Kategorien
Allgemein Alltag blinde Eltern

Wenn die Einkaufshilfe ausfällt

Heute ist Donnerstag, 8:45 Uhr, als mein Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung meldet sich die Dame, mit der ich mich in einer Viertelstunde treffen wollte. Geplant war, dass wir mit dem Auto zum Supermarkt fahren, und einen Familieneinkauf bewerkstelligen. Leider muss sie mir für heute absagen, da eines ihrer Kinder mit Magendarminfekt im Bett liegt. Da steckt man nicht drin.

Ok, jetzt habe ich ein Problem. In drei Tagen ist Weihnachten. In diesem Jahr bedeutet das, dass die Geschäfte drei Tage in Folge geschlossen sind. Dementsprechend wollte ich meinen Einkauf so gestalten, dass ich in den nächsten zwei Tagen nur noch Lebensmittel wie Obst und Gemüse einkaufen würde. Denn ich bin kein Freund hektischer Lastminuteeinkäufe. Dabei sind es nicht unbedingt die langen Schlangen an der Supermarktkasse, die mir zu schaffen machen, sondern die Hektik in den Gängen, gepaart mit der Atmosphäre und dem Suchen der benötigten Lebensmittel. Außerdem sind die Mitarbeiter an solchen Tagen so stark beschäftigt, dass es schwer wird Hilfe zu bekommen. Nein, das möchte ich mir in diesem Jahr nicht geben.

Also gut, jetzt muss ganz schnell Plan B her. Meine Kinder fallen als potentielle Einkaufsbegleiter aus, da sie heute und morgen vormittags in der Schule sind. Der Lieferservice ist auch keine wirkliche Option zur sehenden Begleitung. Eine Option wäre Aldi. Die haben ihre Wahren meist so angeordnet, dass sie an derselben Stelle sind. Früher hatten wir eine Buslinie, die von mir direkt hinfuhr. Diese gibt es inzwischen nicht mehr. Für mich heißt es jetzt, dass Aldi ca. 30 Minuten Fußweg bedeutet. Nein, dazu bin ich heute echt nicht zu motivieren. Außerdem konnte ich damals noch die Aufschriften auf den Verpackungen in der Tiefkühltruhe lesen, und damit meinen Einkauf selbst zusammensuchen. Inzwischen brauche ich hierfür sehende Hilfe. Und die steht mir heute Vormittag definitiv nicht zur Verfügung.

Ok, was gibt es noch für Möglichkeiten? In vielen Städten gibt es Nachbarschaftshilfen. Teilweise auch über Facebook. Hier habe ich auch schon die eine oder andere Hilfe bekommen können. Aber für einen Familieneinkauf mit einer völlig fremden Person finde ich das jetzt nicht geeignet.

Eine Tasse Kaffee später steht mein Plan B fest, der sich für mich besser anfühlt. Ich nehme mir meinen Shopper, und gehe zum nächst gelegenen Supermarkt. Das dauert zwar etwas länger, ist aber eine gute Zwischenlösung. Sachen, die ich nicht gefunden habe, oder die aus der Tiefkühltruhe, kann ich mit meiner Freundin morgen Vormittag einkaufen gehen, oder ihr eine Einkaufsliste schreiben. Das bespreche ich nachher mit ihr. Und was dann noch fehlt, dass können evtl. meine Kinder noch schnell einkaufen gehen. Das geht auch mal am Samstagvormittag. Fertig.

Am liebsten gehe ich ganz früh morgens einkaufen. Da ist es noch ruhig im Supermarkt. Und wenn ich mal was nicht alleine finde, höre ich wo die Mitarbeiter sind, und kann sie direkt danach fragen. Später geht das nicht mehr. Die Gänge sind voll von Menschen, die ihren Einkauf möglichst schnell hinter sich bringen wollen. Und es ist oft zu laut, um zu erkennen wer ein Mitarbeiter oder Marktbesucher ist.

In meinen Beiträgen „Blind einkaufen – Teil 1“ und „Blind einkaufen – Teil 2“ habe ich bereits darüber geschrieben, wie ich mich im Supermarkt zurecht finde, und mich orientiere. Jetzt bin ich auf Eure Kommentare zu diesem Thema gespannt.

Kategorien
Allgemein Alltag unterwegs

Heißt selbständig auch schnell sein?

Wenn ich meine Wohnung putze, benötige ich das Vielfache an Zeit. Denn ich gehe nicht nach dem Prinzip vor, dass ich schaue, wo es nötig ist, und wo nicht. Vielmehr fange ich links oben an zu putzen, und gehe dann systematisch vor. Das ist zwar zeitaufwändig, für mich jedoch machbar. Ich habe die Option meine Wohnung selbst zu putzen, oder mich dafür zu entscheiden diese Aufgabe an eine Assistenz abzugeben, die das für mich macht. Wichtig dabei ist, dass ich die Entscheidung selbst treffen kann. Das gilt nicht nur für das Putzen, sondern auch für viele andere Tätigkeiten, die nicht blinden Menschen möglicherweise schneller von der Hand gehen als mir. Ich habe ein Recht darauf, Dinge langsamer zu bewerkstelligen, oder mich für eine schnellere Lösung zu entscheiden. So wie jeder andere Mensch ohne Behinderung.

Und was für mich die richtige Lösung ist, muss noch lange nicht für alle blinden Menschen gelten. Daher schreibt meine Gastautorin Susanne Aatz’ heute über dieses Thema.

Muss, wer selbstständig sein will, auch schnell sein?

Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Das ist keine neue Erkenntnis. Und wir alle leiden in irgendeiner Form darunter. Wenn wir arbeiten, oder auch nur alltägliches tun, dann scheint es, als liefe eine imaginäre Stoppuhr mit. Wir alle haben gelernt bei allem was wir tun so etwas wie ein inneres Zeitlimit zu beachten. Wie lange darf es dauern, um von A nach B zu kommen? Wieviel Zeit darf ich brauchen, um eine Tätigkeit im Haushalt, zu verrichten. Wir alle haben Situationen erlebt, in welchen wir uns ärgern oder wundern, wie langsam jemand ist. Und wenn jemand bei etwas besonders flink ist, und das, was er tut trotzdem noch gründlich ist, dann wird die Person von uns besonders gelobt und bewundert.

Was heißt das eigentlich für mich als praktisch blinder Mensch? Auch ich bin mit dem Anspruch großgeworden bestimmte Dinge in einer bestimmten Zeit zu erledigen. Oft gebe ich Tätigkeiten an Assistentinnen ab, weil ich glaube dafür zu lange zu brauchen. Die Qualität des Ergebnisses steht für mich dabei in keinem Verhältnis zu der Zeit, die ich, zum Beispiel für die Reinigung meiner Wohnung, benötige. Ich habe mich in letzter Zeit, immer dann, wenn ich mich über den Stress, den der Anspruch der Schnelligkeit in unserer Zeit verursacht, ärgere, oder er mir wieder besonders auffällt, oft gefragt: Muss, wer selbstbestimmt und selbstständig sein will, auch schnell sein?

So ist mir neulich beim Umsteigen von der S-Bahn zur U-Bahn folgendes passiert: Mein Hund hat, so wie er es gelernt hat, mir die Treppe abwärts angezeigt. In der Regel bleibe ich da erst einmal stehen. Ich lobe meinen Hund dafür, dass er etwas richtig gemacht hat. Oft gibt es auch ein Leckerchen.

Dann orientiere ich mich mit einer Hand. Wo ist das Geländer? Meistens zeigt die Nase meines Hundes direkt zum Geländer hin. Mit dem Stock taste ich nach dem Anfang der Treppe. Da ich nicht sehen kann, wohin ich meine Füße setzen muss, ist das eine Lösung, die für mich am besten geeignet ist. All dies benötigt Zeit. Ich habe nie gestoppt, wie lange ich eigentlich dafür brauche. Ich habe Gleichgewichtsstörungen und muss daher vorsichtiger sein. Auch meinem Hund zuliebe habe ich mir vorgenommen, meine Wege mit Bedacht zu gehen. Ihm fällt seine Arbeit als Blindenführhund dann erheblich leichter.

Wenn ich das alles überprüft habe, mich sicher fühle, und sich niemand, was oft vorkommt, noch eben vorbei drängelt, Gehe ich, mit einer Hand am Geländer, in aller Ruhe die Treppe. Dass das so ist, hat auch mit meinem Gleichgewicht zu tun. Ich ermahne meinen Hund dann auch immer, langsam zu gehen. Und mittlerweile klappt das auch ganz gut.

Soweit so gut. Immer wieder erlebe ich es, dass mich freundliche Mitmenschen fragen, ob ich Hilfe brauche. Und es macht auf mich den Eindruck, als wäre die Zeit, die ich brauche, der Grund, warum man glaubt, ich käme nicht zurecht. Was ich nicht weiß ist, ob der Mensch gesehen hat, was ich tue. Hat er zum Beispiel gesehen, dass mein Hund gerade belohnt wird? Oft haben viele es eilig, obwohl die Bahn alle 3-10 Minuten fährt. Sie rennen von A nach B, als ob der Teufel hinter ihnen her wäre. Und nebenbei versuchen sie in ca. 20 Sekunden, die eine Begegnung oft nur dauert, zu beurteilen, ob da ein fast blinder Mensch, mit Blindenführhund und Stock, eventuell noch Hilfe braucht. Einerseits sehr nett, dass die Leute sich, obwohl sie eigentlich keine Zeit haben, doch die Zeit zum Fragen nehmen. Andererseits: warum ist Langsamkeit ein Indikator für Hilflosigkeit? Diesen Eindruck habe ich sehr oft. Nicht das Ergebnis spricht für sich, sondern es steht im Vordergrund, wie lange ich für den Weg von A nach B gebraucht habe. Es ist oft so, dass ich eine Bahn, zu der gerade alle hetzen, auch bewusst fahren lasse, um dann, etwas entspannter, in 3-10 Minuten die nächste Bahn zu nehmen.

Es wirkt auf mich, als wäre das sich bewusst Zeit nehmen Ausdruck von Hilflosigkeit und Unvermögen. Es ist was mich angeht, aber eine bewusste Entscheidung. Und sie dient vor allem der entspannten und verlässlichen Zusammenarbeit mit meinem Hund. Wenn ich entspannt bin, ist es mein Hund auch.

Immer häufiger erleben wir es, dass gestresste Menschen uns über den Haufen rennen, trotz Hund, trotz Stock. Und ich benutze meinen Langstock mittlerweile ganz oft als Abwehr für allzu Eilige. Dabei wird mein Hund oft gerempelt oder getreten. Und zwar durchaus so, dass er laut aufjault. Wenn wir Glück haben ist wenigstens noch Zeit für eine schnelle nach hinten gerufene Entschuldigung. Noch ein paar solche Erlebnisse und mein Hund braucht eine Nachschulung! Ich selbst frage mich dann: was geht in manchen Menschen vor? Einerseits haben Sie die Zeit meine vermeintliche Langsamkeit als Unselbstständigkeit und Hilflosigkeit zu bewerten, was offenbar Ihr Eingreifen nötig macht. Andererseits haben sie es so eilig, dass sie die eigentlich üblichen Regeln von Aufmerksamkeit, Höflichkeit und einem guten Miteinander komplett missachten. Dazwischen sind dann wir, für die es ohne hin ein höheres Maß an Aufmerksamkeit und Stress bedeutet einen täglichen Weg, zum Beispiel über den Hamburger Hauptbahnhof, zu bewältigen.

Und noch etwas ist mir in verschiedenen Situationen bei verschiedenen Blinden oder sehbehinderten Menschen aufgefallen: Auch bei mir kommt es vor, dass ich Tätigkeiten, die ich ganz selbstverständlich zu Hause alleine mache, im Beisein von Sehenden nicht mache. Ich habe mich lange gefragt, warum das so ist. Bis mir aufgefallen ist, dass, nach der inneren Uhr, die ich gelernt habe, die Zeit, die ich zu Hause für eine bestimmte Tätigkeit brauche, im Beisein von Sehenden weit überschritten wird. Oft spüre ich die Nervosität, die meine Umwelt ergreift, wenn ich für etwas länger brauche, als es offenbar opportun ist. Niemand könnte definieren, wie lange die Zeitspanne ist. Und sie wird wohl variieren. Auch in Situationen, in der kein Zug erreicht werden muss, in der kein Termin eingehalten werden muss, erlebe ich das. Wie oft wurde mir etwas ungefragt, auch gegen meinen Willen, abgenommen, mit der Aussage: „Ich kann das schneller und besser als du!“ ich habe meinen Vater einmal gefragt, wem ich, seiner Meinung nach, damit schade. Denn das Ansinnen wurde, wie leider in meiner Erziehung üblich, mit einem gerüttelt Maß an Aggressivität vorgetragen.

Das ist gottseidank in meinem Alltag so nicht mehr üblich. Aber es sind oft Vertreterinnen und Vertreter von bestimmten Berufsgruppen, zum Beispiel Erzieherinnen, Krankenschwestern, Lehrerinnen, hier bewusst die weibliche Form, denn es sind oft Frauen, die nicht zusehen können, wie ein blinder Mensch zum Beispiel seine Jacke anzieht, eine Gitarre in einen Gitarrenkoffer packt, Kaffee mit Milch und Zucker versieht, diesen umrührt. Oft sind das Menschen, die in ihrem eigenen Leben sehr viel Stress haben. Diesen scheinen sie auf uns zu übertragen. Dass wir so langsam sind, ist dann auch für Sie ein Beweis, dass wir es nicht können. Oder, dass wir eben nicht gut genug sind.

Gerade in Zeiten, in denen viele Menschen unter dem täglichen Stress, der Reizüberflutung und der allgemeinen Überforderung Leiden, sollte Zeit sein einen behinderten Menschen, egal welche Behinderung er oder sie hat, die Dinge, die er oder sie beherrscht, auch tun zu lassen. Und vielleicht würde es helfen, wenn sich viele einmal fragen würden, warum ist mir Schnelligkeit wichtig? Warum ist sie mir bei anderen wichtig? Ich selbst habe das getan. Und die Antwort ist banal wie kompliziert: Sie wurde mir wichtig gemacht. Ich wurde so erzogen. Und es ist Zeit diese Erziehung zu hinterfragen. Es wird Situationen geben, wo Geschwindigkeit wichtig ist. Wo Pünktlichkeit Stress verursacht. Aber müssen wir uns wirklich mehr Stress machen, als nötig? Die gut gemeinte Frage, ob wir Hilfe benötigen, käme besser bei uns an, würde sie mit weniger Anspruch und mit weniger Hektik formuliert.

Ich danke Susanne für diesen Beitrag. Weitere Beiträge von ihr sind „Für Selbstverständlichkeiten bewundert werden“ und „Tag der offenen Moschee„.

Und nun lade ich Euch ein in den Kommentaren über diesen Beitrag zu diskutieren.

Kategorien
Allgemein Alltag unterwegs

Wie kann man blinden Menschen helfen?

Es ist Samstagabend, als ich aus dem voll besetzten Nahverkehrszug aussteige, und über den Frankfurter Hauptbahnhof laufe. Hinter mir liegen acht Stunden Zugfahrt. Und heute wollte es das Schicksal, dass ich jede in Frage kommende Verspätung mitgenommen habe. Wenn alles gut geht, werde ich in einer knappen Stunde zuhause sein.

Da ich den Frankfurter Hauptbahnhof kenne, laufe ich nicht an den Leitlinien für blinde Fußgänger entlang, sondern suche mir den Weg, der für mich am Schnellsten geht. Es gibt mehrere Möglichkeiten nach Hause zu kommen. Ich werde langsamer, und wäge für mich ab wie ich am besten fahren will. Plötzlich packt jemand meinen rechten Am, und versucht mich mit sich zu ziehen. Nach der ersten Schrecksekunde befreie ich mich aus dem festen Griff und erkläre meinem Gegenüber, dass ich das nicht will. Die ältere Dame meint, dass sie mich doch nur auf den richtigen Weg führen möchte. Echt jetzt? Kann die Gedanken lesen? Woher will die wissen wohin ich will, wenn ich selbst noch bis eben überlegt habe, ob ich mit der S-Bahn oder der U-Bahn fahren will? Ich nehme mir die Zeit zu fragen, warum. „Da ist doch der Blindenweg“, sagt sie, „und da bringe ich Sie jetzt hin“. „Und wenn ich da jetzt nicht hin will“, frage ich sie. Die Antwort bleibt sie mir schuldig. „Ein junger Mann, der das Szenario beobachtet hat, fragt mich, ob ich zur S-Bahn möchte. Dann könne er mich mitnehmen. Das nehme ich gern an.

Die Frage „Wie kann man einem blinden Menschen helfen“ ist eine jener Fragen, die mir sehr oft begegnet ist. Die Fragestellerin, oder der Fragesteller geht ganz selbstverständlich davon aus, dass blinde Menschen grundsätzlich Hilfebedürftig sind. Wer fragt, sucht nach Antworten, die ihm dabei helfen möglichst keinen Fehler zu machen. Und an diese Menschen richtet sich meine Antwort.

Schauen wir uns die Darstellungen von blinden Menschen in den Medien an, so wird viel über den Superhelden geschrieben, der einen Berg bestiegen, oder irgendwo eine Einrichtung für betroffene gegründet hat. Oder es wird über blinde Menschen berichtet, die absolut hilflos ohne ihre sehende Begleitperson, Betreuer oder was auch immer ist. Über den blinden Vater, die blinde Berufstätige Frau, oder die blinde Studentin, die ihren Alltag ganz normal in freier Wildbahn lebt, wird selten berichtet. Kurz, zwischen dem blinden Superhelden und dem hilflosen, blinden, älteren Herrn, der ohne seine sehende Begleitung völlig aufgeschmissen ist, gibt es noch ganz viel Anderes.

Blind ist nur eine von vielen Eigenschaften. Und blinde Menschen haben dieselben Eigenschaften wie nicht blinde Menschen. Das gilt nicht nur für Aussehen und innere Werte, sondern auch für die Selbständigkeit. Es gibt sie in absolut unbeholfen bis zum Superheld. Würde ich alle blinden Menschen miteinander gleichsetzen, wo käme das ungefähr der Aussage gleich, dass alle Mütter perfekte Hausfrauen seien. Auch das entspricht nicht der Realität. Es gibt gut organisierte Mütter, und andere, die mehr oder weniger Hilfe brauchen.

Kommen wir auf die ursprüngliche Frage zurück, ob und wie man einem blinden Menschen helfen kann. Ich wünschte manchmal, ich könnte eine pauschale Gebrauchsanweisung liefern. Aber eben diese gibt es nicht. Was es aber gibt sind zwei Ratschläge, die ich gern jedem auf den Weg mitgeben möchte:
Fasst man einen blinden Menschen unangekündigt an, dann erschreckt man die Person. Wenn ich jemanden nicht sehen kann, dann kann ich auch nicht einordnen, ob das jetzt Freund oder Feind ist. Bei guten Reflexen der blinden Person könnte das für den Helfer oder der Helferin schmerzhafte Folgen haben.
Und wie hilft man am besten?

Wer es geschafft hat den blinden Menschen zu fragen, ob er Hilfe braucht, der kann auch ruhig die Frage nach dem Wie stellen. Davon haben alle etwas. Und wer weiß, vielleicht ergibt sich daraus auch ein nettes Gespräch.
Ein Paradebeispiel für sinnvolle Hilfe.
Ich laufe an einer stark befahrenen Straße entlang, als ich mit dem Stock wahrnehme, dass etwas anders ist. Das fühlt sich an wie Baustelle. Gut, jetzt stellt sich mir die Frage, wie ich am Besten an eben dieser Baustelle vorbeikomme. Eine Frau spricht mich an, und fragt ob sie mir helfen kann. Ich bitte sie mir an dieser Baustelle vorbei zu helfen. Sie erklärt mir, dass ein Fußweg unter dem Baugerüst vorbei führt, und zeigt mir den Eingang, den ich nicht sehen konnte. Sie fragt, ob mir das ausreicht. Nachdem ich das bejaht habe, verabschieden wir uns voneinander. Und genauso wünsche ich mir das. Die Frau hat mir Hilfe angeboten, und es mir überlassen diese anzunehmen oder eben auch nicht. Und sie hat sich nach dem wie erkundigt. Ich wünsche mir, dass noch mehr Menschen so reagieren, und uns Menschen mit Behinderung als das ansehen, was wir sind, nämlich als Experten in eigener Sache.

Ich beispielsweise brauche jemanden, der mir sagt, welche Buslinie gerade vor meiner Nase hält. Einsteigen möchte ich lieber alleine. Ich brauche also keine Hilfe beim Einsteigen. Und erst recht niemanden, der mich an meinem Blindenstock greift und in eine bestimmte Richtung lenkt. Das wäre genauso, wenn euch jemand die Augen verbinden und irgendwohin schieben würde. Denn der Stock ist mein Auge auf der Straße.

Und nun freue ich mich auf Eure Meinung zu diesem Thema in den Kommentaren.

Kategorien
Allgemein Alltag

Kuchen backen, wenn man blind ist

Nicht nur das Verzehren von süßem Gebäck bereitet mir Freude, sondern auch das Backen selbst. Ich liebe es einen Kuchen zu backen, wenn ich weiß, dass meine Familie und ich diesen am Nachmittag gemeinsam genießen werden. Oder wenn ich weiß, dass ich lieben Besuch erwarte, dem ich mit einem selbst gebackenen Kuchen eine Freude machen möchte.

Ich denke, dass ich mich mit vielen anderen Hobbybäckern in guter Gesellschaft befinde. Der einzige Unterschied ist, dass ich blind bin, und sich das Backen für mich etwas anders gestaltet. Und darüber schreibe ich heute.

Wo ist das Rezept?

Fangen wir mal mit der Rezeptfindung an. Ich kann keine Kochbücher in normal gedruckter Schrift lesen. Es sei denn, ich mache ein Foto davon, und jage dieses durch ein Programm zur Texterkennung. Das geht mit Hilfe meines PC oder auch mit meinem Smartphone. Aber dazu bin ich meist zu faul, wenn es auch anders geht. Es gibt Kochbücher in Brailleschrift. Allerdings ist die Auswahl recht spärlich. Ich habe auf meinem PC eine Sammlung meiner liebsten Rezepte. Und wenn ich was Bestimmtes Suche, dann hält das Internet das gesuchte Rezept für mich bereit. Eine gut bedienbare Seite ist beispielsweise Chefkoch. Alternativ tausche ich mich auch mal mit Freunden aus, wie viele andere Bäcker auch. Wichtig ist dabei, dass ich das Rezept in Wort oder Schrift habe. Eine Anleitung, die ausschließlich aus Bildern besteht, ist für mich wertlos.

Abmessen, abwiegen und dosieren

Irgendwann haben die meisten Köche und Bäcker so viel Erfahrung gesammelt, dass sie die meisten Zutaten ohne Waage zuverlässig dosieren können. Auch mir geht es so. Wenn ich bei einer Zutat doch mal abwiegen muss, dann habe ich eine Waage mit einer Sprachausgabe. Oder ich benutze auch mal Messlöffel zum Backen. Manche Rezepte leben von Mengenangaben wie Tassen oder Gläsern oder Angaben in Löffeln. Und mit ein bisschen Erfahrung weiß ich was dem Teig noch fehlt, wenn ich ihn leicht anfasse. Das verrät mir die Konsistenz.

Was ist wo drin?

Wenn man auf eine Tüte mit Mehl, Haferflocken oder Zucker drückt oder klopft, fühlt es sich unterschiedlich an. Ich meine nicht die Verpackung, sondern das Druckgefühl auf der Packung. Alternativ kann man diese leicht schütteln. Auch hier entstehen unterschiedliche Geräusche. Daran merke ich sofort was ich in der Hand habe. Dass ich diese Dinge in Dosen aufbewahre, mache ich deshalb, weil ich es schöner finde. Dinge die sich unterschiedlich anfühlen, erkenne ich sofort, Dinge, die sich gleich anfühlen, markiere, beschrifte ich, oder bewahre es in entsprechenden Behältnissen auf. Die meisten meiner Gewürze haben eine Beschriftung in Braille, da sich die Behälter ziemlich gleich anfühlen.

Wo sind meine Utensilien?

In meiner Küche weiß ich, wo meine Küchengeräte, Kochutensilien oder Lebensmittel stehen. Dementsprechend sitzt dann auch jeder Handgriff. Grundsätzlich ist es für mich wichtig, dass alles an seinem Platz ist. Hat jemand meinen Mixer auf die andere Seite der Küche platziert, erfasse ich das nicht wie eine sehende Person mit einem Blick, sondern muss erst mal solange durch meine Küche tasten, bis ich meinen Mixer gefunden habe. Dementsprechend länger dauert es.

Vor Jahren wollte mir eine Bekannte eine große Freude zum Geburtstag machen, und räumte meine Küche über Nacht um. Für mich bedeutete das eine Katastrophe, da ich mich nicht mehr alleine in meiner eigenen Küche zurecht fand. Es endete damit, dass ich mit einer anderen Freundin den ohnehin fälligen Frühjahrsputz in der Wohnung einläutete. Veränderungen finden entweder gemeinsam mit mir oder gar nicht statt. Alles andere bedeutet Stress und Auseinandersetzung mit unnötigen Zeitkillern.

Haushaltsgeräte.

Ich benutze genauso Mixer, Küchenmaschine usw. wie andere auch. Für mich ist wichtig, dass meine Geräte nicht auf bloße Berührung reagieren, sondern wirklich eingeschaltet, gedrückt oder gedreht werden müssen. Mein Handmixer rastet bei jeder Geschwindigkeitsstufe ein, meine Küchenmaschine lässt sich drehen, und damit für mich einstellen. Auch mein Herd und mein Backofen rasten bei jeder Stufe ein. Außerdem gibt es eine klar fühlbare Markierung auf der Stufe 0. Das ist wichtig, damit ich den Herd sofort und gezielt ausschalten kann. Ich arbeite mit einem Zeranfeld. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mir gemerkt habe wie mein Topf oder meine Pfanne draufstehen muss, um exakt über der Kochplatte positioniert zu sein. Auch meine Mikrowelle funktioniert mit zwei Drehbaren Reglern. Einer für die Zeit, der andere für die Intensität.

Immer mehr Geräte kommen auf den Markt, die auf bloße Berührung hin eine Funktion ausführen, oder ein optisches Menü haben, um eine Funktion auszuwählen und auszuführen. Das ist für blinde Nutzer einfach nicht ohne fremde Hilfe machbar. Und für jeden, der gern allein in der Küche arbeitet, eine absolutes Nogo.

Es gibt immer mehr Haushaltsgeräte, die man mit dem Smartphone bedienen kann. Ich selbst habe damit noch keine Erfahrungen sammeln können, beobachte diese Entwicklung jedoch mit großem Interesse. Vielleicht ist das eine Perspektive für blinde Nutzer, die mit einem Smartphone umgehen können.

Die heißen Angelegenheiten.

Nein, ich verbrenne mir die Finger nicht öfter als ein normal sehender Koch. Ich sehe zwar nicht, kann aber die Hitze rechtzeitig fühlen. Und so habe ich meine Techniken entwickelt, mit deren Hilfe ich heiße Dinge anfassen, aus dem Backofen holen oder bearbeiten kann. Gute Topflappen, Handschuhe aus Silikon oder andere Küchenhelfer tun ihr Übriges zu meiner Unversehrtheit.

Die Angaben über die Backzeit sind lediglich Richtwerte. Wenn ich feststellen möchte, ob mein Teig bereits fertig gebacken ist, stecke ich eine Gabel in den Teig. Klebt nichts dran, dann ist es gut. Wenn nicht, braucht der Kuchen noch etwas Zeit.

Und zum guten Schluss.

Ich fasse meine Arbeit öfter an als jeder, der sieht. Dafür wasche ich mir nach jedem Kontakt mit dem Teig die Hände. Denn wenn es klebt, fühle ich nicht mehr so gut. Das ist vergleichbar mit einer Brille, die beschlagen und daher Trüb wird. Der Blick wird wieder klar, sobald man sie wieder geputzt hat.

In meiner eigenen Küche komme ich bestens zurecht. Bin ich in einer anderen Umgebung, dann habe ich zwei Optionen, entweder lasse ich mir helfen, oder erarbeite mir die neue Umgebung Schritt für Schritt. Ein Beispiel dafür ist eine Ferienwohnung, in der ich mich voraussichtlich einige Tage aufhalten werde. Da bedeutet es für mich Lebensqualität, wenn ich mir selbst etwas aus dem Kühlschrank holen, eine Kleinigkeit zu essen machen oder aufräumen kann.

Kategorien
Allgemein Alltag

Behinderung und Perfektionismus

Von je her habe ich einen leichten Hang zum Perfektionismus. Vor allem dann, wenn ich mich von normal sehenden Leuten beobachtet fühle. Es gibt Menschen, in deren Gegenwart ich nicht mehr in der Lage bin ein Glas Wasser unfallfrei einzuschenken, weil ich mich beobachtet fühle.

Lange Zeit habe ich geglaubt, dass es mir alleine so geht, und den Fehler allein bei mir gesucht. Ich habe lange gesucht, bis ich langsam dahinter gestiegen bin, womit dieses Problem zusammenhängt.

Ich bin in einem behüteten Haushalt aufgewachsen. Meine Mutter kümmerte sich um so ziemlich alles. Und insbesondere um mich, ihr blindes Kind, das es besonders zu umsorgen gilt. Ich glaube, meine Eltern machten sich keine Gedanken darüber, dass ich irgendwann alleine in der Lage sein musste mich zu versorgen oder so. Sie handelten einfach so, wie sie es für richtig hielten. Erst recht, da es in ihrem Umfeld niemanden gab, der ihnen erklärte, dass blinde Kinder sehr wohl in der Lage sind wie andere Kinder auch im Haushalt mitzuhelfen, sich ein Brot zu schmieren oder was sonst so anstand.

Mit neun Jahren wechselte ich auf eine Blindenschule mit Internat. Damit änderten sich viele Dinge in meinem Alltag. Hier gehörte es zum Alltag, dass wir unser Brötchen aufschneiden und streichen mussten. In jeder Woche waren zwei Schüler mit Küchendienst dran. Das bedeutete, dass wir morgens vor Schulbeginn das Geschirr vom Frühstück abwaschen, abtrocknen und wieder an seinen Platz stellen mussten. Bei den Mahlzeiten standen die Schüsseln mit den Beilagen auf dem Tisch, so dass sich jeder davon nehmen konnte. Gleiches galt auch für Getränke wie Tee oder Kakao, den wir uns selbst einschenkten. Ebenso achteten unsere Erzieherinnen darauf, dass wir alle das Besteck richtig hielten.

Meine Mitschüler kannten das alles schon, und waren nicht gerade zimperlich mit mir, die ich das alles noch nicht konnte. Das war für mich anfangs ziemlich schrecklich. Mein Glück war, dass ich ehrgeizig genug war, mir das Versäumte anzueignen, und unsere Erzieherinnen mir alles solange zeigten, bis ich die entsprechenden Handgriffe beherrschte. Einen Satz wie „Ich mach das mal eben für Dich“, bekam ich in dieser Zeit nie von ihnen zu hören.

Im Alter von 13 Jahren wechselte ich auf das Gymnasium nach Marburg. Zum dortigen Schulkonzept gehörte nicht nur der Schulstoff, der allen Schülern standardmäßig vermittelt wird, sondern auch einige zusätzliche Dinge, die uns blinden und sehbehinderten Schülern ein selbständiges Leben ermöglichen sollten. Damals war es so, dass wir mit 10 Schülern und vier Betreuern auf dem Schulgelände untergebracht waren. In dieser Zeit standen Mobilitätstraining und Lebenspraktischefertigkeiten wie Essen, Kochen usw. auf dem Stundenplan. Das passierte im Einzelunterricht, da jeder einen anderen Bedarf hat.

Nach zwei Jahren wechselte ich in eine Wohngruppe, die in der Stadt war, so dass mein Schulweg mit Stadtbus und Fußweg etwa 25 Minuten betrug. Wir bekamen eine Haushaltskasse und sorgten selbst für Frühstück, Abendbrot und Wochenenden. Wir waren sieben oder acht Schüler mit drei Betreuern, von denen eine ihre Wohnung über unserer WG hatte.

Mit 18 Jahren wechselte ich in eine Gruppe mit insgesamt vier Schülern. Wir hatten nur noch eine Betreuerin, die wir in der Regel zweimal wöchentlich sahen. Einmal zur Gruppenbesprechung, und einmal im Einzelgespräch für spezielle Belange. Zusätzlich hatten wir eine Putzhilfe, die sich um die gemeinschaftlich genutzten Bereich wie Küche, Bad und Flur kümmerte. Unsere eigenen Räume mussten wir selbst sauber halten. Wer damit nicht zurechtkam, konnte bei unserer Betreuerin Hilfe zur Selbsthilfe einfordern.

Diese Entwicklung zur Selbständigkeit fand leider ohne meine Eltern statt. D.h. für sie blieb ich nach wie vor das hilfsbedürftige Kind, welches intelligent genug war, um das Abitur zu bestehen, jedoch Hilfe bei der Erledigung einfachster Handreichungen brauchte. Manchmal rebellierte ich dagegen. Dann sollte ich mein Glas eben selbst einschenken. Aber ich wurde beobachtet, und mein Tun kommentiert. Und wenn dann doch mal ein paar Tropfen daneben gingen, was übrigens in den besten Familien vorkommt, dann war meine Sehbehinderung daran schuld.

„Ich mach das schnell, denn ich sehe ja“, ist ein Satz, der mich seither begleitet. Lange Zeit dachte ich, ich könnte das beeinflussen, indem ich besonders gute Leistungen ablieferte. Jahrelang glaubte ich, ich muss 200prozentige Leistung erbringen, um wenigstens 50prozentige Anerkennung zu erfahren. Es hat viele Jahre, viel Arbeit an mir selbst und gute Freunde gebraucht, um zu begreifen, dass das der falsche Weg war. Ich habe damit nur mich selbst unter Druck gesetzt. Und damit ist auf Dauer keinem geholfen.
Liebe normal Sehende, die Ihr diesen Satz gern verwendet,
habt Ihr Euch mal Gedanken darüber gemacht, wie er bei Eurem Gegenüber ankommt? Ich will einfach glauben, dass Ihr nicht die Absicht hattet Euer Gegenüber klein zu machen. Vielleicht nutzt Ihr künftig mal einen anderen Satz wie: „Darf ich Dir Zucker in den Kaffee tun“? Oder „Wäschst Du ab oder ich“, so wie Ihr das bei einer Person ohne Behinderung machen würdet. Und Bitte, wenn mal was daneben geht, oder tropft, so ist das kein Drama. Spart Euch also Kommentare wie: „Hätte ich das gemacht, wäre das nicht passiert“.

Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Wenn mir jemand Hilfe anbietet, dann nehme ich sie gern an. Ich muss in keiner fremden Umgebung die Zuckerdose selbst suchen, wenn meine sehende Freundin mir anbietet das für mich zu machen. Und wenn ich bei Menschen bin, die seit Jahrzehnten nicht verstehen wollen, dass ich nicht mehr das absolut hilfebedürftige blinde Mädchen bin, bitte, dann lasse ich mich auch mal bedienen. Das schont meine Nerven und spart meine Energie, die ich darauf verwenden kann andere Dinge zu tun.

So wie mir geht es vielen Menschen mit Behinderung, deren Umwelt sie auf die Dinge reduziert, die sie ihrer Meinung nach nicht können. Und jeder versucht seinen eigenen Umgang damit zu finden. Je nach Wesen des Betroffenen. Dabei brauchen wir Menschen mit Behinderung weder Mitleid, noch permanentes Bemuttern. Was wir brauchen sind Menschen, die uns helfen uns selbst zu helfen. Und wir brauchen Menschen, die nicht nur die Behinderung als unsere Haupteigenschaft sehen, sondern auch unsere anderen Eigenschaften. Ich beispielsweise bin nicht nur blind, sondern schwarzhaarig, habe braune Augen, bin eine Leseratte, Strickerin und Bloggerin.