnisse hat sie bereits mitgebracht. Dazu gehören das Zusammenlegen getrockneter Wäsche oder der Abwasch. Ich muss also nicht ganz bei null anfangen. Ab der nächsten Woche werden wir gemeinsam kochen. Da werde ich sehen was sie bereits kann, und was ich ihr vermitteln kann.
Gleich einen Tag nach ihrer Ankunft habe ich begonnen sie im Umgang mit dem Blindenlangstock zu schulen. Erst habe ich ihr die Haltung gezeigt, was sie dann bei uns im Wohnzimmer geübt hat. Anschließend sind wir nach draußen gegangen. Ich habe ihr gezeigt wie sie Bordsteine oder Hindernisse erkennt. Seither waren wir viel unterwegs. Sie hat inzwischen gelernt mit dem Stock Treppen zu erkennen und zu bewältigen und sicher in eine U-Bahn oder S-Bahn ein und auszusteigen. Am Einsteigen in einen Bus müssen wir noch etwas arbeiten. Denn da ich in der vergangenen Woche mit meiner AugenOP beschäftigt war, konnten wir nicht weiter daran arbeiten. Das wird in der kommenden Woche ein Thema sein.
Vor ein paar Tagen hatte ich Besuch von einer Trainerin, die sich angesehen hat, wie Amal mit dem Stock läuft. Sie hat meine Arbeit gelobt, da Amal eine gute Pendeltechnik gezeigt hat. Darüber habe ich mich riesig gefreut. Weitere Trainingseinheiten mit der Trainerin sind in Planung.
Amal hat inzwischen einige deutsch und arabisch sprechende Menschen aus meinem Bekanntenkreis kennen gelernt. Die meisten davon sind blind oder sehbehindert. Das ist wichtig für den Erfahrungsaustausch. Sie hat auch Bekanntschaft mit meinen Hobbys töpfern und Showdown spielen gemacht.
In Zusammenarbeit mit einem befreundeten Journalisten ist dieses kurze Video mit Amal entstanden. Es zeigt sie wie sie sich auf Deutsch vorstellt und anschließend mit dem Blindenstock über einen Bürgersteig läuft.

Mit meinem ersten Beitrag über Amal habe ich einen Spendenpool über PayPal für sie eingerichtet. Damit sollen Kosten bestritten werden, wie beispielsweise für Augenarzt, Trainingseinheiten oder mögliche günstige Hilfsmittel. Mit Stand von heute sind 265 € zusammengekommen. Von Menschen, die ausschließlich auf mein Wort vertrauen. Das hat mich besonders berührt. Dafür danke ich allen Spendern, und denen, die meinen Beitrag in ihren Netzwerken geteilt haben. Ich werde in den nächsten Wochen weiter über Amal und ihren Aufenthalt in Deutschland berichten.

Meine blinde Praktikantin, ein Erfahrungsbericht

Sabine Omarow

Als ich Sabine kennenlernte, gab es meinen Blog bereits einige Monate. Damals experimentierte ich damit meinen Blog in Facebookgruppen vorzustellen, deren Thematik irgendeinen Bezug zu meinen Inhalten hatte. Ich probierte Gruppen aus, die sich mit Flüchtlingen, Haushalt oder Sozialarbeit beschäftigten. Im Prinzip alles an Gruppen, von denen ich mir Interessenten erhoffte. Und in einer dieser Gruppen traf ich auf Sabine, die eine Praxis für Lerntraining betreibt. Im Jahr 2017 organisierte sie einen Kongress im Internet, für den sie mich um ein Interview bat.
Über Facebook hatte ich auf meiner Seite
Lydiaswelt gefragt, wer der Lust habe einen Gastbeitrag für mich zu schreiben, der einen Bezug zu Blindheit, Sehbehinderung oder blinde Eltern hat. Darauf bekam ich von Sabine den folgenden Beitrag:

Meine blinde Praktikantin
Als ich meine Praxis für Lerntraining noch in Berlin hatte, erzählte eine erwachsene Schülerin mir von einer jungen Frau, die plötzlich blind geworden war. Diese Frau sei dabei, sich aus dem persönlichen Tief herauszuarbeiten und suche nach einer neuen Lebensperspektive für sich. Sie wollte gerne Logopädin werden, fand in Berlin jedoch einfach keine Schule, die sie, als blinde Frau, aufnehmen wollte.
Irgendwie rührte mich diese Geschichte sehr und ich fragte, ob sie (ich nenne sie jetzt einfach mal Anne), bei mir ein Praktikum machen wolle. Meine erwachsene Schülerin kam schon bald mit der positiven Antwort.

Anne kam zum Hospitieren
Eine Woche später kam Anne erst einmal zum Hospitieren. Sie hatte ihren Hund dabei, der bei meinen Schülern gleich das Herz hüpfen ließ. Meine Schüler waren begeistert, weil sie den Hund streicheln durften und er so lieb in der Ecke lag und alles beobachtete oder schlief.
Schon bald setzte sich Anne dazu, da ich meistens zwei Schüler in einer Stunde betreue.

Die Schüler lasen freiwillig alles vor
Das war so toll, denn sie war sehr einfühlsam und bewirkte bei den Schülern, dass sie ihr alles vorlasen, und zwar freiwillig. Gerade die Kinder, die eine Lese-Rechtschreibschwäche haben, lesen ja nicht gerne laut vor. Jetzt war das gar kein Problem, denn sie wussten ja, Anne kann es nicht sehen, also müssen sie ihr alles, aber auch alles vorlesen.

Wir spielten auch Lernspiele
Richtig große Augen machten wir, die Schüler und ich, als es ans Spielen ging. Jede Stunde spiele ich natürlich auch mit meinen Schülern. Es sind Lernspiele, aber sie lockern die Stunde auf und so macht das Lernen einfach mehr Spaß.
Ich holte das Wort-Mau-Mau-Spiel hervor. Ein Spiel, mit dem ich das Lesen übe, ohne dass die Kinder das merken. Mau-Mau spielen die Kinder gerne, nur dass sie hier mit Wörtern spielen, die sie auch vorlesen müssen.
Ich las die Karten, die ich Anne gab vor. Sie merkte sich die Karten und spielte dann mit uns, als ob sie die Karten sehen würde.
Wir waren begeistert!

Anne fand doch eine Schule
Annes Praktikum war nur kurz. Sie überlegte schon, ob sie bei mir arbeiten wollte, doch da kam der Brief einer Schule aus einer anderen Stadt. So musste Anne Berlin verlassen und damit meine Praxis.
Wir waren alle traurig, wünschten ihr aber alles Gute und viel Glück.

Danke an Sabine für den Bericht aus der Perspektive einer sehenden Arbeitgeberin. Und jetzt lade ich Euch zum Meinungsaustausch in den Kommentaren ein.

Inklusion, ich war immer die Ausnahme

Das Thema inklusiver Unterricht wird immer wieder kontrovers diskutiert. Doch nur selten kommen Menschen zu Wort, die tatsächlich mit Behinderung auf einer Regelschule sind oder waren.
Niklas ist 29 Jahre alt. Er besuchte zehn Jahre lang als blindes Kind eine Regelschule. Anschließend absolvierte er eine Ausbildung zum Informatikkaufmann an der Blindenstudienaanstalt Marburg. Ich freue mich, dass er bereit war mir einige Fragen zu seinen Erfahrungen an der Regelschule zu beantworten.
Lydia: Warum haben Deine Eltern sich dafür entschieden Dich an einer Regelschule anzumelden?
Niklas: Meine Eltern haben sich dafür entschieden, weil sowohl sie als auch ich nicht wollten, dass ich mit 6 Jahren in ein Internat komme und somit von zu Hause weg.
Lydia: Wann hast Du erfahren, dass es auch Schulen für blinde Kinder gibt, und wie hast Du darüber gedacht?
Niklas: Ich wusste von Blindenschulen schon seit ich in der Schule war. Ich dachte nicht negativ darüber. Wenn eine Blindenschule bei mir Vorort gewesen wäre, wäre ich auch hin gegangen.
Lydia: Wie sah Dein Schulalltag in der Grundschule aus, und wie ging es Dir damit?
Niklas: Ich hatte in der Schule täglich einen Zivildienstleistenden gehabt, der mich morgens abgeholt hat und mich zur Schule gefahren hat. Nach der Schule hat er mich dann wieder nach Hause gefahren.
In der Schule hat der Zivi dann mir auch geholfen von Raum zu Raum zu kommen, Tafelanschriebe mit zu schreiben usw. Es gab von der Blindenschule Neuwied einen Blindenlehrer für eine Gewisse Anzahl von Stunden, der Materialien die im Unterricht benötigt wurden für mich aufbereitet hat. Wie es mir damit ging, ist schwer zu sagen. Ich kannte damals ja nichts anderes.
Lydia: Hattest Du während Deiner Schulzeit Freunde, mit denen Du Dich auch außerhalb der Schule getroffen hast?
Niklas: Dies war schwierig, weil durch die Hausaufgaben nicht viel Zeit blieb sich zu treffen. Außerdem war es auch durch meine Blindheit schwierig sich zu treffen. Viele meiner sehenden Mitschüler hatten Schwierigkeiten damit klar zu kommen, dass ich blind war und wollten nicht wirklich was mit mir zu tun haben.
Lydia: Wie wurden Dinge wie Kunst- Sport oder Klassenfahrten gestaltet?
Niklas: Bei Kunst hatte ich oft Einzelförderunterricht, weil dort viel mit Wasserfarben gemalt wurde. Dies ging natürlich für mich nicht.
Sport habe ich mitgemacht was möglich war, aber Dinge wie Ballsportarten konnte ich nicht mit machen und habe dann Förderunterricht bekommen.
Bei Klassenfahrten habe ich an allen Aktivitäten teilgenommen. Hatte auch meinen Zivi, der mich führte.
Lydia: Gab es ein Schulfach, an welchem Du nicht teilnehmen konntest?
Niklas: Ganze Schulfächer gab es nicht. Es gab nur einzelne Themen an denen ich nicht teilnehmen konnte.
Lydia: Wie hätte Dein Unterricht besser für Dich gestaltet werden können?
Niklas: Ich hätte mir teilweise mehr Integration gewünscht. Das heißt: Ich hatte teilweise viel Einzelunterricht mit meinem Blindenpädagogen oder meinem Zivi. Die Fachlehrer haben sich teilweise sehr zurückgezogen.
Lydia: Wie oft hattest Du Kontakt mit anderen blinden Schülern?
Niklas: Eigentlich nur bei Freizeiten für integrativ beschulte Kinder, die von diversen Blindenschulen angeboten wurden. Sonst nicht.
Lydia: Hast Du irgendwann vermisst, dass Du Dich nie mit anderen blinden Mitschülern vergleichen konntest?
Niklas: Das habe ich ja nie richtig kennengelernt und somit auch nie vermisst.
Lydia: Auf dem Lehrplan einer Blindenschule stehen Mobilitätstraining und lebenspraktische Fertigkeiten. Wie war das bei Dir?
Niklas: Dies viel in der Integration weg. Es hab keinen Kostenträger, der dies finanzierte. Meine Eltern und ich hatten damals noch nicht viel Erfahrung und wussten auch nicht wo man rechtliche Unterstützung speziell hierfür herbekommen kann.
Lydia: Wie kam es dazu, dass Du eine Ausbildung in einer Einrichtung für blinde Schüler gemacht hast, und was hat sich für Dich dadurch geändert?
Niklas: Dies hing damit zusammen, dass die Integration nach und nach schwieriger wurde. Der Stoff wurde komplexer und dadurch auch die Arbeit des Umsetzens. Außerdem kam in der Integration die Selbstständigkeit zu kurz und auch dies führte dazu die Ausbildung in einer Blindengerechten Einrichtung zu absolvieren.
Lydia: Was würdest Du Eltern blinder Kinder gern mit auf den Weg geben, die mit dem Gedanken spielen ihr Kind an einer Regelschule anzumelden?
Niklas: Ich würde mit auf den Weg geben, dass man bedenken solle, dass das ganze Material aufbereitet werden muss und dies viel Zeit kostet. Des Weiteren würde ich empfehlen, auf jeden Fall ein Mobilitäts- und LpF-Training zu beantragen. Dies kam bei mir zu kurz und ich hatte es in der Blista in Marburg schwer das alles aufzuholen.

Ich danke Niklas für seine Offenheit. Und nun lade ich Euch ein hier in den Kommentaren über diesen Beitrag zu diskutieren.

Warum blinde Computernutzer spezielle Schulungen brauchen.

laptop + braillezeile 3

Das Bild zeigt ein Laptop mit angeschlossener Braillezeile. Darauf liegen meine Finger.

Ich benutze ein handelsübliches Notebook. Und auch Tastatur, Scanner und Drucker kommen aus dem herkömmlichen Handel.

Du fragst Dich jetzt sicher warum ich unbedingt eine spezielle Schulung im Umgang mit eben diesen Geräten brauche. Und wenn ich Dir jetzt auch noch sage, dass ich handelsübliche Software auf meinem Computer habe, dann wirst Du sicher den Kopf schütteln.
Sprüche wie: „Da gibt es doch ein Tutorial im Internet“ oder „Geh doch mal zur Volkshochschule. Da werden Kurse angeboten“, bekomme ich oft zu hören.

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Wie ich die Brailleschrift erlernte und was sie für mich bedeutet.

Lydia liest ein Dokument in Braille

Auf dem Titelbild bin ich mit einer Broschüre in Braille zu sehen. Meine Finger liegen auf dem Papier.

Die ersten drei Buchstaben, nämlich das a, b und l lernte ich bereits an meinem ersten Tag an der Blindenschule. Ich war mächtig stolz darauf, dass ich jetzt das Wort „Ball“ schreiben konnte.

Mein zweiter Tag an der Blindenschule begann mit einer Förderstunde. Es gab zwei Arten von Förderstunden, eine für Kinder mit besonderem Förderbedarf und eine für den Rest der Klasse. Ich kam in die erste Gruppe, die jetzt aus drei Schülern bestand. Unser Klassenlehrer leitete diese und brachte mir während dieser Zeit die Brailleschrift bei. Er verstand es mich richtig zu motivieren.

Musste im Unterricht geschrieben werden, so tat ich das mit der Hand, beschränkte mich jedoch auf ein Minimum, da ich einfach zu langsam war. Nur In Mathematik war ich schnell.

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