blind fernsehen oder ins Kino gehen

Heute beantworte ich in einem Workshop Fragen zu meiner Sehbehinderung. Ein Kind fragt mich, ob ich einen Fernseher besitze. Ja, tue ich. Erstaunen macht sich breit, bis ein Teilnehmer anmerkt, dass der Fernseher sicher für meine Kinder da ist. Nein, ist er nicht. Jedenfalls nicht ausschließlich. Denn auch ich sehe ab und zu fern, wenn mich eine Sendung, eine Serie oder ein Film interessiert.

Und auch das Kino ist inzwischen einen Ausflug wert. Während ich früher auch schon mal meine Begleitung nach dem Geschehen auf der Leinwand fragen musste, gibt es inzwischen Möglichkeiten auch ohne sehende Hilfe einen Fernsehfilm oder einen Kinofilm zu verfolgen. Darüber schreibt mein heutiger Gastautor Wilhelm Gerike. Wenn’s laut ist, schießt James Bond, wenn’s leise ist, küsst er

Bei geburtsblinden Menschen nimmt man gemeinhin an, dass sie sich nicht für das Medium Fernsehen oder Kino interessieren. Bei mir – und bei sehr vielen von Geburt an blinden Menschen, die ich kenne, – ist dies anders: Wir interessieren uns dafür, was auf der Mattscheibe erscheint. 

Meine frühesten Erinnerungen an Sendungen im Fernsehen gehen auf das Jahr 1974 zurück. Damals gewann die Mannschaft der Bundesrepublik Deutschland die Fußballweltmeisterschaft. Ich kann mich vor allem gut an die künstlerischen Darbietungen vor dem Spiel und in der Halbzeitpause erinnern. Da gab es viel Musik und Tanz. Das Spiel mit dem Kommentar des immer etwas brummig wirkenden Rudi Michel habe ich mir viele Jahre Später auf DVD angesehen.

Natürlich gehörte die ZDF-Hitparade zu meinen Highlights: Eine Sendung, bei der mir nichts erklärt werden musste.

Sport im Fernsehen gehört seit meiner Kindheit zu meinen Leidenschaften. Ich habe gelernt, mich anhand der Geräusche zu orientieren. Am Leichtesten kann ich das am Verlauf eines Tennis-Spiels erklären: Der Aufschläger nimmt sich den Ball und lässt ihn auftippen. Dann wird es ganz ruhig, als er ihn hoch wirft. Dann kommt jenes Flopp-Geräusch, das jeder kennt, der schon einmal Tennis gesehen hat. Es gilt den Ball über das Netz zu bekommen. Gelingt dies, kann der Gegenspieler den Ball erreichen und ihn seinerseits über das Netz bekommen. Irgendwann ruft der Schiedsrichter laut „out“, der Ball knallt gegen die Bande oder landet im Netz. Man muss einfach mitzählen, wie oft der Ball über das Netz fliegt. Ist die Zahl ungerade und der Ball landet nicht im Netz, bekommt der Aufschläger den Punkt. Ist dagegen die Zahl gerade und der Ball landet nicht im Netz, kann sich der Rückschläger freuen. Das klingt anfangs sehr kompliziert, wird aber im Laufe der Zeit zur Routine. Wie man sich denken kann, gehören Eiskunstlaufen, Rhythmische Sportgymnastik und Kunstturnen zu den Sportarten, die ich meide. 

Bei Filmen und Serien tue ich mich natürlich schwerer: Wenn sich der Bösewicht von hinten an sein ahnungsloses Opfer anschleicht und lediglich spannungsreiche Musik zu hören ist, bin ich verloren. Ein gutes Beispiel hierfür ist Steven Spielbergs „Der weiße Hai“. Gäbe es die Musik nicht, bekäme ich gar  nicht mit, dass der Hai im Anmarsch ist. Und auch Loriots genialer Sketch „Die Nudel“ erschließt sich für mich eher nicht.

Seit etwa 25 Jahren gibt es dafür Gott sei Dank Abhilfe: Bei der Audiodeskription werden in den Dialogpausen die wichtigsten Szenen kurz erklärt. So bekomme ich auch mit, wenn Kommissar Thiel im Münsteraner „Tatort“ das Fahrrad geklaut wird oder sein Kollege Borowski aus Kiel ausgerechnet dann auf die Hörnbrücke kommt, als sie gerade hochgeklappt wird. Auch für das Kino, das ich sehr liebe, gibt es seit einiger Zeit eine wirklich pfiffige Lösung: Die App „Greta & Starks“ erlaubt es, den Hörfilmton auf sein Smartphone herunterzuladen. Im Kino synchronisiert sie dann diese Tonspur mit dem Ton des Kinofilms. Ich muss mir dann nur noch die Ohrhörer in die Ohren stopfen und dann habe auch ich mein Kino-Erlebnis. Die Soundanlagen dort sind naturgemäß viel besser als das häusliche Equipment. 

Und James Bond? Da gibt es inzwischen auch etliche Filme mit Bildbeschreibung. Das ist natürlich erheblich besser, als sich die Handlung irgendwie anhand der Geräusche zusammenzustoppeln.

Ich will nicht unerwähnt lassen, dass die privaten Fernsehanbieter keine Hörfilme ausstrahlen, obwohl diese Möglichkeit gegeben ist. Hierzulande müssen alle Filmproduktionen, die von der Bundesfilmförderung eine finanzielle Unterstützung erhalten, eine Hörfilmfassung erstellen.Ich danke meinem Gastautor für diese Erklärung. Ich selbst finde es schön mit meinen sehenden Kindern oder blinden freunden einen Film ansehen zu können, ohne eine andere Person Fragen zu müssen, wenn mal was nicht gesprochen wird. Im Kino lasse ich die Tonspur meiner Smartphone App laufen, und kann mich nach dem Film mit anderen austauschen, wenn ich das möchte.Weitere Informationen zum Thema Hörfilm gibt es Link hier http://www.hoerfilm.de . Und wer wissen möchte welche Kinofilme eine Audiospur haben, der kann mal in der App Greta von Greta & Starks stöbern. Hier ist der Link zur Link Greta https://itunes.apple.com/de/app/greta/id793892423?mt=8 von Greta & Starks für das Iphone.Euch gefällt Dieser Beitrag, oder Ihr habt eine Ergänzung dazu? Dann sagt es mir in den Kommentaren, oder drückt auf „gefällt mir“. Und natürlich freue ich mich, wenn Ihr es weiter sagt. 

 

Die medizinische Tastuntersucherin, eine Berufliche Perspektive für blinde Frauen

Das Bild zeigt mich mit einem Skelett und einer Puppe, deren Brustregion durch 5 Streifen Unterteilt ist.

Vom Berufsbild der medizinischen Tastuntersucherin hatte ich schon gehört. Ich wusste auch, dass dieses Berufsbild blinden und stark sehbehinderten Frauen vorbehalten war. Mehr aber auch nicht.

Diese Bildungslücke schloss sich, als ich an einer Informations- und Eignungsveranstaltung teilnahm. Wir waren vier Frauen. Wir bekamen in drei Tagen ein bisschen Fachwissen vermittelt, medizinische Fachbegriffe erklärt und erste Techniken des systematischen Tastens vermittelt. Dieses Wissen wurde anschließend sowohl schriftlich als auch mündlich und praktisch geprüft. Ebenso wichtig waren Grundkenntnisse im Umgang mit dem PC und das Schreiben mit 10 Fingern, was ebenfalls geprüft wurde. Abschließend wurde uns im Einzelgespräch mitgeteilt inwieweit wir für dieses Berufsbild geeignet sind, und woran wir noch arbeiten sollten.

Nina Petrick von Discovering Hands stellte mir den folgenden Text zur Verfügung.

Weiterlesen „Die medizinische Tastuntersucherin, eine Berufliche Perspektive für blinde Frauen“

Non-24, wenn der Tag zur Nacht wird 

Auf dem Bild sieht man eine Bank im Freien, auf der ein Mann mit Langstock sitzt.

Darüber steht „Wenn der Tag zur Nacht wird“. Daneben ist zusätzlich eine Uhr abgebildet, deren Ziffern so erscheinen als seien sie aus dem Takt geraten.

Ich war irgendwann Mitte 20, als ich von einem blinden Lehrer hörte, der an einer Studie teilnahm, welche sich mit Schlafstörungen bei blinden Menschen befasste. Diese fand in den USA statt und ging über mehrere Monate. Damals fragte ich nicht genauer nach, da ich immer einen guten Schlaf hatte. Als Kind war ich Frühaufsteher, in der Pubertät schlief ich gern lang, und später konnte ich mein Schlafverhalten problemlos an die Tagesstruktur anpassen.

Das erste Mal, dass ich Schlafstörungen hatte, war während meiner Schwangerschaft. Auf einmal wachte ich wegen jedem Geräusch auf, ganz gleich ob es von einem Familienmitglied oder von einem meiner Katzen verursacht wurde. Trost fand ich damals bei meiner Gynäkologin, die mir erklärte, dass es vielen schwangeren Frauen so geht, und dass sich das irgendwann wieder legt. Es sollte allerdings noch viele Jahre dauern, bis ich nicht mehr bei dem leisesten Geräusch, welches durch eines meiner Kinder verursacht wurde, aufwachte.

Auf der Sicht City, der weltgrößten Hilfsmittelmesse für blinde und sehbehinderte Menschen, lernte ich Anne Simon kennen. Sie informierte an einem Stand über die Erkrankung Non-24. Diese Diagnose ist hier in Deutschland noch ziemlich unbekannt. Daher freue ich mich, dass Anne Simon mir den folgenden Text zur Verfügung gestellt hat.

Weiterlesen „Non-24, wenn der Tag zur Nacht wird „

Brandschutz für blinde Menschen

Ich war sechs oder sieben Jahre alt, als mein ein Jahr jüngerer Bruder und ich im Wohnzimmer mit Streichhölzern und Papier zündelten. Eine ziemlich große Keksdose war unsere Feuerstelle, in die wir immer größere Fetzen Zeitungspapier warfen. Ich kann heute nicht mehr sagen wie es zugegangen ist. Auf einmal stand unsere kleine Feuerstelle samt der daneben liegenden Zeitung komplett in Flammen. Und wir waren damit komplett überfordert und total erschrocken. Zum Glück waren unsere Eltern sofort zur Stelle und konnten das Feuer löschen. Übrig blieb nur ein Brandloch im Teppich nebst der Erkenntnis, dass Feuer sich schneller ausbreiten kann als ich mir bisher vorstellen konnte.

Karl Matthias Schäfer schreibt heute bei mir einen Gastbeitrag zum Thema Brandschutz für blinde Menschen. Das Beitragsfoto zeigt ihn im karierten Hemd. Mit einer Hand bedient er ein Smartphone.

Was ist das Wichtigste am Brandschutz?

Dass man ihn thematisiert und die Menschen aufklärt. Viele Menschen können sich die Gewalt von Feuer, seine Auswirkungen und Zerstörungskraft überhaupt nicht vorstellen. Sehende Menschen können das Ausmaß einer Feuerkatastrophe und die Gefahren von Rauch, am Bildschirm verfolgen, wie z.B. jetzt wieder bei der Feuerkatastrophe in London. Menschen, die von Geburt an blind sind und die Ereignisse am Bildschirm nicht optisch verfolgen können, können sich die tatsächlichen Ausmaße eines Brandereignisses, nicht vorstellen. Also ist, besonders für diesen Personenkreis, Aufklärung unbedingt nötig.

Weiterlesen „Brandschutz für blinde Menschen“

Hauptstadtdschungel: Ein Tag mit einem weißen Stock in Berlin

Denise Evers (Titelbild) ist blind und schreibt heute auf meinem Blog. Wir dürfen sie einen Tag lang auf ihren Wegen durch Berlin begleiten.

„Lieber Leser, liebe Leserin,

bevor du dich mit mir in den Großstadtdschungel stürzt, lass mich dir Eines sagen.

Bitte betrachte meinen Bericht mit der obligatorischen Portion Humor und verliere nicht deine Hilfsbereitschaft durch mein Nörgeln.

Es verhält sich hier, wie mit den Nachrichten. Nur die besonders kuriosen Fälle finden Gehör.

All die zahlreichen Menschen, die mir täglich auf freundliche, hilfsbereite und offenherzige Art und Weise begegnen, sind viel zu normal und unspektakulär, um hier Erwähnung zu finden. Ein trauriger Zug der Geschichte.

Frei nach dem großen Voltaire:

„Die Geschichte ist nur ein Gemälde von Verbrechern und Drangsalen.

Die Menge unschuldiger und friedlicher Menschen tritt auf diesem ungeheuren Schauplatz fast immer in den Hintergrund.

Die Hauptpersonen sind nur ehrgeizige Schurken.“

Und jetzt, lieber Leser, liebe Leserin, komm einen Tag mit mir nach Berlin.

Weiterlesen „Hauptstadtdschungel: Ein Tag mit einem weißen Stock in Berlin“