Blinde Eltern, sehende Kinder, Teil 6. Wenn die Kita Ferien hat.

Was tun, wenn die Kita Ferien hat?

Mein Sohn war vier und meine Tochter fast sechs Jahre alt, als sich für uns zum ersten Mal die Frage stellte: Was tun während der Ferien? Vor Allem während der Sommerferien hatte der Kindergarten drei lange Wochen zu.

Aktivitäten wie Schwimmbad traute ich mir damals noch nicht alleine zu. Meine Kinder konnten noch nicht schwimmen, und ich bin ohnehin nicht so wirklich eine Wasserratte. Und bei der Geräuschkulisse habe ich keine Chance zwei bewegungsfreudige Kinder im Getümmel wiederzufinden. Zuhause bleiben war aber auch keine Alternative. Das wollte und konnte ich uns nicht antun.

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Blind beim EMS-Training

Lydia auf dem Crosstrainer, neben ihr steht Christian.

Bild: Lydia auf dem Crosstrainer, neben ihr steht Christian.

Anfang 2017 besuchte ich Christian in seinem neu eröffneten EMS-Studio. Bis dahin wusste ich absolut nicht, was mich dort erwarten würde. Ich hatte nur die Information, dass ich nichts mitzubringen brauchte. Außer Sportschuhen oder Antirutschsocken. Den Rest würde es dort geben. Die Kommunikation fand per E-Mail statt, was mich positiv überrascht hat. Christian bot mir sogar an mich an der Straßenbahnhaltestelle abzuholen. Ich brauchte also keinen Weg suchen und konnte ganz entspannt hinfahren.
Heute schreibt Christian bei mir einen Gastbeitrag über EMS-Training und seine Erfahrungen mit mir beim Probetraining.
Vorab eine kurze Info, EMS steht für Elektro-Myo-Stimulation. Myo ist griechisch, heißt Muskel. Okay, dann hätte man es auch gleich Elektro-Muskel-Stimulation nennen können, aber das Andere klingt erst mal interessanter 😉

„Mein Name ist Christian Rüttger, ich betreibe seit Dezember 2016 ein EMS Studio von ’25 Minutes‘ in Sachsenhausen. Als ich den Artikel bei Facebook von Lydia gelesen habe, in dem sie ihre ‚Schwierigkeiten‘ mit einem konventionellen Fitnessstudio beschrieb, dachte ich ‚lass es uns doch mal versuchen‘. Dazu gilt zu erwähnen, dass wir uns theoretisch seit dem Kindergarten kennen…. theoretisch…. Mädchen waren damals doch eher uninteressant. 😉
Ich habe Lydia zum Probetraining eingeladen. Das ist bei uns generell kostenfrei. Dass ich sie an der Straßenbahn abgeholt habe, war so ziemlich die einzige Sonderbehandlung gegenüber anderen Kunden. Denn der Rest funktionierte, wie mit jedem anderen Kunden auch. Aufklärungsgespräch, Umziehen (man benötigt spezielle Unterwäsche dafür, die es bei uns kostenfrei gibt fürs Probetraining), dann wird die EMS Weste angezogen und alle Elektroden verkabelt (das Anbringen der Elektroden übernahmen wir, machen wir allerdings ohnehin bei jedem Kunden) und dann ab ans Gerät.
Am EMS Gerät hat dann Yves übernommen, Yves ist einer meiner Trainer. Der Kunde wird angeschlossen und wir drehen die Regler langsam so hoch, dass es zwar intensiv- aber nicht unangenehm wird. Sobald das geschehen ist, machen wir gymnastische Übungen. Okay, hier kommt noch eine ‚Ausnahme‘ dazu, normalerweise machen wir die Übungen nur vor und korrigieren die Kunden dann verbal, in dem Fall haben wir weniger vorgemacht und mehr erklärt. Etwas ungewohnt, aber auch nur kurz. Einen kleinen Lacher hatten wir dann, als Yves zu Lydia sagte ’so und jetzt stell dich mal hin, wie ein Skispringer beim Absprung‘ und Lydia dann erwiderte ‚aber ich weiß nicht, wie ein Skispringer steht‘. 🙂 Wie gesagt, es war auch für uns etwas Neues.

Lydia mit angeschlossenem EMS-Anzug, neben mir steht Yves und erklärt mir eine Übung.
Lydia mit angeschlossenem EMS-Anzug, neben mir steht Yves und erklärt mir eine Übung.

Das Bild zeigt mich mit angeschlossenem EMS-Anzug, neben mir steht Yves und erklärt mir eine Übung.

Das Probetraining dauerte nur 15 Minuten, wir wollen ja am Anfang nicht übertreiben. Das Besondere bei EMS ist, dass man in (normal) 20 Minuten den ganzen Körper trainiert, denn egal welche Übungen man macht (Beispiel Bizeps Curls, also den Arm anwinkeln und die Faust Richtung Schulter zieht, alles ohne Gewichte also sehr gelenkschonend), man trainiert immer alle 8 Hauptmuskelgruppen (Beine, Po, Bauch, Brust, Arme, 3 x Rücken) gleichzeitig. In nur 20 Minuten hat man also ein Ganzkörpertraining. Besonders geeignet ist das für Kunden mit Rückenschmerzen, da wir hier die Tiefenmuskulatur stärken, an die man mit konventionellen Fitnessgeräten nur schwer heran kommt. Aber auch Schwangerschaftsrückbildung, Abnehmen, allgemeine Fitness sind Gründe, warum man bei uns trainieren kann. Oder eben auch manchmal, wenn man woanders nicht ‚herein gelassen‘ wird.
Alle unsere Trainings finden mit Personal EMS Trainer statt, dabei ist es uns auch egal, ob jemand sehen kann oder nicht, Hauptsache er/sie hört zu und befolgt die Traineranweisungen.
Lydia war dann eine Woche später nochmal zum Cardio-EMS Training bei uns, hierbei wird man auch an ein EMS Gerät angeschlossen und läuft 20 Minuten auf dem Crosstrainer. Durch die Elektrostimulation ist das ungefähr so intensiv, wie 60-90 Minuten auf dem Laufband und so geschafft sind die Kunden meistens auch danach. Lydia hat die 20 Minuten äußerst tapfer durchgestanden und darf natürlich sehr gerne wieder kommen. Für alle nicht Binden unter Euch, versteht sich von selbst, dass ich Lydia beim zweiten Mal nicht mehr von der Haltestelle abholen musste. Diese Fähigkeit sich so etwas so dermaßen genau einzuprägen, ist etwas, das für Lydia völlig normal, für mich jedoch äußerst bewundernswert ist.
Leider ist der Weg mit den ‚Öffentlichen‘ von Lydia zu mir ins Studio (trotz der guten Anbindung) relativ lang: 40 Min einfach für 20 Min Training, aber natürlich freuen wir uns, wenn sie jetzt öfter zu uns kommt.
Eine Zusatzbelastung für unser Team (ich bin ehrlich, im Vorfeld war ich auch etwas unsicher, wie gut das Ganze funktioniert und ob es denn ein hoher, zusätzlicher Aufwand für das Team ist …. ) entsteht definitiv NICHT, und wenn wir unsere Sinne (in dem Fall den verbalen) schärfen können indem wir die Übungen deutlich und klar erklären, schadet uns das ja auch nicht. Im Gegenteil.
Pro Gleichbehandlung!
In diesem Sinne,
sportliche Grüße aus der Textorstraße.
Christian

Blind heißt nicht gleich Rollstuhl

Lydia am Flughafen. Im Hintergrund ist eine Anzeigetafel.

Bild: Lydia am Flughafen. Im Hintergrund ist eine Anzeigetafel.

Februar 2015, kurz vor Mitternacht. Gemeinsam mit einem sehenden Bekannten befinde ich mich auf dem Flughafen in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Wir haben an der Arab. Episkopal School für blinde Lehrer und Schüler ein Seminar zum Thema „Umgang mit dem Blindenstock möglich gemacht und befinden uns auf dem Heimweg.
Als wir die Sicherheitskontrollen passieren wollen, wird mein Handgepäck kontrolliert. Dabei sprechen die beiden Mitarbeiter die ganze Zeit mit meinem Begleiter. Dieser spricht deutsch und ein bisschen englisch, während ich auch arabisch spreche. Auch wenn es mir nicht schmeckt übergangen zu werden lasse ich es geschehen. Schließlich war es ein langer Tag. Und ich will einfach nur noch im Flieger sitzen und nach Hause. Und ein bisschen ist es ja auch amüsant den Beiden zuzuhören wie sie mit meinem Begleiter in einer Mischung aus Arabisch und Englisch sprechen, und er sich mit ebenso ein bisschen englisch zu verständigen versucht. Also alles im grünen Bereich.
Plötzlich hält ein Mitarbeiter meine Braillezeile hoch und fragt was das sei. Mein Begleiter versucht dem völlig unwissenden Mann die Funktion dieses Geräts zu erklären, scheitert aber kläglich an der Sprachbarriere. Böses ahnend greife ich zu, um mein Gerät festzuhalten. Dabei versuche ich mir auf Arabisch Gehör zu verschaffen, werde jedoch komplett ignoriert. Langsam bekomme ich Panik. Dem Mann ist das längliche Gerät im Metallgehäuse suspekt. Und ich habe Angst, dass man es mir wegnimmt. Nachdem mein Begleiter sich nicht verständlich mitteilen kann, und man mir keine Aufmerksamkeit schenkt, werde ich laut. Und zwar so, dass man mich auf jeden Fall hört. Ich fordere die beiden Mitarbeiter auf mit mir zu sprechen, oder einen Dolmetscher für meinen nur deutsch sprechenden Kollegen zu organisieren. Denn nur so sei eine Verständigung möglich. Ich spreche arabisch, mein Kollege nicht.
Erst wird es still. Ich kann förmlich hören wie bei den beiden der Groschen fällt. Und dann sagt einer in höflichstem Ton: „Entschuldigung, Madame.“ Okay, das hätten wir also geklärt. Auf seine Frage nach der Funktion der Braillezeile erkläre ich ihm, dass das ein Gerät sei, das mir die Schrift auf dem Computer in Brailleschrift ausgibt. Da ich meinen Laptop dabei habe, biete ich an das vorzuführen. Aber die beiden geben sich mit der Erklärung zufrieden. Sie fragen ob sie noch was für uns tun können. Und da wir in Paris umsteigen, bitte ich um eine Assistenz, die uns beim Umstieg helfen kann. Ich betone, dass wir keinen Rollstuhl, sondern lediglich eine ortskundige Begleitung brauchen, welche Deutsch, arabisch oder englisch spricht. Mein Kollege versteht zwar auch Französisch, ich aber nicht. Und dieses Beispiel eben hat mir gezeigt, dass ich verstehen möchte worüber gerade gesprochen wird.
Ich denke, dass die beiden mich anfangs nicht für voll genommen haben. Da mein Begleiter um einiges älter ist, und ich auch noch blind, dachten die wohl, dass er für mich blinde und hilflose Reisende die Verantwortung trägt. So erkläre ich mir die anfängliche Ignoranz. Erst recht in einer Gesellschaft, die Menschen mit Behinderung nicht als gleichwertig akzeptiert. Wäre ich mit einem meiner Kinder geflogen, hätte man sich erst mal mit diesem unterhalten. Denn meist wird einem sehenden Kind mehr zugetraut als einem blinden Erwachsenen. Als blinde Mutter stehen mir hier genau zwei Optionen zur Verfügung: entweder lebe ich damit und akzeptiere das anstandslos, oder habe gelernt mein Gegenüber ins Bild darüber zu setzen wer hier für wen die Verantwortung trägt.

Weiter auf dieser Reise. Als wir in Paris aus dem Flugzeug steigen, werden wir von zwei Mitarbeitern empfangen. Diese haben jeweils einen Rollstuhl dabei und fordern uns beide auf Platz zu nehmen. Wir beide wollen es nicht, und tun es auch nicht. Und zwar aus Prinzip. Wenn Ich einen Rollstuhl wünsche, dann meine ich das auch so. Und ebenso auch, wenn ich keinen brauche. Außerdem fühle ich mich so, als würde ich die Einstellung „Blind braucht immer einen Rollstuhl“ unterstützen. Und das fühlt sich für mich absolut falsch an. Abgesehen davon bin ich froh nach dem langen Sitzen im Flieger ein bisschen laufen zu können.
Wenn man als Blinder ohne Begleitung fliegt, ist der Rollstuhl ein großes Thema. Ich mache es so, dass ich im Reisebüro meines Vertrauens angebe, dass ich Assistenz benötige. Dabei geht es um den Weg zum Flieger und bei der Ankunft durch die Abfertigung. Und ganz gleich wie oft ich angebe, dass ich ihn nicht benötige, wird mir in 90 Prozent aller Fälle ein Rollstuhl angeboten oder direkt schon mitgebracht. Meist endet es damit, dass der Rollstuhl geschoben wird, während ich mit dem Mitarbeiter laufe. Ich habe aber auch schon erleben müssen, dass eine Mitarbeiterin am Frankfurter Flughafen 1995 mir den Rollstuhl regelrecht aufnötigte. Sie erklärte mir rundweg, dass sie mich nur im Rollstuhl transportieren würde oder gar nicht. Damals hatte ich noch nicht das Geschick mich zu wehren. Und aus Angst stehen gelassen zu werden habe ich mich eben in diesen Rollstuhl gesetzt. Heute würde ich es einfach darauf ankommen lassen. Denn es gibt kein Gesetz, welches vorschreibt, das Blinde ausschließlich im Rollstuhl zu transportieren sind.
Also, liebe Leserinnen und Leser, blinde sind blind. Das heißt, dass sie kaum oder gar nichts mehr sehen. Sie sind aber durchaus in der Lage zu laufen. Es sei denn, sie haben eine Gehbehinderung. Man kann also davon ausgehen, dass ein blinder mit einer Gehbehinderung seine eigenen Hilfsmittel wie Rollstuhl oder Gehhilfen dabei hat oder diese anfordern würde.
Als blinde Frau brauche ich eine Begleitung auf dem Flughafen, weil das Gelände weitläufig und unübersichtlich ist, und weil es mir einfach fremd ist. Ich brauche somit eine ortskundige Hilfe und nicht mehr. Gehen kann ich selbst. Da ich weiß, dass Mensch mit Behinderung gleich mit Rollstuhl assoziiert wird, gebe ich jedes Mal an, dass ich ausdrücklich keinen Rollstuhl wünsche. Bisher konnte mir allerdings niemand erklären wo im Informationsfluss diese Info verloren gegangen ist.

Diesen Beitrag möchte ich mit einer positiven Erfahrung beenden, die mich nachhaltig beeindruckt hat. Im Sommer 1998 flog ich über Rom nach Jordanien. Nach der Landung in Rom wurde ich direkt von einem Begleiter am Flieger abgeholt, in ein Auto gepackt und auf kürzestem Weg in den Wartebereich gefahren. Auf dem Weg vom Auto dorthin bot mir mein Begleiter sofort den Arm an und lief ganz normal mit mir. Im Wartebereich kam sofort eine deutsch sprechende Mitarbeiterin auf mich zu und erklärte mir, dass ich hier warten würde, und sie mich dann abholen würde. Zwischendurch kam jemand nachsehen ob alles in Ordnung sei. Als es Zeit wurde, holte eine Mitarbeiterin mich und zwei jugendliche Reisende mit einem Elektroauto ab und brachte uns zum Flieger. Dort übergab sie mich der Flugbegleiterin, die mich zu meinem Platz führte und mir im Schnelldurchlauf alles erklärte.

In meinen Beiträgen schreibe ich viel über die Themen, die das Zusammenleben blinder und normal sehender Menschen beschäftigen und prägen. Damit möchte ich ein besseres Miteinander erreichen. Denn als hoffnungsloser Optimist glaube ich an das Missverständnis, welches ausgeräumt werden möchte. Und je mehr meine Beiträge lesen, desto mehr fruchtet vielleicht meine Aufklärungsarbeit.

Wenn Euch meine Beiträge zusagen, freue ich mich über das eine oder andere Like, oder auch den ein oder anderen Follower. Denn das Schreiben macht mehr Spaß, wenn der Leserkreis immer größer wird.

Und jetzt noch etwas zur Blogreise. Welches Wort meine ich? Ich, du, er, sie, es, …., ihr sie.

Eltern mit Behinderung
Eltern mit Behinderung

Mehr Infos dazu findet ihr bei Wheelymum. den Beitrag der letzten Woche gab es bei Mamapremiere und kommende Woche ist Staublos an der Reihe.

Was heißt Schnee für blinde Menschen?

Das Bild zeigt mich mit Blindenstock und dunkler Brille auf einem Bürgersteig.

„Mama, es hat geschneit“. Mit diesem oder einem ähnlichen Satz bin ich schon so manches Mal morgens geweckt worden. Und während meine Kinder sich über die weiße Pracht freuen und überlegen wo sie ohne größeren Aufwand Schlitten fahren können, machen sich gemischte Gefühle in mir breit.

Warum ist das so? Ich habe einen Sehrest von ca. 2 %. Diese Zahl ist ein Richtwert, der zunächst einmal nichts weiter besagt, als dass ich dem Gesetz nach als blind gelte. Blindsein mit geringem Sehrest wirkt sich bei jedem unterschiedlich aus. Das ist abhängig von der Augenerkrankung.

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