Nähkurs, Kunst und Shopping – Mode jenseits des Sehens

Mode hatte immer irgendwas mit Kleidung zu tun. Soweit, so gut. Und lange Zeit war dieses Gebiet für mich absolut verschlossen.

Zur Erklärung. Ich verfüge über einen Sehrest von ca. 2 %. Ich bin somit dem Gesetz nach blind.

Meine Augenerkrankung bringt es mit sich, dass ich keine Farben als solche wahrnehmen kann, sondern lediglich Grautöne. Für mich ist also eine Sache hell, heller als etwas anderes, oder einfach nur dunkel. Ich kann sehen, wenn ein Kleidungsstück gestreift, gemustert oder einfarbig ist. Und je nach Kontrast erkenne ich auch noch das grobe Muster.

Alles was irgendwie mit Farben zu tun hat, kann ich somit nicht wahrnehmen. Farben sind für mich optische Ereignisse, die ich nicht wahrnehme. Da diese aber im Laufe eines Lebens unter normal sehenden Menschen immer mehr an Wichtigkeit zunehmen, je älter man wird, habe ich versucht Farben wie Vokabeln zu erlernen. Ich habe gelernt, dass meine Haare schwarz sind, dass meine Hautfarbe etwas braun ist, und dass ich den Kaffee gern Haselnuss braun trinke, wenn mich jemand nach der Menge Milch in der Tasse fragt. Es gehörte für mich somit zu einer Art Allgemeinbildung.

Fasse ich einen Stoff an, so ist für mich vor allem wichtig, wie dieser sich anfühlt. Ich mag weiche Stoffe. Und ich mag bestimmte Schnitte. Ein Kleidungsstück muss sich für mich einfach beim Tragen gut anfühlen, damit ich es behalten möchte. Die Farbe ist wichtig, wenn ich mich damit in freier Wildbahn bewegen möchte. Und hier kommt die optische Kontrolle, die mir Auskunft darüber gibt, ob das Kleidungsstück an mir gut aussieht.

Kleiderkauf ist stets Geschmacksache. Dementsprechend ist auch die Beratung. Ich habe inzwischen gelernt, dass ich in Geschäfte gehe, wo man mich schon mal gut beraten hat, oder ich nehme mir eine Person meines Vertrauens mit. Denn es ist mir wichtig, dass mein Kleidungsstil nicht negativ auffällt. Und da ich nun mal die Optik, die unter sehenden Menschen eine entscheidende Rolle spielt, nicht kontrollieren kann, lasse ich mir da gern helfen. Einkauf von Kleidung ist somit ein steter Kompromiss. Zum einen muss es optisch zu mir passen, zum zweiten muss ich mich aber auch darin wohl fühlen.
Ein Mythos besagt, dass Menschen mit einer Sehbehinderung stets die Ladenhüter verkauft bekommen, weil sie es nicht sehen. Und in Einzelfällen mag das auch so sein. Schwarze Schafe gibt es schließlich überall. Dazu kommt, dass es auch blinde Menschen gibt, die wie manche Sehende auch, nicht auf ihr Äußeres achten, und sich auch nicht durch Freunde oder andere Personen beraten lassen möchten. Und wieder andere sind stets stylisch gekleidet. Und irgendwo dazwischen bewege ich mich.
In der Zeit vom 11.10.2017  bis 12.10.2017 nahm ich am Projekt BEYOND SEEING INNOVATIVES MODEDESIGN MIT ALLEN SINNEN teil.
Hierbei handelt es sich um ein

RECHERCHE- UND AUSSTELLUNGSPROJEKT DES GOETHE-INSTITUTS PARIS

IN Zusammenarbeit mit:

ESMOD, BERLIN

IFM – INSTITUT FRANCAIS DE LA MODE, PARIS

LA CAMBRE, BRÜSSEL

SWEDISH SCHOOL OF TEXTILES, BORÅS

HOCHSCHULE WISMAR, WISMAR

SOWIE DEN BLINDEN- UND SEHBEHINDERTENVERBÄNDEN ALLER an diesem Projekt BETEILIGTEN Länder.

Bereits Im Oktober 2016 initiierte das Goethe-Institut Paris in Zusammenarbeit mit vier renommierten Modehochschulen aus Deutschland, Frankreich, Schweden und Belgien das Recherche- und  Ausstellungsprojekt Projekt BEYOND SEEING. Im Rahmen von internationalen Recherche-Workshops, einer Ausstellung und einem diskursiven Begleitprogramm zielt das Projekt darauf ab, Mode in einem Zusammenspiel von Sinneswahrnehmungen über den visuellen Reiz hinaus wahrnehmbar zu machen. Bislang nicht miteinander in Berührung gekommene Zielgruppen – Designstudierende, blinde und sehbehinderte Teilnehmer sowie Experten verschiedenster künstlerischer  Disziplinen – werden erstmalig zusammengebracht, um gemeinsam innovative Designkonzepte zu entwickeln.

Mehr über das Projekt beim Goethe Institut gibt es hier.

Für unsere Veranstaltung suchte man unter anderen zwei Blogger aus Deutschland mit und ohne Sehbehinderung. Außerdem wurden zwei weitere Blogger aus Frankreich und Belgien eingeladen. Wir sollten an einem entsprechenden Programm teilnehmen und über unsere Erfahrungen aus unserer jeweiligen Perspektive schreiben.

Auf dem Programm standen ein Nähworkshop, eine gemeinsame Diskussionsrunde, ein Besuch in der Berlinischen Galerie und eine gemeinsame Shoppingtour.

Da meine Anreise recht lang war, reiste ich bereits am 10.10.2017 nach Berlin. Begleitet wurde ich von meiner Tochter, die gerade Herbstferien hatte. Wir Bloggerinnen wurden in der Regenbogenfabrik untergebracht. Somit musste ich mich nicht mehr um eine Zimmerreservierung kümmern.
Treffpunkt war um 12:30 Uhr an der Rezeption der Regenbogenfabrik.
Dabei waren: Typhaine Augusto, sehende Bloggerin aus Frankreich, Pauline Debouck, sehbehinderte Bloggerin aus Belgien, Sonja Köllinger, sehende Bloggerin aus Deutschland, Katharina Scriba und Timo Unger vom Goetheinstitut in Paris und Reiner Delgado vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband.

Nachdem wir uns miteinander bekannt gemacht hatten, ging es auch schon zu unserem ersten Programmpunkt.

In einem Atelier trafen wir Reiner Delgado vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband, einen der Organisatoren des Nähkurses, und einige blinde und sehbehinderte Teilnehmer des Nähworkshops. Die Professoren von ESMOD Torbjörn Uldam und Jasmina Benferat und ihre Helfer Maxi und Verena standen uns mit Rat und Hilfe zur Seite.
Reiner erklärte uns die Aufgabenstellung, die da lautete aus drei Quadraten eine Stofftasche zu fertigen. Ein entsprechendes Muster wurde rumgegeben. Außerdem gab es eine Kurzanleitung in gedruckter Schrift und Braille, so dass jeder Teilnehmer die für ihn geeignete Form auswählen konnte.

Wir Bloggerinnen sollten uns zu zweit zusammentun, nämlich eine sehende und eine blinde Bloggerin.
Sonja und ich saßen zusammen, und waren in der ersten Stunde ausschließlich damit beschäftigt die drei Quadrate aus dem Stoff zu schneiden. Sonja maß aus und zeichnete die ersten Schnittlinien an. Dann fixierten wir diese mit einem waagerechten Ding so, dass man mit der Schere am Stoff entlang schneiden konnte. Da das bei uns nicht wirklich funktionieren wollte, Fixierte Sonja den Stoff, während ich mit der Schere an der Kante entlang schnitt. Später lernte ich den Cutter kennen.

Lydia mit Cutter in der Hand
Lydia mit Cutter in der Hand
Er funktioniert wie ein Pizzaschneider. Eine Schneidematte zum Schutz des Tisches drunter gelegt, und schon konnte es losgehen. Das Gerät ist scharf und schneidet präzise. Und es geht schneller als das Schneiden mit der Schere.

Nun ging es darum von zwei der drei Quadrate zwei Kanten zu knicken und mit Stecknadeln zu befestigen. Diese sollten später umgenäht werden. damit die Kannte auch den Kräften einer Nähmaschine stand hielt, wurden die Kannten mit einem Bügeleisen gebügelt. Damit entstand eine präzise Kante, die man sehr gut erfühlen konnte.
Jetzt ging es an die Nähmaschine. Für mich war es das erste Mal, dass ich ein solches Gerät von Nahem fühlte.

Lydia mit Helferin an der Nähmaschine
Lydia mit Helferin an der Nähmaschine
Dementsprechend groß war mein Respekt davor. Meine Helferin wies mich in die Bedienung der Nähmaschine ein. Sie zeigte mir wo der Stoff liegen musste, welche Schalter ich betätigen musste, um Stoff und Nadel zu bewegen, und wie man den Stoff richtig hält. Es funktionierte erstaunlich gut, so dass ich mir gut vorstellen könnte das in Ruhe noch mal auszuprobieren. Wenn sich das ergibt, werde ich auf meinem Blog darüber berichten.

Nach dem Nähworkshop gingen alle Teilnehmer gemeinsam in ein nahegelegenes Restaurant, wo wir außer gutem Essen ausreichend Gelegenheit hatten über das Projekt und unsere Erfahrungen zu sprechen. Mein Problem war mein nur mäßiges Englisch. Ich verstehe das Meiste irgendwie, tue mich aber schwer damit Dinge auf Englisch zu formulieren. Aber da musste ich durch. Und unsere Organisatoren halfen hier auch mal als Übersetzer aus.

Nach einem Frühstück im Hostel ging es am nächsten Morgen in Richtung Berlinische Galerie. Reiner führte uns durch die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem DBSV für blinde und sehbehinderte Besucher etwas verändert wurde. Z. B. befanden sich Leitstreifen am Boden, die mit dem Blindenstock oder den Füßen ertastet werden können. Außerdem hatte man einigen Gemälden tastbare Reliefs beigefügt, die Reiner uns erklärte.

berlinische galerie lydia vor bild von eugen spiro und tastbild
berlinische galerie lydia vor bild von eugen spiro und tastbild
Unsere sehenden Teilnehmer konnten sich eine Augenbinde aufsetzen, und sowohl Leitstreifen, als auch Bilder ertasten. Mit Hilfe einer App, die sich noch im Betatest befindet, soll es möglich sein sich blind allein durch die Ausstellung zu bewegen, und die Informationen, die sonst nur sichtbar sind, akustisch abzurufen.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen stand Shopping an. Wir besuchten einen Second Hand Shop.

Blick in den Second Hand Shop sichtbar sind viele Klamotten
Blick in den Second Hand Shop sichtbar sind viele Klamotten
Zuerst sollte sich jeder ca. 10 Minuten alleine im Geschäft bewegen, und sich einen Überblick verschaffen. Anschließend sollten eine sehende und eine blinde Bloggerin gemeinsam auf Schnäppchensuche gehen.
In mir unbekannten Geschäften fehlt mir die Orientierung, um mir einen Überblick zu verschaffen. Die einzige Option mich alleine zu orientieren ist systematisch durch die Reihen der Kleiderständer und Regale zu gehen. das erklärte ich Katharina, die  mit mir durch das Geschäft ging, und mir die grobe Struktur erklärte. Anschließend taten wir uns zu zweit zusammen. Sonja und ich zogen gemeinsam los. Wir hatten ein kleines Budget für den Kleiderkauf bekommen.
Shoppen ist für mich meist eine Notwendigkeit. Ich kann nur selten Genuss dabei empfinden. Daher hatte ich auch keine Erwartungshaltung. Sonja und ich waren noch nie miteinander shoppen, und wir kannten uns gerade mal einen Tag lang.
Für mich fanden wir einen Rock und ein Oberteil, welches sich für mich schön anfühlte, und von Sonja als zu mir passend beurteilt wurde.

Timo brachte uns Bloggerinnen zu unserer Unterkunft zurück, wo es dann endgültig Abschied nehmen hieß. Ich denke, dass das ein guter Erfahrungsaustausch war, und freue mich schon jetzt auf die Fortsetzung in Paris.

Katze mit Migrationshintergrund

Zum ersten Mal hörte ich von Mignonne, als eine Freundin den folgenden Status über Facebook postete: „Ich wende mich heute mit einer dringenden Bitte an euch! Es geht um Mignonne, eine Straßenkatze aus Kreta.“
Sie gehört zu 30 Tieren, die meine Freundin Cornelia auf Kreta in Sitia an einem Sammelplatz füttert. Sie wurde von einem Auto angefahren, doppelter Beckenbruch. Er wurde von der Tierärztin behandelt, sie kann wieder laufen, aber sie muss noch springen lernen. Voraussichtlich wird das noch was, aber auf die Straße kann sie nicht mehr, denn ganz wie vorher wird es wohl nicht mehr.
Sie lebt im Moment bei Franzosen in Sitia, Ostkreta, die müssen aber für 1 Monat weg. Meine Freundin kann diese Katze nicht nach Hause nehmen, da dort ein dominanter Kater herrscht. Raus kann sie so auch nicht wegen ihrer eingeschränkten Sprungkraft und einfach nur einmal am Tag füttern bei den Franzosen ist für eine Katze doof. Meine Freundin hat so viele Baustellen im Tierschutz, sie ist fast 70 und kann für diese Katze keine Fürsorge mehr tragen.
Mignonne ist super Menschen bezogen, zahm, trotz Straßenkatze blieb sie einmal ganz ruhig, als sie ausversehen eingeschlossen war in einem Haus und ist auch jetzt in ihrer Indoor-Phase friedlich. Ein Haus mit eingezäuntem Garten, wo sie im geschützten Raum raus kann, aber auch notfalls als Wohnungskatze wäre Mignonne die allerliebste Begleiterin.
Wenn Mignonne kein neues zu Hause bekommt, müsste sie eingeschläfert werden. Denn man kann ein Tier nicht so in Freiheit lassen. Es würde sich nicht verteidigen oder gut flüchten können vor wilden Hunden und möglicherweise dann elendiglich verenden. Auf Dauer bei den Franzosen, die sich freiwillig an der Tierarztkostenrechnung beteiligt haben, kann sie auch nicht bleiben, da die öfters für länger in Frankreich sind.
Also, wer hat ein Herz für Mignonne? Sie würde auf Kosten des Tierschutzes nach Deutschland gebracht werden. Der neue Besitzer müsste sie nur aufnehmen. Im Anhang die Bilder und ein Video von Mignonne.
Wir hatten schon zwei Kater, die sich gut miteinander vertrugen. Und Platz war auch reichlich vorhanden. Spontan wie ich manchmal bin, rief ich meine Freundin an, um einige Fragen zu klären, bevor ich mit meiner Familie darüber sprach. Mignonne war noch nicht vermittelt worden, und es würde keine nennenswerten Folgekosten für die tierärztliche Behandlung geben.
Gespräche, Telefonate, und Absprachen. Am Ende stand fest, dass Mignonne Mitte August zu uns kommen würde. Wir wollten einfach ausprobieren wie sich unsere beiden Kater damit arrangieren würden. Wir vereinbarten, dass Mignonne Mitte August zu uns kommen würde, da wir vorher im Urlaub waren.
Am 15.08.2017 war es dann soweit. Unser Nachbar fuhr mich abends mit dem Auto zum Flughafen, da wir Mignonne eine Fahrt mit dem Bus nicht zumuten wollten. Hier fand die Übergabe durch einen Freund von Cornelia statt. Das Ganze geschah recht unspektakulär in einer kleinen Tragetasche.
Zu Hause angekommen, ließen wir die Tasche offenstehen und warteten erst mal ab. Mignonne kam tatsächlich raus, und erkundete erst mal den Flur, in welchem wir standen. Sie war zutraulich und ließ sich sogar streicheln. Dann ließen wir sie erst mal in Ruhe ankommen.
Während der nächsten Wochen verkroch Mignonne sich unter der Kellertreppe, und kam nur raus, wenn sie das Katzenklo aufsuchte, oder fraß. Wir hatten ihr ein Handtuch untergelegt, damit sie es weicher hatte.

Das Bild zeigt Mignonne unter der Kellertreppe. Sie wirkt ängstlich. Daneben stehen ein Katzennapf und einige andere Dinge, die sonst ihren Platz dort haben.
Es dauerte wohl an die zwei Wochen, bis sie sich raus traute. Mein Sohn war der Erste, dem sie in der Familie vertraute. Ich bekam sie gar nicht zu fassen.
Weitere zwei Wochen vergingen, bis wir feststellten, dass sie nachts ins Wohnzimmer ging, und es sich auf dem Sofa gemütlich machte. Aber sobald sich jemand von uns dort hinbewegte, verschwand sie wieder unter die Treppe. Erst nach und nach begann sie zu begreifen, dass ihr niemand etwas tat. Das hieß, dass sie im Wohnzimmer blieb, wenn auch jemand von uns da war. Manchmal strich sie einem auch schon mal um die Beine, und ließ sich anstandslos streicheln.
Der Platz unter der Kellertreppe ist inzwischen Geschichte. Sie hält sich inzwischen im ganzen Haus auf. Dank des Glöckchens kann ich sie hören und orten. Dieses habe ich an einem Halsband befestigt, in welchem auch Mignonne und meine Telefonnummer vermerkt sind. Das war mir wichtig, solange ich nicht sicher sein konnte, dass Mignonne uns nicht rausgeht und nicht zurückkommt.

Auf dem Bild sieht man Mignonne, die auf einem Bett liegt, und sich von mir streicheln lässt.
Heute, mehr als sechs Wochen nach ihrer Ankunft bei uns, bleibt sie auf dem Bett oder Sofa liegen, wenn sich jemand zu ihr setzt. Für mich heißt das, dass sie uns als ihre Mitbewohner akzeptiert hat, und uns vertraut. Und so langsam finden sich auch unsere beiden Kater damit ab. Platz zum Ausweichen gibt es reichlich, da die beiden Kater auch schon mal nach draußen gehen. Mignonne tut das auch hin und wieder. Allerdings zieht es sie recht schnell wieder ins Haus, wo sie sich sicherer fühlt.

Die Behinderung der Eltern ausnutzen

Es gibt eine Frage, die viele neue Bekanntschaften von mir beschäftigt, sobald sie wissen, dass nicht nur ich blind bin, sondern auch mein Mann eine Sehbehinderung hat. Die Leute mit großem Mundwerk stellen sie sofort, andere brauchen lange dafür. Aber in beiden Kategorien brodelt die Frage: „Nutzen die Kinder Eure Behinderung nicht auch schon mal aus“? 
Liebe Miteltern, Lehrer und Erzieher!

haben Eure Kinder noch nie eine Schwäche von Euch ausgenutzt, um etwas zu erreichen? 
Ich denke, dass jeder lösungsorientiert denkende Mensch sich überlegt wie er möglichst schnell an ein bestimmtes Ziel kommen kann. Und dabei werden selbstverständlich Schwachpunkte des Gegenübers einkalkuliert. Für den Versicherungsvertreter mag das der Vertragsabschluss für eine Haftpflichtversicherung sein, für ein Kind das Stückchen Schokolade, dass es stibitzen kann, ohne dass die Eltern es merken. 
Wenn ich mir das bewusst mache, kann ich die Frage mit einem klaren Nein beantworten. Denn wenn mein Kind eine weitere Scheibe der Lieblingswurst vom Tisch nimmt, oder die ungeliebte Käsescheibe wieder zurück auf den Teller legt, dann tut es das nicht mit dem Gedanken: „Die ist ja blind, mit der kann ich es machen“, sondern eher mit dem Gedanken „Ich mag Wurst lieber als Käse. Mal sehen ob Mama das merkt“. 
Lösungsorientierte Kinder suchen nach Möglichkeiten ein Ziel zu erreichen. Und sie sind lernfähig. Sie erkennen, dass Mama weniger sieht als Papa, dass man ihr einen Gegenstand in die Hand gibt, oder sie beschreibt, da Draufzeigen keinen Erfolg haben. 
Jedes Elternteil hat Stärken und Schwächen. Und da Kinder lernfähig sind, lernen sie diese einzuschätzen und ihr Handeln danach auszurichten.

Dafür galt, dass ich vieles, was die Kinder taten, nicht sehen konnte. Dafür habe ich vieles gehört. Ich weiß noch, als meine Tochter in der ersten Klasse ihrer Freundin erzählte, dass sie leise sprechen müssten, da ihre Mama sonst mithört. 
Aber auch ich bin lernfähig. Wenn ich nicht will, dass meine Kinder heimlich an Süßigkeiten gehen, dann habe ich sie auch nicht in großen Mengen zuhause. Oder ich bewahre sie für Kinder unerreichbar auf. Gleiches gilt für Putzmittel, Medikamente und andere Gefahren. 
Kommen wir mal zum Angstfaktor „Digitale Medien“. Wir hatten einen Fernseher. Und der stand im Wohnzimmer. Diesen habe ich nie verteufelt, sondern mir gemeinsam mit meinen Kindern Filme angesehen. Heimlich Fernsehen war sozusagen uninteressant. Und wenn man das reglementieren will, so bietet die Technik diverse Hilfsmittel an, die das ermöglichen. Gleiches gilt für den Computer, den meine Kinder hatten. Ein Smartphone hatten meine Kinder erst zu einem Zeitpunkt, als ich sie nicht mehr reglementieren wollte. Sie hatten inzwischen gelernt welche Seiten man besser nicht aufruft, und wie man mit persönlichen Daten umgehen sollte. 

Problematisch wurde es, als meine Kinder in die Schule kamen, und ich Arbeiten und andere Mitteilungen abzeichnen sollte. Ich habe es so gehalten, dass ich nichts unterschrieben habe, was ich nicht selbst lesen konnte. Kamen die entsprechenden Nachrichten nicht per E-Mail zu mir, so ließ ich sie mir von einer dritten Person vorlesen. Das war mir wichtig, um sämtliche Versuche meine Behinderung ausnutzen zu wollen, im Vorfeld zu vermeiden. Gleichzeitig habe ich meinen Kindern immer wieder gepredigt, dass schlechte Nachrichten kein Weltuntergang sind. Und sie sind nur halb so schlimm, wenn ich es vom Kind selbst erfahre. Es war ein langer Prozess, hat sich aber letztlich bezahlt gemacht. Heute kann ich darauf vertrauen, dass ich die Nachrichten aus erster Hand und ungefiltert bekomme. Dafür bin ich dankbar. Denn ich weiß, dass nicht alle Eltern dieses Glück haben, und nicht alle Kinder sich trauen schlechte Nachrichten mit nach Hause zu bringen, aus Angst vor strafen oder Liebesentzug. 
Kurz, ich bin in erster Linie Mutter. Ich habe zwei Kinder, mit allen Eigenschaften, die sie als Kinder mitbringen. Und ich habe ihnen vorgelebt, dass der Überbringer schlechter Nachrichten nicht gleich enthauptet wird. Und noch etwas: Ein Kind veräppelt mich nicht aufgrund meiner Behinderung, sondern aufgrund eines Ziels, welches es gerade jetzt erreichen will. Und es ist an mir als der erfahreneren Mutter das nicht zu persönlich zu nehmen. Ich will einfach glauben, dass meine Kinder mir zu keinem Zeitpunkt wirklich wehtun wollten. 

Aus 1 mach 3 – ein Problem mit dem Screenreader Cobra

Invertiert der Bildschirm bei laufendem Windows

Was für viele PC-Nutzer ein Luxus ist, das ist für mich Lebensqualität und Hilfsmittel zugleich. Einen Computer nutze ich seit fast 30 Jahren. Er löste quasi die mechanische Schreibmaschine, die mich viele Jahre begleitet hatte, ab, und erlaubte es mir einen Text erstmals mit einer Sprachausgabe oder Braillezeile Korrektur zu lesen und abzuspeichern oder auszudrucken. Abspeichern, um mir diesen zu einem späteren Zeitpunkt noch mal anzuschauen oder daran zu arbeiten. Ausdrucken, um diesen mit einer normal sehenden Person zu teilen oder als Brief zu verschicken. Die Software, die dafür sorgt, dass ich den Text hören oder tasten kann, nennt man Screenreader. Im Laufe meiner PC-Zeit habe ich einige kennenlernen dürfen. In den letzten Jahren habe ich mit dem Screenreader Cobra gearbeitet. Dieser hat, außer der Darstellung per Sprache und Braille, noch eine integrierte Vergrößerung. Die ist für mich aufgrund meiner Blendempfindlichkeit wichtig. Damit stelle ich mir helle Schrift auf dunklem Hintergrund ein. So kann ich mich grob auf dem Bildschirm orientieren, ohne dass es für meine Augen anstrengend wird. Und sollte ich kurzzeitig keine Invertierung haben wollen, kann ich das auf Knopfdruck ausschalten. Diese Funktion habe ich mir auf eine Kurztaste gelegt. Das ergibt vor Allem dann Sinn, wenn ich mit einer normal sehenden Person am Rechner arbeite, und die herkömmliche Farbdarstellung brauche. Die anderen Screenreader, die ich bisher kennenlernen durfte, bringen diese Möglichkeit der Invertierung nicht mit. Man kann das zwar über Windows einstellen, kann die Invertierung meines Wissens jedoch nicht per Knopfdruck Aus- oder einschalten. Seit einigen Wochen gibt es ein Update des Screenreader Cobra. Normalerweise dienen Updates dazu ein Produkt zu verbessern. Hier würde ich sagen, dass das Wort Verschlimmbessern es eher trifft. Bei mir jedenfalls habe ich den Effekt, dass Buchstaben, Satzzeichen und Leerzeichen manchmal dreifach auf dem Bildschirm erscheinen. Aus dem Wort „Feuer“ kann somit schnell mal das Wort „Feeeuer“ oder auch mal „FFFeuuuer“ werden.

Die meisten Texte schreibe ich in Word. Ich habe meinen Screenreader so eingestellt, dass er mir das Geschriebene sofort akustisch wiedergibt. Damit kann ich Tippfehler sofort hören. Zum Korrekturlesen oder bei der Arbeit mit Zahlen oder Tabellen ist die Braillezeile mein bester Freund.
Kommen wir zurück zum dreifachen Tastenanschlag. Das Meiste höre ich, da sich die Wörter dann etwas verzogen anhören. Und einen anderen Teil findet die Rechtschreibprüfung, die Wörter wie „FFFeuuuer“ nicht kennt. Aber eben weil sie dieses Wort nicht kennt, kann es passieren, dass ich auch schon mal einen falschen Verbesserungsvorschlag bekomme. Kurz, es macht einfach keinen Spaß mehr Texte zu schreiben, in denen mehr Fehler als richtig geschriebene Wörter sind.
Anfangs glaubte ich an einen Fehler bei meinem Office 2013 und erkundigte mich nach einem kürzlich durchgeführten Update. Fehlanzeige. Als ich in der Mailingliste von Cobra nachfragte, meldeten sich einige andere User, die dasselbe Problem hatten. Eine Lösung gab es nicht, nur die Erkenntnis, dass das Problem bei dem Screenreader im Zusammenspiel mit Word liegt.
Und solange noch an einer Lösung gearbeitet wurde, brauchte ich erst mal Abhilfe. Denn ich schreibe mindestens so viel in Word wie ein normal sehender Mensch schreibt. Vielleicht sogar noch mehr, da ich nicht mit Stift und Papier arbeiten kann.

Cobra ist nicht der einzige Screenreader für Windows. Der kostenlose Screenreader NVDA wäre auch eine Alternative. Nur hat er den Nachteil, dass ich damit keine helle Schrift auf dunklem Hintergrund einstellen kann. Jedenfallsss nicht so, dass ich sie auf Knopfdruck auch  wieder ausschalten kann. Aus diesem Grund arbeite ich mit Cobra. Und zusätzlich eine Vergrößerungssoftware installieren wollte ich auch nicht. Mir ist keine kostenfreie Vergrößerungssoftware bekannt, die sich ohne Maus bedienen lässt, und die mir den Rechner nicht verlangsamt. Das führte erst mal dazu, dass ich meine Texte in WordPad bearbeitete. Um einen Text zu schreiben, tut es diese minimalistische Textverarbeitung. Um allerdings eine Rechtschreibprüfung durchzuführen, oder einen Text zu formatieren, hieß es für mich, dass der Text in Word musste. Und beim Verbessern stellte sich das ursprüngliche Problem wieder ein.
Irgendwann hatte ich eine Lösungsidee. Da ich ohnehin viel mit dem Smartphone mache, konnte ich auch das Thema Word damit abtun. Allerdings arbeite ich teilweise mit dem Bildschirm. Daher wäre das IPad Mini eher geeignet. Hier konnte ich meine helle Schrift auf dunklem Hintergrund haben, eine Tastatur und eine Braillezeile anschließen und bekam ebenfalls von einem Screenreader meinen Text vorgelesen. Der im iPad integrierte Screenreader Voiceover bringt alle dafür erforderlichen Funktionen mit. Ich muss mich nur noch mit der Bedienung von Word auf dem iPad vertraut machen. Alternativ werde ich mir noch weitere Editoren ansehen. Vielleicht finde ich auf diese Weise meine persönliche „eierlegende Wollmilchsau“.

Bücher lesen geht auch blind

Das Beitragsbild zeigt mich mit einem Heft in Brailleschrift. Meine Finger liegen auf dem Papier.

Seit Jahren streiten sich die Geister darüber ob man lieber ein gedrucktes oder digitales Buch liest. Dabei geht man vom normalsehenden Leser aus. Aber wie verhält es sich bei blinden Lesern?

Mit diesem Beitrag nehme ich an einer Blogparade zum Thema „eBook oder gedrucktes Buch“ teil. Den Beitrag und die anderen Teilnehmer an der blogparade findet Ihr hier.

http://senkpiel.net/blogparade-ebook-oder-gedrucktes-buch/
Auf einem Elternabend im 2. Schuljahr erklärte die Klassenlehrerin meiner Tochter uns Eltern, dass es gut ist, wenn Kinder zuhause lesen. Dabei ist es völlig egal, ob sie ein Kinderbuch lesen, in einer Fernsehzeitung blättern oder die Aufschrift auf Gewürzbehältern entschlüsseln. Wichtig ist nur, dass sie es freiwillig und in ihrem Tempo tun, damit die Freude am Lesen wachsen kann.

Während der ersten zwei Schuljahre hatte ich nicht wirklich Freude am Lesen. Allerdings lag das daran, dass ich in einer Schule für sehbehinderte Kinder war. Hier arbeitete man bestenfalls mit vergrößerten Texten. Und ich war damals schon zu blind, um längere Texte entspannt lesen zu können. Lesen war somit eine Notwendigkeit für gute Noten. Erst als ich zu Beginn des dritten Schuljahrs eine Blindenschule besuchte, lernte ich Braille. Ich lernte, dass lesen Spaß machen konnte. Und als ich dann auch noch die Schulbücherei entdeckte, begann meine Laufbahn als angehende Leseratte.

Hier sieht man den Vergleich eines Buches in Braille und normaler Schrift.
Leider war die Auswahl der Literatur in Braille wesentlich eingeschränkter als Literatur, die normal sehenden Kindern zur Verfügung steht. Bücher von Astrid Lindgren oder einige Werke von Karl May waren in der Schulbücherei vorhanden, als ich begann mich dafür zu begeistern. Schwierig wurde es, als ich meine Vorliebe für Enid Blyton entdeckte. Es gab weder „Fünf Freunde“ noch „Hanni und Nanni“ in Braille. Wir hatten einen tollen Klassenlehrer, der die Abende auf Klassenfahrten mit dem vorlesen aktueller Kinderbücher füllte.

Mit 13 Jahren entdeckte ich für mich das Hörbuch. Auf dem Schulgelände befand sich eine für damals umfangreiche Hörbücherei, die sowohl wissenschaftliche als auch Unterhaltungsliteratur speziell für blinde Leser auf Kassette aufsprach. Diese wurden kostenfrei an die Mitglieder Versand. Nach dem Hören konnte ich sie kostenlos an die Hörbücherei zurücksenden, das war während der Ferien besonders praktisch.

Irgendwann bekam ich eine Lupe mit 12facher Vergrößerung. Diese ermöglichte es mir nach längerer Übung normal gedruckte Bücher zu lesen. Allerdings mussten hier die Lichtverhältnisse stimmen. Und es ging recht langsam.

Jetzt hatte ich also die Wahl ob ich ein Buch in Braille oder als Hörbuch lesen wollte. Ich machte das von der Literatur abhängig. Manche Bücher gab es in Braille, andere nur als Hörbuch. Außerdem  sind Bücher in Braille sehr umfangreich. Wenn ich viel unterwegs war, dann wog ein kleiner Kassettenrekorder nebst Hörbuch wesentlich weniger als ein Buch in Braille. Und wenn man mit kleinem Gepäck und ohne Auto reist, dann ist das ein entscheidendes Kriterium. Bekam ich ein Buch weder in einer Hörbücherei, noch in Braille, so las ich das auch schon mal mit der Lupe. Dazu gehörte beispielsweise die Serie „Dolly, Schulabenteuer auf der Burg“ von Enid Blyton.

Mitte der 90er Jahre zog ein Vorlesesystem bei mir ein. Es bestand aus einem PC nebst Scanner. Ich konnte ein beliebiges gedrucktes Schriftstück auf den Scanner legen. Es wurde eingescannt, dann durch eine Texterkennungssoftware geschickt und anschließend auf meinem PC gespeichert. Den Inhalt konnte ich mir mit Hilfe einer Sprachausgabe vorlesen lassen.

Jetzt konnte ich also in eine Stadtbücherei gehen, ein Buch meiner Wahl ausleihen, und es mir mit dieser Technik zugänglich machen. Damals schwärmte ich für die Fernsehserie „Unsere kleine Farm“. Die Bücher trieb ich irgendwie per Fernleihe auf und scannte sie mir ein. Auf diese Weise konnte ich mir so manche Literatur zugänglich machen, die es weder als Hörbuch, noch als Brailllebuch gab. Ich weiß noch, dass ich solange an meinem System feilte, bis ich es soweit hatte, dass ich die Seiten in schnellem Tempo einscannte. Anschließend ließ ich die Software in einer Arbeitsschleife das Ganze in Text umwandeln. Da diese Prozedur für ein dickes Buch mehrere Stunden dauern konnte, ließ ich den Computer arbeiten, wenn ich außer Haus war, oder über Nacht. Da ich meist nur Unterhaltungsliteratur einscannte, war es nicht so schlimm, wenn sich Erkennungsfehler im Text befanden. Und zum Korrekturlesen war ich einfach zu faul.

Und so gingen viele Jahre ins Land. Die Texterkennung wurde besser, es gab außer den Hörbüchereien für blinde Leser immer mehr kommerzielle Hörbücher, die man ganz normal in einem Buchladen, und später online als Download kaufen konnte. Und auch die Hörbüchereien für blinde Nutzer stellten irgendwann auf CD um, was die Bücher noch kleiner werden ließ. Bei mir zog ein Diktiergerät ein, welches nicht viel größer als eine Checkkarte war. Darauf konnte ich mir meine Bücher kopieren und sie überall anhören.

2012 zog das erste IPhone bei mir ein. Und damit die Möglichkeit mobil eBooks zu lesen, die es weder in einer Bücherei für blinde Nutzer, noch als käufliches Hörbuch gab. Und auch die Blindenhörbüchereien stellen nach und nach auf Download um. Es werden also kaum noch CDs verschickt, und müssen damit auch nicht mehr über den PC auf irgendein Gerät kopiert werden. Wenn ich also mitten in der Nacht das Bedürfnis habe ein Buch zu lesen, kann ich es mir auf diese Weise zeitnah besorgen.

Die Brailleschrift ist nach wie vor wichtig für mich. Allerdings nur, wenn ich etwas Korrektur lesen will, oder wenn ich es mit Zahlen oder Eigennamen zu tun habe. Auch das Erlernen von Vokabeln und ähnlichen Inhalten fällt mir leichter, wenn ich die Schrift unter meinen Fingern habe. Wenn ich jedoch einfach nur ein Buch zur Unterhaltung lesen möchte, dann liebe ich es möglichst klein und kompakt. Und das heißt für mich meine Bücher auf das IPhone zu laden und sie dort zu lesen, wo ich gerade möchte. Das kann auf meiner Couch, auf einer Parkbank oder in einem Zug sein. Wenn mein Buch lediglich die Größe eines Smartphone umfasst, dann geht das alles. Mit einem Buch in Brailleschrift wäre das recht unpraktisch, und damit nichts für die Handtasche. Ein solches Buch würde ich dann doch lieber lesen, wenn ich irgendwo gemütlich in einem Sessel oder an einem Tisch sitze. Denn es ist gleichzeitig ein schönes Gefühl mit den Fingern über die Punkte eines Buches zu gleiten und dessen Inhalt in sich aufzunehmen.