Fahrradfahrer und Blinde, eine fast unendliche Liebesgeschichte

Fahrradfahrer und Blinde – eine fast unendliche Liebesgeschichte

von Domingos

Domingos ist ebenfalls Blogger, und hat mir zu Beginn meines Bloggerdaseins den Text Barrierefrei bloggen auf WordPress zur Verfügung gestellt. Heute habe ich einen Beitrag von ihm bekommen, der im April 2018 auf seinem Blog veröffentlicht wurde, und den ich einfach nur gut finde. Das Original gibt es hier zu lesen.

Angeblich soll es ja einen epischen Kampf zwischen Blinden und Fahrradfahrern geben, so ähnlich wie zwischen Highlander und dem anderen Highlander. In Wirklichkeit sind Blinde und Fahrradfahrer die besten Buddies. Deswegen möchte ich hier mit einigen Mythen bei den Fahrradfahrern aufräumen, bevor wir anfangen, uns gegenseitig die Köpfe abzuschlagen.

Der Bürgersteig gehört den Fahrradfahrern

Fahrradfahrer wundern sich oft, warum so viele Leute auf ihrem Fahrradweg, volksmündlich als Bürgersteig bezeichnet, herumlaufen. Als tolerante Menschen klingeln sie einfach so lange, bis diese Unbefugten vor Schreck umfallen. Weil Blinde bekanntermaßen nicht sehen, klingelt man einfach besonders laut und oft, damit sie das noch besser hören.
Da der Bürgersteig den Fahrradfahrern gehört, ist es nur natürlich, dass sie ihr Fahrrad dort abstellen. Es sollte so stehen, dass niemand, der breiter ist als 10 Zentimeter daran vorbeikommt, ohne auf die Straße zu gehen. Damit wird das Fahrrad besser belüftet. Wen stört es, wenn Rollstuhlfahrer nicht vorbei können, Blinde am Lenker hängenbleiben, über das Vorderrad stolpern oder Kinderwagen auf die Straße ausweichen müssen. Das trainiert doch die Gelenke.

Eine Haaresbreite Abstand reicht

Blinde lieben es, wenn Fahrradfahrer auf lautlosen Rädern einen Zentimeter an ihrer Schulter vorbei rasen. Aber warum gehen diese doofen Blinden nicht straight gerade aus, sondern weichen ab und zu nach links oder rechts ab? Haben die keine Augen im Hinterkopf oder zumindest Blinker am Allerwertesten, damit man sieht, welche Richtung sie als Nächstes einschlagen wollen?
Genauso super finden es Blinde, wenn man eine Handbreit an der Spitze ihres Blindenstocks vorbeifährt. Auch Blinden-Führhunde wissen das zu schätzen. Der Schreck bringt Herrchen und Hündchen den heiß begehrten Adrenalinstoß. Wer braucht da noch Kaffee?
Niemand kann von Fahrradfahrern erwarten, dass sie langsamer fahren, ausweichen, stehen bleiben oder gar kommunizieren.

  1. Sind Fahrradfahrer stumm und wir wissen ja, wie schwierig es ist, Gebärdendolmetscher zu bekommen, vor allem welche, die auf dem Gepäckträger Platz nehmen wollen.
  2. Haben es Fahrradfahrer immer eilig. Nicht auszudenken, was passiert, wenn man die ersten 60 Sekunden von den Simpsons verpasst.

Fazit: Blinde lieben Fahrradfahrer

Ja, ich bekenne es öffentlich: wir lieben Fahrradfahrer. Sie sorgen für den Adrenalinkick am Morgen, halten unsere Reflexe frisch und sorgen dafür, dass unser Gehör nicht verkümmert.
War dieser Beitrag eigentlich ironisch gemeint? Vielleicht.

Domingos de Oliveira arbeitet als Dozent, Berater und Speaker zur digitalen Barrierefreiheit. Einen Überblick über seine Tätigkeit gibt es auf seiner Seite Netz barrierefrei. Als einer der wenigen blinden Experten für Barrierefreiheit schreibt er auf seinem Blog über Blindheit und Technologie. Reinschauen lohnt sich.

Gedanken zum Thema Inklusion

Matthias Schäfer bedient mit einer Hand ein Smartphone

Ich danke Matthias für seinen Text über Inklusion. Er hat schon mal für mich geschrieben. Hier geht es zu seinem Beitrag Brandschutz für blinde Menschen.

Als blindes Kind besuchte ich eine Sonderschule für blinde Kinder, kurz Blindenschule. Heute nennt man das Schule mit dem Schwerpunkt Sehen. Damals waren sogar noch blinde und sehbehinderte Schüler in separaten Schulen getrennt. Da blinde Kinder eine verhältnismäßig kleine Gruppe sind, gab es im Bereich Grund- Haupt- und Realschule, nur eine Einrichtung in Hessen. Ähnlich war es in anderen Bundesländern geregelt. Der Gymnasialzweig für alle Schüler in Deutschland befand sich in Marburg an der Lahn. Die Klassenstärke lag maximal bei 10 Schülern und einer Lehrkraft.
Also war klar, kleine blinde Kinder mussten mit dem Schuleintritt in ein Internat. In Meinem Fall also nach Friedberg. Das bedeutete: Sonntags nachmittags, bereits um 14.30 Uhr fertig machen, Packen und weg aus der Familie. Erst freitags gegen 18.00 Uhr war ich wieder zuhause. Mit dem Wechsel auf das Gymnasium in Marburg hatten wir samstags Unterricht. Es gab nur ein Wochenende mit einem freien Samstag. Im Klartext hieß das, dass wir Schüler unsere Familie nur einmal im Monat besuchen konnten. Klar, dass man sich dann, spätestens als Jugendlicher in der Pubertät, von seiner Familie entfernt. So war ich schon mit 17, fast gar nicht mehr zuhause.
Vorher, war ich in einem ganz normalen Kindergarten. Ich hatte Freunde und lernte mich durchzusetzen. Als ich dann ins Internat kam, waren die Freunde schnell weg und das bisschen Wochenende und die Ferien, waren dann, was das Zusammensein mit Gleichaltrigen betrifft, ziemlich einsam.
Als Jugendlicher erlebte ich dann so besondere Maßnahmen, wo man, als besonderes Projekt, blinde und sehende Kinder zusammenbrachte. Beide Gruppen hatten sonst im Alltag kaum etwas miteinander zu tun. Diese „Besonderen pädagogischen Maßnahmen“, waren von vielen Missverständnissen geprägt. Da merkte man als blinder Jugendlicher erst, dass die Entwicklung und der Erfahrungshintergrund, in der exklusiven Welt, eine ganz andere ist.
Für meine Eltern und mich, war die Internatszeit, eine schlimme Zeit. Ich finde es noch heute ein Unding, Kinder, die in einer intakten Familie leben, so früh in ein Internat geben zu müssen. Erst später, nachdem ich geheiratet hatte und selbst Kinder hatte, habe ich wieder ein normales Verhältnis zu meinen Eltern entwickelt.

Nun zur Inklusion:
Inklusion wird nahezu von allen Lebensbereichen aufgegriffen. Jeder, der sich im Sozialbereich profilieren will, macht ein Inklusionsprojekt. Inzwischen beteilige ich mich nicht mehr an solchen Projekten. Überall, wo ich als aktiver blinder Mensch auftauche, will man mich inkludieren. Das nervt! Vor einigen Monaten sollte eine Reportage über inklusive Familien gedreht werden. Die Teilnahme habe ich trotz meiner hohen Medienpräsenz, abgelehnt. In jeder Familie, gibt es spätestens in der älteren Generation, jemand mit Einschränkungen. Also was soll dieser Quatsch mit „inklusiven Familien“.

Leider ist die Umsetzung der Inklusion an Schulen, durch Schnellschüsse und Unüberlegtheit geprägt. Inklusion findet dadurch statt, dass jeder Schüler mit Unterstützungsbedarf, eine Assistenz bekommt. Die Lehrer sind meistens sonderpädagogisch nicht kompetent. Wie auch, bei den unterschiedlichen Bedürfnissen? Die Assistenz ist aber meist auch ungelernt. Und die Institutionen, bei denen die Assistenzkraft angestellt ist, haben auch meistens keine Kompetenz, für die Formen von Behinderung, die sie nicht spezifisch unterstützen. So schickt z.B. die Lebenshilfe die sich auf die Unterstützung von Menschen mit kognitiven Behinderungen spezialisiert hat, auch Assistenten zu blinden und sehbehinderten Kindern. Das können auch schon mal Jugendliche, die gerade erst aus der Schule gekommen sind, ein freiwilliges soziales Jahr machen und so über kaum bis gar keine Erfahrungen verfügen sein. Dies versucht man dann, durch speziell sonderpädagogisch ausgebildete Förderlehrer, die Stundenweise an der Schule sind, auszugleichen. Dabei stellt sich die Frage, ob dies tatsächlich ausreicht. Denn Lehrer und Schulassistenz müssen ja auch mit den speziell aufbereiteten Lernmaterialien und den technischen Hilfsmitteln, die z.B. ein blindes Kind braucht, zurechtkommen, um die Schüler adäquat zu unterstützen.

Ein weiteres Problem sehe ich darin, dass die Inklusionsschüler immer jemanden an der Seite haben, der sie speziell betreut. Die Kinder mit Behinderung lernen dadurch: Ich bin etwas Besonderes und brauche immer jemanden, der für mich da ist.
Wir als Schüler einer Schule für blinde Kinder, sind ganz normal auf dem Pausenhof herumgetobt, sind auf Bäume geklettert, Rollerskates und auf dem Hof, Fahrrad gefahren. Die Kinder mit Behinderung, die heute an einer Regelschule sind, dürfen nicht mal hinfallen, dürfen sich oft nicht mal alleine in der Pause bewegen.

Ein weiteres Problem ist der Sportunterricht. Sehende Kinder machen viele Ballsportarten, an denen das blinde Kind nicht teilnehmen kann. Das blinde Kind bekommt immer das Gefühl, dass es viele Dinge, nicht mitmachen kann und die Sportlehrer sind nicht darauf ausgebildet, für alle Kinder mit Inklusionsbedarf, Alternativen zu finden. Wir in der Blindenschule haben fast alles machen können. Leichtathletik, spezielle Ballsportarten, Ski fahren, – auch Abfahrt – Kajak fahren, rudern, Reiten, surfen und vieles mehr. Kein normal ausgebildeter Sportlehrer, und die Assistenz schon gar nicht, haben die Kompetenz, hier z.B. ein blindes Kind effektiv zu integrieren.

Im Internat hatten wir Freizeitangebote, AGs, an denen wir außerhalb der Schulzeit teilnehmen konnten. Wir trafen uns ganz normal mit Freunden. Leider ist es im Rahmen der „Inklusion“ so, dass diese oft nach Schulschluss endet. Kaum ein Sportverein ist auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung ausgerichtet. Eine Assistenz zur Teilnahme an Freizeitaktivitäten wird von den Kostenträgern nicht finanziert. Selbst die Unterstützung von Teilnahme an Schul-AGs ist kaum realisierbar. Unter Umständen kann das für das blinde Kind ein recht einsames Leben bedeuten. Mir werden immer mehr Fälle bekannt, wo sich blinde Schüler nach einigen Jahren wieder in die Sonderschule flüchten.

Bei all dem darf man nicht vergessen, dass es auch eine Menge Behinderungsarten gibt, bei denen eben nur die bauliche Barrierefreiheit gewährleistet sein muss. Für die ist es natürlich absoluter Blödsinn, sie in eine Sonderschule zu schicken.

Die Inklusion, wie sie derzeit gelebt wird, ist insgesamt wenig durchdacht. Hier mal ein möglicher Vorschlag, wie schulische Inklusion gelingen kann:
Wir schaffen einen neuen Beruf. Nennen wir ihn mal Lehrerassistent. Jeder Lehrer, der in seiner Klasse Schüler mit besonderem Förderbedarf hat, bekommt einen Lehrerassistenten, der dem Lehrer im Unterricht assistiert. Dieser Lehrerassistent sollte eine zwei bis dreijährige Ausbildung durchlaufen. In dieser Ausbildung lernt der Assistent verschiedene Förderbedarfsgruppen kennen und erlernt Techniken, wie unterschiedliche Bedarfe, in den Schulalltag zu integrieren sind. Die Assistenten sind nicht bei irgendeinem Träger angestellt, sondern sie gehören in den Stellenplan der Schule.
Die Assistenten assistieren dem Lehrer, sind in die Pausenaufsicht mit integriert und assistieren auch bei Freizeitangeboten in der Mittagspause, AGs etc.
Dies löst mit Sicherheit nicht alle Probleme, wäre aber ein guter Ansatz.
Die Diskussion um schulische Inklusion polarisiert. Es gibt radikale Befürworter und es gibt Gegner. Die Durchführung von Inklusion ist geprägt durch Streitigkeiten zwischen Eltern, Schulen, Trägern der Schulassistenten und den Behörden, die die Kosten für die Förderung übernehmen.
Eine Diskussion aller Beteiligten darüber, wie Inklusion tatsächlich gelingen kann, wäre zum Wohl der Kinder mit besonderem Förderbedarf dringend notwendig.

Karl Matthias Schäfer engagiert sich im Landesvorstand des Blinden- und Sehbehindertenbund Hessen – BSBH. Einen Einblick in den Alltag des Technik interessierten Berufspendlers könnt Ihr Euch auf diesem Video ansehen.

Ich lade alle an diesem Thema interessierten Leser dazu ein in den Kommentaren darüber zu diskutieren.

Blind und selbstbestimmt wählen

Wahlbenachrichtigung, Wahlschablone der BTW 2017 und Info-CD des BBSB liegen auf einem Tisch

Heute schreibt mein Gastautor Markus Ertl über das Thema blind wählen.

Als bekennender Demokrat, ist es mir eine selbst auferlegte Bürgerpflicht, mein Wahlrecht auszuüben.
In der Zeit, in der ich noch ausreichend sehen konnte, war Wählen kein Problem. Blind wählen ist aber eine größere Herausforderung.
Gerne erzähle ich, wie Blinde das mit dem Wählen hinbekommen und wobei es noch Probleme gibt.

Informationen über die und von den Parteien

Wie jeder andere auch, beziehe ich viele Informationen über die allgemeinen politischen Geschehnisse aus den gängigen Medien.
Wenn die Medien für Blinde gut zugänglich sind, dann ist das kein Problem. Ein TV-Gerät mit Sprachausgabe und Alexa lassen hier die TV- und Rundfunksender leicht bedienbar werden. Zeitung und Zeitschriften im ePaper-Format kann ich mir auch vorlesen lassen, oder ich übertrage alles auf meine Braille-Zeile, ein Gerät, welches mir den Text in Braille-Schrift spürbar macht.
Auch wenn es gerade ein bisschen besser wird, vermisse ich bei den Parteien aber immer noch die Informationen in einer Form, dass ich als Blinder mit einer Spezial-Software alles lesen kann. Oft scheint es mir so, als wären wir keine Wähler, die Stimmen brächten. Aber da sind fast alle Parteien gleich schlecht bei der fairen Teilhabe an politischen Informationen.
Wenn ich jetzt, wie viele andere Wähler auch, gut informiert bin, kann die Wahl kommen. Fast! Ich brauche noch die Wahlbenachrichtigung von meiner Gemeinde.

Ist die Wahlbenachrichtigung ein zugängliches amtliches Schriftstück?

Wenn ich als Blinder dies in Braille-Schrift oder irgendwie in digitaler Form bekomme, dann kann auch ich das alles lesen.
Aber bisher habe ich nur immer eine Wahlbenachrichtigung in Postkarten-Format mit ganz vielen Informationen in kleiner Schrift bekommen. Bis auf die letzte Bundestags-Wahl, hier war es ein Word-Dokument, in dem alle Daten für mich am PC eindeutig lesbar waren. Hierfür musste ich aber extra nachfragen.

In der Wahlbenachrichtigung ist zu lesen:

  • Der Ort seines Wahl-Lokals
  • ob das Wahllokal barrierefrei zugänglich ist
  • ob und wo es Wahlschablonen für Blinde und Sehbehinderte gibt

Meine Briefwahl-Unterlagen konnte ich dann wieder bei der Gemeinde bestellen. Ich war nur neugierig, wie das Ganze dann so abläuft. Ich habe die Briefwahlunterlagen dann doch mit ins Wahllokal genommen.

Anforderung von Wahlschablonen

Wahlschablonen helfen uns Blinden, selbstständig und ohne fremde Hilfe unser Kreuz für die gewünschte Partei auf dem eigentlichen Stimmzettel zu machen.
Die Schablone ist genau so groß, wie der eigentliche Bogen für die Wahl. Der Stimmzettel kann bei der Wahlschablone zur besseren Fixierung zwischen zwei dicken Karton-Blättern eingelegt werden.
Wo der Sehende die Kreise sieht, fühle ich die Runden Löcher und weiß mit Hilfe einer daneben stehenden Nummerierung, wo ich mein Kreuz machen kann.
Die Wahlschablonen werden oft von den Blindenverbänden des jeweiligen Bundeslandes gefertigt Mitglieder bekommen diese automatisch zugesandt. Wer nicht Mitglied ist, der kann dort anrufen und sich die Schablone bestellen.
In der Post mit der Schablone kommt auch eine Hör-CD mit ins Haus. Hier kann ich mir anhören, wie die Schablone gestaltet ist und ich diese verwenden kann. Darauf finde ich auch Wissenswertes über den Wahlvorgang und den aufbereiteten Wahlinformationen der einzelnen Parteien.
Ich wünsche mir trotzdem, dass die Parteien Ihre Informationen bereits auf deren Internetseiten so aufbereiten, dass ich bereits dort als Blinder alles gut lesen kann.
Bei der Bundestagswahl 2017 habe ich dann eine solche Postwurfsendung meines Blindenverbandes 3-4 Wochen vor der eigentlichen Wahl bekommen.
Bei der kommenden Landtagswahl gibt es keine Schablone, und ich darf mit einer Person meines Vertrauens wählen.
Aber was ist mit dem Wahlgeheimnis?

Geheim wählen, auch für Blinde möglich?

Eigentlich sagt das Grundgesetz in Deutschland und die Verfassung in Bayern, dass geheim gewählt werden können sollte.
Jetzt frage ich mich, wie geheim wählen ohne Schablone geht. Ich habe dann einen Wahlzettel vor mir und ich weiß zwar wen ich wählen möchte, nur nicht wie.
Nun sagt die Landeswahlleitung, wir Blinde können ja mit Assistenz wählen und das ist laut Landeswahlgesetz auch erlaubt. Im Gesetz steht, wer aufgrund seiner Behinderung sein Kreuz nicht selbst machen kann und den Wahlzettel nicht selbst in die Urne werfen kann, darf die Hilfe einer Person seines Vertrauens in Anspruch nehmen. Das ist ja auch wichtig.
Es fühlt sich trotzdem überhaupt nicht gut an, sollte jemand anderes „mein Kreuz“ für mich bei einer geheimen Wahl machen können. Bei der Bundestagswahl konnte ich es ja auch.

Aber mit dieser Forderung:
„Ungehindert geheim wählen können wollen!“
Bin ich gerade in Bayern sehr aktiv

Aber warum ist mit Assistenz wählen denn so schlimm und geheim wählen so wichtig?
Es darf sich jeder einmal kurz vorstellen, nicht er, sondern eine andere Person soll für ihn selbst bei der Wahl abstimmen. Jetzt stellt sich jeder noch zusätzlich vor, dass er/sie selbst vielleicht eine Partei wählen möchte, dies aber aus gewissen Gründen keiner wissen darf. Ist hier eine indirekte Beeinflussung nicht vorprogrammiert? Genau das macht für mich den Unterschied.

Wahllokal, wirklich barrierefrei, wie es auf dem Wahlzettel steht?

Hoffentlich ist es mindestens für Rollstuhlnutzende barrierefrei, denn für Blinde und Sehbehinderte ist es dies zu 98 Prozent nicht.
Es gibt hier eine DIN-Norm, die uns Seheingeschränkten den Zugang zu öffentlichen Gebäuden ermöglichen, mindestens aber erleichtern soll.
Und wenn schon auf der Wahlbenachrichtigung barrierefrei drauf steht, dann sollte man auch die örtliche Wahlleitung immer wieder darauf hinweisen, was barrierefrei denn überhaupt im Ganzen bedeutet. Hoffentlich gibt die Wahlleitung dies dann auch einmal an das Baureferat der Kommune weiter. Vielleicht werden dadurch nicht nur die Wahllokale besser zugänglich.

Und jetzt ist endlich Wahlsonntag

Wir gehen immer zusammen mit unseren Nachbarn. Es hat sich hier ein kleines Ritual entwickelt. Denn wie gesagt, wählen gehen ist Pflicht, warum sollte man daraus keine schöne Pflicht machen.
Denn nur wer wählen geht, darf auch die nächsten Jahre wieder mitschimpfen.
Und zum Schluss hoffe ich, dass auch die Wahlergebnisse im Internet unter Berücksichtigung der Barrierefreiheit-Standards veröffentlicht werden.

Markus Ertl ist Inklusionsbotschafter, und hat sich dem Thema Barrierefreiheit verschrieben. Im Beitrag „Lasst mich auch dabei sein“ schreibt er darüber.

Und nun freue ich mich auf einen regen Austausch in den Kommentaren.

Betreuung am Flughafen, eine Mitarbeiterin erzählt

Über das Reisen mit dem Flugzeug habe ich bereits einige Beiträge geschrieben. Diese handelten entweder von unsinnigen Vorschriften, oder Missverständnissen. Bei all diesen Beiträgen hatte ich nie Gelegenheit aus der Sicht der Mitarbeiter am Flughafen zu berichten. Daher habe ich mich riesig über einen Leserbrief von Melanie gefreut. Als ehemalige Mitarbeiterin des Betreuungsdienstes gibt sie Einblick in ihre Arbeit. Ich fand ihn so gut, dass ich ihn mit ihrem Einverständnis, jedoch unter anderem Namen veröffentliche.

Liebe Lydia,
vielen Dank für deinen Blog, ich lese immer wieder gerne rein und lerne viel!
Ich habe bis 2017 beim Betreuungsdienst am Frankfurter Flughafen gearbeitet, als Service Agent der Firma FraCareS, zur Unterstützung von mobilitätseingeschränkten Passagieren und Alleinreisenden Kindern. Daher fühle ich mich angesprochen und kann dir vielleicht annähernd deine Frage beantworten, warum immer der obligatorische Rollstuhl mitgeführt wird.
Der Arbeitsablauf für mich sieht (sah) folgendermaßen aus: Ich bekomme auf ein mobiles Endgerät einen Auftrag, in dem 4 Angaben stehen: Name des Gastes, der aktuelle Aufenthaltsort, der Zielort und ein Betreuungscode, der die Hilfestellung etwas beschreibt. Mehr Angaben dürfen aufgrund des Datenschutzes nicht übermittelt werden!

Diese lauten:
WCHR für Menschen, die prinzipiell laufen können, aber keine weiten Strecken;
WCHS für Menschen die laufen, aber keine Treppen bewältigen können;
WCHC für Menschen die gar nicht laufen können;
BLND für Menschen mit eingeschränkter Sehfähigkeit und
DPNA für Menschen mit geistiger Einschränkung.

Wer gibt diese Betreuungscodes ein und wer entscheidet welcher nun eingegeben wird?
Die Betreuungscodes werden meistens vom Reisebüro oder den eincheckenden Agenten der Airlines eingegeben, die nicht viel mit der Betreuung zu tun haben und sich oft damit nicht gut auskennen. Nicht nur in Deutschland sondern in ALLEN Ländern der Welt.

Wer benötigt Betreuung?

Die zu betreuenden Passagiere sind nicht nur Menschen mit Behinderung. Jeder, der Unterstützungsbedarf hat, kann diesen anmelden. Ein Nachweis durch einen Schwerbehindertenausweis wird nicht verlangt. Dabei ist es egal, ob jemand Wegen der Beine, wegen des Rückens, wegen der Augen, wegen des Gleichgewichtssinns, wegen der Orientierung, oder auch wegen der Sprache Hilfe benötigt, denn so hätten Menschen aus Ländern, in denen es so etwas nicht gibt, einen Nachteil. Wir sind nicht befugt zu fragen, was der Mensch hat, sondern welche Art der Unterstützung er oder sie benötigt.
Und so unterschiedlich wie Menschen sind, so unterschiedlich sind ihre Bedürfnisse und Vorlieben.
Somit habe ich auch immer einen Rollstuhl dabei gehabt, auch wenn ich einen Gast mit dem Betreuungscode BLND abholen wollte. Ich habe ganz offen gefragt „möchten Sie sich in den Rollstuhl setzen oder möchten Sie lieber mit mir laufen?“ und habe entsprechend dann den Rollstuhl an diesem Ort stehen gelassen und habe laufend betreut, oder den Rollstuhl geschlossen mitgeführt, oder bei entsprechendem Wunsch den Gast auch sitzen lassen. Selbstverständlich ist es ein Unding, wie von dir beschrieben, dass eine Mitarbeiterin am Flughafen, dass du dich in den Rollstuhl setzen sollst.
Aus meiner Erfahrung wollte ich dir kurz beschreiben, dass ich beispielsweise auch ältere Damen unterstützt habe, die schlecht sehen konnten und schlecht zu Fuß waren und weder deutsch noch englisch sprechen konnten. Diese Dame bevorzugte es, im Rollstuhl gebracht zu werden, da es eine enorme Erleichterung für sie darstellte.
2008 trat eine EU-Verordnung in Kraft, die festlegt, dass der PRM-Service (PRM = Passenger with reduced mobility) von dem jeweiligen Flughafen übernommen werden muss und nicht mehr von der jeweiligen Airline übernommen werden darf. Seit dem (denke ich und hoffe ich) wird das Personal gesondert geschult und sensibilisiert. Ich habe mich jedenfalls von der Firma gut vorbereitet gefühlt und fand es immer sehr gut, dass nicht nach Schema X vorgegangen werden muss, sondern wir auf den individuellen Unterstützungsbedarf des Passagiers reagieren sollten. Und das heißt auch, dass ich lieber einen Rollstuhl zu viel mitnehme, als den Passagier wegen falsch übermitteltem Betreuungscode warten lassen muss, weil ich erst einen Rollstuhl organisieren muss. Die Kommunikation an dem Ort, an dem die Betreuung beginnt ist wichtig. Ich muss abfragen was der Passagier braucht und muss abschätzen, was auf dem Weg, der uns erwartet davon wichtig ist. So kann ich am besten spontan reagieren.
noch ein anderer ganz pragmatischer Grund, warum ich einen Rollstuhl trotzdem dabei habe: es ist ein stressiger Vormittag, es herrscht Rollinotstand weil alle unterwegs sind, ich bin gerade mit meinem WCHR-Auftrag fertig und bekommen den BLND-Auftrag und weiß nicht was danach kommt. Ich halte meinen Rolli fest in der Hand weil ich sonst später über viele Kilometer einen suchen muss!

Diese Arbeit hat mir immer große Freude bereitet. Ich durfte so viele so unterschiedliche Menschen begleiten, so viele Sprachen hören, so viel Dankbarkeit spüren. Das hat mein Leben sehr bereichert.
Bestimmt habe auch ich manchmal Fehler gemacht, durch Stress und durch mangelnde Kommunikation. Aber kein Mensch ist perfekt und ich denke doch und hoffe auch, dass ich immer die Würde der Menschen bewahrt habe, niemanden in einen Rollstuhl gezwungen habe und möglichst sensibel die Rechte meiner Gäste vor dem Sicherheitspersonal und den Mitarbeitern der jeweiligen Airline verteidigt habe, wenn die Kollegen manchmal unsensibel wurden.
Ich hoffe, dass Dir meine Erklärungen weiterhelfen.
Melanie.

Ich danke Melanie für die Einblicke in ihre Arbeit. Und nun lade ich Euch zu einem Meinungsaustausch in den Kommentaren ein.

Meine blinde Praktikantin, ein Erfahrungsbericht

Sabine Omarow

Als ich Sabine kennenlernte, gab es meinen Blog bereits einige Monate. Damals experimentierte ich damit meinen Blog in Facebookgruppen vorzustellen, deren Thematik irgendeinen Bezug zu meinen Inhalten hatte. Ich probierte Gruppen aus, die sich mit Flüchtlingen, Haushalt oder Sozialarbeit beschäftigten. Im Prinzip alles an Gruppen, von denen ich mir Interessenten erhoffte. Und in einer dieser Gruppen traf ich auf Sabine, die eine Praxis für Lerntraining betreibt. Im Jahr 2017 organisierte sie einen Kongress im Internet, für den sie mich um ein Interview bat.
Über Facebook hatte ich auf meiner Seite
Lydiaswelt gefragt, wer der Lust habe einen Gastbeitrag für mich zu schreiben, der einen Bezug zu Blindheit, Sehbehinderung oder blinde Eltern hat. Darauf bekam ich von Sabine den folgenden Beitrag:

Meine blinde Praktikantin
Als ich meine Praxis für Lerntraining noch in Berlin hatte, erzählte eine erwachsene Schülerin mir von einer jungen Frau, die plötzlich blind geworden war. Diese Frau sei dabei, sich aus dem persönlichen Tief herauszuarbeiten und suche nach einer neuen Lebensperspektive für sich. Sie wollte gerne Logopädin werden, fand in Berlin jedoch einfach keine Schule, die sie, als blinde Frau, aufnehmen wollte.
Irgendwie rührte mich diese Geschichte sehr und ich fragte, ob sie (ich nenne sie jetzt einfach mal Anne), bei mir ein Praktikum machen wolle. Meine erwachsene Schülerin kam schon bald mit der positiven Antwort.

Anne kam zum Hospitieren
Eine Woche später kam Anne erst einmal zum Hospitieren. Sie hatte ihren Hund dabei, der bei meinen Schülern gleich das Herz hüpfen ließ. Meine Schüler waren begeistert, weil sie den Hund streicheln durften und er so lieb in der Ecke lag und alles beobachtete oder schlief.
Schon bald setzte sich Anne dazu, da ich meistens zwei Schüler in einer Stunde betreue.

Die Schüler lasen freiwillig alles vor
Das war so toll, denn sie war sehr einfühlsam und bewirkte bei den Schülern, dass sie ihr alles vorlasen, und zwar freiwillig. Gerade die Kinder, die eine Lese-Rechtschreibschwäche haben, lesen ja nicht gerne laut vor. Jetzt war das gar kein Problem, denn sie wussten ja, Anne kann es nicht sehen, also müssen sie ihr alles, aber auch alles vorlesen.

Wir spielten auch Lernspiele
Richtig große Augen machten wir, die Schüler und ich, als es ans Spielen ging. Jede Stunde spiele ich natürlich auch mit meinen Schülern. Es sind Lernspiele, aber sie lockern die Stunde auf und so macht das Lernen einfach mehr Spaß.
Ich holte das Wort-Mau-Mau-Spiel hervor. Ein Spiel, mit dem ich das Lesen übe, ohne dass die Kinder das merken. Mau-Mau spielen die Kinder gerne, nur dass sie hier mit Wörtern spielen, die sie auch vorlesen müssen.
Ich las die Karten, die ich Anne gab vor. Sie merkte sich die Karten und spielte dann mit uns, als ob sie die Karten sehen würde.
Wir waren begeistert!

Anne fand doch eine Schule
Annes Praktikum war nur kurz. Sie überlegte schon, ob sie bei mir arbeiten wollte, doch da kam der Brief einer Schule aus einer anderen Stadt. So musste Anne Berlin verlassen und damit meine Praxis.
Wir waren alle traurig, wünschten ihr aber alles Gute und viel Glück.

Danke an Sabine für den Bericht aus der Perspektive einer sehenden Arbeitgeberin. Und jetzt lade ich Euch zum Meinungsaustausch in den Kommentaren ein.