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Allgemein Alltag unterwegs Zu Gast auf lydiaswelt

Challenge Baustelle

Meine Gastautorin Andrea Eberl ist 58 Jahre alt und von Geburt an blind. Ihr Begleiter ist der 3 jährige Blindenführhund Frodo, ein schwarzer Labrador. Andrea ist gemeinsam mit sehenden Menschen Autorin von Audiodeskriptionen (Filmbeschreibungen für Blinde). In ihrer Freizeit schreibt sie Artikel für verschiedene Blogs wie z.B. Kobinet e.V.. Andrea reist gerne. Am Liebsten schläft sie in ihrem Zelt unter freiem Himmel. Seit 2020 betreibt sie einen Podcast mit dem Titel „Blind auf Reisen“, in dem es hauptsächlich um ihre Reisen nach Griechenland geht, aber auch der Besuch anderer Orte findet darin seinen Platz.

Andrea hat viele Jahre Musik gemacht. Hier geht es zu ihrer Seite.

Challenge Baustelle

Mein Blindenführhund Frodo und ich erwachen nebeneinander in meinem großen Bett. Wir kuscheln ein bisschen, und dann klettern wir die Treppe vom Hochbett hinunter. Es ist 10.15 Uhr. Ich ziehe mich an, nehme den Blindenführhund ins Geschirr, und wir gehen los. Um 12.30 Uhr muss ich im Fitnesscenter sein. Das schaffen wir locker, denke ich.
Wir gehen die Rheydter Straße entlang und überqueren den Siegesplatz. Links von uns ist ein Bauzaun, der signalisiert, dass wir nur einen schmalen Bordstein rechts davon zur Verfügung haben. Der Platz der Deutschen Einheit wird seit einigen Monaten umgebaut. Daran haben wir uns gewöhnt.
Heute finden wir eine andere Situation vor. Der schmale Bordstein, über den wir bis gestern Abend noch gehen konnten, wird aufgerissen. Es ist laut, und mir ist klar, ich komme nicht wie gewohnt weiter. Vor uns taucht ein Bauarbeiter auf. „Hier können sie nicht weiter gehen“, gibt er mir zu verstehen. „Wie komme ich denn weiter? Ich möchte an die Erft.“, antworte ich. „Sie müssen hier rüber und dann da…“ Ich möchte irgendwie an der Baustelle vorbei und die Straße überqueren, um zum Kreisverkehr zu kommen, davon ausgehend, dass im Moment an der Stelle kein Auto fahren darf. Der Hund und ich möchten nach rechts ausweichen und auch dem Lärm entfliehen. „Hier können sie nicht rüber. Da laufen sie in den Verkehr hinein“, sagt der Mann. Sie müssen da und dann rechts“ „So können sie mir das nicht erklären“, antworte ich. „Bitte gehen sie vor, und der Hund geht nach.“ Der Mann folgt meinen Anweisungen und geleitet uns über die Straße. Dafür bin ich ihm dankbar. Wir kommen aber woanders an als üblich. „Wo sind wir jetzt?“ frage ich, als wir den Bordstein erreichen. Der Mann nimmt meinen Taststock in der Mitte und bewegt ihn auf ein paar Noppen. „Spüren sie die Noppen?“ fragt er. „Ja“, antworte ich. „Deshalb weiß ich aber trotzdem nicht, wo ich bin.“ „Ich will ihnen nur helfen“, sagt der Mann, von meinem Tonfall irritiert. Er versteht nicht, dass ich gestresst bin. Er nimmt den Tonfall persönlich und geht. Er hat mir ja geholfen und sein Bestes gegeben. Er versteht das Problem nicht. Er hat den Hund und mich doch in Sicherheit gebracht.
Der hilfsbereite Mann hat uns irgendwo abgestellt, und nun muss ich herausfinden, wo wir sind. Ich nehme mein iPhone zur Hand, drücke den Home-Button und sage: „Lazarillo öffnen!“ Lazarillo heißt eine, der für Blinde geeigneten, Apps, über die ich mich orientieren möchte. Unter meinen Favoriten befindet sich der Eingang zum Park in der Erkensstraße 5. Ich starte die Verfolgung. „Richtung Nordosten“, sagt die Stimme der Navigationsapp. Das hilft mir nicht weiter. Ich stehe irgendwo und weiß nicht, wo Nordosten ist. Ich kann kein Licht sehen, also kann ich mich auch nicht an der Sonne orientieren. Ein Mann kommt auf uns zu und fragt, ob er mir helfen kann. „Ja bitte“, antworte ich. „Wo sind wir?“ „Hier ist die Arztpraxis Doktor…“ Den Namen hab ich inzwischen vergessen. „Wo möchten sie in?“ „Ich möchte an die Erft bei der Erkensstraße…“ Der Mann hat keine Orientierung über die Straßennamen. Er braucht sie nicht. Er orientiert sich über Geschäfte, Arztpraxen, öffentliche Gebäude und ähnliche optische Merkmale. Das ist verständlich, aber ich kann nicht sehen, welche Arztpraxis und welches Geschäft sein Orientierungspunkt ist, und wenn ich mit dem Navi unterwegs bin, lasse ich mir nicht jedes Gebäude ansagen, weil es mich überfordern würde, ständig die Sprachausgabe im Ohr zu haben und mich gleichzeitig auf den Hund und den Weg konzentrieren zu müssen. Deshalb hilft mir die Orientierungsweise sehender Menschen nicht weiter. „Kann ich ihnen helfen?“ fragt er nochmal. „Nein“, antworte ich. „Ich muss selbst herausfinden, wo ich bin.“ Der Mann geht.
Ich bewege mich weiter in eine der beiden möglichen Richtungen. Schließlich bitte ich den nächsten Mann, der gerade in ein Gespräch verwickelt war, mir zu helfen. Ich habe Glück. Er arbeitet seit Jahren bei der Stadt und kann mit meiner Ansage: „Ich möchte beim alten Finanzamt vorbei in der Erkensstraße an die Erft!“ etwas anfangen. Der Mann geleitet uns auf die richtige Straßenseite, erklärt mir, wo wir sind und wie ich zu dem von mir gesuchten Eingang zum Stadtpark finde. Ich bin erleichtert.
Endlich im Park angekommen, kann mein Hund sich lösen. Der Arme hat es schon sehr eilig gehabt. Während des kurzen Spaziergangs überlege ich, wie wir stressfrei zurück nachhause kommen: Wenn wir am griechischen Restaurant vorbei die Straße überqueren und dann durch die Bahnstraße am Fitnesscenter vorbei gehen… Aber geht das überhaupt, oder ist dort auch noch alles aufgerissen? Wir landen erfolgreich im Fitnesscenter, und ich frage dort nach, ob die Strecke von der Bahnstraße über die Dechant-Schütz-Straße, eine andere Querstraße, die direkt zu unserem Haus führt, frei begehbar ist. Glücklicherweise ist sie das seit kurzem. Zu meinem Termin im Fitnesscenter komme ich zu spät, weil es zuvor einiges an Kommunikation gebraucht hat, bis ich meinen Weg weiter gehen konnte.
Seit März oder April 2021 wird in meiner unmittelbaren Nähe gebaut. Als ich noch mit meiner alten Blindenführhündin Enny unterwegs war, wurde die Rheydter Straße, das ist die Hauptstraße, in der ich wohne, neu gemacht. Dieser Umbau hat etwa drei Monate gedauert. Ganz abgesehen vom Lärm vor der eigenen Haustür war es für die Hündin und mich schwierig, uns zurecht zu finden, weil es täglich herausfordernde Veränderungen gab. Die Rheydter Straße ist jetzt, dank der Umbauten, barrierefrei.
Seit April dieses Jahres, seit mein neuer Blindenführhund Frodo bei mir ist, wird und wurde in der Bahnstraße, das ist die Parallelstraße zur Rheydter Straße, und über die Dechant-Schütz-Straße der Weg zum Bahnhof neu gemacht. Später kam dann auch noch die Baustelle auf dem Platz der deutschen Einheit dazu, die uns heute Morgen vor das beschriebene plötzliche Problem gestellt hat. Das bedeutet, dass wir z.B. unseren Weg zum Park in mehreren Varianten kennengelernt und eingeübt haben. Der Blindenführhund hat ein gutes fotografisches Gedächtnis und eine schnelle Auffassungsgabe, wodurch er sich neue Wege schnell einprägen kann. Für blinde Menschen, die ohne Hund, mit dem Langstock, unterwegs sind, stellen drei Baustellen gleichzeitig ein noch größeres Problem dar als für mich, die ich mit meinem tollen Helfer auf vier Pfoten unterwegs bin.
Ich finde es notwendig, dass künftig Menschen, die auf dem Bau arbeiten, darin geschult werden, wie man uns blinden Menschen helfen kann, ohne uns, nachdem man uns in Sicherheit gebracht hat, an einer für uns unbekannten Stelle abzustellen. Dafür muss man sich ein bisschen Zeit nehmen. Z.B. wäre es eine Möglichkeit, dass der blinde Straßenpassant den Standort, zu dem er möchte, mit dem Mann am Bau über sein Smartphone teilt. Wenn er gut beschreiben kann, könnte er den blinden Straßenpassanten verbal in die richtige Richtung navigieren oder ihn an eine Stelle führen, wo er sich wieder auskennt. Vielleicht gäbe es auch die Möglichkeit, eine barrierefreie App zu entwickeln, auf die Bauarbeiter und Straßenpassanten gleichzeitig zugreifen können, um Situationen zu vermeiden, in denen der, der helfen will, nicht adäquat helfen kann und sich deshalb unzufrieden zurück gelassen fühlt, und der blinde Mensch seine Orientierung verliert. So könnten die Menschen auch lernen, wie man einen blinden Menschen führt und wie man Hilfe anbieten soll.

Es ist ungeheuer wichtig, dass der helfende Mensch weiß, was der Mensch mit Behinderung braucht. Da ist noch sehr viel Aufklärung notwendig.

Danke Dir, Andrea, für Deinen Gastbeitrag.

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Allgemein Alltag unterwegs

Barrierefrei heißt nicht nur stufenlos

Blinde Menschen orientieren sich an markanten Punkten oder Merkmalen im Straßenverkehr. Das können Hauseingänge sein, Einfahrten oder auch mal ein Verteilerkaste. Ein Hauseingang, der bestimmte Stufen oder eine bestimmte Geräuschumgebung hat, ist für mich ebenfalls eine Unterstützung. Wichtig ist dabei, dass dieses Merkmal immer da ist.
Ebenso wichtig ist für mich die Beschaffenheit des Untergrunds. Wenn sich neben dem Fußweg ein Radweg befindet, reicht es nicht aus, dass er optisch sichtbar ist. Für mich ist es wichtig, dass der Untergrund sich von dem des Gehwegs unterscheidet. Dann kann ich den Unterschied mit dem Blindenstock ertasten. Auch eine kleine, fühlbare Absenkung wäre denkbar.
Bei Straßenübergängen sieht es ähnlich aus. Während für Nutzer eines Rollstuhls oder eines Rollators möglichst eine Nullabsenkung, also gar keine Stufe optimal ist, brauchen blinde Menschen eben diese Absenkung, um zu merken, dass sie den sicheren Gehweg verlassen. Dabei muss die Stufe für uns blinde Menschen gar nicht so hoch sein. Sie muss nur mit der Stockspitze eines Blindenlangstocks tastbar sein. Dafür genügen schon ca. 3 cm. Gut gemachte taktile Leitstreifen für Menschen mit Sehbehinderung haben längs und quer verlaufende Rillen. Diese zeigen einmal an, dass wir hier gefahrlos bis zum Straßenrand kommen, und an welcher Stelle wir besser nicht laufen. Dafür verlaufen Rillenplatten dann quer zur Laufrichtung. Das wird gern gemacht, wenn sich dahinter eine Nullabsenkung für Rollstuhlfahrer befindet.
Die quer verlaufenden Streifen findet man auch immer öfter vor Treppen. Das ist ein Tastbarer Hinweis darauf, dass ein Treppenauf- oder Treppenabgang vor einem liegt. Wenn die Platten gut gemacht sind, heben sie sich gut sichtbar vom Untergrund ab. So können auch sehbehinderte Fußgänger, die nicht auf einen Blindenstock angewiesen sind, erkennen, dass sie vorsichtig sein sollen.
Ein Irrglaube ist, dass blinde Menschen lieber mit dem Aufzug fahren als Treppen zu laufen. Doch blind alleine in einen unbekannten Aufzug zu steigen ist ein Lottospiel, wenn dieser keine Sprachausgabe hat, die das Stockwerk ansagt. Selbst wenn ich es schaffe den Knopf für ein bestimmtes Stockwerk zu drücken, gibt es nichts und niemanden, der mir garantiert, dass der Aufzug nicht vorher woanders hält. Es reicht also nicht aus Aufzüge mit fühlbaren Zahlen und Beschriftung in Braille auszustatten. Barrierefrei sind sie erst, wenn sie das angefahrene Stockwerk ansagen. Eine Ausnahme sind Aufzüge, die nur zwei Ebenen anfahren. Vor einigen Wochen ist mir ein Aufzug begegnet, dessen Bedienelemente ausschließlich auf Berührung reagieren. Auch das schließt blinde Menschen aus.
Ein großes Thema sind öffentliche Verkehrsmittel. Am besten sind eindeutige Haltepositionen für Bus und Bahn, wie ich in meinem Beitrag Wenn der Bus woanders hält beschrieben habe. Während für Menschen mit Gehbehinderung es einfacher ist hinten einzusteigen, brauchen blinde Menschen die Vordertür, um den Busfahrer nach der einfahrenden Buslinie zu fragen. Ausführlicher habe ich das in Öffentlicher Nahverkehr, diese Infos brauche ich behandelt. In vielen Städten hält der Bus nur dann, wenn jemand den Halteknopf gedrückt hat. Dafür braucht man richtig gehende und verständliche Haltestellenansagen. Davon profitieren nicht nur Menschen mit Sehbehinderung, sondern auch Fahrgäste, die nicht ortskundig sind, oder die optische Anzeige aus anderen Gründen nicht lesen können.
Barrierefreiheit ist ein Oberbegriff für Hindernisse, die uns im Alltag begegnen. Und sie fühlen sich für jeden anders an. Also, wenn Ihr die Möglichkeit zu einem Perspektivwechsel habt, nehmt diese Möglichkeit wahr, und erweitert damit Euren Horizont.

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Allgemein unterwegs

KFC schafft Barrieren für blinde Gäste

Heute möchte ich von einem Erlebnis berichten, das mich ganz schön geärgert hat.

Am 04.08.2022 beschloss ich in Frankfurt an der Hauptwache zu KFC zu gehen. Draußen war es zu heiß zum Sitzen, während es dort klimatisiert war. Und eine Schlange gab es zu diesem Zeitpunkt auch nicht.
Früher habe ich mich in die Warteschlange gestellt, den Mitarbeitern meinen Wunsch genannt, bezahlt und darum gebeten mir die Bestellung an den Tisch zu bringen. In der Regel ging das problemlos.
Seit einiger Zeit gibt es dort Bestellterminals. Dort wählt man seine Bestellung aus, bezahlt und bekommt einen Beleg über die Bestellung. Diese kann man dann an der Theke abholen. Die Terminals sind für blinde Gäste nicht ohne Hilfe bedienbar. Anfangs konnte man seine Bestellung noch parallel zum Terminal bei den Mitarbeitern aufgeben und auch dort bezahlen. Irgendwann ging das nicht mehr. Es stand manchmal ein Mitarbeiter dort, der behilflich war. Damit konnte ich erst mal leben. Eine E-Mail an KFC mit dem Hinweis, dass der Bestellvorgang blinde Menschen ausschließe, blieb unbeantwortet.
Am besagten 04.08.2022 war kein Mitarbeiter am Terminal. Also stellte ich mich in die Schlange vor dem Tresen und sagte der Mitarbeiterin was ich haben wollte. Sie bestand auf die Bestellung über das Terminal. Ihre Kenntnisse der deutschen Sprache waren so unzureichend, dass es eine Weile brauchte, bis sie verstand, dass ich das Terminal nicht bedienen konnte. Irgendwann begleitete sie mich, und wir bekamen die Bestellung hin.
Jetzt ging es darum die Bestellung an einen Platz zu bekommen. Es brauchte etwas Kreativität, um der Dame zu erklären, dass ich die Nummer auf der Bestellung nicht selbst lesen kann, und dass ich Hilfe brauchte, um eben diese Bestellung an einen Tisch zu bekommen. In fremder Umgebung mache ich das nicht selbst. Sie wollte mir einen Platz zeigen, und deutete die ganze Zeit irgendwohin. Auch als ein anderer Gast ihr versuchten zu vermitteln, dass sie mir den Platz zeigen oder mit mir reden sollte, änderte sich nichts. Gut, am Ende fand ich einen Platz.
Ich war danach so genervt, dass ich am Abend den folgenden Post auf Facebook verfasste, wobei ich KFC markierte. „KFC, habt Ihr Euch mal Gedanken darüber gemacht, dass Euer Bestellterminal für blinde Gäste nicht zugänglich ist? Gepaart mit Mitarbeitern, die kaum Deutsch verstehen, fühle ich mich hier nicht mehr wohl. #barrierefrei, und #Kundenfreundlich sieht anders aus. #Ausgrenzung, #blind, #sehbehindert, #KFC, #Behindernisse.“
Da ich noch einen ähnlichen Post auf der Seite abgesetzt hatte, wurde ich gebeten eine Nachricht an KFC zu schreiben. Also tat ich das. Am 06.08.2022 schrieb mir KFC folgendes zurück: „06.08.
KFC, Hi Lydia,
vielen Dank. Wir haben dein Anliegen intern weitergeleitet und unsere Kollegen*innen werden sich zeitnah bei dir melden.
Dein KFC Social-Media-Team“
Heute schreiben wir den 22.08.2022 und ich habe noch nichts von denen gehört. Wertschätzung dem Kunden gegenüber sieht für mich anders aus als mit einem Textbaustein zu antworten und das war’s.
Immer mehr Anbieter setzen Bestellterminals ein. Diese sind für Menschen mit Sehbehinderung eine Barriere. Erst recht, wenn es keine Alternative gibt. Würden diese mit einer Sprachausgabe ausgerüstet, dann wären sie auch für unseren Personenkreis eigenständig bedienbar.

Welche Geschäfte machen Euch bei der Bedienung Schwierigkeiten? Schreibt es bitte in die Kommentare. Lasst uns mal ein bisschen sammeln.

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Allgemein Alltag Haushalt

Blind ein Glas Wasser einschenken

In meiner Herkunftsfamilie wuchs ich mit dem Wissen auf, dass ich aufgrund meiner angeborenen Blindheit viele Dinge nie allein machen würde. Und wenn ich doch mal in meiner kindlichen Neugierde etwas ausprobierte, wurde ich mit Argusaugen beobachtet. Und allein das Wissen darum kritisch beobachtet zu werden, ließ mich unsicher werden. Und so kam es dazu, dass ich beim Einschenken, in ein Glas, Flüssigkeit verschüttete, oder andere Fehler machte. Es verhielt sich so wie bei den sich selbst erfüllenden Prophezeiungen. Es dauerte lange, bis ich meinen Frieden damit machen konnte. Ich mache meinen Eltern damit keinen Vorwurf. Ich war das erste blinde Kind, welches sie kannten. Und eben das wollten sie vor möglichst allen Gefahren dieser Welt beschützen.
Kommen wir zurück zum Glas und der verschütteten Flüssigkeit. Nicht jeder sehbehinderte Mensch gießt automatisch daneben, nur weil das Sehen nicht funktioniert. Es gibt mehrere Möglichkeiten eine Flüssigkeit sicher in ein anderes Gefäß zu befördern. Und einige davon stelle ich heute vor.
Die einfachste Möglichkeit ist den Finger in das Glas zu halten. Wenn er feucht wird, ist das Glas bis zum Finger hin gefüllt. Man kann so selbst bestimmen wie voll das Glas oder der Topf sein soll. Das funktioniert auch bei einem Messbecher, der an der Innenseite tastbare Markierungen hat.
Wenn es um einen herum leise ist, kann man auch nach Gehör einschenken. Fließt Wasser in ein leeres Glas, so klingt das anders als bei einem gefüllten Glas. Je mehr Flüssigkeit drin ist, desto tiefer klingt es. Diese Methode erfordert etwas Übung und braucht eine geräuscharme Umgebung. Am besten übt man das über dem Spülbecken oder stellt das Glas in ein größeres Gefäß.
Von einem Bekannten weiß ich, dass er das zu füllende Glas in die Hand nimmt, und anhand des Gewichts feststellen kann, ob es voll genug ist. Ich selbst habe mit dieser Methode keine Erfahrungen, würde das aber auch eher über dem Spülbecken ausprobieren.
Für Personen, die noch ein bisschen sehen können, lohnt es sich mit Kontrasten zu arbeiten. Nimmt man für eine dunkle Flüssigkeit ein helles Gefäß, oder auch umgekehrt, kann man leichter die Flüssigkeit optisch wahrnehmen.
Und natürlich darf auch hier die technische Lösung nicht fehlen. Denn es gibt Situationen, in denen ich nicht meinen Finger in die Flüssigkeit halten möchte. Sei es bei heißer Flüssigkeit, oder beim Glas eines Gastes. Dafür gibt es eine Einschenkhilfe. Sie ist auf dem Beitragsbild zu sehen. Zwei Fühler werden am Rand in das Glas gehängt. Werden diese von der Flüssigkeit erreicht, geben sie einen Ton ab. Für Nutzer, die den Ton nicht mehr so gut hören können, gibt es das gute Stück auch als vibrierende Version. Das Hilfsmittel ist Batterie betrieben, und damit auch für den mobilen Einsatz gemacht.
Kommen wir zum Einfüllen von Flüssigkeit von einem größeren in ein kleineres Gefäß. Hier nehme ich gern mal einen Trichter. Denn damit kann ich einfach besser zielen.

Mit diesen Möglichkeiten kann man sich als Mensch mit einer Sehbehinderung aussuchen, ob und welche man für sich für geeignet hält. Und natürlich steht es einem ebenso frei sich beim Einschenken helfen zu lassen. Wichtig ist hier nur, dass man die Entscheidung selbst getroffen hat.

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Allgemein Bildung Zu Gast auf lydiaswelt

Bild mit Beschreibung auf Facebook posten

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Aber was, wenn man das Bild nicht sehen kann? Immer wieder treffe ich auf Beiträge in sozialen Netzwerken, bei denen nur ein Bild ohne jede Beschreibung gepostet wird. Wenn dann noch die Frage kommt: „Was haltet Ihr davon“, oder eine andere Frage, dann ist das für mich als blinde Nutzerin ein nichtssagender Post.
Facebook hat vor einiger Zeit die Möglichkeit geschaffen Bilder so zu posten, dass auch blinde Nutzer damit etwas anfangen können. Dazu kann ein Bild mit einem Alternativtext zum Bild versehen werden. In diesen Text müssen keine Romane verfasst werden, sondern ein oder zwei Sätze. Wer macht was mit wem? Auch das gehört für mich zum Thema Inklusion, da hier blinde Menschen nicht durch fehlende Bildbeschreibung ausgeschlossen sind.
Ich konnte den Autor Andreas Pflüger dafür gewinnen ein Video zu erstellen. Dieses zeigt euch wie man einen Alternativtext auf Facebook erstellt. Dieses Video findet Ihr hier.
Danke Dir, lieber Andreas, für das Video. Mehr über Andreas Pflüger könnt Ihr auf seiner Homepage finden.

Ich freue mich, wenn möglichst viele von euch das nutzen, und auf diese Weise eine Barriere mehr wegfallen kann. Ebenso ist teilen oder Rebloggen eine gute Sache.

Herzliche Grüße, Eure Lydia